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Tropenarzt im Afrikanischen Busch

: Tropenarzt im Afrikanischen Busch - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Klz
titleTropenarzt im Afrikanischen Busch
publisherWilhelm Ssserott Verlag
addressBerlin
printrunDritte Auflage
year1943
firstpub1906
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidd4dd4523
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Die Erziehung des Negers

15. April

Soviel verschiedene Weiße hier draußen sind, so viel verschiedene Methoden werden zur Lösung der Aufgabe, den Neger zu erziehen, empfohlen. Zu den verschiedenen Zeiten haben in den verschiedenen Kolonien die Ansichten der Kenner gewechselt. Selbst auf die Gefahr hin, meinerseits die große Zahl der schon vorhandenen Ansichten noch um eine neue zu vermehren, will ich es doch wagen, sie zu äußern, in dem beruhigenden Bewußtsein, daß sie ja doch kaum irgendwann zur Geltung kommen wird. Ich beschränke mich dabei allerdings auf meine Kenntnis des Togonegers, so wie er jetzt ist. Meiner Überzeugung nach ist die Erziehung dieses Eingeborenen in den Hauptpunkten übereinstimmend mit der Erziehung eines Kindes, aber – und diese Einschränkung muß unterstrichen werden! – eines teils noch völlig unerzogenen, teils verzogenen Kindes, verzogen von der freigebigen Natur, in der es lebt, und die ihm nahezu mühelos spendet, was es braucht. Die Hauptkunst, ein Kind zu erziehen, besteht darin, selbst erzogen zu sein, und zwar in jeder Beziehung. Aus diesem Grunde scheiden eine ganze Reihe von Kolonisten von vornherein als ungeeignet für die Mitarbeit an der Erziehung des Negers aus. Darin, daß ich die Erziehung des Schwarzen mit der des Kindes vergleiche, ist auch von selbst inbegriffen, daß ein allgemeingültiges, starres Schema selbst nicht für alle Stämme des kleinen Togolandes möglich ist. Denn es gibt eben gutmütige und störrische, rauflustige und friedliche, begabte und unbegabte Kinder. Es gibt solche, bei denen es ohne viel Schläge abgeht und solche, die den Stock haben müssen.

Wozu wollen wir den Neger erziehen? Ich weiß nicht, ob man sich in maßgebenden Kreisen über diese Frage schon viel den Kopf zerbrochen hat; selbst in den Schutzgebieten würde man recht verschiedene Antworten zu hören bekommen. Mancher würde vielleicht in Verlegenheit sein, überhaupt zu antworten, obwohl er selbst bereits jahrelang lustig darauf los erzogen hat. Wir müssen uns zuvor erst eine zweite wichtige Frage beantworten, aber ehrlich beantworten; das ist die: weshalb haben wir überhaupt Kolonien erworben? Antwort: getrieben vom Kampfe ums Dasein, vom natürlichen Expansionstrieb der Rasse, welcher der heimische Boden zu eng wird, getrieben von dem Willen, dem Mutterlande neue Quellen zuzuführen und neue Abflußgebiete zu verschaffen. Alle anderen Motive sind post festum hineingetragen worden, um dem nackten Kinde ein Mäntelchen umzuhängen. Haben wir sie etwa an erster Stelle erworben, um das Christentum dort auszubreiten, haben wir sie in Besitz genommen, um sittliche Tendenzen unter den Eingeborenen zu verfolgen? Wollen wir doch aufrichtig sein und uns eingestehen, daß die wahrsten, reinsten materiellen Interessen uns dazu gebracht haben, mögen sie sich nun in die Formeln: »Schutz der deutschen Handelsinteressen«, »Schaffung neuer überseeischer Absatzgebiete« oder irgendwelche anderen Worte kleiden.

Wir wollen also unsere Kolonien dem Mutterlande nutzbar machen, und – auch dies müssen wir offen eingestehen – an erster Stelle materiell nutzbar machen. Dieses Motiv schließt keineswegs aus, daß ihm sittliche Tendenzen beigegeben werden. Im Gegenteil. Ist es nicht schon ein sittliches Verdienst, wenn zum Nutzen des Vaterlandes fremde Gebiete erschlossen werden? Als Maßstab für die Berechtigung jeder kolonialen Arbeit hat man sich meiner Überzeugung nach immer zu fragen, welcher Vorteil dem Mutterlande aus ihr erwächst. Die Wege, auf denen wir diesem Ziele zustreben, brauchen durchaus nicht unsere hergebrachten Begriffe von Moral zu verlassen. Wir haben ein lebhaftes eigenes Interesse daran, den Neger in seiner Qualität zu heben. Aber den Eingeborenen heben zu wollen auf die Gefahr hin, dem Mutterlande dadurch Schaden zu bringen, ist ein Verbrechen am eigenen Vaterlande.

Legen wir uns jetzt nochmals die Frage vor: wozu sollen wir den Neger erziehen? Meine kurze und bündige Antwort lautet: zur Arbeit für uns. Tun wir das, so haben wir den materiellen Nutzen auf unserer und eine Veredelung der Eingeborenen auf der anderen Seite, denn Arbeit hat noch nie einen anderen als veredelnden Einfluß ausgeübt. Jede einzelne koloniale Bestrebung in der Eingeborenenpolitik, die dieses Endziel im Auge hat, kann uns willkommen sein; jede, die es hindert, muß als parasitär bekämpft werden. Zur Arbeit sollen wir den Neger erziehen, gleich wie wir das Kind durch Erziehung zur Entwicklung von Fähigkeiten bringen wollen, die es später befähigen, ein für das Gemeinwesen nützliches Glied der Menschheit zu sein. Dieses aller Negererziehung gesteckte Endziel gibt uns ohne weiteres eine große Anzahl von Aufgaben an die Hand, die wir zu erfüllen haben, wenn wir's erreichen wollen; Aufgaben, die sicher niemand als unsittlich zu bezeichnen wagen wird.

Durch zwei Eigenschaften muß die Negererziehung ausgezeichnet sein, Gerechtigkeit und Strenge. Beide schließen nicht aus, daß man ein Herz für die Leute hat. Nachgiebigkeit oder Milde an falscher Stelle wird der Schwarze immer falsch verstehen und leicht als Schwäche deuten, die er ausnutzt. Auch unsere Kinder müssen wir oft gegen ihre Neigungen, gegen ihren Willen erziehen, unbekümmert darum, ob sie unsere Maßnahmen zunächst verstehen oder uns gar Dank dafür wissen, und niemand wird es für unsittlich halten, ein unfolgsames Kind zu strafen.

Man sagt oft obenhin, der Neger sei arbeitsscheu und faul. Das ist richtig und falsch zugleich. Fleiß ist ein sehr relativer Begriff, und wenn wir den Togoneger mit anderen Stämmen, etwa mit den südwestafrikanischen Hottentottenstämmen vergleichen, so ist er entschieden fleißiger als diese. Wir haben beim Neger zu unterscheiden zwischen arbeiten können, arbeiten wollen und arbeiten müssen! Das Arbeiten-Können wird man den Togonegern nie absprechen dürfen. Braucht man doch nur hinzusehen, wie er ohne Murren seine schweren Lasten tagaus tagein auf Reisen auf dem Kopfe trägt, oft singend oder gar trabend dabei die heiße, staubige Straße zieht; wie er die Brandungsboote unermüdlich durch die hohe See steuert, wie er seine Farmen bestellt u. a. m.

Aber der Wille zur Arbeit ist ein beschränkter. Eine geregelte Arbeit ist ihm unsympathisch, doppelt unsympathisch, wenn er keinen Nutzen sieht, die sie ihm selbst bringt. Er arbeitet aus eigenem Antrieb soviel, als er eben braucht, um leben zu können. Für ein Mehr bedarf er eines kräftigen Anspornes. Den Willen zur Arbeit anzustacheln und zu stärken, ist der eine Hebel, an dem die Erziehung zur Arbeit einzusetzen hat. Dort, wo dieser nicht ausreicht, kommt als zweites, oft erforderliches Hilfsmittel der Zwang zur Arbeit hinzu. Die Möglichkeiten, die geeignet erscheinen, die Arbeitslust des Negers zu erhöhen, sind gar mannigfache. Schon die Aussicht auf einen nahen, greifbaren, persönlichen Nutzen macht ihm die zugemutete Arbeit annehmbar. Die Zahlung eines Lohnes entweder in Münze, für die er sich irgend etwas nach seinen Wünschen schaffen kann, oder in Waren, die seinem Geschmack entsprechen, bringt den Neger zur Arbeit.

Indessen ist dieses Hilfsmittel ja nur für die Arbeit anwendbar, die er direkt im Auftrage des Europäers ausführt. Es gilt ihn aber auch zu selbständiger Arbeit in unserem Interesse zu erziehen. Hier wird häufig eine Belehrung nicht ausreichen, sondern ein Zwang eintreten müssen, der indessen für viele nur ein zeitweiliger zu sein braucht. Es wird z. B. dem Togoneger zunächst nicht klar sein, was ihm daran gelegen sein kann, daß er vom Weißen dazu angehalten wird, Baumwollfelder oder Maisfarmen anzulegen. Wenn er indessen im Laufe der Jahre sieht, wie er für die geerntete Baumwolle oder den gelieferten Mais durch Geld entschädigt wird, wie er indirekt sich vermehrte Bequemlichkeiten und Genüsse dadurch verschaffen kann, die er früher entbehrte, so dämmert ihm doch allmählich die Erkenntnis vom Wert der geleisteten Arbeit auf, und er wird sie auch ohne Zwang weiter verrichten. Ich glaube, daß gerade der Togoneger gar nicht lange Zeit nötig hat, um ein solches Verständnis zu gewinnen.

Erwähnt sei als weiteres Hilfsmittel zur Erziehung zur Arbeit noch die Besteuerung. Eine Geldsteuer hat für Togo schwere Bedenken. Die Nähe der englischen und französischen Grenze würde bei ihrem Eintreiben ein Ausweichen auf fremdes Gebiet sehr nahe legen. Aber es gibt auch die Möglichkeit der Arbeitssteuer, deren für Togo geplante Einführung zu einem großen Segen fürs Schutzgebiet werden kann. Rechnen wir unter der Million Eingeborener Togos nur 100 000 Arbeitsfähige und für jeden derselben nur 10 Tage im Jahr als Arbeitssteuer, so sind damit schon eine Million Arbeitstage jährlich für den Dienst der Regierung flüssig gemacht.

Diese Handhaben, die sich uns bei der Erziehung des Negers bieten, ließen sich noch um viele vermehren. Zum Schlusse sei nur noch eines Hilfsmittels gedacht, das langsamen aber sicheren Erfolg verspricht. Das ist die Erzielung einer möglichst großen Volksdichte im Lande, die Hebung der Einwohnerzahl. Mit ihr wird der natürliche Zwang zur Arbeit ganz von selbst wachsen. Die paradiesischen Existenzbedingungen werden härteren weichen, es wird ein großer Teil aller der Faktoren eintreten, die auch unter heimischen Verhältnissen dicht bewohnte Distrikte zu erhöhter Regsamkeit des Fleißes bringen. Eine Hebung der Bevölkerungszahl wird durch verschiedene Maßnahmen gefördert werden können. Vielleicht weniger unmittelbar durch Erleichterung einer Zuwanderung aus Nachbargebieten als indirekt durch Ausschaltung aller der Schädlichkeiten, die bisher einer stärkeren Vermehrung der Negerstämme hindernd im Wege stehen, durch Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen der Schwarzen und vor allem durch Bekämpfung dezimierender Volksseuchen. Gerade bei diesem letzteren Bestreben kann sich die ärztliche Tätigkeit besonders wirkungsvoll in den Dienst des gesamten Kolonisationswerks stellen. Für Togo wird sehr bald auch die Erschwerung der Auswanderung ins Auge gefaßt werden müssen, denn bereits jetzt ist der Togoneger in den benachbarten Kolonien eine gesuchte Kraft, die man durch hohen Lohn zum Verlassen des Landes bewegt.

Ich glaube, daß viele der oben angedeuteten Gesichtspunkte vielleicht unbewußt, aber doch mit Erfolg gerade in Togo bei der Erziehung der Eingeborenen wirklich maßgebend gewesen sind und daß wir hoffen können, daß auch in Zukunft auf diesem Wege weiter gewandelt werden wird. Beide, der Weiße wie der Schwarze, werden Nutzen davon haben. Bei vielen Maßnahmen wird freilich erst eine mehrjährige Erfahrung zeigen können, ob sie den gewünschten Erfolg haben oder nicht. Aus diesen Andeutungen geht gleichzeitig von selbst hervor, was meiner Ansicht nach in der Frage der Eingeborenenerziehung verkehrt ist. Wie ein Kind, so kann man auch den Neger falsch erziehen. Man kann ihm die Zügel zu lang lassen, aber man kann ihn auch durch Ungerechtigkeit verbittern. Wenn der Schwarze zunächst nicht den Sinn dieses oder jenes Gebotes oder Verbotes des Weißen einsieht, so hat er doch instinktiv ein feines Unterscheidungsvermögen für eine gerechte oder ungerechte Bestrafung, die ihn für eine Übertretung trifft. Einige Wochen harter Arbeit für eine begangene Dummheit wirken nachhaltiger und eindrucksvoller auf den Neger und machen ihn uns dienstbarer als ein ganzes Dutzend guter Sonntagspredigten; aber eine ungerechte Strafe wird ihn auf lange Zeit hinaus kopfscheu machen. Ein schwerer Erziehungsfehler, dem leider auch der Togoneger noch häufig genug ausgesetzt wird, ist der Wechsel in der Person des Erziehers. Dabei brauchte ein Wechsel in der Person an sich nicht nachteilig zu wirken, wenn nicht ebenso häufig mit ihm auch die Ansichten über das, was dem Neger frommt oder nicht frommt, dabei wechselten.

Der gefährlichste Grundsatz aber bei der Negererziehung, der auch hie und da zum Glück nur vereinzelt verfochten wird, ist in dem Worte enthalten: gleiches Recht für alle Rassen. Es wäre ein großes Verhängnis, wenn er je die Oberhand gewinnen sollte. Gerade auf der Überzeugung von der Verschiedenwertigkeit der Rassen, von dem Höherstehen der weißen, baut sich im letzten Grunde die ganze Berechtigung unserer Kolonialpolitik auf; aus ihr allein kann überhaupt die Berechtigung kolonialer Erwerbungen hergeleitet werden. Hier ist auch die Gefahr vorhanden, daß der Kurs, den eine von dieser Überzeugung geleitete Kolonialregierung nehmen muß, zur Kollision führt mit dem Kurse einer anderen kolonisatorischen Macht, der Mission. Soll eine solche vermieden werden, so bedarf es des ganzen Geschickes und auch des guten Willens der beiderseitigen Steuerleute. Der Negerchrist sucht sich am liebsten aus der christlichen Ethik den Satz von der Gleichheit, vom Brudertum aller Menschen heraus. Ich will nicht daran zweifeln, daß diese Gleichheit ihm von den Missionaren lediglich als eine Gleichheit vor Gott gelehrt wird. Aber es ist auffällig, wie der Neger diese Gleichheit durchaus nicht so versteht, sondern sich nach seinem Geschmack zurechtlegt. Ja, er betrachtet sie nicht einmal als eine Gleichheit aller Menschen untereinander, sondern wendet diesen Begriff mit großer Vorliebe gegenüber dem Weißen an, während auf der anderen Seite sein angestammter Rassenstolz so groß ist, daß er mit Geringschätzung und allen anderen als brüderlichen Gefühlen auf alle nicht zu seinem engeren Stamm gehörigen »Buschneger« – wie er sie nennt – herabblickt. Ich könnte eine ganze Reihe teils spaßhafter Illustrationen zu diesem ernsten Kapitel geben.

Der Sinn einer anderen christlichen Lehre: jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, ist dem Schwarzen viel weniger sympathisch. Und doch liegt in einer richtigen Beherrschung des Eingeborenen die wahre Freiheit für ihn, genau wie für das Kind in der elterlichen Herrschaft die Bürgschaft für eine richtige Erziehung liegt. Wohin die »Freiheit« den Neger führen kann, wenn ihre Ausübung ihm selbst überlassen bleibt, das zeigt am besten das Zerrbild europäischer Kultur, wie wir's in der Negerrepublik Liberia an der Westküste anstaunen können, die freilich ihre vorläufige Existenz nur dem Umstande verdankt, daß keine Macht der andern den Erwerb ihres Gebietes gönnt. »Frei« sollen wir den Neger machen, gewiß, aber nicht durch Halbbildung frei von der Arbeit, sondern frei zur Arbeit durch eine Erziehung, die seinem Kulturniveau angepaßt ist. Wir begehen vielfach einen großen Fehler, indem wir annehmen, daß alles, was uns selbst als ein Fortschritt, ein Vorzug, als wertvolle Errungenschaft unserer Kultur erscheint, für den Neger die gleiche Bedeutung haben müsse; wir neigen stets zu der Torheit, unseren heimischen Maßstab an seine Verhältnisse anzulegen. Mit nichten sollen wir den Eingeborenen als unsern schwarzen »Bruder« ansehen, sondern als unser unmündiges Kind. Auch hier trennt eine tiefe Kluft die Anschauungen der Mission von jeder praktischen Kolonialpolitik, eine Kluft, die sich zwar überbrücken, aber nie ausfüllen lassen wird.

Wenn ich in meinen Ausführungen den Vergleich mit dem unerzogenen Kinde zugrunde gelegt habe, so möchte ich doch nicht vergessen hervorzuheben, daß dieser Vergleich cum grano salis zu nehmen ist. Vor allem möchte ich nicht den Glauben erwecken, als wenn der Erziehungszeitraum, dessen der Neger bedarf, dem des Kindes gleichzusetzen sei.

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