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Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 31
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
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XXX. Isolde Weißhand.

                       

Als Tristan zur Herberge kam,
Sein Ingesind er an sich nahm
Und eilte sich mit seiner Schar
Bis daß er in dem Hafen war.
Das erste Schiff, das er da fand,
Darauf setzt' er sich zuhand
Und fuhr dahin gen Normandie,
Er und seine Massenie.
Unlange blieb er aber dort,
Denn sein Gemüthe trieb ihn fort,
Ob er irgend fänd ein Leben,
Das ihm Erquickung möge geben
Und Trost in Trauer bringe.
Hie merket Wunderdinge.
Tristan floh Leid und Widrigkeit
Und suchte Widrigkeit und Leid.
Er floh Marken und den Tod
Und suchte doch die Todesnoth,
Der Herzenstod ihm drohte,
Die Ferne von Isote.
Was halfs, dem Tod hier zu entfliehn
Und dem Tod entgegen dort zu ziehn?
Was half es, daß er vor der Qual
Wich aus dem Lande Cornewal,
Da sie ihm auf dem Rücken lag
Doch alle Zeit so Nacht als Tag?
Dem Weib erhielt er so das Leben,
Und seinem Leben war vergeben
Doch an demselben Weibe.
Seinem Leben, einem Leibe
Gab nichts Lebendes den Tod
Als sein zweiter Leib, Isot:
So schwebt' er zwischen Noth und Tod.
Nun dacht er, könnt ihm diese Noth
Jemals auf der Erden
Noch so erträglich werden,
Daß er möchte gedeihn,
Durch Ritterschaft nur mög es sein.

Nun wars gemeine Märe,
Wie große Kriegsnoth wäre
Zu Allmagne in den Landen:
Dieß sagte man Tristanden.
Da wandt er durch Champagne
Sich weiter gen Allmagne,
Und diente nach dem Lohne
So dem Scepter und der Krone,
Daß römisch Reich nie einen Mann
Unter sein Panier gewann,
Der sich so weiten Ruf verschafft
Durch mannliche Ritterschaft.
Glück und Gelingen
In mannlichen Dingen
Und Abenteuer fand er viel,
Die ich nicht all erwähnen will;
Denn wollt ich alle seine That,
Die man von ihm geschrieben hat,
Erzählen und berichten,
Das wären viel Geschichten!
Die Fabeln, die darunter sind,
Die laß ich fahren mit dem Wind;
Mit der Wahrheit schon allein
Ist meine Müh und Noth nicht klein.

Tristans Leben und sein Tod,
Sein lebendger Tod, Isot,
Lag in des Jammers Banden.
Den Tag, da sie Tristanden
Und seinem Kiele schaute nach,
Daß ihr da das Herz nicht brach,
Das schuf, daß er das Leben sah.
Sein Leben heilte sie da:
Sie konnte Leben und Sterben
Nicht ohne ihn erwerben.
Vergeben war ihr Tod und Leben,
Nicht sterben konnte sie noch leben.
Ihrer lichten Augen Licht
Schwand ihr vor dem Angesicht
Oft und zu mancher Stunde.
Die Zung in ihrem Munde
Verstummt' ihr oft zu ihrer Noth,
Daß da nicht Leben war noch Tod
Und waren da doch Beide.
Doch waren sie vor Leide
Ihres Rechtes also bar,
Daß ihr keins von Nutzen war.
Als sie das Segel fliegen sah,
Ihr Herz sprach zu sich selber da:

»O weh, o weh, mein Herr Tristan,
Wie haftet euch mein Herz doch an,
Und meine Augen ziehn euch nach:
Ihr aber flieht vor mir so jach.
Was eilet ihr so jach von mir?
Ich weiß doch allzu wohl, daß ihr
Von euerm Leben ziehet,
Wenn ihr Isolden fliehet;
Denn euer Leben, das bin ich.
Nicht beßer mögt ihr ohne mich
Je nur leben Einen Tag,
Als ohne Euch ich leben mag.
Unser Leib und unser Leben
Musten sich in Eins verweben,
Sich so verstricken Herz und Sinn,
Daß ihr mein Leben führt dahin
Und laßet mir das eure hie.
Zwei Leben wurden wohl noch nie
So verflochten noch als hier.
Tod und Leben bieten wir
Eines stäts dem Andern an;
Das Eine noch das Andre kann
Weder sterben recht noch leben,
Vom Andern seis ihm denn gegeben.
So ist die arme Isot
Weder lebend recht noch todt;
Ich weiß nicht aus und weiß nicht ein.

»Nun Tristan, lieber Herre mein,
Da ihr mit mir doch allezeit
Ein Leib nur und ein Leben seid,
So sollt ihr mir auch Lehre geben,
Daß ich behalte Leib und Leben
Euch zuerst, darnach auch mir.
Nun lehret mich: Was schweiget ihr?
Uns wäre guter Lehre Noth.
Was red ich thörichte Isot?
Tristans Zunge und mein Sinn,
Dort ziehn sie mit einander hin.
Isoldens Leib, Isoldens Leben,
Die sind befohlen, übergeben
Den Segeln und den Winden.
Wo mag ich mich nun finden?
Wo such ich mich nun, wo und wie?
Nun bin ich dort und bin auch hie
Und bin doch weder hier noch dort.
Wer war je so verwirrt und fort,
Wer so entzweigetheilt wohl je?
Ich sehe mich dort auf der See
Und bin doch in den Landen.
Dort fahr ich mit Tristanden,
Bin hier bei Marke wieder.
Mir wühlen durch die Glieder
Zwei giftge Feinde, Tod und Leben:
Mit diesen Zwein ist mir vergeben.
Ich stürbe gerne, könnt es sein;
Er aber willigt nicht darein,
An dem mein Leben hangen muß.
Nun weiß ich doch mir zum Verdruß
Nicht ihm noch mir zu leben wohl,
Wenn ich ohn ihn leben soll.
Er läßt mich hier und fährt dahin,
Und weiß doch, daß ich ohn ihn bin
Inmitten meines Herzens todt.

»Weiß Gott, dieß red ich ohne Noth
Mein Leid ist uns gemeine,
Ich trag es nicht alleine:
Es ist sein soviel als mein
Und ist vielleicht viel mehr noch sein.
Sein Jammer und sein Peinen
Sind größer als die meinen.
Das Scheiden, das er von mir thut,
Wie sehr es mir beschwert den Muth,
Beschwert es seinen noch viel mehr.
Schmerzt es mich im Herzen sehr,
Daß ich bei mir ihn misse hier,
Es thut ihm weher noch als mir.
Klag ich ihn, so klagt er mich.
Doch klagt er nicht mit Recht wie ich.
Ich darf mir wohl in Wahrheit sagen,
Daß ich dem Trauern und dem Klagen
Mich nach Tristan hab ergeben
Wie billig, denn er ist mein Leben;
Dagegen ich, ich bin sein Tod;
Darum so klagt er ohne Noth.
Er mag wohl gerne von mir fahren,
Sich Leib und Leben zu bewahren,
Denn sollt er länger bei mir sein,
So könnt er nimmer gedeihn.
Drum soll ich sein entbehren gern.
Wie nah mirs gehe, daß er fern,
So soll er nicht von wegen mein
Um sich selbst in Sorgen sein.
Entrath ich sein auch noch so schwer,
So ist mir lieber doch, daß er
Gesundes Leibes ferne sei,
Als wär er so mir nahe bei,
Daß ich mich des versähe
Wie ihm Leid durch mich geschähe.
Denn weiß Gott, Wer zu Seinem Frommen
Will mit des Freundes Schaden kommen,
Der trägt ihm kleine Minne.
Welch Leid ich auch gewinne,
So wär ich Tristans Freundin gern
So daß ihm Schaden bliebe fern.
Damit es ihm nach Wunsch ergeh,
Ertrag ich willig all mein Weh.
Ich will mich gerne zwingen
In allen meinen Dingen,
Ob ich mich mein und sein begebe,
Daß Er für mich und sich nur lebe.«

Als Tristan, wie euch schon bekannt,
Gewesen war im deutschen Land
Ein halb Jahr oder drüber,
Da lockt' es ihn hinüber
Zur Heimat aus der Ferne:
Er hätte sich da gerne
Befragt, ob neue Märe
Von seiner Fraun da wäre.
In seinem Muth er sich berieth,
Daß er von Almagne schied
Und seine Reise wandte dar,
Von wannen er gekommen war,
Wieder in die Normandie
Und von da gen Parmenie
Zu den Kindern Ruals.
Ihn selber sucht' er ebenfalls
Und wollt ihm künden seine Noth;
Leider war er aber todt,
Er und Floräte, sein Gemahl.
Doch seine Kinder allzumal,
Das sollt ihr wißen, daß die so
Aus inniglichen. Herzen froh
Waren über Tristans Kommen:
Ihr Gruß und ihr Willkommen,
Die waren rein und süße.
Seine Hände, seine Füße,
Seinen Mund, sein Augenpaar
Küssten sie ihm Alle gar.
»Herre«, sprachen sie sogleich,
»Gott schickt uns wieder her an euch
Die Mutter und den Vater!
Getreuer Herr und Rather,
Nun laßt bei uns euch wieder nieder
Und nehmt und habt euch Alles wieder
Was eur und unser sollte sein,
Und laßt uns hier mit euch gedeihn
Wie unser Vater ist genesen,
Der euer Ingesind gewesen
Wie wirs sein wollen fernerhin.
Unsre Mutter, eure Pflegerin,
Und unser Vater sind nun todt.
Nun hat Gott unser Aller Noth
Gnädiglich an euch bedacht,
Da er euch hat zurückgebracht.«

Der traurige Tristan,
Als er die Kunde gewann,
Wie großem Leid er sich ergab!
Er ließ sich weisen an ihr Grab
Und gieng mit Trauern an den Ort.
Eine gute Weile stand er dort
Weinend und klagend,
Seine Klagemäre sagend.
Er sprach mit seufzendem Mund:
»Gott im Himmel ist es kund,
Soll es jemals dazu kommen
Wie ich wohl hab als Kind vernommen,
Daß Treu und Ehre werde
Begraben in der Erde,
So liegen Beide hier begraben.
Und sollen Treu und Ehre haben
Mit Gott Gemeinschaft, wie man spricht,
So zweifl ich in Wahrheit nicht,
Wers leugnen wollte, wäre blind,
Daß sie vor Gottes Augen sind.
Rual und auch Floräte,
Die Gott der Welt mit Stäte
Geschmückt hat und geschönet,
Die sind auch dort gekrönet
Mit Gottes Kindern allzumal.«

Die getreuen Söhne von Rual
Die boten Tristan, ihrem Herrn,
Mit lautern Herzen, froh und gern
Sich selbst mit Häusern, Hab und Gut,
Dazu so dienstbereiten Muth
Als sie mochten und verstunden.
Man sah zu allen Stunden
Sie seinen Diensten unterthan.
Was er gebot, das war gethan
Alsbald in allen Dingen,
Die sie wusten zu vollbringen.
Sie fuhren mit ihm schauen
Ritter und Frauen.
Sie dienten ihm zu manchen Tagen
Beim Turnieren, Birschen, Jagen
Und wie er Kurzweil wollte pflegen.

Nun war ein Herzogthum gelegen
Zwischen Britanie und Engelland,
Das war Arundel genannt
Und lag am Meeresstrande.
Dem Herzog in dem Lande,
Der höfisch war, kühn und betagt,
Dem hatten, wie die Märe sagt,
Seine stärkern Nachbaren
Gericht und Mark mit Heeresscharen
Überzogen und genommen.
Schon war er gänzlich überkommen
Auf dem Land und auf dem Meer.
Gerne hätt er sich zu Wehr
Gesetzt, doch nicht vermocht er.
Einen Sohn und eine Tochter
Hatt er von seinem Gemahl;
Von Leib und Tugenden zumal
Sah man Beide vollkommen.
Der Sohn, der schon das Schwert genommen
Und kühner That beflißen war,
Hatte schon ins dritte Jahr
Viel Ehr und Lob damit erjagt.
Seine schöne Schwester war noch Magd
Und hieß Isot as blanche mains;
Ihr Bruder Kaedin li frains,
Ihr Vater Herzog Jovelin,
Ihre Mutter, die Herzogin,
Die war genannt Karsie.

Nun ward zu Parmenie
Davon gesagt Tristanden,
Wie Kriegsnoth in den Landen
Um Arundele wäre.
So gedacht er seiner Schwere
Zu vergeßen da ein Theil.
Er fuhr von Parmenie in Eil
Und wandte sich gen Arundel
Und kam zu einem Castel,
Wo er des Landes Herren fand;
Karke war es genannt:
Da wandt er sich zuvörderst hin.
Herr und Gesind empfiengen ihn
Wie man in Noth den Biedern soll.
Sie kannten ihn dem Ruf nach wohl.
Tristan, wie uns die Märe sagt,
War als ein Held gar unverzagt
In den Inselreichen all bekannt,
Die gegen Abend sind gewandt.
Man freute sich, wo man ihn sah.
Der Herzog ergab sich da
Seinem Rath und seiner Lehre.
Sein Sohn, der höfsche Kaedin,
War seinem Dienst beflißen.
Woran er mochte wißen
Seine Ehr und Würde liegen,
Das fliß er sich zu fügen
Mit ganzem Eifer freudiglich.
Sie Beide waren unter sich
Zu aller Frist und aller Zeit
Sich zu jedem Dienst bereit
Um die Wette mit der ganzen Kraft.
Treuliche Genoßenschaft
Hatten sie sich angelobt
Und hielten fest und oft erprobt
Bis an ihr Ende daran.

Der unkunde Tristan
Mit seinem Freunde Kaedin
Kam er zu dem Herzog hin
Und bat, ihm recht Bescheid zu sagen,
Was mit den Feinden zugetragen
Bisher sich hätt im Streite,
Dazu, von welcher Seite
Er mit dem grösten Schaden
Bedroht wär und beladen.
Da ward ihm denn genau benannt,
Wie es mit dem Kriege stand,
Und von des Feinds Gelegenheit
Gewann er völligen Bescheid,
Woher er ritt, wohin er zog.
Nun hatte da der Herzog
Ein gut Castel in seiner Pflege,
Das lag den Feinden auf dem Wege.
Tristan nahm seinen Stand darin
Und sein Geselle Kaedin
Mit geringer Ritterschaft.
Zu schwach war ihre Heereskraft:
Sie wagten es zu keiner Zeit
Im Feld zu bieten offnen Streit;
Sie musten hinter Mauern
Gelegenheit erlauern
Zu Raub und zu Brande
Im feindlichen Lande,
Geheim und verstohlen.
Da sendete verhohlen
Tristan hin gen Parmenie,
Wo seiner lieben Massenie,
Den Kindern Ruals, er entbot,
Wie ihrer Ritterschaft so noth
In diesem Krieg ihm wäre,
Daß sie ihre Treu und Ehre
Doch bald an ihm bedächten
Und schnelle Hülfe brächten.
Da führten sie in Einer Schar
Ihm fünfhundert Sättel dar
Bewehrt in aller Weise,
Und Vorrath auch an Speise.

Sobald nun Tristan vernahm,
Daß ihm von Hause Hülfe kam,
Da fuhr er ihnen selbst entgegen
Und führte auf verborgnen Wegen
Sie Nachts so heimlich an das Land,
Daß es Keinem ward bekannt
Als den Freunden allein,
Die ihm behülflich musten sein.
Zu Kark er dann die Hälfte ließ:
Diese bat er und hieß,
Sie sollten stille liegen
Und wider Niemand kriegen,
Wer auch zu streiten käme,
Bis man gewiss vernähme,
Daß Er und Kaedin schon stritten:
Daß sie ihm schnell zu Hülfe ritten
Und so versuchten ihr Heil.
Er nahm darauf den andern Theil
Und wandte schnell sich mit der Schar
Zu der Burg, die ihm befohlen war.
In diese bracht er sie bei Nacht
Und gebot auch ihnen, ihre Macht
Zu halten wohl verhohlen,
Wie er zu Karke befohlen.

Als es zu tagen nun begann,
Da hatte wieder Tristan
Sich Begleiter auserlesen:
Wohl hundert Ritter sinds gewesen;
Die Andern ließ er in der Stadt.
Darauf er Kaedinen bat,
Daß er den Seinen sagte,
So man ihn flüchtig jagte,
Sobald sie das nur wahrgenommen,
Sollten sie ihm zu Hülfe kommen
Von dort wie auch von Karke.
So ritt er auf die Marke
Mit Raub und mit Brande
Zu heeren in dem Lande,
Wo er den Feind sich betten
In Vesten wüst und Städten.
Da flog noch vor der Nacht der Schall
Durch Land und Burgen überall,
Wie man den stolzen Kaedin
Aus dem Felde sähe ziehn
In offner Heeresreise.
Rugier von Doleise,
Nantenis von Hante
Und Rigolin von Nante,
Der Feinde Führer, waren
Bestürzt, das zu erfahren:
All die Hülf und all die Macht,
Die sie mochten bei der Nacht
Entbieten, die ward all besandt.

Des andern Tages zuhand,
Als um Mittag ihre Macht
Zusammen alle war gebracht,
Da wandten sie gen Karke sich.
Sie hatten Ritter sicherlich
Wohl vierhundert oder mehr,
Und versahn sich um so ehr,
Die Burg würd ihnen offen stehn;
So war es wohl zuvor geschehn,
Da sie den gleichen Ritt gethan.
Nun kam auf ihre Spur Tristan
Und sein Geselle Kaedin,
Als nicht sich träumen ließ ihr Sinn,
Daß Jemand in den Zeiten
Mit ihnen dürfe streiten.
Da flogen Die heran im Flug
Und meinte Keiner, früh genug
Mög er den Feinden nahen.

Da nun die Feinde sahen,
Daß ihnen Streit da war bereit,
Da wandten alle sich zum Streit:
Sie ritten mit einander her.
Allhier flog Sper wider Sper.
Ross wider Ross, Mann wider Mann
So feindlich auf einander an,
Daß großer Schade da geschah.
Sie thaten Schaden hier wie da,
Hier Tristan und Kaedin,
Dort Rugier und Rigolin.
Was Jemand mit dem Schwerte
Oder mit dem Sper begehrte,
Das hatt er da, das fand er.
Sie riefen wider einander
Hier: »Schevalier Hante,
Doleise oder Nante«,
Dort: »Kark und Arundele!«

Da Jene im Castele
Nun im Felde sahn den Strauß,
Sie fielen zu den Pforten aus
Und jenseits in der Feinde Heer.
Die jagten sie bald hin bald her
In gar grimmigem Streit.
In allerkürzester Zeit
Sah man sie das Heer durchbrechen:
Mit Hauen ritten sie und Stechen
Wie Eber unter Schafen.
Wo sie Paniere trafen
Und Fahnen als der Fürsten Zeichen,
Die suchte Tristan zu erreichen
Und sein Geselle Kaedin.
Da ward Rugier und Rigolin
Und Nantenis gefangen
Und des Schadens viel begangen
An ihrer Masseníe.
Tristan von Parmeníe
Und seine Landgesellen,
Die ritten Feinde fällen,
Schlagen und fahen.
Nun das die Feinde sahen,
Daß alle Wehr vergebens,
Wie Jeglicher des Lebens
Besitz da mochte fristen
Mit Fliehen oder Listen,
Dazu war einem Jeden Noth:
Flucht und Flehen oder Tod
Schieden einerseits den Streit.

Nun so der Streit bei guter Zeit
In Einem Schlag entschieden ward
Und die Gefangenen bewahrt
Ein Jeglicher an seinem Ort,
Tristan und Kaedin sofort
Zogen alle ihre Kraft
An sich und alle Ritterschaft
Und ritten nun erst in das Land.
Wo man der Feinde Einen fand
Und ihres Eigenthums erspähte,
Wars Habe, Vesten oder Städte,
Das war verloren, wo es lag.
Was sie gewonnen an dem Tag,
Das sandten sie gen Karke froh.
Als sie der Feinde Vesten so
Bezwungen und gebrochen
Und ihren Zorn gerochen,
Auch unterworfen all das Land,
Da sandte Tristan zuhand
Seines Landes Massenie
Wider heim gen Parmenie,
Und höchlich dankt' er Allen,
Daß der Sieg ihm zugefallen
Wär durch ihren kühnen Streit.
Tristan, rathklug alle Zeit,
Als sein Gesinde war geschieden,
Rieth den Gefangnen, wie zu Frieden
Und Hulden sie noch kämen,
Wenn sie von dem Herzog nähmen,
Was ihres Guts er ihnen leihn
Wieder wollte, und verzeihn;
Doch sollten sie ihm Bürgschaft geben,
Sie wollten nie mehr all ihr Leben
Um diesen Zwist mit Schaden
Leut oder Land beladen.
Der Sühne traten alle bei,
Die Herrn und ihre Massenei.

So war aufs Neu Tristanden
Am Hof und in den Landen
Viel Lob und Ehre bereit.
Seinen Sinn und seine Mannheit
Priesen beide, Hof und Land.
Sie thaten gern auch unverwandt
Alles was er nur gebot.
Die Schwester Kaedins, Isot,
Die mit den weißen Handen,
Die Blum in allen Landen,
Die war stolz und weise
Und hatte sich mit Preise
Und Lobe so hervorgehoben,
Das Land erfüllte ganz ihr Loben:
Man sprach nichts andres weit und breit
Als von ihrer Seligkeit.
Als Tristan sie so schön ersah,
Ein ander Leid betraf ihn da.
Seine alte Herzenstrauer
Gewann aufs Neue Dauer:
Ihn mahnte stäts die Holde
Der andern Isolde,
Der lautern, die er drüben ließ.
Und weil sie auch Isolde hieß,
So ward er immer von dem Namen,
Wenn seine Augen an sie kamen,
So traurig und so freudebar,
Daß ihm wohl anzusehen war
Der Schmerz in seinem Herzen.
Doch liebt' er diesen Schmerzen
Und trug ihm inniglichen Muth,
Er deucht ihn süß und deucht ihn gut.
An diesem Weh ihm wohl geschah
Darum, weil er sie gerne sah,
Und sah sie gern, weil seinem Herzen
Viel mehr behagten alle Schmerzen,
Die ihn betrafen um die Blonde,
Als alle Freuden unterm Monde.
Isote war ihm Freud und Leid;
Um Isot die Beworrenheit
That ihm sanft und weh zumal.
Jemehr um Isot Weh und Qual
Ihm schuf in Isots Namen Noth,
Je lieber sah er noch Isot.

Gar oftmals sprach er dann zu sich:
»Ah, de benîe, wie bin Ich
Von diesem Namen doch verirrt!
Er verirrt und verwirrt
Mir die Sinne so und Augen,
Daß sie zur Wahrheit nicht mehr taugen.
Er schafft mir wunderliche Noth,
Denn mir lacht und spielt Isot
In den Ohren alle Frist
Und weiß doch nicht, wo Isot ist.
Isoten sieht mein Augenlicht
Und sieht Isoten wieder nicht.
Isot ist fern, ist nahebei.
GeIsotet, fürcht ich, sei
Ich nun gar zum andern Mal.
Ich sorge sehr, aus Cornewal
Ist geworden Arundel,
Karke aus Tintajoel
Und Isold aus Isolde.
Es mahnt mich an die Holde,
Wenn Jemand was von dieser Magd
Unter Isots Namen sagt
Als hätt ich Isot hier gefunden:
Das irrt mich sehr zu manchen Standen.
Wie wunderlich ist mir geschehn!
Daß ich Isoten möchte sehn,
Das wünscht ich mir so lange Frist.
Nun komm ich her, wo Isot ist,
Und komm Isoten doch nicht bei
Wie nahe mir Isote sei.
Isoten seh ich allezeit
Und seh sie nicht; das ist mir leid.
Isot hab ich gefunden zwar,
Doch die nicht mit dem blonden Haar,
Die mir so sanftlich unsanft thut.
Die Isot, die mir den Muth
Auf die Gedanken hat gebracht,
An die mein Herz so ist verdacht,
Es ist die von Arundele
Und nicht Isot la bêle:
Die sieht mein Auge leider nicht.
Was aber sieht mein Augenlicht,
Das ihres Namens Siegel schmückt,
Dem will ich immerdar beglückt
Lieb und holdes Herze tragen,
Und Dank dem lieben Namen sagen,
Der mir so öfters hat gegeben
Wonn und wonnigliches Leben.«

All solche Märe hub Tristan
Gar oftmals bei sich selber an,
Wenn er sein sanftes Ungemach,
Isot as blansch mains, sah und sprach.
Dieß Feur entfacht' ihm neu den Muth
Und die glimmende Glut,
Die ihm doch immer Nacht und Tag
In der Asche seines Herzens lag.
Die Gedanken hiengen ihm nicht viel
An Ritterschaft in Ernst und Spiel:
Sein Herz und seine Sinne,
Die zielten nur auf Minne
Und hohen Muthes Seligkeit.
Er suchte Hochgemutheit
Auf wunderlichen Wegen.
Er trachtete verwegen
Ob er Lieb und lieben Wahn
Von Isolden möcht empfahn,
So wollt er zu der zarten
Sich wenden und erwarten,
Daß seine Liebesbürde
Durch sie erleichtert würde.
So übt' er an ihr manchesmal
Der inniglichen Blicke Stral,
Und sandte deren hin so viel,
Daß ihr wohl in die Augen fiel
Wie er ihr holdes Herze trug.
Sie hatt auch schon zuvor genug
Um ihn Gedanken sich gemacht.
Sie hatte viel an ihn gedacht:
Denn als sie hörte und ersah
Wie man ihn lobte fern und nah
Über Hof und über Land,
Da war ihr Herz ihm zugewandt;
Und hernach, wenn dann und wann
Seine Augen Tristan
Von Ohngefähr ließ auf ihr ruhn,
So ließ sie ihre wieder nun
So innig weilen auf dem Mann,
Daß er zu denken begann,
Ob es ihm wohl gelingen
Noch möchte zu vollbringen,
Daß seines Herzens Schwere
Von ihm genommen wäre:
Der Gedanke setzt' ihm zu.
Er sah sie spät, er sah sie fruh
Und kam so oft er mochte hin.

Alsbald geschahs, daß Kaedin
Ihrer Blicke ward gewahr;
Zusammen führt' er da das Paar
Noch viel öfter als zuvor,
Denn Hoffnung stieg in ihm empor,
Befieng' ihn seiner Schwester Liebe,
Daß er sie nähm und da verbliebe:
So wäre durch sein Bleiben jetzt
Dem Kriege gar ein Ziel gesetzt.
Da hielt er seine Schwester an,
Daß sie gegen Tristan
Sich stäts mit Reden so erwiese
Wie er selbst sie unterwiese,
Und führt' es doch zu keiner That
Ohn ihn und ihres Vaters Rath.
Isolde that wie er sie bat,
Zumal sie es auch gerne that,
Und schien ihm holder als vorher:
Red und Geberd und was noch mehr
Mag die Gedanken binden,
Im Herzen Minne zünden.
Das suchte sie zu wenden
Auf ihn an allen Enden,
Bis gar er war entbronnen
Und ihm der Name Wonnen
Zauberte hervor im Ohr,
Der ihm unsanft klang zuvor:
Er sah und hörte nun Isold
Viel lieber als er selbst gewollt.
So that Isold auch mit dem Herrn;
Sie war ihm hold und sah ihn gern.
Er meinte sie, sie meinte ihn
Bis daß ein Band geflochten schien
Der Lieb und der Genoßenschaft:
Das hegten sie mit aller Kraft
Zu jeglichen Stunden
So gut sie nur verstunden.

Eines Tages saß Tristan
Und fielen ihn Gedanken an
Von seinen Erbeschmerzen.
Er gedacht in seinem Herzen
So mancher, mannigfaltger Noth,
Die sein andrer Leib Isot,
Der Schlüßel seiner Minne,
Um ihn von Anbeginne
Erlitten stäts aufs Neue
Und doch so stäte Treue
Gewahrt in allen Schmerzen.
Dieß nahm er sich zu Herzen:
Ihm gieng an Leben schier und Leib,
Daß er je ein ander Weib
In seinen Muth mit Minnen nahm
Und nur auf den Gedanken kam.
Im Leide hub er zu sich an:
»Was thu ich, ungetreuer Mann!
Ich weiß doch sicher wie den Tod
Mein Leben und mein Herz Isot,
Der Ich Thor falsch gesinnet,
Die meinet doch und minnet
Kein Wesen auf der Erden
Und kann ihr Nichts auch werden
So lieb als ich alleine;
Ich aber minn und meine
Ein Leben, das ihr nicht gehört.
Ich weiß nicht was mich hat bethört.
Wie nehm ich mich der Thorheit an,
Ich treuloser Tristan!
Ich minne zwei Isolden nun,
Und sinne Beiden hold zu thun,
Und ist mein andrer Leib, Isold,
Doch nur Einem Tristan hold.
Die Eine will doch Keinen
Tristan als mich Einen;
Ich werbe nach dem Solde
Einer andern Isolde.
Weh dir, sinnloser Mann,
Du verirrter Tristan!
Laß diesen blinden Unsinn,
Thu diesen Ungedanken hin.«

So kam er von dem Willen wieder
Und legte Sinn und Minne nieder,
Den er der Magd Isolde trug;
Doch bot er ihr noch oft genug
So süße Geberde,
Daß sie völlige Bewährde
Zu haben wähnte seiner Minne.
So stand es nicht mit seinem Sinne,
So vielmehr wie es gesollt:
Isolde hatte von Isold
Tristans Sinn hinweggenommen.
Wieder war sein Sinn gekommen
An seine Erbeminne.
Sein Herz und seine Sinne
Trieben nur ihr altes Leid.
Doch folgt' er seiner Höflichkeit:
Sah er an der jungen Maid
Ihr Ungemach, ihr sehnlich Leid,
Wie es wachsend sich entspann,
So wandt er seinen Fleiß daran,
Ihr Freude zu gewähren:
Er sagt' ihr schöne Mären,
Er sang, er las ihr vor und schrieb,
Und was ihr werth nur war und lieb,
Darauf war all sein Sinn gestellt.
Er blieb ihr freundlich zugesellt
Und kürzt' ihr manche Stunde
Bisweilen mit dem Munde
Und bisweilen mit der Hand.
Tristan dichtete und fand
Leiche zu jedem Saitenspiel,
Dazu auch guter Noten viel,
Die noch beliebt sind weit und breit.
Er fand auch zu derselben Zeit
Den edeln Leich Tristan genannt,
Den man noch in allem Land
So lieb hat und in Ehren hält
So lange stehen wird die Welt.
Nicht selten auch begab sich das,
Wenn das Gesind beisammen saß,
Er und Isot und Kaedin,
Der Herzog und die Herzogin,
Die Frauen und Baronen,
So dichtet' er Chanzonen,
Rondaten, höfsche Liedelein,
Und flocht stäts den Refrain hinein:
»Isot man drüe, Isot m'amie
En vus ma mort, en vus ma vie«,
Und weil er das so gerne sang,
So trog sie dieses Kehrreims Klang:
Ein Jeder trug sich mit dem Wahn,
Ihre Isot geh es an.
Darüber freuten sie sich sehr
Und doch von Allen Niemand mehr
Als sein Geselle Kaedin,
Der führt ihn her, der führt' ihn hin
Und setzt' ihn alle Zeiten
Der Schwester an die Seiten.
Von Herzen froh auch war sie sein,
Behielt ihn gern für sich allein
Und wandte großen Fleiß auf ihn.
Ihre klaren Augen, all den Sinn
Ließ sie dann auf ihm weilen.
So vergaß wohl auch bisweilen
Das arme schwache Mägdelein
Der scheuen Scham gedenk zu sein
Und warf die Blöde hinter sich:
Sie legte manchmal öffentlich
Ihre Hand in seine,
Als geschähs alleine
Ihrem Bruder Kaedin zu Lieb.
Ob der es ihr zu Gute schrieb,
Ihre eigne Freude lag daran.

Die Magd begann sich bei dem Mann
So lieb und hold zu machen
Mit Lächeln und mit Lachen,
Mit Plaudern und mit Kosen,
Mit Schmeicheln und mit Losen,
Bis er wieder war entbronnen.
Bald hatt er wiederum begonnen
In Sinnen und Gedanken
Von seinem Lieb zu wanken.
Isot gab ihm nicht klar Bericht,
Ob er sie wollte oder nicht.
Auch that es ihm in Treuen Noth,
Daß sie es ihm so süß erbot.
Oft sprach er vor sich selber hin:
»Willst oder willst du nicht, mein Sinn?
Ich wähne nein, ich wähne ja.«
So war alsbald die Stäte da:
»Nein«, sprach sie, »nein, mein Herr Tristan,
Sieh deine Treu an Isot an,
Gedenk an die holde,
An die getreue Isolde,
Die keinen Fuß breit von dir wich.«
So war er wieder völliglich
Von dem Gedanken abgekommen
Und ganz vom Jammer hingenommen
Durch Isotens Minne,
Der Herrin seiner Sinne.
So ganz verkehrt' er dann wohl auch
Geberden und gewohnten Brauch,
Daß er allezeit und allerwärts
Versank in Trauer und in Schmerz,
Und, wenn er zu Isoten kam,
Mit ihr zu reden unternahm,
Seiner selber ganz vergaß
Und immer seufzend bei ihr saß.
Sein Kummer, wie geheim er war,
Verrieth sich dann so offenbar,
Daß all das Ingesinde sprach,
Sein Trauern und sein Ungemach,
Das käme von Isolden gar.
Sie sprachen auch in Treuen wahr.
Tristans Herzeleid und Noth,
Das war nichts andrem als Isot.
Isote quält' ihn, sie, nur sie,
Und wieder ganz und gar nicht die,
Von der sie es verstanden,
Die mit den blanken Handen.
Es war Isot la bele,
Nicht die von Arundele;
Sie wähnten aber Alle so.
Auch wähnt' es selbst Isolde froh,
Und ganz verwirrte sie der Wahn.
Denn es sehnte sich Tristan
Niemals in so großer Noth
Um Isote noch Isot,
Sie sehnte sich noch mehr um ihn.

So trieben sie die Stunden hin
In ungemeinem Leide.
Sie sehnten sich Beide
Und hatten Jammer alle Zwei
Wie ungleich er gewesen sei.
Ihr Minnen und ihr Meinen
War nimmer zu vereinen.
Sie giengen nicht in gleichem Schritt
Vereinter Lieb einander mit,
Nicht Tristan, noch die Magd Isot.
Tristan wollt in seiner Noth
Eine andre Isolde;
So wollte die holde
Die mit den weißen Handen,
Nicht andern Tristanden.
Sie minnte nur und meinte ihn,
Er hatt ihr Herz und ihren Sinn.
Sein Trauern war ihr einzig Leid,
Und sah sie ihn zu mancher Zeit
Von Angesicht so bleich vor sich,
Und wenn er dann so inniglich
Vor ihr zu seufzen begann,
So sah sie inniglich ihn an
Und seufzte mit ihm leise.
In geselliger Weise
Trug sie die Trauer mit dem Mann;
Die gieng sie doch gar wenig an.
Sein Kummer schmerzte sie so sehr,
Daß es an ihr den Guten mehr
Als an sich selber mühte.
Die Liebe und die Güte,
Die sie so stäte zu ihm trug,
Die beklagt' er oft genug.
Ihn erbarmte, daß sie Sinne
Und Herz an seine Minne
So verschwendet und verthan
Und auf so verlornen Wahn
An ihn gewendet Müh und Zeit.
Doch folgt' er seiner Höflichkeit
Und fliß sich manche Stunde
Von ganzem Herzensgrunde
Mit Mären und Geberden:
Er hätt aus den Beschwerden
Sie gerne mögen befrein.
Doch war sie schon so tief hinein
Gekommen und so gründlich,
Je mehr er so auch stündlich
Sich befliß mit aller Noth,
Je mehr er nur der Magd Isot
Von Stunde noch zu Stunde
Entzündete die Wunde,
Bis es dahin am Ende kam,
Daß Minne gar sie übernahm,
Und sie, ihn zu verstricken,
Mit Geberden, Reden, Blicken
Ihm so süßen Köder bot,
Daß er in seines Zweifels Noth
Noch zum drittenmal verfiel,
Und wieder seines Herzens Kiel
Begann in Ungedanken
Zu fluten und zu schwanken.
Groß Wunder war auch nicht daran,
Denn freilich, die Lust, die dem Mann
Alle Stund und alle Frist
So lachend vor den Augen ist,
Die verblendet Aug und Sinn
Und zieht auch wohl das Herz dahin.

Diese Märe bringt den Minnern
Belehrendes Erinnern,
Man trage leichter allezeit
Von ferner Minne fernes Leid,
Als naher Minne nah zu sein
Und sich der Minne nicht zu weihn.
Sofern ichs recht erkennen kann,
Mag beßer liebe Minn ein Mann
Entbehren fern und fern begehren,
Als nah begehren und entbehren.
Die ferne mag er leichter fliehn
Als sich der nahen ganz entziehn.
Tristan verwirrte sich hierin.
Nach ferner Minne stand sein Sinn:
Er litt um die viel Liebeswehn,
Die er nicht hören konnt und sehn;
Dabei enthielt er sich der nahen,
Die seine Augen täglich sahen.
Die Sinne wollt er richten
Der blonden zu, der lichten
Isote von Irlanden,
Und floh mit weißen Handen
Die stolze Magd von Arundel.
Um jene quält' er Leib und Seel
Und wollte diese meiden:
So verirrt' er sich von Beiden.
Er wollte nicht die holde
Und wollte doch Isolde;
Nach jener sucht' er, floh von der.
Die Magd Isot hatt ihr Begehr,
Ihre Treu und lautern Sinn
Einfältiglich gewandt auf ihn.
Sie begehrte des, der von ihr schied,
Und wollt ihm folgen, der sie mied.
Was war die Schuld? Sie war betrogen.
Tristan hatt ihr soviel gelogen
Mit zweien Huldigungen,
Der Augen und der Zungen,
Daß seines Herzens sie und sein
Schon wähnte ganz gewiss zu sein.
Und von all dem Lug und Trug,
Womit er sie in Feßeln schlug,
Bewies an ihr die gröste Kraft,
War das der allerstärkste Haft,
Der sie zu Tristans Liebe zwang,
Daß er den Reim so gerne sang:
»Isot ma drüe, Isot m'amie,
En vus ma mort, en vus ma vie!«
Das lockt' ihr Herze nach dem Seim,
Das nährt' in ihr der Liebe Keim.

Sie nahm es sich zu Gunsten an,
Dieß Wort, und kam dem fliehnden Mann
So süß verfolgend nachgesetzt,
Daß sie zum viertenmal ihn jetzt
Mit Minne fieng, da er sie floh.
Und nicht entgieng er ihr also:
Zu ihr mit Macht zurückgebracht,
Must er nun wieder Tag und Nacht
Gedenken und trachten
Und in den Ängsten achten
Auf sein Leben und auf sich.
Ei, dacht er, Gott, wie sehr bin ich
Von Liebe doch verirret!
Dieß Leid, das so mir wirret,
Mir Sinn und Leben nimmt dahin,
Um das ich so bekümmert bin,
Soll das mir auf der Erden
Jemals gesänftet werden,
Muß ich durch fremdes Lieb genesen.
Ich hab es manchesmal gelesen
Und weiß wohl, Einer Liebe Haft
Benimmt der andern ihre Kraft.
Des Rheines Fluß und tiefer Schooß
Ist nirgend doch so tief und groß,
Wie seine Wellen fließen,
Sie sind wohl auszugießen;
Gießt man so lange Guß auf Guß,
Daß sich erschöpfen muß sein Fluß,
So wird zuletzt der große Rhein
Nur noch ein kleines Rheinlein sein.
Kein Feur auch hat so große Macht,
Ist man mit Ernst darauf bedacht,
In einzelnen Bränden
Die Kraft ihm zu entwenden,
So muß es wohl zerstieben.
So geht es auch im Lieben:
Auch der Minner kommt ans Ziel.
Er mag so oft wohl und so viel
Mit einzelnem Guße
Entziehen seinem Fluße,
In einzelnen Bränden
So seine Glut verschwenden,
Bis er sie zu schwinden zwingt,
Daß sie ihm mäßgen Schaden bringt.
So möcht es mir wohl auch geschehn,
Laß ich zertheilen und zergehn
Mein Minnen und mein Meinen
Zu mehr als zu der Einen;
Und wend ich meine Sinne
An mehr als eine Minne,
So werd ich auch in kurzer Zeit
Ein Tristan ohne Liebesleid.

Ich will die Probe machen:
Soll mir das Glück noch lachen
So ist Zeit, daß ichs beginne;
Denn die Treue und die Minne,
Die ich trug zu meiner Frauen,
Die läßt mich wenig Frommen schauen.
Ich verschwende Leib und Leben
Und weiß mir keinen Trost zu geben
Des Leibes noch des Lebens.
Ich leide ganz vergebens
Diesen Kummer, all die Noth.
A, süße Amie, lieb Isot,
Dieß Leben ist hienieden
Zu sehr uns unterschieden.
Es steht gar anders nun als eh,
Da wir ein Wohl, da wir ein Weh
Mit Liebe wie mit Leide
Zusammen trugen Beide.
Es steht nun leider nicht mehr so,
Denn ich bin traurig, ihr seid froh.
Sich sehnen meine Sinne
Nach eurer süßen Minne,
Und eure Sinne sehnen sich
Nach mir, so wähn ich, mäßiglich.
Die Freude, die ihr raubet mir,
O weh, o weh, genießet ihr
So oft als euch gefället;
Ihr seid mit ihr gesellet.
Mark, euer Herr, und ihr, ihr seid
Daheim gesellet allezeit;
Ich fremd hier und alleine.
Ich werde, wie ich meine,
Von euch getröstet nun und nie
Und kann nicht, denn ich weiß nicht wie,
Mit meinem Herzen von euch kommen.
Warum habt ihr mich mir benommen?
Da ihr so wenig mein begehrt
Und mein auch immer wohl entbehrt.
Ach, süße Königin Isot,
Mit wie so mancher Herzensnoth
Geht mir mein Leben um euch hin,
Da ich euch nicht so würdig bin,
Daß ihr mich hättet je besandt,
Eur Fragen nur auf mich gewandt.
Mich je besandt? Was red ich doch?
Wie sollte sie besenden doch
Und fragen wohl nach meinem Leben?
Bin ich längst doch übergeben
Den ungewissen Winden:
Wie konnte man mich finden?
Ich kann es nicht erdenken wie:
Man suche dort, so bin ich hie,
Man suche hie, so bin ich dort:
Wo findet man denn meinen Ort?
Wo man mich finde? Wo ich bin.
Die Land' entlaufen nirgends hin,
Ich bin doch in den Landen:
Da suche man Tristanden.
Wem es aufs Suchen stände,
Der suchte bis er fände,
Denn Wer den Fahrenden suchen will,
Dem ist kein gewisses Ziel
Des Suchens vorgeschrieben:
Boten muß er nach dem Lieben
Aufs Gerathewohl versenden,
Will er es glücklich enden.
Meine Frau, an der mein Leben hängt,
Die hätt es billig gedrängt
Ausspähn zu laßen tausendmal
Ganz Engelland und Cornewal,
Frankreich und die Normandie,
Dazu mein Land zu Parmenie,
Oder wo ihr käme Märe,
Daß ihr Freund Tristan wäre:
Das wäre Alles schon durchfragt,
Hätt ich ihr so sehr behagt.
Nichts fragt nach mir die Eine,
Die ich minne doch und meine
Mehr als Leben und Leib.
Ich meid um sie manch andres Weib
Und muß sie selber auch entbehren.
Ich darf von ihr das nicht begehren
Was mir auf Erden sollte geben
Freud und wonnigliches Leben.

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