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Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 4
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
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III. Rual li foitenant.

           

Wer Trauer stäts und Treue
Dem Freunde trägt aufs Neue,
Dem lebt der Freund aufs Neue;
Das ist die gröste Treue.

Wer stäts dem Freunde Trauer trägt,
Ihm nach dem Tode Treue hegt,
Das ist vor allem Lohne,
Ist aller Treue Krone.
Mit derselben Krone waren
Gekrönt, das hab ich wohl erfahren,
Der Marschall und sein Weib, das gute,
Die gleiche Treu in Einem Muthe
Gott und der Welt bewährten
Und durch ihr Vorbild lehrten
Vor der Welt und Gott zumal,
Daß sie, wie es Gott befahl,
Nach ganzer Treue zielten
Und sie unverbrüchlich hielten
Ohn End und ohne Wende
Bis an ihr Beider Ende.
Und so Wer sollt auf Erden
Für seine Treue werden
König oder Königin,
So verdienten Sie wohl den Gewinn,
Wie ich euch von den Beiden
In Wahrheit mag bescheiden,
Wie Er und Sie sich treu erwies.
Als Blanscheflur ihr Leben ließ
Und Riwalin begraben war,
Das verwaiste Kind, das sie gebar,
Dem giengs nach solchen Ungenaden
Gar wohl: es sollt ihm wenig schaden.
Der Marschall und die Marschallin
Nahmen das kleine Waislein hin
Und hielten es mit Sorgen
Vor aller Welt verborgen.
Sie sagten oder ließen sagen,
Ihre Herrin hätt ein Kind getragen,
Das wäre mit und in ihr todt.
Von dieser dreifachen Noth
Mehrte sich des Landes Klage,
Ihre Klage mehrte noch die Sage:
Sie klagten, daß Riwalin erstarb,
Klagten, daß Blanscheflur verdarb,
Klagten um ihr Kindelein,
Das ihr Trost doch sollte sein,
Daß das erstorben wäre.
Bei dieses Leides Schwere
Gieng ihnen schier der Schrecken
Vor Morgans Drohn, des Kecken,
So nah als ihres Herren Tod.
Denn das ist die gröste Noth,
Die man auf Erden haben mag,
Wenn Einem immer Nacht und Tag
Der Todfeind vor den Augen steht:
Das ist die Noth, die nahe geht,
Das ist ein lebendger Tod.
In dieser lebenden Noth
Ward Blanscheflur zu Grab getragen.
Da mochte Jammer viel und Klagen
Ob ihrem Grab vernommen werden;
Haarzerraufender Geberden
Sah man da viel und allzu viel.
Nun will ich aber ohne Ziel
Eure Ohren nicht beschweren
Mit allzu kläglichen Mären,
Weil es den Ohren missbesagt,
Wo man zu viel von Klage sagt;
Und sagt es Einer noch so gut,
Es steht ihm doch zuletzt nicht gut.
So laßen wir denn langes Klagen
Und fleißen uns dafür zu sagen
Von dem verwaiseten Kind,
Dem die Mären hier gewidmet sind.

Oft kehrt das Glück vom Glücke
Zum Ungemach zurücke
Und wiederum zurücke
Vom Ungemach zum Glücke.

Der wackre Mann soll in der Noth,
Wie schlimm es auch zu gehen droht,
Gedenken, was ihm helfen mag.
So lang ihm scheint des Lebens Tag
Soll er mit den Lebendgen leben
Und sich selbst zum Leben Hoffnung geben:
So that der Marschall Foitenant.
Wie übel seine Sache stand,
Doch bedacht er mitten in der Noth
Des Landes Fall, den eignen Tod.
Als er keine Hülfe schaute,
Sich mit der Wehr nicht traute
Vor seinem Feind zu fristen,
So wehrt' er sich mit Listen.
Er berieth die Ritter allzumal,
Denen einst sein Herr befahl,
Daß sie die Waffen ließen ruhn:
Sie sollten anders nichts mehr thun
Als flehn und sich ergeben:
Sie ergaben Gut und Leben
Nach seinem Rath in Morgans Huld.
Allen Groll um alte Schuld,
Wie groß er zwischen ihnen sei,
Legten sie mit Morgan bei
Und erhielten also Leut und Land.

Der getreue Marschall Foitenant
Fuhr heim zu seinem werthen Weib
Und befahl bei Leben und Leib
Ihr an, sich einzulegen
So wie die Frauen pflegen,
Wenn sie Kindesnoth befällt,
Und alsdann vor aller Welt
Zu behaupten und zu sagen,
Sie habe selbst das Kind getragen,
Die Waise von Riwalin.
Die selige Marschallin,
Die gute, die stäte,
Die reine Floräte,
Die der Frauentugend Spiegel war,
Und der Güte Demant immerdar,
Die ließ sich leicht zu dem bewegen
Was nur geschah der Treue wegen.
Sie stellte Leib und Sinn zur Klage
Wie Eine, die am andern Tage
Schon eines Kindes soll genesen.
Ihr Kämmerlein und all ihr Wesen
Ließ sie in Ordnung bringen
Zu heimlichen Dingen.
Sie wust auch aus Erfahrung wohl,
Wie man dabei sich halten soll:
Dem ahmte sie mit Absicht nach
Und heuchelte groß Ungemach
Am Gemüth und an dem Leibe,
Und that gleich einem Weibe,
Die solcher Noth entgegenblickt
Und Alles weislich beschickt
Was man da zu bedürfen pflegt.
So ward das Kind zu ihr gelegt
Gar heimlich und verstohlen
Und aller Welt verhohlen;
Nur einer Amme wars bekannt.

Bald gieng die Märe durch das Land,
Daß die Marschallin Floräte
Einen Sohn gewonnen hätte.
Es war auch wahr, man log nicht dran,
Daß sie einen Sohn gewann,
Der ihr Sohnestreu erzeigte
Bis sich Beider Leben neigte.
Es trug dieß süße Kind zu ihr
So süße kindliche Begier
Als zu der Mutter soll ein Kind;
Und billig ward sie so geminnt:
Sie hatt auch Ihres Herzens Triebe
Auf Ihn gewandt mit Mutterliebe,
Und hielt daran so treu gesinnt,
Als hätte selber sie dieß Kind
Unter ihrer Brust getragen.
Wie wir die Märe hören sagen,
So hat nie früher noch seither
Ein fremdes Paar so treulich mehr
Erzogen ihres Herren Sohn;
Die Märe selber wird davon
Noch zeugen unverborgen,
Wie väterlicher Sorgen,
Wie mancher Noth sich must um ihn
Der getreue Marschall unterziehn.

Nun die Marschallin zum Schein
Der Noth genesen sollte sein
Und nach den sechs Wochen,
Die den Fraun sind zugesprochen,
Zur Kirche gehen mit dem Sohn,
Von dem ihr mehr vernommen schon,
Da nahm sie selbst ihn auf den Arm
Und trug ihn wohlversorgt und warm
Zu dem Gotteshause hin.
Und als sie dann mit frommem Sinn
Ihr Gottesrecht empfangen
Und zum Opfer war gegangen
Mit schönem Ingesinde,
Da war dem kleinen Kinde
Die heilge Taufe bereit,
Damit es seine Christenheit
In Gottes Namen empfienge
Und, wie es ihm hernach ergienge,
Sein Christenrecht doch hätte.
Da nun an heilger Stätte
Der Priester stand und Alles auch
Bereit war, was beim Taufen Brauch,
Da fragt' er, wie das Kindelein
Denn geheißen sollte sein.
Da gieng die Marschallin hindann
Und sprach geheim mit ihrem Mann
Und fragt ihn, wie er wollte,
Daß man es nennen sollte.
Da schwieg der Marschall lange
Und sann und war ihm bange,
Ob er den Namen finde,
Der ziemend wär dem Kinde.
Dabei erwog er her und hin
Des Kindes Looß von Anbeginn
Und wie's mit ihm gekommen war;
Er hatt es ja vernommen gar.
»Seht«, sprach er, »Frau, wie ichs vernahm
Von seinem Vater, daß es kam
Mit ihm und seiner Blanscheflur,
Wie Trauriges ihm widerfuhr
Bis sein Will und Wunsch ergieng,
Wie sie dieß Kind mit Traur empfieng
Und es mit Trauer gewann,
So heißen wir es Tristan
Denn Triste zielt auf Traurigkeit,
Und von der beiden Eltern Leid
Ward Tristan dieses Kind genannt,
Tristan getauft von Priesterhand.
Sein Name war von Trist Tristan;
Mit Recht gehört' ihm der auch an,
Ziemt' ihm in aller Weise
Wie euch die Mär erweise.

Seht wie traurig es war,
Da ihn die Mutter gebar;
Seht wie früh die Welt ihm Noth,
Des jungen Rückens Bürde, bot;
Seht, welch ein trauriges Leben
Ihm zu leben ward gegeben;
Seht an den traurigen Tod,
Der alle seine Herzensnoth
Mit einem Ende beschloß,
Der alles Todes Übergenoß
Und aller Trauer Galle war.
Wer jemals diese Märe gar
Vernimmt, erkennt wohl, daß dem Leben
Der Nam entsprechend ward gegeben:
Er war, so wie er hieß, ein Mann,
Und hieß recht wie er war, Tristan.
Wer aber gerne hätt erkannt,
Aus welchem Grunde Foitenant
Verbreiten ließ die Märe,
Seines Herren Kindlein wäre
Von der Geburtsstunde Noth
Mit seiner todten Mutter todt,
Dem geben wir den Grund wohl an:
Es ward aus Treue gethan.
Wegen Morgan that es der Getreue,
Vor seinem Haße trug er Scheue.
Er sorgte, wüst er um das Kind,
So würd er es mit List geschwind
Oder mit Gewalt verderben
Und das Land berauben seines Erben.
Deshalb nahm der treue Mann
Zum Kinde sich das Waislein an
Und erzogs zu seinem Sohne,
Wofür die Welt zum Lohne
Ihm Gottes Gnade wünschen soll:
Das verdient' er an der Waise wohl.

Als das Kind nun war getauft,
Nach Christenbrauch dem Heil erkauft,
Da nahm ihr liebes Kindlein hin
Die tugendreiche Marschallin
In ihre heimliche Pflege:
Sie wollt es alle Wege
Selbst hüten und besorgen
Den Abend wie den Morgen.
Mit so süßem Fleiße Tag und Nacht
Hielt die süße Mutter ihn bewacht,
Daß sie ihm auch nicht gönnte,
Daß er nur unsanft könnte
Den Fuß zu Boden schieben.
Als sie das mit ihm getrieben
Bis sein siebtes Jahr war voll,
Daß er Geberd und Rede wohl
Verstehen konnt und auch verstand,
Da kam der Marschall allzuhand
Und befahl ihn einem weisen Mann.
Mit diesem sandt er ihn hindann
In fremdes Land der Sprache wegen;
Da sollt er sich aufs Lernen legen,
Das Lesen und das Schreiben
Bei ihm mit Fleiß betreiben
Vor jedem andern Unterricht.
Das war der erste Verzicht,
Den er auf seine Freiheit that,
Nun er in den Bannkreiß trat
Anerzwungner Sorgen,
Die ihm zuvor verborgen
Und noch erlaßen waren.
In seines Aufblühns Jahren,
Da sein Glück erst sollt erstehn,
Der Freud er sollt entgegengehn,
In seines Lebens Beginn,
Da war sein bestes Leben hin.
Als er freudig zu erblühn begann,
Da fiel der Sorge Reif ihn an,
Der mancher Jugend Schaden thut
Und sengt' ihm seiner Freuden Bluth.
Da seine Freiheit begann
War seine Freiheit hindann.
Die Bücherweisheit und ihr Zwang
War seiner Sorgen Anfang,
Und doch, als er damit begann,
Kehrt' er seinen Sinn daran
Und sein Befleißen also sehr,
Daß er in den Büchern mehr
Erlernet hatt in kurzer Frist
Als je ein Kind, von dem ihr wißt.

Zwischen beiden Lernungen,
In den Büchern der und der der Zungen,
Verwandt er seiner Zeit noch viel
Auf jede Art von Saitenspiel.
Daran kehrt' er spät und früh
Seine Emsigkeit und Müh,
Bis er es herrlich konnte.
Zu lernen begonnte
Er heute dieß und morgen das,
Und konnt ers wohl, noch lernt' ers baß.
Ferner lernt' er nebenher
Mit dem Schild und mit dem Sper
Wohl und behende reiten,
Das Ross zu beiden Seiten
Geschickt mit Sporen rühren,
Es stolz im Sprunge führen,
Loisieren und Turnieren,
Mit den Schenkeln sambelieren
Nach Gebrauch im Ritterspiel;
So tummelt' er sich oft und viel.
Wohl schirmen, wacker ringen,
Schnell laufen, tüchtig springen,
Dazu schießen den Schaft,
Darin versucht' er oft die Kraft.
Wir hören wohl auch von ihm sagen,
Es lernte birschen und jagen
Nie ein Mann so wohl als er,
Es wäre dieser oder der.
Die man bei Hofe spielen soll,
Die Spiele konnt er alle wohl.
Er war auch so am Leibe
Beschaffen, daß vom Weibe
Nie ein schönrer Jüngling ward geboren.
An ihm war Alles auserkoren,
So der Muth wie die Geberden;
Doch leider soll durchflochten werden,
Wie ich es las, dieß Heil mit Schaden:
Er war mit Kummer stäts beladen.

Nun er zu vierzehn Jahren kam,
Der Marschall ihn nach Hause nahm
Und hieß ihn alle Zeiten
Fahren und reiten,
Zu erforschen Leut und Land
Bis er gründlich erkannt
Des Landes Sitten habe.
Das that der werthe Knabe
So löblich und behende,
Daß man nicht Höfschern fände
Wohl in dem ganzen Reiche,
Noch der sich vergleiche
Diesem Knaben Tristan.
So sah die ganze Welt ihn an
Mit Freundes Aug und holdem Muth,
Wie man billig ihm thut,
Der seinen Sinn auf Sitte stellt
Und stäts Unsitte ferne hält.

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