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Trug-Gold

Rudolf Baumbach: Trug-Gold - Kapitel 16
Quellenangabe
authorRudolf Baumbach
titleTrug-Gold
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
printrun63. bis 68. Tausend
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
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Fünfzehntes Kapitel.
Polterabend.

Jakob der Rabe war nicht so verrucht, daß er nicht über die glückliche Wendung der Dinge einen gewissen Grad von Freude empfunden hätte, welche er dadurch an den Tag legte, daß er dem Baccalaureus und der blonden Else ungewöhnliche Aufmerksamkeit erwies. Sei es nun, daß die Beiden Verdacht gegen den Heuchler geschöpft hatten, sei es, daß sie viel zu viel mit sich selbst beschäftigt waren, kurz, Jakob sah seine Zärtlichkeit nicht erwidert. Grollend hielt er sich daher fern von den glücklichen Menschen im ersten Stock, und wer weiß, welch beklagenswerten Ausgang die trübe Stimmung des Raben genommen hätte, wenn derselbe nicht in dem neuen Lehrling einen Freund gefunden hätte.

Dieser aber war kein anderer als Kaspar, der Sohn des Ganswirths, welchen Herr Thomasius auf Verwendung des Fritz Hederich in's Haus genommen hatte, nachdem der bisherige Lehrling freigesprochen worden war.

Wir freuen uns, dem Sprößling des Ganswirths das Zeugniß ausstellen zu können, daß derselbe viel Eifer im Süßholzraspeln und Gläserspülen an den Tag legte und auch nicht mehr Schaden als recht und billig anrichtete. Da es zu den Obliegenheiten des jeweiligen Löwenapothekerlehrlings gehörte, für das leibliche Wohl des Raben Sorge zu tragen, und da Kaspar sich diesem Amt mit großer Freudigkeit unterzog, so entspann sich bald zwischen Kaspar und Jakob ein Verhältnis welches von Tag zu Tag inniger wurde und den letzteren für die Zurücksetzung, die er von Seiten seiner bisherigen Gönner erfuhr, reichlich entschädigte.

Heute ging er gleichmäßigen Schrittes wie eine Schildwache auf der Freitreppe des Hauses auf und ab und warf, so oft er eine Wendung machte, einen prüfenden Blick auf den Löwen. Dieser war nämlich heute Morgen neu vergoldet worden, und Jakob paßte auf, daß keine täppische oder böswillige Hand die noch frische Farbe abstreife.

»Gehorsamer Diener, Jakob!« sagte da Einer, und das war kein anderer als der alte Wurzelpeter, der bei dem Raben in Gunst stand, weil er ihm zuweilen eine todte Haselmaus oder etwas derartiges aus dem Wald mitbrachte. Der Kräutermann schien für das frisch angestrichene Löwenthier nicht gefahrbringend, darum ließ ihn Jakob mit dem Wort »Lump« passiren. Peter führte heute weder Wurzeln noch Krämer mit sich, sein Besuch galt auch nicht der Officin, sondern seiner Jugendliebe, der Jungfer Hanne.

Die treue Schaffnerin stand in der Küche am prasselnden Herdfeuer und schwang den Schaumlöffel über einem halben Dutzend Töpfe und Pfannen, als der Wurzelpeter die Thür öffnete und seinen Kopf durch die Spalte steckte.

»Ist's erlaubt, Jungfer Hanne?«

Die Alte drehte ihr von der Hitze geröthetes Gesicht nach der Thür und sagte erfreut:

»Ach, der Peter! Ist die Sache schon zu End'? Das hat ja nicht lange gedauert. Da setz' Er sich, ich hab' Ihm einen Gansflügel aufgehoben.«

Der Wurzelpeter schmunzelte. Hab' eigentlich schon gefrühstückt,« sagte er, »aber gebe Sie immer her!«

Hanne brachte den Gansflügel, legte ein Stück Brot dazu und blieb mit eingestemmten Armen vor dem Alten stehen.

»Das hätt' Sie mit ansehen sollen,« sagte der Wurzelpeter und hob das Messer zum Angriff. »Die ganze Stadt war draußen. Zwei auf einmal, das sieht man nicht alle Tage.«

»Gott sei den armen Seelen gnädig!« versetzte Hanne und tastete nach dem Schürzenzipfel. »Haben sie lange gezappelt?«

Peter lachte, so gut er das mit dem vollen Mund konnte, und sagte: »Ich denk', sie zappeln noch.«

»Was? das wäre ja entsetzlich!«

»Na hör' Sie nur, Jungfer Hanne, wie die Sache hergegangen ist. Um sieben Uhr, es war noch dunkel, sind sie aus dem Thurm abgeholt worden; voraus ein Haufen Soldaten, dann die Richter und dann die armen Sünder in weißen Hemden mit schwarzen Schleifen.«

Hanne schauderte.

»Der Große, der mit dem Bart – ach du mein Herrgott, wenn ich mir das hätte denken können, daß der welsche Graf so ein arger Bösewicht war! Wie oft haben wir beisammen gesessen, so nah wie jetzt wir zwei, und haben mit einander gesprochen wie zwei gute Freunde. – Der Große also war ganz ruhig; man hat's ihm angesehen, daß er sich vor dem Tod nicht gegraut hat, der Kleine aber, der Klipperling, der Hanswurst, der hat gezittert, wie sie ihn hinausgeführt haben, und Gesichter hat er geschnitten, so gräulich, daß mir's kalt den Buckel hinuntergerieselt ist. Endlich sind sie draußen am Rabenstein angekommen. Der Dreibein war ganz mit Flittergold beklebt und hat schon von weitem gefunkelt; die Goldmacher werden nämlich, wie ich mir hab' sagen lassen, immer an vergoldete Galgen gehenkt. Nun hat der Richter den armen Sündern das Urtheil noch einmal vorgelesen und zum Schluß – knack! – hat er den Stab gebrochen. Alsbald hat der Meister Hämmerlein mit seinen Gesellen das Werk begonnen; die beiden armen Sünder sind die Leitern hinaufgeschleppt worden, und man hat ihnen den Strick um den Hals gelegt. Alles ist still gewesen, und ich hab' mich auf die Zehen gestellt, damit ich's besser sehen könnte, denn grad' vor mir ist der Hofmetzger mit seinem breiten Buckel gestanden, und da –«

Der Wurzelpeter, der bisher unthätig seinen Gansflügel in der einen, das Messer in der anderen Hand gehalten hatte, erinnerte sich jetzt des Leckerbissens und führte denselben zum Munde.

»Na Peter,« drängte die alte Hanne, »und da – fahr' Er fort!«

Der Wurzelpeter grinste seine Jugendliebe an und fragte in zärtlichem Ton:

»Was krieg' ich zum Lohn, Jungfer Hanne, wenn ich die Geschichte zu End' erzähle?«

Er spitzte den Mund.

»Alter Narr!« erwiderte die erröthende Hanne, »wann wird Er einmal zur Vernunft kommen! Seinen Lohn hat Er schon, den Gansflügel nämlich. Jetzt erzähl' Er weiter!«

Das Auge des alten Verliebten glitt von dem Antlitz der Hanne auf den Knochen in seiner Hand, und er fuhr fort:

»Der letzte Augenblick für die beiden Sünder war also gekommen. Da winkte plötzlich der Justitiarius mit dem Schnupftuch und rief: Halt! Dann zog er eine Schrift aus der Tasche und las etwas ab, was ich aber nicht verstehen konnte. Als er fertig war, da fing der ganze Haufe an, laut zu schreien und zu lachen, und die beiden armen Sünder wurden wieder von der Leiter heruntergeholt. Ich wußte nicht, was das zu bedeuten hatte, bis mir's Einer erklärte. Daß ich's kurz mache, man hatte die beiden Spitzbuben nur die Todesangst ausstehen lassen, dann sollte ihnen das Leben geschenkt sein, so hatte unser gnädigster Fürst befohlen, und so geschah es auch. Meister Hämmerlein zog ihnen das Armesünderhabit aus, und dann wurden sie von den Grenadieren in die Mitte genommen, um über die Grenze geschafft zu werden. Aber das Gesicht, was der gewesene Hanswurst machte, als er wieder auf dem Erdboden stand, das vergesse ich in meinem Leben nicht.«

Hanne hatte mit großer Verwunderung zugehört, und als der Wurzelpeter geendet hatte, schüttelte sie den Kopf.

»Wenn es nach mir gegangen wäre,« sagte sie, »so hätte man sie gehenkt; wer steht uns dafür, daß sie nicht zurückkommen und uns den rothen Hahn auf's Dach setzen?«

»Das werden sie hübsch bleiben lassen,« versetzte der Wurzelpeter. »Wenn man Hasen mit der Schlinge fängt, was eigentlich verboten ist, und es kommt so ein Meister Lampe mit dem Kopf glücklich wieder heraus, so hütet er sich, je wieder in die Gegend zu kommen, wo es ihm an den Kragen gegangen ist. Das ist bei den Spitzbuben ebenso.«

Als die alte Hanne und der Wurzelpeter das Ereigniß noch besprachen, kam der Lehrling Kaspar und bestellte die Schaffnerin in das Museum des Herrn Xylander. Hanne, die seit der Katastrophe den Magister sehr rücksichtsvoll behandelte, befahl dem Kaspar, auf die Töpfe Acht zu haben und ging nach oben.

»Hanne,« redete sie der Magister an, »hat Sie vielleicht ein weißes Kleid?«

»Das versteht sich,« nickte die Alte, ich habe ein prächtiges, weißes Gewand, welches mir des Herrn Thomasius Muhme selig auf dem Sterbebett geschenkt hat. Es ist zwar nicht ganz neu, aber doch sehr schön.«

»Gut,« erwiderte der Magister, »bringe Sie mir das Kleid!«

Hanne ging verwundert und kehrte mit dem Gewand auf dem Arm zurück.

»Paßt es Ihr noch?« fragte der Magister.

»Ich hab' es lange nicht getragen, da ich aber meinen guten Wuchs noch nicht eingebüßt habe, so wird es wohl noch passen.«

»Ziehe Sie es einmal an!«

»Was, Herr Hofbibliothekarius? Ich soll das Kleid hier vor Euren Augen anziehen? Was muthet Ihr mir zu?«

»Ach was, geniere Sie sich nicht. Ich sehe derweilen zum Fenster hinaus.«

»Nein, das geht nicht, aber ich will das Kleid drüben in meiner Kammer anziehen und dann herüberkommen.«

»Gut, Hanne, thu' Sie das!« –

Hanne kam wieder und präsentirte sich in dem Brautkleid der seligen Muhme Ursula. Der Magister betrachtete die Erröthende von allen Seiten mit kritischen Blicken und nickte endlich beifällig mit dem Kopf.

»Das Kleid ist gut. Nun geb' Sie Acht, Hanne! Ich habe ein Hochzeitsspiel gedichtet, und Sie muß in diesem Kleid mitspielen.«

Hanne trat erschrocken einen Schritt zurück.

»Nein,« sagte sie dann in bestimmtem Tone, »ich bin eine rechtschaffene Person, Komödie spielen thu' ich nicht.«

»Hanne, sei Sie kein Kind! Ich bin auch eine rechtschaffene Person und überdies Hofbibliothekarius und spiele doch mit.«

»Ihr spielt auch mit?«

»Das versteht sich; ich, Sie, und ein Dritter muß sich auch noch finden. Ich habe an den Wurzelpeter gedacht.«

»Das ist ein kluger Gedanke,« nickte die Alte, »der Peter ist dazu wie geschaffen. Als die Else noch ein kleines Mägdlein war, hat er einmal den Knecht Ruprecht gemacht, und ich sag' Euch, er war ein Knecht Ruprecht, wie ich keinen zweiten gesehen habe. Der Peter ist just in der Küche, soll ich ihn holen?«

»Wartet erst noch ein paar Augenblicke,« versetzte der Magister.

»Also Sie will mir helfen, Komödie spielen?«

»Meiner Else zulieb will ich's thun.«

»Gut, Hanne! Sie hat nicht viel zu sprechen, nur ein paar Worte, die trichtere ich Ihr heute Abend ein. Und hier hat Sie eine Schachtel, darinnen sind Sternlein aus Silberpapier geschnitten, die muß Sie auf das Kleid nähen. Auch bekommt Sie eine silberne Krone, die ist aber noch nicht fertig. So, nun geh' Sie und schicke Sie mir den Wurzelpeter herauf. Und noch eins, Hanne, halte Sie die Sache geheim, damit die Überraschung recht groß wird.«

Hanne versprach, ihr Möglichstes zu thun.

*

»Morgen ist Hochzeit in der Löwenapotheke, und das wird eine Hochzeit werden, wie die Stadt Finkenburg noch keine gesehen hat.«

So spricht der Herr Bürgermeister und erwägt, ob er bei der Vermählung seiner Käthe wohl den gleichen Aufwand machen könne. So spricht der Hofschneider, der die Pracht der Gewänder, die er für den Bräutigam und den Brautvater gefertigt hat, nicht genug rühmen kann. So spricht der Hofmetzger und rechnet seinen staunenden Zuhörern an den Fingern vor, wie viel Pfund Fleisch von jeder Thiergattung er zu liefern hat. So spricht der Ganswirth und fügt hinzu, daß er seine drei Küchenmägde für morgen zur Aushilfe in das Hochzeitshaus geben müsse. So sprechen alle Honoratioren, denn alle nehmen Theil an dem fröhlichen Ereigniß und alle sind geladen. Auch die Armen sprechen von dem morgen stattfindenden Fest, denn jeder erhält morgen von dem Herrn Thomasius ein Pfund Fleisch, eine Metze Mehl und drei Batzen baar Geld. Der Herr Thomasius kann's aber auch, dem thut's an Reichthum keiner gleich in Stadt und Land; und das alles bekommt einmal der Tochtermann aus der Fremde. Das ist der einzige bittere Tropfen, der in den Freudenbecher fällt, aber es ist nur ein Tropfen.

Das alte Haus in der oberen Marktstraße sieht selbst aus wie ein Bräutigam oder vielmehr wie ein Jubelgreis, der seine goldene Hochzeit feiert. Wie funkelt der neuvergoldete Löwe in der Wintersonne, wie freundlich grinsen die steinernen Ungeheuer vom Giebel herunter! Im Innern ist alles spiegelblank, von den metallenen Knöpfen des Treppengeländers bis zu den Schlüsselschildern der Schreine und Truhen. Und die Schüsseln und Töpfe in der Küche klappern lustiger als sonst, und die Mörser im Laboratorium klingen wie festliches Glockengeläute. Denn morgen ist Hochzeit.

Wenn morgen Hochzeit ist, so ist heute Kranzbinden und Polterabend.

»Aber,« hatte Herr Thomasius gesagt, »das Gepolter, das heißt das Töpfezerschlagen, verbitte ich mir; es wird so mehr als genug im Haus zerbrochen.«

Kaspar, der Sohn des Ganswirths, befand sich im Hinblick auf die herrliche Gelegenheit, ungestraft nach Herzenslust Töpfe und Teller zerbrechen zu können, seit drei Tagen in freudiger Aufregung und hatte in der Stille bereits eine beträchtliche Anzahl alter Geschirre zusammengetragen; aber das Gebot des Alten mußte respektirt werden, und Kaspar begnügte sich demgemäß, seine Thätigkeit auf das Abbrennen des Feuerwerks zu beschränken, welches von seinem Vorgänger, dem nunmehrigen Subjekt, für den Abend vorbereitet worden war.

Die Feier des Kranzbindens wurde im Familienkreis begangen. Bürgermeisters Käthe und Stadtschreibers Lore hatten die Myrthenzweige zusammengeflochten, und die alte Hanne hatte geholfen, das heißt, sie hatte die Hauptsache dabei gethan.

»Die Jungfer, welche den Brautkranz angefangen hat, kommt zunächst an die Reihe,« hatte Herr Thomasius gesagt und der schönen Käthe zugenickt. Da war Käthe roth geworden, und der Herr Hofbibliothekar hatte angelegentlich seine güldene Kette betrachtet, die er zur Feier des Tages um den Hals trug.

Der Abend war herangekommen. Die kleine Gesellschaft saß an dem großen runden Tisch; man nippte hin und wieder von dem süßen Wein, der den Frauen zu Ehren aufgetragen worden war, und lauschte den Worten des Hausherrn, welcher verschiedene Jugendabenteuer zum Besten gab. Der Magister hatte das Zimmer verlassen.

Fritz und Else saßen im Schatten, sie hatten sich bei der Hand gefaßt und sprachen kein Wort. Während der Vater von den Städten und Menschen erzählte, die er in der Fremde kennen gelernt, flogen die Gedanken des Baccalaureus zurück in die Vergangenheit. Er sah das alte Pfarrhaus mit dem hohen Dach, umgeben von blühenden Obstbäumen, und die unbestimmten Schatten seiner Eltern glitten an ihm vorüber. Dann tauchte die alte Universitätsstadt mit ihren Giebeln und Thürmen vor ihm auf, und seine lustige Studentenzeit zog an seinem Geist vorbei. Nun kam's schwarz und düster; die Beschwörung, die Flucht, die Begegnung im Wald, das abenteuerliche Leben in der Gesellschaft des fahrenden Arztes – es war ein schlimmer Traum – vorbei, vorbei! Er drückte die Hand seiner Else und küßte sie auf die Stirn. – Zum Glück durch Leid! – Das Wanderlied zog ihm durch den Sinn:

»Wohin des Wegs,
Müd' Menschenkind?
Zum Glück durch Leid,
Über Berg und Thal! –
Die Welt ist weit.«

Ja, die Welt ist weit, aber früher oder später kommt der Wanderer doch zur Ruh. Freilich glückt's nicht jedem wie Fritz Hederich, dem Baccalaureo.

»Ja, die Welt ist weit,« sagte Herr Thomasius zu seinen beiden Zuhörerinnen, »aber glaubt mir, Kinder, die Menschen sind überall dieselben; Chinesen und Mohren machen vielleicht eine Ausnahme, so weit bin ich auf meiner Wanderschaft nicht gekommen – aber die Völker, die ich kenne, mögen sie nun Sachsen oder Schwaben, Baiern oder Finkenburger heißen, unterscheiden sich im Wesentlichen gar nicht. Es ist überall wie bei uns, nur haben andere Völker andere Namen für dieselbe Sache. So zum Beispiel –«

Herr Thomasius konnte seine Rede nicht vollenden, denn die Thür öffnete sich, und herein schritt eine kleine, mit einem langen flächsenen Bart versehene Gestalt. Hinter der Gestalt wurden zwei andere sichtbar, wie es schien, eine männliche und eine weibliche, beide in große Tücher von Kopf bis Fuß eingehüllt.

»Was stellt denn das vor?« polterte Herr Thomasius.

»St, Vater,« sagte Fritz, »es ist der Magister mit der Hanne und dem Wurzelpeter, sie wollen einen Schwank aufführen.«

Der Wurzelpeter, der in seiner Vermummung kaum kenntlich war, trat, von dem hinter ihm stehenden Magister in den Rücken gestoßen, einen Schritt vor, machte einen ungeschickten Bückling und hub im Bänkelsängerton an:

»Schön' guten Abend! Ich bin der Meister
Aller unterirdischen Geister,
Der Gnomen, Kobold' und Erdmännlein,
Die wohnen unter dem Felsgestein.
Wir schmelzen, pochen, hämmern und schweißen
Das Gold, das Silber, das Kupfer und Eisen,
Wir schleifen mit kunstgeübter Hand
Den grünen Smaragd und den Diamant,
Den rothen Rubin, den gelben Topas,
Karfunkel, Granaten und Chrysopras.
Auch müssen wir emsig die Hände rühren,
Das große Erdenfeuer zu schüren,
Daß die Wurzel und Samen nicht erfrieren.
Fürwahr, wir haben weidlich zu schaffen,
Nicht Zeit zum Spazierengehen und Gaffen,
Doch heute hab' ich mir Urlaub genommen
Und bin selbdritt hierher gekommen.
Die werthen Herr'n und schönen Frauen
Schwankweis zu ergötzen und zu erbauen.
Heda, ihr Kobolde hinter mir,
Gold und Silber, tretet herfür!«

»Bravo, Wurzelpeter!« rief Herr Thomasius, »komm Er her und trink' Er einmal!«

»Noch nicht, Herr Thomasius,« wandte der Gnomenkönig ein, »wir sind noch lange nicht fertig.«

Unterdessen war die eine der beiden Gestalten hervorgetreten und hatte die Hülle abgeworfen. Es war der Magister. Er hatte einen rothen, mit güldenen Sternlein beklebten Rock an und trug eine Krone von Goldpapier auf dem Kopf.

Die Mädchen kicherten. Herr Thomasius beugte sich tief hinunter und schaute nicht rechts, nicht links.

Der Magister machte einen zierlichen Kratzfuß und begann:

»Ihr Herr'n und Frauen' seid mir hold
Und hört meinen Spruch: Ich bin das Gold.
Von allen Erdengeistern zumeist
Bin ich ein fürnehmer, mächtiger Geist,
Vor dem viel Tausend die Häupter neigen,
Selbst Kaiser und König die Kniee beugen.
Der reiche Krösus war mein Sklav',
Den König Midas nahm ich in Straf',
Selbst Salomo, der weise König,
War mir, dem Golde, unterthänig.
Auch bin ich ein gar gewaltiger Held,
Der immer siegreich ziehet zu Feld.
Was ich begehr', das kann ich haben,
Die stärksten Schlösser nehm' ich ein,
Es hindern mich weder Wall noch Graben,
Nicht Mauern und Thürme von festem Stein,
Denn wo ich anklopfe, läßt man mich ein.

Fürwahr, meine Kraft ist ohne Gleichen,
Auch Götter müssen dem Golde weichen;
Die blinde Göttin mit Waag' und Schwert,
Frau Themis, hat oft auf mich gehört;
Cupido mit seinem Bogen und Köcher
Ist gegen mich nur ein armer Schächer,
Zeus selber nur mit mir im Bund
Die schöne Danae gewinnen kunnt.
Wer ist auf Erden noch, sagt an,
Der solche Wunder wirken kann?

Drum muß ich oft im Stillen lachen,
Seh' ich, wie es die Menschen machen,
Wie sie sich plagen, wie sie sich mühen,
Mit Mischen, Schmelzen, Kochen und Glühen,
Mit Zauberwerk und geheimen Künsten
Mich zu zwingen zu ihren Diensten.
Vergebens ist all' ihr Sorgen und Plagen,
Nimmer lass' ich in Fesseln mich schlagen,
Ein König herrsch' ich über die Welt,
Komme und gehe, wie mir's gefällt.

Aus freien Stücken komm' ich heut',
Zu grüßen die lieben Hochzeitsleut',
Herrn Hederich, den Baccalaureum,
Jungfer Else und Herrn Thomasium.

Durch mich gewannt Ihr viel Verdruß,
Kummer und große Ärgernuß,
Viel Pein und Trübsal und Bedrängniß
Wie die Juden im babylonischen Gefängniß.
Und da Ihr durch mich gekommen zu Schaden,
So will ich mich neigen jetzt in Gnaden,
Denn, wo Mann und Weib die Hände regen,
Da bleib' ich nicht aus mit meinem Segen,
Da zieh' ich mit meinem Glanze ein;
Dann häufen sich die gelben Dukaten
In des Mannes Truhen und Laden,
Dann schimmert gülden der Hausfrau Schrein,
Gülden der Faden auf ihrer Spindel,
Gülden selber des Kindes Windel.

So will ich denn über Euer Haus
Den Segen des Reichthums schütten aus,
Dafern Ihr mich mit Kochen und Schmoren,
Glühen und Mischen laßt ungeschoren.

Und wenn ich Euch über fünfzig Jahr'
Mit güldenem Kranz im weißen Haar,
Umgeben von Kind und Kindeskind,
Glücklich annoch beisammen find':
Will ich Euch fragen an diesem Ort,
Ob ich nicht redlich gehalten Wort.
Gehabt Euch wohl, Ihr lieben Leut',
Amen, dixi. Ich tret' zur Seit';
Du aber, Silber, komm' heran
Und heb' Dein Sprüchlein zu sprechen an'.«

Die zweite Gestalt trat vor und warf die Umhüllung zurück. Die alte Hanne kam zum Vorschein.

»Ich bitt' Euch inständig,« flüsterte Else, »lacht nicht!«

Aber dabei konnte sie selbst nur mit Mühe ernsthaft bleiben, und Braut und Brautjungfern, Bräutigam und Brautvater schnitten schreckliche Gesichter, während sie sich bemühten, das Lachen zu verbeißen. Die alte Hanne sah aber auch zu sonderbar aus in dem weißen, mit Silbersternlein besetzten Brautkleid der seligen Muhme Ursula und der silbernen Zackenkrone auf dem Kopf. Hanne knixte tief und begann mit leiser Stimme:

»Ich bin das Silber – ich bin das Silber – ich bin das Silber –«

»Die bleiche Schwester des Goldes,« raunte ihr der Magister zu.

»Ich bin das Silber, die bleiche Schwester –«

Die Stimme der Alten zitterte, und ihre Hand fuhr mechanisch nach der Gegend des Schürzenzipfels, da aber die bleiche Schwester des Goldes keine Schürze anhatte, so gerieth sie völlig außer Fassung.

»Ach, es ist zu rührend!« winselte sie, »zu rührend!«

»Ich hab' mir's doch gedacht,« knirschte der Magister, daß Sie mit Ihrem Geflenne den ganzen Spaß verdirbt. Verlass' sich Einer auf das Weibsvolk!«

Der Zorn des Goldes und die Rührung des Silbers zusammen wirkten so unwiderstehlich, daß die Zuhörer alle auf einmal herausplatzten. Und je lauter das Lachen schallte, desto mehr steigerte sich die Wuth des Magisters, desto reichlicher flossen die Thränen der alten Hanne. Wurzelpeter, der Geisterkönig, stand mit offenem Munde daneben und wußte sich nicht zu rathen und zu helfen.

»Beruhigt Euch, Herr Hofbibliothekarius,« sagte Herr Thomasius mit thränenden Augen. »Das hätte ich Euch vorher sagen können, daß Euch die Hanne das nicht recht machen würde.«

»Wie kann man Komödie spielen,« schluchzte Hanne, »wenn man vor Rührung zerfließen möchte? Das ist zu viel verlangt.«

Else beschwichtigte die Alte, und auch Fritz Hederich that das Seinige, den Frieden wieder herzustellen; aber wer weiß, wie lange dies bei der Aufregung des Magisters gewährt hätte, wenn nicht das unerwartete Erscheinen eines fürstlichen Dieners den Gedanken Aller eine andere Richtung gegeben hätte. Beim Eintritt des Boten hoben sich Gold und Silber eilig von hinnen, und Peter folgte ihnen nach.

Als der Magister sich seines Geisterornates entledigt hatte und das Zimmer wieder betrat, hatte sich der Diener bereits entfernt. Fritz, Else und die Brautjungfern betrachteten einen silbernen Becher, Herr Thomasius hielt ein Schreiben, an dem ein großes Siegel hing, in der Hand.

Der Becher war äußerst kunstvoll gearbeitet, und oben auf dem Deckel stand ein Storch, der ein Bündelkind im Schnabel trug. Das war so ein Spaß, wie ihn Serenissimus liebte. Während das junge Volk den Pokal bewunderte, hatte der Hausherr das fürstliche Schreiben zu Ende gelesen und schritt jetzt mit strahlendem Gesicht und gehobenem Kopf auf den Magister zu.

»Hier leset, Herr Hofbibliothekarius!« sagte er und reichte ihm das Schreiben hin.

Der Magister las mit lauter Stimme:

»Wir Rochus von Gottes Gnaden Fürst von Ammerstadt-Finkenburg etc. etc. ertheilen Unserem lieben, getreuen Daniel Thomasius, Inhaber der Apotheke zum goldenen Löwen, den Titel eines fürstlichen Hofapothekers und verfügen, daß dieser Titel dem jeweiligen Besitzer der genannten Apotheke verbleiben soll für alle Zeiten. Gegeben u. s. w.«

– Erstaunen, Glückwünsche, Händeschütteln! –

Herr Thomasius brummte zwar etwas in den Bart, – aber aus dem kräftigen Händedruck, mit dem er jedem für die dargebrachte Gratulation dankte, und aus seinen leuchtenden Augen konnte man schließen, daß ihm seine Rangerhöhung keineswegs gleichgültig war.

»Jetzt Hanne,« befahl er, »bring Sie ein paar Flaschen vom Besten herauf! Wir wollen den Becher einweihen.«

»Setzt Euch, Kinder,« rief Herr Thomasius »und nehmt Eure Gedanken zusammen, denn jeder muß einen Leberreim machen. Ich als Brautvater fange an. Achtung!«

Er stand auf und hob den blinkenden Becher.

»Die Leber ist vom Hecht und nicht von einem Spitz,
Es leben meine Kinder, die Else und der Fritz!«

»Hoch! Hoch!«

»Jetzt kommst Du an die Reihe, Fritz.«

Fritz Hederich hob den Pokal hoch und rief:

»Die Leber ist vom Hecht und nicht von einem Kater,
Ich trinke auf das Wohl von unserem lieben Vater!«

»Hoch! Hoch! Hoch!«

»Nun kommt der Hofbibliothekarius dran. Gebt Acht, der versteht's!«

Der Magister schwenkte den Becher und rief:

»Die Leber ist vom Hecht und nicht von einer Kröte,
Ich trinke auf das Wohl der schönen Jungfer Käthe!«

In diesem Augenblicke wurde sowohl der Magister als auch Käthe feuerroth. Aber nicht sie allein, sondern auch das Brautpaar, Herr Thomasius, Stadtschreibers Lore und die alte Hanne glühten in rothem Licht, denn drunten im Garten hatte des Ganswirths Kaspar soeben das Feuerwerk angezündet.

Alle traten an's Fenster.

Da krachten Böller, und mächtige Feuergarben loderten auf. Der Subjekt, der Lehrling, der Knecht, der Wurzelpeter und einige Kameraden Kaspars, die zur Verstärkung herangezogen worden waren, schrieen ein donnerndes Vivat in die Lüfte, und Jakob, der Rabe, der mit den Andern im Garten war, krächzte abwechselnd: Else, Jakob und Lump! Unter dem alten Hollunderbaum aber standen sechs Stadtzinkenisten, die bliesen einen Tusch, daß es drüben in den Bergen widerhallte.

Herr Thomasius winkte von oben herunter, und das Brautpaar ließ die Tücher aus dem Fenster wehen.

Der ganze Garten schwamm in rothem Feuer und der Hollunderbaum neigte grüßend seine dürren Zweige, und die steinernen Männer an der Mauer des Hauses verzogen grinsend die Gesichter und hätten vielleicht mit den Andern Vivat geschrieen, aber steinerne Männer können nicht schreien.

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