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Tropenarzt im Afrikanischen Busch

: Tropenarzt im Afrikanischen Busch - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Külz
titleTropenarzt im Afrikanischen Busch
publisherWilhelm Süsserott Verlag
addressBerlin
printrunDritte Auflage
year1943
firstpub1906
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidd4dd4523
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Bekämpfung des Gelbfiebers

Ostern

Am 10. April erkrankte die in der hiesigen Schwesternniederlassung zu Besuch weilende Oberin der französischen Missionsstation Agoué, eines zwischen Kleinpopo und Grandpopo gelegenen Ortes, ebenfalls an Gelbfieber und erlag ihm nach wenigen Tagen. Zu ihrer Pflege eilte eine jüngere Schwester herbei; auch sie wurde von der gleichen Krankheit befallen. Nach schweren Leiden, die sie sieben Tage lang mit bewunderungswürdiger Ergebenheit trug, starb sie am 19. April.

So mußte unser Ort Anecho von neuem für verseucht gelten. Ich reiste am Gründonnerstag in einem von mir erbetenen und sofort zur Verfügung gestellten Extrazug nach Lome. Es war meine erste Eisenbahnfahrt in Afrika, zu der ich mir freilich einen freudigeren Anlaß gewünscht hätte. In Lome fand eine Beratung mit Dr. Kr., mit dem stellvertretenden Gouverneur und dem Bezirksamtmann von Lome statt. Wir mußten uns entschließen, die unlängst aufgehobenen Quarantänemaßregeln wieder in Kraft treten zu lassen und jetzt vor allem gegen Dahome Land- und Seequarantäne zu verhängen.

Am Karfreitag stand ein Eisenbahnzug für uns und ein Aufgebot schwarzer Polizeisoldaten für die Absperrung von Lome bereit, der letzte, der vorläufig, zwischen den beiden Küstenplätzen verkehren wird. Eine ganze Anzahl von Eingeborenen, die diese letzte Gelegenheit, nach Anecho zu kommen, noch benutzen wollten, füllten die offenen Arbeitswagen des Zuges; Personenwagen sind noch nicht im Betriebe. In Porteseguro wurde das bei der früheren Quarantäne errichtete Haus wieder instandgesetzt und die Absperrung des Verkehrs von neuem vorgenommen. Es war eine eigenartige Karfreitagsfahrt. Den Schwarzen war natürlich ihr ernster Grund nicht ersichtlich, und lustig schmetterte der Hornist des Absperrungskommandos seine Stückchen in den sonnigen Morgen. Für die Schwarzen war es das erstemal in ihrem Leben, daß sie auf einer Eisenbahn fuhren, »anyígbahũ« ist sie von ihnen ganz bezeichnend getauft worden, »anyígba = Land, Erde, »ehũ« = Kanu, also »Landkanu«. Wie übermütige Kinder freuten sich Männlein und Weiblein über ihre erste Bahnfahrt. Als wir am Dorfe Bagida vorbeifuhren, hielt es ein Neger, der dort beheimatet war, für richtig, die Weiterfahrt durch Abspringen von dem in voller Fahrt befindlichen Zuge zu unterbrechen. Er fiel platt auf den Leib; zum Glück war es eine sandige Stelle, an der er den kühnen Sprung wagte, und wir sahen noch vom Zuge aus, daß er sich mühsam wieder aufrappeln konnte.

Nach Anecho zurückgekehrt, galt es im Verein mit Oberleutnant Sch. die Grenzsperre nach Dahome durchzuführen. Eine halbe Stunde von Sebe entfernt haben wir beim Dorfe Hilokofi einen geeigneten Platz ausgesucht, wo ein Quarantänehaus mit einem moskitosichern Raume für Europäer errichtet wird. Schwarze Polizeisoldaten überwachen auch hier die Absperrung.

 

Anecho, 15. Mai

Meine liebe Frau!

Mit dieser Post über den Stand der Gelbfieberseuche einige Zeilen, die Dich hoffentlich für den Fall, daß Du auf übertriebene Nachrichten in den Zeitungen stoßen solltest, beruhigen werden. Unter den Bewohnern Anechos selbst ist seit zwei Monaten keine neue Erkrankung wieder vorgekommen! Ich hoffe deshalb bestimmt, daß die Gefahr für unsern Ort beseitigt ist. Leider haust der unheimliche Gast noch im benachbarten Dahome in den beiden Orten Agoué und Grandpopo In Grandpopo entschloß man sich schließlich dazu, alle Europäer aus dem Orte zu entfernen und auf einige Wochen in einem benachbarten Dorfe unter ärztlicher Aufsicht zu isolieren. Nach der Rückkehr kamen auch wirklich keine neuen Gelbfieberfälle mehr in Grandpopo vor.. Ich stehe mit den dortigen Deutschen und auch dem französischen Arzte in dauernder Korrespondenz und werde mit letzterem in nächster Zeit zu einer mündlichen Besprechung zusammentreffen. Am härtesten ist die französische Schwesternniederlassung in Agoué betroffen worden. Alle vier Schwestern erkrankten, und nur eine von ihnen ist genesen. Zwei von ihnen starben in meiner Behandlung in Anecho. Zuerst erlag die Oberin, die schon über 20 Jahre dem afrikanischen Klima getrotzt hatte. Eine zu ihrer Pflege herbeigekommene zweite Schwester wurde ebenfalls von der Seuche ergriffen. Sie mußte ausnahmsweise lange und schwer leiden und wurde erst am achten Krankheitstage von ihren Qualen erlöst, die sie mit unvergleichlichem Heroismus ertrug.

Um zu verhindern, daß neue weitere Fälle über die französische Grenze zu uns gebracht wurden, konnten wir natürlich nicht anders, als eine strenge Grenzsperre gegen Dahome zu verhängen. Da durch die hier verstorbenen Kranken unser Ort von neuem für infiziert zu gelten hat, mußten wir uns für einige Wochen auch gegen Lome wieder abschließen. In eigenartiger Beleuchtung erscheint jetzt das Telegramm des französischen Gouverneurs, von dem ich Dir kürzlich wohl schrieb.

Meine Tage hier sind nun gezählt, und mein notgedrungen geäußerter Wunsch, von hier fortzukommen, geht in Erfüllung. Mir ist mit letzter Post meine Versetzung nach Kamerun für Anfang Juli angekündigt worden. Ende Juni wird voraussichtlich mein Nachfolger aus Deutschland eintreffen, so daß ich meine Koffer packen kann. Sollte, was ich aber nicht befürchte, die Seuche in Togo nochmals aufflackern, so würde ich freilich bestimmt weiter hierbleiben, denn im Augenblick der Gefahr verschwinde ich nicht vom Schauplatze.

Seit gestern habe ich in der Quarantänestation von Hilakófe, die eine Stunde Wasserfahrt von hier entfernt liegt, einen Kaufmann M. aus Grandpopo liegen, der an Gelbfieber erkrankte, jetzt in der Genesung ist und nun gern von Lome aus einen Heimatsdampfer erreichen möchte. Der arme Kerl ist zwar über das lebensgefährliche Stadium hinaus, aber noch so matt und schwach, daß er keine zehn Schritt ohne Unterstützung laufen kann; auch eine starke Gelbfärbung des ganzen Körpers hält noch hartnäckig an. Ich werde ihn täglich besuchen, bis er seine vorschriftsmäßige fünftägige Quarantäne absolviert hat, dann soll er sich noch einige Zeit hier im Krankenhause erholen, ehe er sich die Anstrengungen der langen Seereise zumutet.

Natürlich hat das Gelbfieber und seine Bekämpfung dauernd eine erhöhte Arbeitslast für uns zur Folge. Auch sonst war in der letzten Zeit der Gesundheitszustand der Weißen im Vergleich zu früher schlecht. Ich selbst war in den verflossenen beiden Wochen gesundheitlich auch nicht auf der Höhe; ganz ungestraft wandelt eben keiner unter Palmen. Ich hatte mir als Folge einer Infektion bei einem mit dem gleichen Übel behafteten Europäer eine lästige Furunkulosis zugezogen, zu der ja ohnehin viele Weiße in den Tropen disponiert sind. Die einzelnen Furunkel, die bald hier bald da, besonders aber im Gesicht auftreten, waren sämtlich harmlos, bis auf einen, der sich in der Unterlippe etablierte und sich dort zu einem schmerzhaften Abszesse entwickelte, natürlich mit der begleitenden Halsdrüsenschwellung. Nach einigen nahrungslosen Tagen und schlaflosen, fiebernden Nächten ließ ich mir von einer unserer Schwestern einen Schnitt durch den Abszeß machen, nach dem er rasch zur Ausheilung gekommen ist. Mehr als alle örtlichen Beschwerden war mir eine dabei bestehende nervöse Reizbarkeit lästig, deren Hochgradigkeit in auffälligem Gegensatz zu der Geringfügigkeit der Ursache stand und mir von neuem die Ansicht aufdrängte, daß in den Tropen nicht nur die Widerstandskraft des Körpers, sondern auch die des Nervensystems bei längerem Aufenthalte beeinträchtigt wird. Seit den letzten Tagen bin ich wieder im vollen gesundheitlichen Gleichgewicht.

Die tropische Nervosität

Im Mai

Die Forschung der Tropenhygiene weist noch eine große Lücke auf. Die Ärzte befassen sich bei ihren Untersuchungen und Beobachtungen mit den Funktionen oder Erkrankungen aller möglichen Organe; aber ein sehr wichtiges Organ ist bisher sehr wenig von ihnen beachtet worden, das Zentralnervensystem. Die Psychologie und Psychiatrie des Europäers in den Tropen hat wohl noch nicht einmal ihre Kinderschuhe angezogen. Und doch glaube ich, daß gerade das Nervensystem vom Tropenklima ebenso gefährdet wird wie der übrige Körper, und daß die Schädigungen beider häufig im engsten Zusammenhange stehen. Wo die Begriffe fehlen, da stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein, man sagt schlechthin: das Tropenklima macht nervös. Für den Forscher gilt es festzustellen, welche ursächlichen Momente diese tropische Nervosität – wir wollen es faute de mieux so nennen – auslösen.

Es würde mich jetzt zu weit führen, wenn ich ihren Spuren im einzelnen nachgehen wollte; aber sie deuten sowohl auf Veränderungen im Chemismus des Stoffwechsels als auch auf Veränderungen äußerer Einflüsse hin; kurz: die Reize, welche das Nervensystem in den Tropen treffen, sind andere als unter heimatlichen Bedingungen. Aber auch die Reaktion unseres Nervensystems auf die Reize ist hier eine andere; in manchen Punkten eine trägere, meist eine erheblich empfindlichere. Diese Tatsache tritt fast bei jedem Europäer, der längere Zeit in den Tropen weilt, in die Erscheinung, und ich glaube, daß kaum einer das europäische Gleichgewicht seines Nervensystems sich auf die Dauer hier wahren kann. Diese Erscheinung ist in mancher Hinsicht von großer Bedeutung für die richtige Abschätzung eines Menschen und seines Handelns in den Tropen, vielleicht selbst für die juristische Beurteilung mancher sonst rätselhaften Delikte. Ich habe Gelegenheit gehabt, am eigenen Leibe eine solche Störung des nervösen Gleichgewichtes zu verspüren, die ich zur Illustration kurz erzählen will.

Ich wohnte im November 1904 einige Tage in Baffilo, einem großen, völlig friedlichen Negerdorfe Nordtogos. Eines Nachts wachte ich mit einem heftigen Schmerz im rechten Unterarm auf, der aber sehr bald nachließ. Am Morgen befand sich an der betreffenden Stelle eine kleine Hautblutung, in deren Umgebung eine lebhafte entzündliche Rötung und Schwellung eingetreten war. Ich habe die Ursache nicht ermitteln können, vielleicht war es der Stich eines Skorpiones. Bei sonst vollem Wohlbefinden stellte sich am Abend eine leichte Temperatursteigerung ein. Ich saß auf dem Langstuhl vor dem Rasthause und träumte, den Arm mit einem feuchten Verbände umwickelt, in die Sternennacht hinein. Plötzlich fuhr mit schwirrendem Geräusch irgend etwas an meinem Ohr vorüber. Ich achtete zunächst kaum darauf. Nach wenigen Minuten wiederholte sich das gleiche Geräusch, und in demselben Moment stand bei mir fest, daß es beide Male nichts anderes gewesen sein könne als das Schwirren eines nach mir abgeschossenen Pfeiles. Dieser Gedanke lag bei der völlig friedlichen Bevölkerung an sich so fern wie nur möglich; aber der nächstliegende, der die Erscheinung ohne weiteres erklärte, nämlich, daß es eine der zahlreichen Fledermäuse war, die in dem Hause ein und aus schwirrten, und deren gleiches Geräusch ich ungezählte Male früher gehört hatte, kam mir nicht; der erstere haftete fest. Ich alarmierte die mich begleitenden drei Schwarzen und meine Lazarettgehilfen, nahm selbst ein geladenes Gewehr zur Hand, ließ aus trockenen Grasbündeln Fackeln herstellen und anzünden und gab den Befehl, die ganze Umgegend des Hauses nach dem vermeintlichen Schwarzen abzusuchen, der auf mich geschossen hätte. Wir suchten mindestens eine halbe Stunde lang, bis ich von dem ungestümen, aufgeregten Umherlaufen anfing, mich schwach zu fühlen und mich niedersetzen mußte. Erst da kam mir der Gedanke, wie töricht meine Annahme sei und wie das ominöse Geräusch natürlich vom Flügelschlage einer Fledermaus herrühre. Aber ich bin sicher, wenn ein unglücklicher Zufall mich bei dieser Gespensterjagd auf einen im Grase hockenden Schwarzen hätte stoßen lassen, ich würde ihn niedergeschossen haben. Und wer hätte mir nachher den Zusammenhang und die Erklärung des Vorganges wohl geglaubt?

Die Grade, in denen diese Umstimmung unseres Nervensystems sich äußern, sind nun individuell ganz verschieden und abhängig von der Anlage, die der Europäer bereits mit herausbringt, vom Maße der Selbstbeherrschung, über das er verfügt, von der Beeinflussung seiner Umgebung und manchen anderen äußern Verhältnissen. Es ist einleuchtend, wie wenig ein schon daheim zur Nervosität neigender Mensch für den Tropendienst geeignet ist. Wenige sind unter uns, die in den Tropen ruhiger werden, die meisten werden »nervös«. Eine geringfügige Veranlassung, etwa das Versehen eines schwarzen Dieners, bringt sie in eine Aufregung, die im groben Mißverhältnisse zum auslösenden Reize steht, und die den Erregten möglicherweise zu Handlungen hinreißen kann, deren er sich daheim selbst nicht für fähig halten würde.

Merkwürdig ist mir, daß fast alle ärztlichen Tropenforscher die Erscheinung des sogenannten Tropenkollers von der Hand weisen Die Annahme einer spezifischen geistigen Störung, die man »Tropenkoller« nennen wollte, wird heute mit Recht von allen Tropenärzten abgelehnt. Es gibt keine spezifische Beeinflussung unseres Nervensystems, die auf das Tropenklima zurückzuführen wäre. Was man früher »Tropenkoller« nannte, waren Entgleisungen an sich unbeherrschter, hemmungsloser Menschen. Sie kamen meist unter dem Einfluß chronischen Alkoholgenusses zustande. Seit das soziale Leben in den Tropen sich weitgehend dem Europas angeglichen hat, seit man bei der Aussendung eine sorgfältigere Auswahl treffen kann als dies in älteren Kolonialzeiten det Fall war, ist der »Tropenkoller« zu einer legendären Angelegenheit geworden..

Wenn man unter dieser Bezeichnung eine erhöhte nervöse Erregbarkeit mit ihren Folgeerscheinungen versteht, so bin ich von seinem Vorhandensein auf klimatischer Basis fest überzeugt. Ich halte sicher eine spezifische Beeinflussung unseres Nervensystems durch das Tropenklima für möglich. Es wäre sogar wunderbar, wenn eine solche Beeinflussung nicht stattfände. Ebenso wie der ganze übrige Organismus bei dem neu in die Tropen Kommenden eine Umstimmung erfährt, ebenso wie sein leibliches Befinden gefährdet ist, genau so ist es sein Nervensystem, sind es seine psychischen Funktionen. Es wechselt für ihn die äußere Temperatur, es wechselt der Feuchtigkeitsgehalt der Luft, es wechselt die Ernährung, es wechseln zahlreiche klimatische Reize, es wechseln alle äußeren Lebensgewohnheiten. Daheim sind die Einflüsse aufs Nervensystem, die schon der weit weniger einschneidende Wechsel bei einer verhältnismäßig kleinen Ortsveränderung mit geringfügigen klimatischen Unterschieden im Gefolge haben kann, wohl bekannt. Weshalb sollte der weit intensivere Wechsel zwischen gemäßigtem und heißem Klima spurlos an ihm vorübergehen?

Freilich kommt häufig eine zweite Kategorie äußerer Einflüsse hinzu, die zunächst nichts mit dem Klima zu tun haben. Aber auch ihnen gegenüber ist hier die Reaktion eine weit lebhaftere als daheim, weil das Klima die größere Disposition dazu geschaffen hat. Als Beispiel sei an die allgemein bekannte Tatsache erinnert, daß der Alkohol die Nerven in den Tropen viel intensiver beeinträchtigt, daß ein tropischer Katzenjammer die heimische Spezies an Zähigkeit und Lebensdauer weit übertrifft. Es gibt ferner eine Reihe von Einflüssen, die zwar ebenfalls mit dem tropischen Klima nichts zu tun haben, die aber unvermeidlich mit dem Leben in ihm verbunden sind und ihren psychischen Einfluß oft sehr schwer geltend machen: das Fehlen von Abwechslung, geistiger Anregung, von Verkehr und Aussprache auf entlegenen Posten u. a. m. summieren sich alle diese Schädlichkeiten, kommen wohl gar schwächende Fieber oder körperliche Überanstrengung hinzu, so kann ein schweres nervöses Krankheitsbild daraus entstehen, das wir nicht selten in den Tropen erleben und das alle möglichen Erscheinungsformen annehmen kann, das zwischen Neurasthenie, Melancholie, Delirien, Depressions- und manikalischen Zuständen wechselt. Die Zahl derer, bei denen die nervösen Störungen derartig hohe Grade annehmen, daß sie ihre Tätigkeit in den Tropen aufgeben müssen, ist z. B. für Togo nicht klein. Weit größer noch ist die Zahl derer, bei denen sie in milder Form und nur gelegentlich hervortreten.

Da solche Erscheinungen ebenfalls als Tropenkrankheit aufzufassen sind wie jede Malaria, so muß ihnen auch eine sachgemäße Behandlung zuteil werden. Bei allen schweren Fällen kann natürlich nur die Rückkehr ins heimische Klima Genesung bringen. Um harmlosere Grade zu heilen, kommen eine ganze Anzahl Hilfsmittel in Betracht; ein kurzer Urlaub oder eine kurze Reise in eine andere Gegend des Landes mit anderer Umgebung, anderen Verhältnissen und neuen Eindrücken, kann schon große Wirkung haben, eine kurze Dampferfahrt genügt für viele zur Genesung. Sieht man, daß eine schädigende Ursache mitspricht, Alkohol, Morphium, sexuelle Exzesse, Anstrengungen, so sind diese natürlich auszuschalten. Besonderer Wert müßte darauf gelegt werden, solchen Störungen rechtzeitig vorzubeugen. Als geeignetstes Mittel dafür will mir die Ausübung eines leichten Sportes erscheinen, die aber mit bestimmter Regelmäßigkeit getrieben werden muß. Dabei kann dem persönlichen Geschmack der breiteste Spielraum gelassen werden: Reiten, Tennisspiel, Kegeln, Jagd; jeder vernünftig getriebene Sport ist geeignet, nicht nur das körperliche Wohlbefinden zu fördern, sondern auch eine günstige Rückwirkung aufs Nervensystem auszuüben. Leider scheint es mir, als wenn in Togo jetzt weniger Verständnis für solche Dinge vorhanden sei als in früheren Jahren.

Oft wird es nicht leicht sein, von den eben kurz geschilderten krankhaften Veränderungen anders geartete Erscheinungen des Tropenlebens zu scheiden, Erscheinungen, von denen man mit Recht behaupten kann, daß sie derselbe Mensch auch am Nordpol entwickeln würde oder überall da, wo die Schranken der Zucht fallen, Erscheinungen, die an die beißenden Worte Nietzsches in seiner Genealogie der Moral gemahnen: »Dieselben Menschen, welche so streng durch Sitte, Verehrung, Dankbarkeit, Brauch, durch Eifersucht inter pares in Schranken gehalten sind, die andrerseits im Verhalten zueinander so erfinderisch in Rücksicht, Selbstbeherrschung, Zartsinn, Treue, Stolz und Freundschaft sich beweisen – sie sind nach außen hin, dort wo das Fremde, die Fremde beginnt, nicht viel besser als losgelassene Raubtiere. Sie genießen da die Freiheit von allem sozialen Zwang, sie halten sich in der Wildnis schadlos für die Spannung, welche eine lange Einschließung und Einfriedigung in den Frieden der Gemeinschaft gibt, sie treten in die Unschuld des Raubtiergewissens zurück, als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermute und seelischem Gleichgewicht davongehen, als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei. ...«

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