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Trudchens Heirat

Wilhelmine Heimburg: Trudchens Heirat - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleTrudchens Heirat
authorWilhelmine Heimburg
yearca. 1905
firstpub1894/96
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleTrudchens Heirat
pages256
created20080729
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5 »Wahrhaftig, Franz, an deiner Stelle wüßte ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte! Eine Erbschaft ist mir immer als das Ziel meiner Wünsche erschienen, aber wie mit jedem Dinge im menschlichen Leben – alles mit Unterschied. Franz, wirklich, du tust mir leid! Da hast du nun etwas Ererbtes am Halse, an das du nie gedacht hast. Ein sogenanntes Gut, ein paar hundert Morgen Äckerchen und Wiesen, etwas Wald, einen verwilderten Garten, ein vernachlässigtes Wohnhaus, als Inventar vier gallige, spatlahme Andalusier, sechs spindeldürre Kühe und eine Tante als Hauptsache, die das Gallige und Spindeldürre in ihrer angenehmen Persönlichkeit zu vereinigen scheint. – Menschenkind, so ringe doch wenigstens die Hände oder schimpfe, oder tue irgend etwas dergleichen, aber stehe nicht so einher wie die stumme Verzweiflung selbst!«

Amtsrichter Weishaupt sprach diese Worte im komischen Zorn zu seinem gegenübersitzenden Freund, dem Assessor Linden. Vor ihnen auf dem Tische stand eine Rheinweinflasche nebst Gläsern, und auf dieser bereits geleerten Flasche hafteten 6 die Augen des Angeredeten mit nachdenklichem Ausdruck, als könne er von dem Etikett eine Antwort ablesen.

Es war ein großes Zimmer, in dem sich die beiden befanden, eine Art Gartensaal, unendlich altmodisch und einfach ausgestattet mit zwei birkenen Eckschränken, wie sie zu Großmutterzeiten die jetzigen vornehmen Kredenztische vertraten und anstatt kostbarer Majoliken die vergoldeten buntbemalten Porzellantassen hinter ihren Glasscheiben sehen ließen, mit einem großen Sofa, dessen schwarzer Roßhaarbezug gar keinen Gedanken an ein behaglich-molliges Ruhestündchen aufkommen ließ, mit sechs rührend einfach konstruierten Rohrstühlen, die um den großen Tisch standen, und endlich mit mehr als zweifelhaften Familienporträten, unter denen besonders das Pastellbildnis einer blondgelockten jugendlichen Schönheit auffiel, deren unendlich kleiner Mund wie verlegen lächelte, als wollte sie sagen: »Glaubt mir nur, ganz so dumm habe ich in Wirklichkeit nicht ausgesehen!« Und über all dieses verbreiteten orangegelbe Fenstervorhänge ein eigentümlich unangenehmes Licht.

Die Tür des Zimmers stand geöffnet und, wie entschädigend für alle Geschmacklosigkeiten, bot sich dem Auge eine wunderliebliche Aussicht. Hohe, bewaldete Bergkuppen, mit üppigem Laubwald bedeckt, dessen ernstes Grün der Herbst schon in leuchtende Farben verwandelt hatte, bildeten den 7 Hintergrund. In nächster Nähe der Garten, malerisch genug in seiner Verwilderung; und hinter den Bäumen hervorschimmernd die roten Ziegeldächer des Dorfes. Und das Ganze verschleiert von dem feinen Hauch eines Oktobermorgens, dessen die Sonne noch nicht Herr werden konnte. Mit der herben, reinen Luft aber wehte anmutend der taktmäßige Schall der Dreschflegel herüber, die auf der Tenne des Gutes geschwungen wurden.

Von der Weinflasche war das dunkle Auge des jungen Mannes hinausgeschweift. Er sprang plötzlich empor und trat in die Tür.

»Und trotz alledem, Richard, es ist ein reizendes Fleckchen Erde«, sagte er warm, »ich habe für Norddeutschland immer große Sympathien gehabt. Glaube mir, der Faust liest sich hier noch einmal so gut, wo der Brocken dort herüberschaut. Ich bitte dich, krächze nicht mehr wie ein Unglücksrabe! Ich werde Frankfurt nie vergessen, aber auch nicht allzusehr vermissen – hoffe ich.«

»Na, Gott bewahre!« scherzte der Kleine, noch immer mit dem leeren Weinglase spielend, »du willst mir doch nicht weismachen –«

Aber Linden unterbrach ihn: »Ich will dir gar nichts weismachen, ich will versuchen, ein Landwirt zu werden, und ich will dies nicht nur, weil ich muß, Richard – mir ist wirklich in dem alten Neste ganz behaglich; ergo höre auf, mein Alterchen.«

»Na, Glück zu!« erwiderte der andere, neben den 8 Freund tretend und fast zärtlich in das hübsche Männergesicht schauend. »Ich habe ja im allgemeinen nichts einzuwenden gegen dieses Gutsbesitzerspiel, wenn ich nur wüßte wie und wo –. Siehst du, Franz, wäre ich nicht solch ein armer Schlucker, ich sagte dir sofort, ›hier, mein Junge, hast du ein Kapital von soundsoviel. Nun fange einmal an, das veraltete lotterige Ding in Zug zu bringen‹. – So, wie es jetzt ist, kann's nicht bleiben. Aber – na, du weißt«, schloß er mit einem Seufzer.

Franz Linden hatte abermals keine Antwort, aber er pfiff leise eine lustige Melodie, wie er immer tat, wenn er unangenehme Gedanken verscheuchen wollte.

»Ja, pfeife nur«, murmelte der Kleine, »es wird die einzige Musik sein, die du hier zu hören bekommst – oder etwa noch eine knarrende Stubentür oder das Konzert einer höchst respektablen Mäusefamilie, die sich in deinem Zimmer angesiedelt hat. Brr – Franz! Jetzt denke dir dieses einsame Nest im Winter – auf den Bergen Schnee, auf der Straße Schnee, im Garten Schnee und in der Luft weißes Gewimmel – Herr Gott, was willst du die langen Abende hindurch beginnen, an denen wir sonst im Taunus, auf der Bockenheimer Gasse saßen oder im Theater? Wer soll hier Skat mit dir spielen? Für wen willst du deine vielbewunderten Gedichte machen? In der Dorfschenke 9 werden sie sicher nicht verstanden. – Ach, wenn ich dich so ansehe, du hier allein, versauernd und Sorgen dazu!« Er seufzte.

»Ich will dir etwas sagen, Franz, Scherz in die Ecke«, fuhr er fort, »du wirst heiraten müssen! Und da gebe ich dir den Rat, tue bei dieser Angelegenheit deinen Idealen ein wenig Zwang an. Sieh ab von elfengleichem Wuchs, sinnigen Augen und holdester Weiblichkeit – zugunsten eines anderen Vorzuges, der durch nichts zu ersetzen ist in unserem prosaischen Leben. Bringe mir kein armes Mädchen, Franz, und wäre sie die Perle aller Weltteile. In deiner Lage würde es einfach Torheit sein, eine Sünde an dir und allen deinen Nachkommen. – Es schadet rein gar nichts, wenn deine hübschen Reime nicht auf sie passen – du wirst auch die Schönste nicht ewig andichten. – Jammervoll!«

Er stiebte die Asche seiner Zigarre ab. »In Frankfurt – hättest du ernstlich gewollt – war was zu machen. Aber du hast dich von den koketten Augen der kleinen Thea völlig blenden lassen. Wie oft habe ich mich damals geärgert! – Wenn der Mensch über die Fünfundzwanzig hinaus ist, sollte er wahrhaftig vernünftiger werden!«

Franz Linden schwieg beharrlich, und der Kleine wußte sofort, daß er, wie er sich auszudrücken pflegte, in den Fettopf getreten hatte. »Na, Franz, laß gut sein«, scherzte er, »hier gibt's vielleicht auch reiche Mädchen.«

10 »Ei gewiß, mein Herr, ei gewiß«, klang es hinter ihnen, »reiche Mädchen und hübsche Mädchen. Unsere alte Stadt ist von jeher dafür berühmt gewesen.«

Beide Herren wandten sich nach dem Sprecher um; der Amtsrichter nur, um mit einem ärgerlichen Achselzucken sofort wieder in die Gegend hinauszuschauen, Franz Linden, um ihn höflich zu begrüßen.

»Ich bringe die gewünschten Notizen«, fuhr der Eingetretene fort, ein kleiner Mann in den fünfziger Jahren, mit einem unglaublich schmalen spitzen Gesicht, auf dem ein süßes Lächeln spielte, devot in jeder Miene, jeder Bewegung.

»Ich danke sehr, Herr Wolff«, sagte Franz Linden und nahm die Papiere.

»Wenn ich sonst noch dienen kann – – Fräulein Rosalie wird bezeugen, daß ich dem verstorbenen Herrn Onkel stets ein dienstwilliger Freund gewesen –«

»Ich bin völlig fremd hier«, erwiderte der junge Hausherr, »es kann wohl sein, daß ich Ihrer Hilfe bedarf.«

»Größte Ehre, Herr Linden! Ja, und wie gesagt, sollten Sie in der Stadt Bekanntschaften suchen – da sind die Tubmanns, die Schenks, die Meiers und Hellborns, und vor allem die Baumhagens. Reiche und angenehme Häuser, Herr Linden – werden mit offenen Armen 11 aufgenommen, ist immer Mangel an liebenswürdigen Kavalieren in der kleinen Stadt. Die Herren von der Kavallerie – Sie wissen schon – ein wenig oben hinaus, wollen sich lediglich amüsieren; – – ich bin gern erbötig, falls Sie – –«

Der Amtsrichter unterbrach ihn mit einem gewaltigen Räuspern. »Franz«, sagte er trocken, »was ist das für ein Turm dort drüben auf dem Berge? Du hast ja gestern die Generalstabskarte studiert.«

»Die Hubertushöhe«, erwiderte der junge Mann, zu ihm tretend.

»Gehört dem Freiherrn von Lobersberg«, mischte sich Herr Wolff ein.

»Interessiert mich gar nicht«, murmelte der Amtsrichter und fixierte, in Ermangelung eines Fernrohres, den Turm durch die hohle Hand.

»Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen«, schnarrte Wolff, »muß noch hinüber nach Lobersberg.«

Der Amtsrichter nickte kurz; Linden begleitete den Agenten bis zur Tür und kam dann langsam zurück.

»Nun erkläre mir, bitte«, fuhr der Freund auf ihn los, »wie kommst du zu diesem Menschen – was sage ich – zu dieser Ratte, die sich so unaufgefordert in deine Angelegenheiten drängt?«

Die dunklen Augen Franz Lindens sahen wie erstaunt in das ärgerliche Antlitz des Amtsrichters.

»Je nun, Richard, er ist des verstorbenen Onkels 12 rechte Hand gewesen, sozusagen sein Faktotum, und schließlich – er darf wohl ein Wörtchen mitreden, da er leider Gottes eine große Hypothek auf Niendorf stehen hat.«

»Das berechtigt ihn noch nicht zu dem aufdringlichen Gebaren, das der Mann dir gegenüber entfaltet«, sagte der Kleine.

»I, Kreisrichterchen«, entschuldigte der junge Mann, »er hält mich für einen Neuling, für einen Ignoranten in dem heiligen Getriebe einer Landwirtschaft. Du – –«

»Und ich halte ihn für einen dunklen Ehrenmann! Und wenn wir uns wieder einmal sprechen, Goldsohn, wirst du mir sagen: ›Richard, weiß Gott, du hattest recht mit diesem Menschen, der Kerl ist ein Spitzbube!‹«

»Weißt du«, erklärte Franz Linden, zwischen Scherz und Ernst schwankend, »ich wollte, ich hätte dich ruhig in deiner Wohnung am Goethe-Platz gelassen. Du bist imstande, mir mit deinen morosen Ansichten alles, alles hier zu verekeln. Komm, wir wollen einen Gang machen durch den Garten, dann wird es leider Zeit sein, daß du zur Bahn mußt, wenn du allerwegen noch den Kurierzug erreichen willst.«

Er nahm des brummenden Freundes Arm und zog ihn mit sich, hinunter in die verschlungenen Wege, auf denen schon das welke Laub der Bäume lag.

13 »Ich bin überzeugt, der Kerl hat ein Heiratsbüro«, murmelte ingrimmig der Amtsrichter.

Als sie um die Ecke eines verwilderten Bosketts gingen, sahen sie jenseits des kleinen, ganz mit Wasserlinsen bedeckten Teiches eine alte Frau langsam dahinschreiten.

»Ich bitte dich um Gottes willen«, begann der Kleine wieder, »sieh dir diese Gestalt an, diese Haube mit der ungeheuren Trauerschleife, dieses wunderliche Kleid mit einer Taille, die unter den Armen sitzt. Und wie malerisch trägt sie den schwarzen Schal – weiß der Himmel, sie hat einen roten Parapluie! Goldsohn, den benutzt sie vermutlich, um am ersten Mai auf Urlaub zu gehen, respektive zu reiten; brr – und das ist deine einzige Gesellschaft!«

In der Tat, sie sah wunderlich aus, diese alte Frau, wie sie so voller Grandezza dahinwandelte, als sei eins der verblichenen Pastellbilder aus dem Gartensaal wieder lebendig geworden.

»Soll ich sie rufen?« fragte lächelnd Franz Linden.

»Der Himmel bewahre uns!« wehrte der andere. »Mir ist die Nähe des Blocksberges wirklich unheimlich, dein Herr Wolff sieht aus wie Mephisto, und diese – nun, ich habe es eben angedeutet: sie ist eine peinliche Zugabe für dich, Franz.«

Die wunderliche Frauengestalt war längst hinter den Büschen verschwunden, als der junge Mann 14 endlich wie verloren antwortete: »Du siehst zu schwarz, Richard – inwiefern könnte dieses alte, dem Grabe zuwankende Menschenkind lästig sein? Sie lebt förmlich verschollen in ihrem Erkerstübchen.«

»Nun, ich taxiere sie darauf, daß sie dich alle Augenblicke um etwas bitten wird – wenn sie friert, heizt der Ofen nicht gut, wenn sie Reißen hat, wirst du ihr eine Katze schießen müssen. Sie wird sich in deine Angelegenheiten mengen, deine Sachen verlegen und dir zahllose kleine Verdrießlichkeiten bereiten. Oh, alte Tanten sind eigens dazu erfunden, ihre Mitmenschen zu quälen. Aber es schadet nichts, koche du dir nur einen recht großen Topf voll Zuckerguß und glasiere alles damit. 's wird nötig sein. – Ich glaube aber, Franz, es ist Zeit, der Eilzug wartet nicht.«

Der Angeredete sah nach der Uhr, nickte mit dem Kopfe und ging eilig dem Hause zu, um das Anspannen zu bestellen.

Gedankenschwer folgte ihm der Freund. Endlich stieß er ein halblautes »Donnerwetter!« heraus. »So ein Bild von einem Jungen«, räsonierte er innerlich weiter, »soll hier Hungerpfoten saugen auf dieser Bauernklitsche? Was wird er überhaupt für eine Rolle spielen unter den reichen Grundbesitzern dieses gesegneten Landstriches? Hätte doch der Selige Gott weiß wen zum Erben auserkoren, nur den nicht – soll sich's auch noch zur Ehre schätzen! Was hätte er für Karriere machen können! 15 Versauern und verbauern wird er hier, und diese – hole der Henker das ganze Niendorf! Hätte ich ihn nur wieder daheim im lustigen Frankfurt – Herrrr, es ist – –«

Ein Viertelstündchen später saßen die Freunde in einem etwas altmodischen Gefährt und rollten der Kreisstadt zu. Hinter ihnen versank das stille Harzdörfchen, und eine vieltürmige Stadt zeigte sich am Horizont ihren Blicken. Allzu weit hatten sie nicht zu fahren, in Zeit einer Stunde war das Ziel erreicht, und der Wagen hielt vor dem stattlichen Bahnhofsgebäude. So schweigend wie sie gekommen, wurde Billett und Gepäck besorgt, und erst auf dem Perron begann Linden zu sprechen.

»Grüß mir Frankfurt, Richard, und die Kollegen. Schreibe mir auch mal, wenn du Zeit hast. Sorge, daß ich meine Möbel und Bücher bald bekomme, und nun vielen Dank für deine Begleitung nach hier.«

Der Amtsrichter machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. »Wollte Gott, ich könnte dich mit zurücknehmen, Franz«, sagte er beinahe weich, »du glaubst nicht, wie du mir fehlen wirst. Mit dem Schreiben ist das so so bei mir, du kennst mich ja, du bist fixer bei der Hand damit, wirst auch mehr Zeit haben – –«

Das Pfeifen, das Rollen und Rasseln des heranbrausenden Zuges schnitt ihm das Wort ab; schon im nächsten Moment saß er in einem Coupe. »Adieu, Franz – komm noch einmal dicht heran, 16 alter Junge – sieh, wenn du in ernstlicher Verlegenheit bist, schreibe mir zuerst davon. Wenn ich auch selbst nicht in der Lage – du weißt, meine Schwester ist in guter Lage.«

Noch ein Händedruck, noch ein Blick in zwei ehrliche Männeraugen, und Franz Linden stand allein auf dem Bahnhof. Langsam wandte er sich und schritt vom Perron hinunter seinem Wagen zu. Er hatte schon den Fuß auf dem Tritt, als er sich besann und dem Kutscher befahl, im Hotel auszuspannen, er habe in der Stadt zu tun.

Er war so völlig im Bann des unbehaglichen Gefühles, das nach der Trennung von liebgewordenen Menschen das Herz erfüllt, daß er in keineswegs gehobener Stimmung die Straße zur Stadt hinabschritt. Am Eingang derselben bog er zur Seite und verfolgte einen menschenleeren Weg, der an der wohlerhaltenen alten Stadtmauer entlangführte. Wohin er wollte, wußte er selbst nicht. Er hatte gar nichts hier zu suchen, er kannte keinen Menschen, aber er mußte sich doch etwas orientieren in seiner Nachbarschaft. Sie schien in der Tat ihren Ruf als alte deutsche Kaiserstadt zu rechtfertigen. Trotzig lag das Schloß mit dem berühmten Dome auf steilem Fels: aus dem Gewirre roter spitzgiebliger Dächer ragte manch schlanker Kirchturm empor, und wie ein fester Kranz umgaben noch heute Wall und Mauern die Altstadt, regelmäßig unterbrochen durch plumpe, viereckige Warttürme.

Er freute sich über das hübsche Bild. Und wie er so dahinschritt, ließ seine Phantasie die prächtige Kaiserstadt aufwachen aus tausendjährigem Schlummer. Nach einem Weilchen blieb er stehen und sah zu einer der grauen Warten empor. »Wirklich, beinah wie das Eschenheimer Tor in Frankfurt«, sagte er halblaut, »was für wunderliche Sprünge machen die Gedanken!« – Er befand sich plötzlich wieder mitten in der Gegenwart. Noch vor kaum vier Wochen war er unter dem schönen Tor dahingegangen, ohne zu ahnen, daß er diesen Kollegen in Norddeutschland so bald schon begrüßen würde. – Gleich einem Blitze aus heiterem Himmel war diese Erbschaft gekommen, die ihn zum Besitzer von Niendorf machte. – Wie der alte Bruder seines Großvaters darauf verfallen war, gerade ihn aus der ganzen zahlreichen Verwandtschaft zum Erben einzusetzen, es blieb fast ein Rätsel und ließ sich nur auf die besondere Zuneigung zu der Mutter des jungen Mannes zurückführen, die der alte Sonderling immer bevorzugt hatte.

Es war ihm aber beim Empfange der Nachricht gewesen, als falle ein goldener Regen in seinen Schoß. Es lebt sich schlecht in einer Millionenstadt mit dem Einkommen eines Assessors. Und dann – er hatte in dem glänzenden verwirrenden Leben dort eine Herzenswunde empfangen, und die Narbe brannte zuweilen noch. Das war, wenn an ihm eine elegante Equipage vorübersauste – schwarz 18 die Pferde, schwarz mit Silber die Livreen und im mattgrauen Fond eine Frauengestalt, dunkle Straußfedern über dem marmorweißen Gesicht, goldigbraun der üppige Haarknoten im Nacken, und ach! so fremd ihn anblickend aus den großen, blauen Augen. – Er war dann verstimmt auf Tage nach solchem Begegnen. »Eine Modepuppe, ein herzloses Weib«, nannte er sie bitter; aber er hatte doch einmal das Gegenteil geglaubt, ein ganzes Jahr lang, bis er eines Morgens ihre Verlobungsanzeige in der Hand hielt. Sie heiratete einen Bankier, einen kleinen, dicken Bankier, der ihr oft als Zielscheibe des Spottes gedient hatte. Aber, mein Gott – er hatte eine Million!

Ja, wie gern war er aus ihrer Nähe gegangen, wie hatte er sich gefreut, das ganze Getriebe der großen Welt im Rücken zu haben, wie selig hatte er an die Mutter geschrieben – und was hatte er gefunden?

Aber gleichviel! Der Verwalter, den er vorläufig angenommen hatte, schien ein tüchtiger Mensch zu sein. Er selbst wollte sich in keiner Hinsicht schonen, und dann – Wolff. Er verstand wieder nicht, was Weishaupt an dem Manne auszusetzen fand.

Er wanderte schon längst durch belebte Gassen der Stadt. Er hatte nach dem Hotel gefragt, in dem sein Kutscher ausspannen wollte. Nun betrat er den Markt, in dessen Mitte der Roland steht. Ein 19 stattliches Rathaus im Renaissancestil erhob sich im Westen des Platzes, und ihm schlossen sich würdig hohe, spitzgieblige Patrizierhäuser an: einige mit Erker geschmückt, einige stufenartig nach oben hinausgebaut, daß es aussah, als müßten sie das Übergewicht bekommen. Nur zwei bis drei Gebäude waren neueren Ursprungs, und auch bei diesen hatte man sich augenscheinlich bemüht, den mittelalterlichen Charakter festzuhalten.

Angenehm überrascht blieb Linden stehen, und sein Blick flog musternd über die Front des hohen Gebäudes, vor dem er zufällig haltgemacht hatte. Drei mächtige Stockwerke türmten sich aufeinander. Über der großen, spitzbogigen Haustür erhob sich ein zierlicher Erkerbau, der sich durch alle Etagen fortsetzte, um als stattlicher Turm sein Haupt, mit einer Windfahne geschmückt, in den blauen Oktoberhimmel zu erheben. In der Beletage zeigten die durch Säulen geteilten Erkerfenster altertümliche Butzenscheiben, jedenfalls war man dort »stilvoll« eingerichtet. Im zweiten Stock aber schimmerten reiche Spitzengardinen hinter klaren hohen Glasscheiben, und ein Flor von Fuchsien und Nelken grüßte und nickte von den außen angebrachten Blumenbrettern herunter. Nur noch ein holdes Mädchenantlitz darüber, und das lieblichste Bild wäre gegeben.

Aber es zeigte sich nichts dergleichen und noch einen Blick auf das kunstvolle Eisengeländer der 20 Treppe werfend, wandte sich der aufmerksame Beschauer ab und schritt quer über den Markt dem Hotel zu, um Mittag zu speisen. Da es schon eine späte Stunde, war er der einzige Gast in dem hübschen großen Speisesaal. So aß er ziemlich rasch und begann von neuem die Straßen der Stadt zu durchwandern.

Hinter dem Rathause kam er in ein Gewirr von engen und engsten Gäßchen, trat dann aber unter einem gewölbten Bogen unversehens hervor auf einen Platz, umstanden von hohen, halbentblätterten Lindenbäumen, die ernst und feierlich eine mächtige Kirche zu bewachen schienen. Es war, als ob hier alles Leben erstorben sei, nur einige Kinder spielten zwischen dem welken Laub, und eine alte Frau humpelte nach einem sonnigen Eckchen, sonst tiefste Ruhe ringsumher.

Eine Seitentür der Kirche stand geöffnet. Er ging hinüber und trat in die schweigende Dämmerung des Gotteshauses. Er nahm den Hut ab und betrachtete, überrascht von der edlen Einfachheit dieses Baues, die schlanken, doch kraftvoll aufstrebenden Pfeiler und das reiche Netzgewölbe des Chores. Dann schritt er den Mittelgang empor, zwischen den altersbraunen, kunstvoll geschnitzten Kirchenstühlen. Er freute sich darüber, er besaß lebhaftes Interesse für die schönen Formen der Renaissance, und er freute sich doppelt, weil er Ähnliches hier nicht gesucht hatte. Dann hielt er 21 plötzlich seine hallenden Schritte an – dort am Taufstein, über welchem mit ausgebreiteten Flügeln die weiße Taube schwebte, erblickte er drei Frauen. Zwei von ihnen schienen geringen Standes, die ältere, vermutlich die Hebamme, hielt den Täufling in beständig schaukelnder Bewegung. Die andere, im einfachen schwarzen Wollkleid und Umschlagetuch, ein junges Weib, schaute mit verweinten Augen auf das Kind. Eine dritte hatte sich zu dem Kleinen herniedergebeugt. Der Kirchendiener, der eben das Wasser in das Taufbecken goß, verdeckte sie augenblicklich völlig, und Linden sah nur die Schleppe eines dunklen seidenen Kleides auf dem Sandsteinboden.

Und jetzt tönte eine weiche, biegsame Frauenstimme in sein Ohr. »Weinen Sie nicht so viel, meine gute Johanne, Sie werden noch recht viel Freude haben an dem kleinen Würmchen – weinen Sie doch nicht! – Lieber Engelmann, benachrichtigen Sie den Herrn Oberprediger – meine Schwester scheint nicht zu kommen, sie wird Abhaltung haben. Wir wollen nicht länger warten.«

Die Sprecherin wandte sich zu der Mutter und Franz Linden sah nun voll in ein junges Mädchenantlitz. Ja, es war nicht eigentlich schön, dieses schmale Oval, überschattet von goldigbraunem, üppigem Haar; zu blaß der Teint, zu traurig der Ausdruck, den die etwas herabgezogenen Mundwinkel noch verschärften. Aber unter den 22 feingezeichneten, wenig geschwungenen Brauen sahen ein Paar tiefe blaue Augen ihn an, klar wie die eines Kindes, bittend und fragend, wie Frieden heischend für die heilige Handlung.

Es mochte wohl oft vorkommen, daß Fremde in die schöne Kirche eintraten und dadurch Störung veranlaßten – so glaubte wenigstens Franz Linden den Blick zu verstehen. Atemlos still verharrte er nun, an den alten Kirchenstuhl gelehnt, und seine Augen folgten jeder Bewegung der schlanken Mädchengestalt, wie sie jetzt das Kind in die Arme nahm und zu dem Geistlichen trat.

»Herr Oberprediger«, klang die weiche Stimme, »Sie müssen mit einem Taufzeugen vorliebnehmen, meine Schwester ist leider ausgeblieben.«

Der Geistliche hob den Kopf. »Dann könnten Sie wohl, liebe Schmidt –«, er winkte der älteren Frau zu.

Franz Linden stand plötzlich vor dem Taufsteine neben dem jungen Mädchen. Er wußte selbst nicht, wie er so rasch dahin gekommen.

»Gestatten Sie mir diese zweite Patenstelle«, sprach er. »Ich kam zufällig in die Kirche, ein landfremder Mensch. Ich möchte die erste Gelegenheit in meiner neuen Heimat, Christenpflicht zu üben, nicht versäumen.«

Er war einem Impuls gefolgt, und er wurde verstanden. Der greise Prediger nickte lächelnd. »Es ist ein armes, früh vaterlos gewordenes Kind, 23 mein Herr«, erwiderte er; »vier Wochen vor seiner Geburt verunglückte der Vater – Sie tun ein gutes Werk. – Ist es Ihnen, liebe Frau, recht?« wandte er sich zu der jungen Mutter. »Nun schön – Engelmann, so tragen Sie den Namen des Herrn Paten in das Kirchenbuch ein.«

»Karl Max Franz Linden«, sagte der junge Mann.

Und nun standen sie zusammen vor dem Prediger, die beiden, die vor einer Viertelstunde noch keine Ahnung voneinander gehabt hatten. Sie hielt das schlummernde Kind in den Armen. Sie hatte nicht emporgesehen, das lebhafte Rot der Überraschung brannte noch auf dem zarten Gesicht, und das einfache Spitzchen an dem Kissen des Täuflings zitterte leise.

Es waren nur wenig Worte, die der Geistliche sprach; wunderbar klangen sie nach in beider Herzen. Linden sah herab auf das braune tiefgesenkte Haupt neben sich, dann lagen zwei Hände auf dem ärmlichen Bettchen des Täuflings, zwei warme junge Menschenhände dicht nebeneinander, und von beider Lippen kam ein helles, klares »Ja«, die Frage des Geistlichen beantwortend. Als die Zeremonie vorüber, trug das Mädchen der weinenden Mutter das Kind zu und drückte einen Kuß auf das kleine rote Gesichtchen, dann kam sie hinüber zu Linden, und ihre Augen blickten ihn an mit einem Gemisch von Verwunderung und Dankbarkeit.

24 »Ich danke Ihnen, mein Herr«, sprach sie und legte einen Moment die schmale Hand in seine Rechte, »ich danke Ihnen im Namen der armen Frau – es war gut von Ihnen!«

Dann ein unnachahmlich stolzes Neigen des kleinen Kopfes und sie ging, leise umrauscht von der schweren Seide ihres Kleides. Dort unten an der Pforte im hellen Schein des hereinbrechenden Tageslichtes sah sie noch einmal zu ihm hinüber, der regungslos am Taufstein geblieben war, um ihr nachzuschauen. Es war, als senke sie nochmals grüßend das blasse Antlitz, dann war sie verschwunden.

Franz Linden war allein in der stillen Kirche zurückgeblieben. Wer mochte sie sein, die da eben neben ihm gestanden hatte? – Ein leises Klingeln ließ ihn sich umsehen. Der Küster mit dem Schlüsselbund trat aus der Sakristei.

»Sie wollen zuschließen, alter Freund?« sagte er zerstreut, »ich gehe schon.« Dann, wie sich besinnend, kam er ein paar Schritte zurück. »Wer war die junge Dame?« wollte er fragen, aber er brachte es nicht über die Lippen, er betrachtete nur angelegentlich die in glühenden Farben schimmernden Glasmalereien der hohen Fenster.

»Die sind einzig schön«, lobte der Küster, »und werden immer sehr bewundert. Das dort ist von 1511, der Auszug der Kinder Israels, ein Geschenk der Äbtissin Anna vom Schlosse droben. Sie soll, 25 wie man sagt, eine Vorliebe für diese Kirche gehabt haben; ist auch die schönste weit und breit herum, unsere Benedikti-Kirche.«

Franz Linden nickte. »Da mögen Sie wohl recht haben«, sagte er zerstreut. Dann händigte er dem Manne eine kleine Summe ein für den Täufling und schritt hinaus.

Bald darauf rollte sein Wagen der Heimat zu. Dunkel hoben sich die Umrisse des kleinen Gebirges vom leuchtend roten Abendhimmel, und immer näher rückte der Kirchturm von Niendorf. – Es war nichts Fremdes mehr um ihn, wie heute früh noch. Das erste leise, wonnige Bewußtsein des Heimatgefühls zog in sein Herz. Auf der Höhe wandte er sich noch einmal und sah nach der Stadt zurück. Wie längst bekannt grüßte ihn das alte Schloß – und horch! Da kam im Abendwind ein verlorener Glockenklang herübergeweht. Vielleicht vom St. Benedikti-Turm?


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