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Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 7
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
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VI. Das höfische Kind.

               

Nun, Tristan, der ist heim gekommen
Unbewust, ihr habts vernommen
Und wähnte doch hier fremd zu sein.
Der unvermeinte Oheim,
Mark, der tugendliche Mann,
That gar tugendlich daran,
Wars gleich zu sehr nicht eben Noth,
Er bat zumal und gebot
All dem Hofgesinde,
Daß es dem fremden Kinde
Gut und gnädig wäre
Und ihm mit Reden Ehre
Bot und mit Geselligkeit.
Sie waren all dazu bereit
Mit willigem Muthe.
Seht, Tristan ward, der gute,
Des Königs Ingesinde so.
Der sah ihn gern und war sein froh.
Denn Ihn zog auch sein Herz dahin.
Er blickte gern und oft auf ihn,
Denn er war zu allen Zeiten
Höfisch an seiner Seiten
Und trug sich ihm zu Diensten an,
Wo er nur Gelegenheit gewann.
Wo Marke hingieng oder war,
Sah man ihn den andern immerdar;
Auch nahm ihm Marke das für gut;
Er trug ihm immer holden Muth
Und freute sich, wenn er ihn sah.

Nun geschahs am Hofe da
In den ersten acht Tagen,
Daß Marke selbst ritt mit ihm jagen,
Und viel des Hofgesindes auch,
Zu schauen seinen Jagdgebrauch
Und wahrzunehmen seiner Kunst.
Sein Jagdpferd nahm da Mark aus Gunst
Und schenkt' es ihm mit holden Sitten:
So gut war Tristan nie beritten
Gewesen; stark wars, schön und schnell.
Dazu ein Hörnlein süß und hell
Hieß er ihm geben in die Hand
Und sprach: »Tristan, dir ist bekannt,
Daß du mein Jägermeister bist.
Nun zeig uns wie dein Jagdbrauch ist:
Nimm deine Hunde, fahr hinaus
Und stelle deine Warten aus,
Wo du denkst, sie sollten stehn.«
»Nein, Herr, so kann es nicht ergehn«,
Sprach Tristan, der höfsche Knab:
»Sendet eure Jäger ab,
Daß sie die Warte besetzen
Und die Hunde von den Seilen hetzen;
Sie kennen jeden Weg und Schlich
Und wißen beßer als ich,
Wohin der Hirsch sich ziehet
Und vor den Hunden fliehet.
Sie kennen die Gelegenheit;
Ich habe noch zu keiner Zeit
Hier gejagt und bin ein fremder Knecht.«
»Weiß Gott, Tristan, du hast Recht:
Du kannst hierauf dich nicht verstehn.
Die Jäger müßen selber gehn;
Sie mögen das beßer schlichten.«

Die Jäger giengen dieß verrichten:
Sie koppelten die Hunde
Und stellten in der Runde
Ihre Warten aus zur Birsch.
Bald hetzten sie auf einen Hirsch
Und jagten ihn im Wettestreit
Schier bis an die Abendzeit:
Da erjagten ihn die Hunde.
Nun kam zur selben Stunde
Herr Marke und sein Freund Tristan
Mit manchem höfischen Mann
Herbei, ihn abzufangen.
Die Jagdhörner klangen
In mancherlei Getöne
Und bliesen all so schöne,
Daß König Marken dieses Spiel
Und seinen Leuten wohlgefiel.

Als der Hirsch war gefällt,
Da wurde Tristan hingestellt,
Des Königs heimischer Gast,
Und gebeten, daß er sie den Bast
Nun nach der Reihe ließe sehn.
Tristan sprach: »Das soll geschehn«,
Und begann nach ihrem Wunsch zu thun.
Aber mich bedünkt es nun,
Daß es überflüßig wäre
Euch zweimal Eine Märe,
Dieselbe, vorzutragen.
Wie er beim ersten Jagen
Den Hirsch entbästet, gleichen Brauch
Hielt er bei dem zweiten auch.
Den Bast und die Furkîe,
Und die Kunst bei der Curîe,
Als sie die sahen, in der Runde
Gestanden sie aus Einem Munde,
Daß Niemand diese Dinge
Nach beßrer Art vollbringe,
Noch ihnen beßre mög erfinden.
Der König ließ zu Rosse binden
Den Hirsch und wandte sich hindann,
Er und sein Jäger Tristan.
Und all die Messenîe
Mit Stangen und Furkîe
Ritten sie darauf nach Haus.

Ein lieber Hofmann überaus
War Tristan nun in Tintajoel.
Gesind und König hielt ihn wohl
Und erbot ihm gern Geselligkeit.
Auch war er immerdar bereit
Reich und Arm zu dienen.
Hätt er Jeden nur von ihnen
Auf seinen Armen mögen tragen,
Er hätt es Keinem abgeschlagen.
Den Segen hatt ihm Gott gegeben,
Er konnt und wollte Allen leben:
Lachen, Tanzen, Singen,
Reiten, Laufen, Springen,
Bescheiden sein und Schallen,
Das konnt er wohl mit Allen.
Er lebte wie man wollte
Und wie die Jugend sollte.
Was Einer immer begann,
Das hob er gerne mit ihm an.

Nun aber trug es sich zu,
Daß Marke eines Tags der Ruh
Nach Tisch zu pflegen sitzen blieb;
Da ist ja immer Kurzweil lieb.
So horcht' er nach gewohnter Weise
Auf eines Harfenspielers Weise,
Des besten, den man kannte,
Und großen Meister nannte;
Derselbe war ein Galois.
Da kam Tristan der Parmenois
Und setzte sich zu seinen Füßen
Und nahm des Liedes und der süßen
Noten wahr mit allem Fleiß;
Und wärs ein schwerverpönt Geheiß,
Sein Gedenken bliebe nicht verschwiegen.
Das Herz begann ihm hoch zu fliegen
Und mit dem Herzen flog der Muth.
»Meister«, sprach er, »ihr harfet gut,
Ihr wißt die Saiten anzuschlagen,
Dem Erfinder würd es selbst behagen.
Dieß schöne Lied hat ein Britun
Erfunden von dem Herrn Gurun
Und dem Fräulein seiner Minne.«

Dieß nahm in seine Sinne
Der Harfner, ob es Anfangs schien
Als hätt er wenig Acht aufs ihn,
Bis er sein Spiel geendet.
Zu dem Kinde jetzt gewendet
»Was weist du«, sprach er, »liebes Kind,
Von wannen diese Noten sind?
Verstehst du etwa dieses Spiel?«
»Ach, Meister«, sprach Tristan, » nicht viel.
Einst hatt ich einge Meisterschaft;
Nun hat sie so geringe Kraft,
Daß ich vor euch zu blöde bin.«
»Nicht doch, nimm diese Harfe hin:
Laß hören, welche Leiche
Spielt man im Britenreiche.«
»Gebietet ihr es, Meister mein,
Und solls mit euern Hulden sein,
Daß ich euch spiele?« sprach Tristan.
»Ja, trauter Knabe, heb nur an.«

Als er die Harfe nahm zur Hand,
Wie wohl sie seinen Händen stand!
Sie waren, las ich, schön und fein,
Daß sie nicht schöner konnten sein.
Weich und linde, klein und schlank
Und wie ein Hermelin so blank;
Mit diesen rührt' und schlug er schöne
Grund- und schnelle Wandeltöne,
Seltsame, süße, reine.
Da dacht er auch an seine
Lieder aus der Briten Land;
Den Hammer setzt' er ein gewandt,
Zog diese Saite nieder,
Die andre höher wieder
Bis sie standen wie sie sollten stehn.
Nun, das war alsbald geschehn:
Der neue Harfenist, Tristan,
Fieng seines neuen Amtes an
Zu warten klug und weise.
Seine Noten zu der Weise,
Seine seltsamen Grüße,
Die harft' er also süße,
Und begleitete so schön
Sich selbst mit Saitengetön,
Daß Alles zu der Stelle lief,
Dieser Jenen näher rief.
Eilends lief die Höflingsschar
Herbei, die in den Kammern war
Und wähnten doch zu spät zu kommen.

Herr Mark hatt Alles wohl vernommen:
Er saß, des Spieles achtend,
Seinen Freund Tristan betrachtend,
Und verwunderte sich sehr,
Daß so höfsche Gabe der,
Und gute Kunst in seiner Brust
(Er war sich ihrer doch bewust)
Verhehlen mochte bisheran.
Nun, weiter spielte Tristan
Und wob den Leich hinein mit Sinn
Von der stolzen Freundin
Graland des Schönen:
Den ließ er süß ertönen
Und harfte so zu Preise
Die britunische Weise,
Daß da Mancher stund und saß,
Der seines Namens schier vergaß.
Da begannen Herz und Ohren
Als würden sie zu Thoren
Aus ihrer Pflicht zu wanken;
Da wurden Gedanken,
Seltsame, zu Tag gebracht;
Da ward zu manchem Mal gedacht:
»Ach, selig sei der Kaufmann,
Der so höfschen Sohn gewann!«
Seine Finger, ach, die weißen,
Wie sah man die sich fleißen
Und wühlen in den Saiten;
Sie konnten Töne spreiten,
Daß der Pallas wurde voll.
Da zahlten Augen wohl den Zoll:
Sie gaben alle Acht darauf
Und folgten seiner Hände Lauf.
Nun wars mit diesem Leich geschehn:
Einen Boten ließ der König gehn,
Der sprach, es wünschten Viele,
Daß er noch einen spiele.
»Mu voluntiers«, sprach Tristan;
Herrlich hub er wieder an
Einen Liebesleich wie eh
Von der curtoisen Thisbe
Aus dem alten Babylon:
Den harft' er in so schönem Ton
Und wandelte den Grundton auch
Nach so meisterlichem Brauch,
Daß es den Harfner Wunder nahm.
Als die Gelegenheit dann kam
Flocht der tugendliche Knabe
Zu aller Ohren Labe
Seine Chanzonen mit hinein:
Er sang die Leichnötelein,
Britunische, galoisische,
Lateinische, französische,
So süß mit seinem Munde:
Sie wusten in der Runde
Nicht, welches süßer wäre
Oder würdiger der Ehre,
Ob sein Harfen oder Singen.
Sich hub von diesen Dingen,
Von seinem Spiel, von seinem Sang
Gerede viel, Gerede lang,
Indem sie All gestanden
Sie hätten in den Landen
Das nie gehört, gesehen nie.
Der sprach dort und dieser hie.
Ach, was ist das für ein Kind!
Was ist er uns ein Ingesind!
Alle Kinder, die nun leben,
Möchte man zu Tausche geben
Für den Einen Tristan gleich.«
Als nun Tristan seinen Leich
Zu Ende brachte nach Begehr,
Herr Marke sprach: »Tristan, geh her.
Der dich das hat gelehret,
Der sei vor Gott geehret
Und du mit ihm: das hat wohl Grund.
Ich hörte gerne deinen Mund
Lieder singen vor der Nacht,
Wenn doch dein Auge gern noch wacht.
Nicht wahr, das thust du mir und dir?« –
Ja, gerne, Herr. – »Nun sage mir,
Kannst du noch ander Saitenspiel?« –
Nein, sprach er, Herr. »Zier dich nicht viel;
So lieb als ich dir bin, Tristan,
Die rechte Wahrheit sag mir an.«
Die Wahrheit sprach er da getreuer:
»Ihr braucht mich nicht so hoch und theuer
Zu mahnen, Herr: ich hätt es wohl
Schon so gesagt, da ich es soll,
Und ihr es wollet wißen.
Herr, ich war beflißen
Zu lernen jedes Saitenspiel;
Und kann von Keinem doch so viel,
Ich wüste gern davon noch mehr.
Auch hab ich es nur nebenher
Und nicht jeden Tag getrieben;
Und bin dabei geblieben
Kaum in das siebente Jahr
Oder wenig drüber, das ist wahr.
Man lehrte mich in Parmenie
Fiedelspiel und Symphonie;
Harfen und Rotten
Lehrten mich Galiotten,
Zwei Meister galoise;
Mich lehrten Britanoise
(Sie waren aus der Stadt zu Lut)
Die Leier und das Sambiut.«
Sambjut, was ist das, lieber Mann?
»Das beste Saitspiel, das ich kann.«
»Seht«, sprach das Hofgesinde,
»Gott hat diesem Kinde
Zu recht wonniglichem Leben
Seiner Gnaden viel gegeben.«

Noch fragt' ihn König Marke mehr:
»Tristan, ich hörte dich vorher
Britunnisch singen und galois,
Gut Latein und auch franzois;
Kannst du die Sprachen?« – »Herre, ja,
So ziemlich wohl.« Von fern und nah
Kam der Haufe da gedrungen,
Wer nur in fremden Zungen
Sprach aus einem Nachbarland,
Der versucht' ihn allzuhand,
Bald in dieser, bald in der;
Da fiel antworten ihm nicht schwer
Ihnen Allen in der ihren,
Norwegern oder Iren,
Allmannen, Schotten, Dänen.
Da mochte wohl sich sehnen
Manch Herz nach Tristans Gaben:
Die wollten Alle haben;
Ein Jeder wollte sein wie er,
Und rief mit herzlichem Begehr
Süß und wonniglich ihm zu:
»Ach, Tristan, wär ich doch wie du!
Tristan, du magst wohl gerne leben:
Dir sind im Übermaß gegeben
Alle Gaben, die ein Mann
Auf der Welt nur haben kann.«
Groß Wunder ward auch dorten
Von ihm gemacht mit Worten:
Hört! sprach Dieser, hört! sprach Der;
Alle Welt die höre her:
»Ein vierzehnjähriges Kind
Kann alle Künste, die nur sind.«

Da sprach Herr Marke: »Tristan höre,
An dir ist was ich nur begehre,
Alles kannst du was ich will,
Jagdkunst, Sprachen, Saitenspiel.
So wollen wir Gesellen sein,
Du mein Geselle und ich dein.
Wir wollen Tages reiten jagen:
Des Abends finden wir Behagen
An höfischen Dingen:
Harfen, Fiedeln, Singen,
Das kannst du wohl, das thu du mir.
Ich kann ein Spiel, das thu ich dir,
Das auch dein Herz dir wohl begehrt:
Schön Gewand, manch schnelles Pferd,
Und wonach noch sonst der Sinn dir zielt,
Geb Ich dir: das ist wohl gespielt.
Sieh, mein Schwert und meine Sporn,
Meine Armbrust und mein golden Horn,
Geselle, die befehl ich dir:
Die übernimm und pflege mir,
Und sei du höfisch und sei froh.«

Nun ward der Heimatlose so
Bei Hof ein lieb Gesinde.
Man sah an einem Kinde
Den Segen nie, nicht vor noch nach,
Denn was er that und was er sprach,
Das däucht und war auch also gut,
Daß alle Welt ihm holden Muth
Und geneigtes Herze trug.
Der Rede sei hiemit genug.
Wir legen diese Märe nieder
Und greifen zu der andern wieder,
Was sein Vater Marschall Don Rual,
Li foitenant et li leal,
Als er ihm gieng verloren,
Für Rath deshalb erkoren.

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