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Tropenarzt im Afrikanischen Busch

: Tropenarzt im Afrikanischen Busch - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Külz
titleTropenarzt im Afrikanischen Busch
publisherWilhelm Süsserott Verlag
addressBerlin
printrunDritte Auflage
year1943
firstpub1906
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidd4dd4523
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Die Sprachenfrage

17. Oktober

Seltsam, daß eine Sprachenfrage für unsere Kolonien überhaupt existiert; aber sie ist da. Der Deutsche hat es fertig bekommen, bisher in einer deutschen Kolonie als Verständigungsmittel mit den Eingeborenen nicht die deutsche, auch nicht die Eingeborenensprache, sondern die englische zu pflegen, und noch heute nimmt das Englische im Lehrplan der Missionsschulen einen breiteren Raum ein als das Deutsche. Diese Tatsache kritisiert sich selbst genügend. Wir Deutsche bleiben leider in Fragen des nationalen Stolzes immer noch ein anspruchsloses Volk. Als charakteristisch sei erwähnt, daß erst unlängst der katholische Bischof – soviel ich weiß, selbst ein geborener Deutscher – der »deutschen« katholischen Kirche im »deutschen« Lome in Gegenwart der deutschen Beamten und Kolonisten eine englische Weiherede hielt!

Ganz abgesehen aber von allen idealen Gesichtspunkten, erwächst uns durch die Kultivierung der englischen Sprache auch ein schwerer materieller Schaden. Die englische Grenze über Land ist nicht fern, und zahlreiche Dampferverbindungen bieten bequeme Auswanderungsgelegenheit. Hat der Eingeborene das nötige Englisch mit deutscher Hilfe gelernt, so bedarf es nur des verlockenden Angebotes einer englischen Firma, daß er in ihre Dienste tritt, und der Deutsche hat dem Engländer seinen Clerk sorgfältig vorgebildet. Ich verstehe wohl, daß man anfänglich gezwungen war, sich englisch sprechender Dolmetscher zu bedienen, aber ich verstehe nicht, warum man 18 Jahre hindurch nicht mit Nachdruck darangegangen ist, sich ausschließlich deutsch redende Kräfte heranzubilden! Der Grund, daß der Schwarze leichter Englisch als Deutsch begreife, und daß namentlich das schauderhafte Pidgin-Englisch große Bequemlichkeiten bei der gegenseitigen Verständigung biete, kann ja in keiner Weise stichhaltig sein und stellt nur ein Armutszeugnis für diejenigen aus, die dazu berufen sind, den Eingeborenen Deutsch beizubringen.

Weiterhin wird eingewendet: es sei besser, der Schwarze versteht kein Deutsch, damit er die Gespräche der Europäer nicht belauschen kann. Ich entgegne: führt in Gegenwart eines Negers keine Gespräche, die nicht für sein Ohr bestimmt sind, genau wie man auch daheim in Gegenwart des Dienstpersonals oder der Kinder Vorsicht walten lassen muß. Aber selbst wenn der Eingeborene aus diesem Grunde dem Deutschen ferngehalten werden müßte, so wäre damit immer noch nicht die Notwendigkeit des Englischen für ihn erwiesen.

Näherliegend wäre die Folgerung: laßt den deutschen Kolonisten die Eingeborenensprache erlernen. Die Holländer halten zum Beispiel sehr darauf, daß in ihren überseeischen Besitzungen die Beamten die Sprache der Landesbewohner beherrschen und wenn ich nicht irre, setzt die Regierung sogar namhafte Prämien für solche Beamten aus, die nach einer bestimmten Zeit ein Examen in der Eingeborenensprache bestehen. Die Anforderungen beim Examen könnten ja niedrig gestellt und als Erfordernis nur eine gute Verständigung mit den Eingeborenen verlangt werden. Für Kamerun wäre der Vorschlag wohl undurchführbar, weil viele der zahlreichen Stämme ihre eigene Sprache sprechen. Aber für weite Bezirke Togos würde das Ewe genügen.

Seit zwei Monaten suche ich in seine Geheimnisse einzudringen, wozu mir der tägliche poliklinische Verkehr mit den schwarzen Patienten reichliche Gelegenheit bietet. Mehrere kurze Lehrbücher dieser Sprache gibt es auch, doch scheinen sie mir nicht viel zu taugen, wenigstens nicht dafür, daß ein Europäer nach ihnen lernt. Einige Schwierigkeiten bereitet es, unsere Eingeborenensprache mit ihren eigenartigen Nuancen in der Aussprache der Vokale und Konsonanten vermittels unseres deutschen Alphabetes zu schreiben. Wir haben fünf verschiedene Schulen in Togo: Baseler, norddeutsche, wesleyaner, katholische und die Regierungsschulen. Jede von ihnen hat ihre höchsteigene Schreibweise. Der naheliegende Gedanke, sich über sie zu einigen, harrt noch seiner Verwirklichung Inzwischen geschehen durch Prof. Westermann, Universität Berlin, »Die Ewesprache in Togo«.. So kommt es vor, daß ein Schüler der Regierungsschule einen in seiner eigenen Muttersprache verfaßten Brief eines Missionsschülers überhaupt nicht lesen kann.

Hoffentlich komme ich bald so weit, mich ohne Dolmetscher verständigen zu können. Das Erlernen der Eingeborenensprache durch die Europäer würde natürlich große Vorteile gegenüber der Notwendigkeit eines Dolmetschers haben. Man denke nur an die Gerichtsverhandlungen, bei denen der untersuchende Beamte auf Treu und Glauben das hinnehmen muß, was jener ihm vermittelt. Wie leicht sind Mißverständnisse möglich, selbst wenn der Dolmetscher zuverlässig ist. Aber auch in das ganze Denken und Fühlen der Eingeborenen wird sich derjenige besser hineinleben können, der ihre Sprachen versteht. Leider stehen der Aussicht, daß der Beamte in Togo das Ewe erlernen wird, große Schwierigkeiten entgegen. Nicht zum wenigsten die geringe Stetigkeit in der Besetzung der verschiedenen Ämter und die durchschnittlich kurze Dauer des Tropendienstes der Beamten. So wird uns nichts anderes übrigbleiben, als Eingeborene heranzuziehen, die Deutsch sprechen. Die beiden Regierungsschulen in Lome und Kleinpopo tun es bereits.

Die Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber dem englischen Unterricht in der Mission aber wird hoffentlich bald ihr Ende erreichen, und hoffentlich werden auch die Europäer Togos allmählich ihren Stolz darein setzen, ihrem schwarzen Dienstpersonal Deutsch beizubringen, anstatt wie bisher sich durch englische Brocken mit ihnen zu verständigen. Im Nachtigal-Krankenhause dulde ich jedenfalls kein Englisch der Schwarzen mehr.

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