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Trug-Gold

Rudolf Baumbach: Trug-Gold - Kapitel 13
Quellenangabe
authorRudolf Baumbach
titleTrug-Gold
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
printrun63. bis 68. Tausend
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
projectid4722cc33
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Zwölftes Kapitel.
Der verwunschene Mönch

Der Ganswirth hatte von den beiden Fremden, die in seinem Hause wohnten, großen Vortheil. Sie ließen sich an Speise und Trank nichts abgehen, und alle Sonnabend erschien ein Hofbeamter, der die abgelaufene Zeche bezahlte.

Daß der bärtige Fremde ein italienischer Graf sei und als Astrolog und Alchymist im Dienst des Fürsten stehe, das wußte man jetzt. Mehrmals in der Woche holte ein Hofwagen den Grafen in das Schloß ab und brachte ihn wieder zurück, und eines Tages kam sogar der durchlauchtigste Herr in höchsteigener Person, begleitet von einem Kammerherrn, um der Goldenen Gans oder vielmehr dem in derselben wohnenden Fremden einen Besuch abzustatten.

Der Ganswirth hätte fast den Hals gebrochen, als er zur Bewillkommnung des hohen Herrn herbeieilte, und seine rothe Nase berührte beinahe die Erde, als er sich vor ihm bückte.

Der Fürst lächelte sehr gnädig und sagte bedeutungsvoll: »Er ist der Wirth zur Goldenen Gans?«

Der Wirth wollte darauf etwas sehr Gescheites erwidern, da ihm aber nicht gleich etwas Gescheites einfiel, so ließ er es bei einer stummen Verbeugung bewenden. Der Fürst ging mit dem Kammerherrn an ihm vorüber und die Treppe hinauf.

In fieberhafter Eile ertheilte der Ganswirth verschiedene Befehle und warf sich selbst Hals über Kopf in sein bestes Gewand.

Der Fürst aber blieb sehr, sehr lange bei dem italienischen Grafen, so daß den Wirth die Versuchung ankam, einmal nach oben zu gehen, um womöglich etwas zu erlauschen. Er schlich sich vorsichtig an die Thür und hörte, wie der Fürst sagte:

»Mein lieber Graf, Ihr wißt, daß ich großes Vertrauen in Eure Kunst setze. Bisher habt Ihr immer nur kleine Quantitäten hervorgebracht, die keineswegs im Verhältniß zu den Summen stehen, die ich Euch habe auszahlen lassen.«

»Gnädigster Herr,« antwortete die Stimme des Grafen, »ich habe zu wiederholten Malen unterthänigst darauf hingewiesen, daß unter den bisherigen Constellationen an einen bedeutenden Erfolg nicht zu denken sei, aber Ew. Durchlaucht bestanden darauf, daß die Experimente unverzüglich angestellt würden.«

»Schon gut,« unterbrach der Fürst die Rede des Grafen, »diesmal steht viel auf dem Spiel, und ich wünsche, daß Ihr mit aller Vorsicht zu Werke geht. Wann also glaubt Ihr, daß der richtige Zeitpunkt für die Multiplikation eintreten wird?«

»Sicherlich in sechs Wochen, wenn nicht schon früher.«

»Wohlan, Herr Graf, thut, was Eure Wissenschaft vermag! Es steht viel auf dem Spiel, zweitausend Dukaten sind kein Pfifferling.«

»Aber doch nur eine Kleinigkeit gegen die Millionen, die ich Ew. Durchlaucht liefern werde.«

Hierauf wurde ein klingendes Geräusch hörbar, welches dem Ganswirth recht wohl bekannt war, und als er das Auge an das Schlüsselloch legte, sah er, wie der Graf einen großen Haufen Gold in einen ledernen Beutel raffte.

Da der Fürst sich zum Gehen anschickte, so flog er mit Windeseile auf seinen Posten, und als einige Minuten darauf die Herren die Treppe heruntergestiegen kamen, stand der Ganswirth in der geöffneten Thür seines besten Gemaches und bat in wohlgesetzter Rede, Serenissimus wolle seinem schlechten Haus die hohe Gnade erzeigen, einen Becher Weins zu sich zu nehmen.

Der leutselige Herr willfahrte dieser Bitte und betrat das Zimmer, wo auf einem versilberten Teller ein großer, reichverzierter Becher für ihn und ein kleinerer, minder kunstreicher für den Kammerherrn bereit standen.

Der Fürst trank, lobte den Wein und richtete noch einige Fragen an den Wirth, auf welche dieser jetzt mit ebenso viel Unterwürfigkeit als Zungengeläufigkeit Bescheid gab. Dann wandte sich der Fürst der Thür zu, und der Kammerherr legte zwei Dukaten auf den Tisch. Der Ganswirth sträubte sich zwar, Bezahlung zu nehmen, schließlich aber nahm er die Goldstücke doch und geleitete ehrerbietig seinen hohen Gast bis an den Wagen.

Begreiflicher Weise war der Wirth zur Goldenen Gans an diesem und den nächstfolgenden Tagen in sehr gehobener Stimmung. Jedem Stammgast zeigte er den Becher, aus dem der Fürst getrunken hatte, und die beiden Dukaten; er verschwor sich hoch und theuer, dieselben nie ausgeben, sondern als ewiges Andenken an den durchlauchtigsten Herrn aufheben zu wollen.

Glück macht übermüthig. Der durch die Lippen des Fürsten geweihte Becher und die zwei Dukaten genügten dem Ganswirth nicht; er strebte nach einer Auszeichnung, welche dauernder als Erz der Nachwelt Zeugniß gebe für die Ehre, die seinem Wirthshaus widerfahren war.

Es fiel ihm ein, daß sein Vetter, ein Gastwirth in Ammerstadt, bei der Thronbesteigung des Fürsten Rochus die Erlaubniß erhalten hatte, sein Schild zu ändern und sein Wirthshaus, »Zur Krone« genannt, in ein Wirthshaus »Zum Landesvater« umzutaufen. Seit jener Namensänderung hatte das Geschäft des »Landesvaters«, wie nunmehr der ehemalige Kronenwirth schlechthin genannt wurde, einen sehr bedeutenden Aufschwung genommen, und der Besitzer selbst war eine bei Hofe beliebte Person geworden.

Dies schwebte dem Ganswirth vor, und rasch entschlossen machte er eine Eingabe an den Fürsten, in welcher er, auf das Beispiel des Kronenwirths hinweisend, die unterthänigste Bitte aussprach, es möge ihm gestattet werden, sein Gasthaus fürderhin nicht mehr »Zur Goldenen Gans«, sondern »Zur Landesmutter« zu nennen. Das, meinte er, müsse auf die allerhöchsten Herrschaften einen sehr günstigen Eindruck machen und ihm selber zum Guten ausschlagen.

Es kam aber ganz anders.

Statt der ersehnten Genehmigung erschien in der Goldenen Gans der Herr Bürgermeister, nicht als Gast, sondern in seiner Eigenschaft als obrigkeitliche, überdies mit einer fürstlichen Botschaft betraute Person, und überbrachte dem Wirth wegen seines ungebührlichen Gesuches eine so fürchterliche Nase, daß diesem Hören und Sehen verging.

Es war daher kein Wunder, daß der Ganswirth an dem Tage, da er die Nase empfangen, und dem nächstfolgenden sich in einer sehr gereizten Stimmung befand. Das Allerschlimmste war aber, daß seine Vertrauten, denen er etwas voreilig mitgetheilt hatte, was im Werke sei, so niederträchtig gewesen waren, das Geheimniß weiter zu erzählen, was zur Folge hatte, daß man den armen Wirth, wenn er es nicht hörte, mit dem Namen nannte, um den er für sein Wirthshaus nachgesucht hatte.

Selten kommt ein Unglück allein. Der Wirth hatte einen vierzehnjährigen Sohn, der zu Ostern aus der Stadtschule entlassen worden war und seitdem in der Wirthschaft zu allerlei Verrichtungen gebraucht wurde. Besagter Junge, er hieß Kaspar, war aber sehr ungeschickt, und die Gläser und Teller, die er seit seinem Amtsantritt zerbrochen hatte, waren nicht zu zählen, noch weniger freilich die Rippenstöße, die ihm sein Erzeuger verabreichte.

Jetzt aber hatte Kaspar seiner Ungeschicklichkeit die Krone aufgesetzt, indem er den Hahn eines Weinfasses zu schließen vergessen hatte. Die Wuth des Ganswirthes über diesen Streich war grenzenlos. Zuvörderst oder vielmehr zuhinterst erhielt der mißrathene Sohn eine jämmerliche Tracht Prügel, welche in Folge des über die bürgermeisterliche Nase gehabten Ärgers weit reichlicher ausfiel als sonst bei ähnlichen Gelegenheiten. Dann hielt der Ganswirth seinem heulenden Sprössling ungefähr folgende Rede:

»Nichtswürdiger Lotterbube! Am liebsten jagte ich Dich zum Kukuk, das geschähe Dir recht. Aber weil ich mich vor den Leuten schämen müßte, wenn Du, Hans Taps, draußen in der Welt herumstolpertest, und man zufällig erführe, daß ich Dein Vater bin, so will ich Dich behalten. Aber Deine guten Tage sind vorüber. Zum Wirth bist Du zu dumm, das ist ausgemacht, – ich will Dich studiren lassen!«

Hierauf ertheilte er dem durch diese Rede völlig niedergeschmetterten Kaspar noch einen Rippenstoß und jagte ihn zur Thür hinaus.

Der Gedanke, seinen Sohn studiren zu lassen, der dem Ganswirth im Zorn gekommen war, reifte in den nächsten Stunden zum unabänderlichen Entschluß. Leider war der Junge schon ein wenig zu alt, um ihn in die unterste Klasse des Lycei zu bringen, und das in der Stadtschule Erlernte hatte er sicherlich größtentheils während seiner Dienstzeit wieder vergessen. Dies erwog der Vater und kam zur Einsicht, daß man den Jungen so schnell wie möglich zu einem Schulmeister in die Lehre geben müsse, der ihm mit großer Geduld und vielen Prügeln das Nothwendigste in den Kopf brächte. Die Sache durfte aber nicht viel kosten.

»Halt, ich hab's!« rief der Ganswirth aus, »droben der Baccalaureus, der muß ihn in die Lehre nehmen. Mit der Bezahlung wird's so wie so windig aussehen; da soll er seine Zeche abverdienen.«

Gedacht, gethan. Der Wirth klomm die Treppe hinauf und trat in die Stube, welche Fritz Hederich seit einigen Tagen inne hatte.

Dieser räumte rasch einen Mantel oder etwas der Art bei Seite und sah verlegen aus.

»Aha,« dachte der Gastwirth, »er flickt einen zerrissenen Rock, da muß es schlecht mit dem Beutel aussehen.« Er stellte sich mit gespreizten Beinen vor seinen Gast, steckte die Hände in die Taschen und fragte von oben herunter:

»He, guter Freund, ich möchte wissen, wie lange Er in meinem Hause zu bleiben gedenkt.«

Fritz Hederich betrachtete den Sprecher mit verwunderten Augen und antwortete: »Wenn Er sich nicht anständiger beträgt, Ganswirth, so wird's nicht lange währen.«

»Er hat Geld,« dachte der erfahrene Wirth und fuhr etwas kleinlaut fort: »Der Herr muß verzeihen; unsereins hat viel Ärger und immer den Kopf voll. Es war nicht böse gemeint, ich wollte nur wissen –«

»Er wollte wissen, ob ich im Stande sei, die Zeche zu bezahlen? Da sei er ohne Sorgen.«

Fritz stand auf und holte einen Beutel herbei, dessen Inhalt er auf den Tisch schüttete. Es war ein hübsches Sümmchen, welches er sich zusammengespart hatte.

Der Ganswirth wurde jetzt sehr höflich. Fast getraute er sich nun nicht mehr, dem Herrn Baccalaureus einen Vorschlag zu machen. Dann begann er, die Ungeschicklichkeit seines Sohnes und seinen Vaterschmerz zu schildern und rückte endlich mit der Bitte heraus, der Herr Baccalaureus wolle gegen mäßige Vergütung Kaspar's Lehrer werden.

Fritz Hederich nahm als guter Wirthschafter den ziemlich vortheilhaften Antrag an. Der Ganswirth ertheilte ihm noch unbeschränkte Vollmacht über das Fell seines Sprößlings und stieg dann froh, so billigen Kaufes weggekommen zu sein, wieder in sein Schenkzimmer hinab.

Fritz Hederich stützte den Kopf in die Hand und lächelte.

»Mediziner, Geisterbeschwörer, Quacksalber, Apothekersubjekt, Alchymist, Komödiant, Hofmeister des Ganswirthsöhnleins, – was wird noch alles kommen? Indessen ist mir durch das Anerbieten des Wirths ein längerer Aufenthalt in der Stadt ermöglicht, und Zeit gewonnen, viel gewonnen!«

Hierauf suchte er das Tuch, welches er beim Eintritt des Ganswirths bei Seite geworfen hatte, wieder hervor, nähte drauf los wie ein gelernter Schneidergesell und pfiff dazu ein lustiges Schelmenlied.

Als er mit seiner Arbeit fertig war, zog er das Kleidungsstück an. Es war ein weitärmeliges, mit einer Kapuze versehenes Gewand, und als er sich nun noch einen hänfenen Strick um die Hüfte band, sah er aus wie ein richtiger Mönch. Er betrachtete sich prüfend in einem Handspiegel und schien zufrieden zu sein. Dann zog er die Kutte wieder aus, schnürte sie mit einem Strick zusammen und verbarg sie im Kleiderspind.

*

Am selbigen Abend ging es in der Trinkstube der Goldenen Gans lustig zu. Die Altmeister der ehrsamen Zünfte saßen bei einem festlichen Bankett, welches der dicke Metzger und der kleine Schneider veranstaltet hatten; sie waren nämlich gleichzeitig, jener zum Hofmetzger, dieser zum Hofschneider ernannt worden.

Sie saßen am oberen Ende der Tafel, gaben sich Mühe, recht demüthig und bescheiden auszusehen, wenn ihnen die übrigen Meister mit Honig der Freundschaft auf den Lippen und mit der bittern Galle des Neides im Herzen Glück wünschten, und versicherten einem jeden unter Händeschütteln: »Zwischen uns bleibt's beim Alten.«

Natürlich ergossen sich aus dem Munde der beiden Beförderten wahre Wolkenbrüche des Lobes über das fürstliche Haus, und die anderen Handwerker mußten mit süßsauren Gesichtern ein stimmen, wenn sie nicht eine gleiche Standeserhöhung verscherzen wollten.

Einer aber glaubte, keine Ursache zu haben, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, das war der Ganswirth. Er rückte sich einen Stuhl herbei, spuckte aus und sagte:

»Mit Verlaub, Meister, Ihr übertreibt! So ein Fürst ist im Grund auch nur ein Mensch wie ich und Ihr.«

Eine bängliche Stille folgte auf das kühne Wort des Gastwirths. Betreten schauten die Meister vor sich nieder, Hofschneider aber und Hofmetzger sahen gereizt aus wie zwei Truthähne, wenn die Viehmagd in einem rothen Unterrock über den Hof geht.

Der Metzger warf dem Wirth einen Blick der tiefsten Verachtung zu und sagte:

»Wer das spricht, der muß in seinem Lebtag wenig mit fürstlichen Personen verkehrt haben.«

»Jawohl,« nickte der Hofschneider.

Der Ganswirth aber ließ sich nicht so leicht aus dem Feld schlagen; er fuhr fort:

»So ein Fürst kommt zur Welt wie unsereiner, ißt, trinkt und schläft wie unsereiner und stirbt wie unsereiner. Ihr Meister, hab' ich nicht Recht?«

Die Meister gaben keine Antwort und blickten auf den Hofmetzger, der in sichtbarer Verlegenheit war.

»Na, Hofmetzger,« drängte der Wirth, »Hab' ich Recht oder Unrecht?«

»So gewissermaßen,« erwiderte dieser und blickte hilfesuchend im Kreis umher, »so gewissermaßen habt Ihr Recht – und doch – doch habt Ihr gewissermaßen Unrecht –«

»Na jetzt bin ich aber begierig,« sagte der Wirth.

»Denn,« fuhr der andere fort, »der Unterschiede zwischen einem Fürsten und einem gewöhnlichen Menschen sind so viele – es fällt mir zwar gerade keiner ein, aber das liegt doch auf der Hand –«

»Zum Beispiel,« fiel der Hofschneider, dem ein glücklicher Gedanke gekommen war, ein, »zum Beispiel hat jedes fürstliche Geschlecht einen Burggeist –«

»Jawohl,« fuhr der Metzger fort, »einen Burggeist, oder wie man's auch heißt, eine Ahnfrau. Das haben die Fürsten vor den anderen voraus.«

»Dummes Zeug!« sagte der Ganswirth.

Jetzt aber schlug sich die Mehrheit der Anwesenden auf die Seite des Hofmetzgers, und fast jeder wußte eine Schauergeschichte zu erzählen. Vor dem Tode des alten Fürsten Mauritius sei eine weiße Frau im Schloß erschienen und habe mit klagenden Geberden die Hände gerungen, und drüben in Ammerstadt erscheine jedesmal, wenn ein Glied der fürstlichen Familie sterben müsse, eine schwarze Frau mit einem weißen Schleier. Der aufgeklärte Ganswirth mochte sagen, was er wollte, er wurde überschrieen, denn von den Meistern zweifelte keiner an dem Vorhandensein der schwarzen und weißen Frau, da viele glaubwürdige Kammerzofen und Küchenjungen sie gesehen zu haben versichert hatten.

»Demnach,« hub der Ganswirth wieder an, »hätte also nunmehr unser Fürstenhaus zwei Ahnfrauen, eine schwarze in Ammerstadt und eine weiße in Finkenburg; wenn nur die beiden Gespenster sich aus Brotneid nicht einmal in die Haare gerathen!«

Die Meister lachten. Der Hofschneider aber blickte strafend umher. Über solche Dinge dürfe man keinen Spaß machen, sagte er, übrigens sei es eine bekannte Thatsache, daß jede richtige Ahnfrau nur so lange umgehe, als einer aus ihrem Haus noch am Leben sei, da nun das Geschlecht derer von drüben erloschen sei, so gebe es auch keine Ahnfrau dieses Geschlechts mehr.

Die Meister nickten zustimmend.

»Was geschieht nun aber,« fuhr der Ganswirth fort, »wenn einmal einer aus unserem Fürstenhaus hierorts verstirbt? Kommt dann die Ammerstädter Ahnfrau herüber, oder erscheint sie nach wie vor im Ammerstädter Schloß?«

Diese Streitfrage gab zu lebhaften Erörterungen Anlaß. Endlich entschied der Hofschneider, der in Gespensterangelegenheiten eine Autorität war, die Ahnfrau begleite jedesmal das Hoflager und werde sich diesem Gesetz zufolge im Winter in Ammerstadt, im Sommer in Finkenburg aufhalten.

Der Ganswirth aber gab sich noch nicht zufrieden.

»Gesetzt auch;« sagte er, »daß das wahr ist, was Ihr von den Burggeistern erzählt, so beweist das noch gar nicht, daß Fürsten etwas vor den anderen Menschen voraus haben.«

»Oho,« riefen Hofmetzger und Hofschneider einstimmig.

»Gar nichts beweist es,« fuhr der Wirth fort, »auch andere Häuser haben ihre Geister, wie man sagt. Als ich auf der Wanderschaft war, hab' ich einmal in einem Haus übernachtet, darinnen ist zu gewissen Zeiten der Geist eines Schneiders gesehen worden. Er soll einen ungeheuer langen Schlafrock nach sich geschleppt haben, welcher aus all den Lappen zusammengestückt war, die der Schneider bei Lebzeiten in seine Hölle hatte fallen lassen.«

Alle Meister, sogar der Hofmetzger lachten überlaut und blickten den Schneider an. Dieser verbiß indessen, so gut er konnte, seinen Ärger und antwortete, das sei ihm gar nicht unwahrscheinlich. Er habe einmal Ähnliches erlebt in einer Herberge. Dort sei alle Nacht ein Wirth umgegangen und sei von zwölf bis ein Uhr, unter der Last einer Butte keuchend, fortwährend zwischen dem Weinkeller und dem Brunnen hin- und hergelaufen. Die Geschichte sei wahr, er selbst habe das Gespenst gesehen, und jetzt erinnere er sich auch an den Namen der Herberge, sie habe den sonderbaren Namen »Zur Landesmutter« geführt.

Jetzt hatte der Hofschneider die Lacher auf seiner Seite, der Ganswirth aber schoß einen wüthenden Blick auf den Spötter und ging zur Thür hinaus.

Die Altmeister blieben, wie dies immer der Fall ist, wenn übernatürliche Dinge besprochen werden, sehr lange beisammen. Der Hofschneider besaß einen unerschöpflichen Schatz von Gespenstergeschichten, aus welchem er bereitwillig mittheilte, was man zu wissen verlangte. Selbstverständlich ward auch des Trinkens nicht vergessen, und als man endlich aufbrach, fühlte sich mancher der ehrsamen Meister nicht eben sicher auf den Füßen, namentlich der neugebackene Hofschneider schwankte bedenklich und nahm den dargebotenen Arm des ausgepichten Hofmetzgers mit großem Dank an.

Hinter der alten Stadtmauer befand sich eine Gasse, wo nur wenige Häuser zwischen Gärten und Gemüsefeldern standen. In diese Gasse bog der Metzger mit seinem Freund ein, erstens weil dies der nächste Weg nach Hause war, und zweitens weil dort die Luft frisch von den Bergen wehte und deshalb ganz geeignet war, erhitzte Köpfe abzukühlen.

Durch zerrissene Wolken flimmerte die schmale Mondsichel, und der Wind blähte den Mantelkragen des Hofschneiders auf wie ein Segel. Dieser hing schwer am Arm seines Führers und gab demselben Belehrung über Natur und Wesen der Geister im Allgemeinen und der Ahnfrauen im Besonderen.

Da wurden Schritte hörbar, und aus einem Gäßchen tauchte eine dunkle Gestalt auf. Wie auf Kommando standen Hofmetzger und Hofschneider still. Die Gestalt kam mit langen Schritten näher. Der Schneider zitterte wie ein Märzhase und zog seinen Begleiter in eine dunkle Ecke. Jetzt trat der Mond hinter den Wolken hervor und beleuchtete den Herankommenden. Er war in ein dunkles Gewand gehüllt, welches durch einen Strick zusammengehalten wurde, den Kopf bedeckte eine spitzige Kapuze.

»Alle guten Geister!« stammelte der Hofschneider, »der verwunschene Mönch!«

»Still,« raunte der Hofmetzger, dessen gewaltige Glieder gleichfalls wie Espenlaub zitterten. »Sprecht ein Gebet, Hofschneider, oder es ist mit uns Matthäi am letzten.«

Der Mönch trat an die Mauer heran und blieb einen Augenblick wie horchend stehen, dann setzte er einen Fuß in das zerbröckelte Gestein, griff mit den Händen nach oben und schwang sich behend auf die Mauer. Droben blieb er ein paar Sekunden rittlings sitzen und glitt dann leise auf der anderen Seite hinab.

Kaum war er verschwunden, so machte der dicke Hofmetzger Kehrt und sprang trotz seiner Schwerfälligkeit mit solcher Hast voran, daß ihm der Hofschneider nur mit Mühe folgen konnte.

*

Mit dem Unheil, welches Jakob der Rabe angerichtet hatte, waren trübe Tage über die Löwenapotheke gekommen.

Als die alte Hanne erfuhr, was in ihrer Abwesenheit vorgefallen war, machte sie einen Versuch, den erzürnten Apotheker zu besänftigen. Herr Thomasius aber blieb felsenfest, und als Hanne zum äußersten Mittel griff und erklärte, das Haus verlassen zu wollen, antwortete Herr Thomasius: »Geh' Sie!« worauf Hanne blieb.

Der Magister war von seinem Waldspaziergang als ein völlig Verwandelter zurückgekehrt. Als man ihm berichtete, daß der Subjekt entlassen worden sei, weil er die Tinktur vernachlässigt habe, entgegnete er zerstreut: »Schon gut, schon gut!« Von dem zweiten Grund der Entlassung erfuhr er nichts. Daß mit Else etwas vorgegangen war, fiel ihm auch nicht auf, und die Wortkargheit und Verstörtheit des Apothekers schrieb er einzig und allein dem Unfall zu, der die Tinktur betroffen hatte. Über sein Zusammentreffen mit dem italienischen Grafen hatte er dem Apotheker noch keine Mittheilung gemacht; er ging allabendlich in die Goldene Gans und traf daselbst mit dem Fremden zusammen, aber was da gesprochen wurde, das bewahrte der Magister in seiner Brust.

Wenn er seinen Lieblingsgedanken nachhängend und Luftschlösser bauend in seinem Museo auf und ab ging, wollte es ihn wohl bedünken, als ob das Auge des gekrönten Poeten vorwurfsvoll auf ihm ruhe; aber er tröstete sich dann jedesmal mit dem Gedanken, daß er, wenn der Graf seine Verheißungen erfüllt habe, mit um so größerem Eifer zu der vernachlässigten Leier zurückkehren werde.

Else war schon nach wenigen Tagen aus ihrem Arrest entlassen worden. Herr Thomasius hatte ihr eine sehr schöne, erbauliche Rede von Jugendverirrungen und Kindespflicht gehalten, und da Else bei den väterlichen Ermahnungen viel Thränen vergossen hatte, so glaubte der Apotheker, sie beginne ihr Unrecht einzusehen und werde, wenn man ihr Zeit und Ruhe lasse, bald wieder die alte, fröhliche Else sein.

Inzwischen aber hatte er ein scharfes Auge auf die alte Hanne. Er ahnte, daß sie im Einverständniß gewesen und fürchtete, der verbannte Fritz werde sich ihrer als Liebesbotin bedienen, darum pflegte er, so oft Hanne das Haus verließ, den Lehrling in einiger Entfernung hinter ihr drein zu schicken. Auf diesen konnte er sich verlassen, denn der Lehrling, der hie und da, wenn er in der Offizin eine Dummheit begangen, von dem Subjekt scharfe Vermahnungen erhalten hatte, war diesem nicht eben hold und würde es seinem Prinzipal unfehlbar gesagt haben, wenn er die alte Hanne mit dem Baccalaureus zusammen getroffen hätte.

Else lebte in diesen Tagen wie im Traum. Sie besaß nicht den glücklichen Leichtsinn, der in dem ehemaligen Studenten Fritz Hederich wieder zum Durchbruch gekommen war und Blüthen trieb, sie trug sich nicht mit den Hoffnungen, die jener hegte, die Zukunft erschien ihr vielmehr trüb und verworren. Aber doch hatte sie etwas, an dem sie sich aufrichten konnte, das war die Zuversicht, mit welcher Fritz beim Scheiden gesagt hatte: »Du wirst doch mein.«

Du wirst doch mein – das Wort klang ihr fortwährend im Ohr, und wenn sie des Abends ihr müdes Haupt niederlegte, so flüsterte es ihr eine Stimme in's Ohr so lange, bis sie eingeschlafen war.

In der Nacht, da sich die Meister in der Goldenen Gans Gespenstergeschichten erzählt hatten, war Else wie gewöhnlich mit dem Gedanken an ihren Geliebten zur Ruhe gegangen. Sie mochte schon ein paar Stunden geschlafen haben, als ein leises Pochen an die Fensterscheiben sie aufweckte. Da sich dasselbe wiederholte, so erhob sich Else, hüllte sich in ein Tuch und öffnete muthig das Fenster.

Herr des Himmels und der Erde! Drunten im Garten stand der verwunschene Mönch und trug eine lange Stange, mit der er offenbar soeben an das Fenster geklopft hatte.

Sie wollte zurückspringen, aber der Mönch winkte eifrig mit der Hand und rief mit gedämpfter Stimme: »Else, ich bin's.«

»Um Gottes willen, Fritz, Du bist's? Was fällt Dir ein?«

»Still!« sagte Fritz, »ich mußte wissen, wie es Dir geht, darum hab' ich mich als Mönch verkleidet und bin über die Mauer gestiegen. Else, liebe Else, komm herunter, komm zu mir!«

»Wo denkst Du hin,« sagte das geängstigte Mädchen. »Fort, fort! Wenn Dich jemand sähe!«

Fritz lachte leise. »Wenn mich jemand sähe, würde er es gewiß nicht wagen, dem gespenstigen Mönch den Weg zu verlegen. Kommst Du, oder soll ich wieder gehen?«

»Nein, Fritz, ich komme nicht. Eile, eile aus dem Garten, wenn Du mich lieb hast!«

»Else, noch ein Wort. Ich vergeh', wenn ich ohne Nachricht von Dir bleibe. Schreib' mir, was bei Euch vorgeht, und gieb den Brief der alten Hanne.«

»Es geht nicht, Fritz. Die gute Hanne wird auf Schritt und Tritt bewacht. Es geht nicht.«

Der Mönch stieß zornig seine lange Bohnenstange auf den Boden.

»Dann will ich Dir etwas sagen,« sprach er nach einigem Nachdenken. »Der Magister kommt alle Abende in die Goldene Gans – der könnte –«

»Fritz, Du bist nicht wohl bei Trost!«

»Hör' mich, Else! Der Magister muß den Boten machen. Er trägt einen Mantel mit großem Kragen; unter den Kragen verbirg Deinen Brief, ich werde ihn dort finden und die Antwort an seine Stelle heften. Willst Du?«

»Fritz, das wäre sündlich!«

»Ei was, eine Kriegslist ist erlaubt. Else, wenn Du mir das abschlägst, dann« – er erhob seine Stimme – »dann weiß ich nicht, was ich thue.«

»Still, still! Gut, willst Du mir versprechen, nicht wieder verstohlener Weise in den Garten zu kommen, so will ich thun, was Du verlangst. Nun aber geh', geh', lieber Fritz!«

»Und Du hast mich noch lieb, Else?«

»Lieber als meine Augen, aber geh', geh'!«

»Gute Nacht, Else!« flüsterte Fritz und verschwand in den Büschen.

Else blieb am Fenster stehen, bis auf der Brüstung der Mauer die Mönchsgestalt sichtbar wurde. Dieselbe winkte noch einmal gegen das Fenster, und dann war die Mauer wieder leer. Else horchte noch einige Minuten mit klopfendem Herzen in die Nacht hinaus, es blieb alles still. Sie schloß das Fenster und verbarg den Kopf und ihre Angst wieder in den Kissen.

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