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Tropenarzt im Afrikanischen Busch

: Tropenarzt im Afrikanischen Busch - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Külz
titleTropenarzt im Afrikanischen Busch
publisherWilhelm Süsserott Verlag
addressBerlin
printrunDritte Auflage
year1943
firstpub1906
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidd4dd4523
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Abmarsch in den Busch

Bolongwe, 13. Oktober

Heute habe ich endlich meinen Spaziergang nach Jaunde angetreten. Was ich freilich dort soll, weiß ich vorläufig noch nicht. Das betrüblichste ist mir, daß ich fast ohne chirurgische Instrumente abreisen muß. Arzneien und Verbandmittel konnte ich in genügender

Menge vor einigen Tagen vorausschicken. 6 Uhr früh sammelte ich meine Träger. Unter Beschränkung auf das allernötigste Gepäck sind doch 16 Mann erforderlich geworden, von denen allein fünf auf den Transport des in der Regenzeit hier unentbehrlichen Zeltes entfallen. Rasthäuser gibt es in Kamerun noch nicht. Außer den Trägern begleitet mich ein Koch, mein Junge Malobe und der aus Jaunde stammende Peter, der als Schüler der katholischen Mission deutsch spricht, und den ich mir in den vorausgegangenen Wochen notdürftig zum Lazarettgehilfen für seine Landsleute angelernt habe. Meine Träger werde ich stets eine Stunde vorausgehen lassen, damit sie bereits am Ziel sind, wenn ich selbst ankomme. Nur Peter und Malobe folgen mir unmittelbar, ersterer ausgerüstet mit der Feldflasche, meinem Regenmantel und einem Schmetterlingsnetz, letzterer mit einer wasserdichten Segeltuchtasche für Notizbuch, kurze Pfeife und Tabak.

Dr. Z. gab mir noch 6 km in den Urwald hinein das Geleit; dann zog ich allein weiter. Soweit es bei dem andauernden Regen und den dadurch aufgeweichten Wegen möglich ist, habe ich mir vorgenommen, immer den ganzen Tagesmarsch am Vormittage zurückzulegen, um den Nachmittag mir und meinen Leuten zur Ruhe zu gönnen. Dabei kann man die tägliche Marschleistung mit Rücksicht auf die Leute nicht gut über 20-25 km bemessen.

Mein heutiges Endziel ist Bolongwe, eine kleine Niederlassung, im ganzen sechs armselige Hütten, die in einer Lichtung des dicht herantretenden Waldes erbaut sind. In unmittelbarer Nähe der Wohnungen wächst zwischen gefällten Baumstämmen auf halb gerodetem Lande, was die Insassen für ihren Lebensunterhalt brauchen: Planten, Kassada, Süßkartoffeln. Einige Hühner, Ziegen und Hunde sind ihre einzigen Haustiere. Der »Häuptling«, der nebenbei leprös ist, begrüßte mich bei meiner Ankunft und wies meinen Leuten eine baufällige Hütte zur Unterkunft an. Für mich selbst ließ ich das Zelt aufbauen.

Die Misere einer afrikanischen Buschreise habe ich schon am ersten Tage zu spüren bekommen. Durch Verwechslung sind zwei Medikamentenkisten anstatt zweier Proviantkisten vorausgegangen. Dadurch habe ich Arzeneien bei mir, anstatt der fürsorglich eingepackten Vorräte an Butter, kondensierter Milch und Kartoffeln, auf deren Genuß ich also in den nächsten Wochen verzichten muß.

Loni, 14. Oktober

Die Straße wurde heute schon bedeutend schlechter. Dabei ist sie die einzige Verbindung von der Küste nach dem Hinterlande. Aller Karawanenverkehr spielt sich auf ihr ab, und alle Europäer, die nach irgendeinem Orte des Südbezirkes reisen wollen, müssen sie wählen. Seit einigen Monaten wird mit Nachdruck der schwierige Bau dieser Straße durch die Urwaldzone betrieben. An drei verschiedenen Stellen arbeiten drei Kolonnen gleichzeitig; alle drei von früheren Pionieren geleitet. Zwei von ihnen sind mit dem Fällen von Bäumen und den Erdarbeiten beschäftigt, eine mit dem Überbrücken der Flußläufe. Auf die beiden Wegebauer mit ihren Arbeitern traf ich auf meinem heutigen Marsche.

Der eine, W., steht im Dienste der Postverwaltung, die Kribi und Jaunde mit einer Telegraphenleitung verbindet. Mit hundert Mann legt er eine 30 Meter breite Bresche in den Wald, ohne sich freilich auf den eigentlichen Bau des Weges dabei einzulassen. Diese Aufgabe liegt der anderen im Dienste der Regierung unter dem Wegebauer P. tätigen Kolonne ob, die mit ungefähr 200 Mann die Straße in einer Breite von acht Metern kunstgerecht ausbaut. Soweit das Werk bereits fertig ist, verdient es uneingeschränktes Lob. Die hier zu überwindenden Schwierigkeiten sind ganz enorme, denn die Arbeit mit den ungeschulten schwarzen Kräften besteht nicht nur darin, die dicht stehenden Baumriesen zu fällen und zur Seite zu räumen, sondern auch im Ausgraben der Wurzeln, damit nicht hervorstehende Stümpfe den später auf dieser Straße geplanten Fuhrverkehr erschweren, in der Abtragung von Bodenerhöhungen und Ausgleichung von Senkungen, im Ziehen von Wassergräben zu beiden Seiten der Straße usw.

Leider ist die Beaufsichtigung einer solchen Arbeit mit vielen gesundheitlichen Gefahren für den Europäer verbunden, denn er muß dauernd im Zelte leben und ist ständig der Gefahr der Ansteckung mit Malaria oder Dysenterie ausgesetzt, und die häufigen Durchnässungen gefährden obendrein seine Gesundheit; selbst seine Verpflegung stößt auf große Schwierigkeiten. Da die ganze Gegend nur dünn bevölkert ist, würde es mit Rücksicht auf die spätere Instandhaltung der Straßen durch den Urwald empfehlenswert sein, schon jetzt in Abständen von einigen Kilometern kleine Lichtungen neben der Straße schlagen zu lassen, um dort Eingeborene anzusiedeln, die zur Reinhaltung des Weges herangezogen werden können. Vorläufig sitzen die Mabeas abseits im Walde, und kein Mensch weiß, wieviel dort von ihnen hausen.

Gegen 10 Uhr morgens erreichte ich den Arbeitsplatz des Telegraphenbauers W., wo ich rastete. Ein heftiger Regenguß zwang mich, bis zur Mittagszeit in seinem Zelte zu verweilen. In unserer Nähe hallten die Axthiebe der arbeitenden Schwarzen durch die Waldesstille, ab und zu kündete ein lautes Krachen und das begleitende Geschrei der Neger, daß wieder einer von den Riesen zu Boden gestreckt war. W. hatte früher bereits die Telegraphenleitung von Duala nach Jabassi gelegt, ebenfalls durch unwegsames Waldgebiet. Ein eigenartiges Erlebnis, das er dabei hatte, hat ihm zu einer gewissen Berühmtheit in Kamerun verholfen.

Er war von einem Schwarzen begleitet eines Tages einem an seiner Arbeitsstelle aufgetauchten Elefanten nachgegangen; dabei hatte er sich im Urwald verirrt und konnte sich nicht wieder zu seinem Zeltplatze zurückfinden. So ist er fünf Tage umhergewandert, ohne auf eine menschliche Niederlassung zu stoßen und ohne etwas anderes zu genießen, als was der Schwarze zufällig auf den Irrgängen Eßbares im Walde fand. Auch eine Kolonne von 2000 Schwarzen, die auf die Nachricht von seinem Verschwinden aufgeboten war, ihn zu suchen, konnte keine Spur von ihm finden, und er galt bereits für verschollen. Doch seinem gesunden Verstande hatte er schließlich seine Rettung zu verdanken. Schon völlig erschöpft kam er endlich an ein großes Binnenwasser und überlegte sich, daß dieses aller Wahrscheinlichkeit nach einen Abfluß oder Zufluß haben müsse. Er machte sich mit seinem schwarzen Begleiter daran, die Ufer des Teiches abzusuchen und fand auch wirklich einen Ausfluß. Ihm ging er nach und gewahrte bald in der Ferne aufsteigenden Rauch, das Wahrzeichen menschlicher Wohnungen. Von dort aus konnte er sich wieder orientieren. Ein mehrtägiges Fieber, von dem er aber bald genas, war die einzige nachteilige Folge der unfreiwilligen Urwaldswanderung. Gleichfalls eine Verirrung im Walde, wenn auch harmloserer Art, hatte der andere Wegebauer P. erlebt. Bei ihm war ein Affe, den er während der Stunden der Mittagspause verfolgte, die Ursache des Mißgeschickes. Als er am Morgen des zweiten Tages noch nicht zurückgekehrt war, machte sich der in seiner Nähe arbeitende Brückenbauer B. mit seinen Leuten auf, ihn zu suchen und fand ihn nach einigen Stunden.

Als der Regen nachgelassen hatte, marschierte ich weiter bis Loni, wo ich heute raste. Von Straße oder Weg konnte man freilich, nicht mehr sprechen. Was ich passierte, mag zur Trockenzeit vielleicht ein schmaler Negerpfad sein, jetzt ist es eine Reihe ununterbrochen aufeinanderfolgender Pfützen und Sümpfe.

15. Oktober

Heute nachmittag sitze ich in Ndua. In den ersten Morgenstunden verhinderte wieder strömender Regen den Marsch, und von 8 bis 12 Uhr habe ich mühsam meine heutige Leistung vollbracht, die wohl nicht viel mehr als 10 km betragen mag. Es war ein ausschließlicher Wassermarsch. Der schmale, von den Eingeborenen im Laufe der Jahre ausgetretene rinnenförmige Waldpfad bildete heute eine fortlaufende Wasserrinne. Auf ihrem Boden zogen die bloßgelegten Wurzeln der Bäume entlang und machten diesen Wassersport besonders abwechslungsreich. Mehr als 2-3 km waren in der Stunde nicht zu bewältigen. Der Weg ist sicher vor hundert Jahren der gleiche gewesen wie jetzt, wenigstens nicht schlechter. Heute, wo ich mich mühsam unter den überhängenden, vom Regen triefenden Zweigen und Büschen durchzwängen mußte, ist mir auch klar geworden, warum der Kamerunneger seine Lasten auf dem Rücken trägt und nicht wie der Togoneger auf dem Kopfe.

Ndua ist das erste wirkliche Dorf, das ich seit Kribi antreffe. Es wird ungefähr 50 Hütten haben mit 100 Eingeborenen, die wohl zum Stamme der Ngumba gehören, einem den an der Küste wohnenden Mabeanegern nahe verwandten Schlage. Der Häuptling, der mir stolz mit einem schwarz-weiß-rot umränderten Schutzbriefe des Gouvernements entgegenkam, hat mir gnädig eine seiner Hütten eingeräumt, so daß ich das umständliche Aufbauen des Zeltes erspare.

Mein Quartier ist vier Schritt breit, aber dreimal so lang, so daß neben den nötigsten Koffern mein Feldbett, der Tisch und mein Langstuhl, dieses köstlichste aller afrikanischen Reisemöbel, bequem darin Platz finden. An den Wänden der Hütte hängen einige schmutzige Negerhausgeräte, darunter mehrere Körbe. In einem von ihnen brütet eine Henne und mustert neugierig den fremden Eindringling, ohne sich aber sonst durch meine Anwesenheit in ihrer nützlichen Beschäftigung stören zu lassen. Eine Glucke mit fünf piependen Küchlein hat sich unter meinem Bette niedergelassen; ab und zu stattet mir eine ebenfalls neugierige Ziege ihren Antrittsbesuch ab, um sich bald meckernd wieder zu empfehlen.

Unliebsamere Gäste meines Heimes sind die zahlreichen Moskitos und Sandfliegen. Erstere will ich gern in Kauf nehmen, aber letztere sind entsetzliche Plagegeister. Warum sie übrigens ihren Namen tragen, ist mir nicht ersichtlich, denn in sandigen Gegenden fehlen sie, während sie in sumpfigen mit Vorliebe vorhanden sind. Vielleicht tragen sie ihn wegen ihrer winzigen, an ein Sandkörnchen erinnernden Größe. Nicht einmal nachts kann man sie sich durch ein Moskitonetz vom Leibe halten, da sie selbst durch die engen Maschen des Mulls dringen. Überall zwickt es und juckt es, auch der Qualm der kurzen Pfeife nützt nichts. Ich will mich damit trösten, daß ich morgen eine Europäerniederlassung, Bipindi, zu erreichen hoffe.

Bipindi, 16. Oktober

In der vorigen Nacht hörte ich zum ersten Male in der Nähe den Trompetenruf eines Elefanten; bald darauf erhob sich ein fürchterliches Geschrei unter den Bewohnern Nduas, begleitet von Gewehrschüssen, durch die sie das Einbrechen der unwillkommenen Gäste in ihre Farmen verhindern wollten. Nach Annahme der Schwarzen war es eine Horde von acht Stück, die in nächster Nähe ihr Unwesen trieben. Trotz hellen Mondscheines konnte ich nichts von ihnen entdecken, nur die frischen Fährten, die mir nach Sonnenaufgang gezeigt wurden, und die breiten Gassen, die sie im Buschwerk niedergetreten hatten, zeugten von dem Besuch, der dem Orte bevorgestanden hatte.

Zur Mittagszeit erreichte ich Bipindihof, so hat Z., ihr Besitzer, seine Farm getauft. Seit über 20 Jahren weilt er in Afrika, davon die überwiegende Zeit in Kamerun. In der ersten Hälfte seiner Kameruner Tätigkeit war er der erste Leiter von Jaunde, der ersten ins Innere Kameruns vorgeschobenen Station. Später mußte er auf Berichte hin, die von einer im stillen arbeitenden, unbestellten Aufsichtsstelle in Berlin eingegangen waren, aus dem Regierungsdienste scheiden. Er ging trotzdem als Privatmann wieder hinaus in die ihm liebgewordene Kolonie, erwarb einen Komplex Landes am Bipindifluß, baute sich ein Haus und legte in harter Arbeit seine Plantagen für Kakao und Kaffee an. Um die Zeit bis zur Ertragsfähigkeit seiner Anpflanzungen, die eben jetzt anhebt, nutzbringend auszufüllen, hat er eine umfangreiche und wohl auch einträgliche zoologische und botanische Forscher- und Sammeltätigkeit entwickelt.

So setzt sich das Bild seines Hofes zusammen aus den Spuren der Arbeit des Pflanzers und des Naturforschers. Während Pferde, Esel, Schweine und Geflügel seinen Hof und seine Stallungen bevölkern, sind auf der Veranda seines Häuschens präparierte Vogelbälge und Tierhäute zum Trocknen aufgehängt. In einem besonderen Raume stapelt er außer den für den Export bestimmten Kakaovorräten seine wertvollen Schmetterlingssammlungen und seine umfangreichen Herbarien auf. Selbst eine kleine Staffelei mit einem begonnenen Ölgemälde, eine tropische Landschaft darstellend, sah ich auf der Veranda neben bücherbeladenen Tischen stehen. Ein afrikanisches Idyll. Drei schwarze Jungen gehen ihm bei seinen Arbeiten hilfreich zur Hand. Wegen der von der Umgebung hier drohenden Pockengefahr impfte ich sie und die gesamte schwarze Arbeiterschaft. Nach einer eingehenden Besichtigung seiner Anlagen, und nachdem wir uns an Wildschwein- und Antilopenbraten gestärkt hatten, verloren wir uns bald im Austausch von Erinnerungen an unsere gemeinsame sächsische Heimat.

 

17. Oktober

Der schlechteste Scherz, den man sich mit einem Menschen machen kann, ist sicher der, ihn während der Kameruner Regenzeit von Kribi nach Jaunde reisen zu lassen.

In der Nacht waren fast ohne Unterbrechung Regengüsse niedergegangen. Der dicht hinter Z.s Hof vorbeifließende Bipindifluß war gewaltig angeschwollen. Die Brücke, die über ihn führen soll, ist bis jetzt erst in ihrem Mauerwerke fertiggestellt, der Belag fehlt noch, so daß wir den Übergang oberhalb in einem großen Kanu bewerkstelligen mußten. Das Unternehmen war nicht ganz ungefährlich. Sechs Schwarze brachten mit ihren langen, schmalen Paddeln das Fahrzeug zunächst einige hundert Meter am Ufer entlang von der Brückenanlage weg stromaufwärts. Dann dirigierten sie es in die Mitte des Flusses, wo es von der andrängenden Strömung gefaßt und in rasender Geschwindigkeit stromabwärts dem gegenüberliegenden Ufer zugetrieben wurde. Sie hatten es absichtlich dahin gebracht, wo der Strom die Richtung nach dem jenseitigen Ufer hatte. Trotzdem war mir nicht behaglich zumute, als es mit rasender Geschwindigkeit den aus dem Wasser ragenden Brückenpfeilern entgegentrieb und erst kurz vor ihnen unsanft ans andere Ufer geworfen wurde.

Leider bin ich auch heute nur wieder ein kleines Stück vorwärtsgekommen. Schon zwei Stunden hinter Bipindi war eine Talsenkung, die wir durchqueren mußten, durch die Regenströme der Nacht völlig mit Wasser angefüllt. Ich selbst hätte sie wohl durchschwimmen können, aber meine Lasten durchzubringen ist heute unmöglich, da die Leute nirgends Grund unter den Füßen finden. So bin ich gezwungen, hier vor dem Wasser mein Zelt aufzuschlagen und abzuwarten, bis es sich so weit verlaufen hat, daß ich mit meinen Trägern hindurchkommen kann.

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