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Tropenarzt im Afrikanischen Busch

: Tropenarzt im Afrikanischen Busch - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Külz
titleTropenarzt im Afrikanischen Busch
publisherWilhelm Süsserott Verlag
addressBerlin
printrunDritte Auflage
year1943
firstpub1906
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidd4dd4523
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Abschied von Anecho

Anecho, 27. Juni

Meine liebe Frau!

Dies wird mein letzter Brief sein, den ich aus Togo an Dich schreibe, denn mein Nachfolger Dr. M. wird mit dem heute in Lome fälligen Dampfer erwartet. Gleichzeitig mit ihm wird auch Schwester F. L. wieder eintreffen, die also trotz der schweren Krankheiten, die sie den Tropen zu verdanken hatte, den Mut gefunden hat, aufs neue hierher zurückzukehren.

Mit dem nächsten Schiffe, Anfang Juli, darf, will oder muß ich nach Kamerun übersiedeln. Ich kann mich noch gar nicht recht an den Gedanken des Abschieds von hier gewöhnen. Gerade jetzt, wo ich mich eigentlich erst richtig eingelebt habe, das Vertrauen der Weißen und Schwarzen gewonnen zu haben annehmen darf, wo ich die Sprache der Küstenneger und ihre Anschauungen wirklich näher kenne, wo ich eine meiner Hauptaufgaben: die Durchimpfung der Togobevölkerung gegen die Pocken anzubahnen, der Erfüllung nahe sehe, wo wir endlich wieder Ruhe vor dem Gelbfieber haben, muß ich weichen. Zudem ist Ende Mai Graf Z. zur großen Freude der ganzen Kolonie zum Gouverneur ernannt worden und wird in einigen Wochen von seinem Heimaturlaube ins Schutzgebiet zurückkehren, das nach anderthalbjährigem Verwaistsein endlich wieder ein Oberhaupt bekommen hat. Gar viele Hoffnungen werden auf ihn gesetzt, und ich fürchte fast, die Europäer hier haben gar zu viele und verschiedenartige Wünsche, als daß er sie alle erfüllen kann.

Leicht wird mir's nicht, zu gehen. Auf der andern Seite tröste ich mich damit, daß mir durch meine Versetzung Gelegenheit geboten ist, noch ein anderes unserer deutschen Schutzgebiete näher kennenzulernen. Das Klima ist von dem Togos wohl nur wenig unterschieden, aber sonst sind, soviel ich aus Erzählungen und Schilderungen urteilen kann, Land und Leute völlig anders geartet als hier. Wohin ich dort freilich verschlagen werde, kann ich Dir heute noch nicht verraten. Ich habe zwar Anfang vorigen Monats das dortige Gouvernement um Auskunft gebeten, an welchem Platze der Kamerunküste ich landen soll, aber ich bin bis jetzt ohne Antwort geblieben. So will ich auf gut Glück nach Duala, dem Hauptplatze Kameruns, steuern und dort Nachrichten über meine Verwendung erwarten. Mein kleiner Pflegling aus dem Sudan, Kabretschuko, wird mich dorthin begleiten; ich habe mir für die Dauer meines Kameruner Aufenthaltes die Auswanderungserlaubnis für ihn erbeten und erhalten.

Die letzte Zeit ist arbeitsreich für mich geblieben. Unsere gelbe Gefahr kann zwar als beseitigt gelten, dafür muß ich aber liegengebliebene schriftliche Arbeiten nachholen. Sehr viel Sorge und Mühe hatte ich während der letzten beiden Wochen um den kleinen Kronprinzen von Sebe. Er ist jetzt sieben Monate alt und war dank einer sehr sorgfältigen Abwartung und Überwachung bisher immer gesund geblieben. Am 14. packte ihn plötzlich eine äußerst heftige Malaria. Der arme Wicht war fünf Tage lang bei sehr hoher Fiebertemperatur, die einmal sogar 41 Grad erreichte, fast unausgesetzt bewußtlos. Dazu bestanden ernste Lungen- (Katarrhalpneumonie) und Gehirnerscheinungen, die stündlich und noch öfter sich wiederholende Konvulsionen herbeiführten, so daß ich im stillen fast die Hoffnung aufgab. Chinin, das ihm schlecht beizubringen war, wirkte mangelhaft, so daß wir den Hochstand der Körpertemperatur nur mit kalten Bädern niederdrücken konnten. Zwei Nächte hindurch blieb ich ohne Unterbrechung in Sebe, um den kleinen Patienten nicht aus dem Auge zu lassen und mich mit den schwer bekümmerten Eltern in die Wachen zu teilen; auch an den übrigen Krankheitstagen war natürlich eine mehrmalige Fahrt zu ihm nötig.

Geradezu rührend benahm sich während der ganzen Krankheit ein neunjähriger Negerjunge Essu, der schon seit mehreren Jahren bei Sch.s in Diensten ist und in Ermangelung eines Kindermädchens zur Beaufsichtigung des Kleinen Verwendung fand. Unausgesetzt war er um seinen Pflegebefohlenen bemüht, jede Fliege wehrte er sorgsam von ihm ab, und wenn er von der Veranda des Hauses aus das Kommen meines Bootes erspäht hatte, dann eilte er zum Lagunenstrande und erwartete mich, und aus seinem mehr oder weniger betrübten Gesichte konnte ich schon von ferne lesen, wie es dem Kranken während meiner Abwesenheit ergangen war. Auf dem kurzen Wege vom Ufer bis zum Hause erzählte er dann rasch alle beobachteten Einzelheiten: wie lange der Kleine geschlafen habe, wieviel

Krampfanfälle er gehabt, wie oft und wieviel Nahrung er zu sich genommen hatte, kurz: alles hatte er genau im Gedächtnis. Am 22., zufällig dem Geburtstage seiner Mutter, hatte er den ersten fieberfreien Tag, und gleichzeitig war sein erstes Zähnchen zum Durchbruch gekommen. Vorläufig ist er zwar noch immer sehr matt, aber ich halte ihn außer Lebensgefahr. In vierzehn Tagen wird er hoffentlich so weit sein, daß er mit seiner Mutter nach Deutschland reisen kann.

Im Krankenhause war auch erhöhte Arbeit zu bewältigen, weil seit Anfang Juni Schwester G. nach vollendeter Dienstzeit in die Heimat abgereist war und nur Schwester Fr. als einzige Hilfe verblieb. Sie hat während des ganzen hinter uns liegenden schweren Halbjahres in wirklich aufopfernder Weise, dabei immer gleichmäßig zuverlässig und mit ruhiger Selbstverständlichkeit, ihre für die Tropen doppelt anstrengenden Pflichten erfüllt.

Bis gestern war ein Legationsrat G. des Auswärtigen Amtes zu kurzem Besuche hier. Er war längere Zeit in Ostafrika und Südwest vertretungsweise tätig gewesen und wollte sich nun auf der Heimreise auch noch über Togo und Kamerun orientieren. Für uns ist es natürlich immer sehr erwünscht, wenn ein Vertreter der Kolonialabteilung Gelegenheit nimmt, sich persönlich einmal über die Verhältnisse unserer Kolonien zu unterrichten, denn alle amtlichen Berichte und Schilderungen werden niemals das ersetzen, was nur eigene Anschauung vermitteln kann. – – –

An Bord, 6. Juli

Das Krankenhaus lag im friedlichen Mittagsschlafe, als heute vom Kapitän des auf der Reede liegenden Adolph Woermann die Nachricht kam, daß er mit der Übernahme seiner Ladung bereits einen Tag eher als angenommen fertiggeworden sei und daß er in einer Stunde abzudampfen beabsichtige. So konnte ich nicht einmal den Europäern, mit denen ich bisher Freude und Leid geteilt hatte, Lebewohl sagen. Es war mir sonderbar ums Herz, als ich wohl für immer aus dem Tor des Krankenhauses schritt und die Stätte verließ, der ich einige Jahre harter, aber freudiger und ans Herz gewachsener Arbeit gewidmet hatte. Nur Schwester Fr. und der kleine Kabre, der mir nach Kamerun folgen soll, begleiteten mich zum Strande. Eine Viertelstunde später hatte ich meine letzte Fahrt durch die Togobrandung hinter mir und stieg das Fallreep des Dampfers hinan, als einziger Passagier dieses Frachtschiffes. Da lag es nun, das Nachtigal-Krankenhaus, von der See so ganz anders anzusehen als vom Lande, versteckt hinter den beiden Reihen Kokospalmen, die nur einen schmalen Streifen des weißen Daches vorlugen lassen. Wie mag es dort wohl nach 20 Jahren aussehen, was mag zur Zeit unserer Enkel aus unseren Kolonien geworden sein?

Wenn ich auch das Bewußtsein haben darf, das Beste des Ländchens wenigstens gewollt zu haben, so drückt mich doch der Gedanke, so manche meiner Aufgaben unerfüllt liegen lassen zu müssen.

Der heutige Tag ist zufällig ein Gedenktag unserer Kolonie. Am 6. Juli vor 21 Jahren erschien Dr. Nachtigal an Bord der Möwe vor Kleinpopo, um diesen Teil der Togoküste unter deutschen Schutz zu stellen. Er war der erste Deutsche, der auf deutschem Boden in Togo landete. Heute bin ich der letzte Deutsche, der voraussichtlich von Anecho aus einen Dampfer besteigt, denn die Reede wird in den nächsten Tagen gesperrt werden, um in Zukunft allen Verkehr über die Landungsbrücke Lomes zu zwingen.

Noch eine kurze Zeit des Wartens, dann lichtete der Dampfer den Anker, noch ein letztes Winken nach dem Lande, und ferner, immer ferner entschwand die Togoküste dem Blick. So reise ich einer ungewissen Kameruner Zukunft entgegen. Was soll ich in Kamerun? Ich weiß nicht einmal, an welchem Küstenplatz ich dort landen soll, geschweige denn, welche Tätigkeit mich dort erwartet. Weder von Berlin noch von Kamerun aus, wo ich vor einigen Monaten anfragte, hat man mir etwas darüber verraten.

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