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Trug-Gold

Rudolf Baumbach: Trug-Gold - Kapitel 10
Quellenangabe
authorRudolf Baumbach
titleTrug-Gold
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
printrun63. bis 68. Tausend
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel.
Die Hochzeit zu Kana.

Die Ratten im Finkenburger Rathhaus hielten einen Familienrath, denn in dem großen Saal, welchen sie als ihr unbestrittenes Eigenthum betrachteten, gingen seit ein paar Tagen Dinge vor, welche ihnen den Aufenthalt verleiden mußten und den geschwänzten Familienoberhäuptern die Frage aufdrängten, ob man nicht besser thue, andere Wohnsitze zu suchen.

Wären es Wanderratten gewesen, sie hätten Angesichts der drohenden Gefahr ihre Lenden gegürtet und wären ausgezogen mit Mann und Maus, Kind und Kegel, denn diese Spezies fragt nicht woher? und wohin? sondern denkt: Ubi bene, ibi patria. So aber waren's konservative Hausratten, denen seit urvordenklichen Zeiten das Finkenburger Rathhaus erb- und eigenthümlich zugehörte, und daß diese den Ort, wo die Wiege ihrer Väter gestanden, nicht leichtsinnig aufzugeben geneigt waren, wird jedermann begreifen.

Die Ratten hielten, wie gesagt, einen Familienrath, dem der Senior des weitverzweigten Geschlechts, ein alter, eisgrauer Rattenvater, präsidirte. Er hatte statt des ansehnlichen Schwanzes, den die übrigen zur Schau trugen, nur einen kurzen Stummel, aber dieser Mangel gereichte ihm keineswegs zur Schande, im Gegentheil – wie junge Krieger den Stelzfuß eines Veteranen mit Ehrfurcht betrachten, so blickten die Rattenjünglinge auf den Schwanzstummel ihres Ältesten, hatte er doch die fehlenden Zweidrittel in einem höchst ungleichen Kampfe verloren, als ihn Peter, der Schooßkater der Bürgermeisterin, heimtückischer Weise von hinten überfiel.

Daß man gegen die Besitznahme des Rathhaussaales durch die Menschen nicht mit Gewalt einschreiten dürfe, war allen Ratten einleuchtend, eine List wollte keinem einfallen, und so entschloß man sich denn, wiewohl mit schwerem Herzen zu einer Massenauswanderung; es war nur die Frage, wohin.

Unternehmende Jünglinge, die zuweilen ausgedehnte Streifzüge in die Nachbarschaft unternahmen, rühmten die Räumlichkeiten der Goldenen Gans und malten das Wirthshausleben so reizend wie möglich aus. Ein eroberungslustiger Rattenheld hatte sogar, wie einst Cato Feigen aus Karthago, einen Wurstzipfel aus der Küche der Goldenen Gans in die Versammlung mitgebracht. Aber der Rath, so gut er übrigens schien, ward doch verworfen, weil ein Wirthshaus, allenfalls gut genug für ein Mäuseproletariat, kein standesgemäßer Aufenthalt für ein altes Rattengeschlecht sei. Auch wußten ängstliche Rattenfrauen von zwei in der Gans wohnenden Männern zu erzählen, die eine große Familienähnlichkeit mit slovakischen Rattenfängern hätten.

Hierauf schlug man die Bodenräume der Löwenapotheke vor. Aber auch dieser Antrag fiel durch. »Wie leicht könnte sich eins der Kinder an einem giftigen Kraut vergeben, und dann – Jakob der Rabe!«

Es wurde noch manches Haus in Vorschlag gebracht, aber überall hatte es irgendwo einen Haken. Da erhob sich ein Rattenvater, der bisher geschwiegen hatte, und stellte den Antrag, man solle noch ein paar Tage warten, vielleicht geschehe unterdessen etwas. Den sorgenden Familienhäuptern fiel es wie Schuppen von den Augen, und die gepreßten Herzen athmeten auf; das war ein Ausweg. Abwarten wollte man die Dinge, die da kommen würden. Die Versammlung wurde geschlossen, und die Ratten verliefen sich in ihre Löcher, um von ihrer parlamentarischen Thätigkeit auszuruhen.

Allerdings mußte jeder, der den großen Rathhaussaal gesehen hatte, wie er sonst gewesen, bei dem Anblick seiner jetzigen Gestalt zugestehen, daß das kein behaglicher Aufenthaltsort mehr für anständige Hausratten sei.

Ehemals war der Saal gewissermaßen die Rumpelkammer des Rathhauses gewesen. An den Wänden standen hohe Repositorien, angefüllt mit Acten und Urkunden. Auch hingen hier alte, gebräunte Gemälde, Bürgermeister und andere berühmte Persönlichkeiten darstellend. In den Winkeln standen, durch lederne Überzüge geschützt, die Fahnen der ehrsamen Zünfte, ferner ausgediente Nachtwächterspieße, verschiedene bei Schlägereien konfiscirte Mordwaffen und Knüppel, sowie alte Hakenbüchsen, mit denen vor Jahren die tapferen Bürger ihre Mauern vertheidigt hatten. Hier stand auch für gewöhnlich der hölzerne Marktesel, den vor Jahr und Tag der Doktor Rapontiko geziert hatte. Außerdem lagen und standen im Saal umher allerhand alter Hausrath, abgenutzte Feuereimer, unrichtiges Gemäß, falsche Waagen und Gewichte, welch' letztere Gegenstände man ihren betrügerischen Eigenthümern von Rechts wegen konfiscirt hatte; zerbrochene Harnische und anderes Gewaffen, abgetragene Monturstücke der Stadtknechte, verrostete Ketten und Handschellen, eine alte Dachrinne, Glasscherben und Schutt. Dazu waren die runden Fensterscheiben erblindet und mit Spinneweben geziert, und da hie und da eine Scheibe fehlte, so war der Eintritt in den Saal auch fliegendem Nachtgethier unverwehrt.

Man sieht aus der Beschreibung des Rathhaussaales, wie er vordem aussah, daß derselbe allerdings ein Aufenthaltsort für die Ratten war, wie ihn diese nicht besser wünschen konnten. Jetzt war's freilich anders geworden.

Eines Tages waren die Stadtknechte gekommen und hatten das Gerümpel beseitigt. Diesen folgten drei alte Weiber auf dem Fuße, welche mit Sand, Wasser und Strohwisch den Fußboden reinigten, und wieder einen Tag später begannen Zimmerleute im Hintergrunde des Saales ihr Pochen und Hämmern. Endlich hörte der Lärm auf, und als sich die beherztesten Rattenrecken in den Saal wagten, sahen sie ein großes, aus Balken und Brettern aufgeschlagenes Gerüste, welches vorn mit einem rothen Tuch verhangen war. Daß das eine Rattenfalle sei, war keine Frage.

Aber diesmal täuschten sich die Ratten doch. Das Gerüst war keine Falle, sondern nichts Geringeres, als die Bühne, auf welcher das Festspiel des Magisters Xylander, betitelt »Die Hochzeit zu Kana«, aufgeführt werden sollte.

Der Rektor Crusius hätte es zwar lieber gesehen, wenn die Komödie in der Aula des Lycei gespielt worden wäre, denn es war vorauszusehen, daß nun der Bürgermeister einen Theil der fürstlichen Huld erschnappen werde, die außerdem ungetheilt dem Lehrkörper des Lycei zugefallen wäre – aber die Aula war nun einmal nicht geräumig genug, um den Hof und die übrigen Ehrengäste zu fassen, und der Rektor mußte wohl oder übel zugeben, daß das Spiel im Rathhaus vor sich gehe. Er hatte sich's aber ausbedungen, in Gemeinschaft mit dem Bürgermeister die durchlauchtigsten Herrschaften an der Treppe empfangen zu dürfen, und das war ihm auch zugestanden worden.

Am Sonntag Abend wogte es von allen Seiten gegen das Rathhaus zu, vor dessen Eingang zwei sprühende Pechpfannen und sechs mit Hellebarden bewaffnete Stadtknechte standen. Finkenburg hatte deren eigentlich nur fünf, aber des Gleichmaßes halber war der Nachtwächter in eine Stadtknecht-Uniform eingekleidet worden, und zu seinem Ruhm muß berichtet werden, daß er sich so gut hielt, als ob er ein wirklicher Stadtsoldat sei.

Außer diesen sechs Wächtern und den beiden Pechpfannen standen noch viele gewöhnliche Menschen vor dem Rathhaus; das waren diejenigen, die keine Einladung erhalten hatten. Sie machten ihrem Ärger durch Schimpfen und Lärmen Luft und begleiteten den Eintritt jedes geladenen Bürgers mit Hohngeschrei und ungehörigen Bemerkungen.

Endlich kam ein fürstlicher Läufer angerannt. Die aufgeregte Menge ward plötzlich mäuschenstill und wich zur Seite, denn die vergoldete Staatskarosse nebst allem Zubehör rollte heran. Diejenigen, welche im Besitz einer Kopfbedeckung waren, zogen dieselbe, der Wagenschlag wurde geöffnet, der Herr Bürgermeister und der Herr Rektor bewillkommneten die hohen Gäste mit tiefen Bücklingen und geleiteten sie nach oben. Unten wogte und brauste wieder die Volksmenge, die Stadtsoldaten lehnten an ihren Spießen, und die Pechflammen sandten erstickende Rauchsäulen in die klare Abendluft.

Durch die weise Fürsorge des Herrn Bürgermeisters war die Folterkammer zur Garderobe hergerichtet worden. Dort entledigten sich die Herrschaften ihrer Mäntel und traten dann, geleitet vom Bürgermeister und vom Rektor, in den festlich geschmückten Saal, der von vierundzwanzig dicken Unschlittkerzen glänzend beleuchtet war.

Bei dem Eintritt des Hofes erhob sich Alles von den Sitzen, und für ein paar Augenblicke war von all' den Kratzfüßen ein Scharren im Saale, daß man sich in einen Pferdestall versetzt glaubte. O, sie hatten Lebensart, die Finkenburger!

Das fürstliche Paar und der kleine Prinz nickten nach allen Seiten und nahmen dann der Bühne gegenüber ihre Plätze ein. Rechts und links von den Durchlauchtigsten stand und saß das Gefolge, bestehend aus den Edelleuten der Stadt und der Umgegend.

Auf beiden Seiten des Saales befanden sich die Sitze der geladenen Bürger. Die Frau Bürgermeisterin thronte mit Käthe, ihrer Tochter, und Else Thomasius in der vordersten Reihe, woselbst auch die Frau Rektorin zwischen den Ehefrauen des Konrektors und des Tertius Platz genommen hatte. Auch der dicke Metzgermeister nebst seiner nicht minder wohlbeleibten Frau Liebsten, sowie die anderen Altmeister, waren zugegen.

Der Raum, welchen die Bürgerschaft inne hatte, war durch eine rothe Schnur abgegrenzt, über die rothe Schnur hinüber flogen die feurigen Blicke der Kavaliere nach den schönen Bürgerstöchtern, ja, die unternehmendsten Edelleute traten sogar hart an die Schnur heran und knüpften Gespräche an mit dem erröthenden Gretchen, Käthchen, Lottchen, Lieschen, über welche Auszeichnung manches Mutterauge erglänzte und manche bürgerliche Faust sich ballte; aber nur in der Rocktasche.

Es ging sehr laut im Saale her. Fürst Rochus unterhielt sich mit dem Bürgermeister, während dem Rektor die Ehre zu Theil geworden war, der Fürstin und dem kleinen Prinzen über dies und jenes Auskunft zu ertheilen. Er that dies mit großer Würde, jeder Zoll ein Rektor, und schielte zuweilen nach seiner Ehehälfte hinüber, die sich mit jeder Sekunde mehr aufblähte.

Da ertönte eine Klingel zum Zeichen, daß das Spiel beginne, es wurde mäuschenstill im Saal, und aller Augen richteten sich erwartungsvoll auf den Vorhang, der langsam emporrollte.

Auf der Bühne stand der Magister Xylander. Er trug ein reiches Kleid, eine große Perrücke und einen Degen mit weißer Scheide.

Weiß sind Gelehrter Degenscheiden,
Denn Unschuld pflegt sich weiß zu kleiden.

Der Magister sah blaß aus, und seine Hand, die eine Papierrolle hielt, zitterte ein wenig. Er machte drei tiefe Bücklinge, wobei er die Linke auf's Herz legte und mit dem rechten Fuß zierlich auskratzte, und hub an, einen sauber zugerichteten Prolog zu sprechen. Am Schluß machte er wieder drei Verbeugungen, und der Vorhang fiel, jedoch nur, um sich sogleich wieder zu heben.

Auf der Bühne standen jetzt links ein Dutzend großer, steinerner Krüge, rechts eine Gestalt in der Tracht eines wohlhabenden Bürgers.

»Des Kupferschmieds Gottlieb,« flüsterte man im Saal. Des Kupferschmieds Gottlieb, seines Zeichens ein Selektaner, trug einen großen Strauß von Sternblumen und Rosmarin am Busen, denn er stellte den Brautvater dar. Er verneigte sich vor den Herrschaften, wurde roth und begann dann mit leiser, schüchterner Stimme:

»Gekommen endlich ist die frohe Zeit.
Da meine Tochter einen Gatten freit –«

»Lauter!« zischte Herr Xylander aus seinem Winkel, und mit etwas stärkerer Stimme fuhr der Brautvater fort:

»Bereits ist ohne alle Müh' und Noth
Geschehn das dritt' und letzte Aufgebot,
Und heut im Tempel wechseln sie die Ringe.
Drum bin ich wohlgemuth und guter Dinge –«

»Noch lauter,« raunte der Magister dem Selektaner zu, »Er kann ja sonst schreien wie ein Zahnbrecher.«

Und Gottlieb, der mittlerweile Muth gefaßt hatte, kreischte in den Saal hinaus:

»Mein Töchterlein ist schön und tugendreich,
Und meinem Tochtermann kann's keiner bieten,
Er ist der erste unter allen Jüden.«

»Hand auf's Herz!« erinnerte der Magister, und der Brautvater legte die Hand auf's Herz, indem er seinen Monolog mit den Worten schloß:

»Der ist fürwahr ein hochbeglückter Mann,
Der solche Kind' sein eigen nennen kann.«

Jetzt trat der Speisemeister, ein dicker, rothwangiger Junge, mit den Worten auf:

»Gelobt sei Jesus Christus, unser Herr!«

Brautvater:

»In Ewigkeit; Speisemeister, was ist Dein Begehr?«

Speisemeister:

»Dir anzusagen, daß zur Festlichkeit,
Jedwedes Ding, so Speis' und Trank bereit.«

Brautvater:

»Ich will es hoffen, daß Du nichts vergessen,
Die werthen Gäste sollen satt sich essen;
Vor allem aber sorge für den Wein,
Zu viel soll eher als zu wenig sein,
Zu viel des Guten kann uns heut nicht schaden!
Gar hohe Gäste hab' ich eingeladen,
Ja, reiße nur die Augen auf, mein Lieber,
Sankt Joseph kommt von Nazareth herüber,
Maria auch, die Jungfrau sündenohne,
Zur Hochzeit kommt sie mit dem ein'gen Sohne,
Mit unserm Herrn und Heiland, Jesus Christ,
Der an dem Kreuz für uns gestorben ist.«

»Amen,« ertönte es hie und da aus dem Zuschauerraum. Mehrere Weiber tasteten mit der Hand nach dem Ort, wo sie ihr Sacktuch zu tragen pflegten, denn sie konnten in den Fall kommen, des Tüchleins zu bedürfen; die Komödie ließ sich gar zu rührend an.

Dem Magister entging der Eindruck, den das Spiel auf die Zuschauer machte, nicht; er freute sich ob der Theilnahme der Anwesenden und glaubte auch, in den Gesichtern der hohen Herrschaften den Ausdruck der Befriedigung zu bemerken.

Der Speisemeister fuhr fort:

»Sei ohne Sorgen. All' die Krüge hier
Sind angefüllt mit edlem Malvasier;
Wenn hundert wollten ihre Schoppen füllen,
Sie könnten alle ihren Durst wohl stillen.
Der Noah selbst, der fromme alte Zecher,
Fänd' Weins genug für seinen großen Becher.
Wenn Deine Gäste all' den Wein vertragen,
Sie müßten Schwämme haben statt der Magen.«

»Hohoho, hahaha, hihihi!« lachte es im Saal, und der Magister sah mit wonnigem Entzücken, daß auch Serenissimus die Mundwinkel verzog.

Das Spiel nahm seinen Fortgang. Der Speisemeister las von einem langen Zettel die Anzahl der für das Hochzeitsmahl hergerichteten Kälber, Lämmer und Hühner ab und erging sich eines Breiteren über die mannigfaltigen Gerichte, so daß den Zuschauern das Wasser im Munde zusammenlief. Damit schloß der erste Aktus.

Nachdem der Vorhang wieder in die Höhe gegangen war, stellte die Bühne das Innere des Tempels dar. Im Hintergrund stand ein Altar mit Kruzifix und Kerzen; ein Katheder war zur Kanzel umgestaltet worden. Hinter der Scene schlugen zwei kleine Lyceisten abwechselnd auf einen kupfernen Kessel und eine Gießkanne; das war das Glockengeläute. Eine Zeit lang stand die Bühne leer, dann trat unter Absingung eines geistlichen Liedes der Hochzeitszug herein, voraus der Bräutigam mit der Braut. Der Lyceist, welcher die Braut darstellte, sah so allerliebst aus, daß alle Zuschauer die Hälse reckten, um den Hans Spieß in dem weißen Schleppkleid und der Brautkrone genau sehen zu können. Hans Spieß sah aber gar nicht ergriffen aus, wie dies sonst bei Bräuten der Fall ist; er ließ vielmehr seine schwarzen Augen neugierig über die Anwesenden gleiten und hatte Mühe, ernsthaft zu bleiben, als ihm der Magister mit einer Menschenfressermiene zuflüsterte:

»Augen niedergeschlagen, Spieß! Oder Er kommt sechs Stunden in den Karzer!«

Dem Brautpaar folgte der Brautvater mit den Hochzeitsgästen; den Schluß des Zuges bildete Joseph mit Maria und Jesus. Sie sahen genau so aus, wie auf dem Bild, welches in der Finkenburger Stadtkirche hing, und Joseph trug überdies zum Zeichen, daß er ein Zimmermann sei, eine Säge.

Der kleine Müller als Jungfrau Maria war sehr bleich, denn er hatte eine Höllenangst seiner groben Stimme halber, aber eben wegen seiner Blässe nahm er sich sehr gut aus. Alle überstrahlte jedoch Fritz Hederich durch seine edlen Züge und seine hohe Gestalt, die von einem blauen, faltigen Gewand umflossen war.

»Aaaah,« ertönte es im Saal. Der Fürst aber winkte den in der Nähe stehenden Rektor herbei und fragte ihn, wer der junge Mensch sei.

Leider mußte Herr Crusius berichten, daß der Darsteller des Heilands kein Lyceist, sondern ein fremder, seit Jahr und Tag hierselbst ansässiger Baccalaureus sei, der die Rolle des krank gewordenen Schülers aus Gefälligkeit für den Magister Xylander übernommen habe.

Auf den fremden, seit Jahr und Tag hier ansässigen Baccalaureus waren viele Augen gerichtet, unter andern auch zwei blaue, die der blonden Else angehörten.

»Euer Subjekt,« flüsterte ihr Bürgermeisters Käthe in's Ohr, »sieht nicht übel aus.«

Nicht übel! Else warf der Sprecherin einen vernichtenden Blick zu. – Nicht übel! – Sie verglich Fritz Hederich mit den anwesenden Bürgerssöhnen, da war keiner, der ihm das Wasser reichte; von den hinter der rothen Schnur sitzenden Bürgern wanderte ihr Auge zu den Junkern im Gefolge des Fürsten. Freilich gab's darunter schöne, schlanke Männer, und wie biegsam und gelenkig waren ihre Rücken, aber mit Fritz Hederich konnte sich doch keiner messen. Sie zog zum Vergleich noch einen heran, der gegenwärtig nicht sichtbar war, weil er hinter der Scene Acht geben mußte, daß alles ordentlich herging, und sie seufzte so tief auf, daß sich mehrere Hälse nach ihr drehten, und Bürgermeisters Käthe fragte, was ihr fehle.

Mittlerweile hatte auf der Bühne die Handlung begonnen; das Brautpaar kniete am Altar nieder und wurde feierlich eingesegnet. Diese Scene hatte dem Magister Xylander große Schwierigkeiten gemacht, denn die Trauformeln, wie sie der Katechismus vorschreibt, in Verse zu bringen, war kein Spaß.

Alles lief gut ab. Der Hohepriester Kaiphas, der im schwarzen Chorrock mit weißen Bäffchen die Trauung vollzog, fragte am Schluß seiner Rede den Bräutigam:

»Willst Du zum Ehgemahle diese da,
Bekräftige es mit einem lauten Ja!«

»Ja,« würgte der Bräutigam hervor.

Dieselbe Frage ward hierauf mit der nöthigen Abänderung der Braut vorgelegt, und Hans Spieß nickte seelenvergnügt mit dem Kopf, indem er sein Ja so laut und vernehmlich in den Saal hinausschmetterte, daß alles auflachte und der Magister vor Wuth mit den Zähnen knirschte.

»So nehmt denn meinen Segen hin, ihr Beiden!
Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden.«

sagte der Hohepriester und legte die Hände auf das Haupt des Brautpaares.

»Rührung, Rührung!« zischelte der Magister, und auf dies Kommando schluchzten die Lyceisten, namentlich der Brautvater ganz jämmerlich.

Jetzt war auch für die weichherzigen Zuschauerinnen der rechte Augenblick gekommen, das Tüchlein zu ziehen, und eine Weile lang war ein so erbärmliches Seufzen und Gekluckse im Saal, daß man die Worte der Darsteller nicht verstehen konnte.

Der Magister war höchst zufrieden.

Durch Gegensätze muß man wirken; dies war dem Verfasser der Komödie wohl bekannt, und deshalb hatte er die Scene, in welcher Lucifer mit seinen Gesellen agiren sollte, unmittelbar auf die Tempelscene folgen lassen. Wenn jene auf die Thränendrüsen gewirkt hatte, so reizte diese die Lachmuskeln. Die Teufelsscene war übrigens diejenige, welche bei den jugendlichen Schauspielern am meisten Anklang gefunden hatte und in den Proben stets außerordentlich gut gegangen war. Auch jetzt bei der Aufführung war die Liebe ersichtlich, mit der die Darsteller ihre Rollen spielten.

Der Boden des Theaters hatte eine Thür. Diese ward jetzt zurückgeschoben, und grelle Flammen sprühten hervor. Fritz Hederich leitete das Feuerwerk; er hatte sich seines blauen Gewandes entledigt und kommandirte zwei kleine, unterirdische Quintaner, denen auf vieles Bitten das Blitzen übertragen worden war. Die beiden Burschen waren außerordentlich aufgeregt und blitzten mit Vergeudung großer Massen von Hexenmehl, welches Fritz Hederich unentgeltlich geliefert hatte, so ungestüm und gräulich, daß dem Magister beinahe angst wurde.

Von den Blitzen umzingelt, stieg Lucifer mit sechs Teufelchen herauf. Die Höllensöhne waren in Kälberfelle eingenäht und hatten stattliche Schwänze nebst Hörnern und Krallen. Lucifer erging sich in schauderhaften Gotteslästerungen, schimpfte auf die heilige Familie wie ein Rohrsperling und forderte schließlich seine Gesellen auf, den Wein auszutrinken.

»Damit dem Herrn des Himmels und der Erde
Die Hochzeitsfreude recht versalzen werde.«

Gräulich quiekend und kreischend fielen auf dieses Geheiß die Teufel über die Weinkrüge her und tranken dieselben unter dem wiehernden Gelächter und geräuschvollen Beifall des Publikums aus.

Die übrigen mitwirkenden Lyceisten, die hinter der Scene standen, sahen mit mißgünstigen Blicken den Erfolg ihrer Kameraden. Hans Spieß, der die Braut spielte, vergoß sogar Thränen des Neides; den Erfolg der Teufel voraussehend, hatte er sich eifrig um eine Teufelsrolle bemüht, aber der unerbittliche Magister hatte ihn zur Braut verurtheilt. Hans Spieß nahm sich im Stillen vor, dem Magister demnächst einen Possen zu spielen.

Dieser ließ freudetrunken seinen Blick über die tobende, jubelnde Zuschauermenge gleiten und dankte im Stillen dem Baccalaureus, in dessen Kopf der Gedanke, den Wein durch Teufel austrinken zu lassen, entstanden war.

Die Sache hätte aber um ein Haar eine üble Wendung genommen, der kleine Prinz nämlich, der zwischen seinen erlauchten Eltern saß, fing, als die Teufel gar zu toll schrieen und herumsprangen, zu weinen an, erst leise, dann aber, als niemand dies bemerkte, lauter; und endlich zeterte er in den Saal hinaus, daß der ganze Hof zusammenlief, um die kleine schreiende Durchlaucht zu beschwichtigen. Glücklicher Weise gelang es, durch Zuckerwerk die Thränen des Prinzen zu stillen, und der Magister, dem das Herz für ein paar Augenblicke stillgestanden hatte, athmete wieder auf. Er war aber doch herzlich froh, als die Teufelsscene zu Ende war, und er verstand den Blick, den ihm der Rektor Crusius zuwarf, recht wohl.

Es folgte nun der letzte Actus, das Festmahl und die Verwandlung des Wassers in Wein. Fritz Hederich, der als Apothekersubjekt vortrefflich mit Panschereien umzugehen wußte, bewerkstelligte das Wunder mit großer Geschicklichkeit. Es ging auch alles gut ab. Die Braut schaute in Folge ihres über den Erfolg der Teufel gehabten Ärgers nicht mehr so übermüthig drein, und der kleine Müller krächzte nicht allzu rauh, als er zu Jesus sprach:

»Mein Sohn, die Krüge hier sind alle leer,
Die Juden haben keinen Wein nicht mehr.«

Die Komödie neigte sich ihrem Ende zu. Der Wein ward gebührendermaßen gelobt und getrunken, die Tafel wurde aufgehoben, und nun hätte eigentlich der Tanz kommen müssen. Wirklich traten auch Musikanten hervor, und der Speisemeister näherte sich dem Heiland mit den Worten:

»Erlaubt, o Herr, daß wir zum Tanz uns rüsten,
Die städt'schen Geiger und die Zinkenisten
Sie stimmen schon die Zinken und die Geigen,
Um aufzuspielen zu dem Hochzeitsreigen.«

Der Oberstkämmerer und der Rektor blickten sich bestürzt an. Sollte der Magister sich erdreisten? Herr Crusius schickte sich schon an, einzuschreiten, da aber nahm die Sache plötzlich eine andere Wendung. Jesus antwortete nämlich auf die Anfrage des Speisemeisters:

»Musik und Tanz? Hab' ich verstanden recht?
Ei, ei. Du frommer und getreuer Knecht!
Hast Du vergessen ganz, daß Baß und Geigen
Des Trauertages halber müssen schweigen?«

Der Oberstkämmerer und der Rektor athmeten beruhigt auf, dem Fürsten aber schien diese Aufmerksamkeit außerordentlich zu gefallen, er nickte höchst gnädig mehrmals mit dem Kopf und fuhr dann mit dem Ärmel über die Augen. Auch die Fürstin machte ihrem Gemahl zu Liebe ein ergriffenes Gesicht, und als die Herren und Damen vom Hofe die Rührung des Fürstenpaares sahen, beeilten sie sich gleichfalls, ihre Gesichter in betrübte Falten zu legen, was auch allen sehr gut gelang. Es versteht sich von selbst, daß sich die Rührung des Hofes auch auf die Bürger fortpflanzte, und die letzten Verse der Komödie wurden durch das Geschluchze im Saal verschlungen.

Der Magister warf einen Blick des Dankes nach der Decke des Saales und gab den Schauspielern das Zeichen, die Bühne zu verlassen. Braut und Bräutigam, Brautvater und Hochzeitsgäste zogen ab, und auf die verödete Bühne trat der Magister, um den Epilog zu sprechen.

Als er geendigt hatte, gab Serenissimus selber das Zeichen zum Beifall, und die Hände der Cavaliere, mehr aber die der ehrsamen Bürger hinter der rothen Schnur schlugen klatschend zusammen, daß die Ratten in ihren tiefsten Schlupfwinkeln erzitterten.

Kaum war der Magister Xylander abgetreten, so erschien mit freudestrahlendem Gesicht der Rektor Crusius, drückte ihm die Hand und sagte mit feierlichem Ton:

»Unser durchlauchtigster Fürst will Euch sprechen.«

Der Magister stand vor dem hohen Herrn mit niedergeschlagenen Augen und einem himmlischen Lächeln auf den Lippen. Alle Zuschauer erhoben sich, um recht genau zu sehen und zu hören, was jetzt kommen würde.

»Unser Magister Xylander,« stellte der Rektor mit gönnerhafter Miene vor.

Der Fürst reichte ihm leutselig die Hand.

»Er hat mich außerordentlich delektirt mit Seiner Komödia,« sprach er; »hat Er das Alles selbst gedichtet?«

»Zu Befehl, Durchlaucht, das heißt, der Gedanke ist von meinem Freunde Hederich, demselben, der den Heiland gespielt hat, ausgegangen.«

»Wo steckt denn der Hederich?« fragte der Fürst, und alsbald mußte Fritz herbei. Er trug noch das faltige Gewand und verneigte sich mit Anstand vor den Fürstlichkeiten.

Der Fürst ließ sein Auge mit Wohlgefallen auf der Gestalt des Baccalaureus ruhen; er richtete auch an ihn einige freundliche Worte, und der kleine Prinz mußte ihm die Hand geben.

Sodann verlangte Serenissimus die übrigen Komödianten zu sehen. Sie zogen im Gänsemarsch heran, und jeder erhielt ein anerkennendes Wort; Hans Spieß und der kleine Müller genossen vor den andern die Ehre, von der Frau Fürstin angesprochen zu werden, sie sahen gar zu hübsch aus. Hans Spieß gab dreist auf alle Fragen Bescheid, als aber der kleine Müller, der sich nunmehr frei von allem Zwang glaubte, mit seiner groben Stimme ein »Schön Dank, allergnädigste Frau!« krächzte, da entsetzten sich die Damen nicht wenig über die Korporalstimme in der Jungfrauenhülle, und der arme, kleine Müller schlich gekränkt von hinnen.

Lucifer mit seinen Gesellen präsentirte sich gleichfalls, und jetzt war der kleine Prinz so kühn, jedem der Teufel einen herzhaften Handschlag zu geben.

Der Fürst winkte hierauf den Rektor herbei und sprach leise mit ihm. Hans Spieß, der in der Nähe geblieben war und die Ohren gewaltig spitzte, glaubte etwas wie »Bratwurst und Bier« vernommen zu haben und verkündigte es flugs seinen Kameraden. Schließlich wandte sich der Fürst noch einmal an den Magister, der neben Fritz Hederich stand, und sagte:

»Lieber Magister, Wir bleiben Ihm in Gnaden gewogen und werden hoffentlich bald in die Lage kommen, Ihm und Seinem Famulo da (er zeigte auf Fritz Hederich) Unsern Dank beweisen zu können.«

Das war Himmelsmusik in den Ohren des Magisters; er machte einen tiefen, tiefen Bückling, die übrigen Anwesenden verneigten sich gleichfalls, und unter dem Scharren von mehreren hundert Stiefelsohlen entfernte sich der Hof.

Der Magister hatte sich eigentlich vorgenommen, jetzt einige Verstöße zu ahnden, aber die Huld des Fürsten hatte versöhnliche Gefühle in seinem Busen wachgerufen, und er hatte nur Worte des Lobes für die Lyceisten.

Fritz Hederich entledigte sich seiner langen Gewänder und war im Begriff zu gehen, als der Bürgermeister und der Rektor, die den Herrschaften das Geleit gegeben hatten, in den Saal zurückkamen. Die Herren hatten beschlossen, in der Goldenen Gans eine kleine Nachfeier zu veranstalten und forderten auch den Baccalaureus auf, mitzukommen. Dieser aber entschuldigte sich, da er wußte, daß Herr Thomasius, der mittlerweile die rothe Tinktur bewacht hatte, seine Rückkehr mit Schmerzen erwartete. Er verabschiedete sich und ging nach der Löwenapotheke. Bürgermeister, Rektor und Magister strebten der Goldenen Gans zu.

Während sie dort bei einem Becher vom Besten den Abend besprachen, brachen Zimmerleute das Theater ab, und die Stadtknechte räumten all' das Gerümpel wieder ein, welches für gewöhnlich seinen Platz im Rathhaussaal hatte. Dann erloschen die Lichter, und gedeckt durch die Finsterniß wagten einige beherzte Ratten eine Rekognoscirung. Welche Freude, als sie alles wieder in der alten Verfassung fanden! Mit Windeseile kehrten sie in ihre unterirdischen Gänge zurück und meldeten, daß oben die Luft rein wäre. Und nun feierten auch die Ratten ihr Fest, tanzten und pfiffen und setzten in halsbrechenden Sprüngen über den Marktesel.

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