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Tropenarzt im Afrikanischen Busch

: Tropenarzt im Afrikanischen Busch - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Külz
titleTropenarzt im Afrikanischen Busch
publisherWilhelm Süsserott Verlag
addressBerlin
printrunDritte Auflage
year1943
firstpub1906
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidd4dd4523
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Die Mission

Im Februar

Die christliche Mission ist in Togo dreifach vertreten, durch eine protestantische (norddeutsche und Baseler), eine wesleyanische und eine katholische Niederlassung. Nur die letztere verfügt über wirkliche Theologen und ist schon dadurch den evangelischen Missionen weit überlegen. Allen Religionsgemeinschaften ist freie Ausübung ihrer Missionstätigkeit unter den Eingeborenen gewährleistet, und sie machen in weitgehender Weise von dieser Freiheit Gebrauch. Vielleicht in zu weitgehender? Ich kann es z.B. weder verstehen noch gutheißen, wenn an den Hauptplätzen der Togokolonie neben der protestantischen Mission gleichzeitig eine katholische sitzt. Die Folgen liegen auf der Hand. Die Missionare können und dürfen schlechterdings den Eingeborenen gegenüber ihren konfessionellen Standpunkt nicht verlassen und tun es auch nicht. In Wort und Schrift wird häufig genug nicht das betont, was die christlichen Konfessionen gemeinsam haben, sondern das, was sie trennt. Der Erfolg davon ist der Übertritt getaufter Schwarzer von einer Konfession zur anderen; ein betrübliches Ereignis, das keineswegs zu den Seltenheiten gehört, wiewohl sich die offizielle Statistik darüber ausschweigt.

So haben wir in Togo das seltsame Schauspiel, daß verschiedene Konfessionen einer gemeinsamen Religion sich an demselben Platze den Rang bei den Eingeborenen abzulaufen suchen, ein Wettlauf, der durchaus nicht immer in harmonischen Bahnen vor sich geht. Ob er wohl geeignet ist, christliche Überzeugung und christliches Wesen unter den Schwarzen zu vertiefen? Wie leicht wäre es gewesen, an einem bestimmten Orte oder Bezirke immer nur eine Mission ihre Tätigkeit entfalten zu lassen; wie leicht wäre es noch jetzt möglich, wenigstens für die Zukunft und für bisher jungfräuliche Plätze eine solche Scheidung der Missionsarbeitsfelder vorzunehmen.

Die Resultate der Missionen sind in Togo, soweit sie sich in Zahlen ausdrücken lassen, und im Vergleiche zu den Erfolgen der Mission unter anderen schwarzen Heidenstämmen keine schlechten. Leider sagen Zahlen allein herzlich wenig. Die Anzahl der Kirchgänger, der Schüler, der Beichtkinder, der Täuflinge gibt keinen Maßstab für das Eindringen christlicher Anschauungen. Ebensowenig besagt der Gesang eines Kirchenliedes, das Beherrschen des Katechismus usw. Es ist nicht zu verlangen, daß der Neger in kurzer Zeit ein tiefes Verständnis für die Ethik oder gar Dogmatik der ihm neuen Lehre gewinnt; wir verlangen das von unseren Kindern in der Heimat auch nicht. Aber »an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen«. Nur sollen diese Früchte nicht allein für den Geschmack der Mission, sondern auch den der Allgemeinheit genießbar sein. Das, was man mit Recht verlangen darf, was einen Anhaltspunkt dafür gibt, daß die Lehre nicht äußerlich geblieben ist, daß sie vielmehr haftet und in die Tiefe dringt, ist der Beweis, daß sie den Neger »besser« macht, besser nach den Begriffen unserer Moral, wenn wir einmal die Berechtigung anerkennen, diese ihm zu vermitteln. Dieser Beweis bleibt noch zu erbringen, und er wird auch schwer zu führen sein.

Wenn ich die Macht dazu hätte, würde ich trotz des scheinbaren Odiums, dem er entspringt, folgenden Vorschlag machen. Man lasse in den Straflisten der Bezirksämter und Stationen bei jedem bestraften Eingeborenen eine kleine Rubrik einfügen, in der ein kurzer Vermerk darüber enthalten ist, ob der Delinquent getauft ist oder nicht und wie lange er der christlichen Gemeinschaft angehört. Vielleicht wäre es auch nicht uninteressant, die Motive, die zu dem jeweilig vorliegenden Vergehen oder Verbrechen führten, klarzulegen. Dann berechne man jährlich den Prozentsatz der Bestrafungen, der auf die Getauften und die Heiden des Bezirkes entfällt, natürlich im Verhältnis zu ihrer Kopfzahl. Ich glaube fast, es würde sich ein ganz sonderbares Resultat ergeben.

Ich bin der Überzeugung – mag sein, daß sie falsch ist –, daß, wenn Togo heute von allen Europäern verlassen werden müßte und wir nach etwa 20 Jahren wiederkämen, nichts von all den Zeichen der Kultur zu finden sein würde, die wir heute mit einem gewissen Stolze als unser Werk bewundern, und die doch nur erst an der äußersten Oberfläche haftet. Der Neger würde rasch in seinen früheren Zustand zurücksinken, und auch sein Christentum würde in Trümmer gehen. Der Baum der neuen Lehre hat vorläufig noch nicht tiefe Wurzeln im Boden Afrikas geschlagen, und wenn er wächst, so ist es nur der emsigen Arbeit der Mission zu verdanken, die immer von neuem den Boden lockert. Aus eigener Lebenskraft würde er noch nicht weiter gedeihen. Damit will ich natürlich nicht aussprechen, daß es fortgesetzter Arbeit nicht doch gelingen wird, die fremde Pflanze auf fremdem Boden zu voller Ertragsfähigkeit zu entwickeln. Hoffen wir es. Für mich gilt genau wie für so manche andere koloniale Bestrebungen vorläufig ein: noch nicht.

In vielen kolonialen Kreisen wird allen Ernstes die Ansicht vertreten, daß der Islam für den Neger »geeigneter« sei als das Christentum. Daß er ihn leichter annehmen würde, besonders weil er die Polygamie gestattet und auch sonst dem passiven Temperament mehr entgegenkommt, bezweifle ich nicht. Vielleicht erleben wir in Togo sehr bald ein Zusammentreffen der von der Küste nach dem Innern vordringenden christlichen Mission mit dem vom Norden immer weiter zur Küste vorschreitenden Islam. Noch liegt eine kleine Zone neutralen Gebietes zwischen beiden, aber im Laufe der nächsten Jahre werden sie voraussichtlich aufeinanderstoßen. Möglicherweise erlebt Togo dann auch die Erscheinung, daß der bisher indolente Mohammedaner des Hinterlandes sich zu einem Verteidigungsfanatismus gegen das vordringende Christentum aufrafft, ein Ereignis, das nicht ohne weitgehende Folgen bleiben könnte.

Eine andere Frage könnte indessen mit größerem Rechte aufgeworfen werden, ob überhaupt der Togoneger in seinem Denken und Fühlen so hoch steht, daß jetzt schon die christliche Lehre eine Veredelung für ihn mit sich bringt, ob er überhaupt neben der äußeren Form wenigstens einen Teil ihres Wesens in sich aufzunehmen imstande ist. Von manchen wird die Frage verneint. Ich selbst halte die Möglichkeit nach den Gesprächen, die ich häufig mit intelligenten Schwarzen in dieser Richtung führte – sie waren immer von letzteren, nicht von mir angeregt –, für vorhanden. Wie viele es freilich sind, die dieses Ziel erreichen, werden die Missionare besser beurteilen als ich.

Die eigentliche Missionsaufgabe kann nicht schöner präzisiert werden als in dem Befehl Christi: »Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie.« Aus diesem engeren Rahmen ist die Mission herausgetreten, hat ihre Ziele teilweise erweitert und so eine Anzahl anderer Aufgaben auf sich genommen. Sie vertritt mit gutem Geschick und Erfolg geschäftliche Interessen – in Kamerun ist sogar der Handel der Baseler Mission ein sehr blühender –, sie läßt sich die ärztliche Fürsorge für Eingeborene nicht entgehen, sie unterhält Schulen für den allgemeinen Unterricht, bildet Handwerker aus, scheut nicht vor Plantagenarbeit zurück u.a.m. Soweit, diese Bestrebungen darauf hinzielen, dem Schwarzen neben dem Beten auch das Arbeiten begreiflich zu machen, sind sie nur zu loben. Die katholische Mission ist auch hierin der protestantischen überlegen.

Die Lösung eines anderen Teiles dieser Aufgaben aber läge billigerweise der Regierung ob. Daß gerade diese weiteren Aufgaben, welche die Mission in ihr Arbeitsgebiet einbezieht, den Grund zu Reibungen aller Art zwischen Mission und den übrigen Europäern abgeben können, unterliegt keinem Zweifel. Beschwerden der Eingeborenen über wirkliche oder vermeintliche Härten der Beamten entgegenzunehmen, kann man der Mission wohl kaum verübeln. Aber wie heikel ist schon die weitere Erledigung solcher Beschwerden! Wie verführerisch ist es, die Leute nicht an die maßgebende Regierungsstelle zur Untersuchung zu weisen, sondern selbst den Anwalt der Bedrückten zu spielen. Wie klein ist der Schritt von da bis zur allgemeinen Kontrolle der Regierungstätigkeit und weiter der Tätigkeit und des Lebenswandels der Europäer überhaupt. Wie klein ist der weitere Schritt dahin, alles aufzusuchen, was anrüchig zu sein scheint, und dieses Material bei Gelegenheit zu verwerten! Und wie lautete doch der Taufbefehl Christi, auf dem sich die Berechtigung der Heidenmission aufbaut? Bei seiner Ausübung würde die Mission sicher keiner Unfreundlichkeit der Europäer begegnen. Aber die zuletzt angedeuteten Aufgaben? Wie leicht ist ein casus belli gegeben.

Freilich kann es dem Kundigen nicht verborgen sein, wer in einem solchen Falle von vornherein der Unterlegene ist, wenn er die Machtreserven bedenkt, die hinter der Mission stehen. Hat doch die katholische Mission als selbstverständlichen Rückhalt daheim das ganze Zentrum der Volksvertretung, das es allein in der Hand hat, den Kolonialetat zu bewilligen oder nicht. So ist die Mission ein Noli me tangere! Doch genug davon. Seine Bewunderung wird niemand dem großen Werke versagen können. Zudem bleibt der Beruf des Missionars einer der schwersten aller kolonialen Berufe; die Hingebung, die Opferfreudigkeit, die Unermüdlichkeit, mit der er seinen harten Acker bearbeitet, kann jedem nur zum Vorbilde dienen. Ich bewundere ferner, mit welchen großen pekuniären Mitteln namentlich die katholische Mission im Vergleich zu den einzelnen Ressorts der Regierung arbeitet. In allem sieht man, wie die Arbeit auf ein festes Ziel gerichtet ist, man sieht, wie dieses Ziel mit zäher Konsequenz verfolgt wird, wie die Person ganz in den Hintergrund tritt, wenn es gilt, das Werk zu fördern.

Ein kurzes Zwiegespräch will ich hier, soweit es mir in der Erinnerung haftet, wörtlich folgen lassen. Ich hatte es kürzlich mit Dovi, derjenigen schwarzen Seele, die mir wohl am treusten zugetan ist. Oft erleichtert er auf dem Wege von der Poliklinik zum Krankenhause sich mir gegenüber das Herz. Es gibt vielleicht besser als lange Erörterungen einen Einblick in manche ungelöste Frage.

Dovi: Doktor, was ist besser, protestantisch oder katholisch?

Ich: Warum willst du das wissen?

Dovi: Ich will mich und meine Kinder taufen lassen und weiß noch nicht recht wo.

Ich: Warum willst du dich taufen lassen?

Dovi: Weil der weiße Mann auch getauft ist, und die Christen alle Brüder sind, und ich bin dann auch Bruder vom weißen Mann.

Ich: Sind die Buschleute Der Küstenneger hat ein starkes Stammesbewußtsein, das ihn mit ausgesprochener Verachtung auf den »Buschmann«, den Neger des Hinterlandes, herabsehen läßt. auch deine Brüder?

Dovi: Nein (mit großer Entrüstung in der Stimme).

Ich: Weißt du nun auch, was der Unterschied zwischen Christen und Fetischleuten ist?

Dovi: Das weiß ich schon längst, und ich wollte mich deshalb auch schon früher taufen lassen.

Ich: Warum hast du's aufgeschoben?

Dovi: Ich habe zwei Frauen, und beide sind mir gleich lieb, und wenn ich Christ werde, muß ich die eine fortschicken. Diese wird dann hingehen und einen anderen Mann nehmen und wird auch ihr Kind mitnehmen, und beide können nicht mehr für mich arbeiten.

Ich: Willst du denn jetzt deine Frau wegschicken?

Dovi: Ja, ich will es tun, weil der Missionar sagt, daß es nötig ist, wenn ich Christ werden will. Ich will Suleika behalten und die andere zu ihren Verwandten schicken.

Ich: Tust du's gern?

Dovi: Nein.

Ich: Warum willst du denn gerade Suleika behalten?

Dovi: Weil sie nicht von hier stammt und keine Verwandten kennt, die für sie sorgen können.

Ich: Warum habt ihr Schwarzen denn überhaupt mehrere Frauen?

Dovi: Doktor, da sind viele Gründe.

Ich: Nenne mir einen wichtigen davon!

Dovi: Wenn die Frau ein Kind bekommen wird, oder ein Kind hat, das noch bei ihr trinkt Die Negerfrau nährt ihr Kind drei Jahre lang., so ist es nicht gut, sagt der schwarze Mann, daß man die Frau braucht.

Ich: Was meinst du selbst denn, was besser sei, protestantisch oder katholisch?

Dovi: Protestantisch Wir haben in Kleinpopo keine protestantische Mission, aber die wesleyanische gilt unter den Eingeborenen wegen ihrer nahen Verwandtschaft mit dem Protestantismus als solche..

Ich: Warum?

Dovi: Weil der Gouverneur auch protestantisch ist.

Im weiteren Gespräche bat er mich schließlich trotz meines Ausweichens darum, ihm einen Rat zu geben. Ich riet ihm, seine Kinder ruhig taufen zu lassen und in die Schule zu schicken, damit sie von Jugend an als Christen aufwüchsen. Er selbst solle weiter die Kirche besuchen, und wenn er nach einem Jahre immer noch entschlossen sei, eine Frau wegzuschicken, solle er tun, was er selbst für richtig halte.

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