Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 3
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

II. Riwalin und Blanscheflur.

       

Ein Herr, der in Parmenien saß,
Ein Kind an Jahren, wie ich las,
Der war, wie uns der Sage Mund
Giebt von seinem Leben kund,
Köngen gleich wohl an Geschlecht,
An Landen Fürsten wohl gerecht,
An Leibesschönheit ohne Gleich,
Getreu und kühn und mild und reich.
Wem er Freude sollte tragen,
Dem war er in seinen Tagen
Eine freudereiche Sonne.
Er war der Welt Wonne,
Der Schildesamtes Lehre,
Der Nahverwandten Ehre,
Seines Landes Zuversicht.
Ihm gebrach an aller Tugend nicht,
Die Herren haben sollen,
Hätt er nicht immer wollen
In seines Herzens Lusten schweben
Und nur nach Seinem Willen leben,
Was endlich auch sein Schade war;
Denn es ist und bleibt doch wahr,
Aufblühnde Jugend, reiches Gut,
Die zwei sind voller Übermuth.
Vertragen, was doch Mancher kann,
Der mehr besitzt als Er gewann,
Daran gedacht er selten:
Übel mit Übel gelten,
Kraft der Kraft entgegensetzen,
Daran hatt er sein Ergetzen.
Nun thut es nie die Länge gut,
So Einer Alles, was man thut,
Vergilt mit Kaiser Karls Gewicht.
Weiß Gott, es ist dem Manne Pflicht,
Andern Manches nachzusehn,
Soll ihm nicht Schaden oft geschehn.
Wer Schaden nicht vertragen kann,
Dem reiht sich Schad an Schaden an,
Es ist ein unheilvoller Brauch;
Fängt man doch so den Bären auch:
Der rächt den einzelnen Schaden,
Bis er mit Schaden wird beladen.
Das wars, warum es ihm misslang,
Denn er rächte sich so lang
Bis er dabei zu Schaden kam.
Daß er solchen Schaden nahm,
Geschah ihm keiner Bosheit wegen
Wie Andre sich zu schaden pflegen:
Der Schade kam ihm im Geleit
Seiner Unerfahrenheit,
Daß er in blühnder Jugend
Mit junger Herren Tugend
Verscherzte seines Glückes Huld;
Sein kindscher Leichtsinn trug die Schuld,
Der seine üppgen Ranken
Ihm trieb in den Gedanken.
Er war wie alle Kinder sind,
Denn für die Folgen sind sie blind.
Ihm stiegen Sorgen nie zu Sinn,
Er lebt' und lebte nur so hin:
Da seines Lebens Quelle sprang,
Sich wie der Morgenstern erschwang
Und lachend auf die Erde sah,
Da wähnt' er, was doch nicht geschah,
Daß er so immer sollte leben
Und in des Lebens Süße schweben.
Nein, seines Lebens Anbeginn
Schwand nach kurzem Leben hin;
Die junge Morgensonne
Seiner Weltwonne,
Da die zu leuchten kaum begann,
Da brach sein jäher Abend an,
Der erst ihm war verborgen,
Und löscht' ihm seinen Morgen.

Wie er benannt gewesen
Giebt uns das Buch zu lesen:
Die Sage sagt uns über ihn,
Mit Namen hieß er Riwalin,
Daneben noch Kanelengres.
Viele melden uns indess,
Daß er von Lohneis wär gewesen
Und zum König erlesen
Über Lohneis das Land.
Doch macht uns Thomas ja bekannt,
Der es in den Mären las,
Daß er zu Parmenie saß
Und zu Lehen trug sein Land
Von eines Britenfürsten Hand,
Dem er zu Dienst war unterthan:
Derselbe hieß li duc Morgan.

Da nun der edle Riwalin,
Seit Rittersstand ihm war verliehn,
Drei Jahr in Ehren zugebracht,
Und sich zu eigen längst gemacht
Alle Kunst der Ritterschaft,
Zu Kriegen volle Macht und Kraft –
Er hatte Leute, Land und Gut –
Ob ihn da Noth, ob Übermuth
Dazu vermochte, weiß ich nicht;
Doch griff er, wie die Sage spricht,
Morgan, seinen Lehnsherrn, an
Als einen schuldigen Mann.
Er kam geritten in sein Land
Mit so kraftvoller Hand,
Daß bald viel Burgen waren
Gefällt von seinen Scharen.
Die Städte musten sich ergeben,
Ihr Gut ihm lösen und ihr Leben,
So übel ihnen das gefiel,
Bis er an Gold und Gut so viel
In Feindeslanden aufgebracht,
Daß er seine Kriegesmacht
Gar sehr damit vermehrte,
Und wohin sein Heer sich kehrte
Mit Städten oder festen Plätzen
Verfuhr nach seinem Ergetzen.
Auch nahm er oftmals Schaden dran,
Er entgalts mit manchem biedern Mann,
Denn Morgan stellte sich zur Wehr:
Er bestand ihn oft mit seinem Heer
Und brach ihm ab von seiner Kraft.
Denn zu Kriegen und zu Ritterschaft
Gehört Verlust und Gewinn,
Hiemit so gehn die Kriege hin:
Verlieren und Gewinnen,
Sie schweben mitten innen.
Morgan vergalt ihm Alles wieder,
Er warf ihm Städt und Burgen nieder:
Seine Habe, seine Leute
Entführt' er oft als Beute
Und that ihm Abbruch wo es gieng;
Obwohl auch das nicht viel verfieng,
Denn wieder zwang ihn Riwalin
Mit Schaden sich zurückzuziehn,
Und trieb das mit ihm alsolang
Bis er ihn völliglich bezwang,
Daß er am Sieg verzagte
Und keinen Kampf mehr wagte
Als noch aus seinen Vesten,
Den stärksten und den besten.
Vor denen lag dann Riwalin
Und zog mit Obmacht wider ihn
Zu Stürmen und zu Streiten.
Er trieb ihn auch allzeiten
Siegreich wieder in das Thor.
Auch hielt er manchesmal davor
Turnei mit voller Ritterschaft.
So lag er stäts ihm ob mit Kraft
Und haust in seinem Lande
Mit Raub und mit Brande
Bis ihn um Frieden bat Morgan
Und mit aller Noth von ihm gewann,
Daß getagt ward und zuletzt
Ein jährger Friede festgesetzt.
Dem Frieden ward von Beiden
Mit Bürgen und mit Eiden
Volle Gültigkeit verliehn.
Froh und reich zog Riwalin
Mit den Seinen heim zu Land,
Belohnte sie aus milder Hand
Und belud sie all mit Gaben;
Ließ sie dann Urlaub haben
Und wohl nach seinen Ehren
Zu ihrer Heimat kehren.

Als es Kanelen so gelang,
Darnach so währt' es nicht mehr lang,
Bis er einer neuen Fahrt
Sich zu ergetzen schlüßig ward.
Er beschickte sich zur Reise
In so glänzender Weise
Wie der Ehrbegierge thut.
All das Geräth und all das Gut,
Dessen binnen Jahresfrist
Solch ein Herr benöthigt ist,
Das ward ihm in ein Schiff getragen.
Oftmals hatt er hören sagen,
Wie höfisch, reich an Ehre
Der junge König wäre,
Mark, vom Lande Cornewal;
Des Preis vernahm man überall.
Cornewal und Engelland,
Die dienten beide seiner Hand.
Durch Erbschaft war er Cornwals froh;
Um England aber stand es so:
Es war ihm zugewachsen,
Als die galischen Sachsen
Die Briten dort vertrieben
Und des Landes Herrn verblieben;
Daher es auch den Namen kor:
Es hieß Britannien zuvor;
Doch anders ward es jetzt genannt:
Nach den Galen Engelland.
Da Die das Land besaßen
Und unter sich vermaßen,
Da wollten Alle Königlein
Und ihre eignen Herren sein.
Das schlug zu Aller Schaden aus:
Mit Mord und blutigem Strauß
Brachten sie sich selbst zu Falle.
Zuletzt befahlen sie Alle
In Markes Schutz sich und das Land.
Der hielt es mit so starker Hand
Nun in seiner Macht beschloßen,
Kein König hat noch je genoßen
Ergebnern Dienst von seinem Reich.
Die Geschichte meldet uns zugleich,
Daß in aller Länder Kreiß,
So weit gedrungen war sein Preis,
Kein Fürst geehrter war denn Er.

Dahin war Riwalins Begehr:
Bei Marke wollt er bleiben,
Ein Jahr mit ihm vertreiben
Und üben seine junge Kraft,
Daß er lerne neue Ritterschaft
Und der feinern Sitte Brauch.
Sein edles Herze sagt' ihm auch:
Wer fremder Lande Sitten weiß,
Verbeßert so der eignen Preis
Und erwirbt sich Ruhm und Lob.
Das wars, warum er sich erhob.
Er befahl die Leute wie das Land
In seines Marschalles Hand,
Eines Herr in seinem Reich:
Weil er getreu war ohne Gleich
Hieß er Rual li foitenant.
So hob sich Riwalin zu Hand
Mit zwölf Gesellen über Meer:
Er brauchte zum Geleit nicht mehr;
Mit diesem Volk begnügt' er sich.
Da nun der Zeit so viel verstrich,
Daß er zum Lande Cornwal kam,
Und auf dem Meere schon vernahm,
Daß König Mark, der hehre,
Zu Tintajöle wäre,
Da wandt er seine Fahrt dahin.
Er stieß ans Land: da fand er ihn
Und ward von ganzem Herzen froh.
Sich und die Seinen schmückt' er so,
Daß er Lob erwarb bei Jedermann.

So zog er an den Hof heran.
Da kam mit fürstlichem Prangen
Der Fürst ihn zu empfangen
Und all die Seinen so wie ihn.
Man erwies da Riwalin
So viel Ehre beim Empfang,
Daß es ihm sein Leben lang
Zu keiner Zeit, an keinem Ort
So wohl geboten ward als dort.
Darüber flog ihm hoch der Muth,
Der Hofbrauch deucht ihn schön und gut.
Oft gedacht er auch bei sich:
»Fürwahr, der Himmel selbst hat mich
Zu diesem Volke hergebracht!
Mich hat das Glück gar wohl bedacht.
Was je zu Markes Ruhme mir
Noch ward gesagt, das find ich hier.
Gar höfisch lebt er und gut.«
Da sagt' er Marken seinen Muth,
Und warum er wär gekommen.
Als Marke nun vernommen
Hatte, was er suche hier,
»Willkommen«, sprach er, »Gott und mir!
Leib und Gut und was mein eigen
Soll sich zu euerm Willen neigen.«

Riwalin der war da voll
Des Hofs, der Hof war seiner voll.
Liebgewonnen ward er gleich
Und werthgeschätzt von Arm und Reich,
Daß nie ein Gast geliebter war.
Das verdient' er auch fürwahr:
Der tugendreiche Riwalin,
Der war und wies auch fernerhin
Sich mit Leib und Gute
In geselligem Muthe
Zu ihrer Aller Dienst bereit.
So lebt' er in der Würdigkeit
Und in der rechten Güte,
Die er in sein Gemüthe
Mit neuem Wachsthum täglich nahm,
Bis Markes Hofgelage kam.

Zu diesem Hoffest waren
Beschieden ganze Scharen
Durch Gebot und Bitte.
Auf seine Ladung, das war Sitte,
Kam die Ritterschaft zuhand
Aus dem Königreich zu Engelland
Jedes Jahr zu Einem Mal
Gefahren hin gen Cornewal.
Da sah man auch in ihrer Schar
Viel schöne Frauen süß und klar
Und manch andre Herrlichkeit.

Nun war des Hofgelages Zeit
Verkündet und gesprochen
In die blühnden vier Wochen,
Von des süßen Maien Anbeginn
Bis seine Wonne schwindet hin.
Bei Tintajöl wars auf dem Plan,
Wo die Gäste sich ersahn
In der wonnigsten Au,
Die jemals eines Auges Schau
Erlugt in ihrer Lieblichkeit.
Die sanfte süße Sommerzeit
Hatte die süße Schöpferhand
Mit süßem Fleiß auf sie gewandt.
Die kleinen Waldvögelein,
Die der Ohren Freude sollen sein,
Gras, Blumen, Laub und Blüthenpracht,
Und was die Augen selig macht
Und ein edles Herz erfreuen soll,
Des war die Sommeraue voll.
Man fand da, was man wollte,
Daß der Frühling bringen sollte:
Den Schatten bei der Sonnen,
Die Linde bei dem Bronnen;
Die sanften, linden Winde,
Die Markens Ingesinde
Scherzend entgegen fächelten;
Die lichten Blumen lächelten
Aus dem bethauten Grase.
Des Maien Freund, der grüne Wase,
Der hatt aus Blumen angethan
Ein Sommerkleid so wohlgethan,
Daß sie dem Gast aus Mienen
Und Augen wiederschienen.
Die süße Baumbluth sah den Mann
Mit so süßem Lächeln an,
Daß sich das Herz und all der Muth
Wieder an die lachende Bluth
Mit spielenden Augen machte
Und ihr entgegen lachte.
Das sanfte Vogelgetöne,
Das süße, das schöne,
Das Ohren und Muthe
So lieblich kommt zu Gute,
Scholl aus den Büschen überall.
Die selige Nachtigall,
Das liebe, süße Vögelein,
Das immer selig müße sein,
Das sang aus der Kühle
Mit solchem Hochgefühle,
Daß den edeln Herzen all
Gab Freud und hohen Muth der Schall.

Nun hatte die Gesellschaft sich
In hohen Freuden lustiglich
Gelagert auf den Anger hin;
Ein Jeglicher nach seinem Sinn.
Wie Jedes Laun und Lust bestellt,
Darnach beschafft' er sich ein Zelt:
Die Reichen lagen reichlich,
Die Höfschen unvergleichlich;
Die lagen unter Seide,
Die unterm Schmuck der Haide.
Vielen gab die Linde Schatten;
Andre sich gehüttet hatten
Mit laubgrünen Aesten.
Von Gesinde noch von Gästen
Ward so wonniglich wohl nie
Geherbergt, als sie lagen hie.
Die Hüll und Fülle war bereit
Wes man bedarf zur Lustbarkeit
An Gewand und guter Speise;
Ein Jeder hatte weise
In der Heimat sich bedacht.
Auch ließ mit königlicher Pracht
Sie König Mark versorgen:
Sie genoßen ohne Sorgen
Hier der schönen Frühlingszeit.
So begann die Lustbarkeit,
Und was der schaubegierge Mann
Nur zu schauen Lust gewann,
Das war zu schauen Alles da:
Man sah da was man gerne sah.
Die sahn nach schönen Frauen,
Die giengen Tanzen schauen,
Die sahen Buhurdieren,
Die andern Tiostieren:
Wozu das Herz Verlangen trug,
Das fand sich Alles da genug.
Denn Alle, die da waren
Von freudereifen Jahren,
Die flißen sich im Wechselstreit
Zu Freuden bei der Lustbarkeit.
Und König Mark, der gute,
Der höfsche, hochgemuthe,
Hätt er auch nicht alle Macht
Verwandt auf seines Festes Pracht,
So ließ er doch hier schauen
Ein Wunder aller Frauen,
Seine Schwester Blanscheflur,
Eine Magd, so schön, als nur
Ein Weib auf Erden ward gesehn.
Ihrer Schönheit muste man gestehn,
Sie sehe kein lebendger Mann
Mit inniglichen Augen an,
Der nicht darnach in seinem Sinne
Fraun und Tugend höher minne.

Die selge Augenweide,
Die machte auf der Haide
Fröhlich manches junge Blut,
Manch edles Herze hochgemuth.
Auch sah man auf der Auen
Noch viel so schöne Frauen,
Daß Jede nach der Schönheit Schein
Eine reiche Köngin mochte sein.
Es musten Alle, die sie sahn,
Frischen Muth davon empfahn:
Viel Herzen wurden freudenreich.
Hiemit begann der Buhurd gleich
Von Gesind und Gästen.
Die Kühnsten und die Besten,
Die ritten auf und ab die Bahn;
Der edle Marke stäts voran
Und sein Geselle Riwalin,
Und seiner Ritter viel um ihn,
Die all beflißen waren,
Im Spiel so zu gebahren,
Daß es ihm Ehre brächte
So oft man des gedächte.
Manch Ross im Ueberkleide
Von Tuch und halber Seide
Ersah man auf dem Flecke;
Manche schneeweiße Decke,
Oder gelb, roth, braun, grün oder blau;
Andre trugen sie zur Schau
Aus edler Seide wohlgewirkt,
Andre vielfach ausgezirkt,
Getheilt, gestreift, bordieret,
So oder so verzieret.
In Waffenröcken zeigten sich
Die Ritter, schön und wonniglich,
Geschlitzt als wärs zerhauen.
Auch ließ der Frühling schauen,
Daß er Marken günstig war;
Denn Viele trugen in der Schar
Kränzlein aus der Blumen Pracht,
Die er zur Steuer ihm gebracht.

In solchem wonnevollen Mai
Begann das wonnige Turnei.
Oft wirrte sich das Doppelheer,
Es warf sich hin und warf sich her:
Das trieben sie so lang und viel
Bis dahin sich zog das Spiel,
Wo Blanscheflur die süße,
Die ich ein Wunder grüße,
Mit andern schönen Frauen
Da saß, es anzuschauen,
Wie sie so herrlich ritten,
Mit so kaiserlichen Sitten,
Daß manches Aug es gerne sah.
Doch was von Andern auch geschah,
Doch wars der höfsche Riwalin,
Und so geziemt' es sich für ihn,
Der vor der ganzen Ritterschaft
Das Beste that mit seiner Kraft.
Auch nahmen sein die Frauen wahr,
Und sprachen, daß in all der Schar
Niemand nach Rittersitte
So behend und herrlich ritte.
Sie lobten was man an ihm sah.
»Seht«, sprachen sie, »der Jüngling da,
Das ist ein wonnevoller Mann!
Wie wonnig steht ihm Alles an
Was er begeht, wie er sich hält.
Wie ist sein Leib nach Wunsch bestellt,
Wie fügen sich mit gleichem Scheine
Seine kaiserlichen Beine!
Den Schild, wie trägt er ihn so eben
Wie festgeleimt sieht man ihn schweben.
Wie ziemt der Schaft in seiner Hand!
Wie herrlich sitzt ihm sein Gewand;
Wie steht sein Haupt, wie glänzt sein Haar.
Süß ist sein Gebahren gar,
Voll Seligkeit sein ganzer Leib.
O, wohl ist das ein selig Weib,
Die ihm ihr Glück soll danken.«
Wohl merkte die Gedanken
Blanscheflur die gute:
Sie trug in ihrem Muthe
Wohl vor den Andern allen
An ihm ihr Wohlgefallen.
Sie hatt ihn sich ins Herz geschloßen,
Er war ihr in den Sinn geschoßen:
Er trug auf hohem Throne
Das Scepter und die Krone
In ihres Herzens Königreich,
Ob sie ihr Geheimnis gleich
Vor der Welt so gut verbarg,
Daß des Niemand hatt ein Arg.

Als das Kampfspiel war gethan,
Die Ritter schieden von dem Plan
Und sich ein Jeder kehrte,
Wohin ihn Laune lehrte,
Der Zufall bracht es da so mit,
Daß Riwalin zur Stelle ritt,
Wo Blanscheflur die schöne saß.
Da sprengt' er näher durch das Gras,
Und als er ihr ins Auge sah,
Gar minniglich begann er da:
»Ah! Dê vous sal, la belle!«
»Merzi«, dit la Püzelle,
Und sprach beschämt entgegen:
»Gott, der Heil und Segen
In die Herzen flößt mit voller Flut,
Der flöß euch Heil in Herz und Muth
Und halt euch hochbegnadet,
Meinem Recht unbeschadet,
Das ich an euch fordern kann.« –
»Ach Süße, was verbrach ich dann?«
Fiel höfisch Riwalin ihr ein.
Sie sprach: »An einem Freunde mein,
Dem besten, den ich je gewann,
An dem habt ihr mir Leid gethan.«
Ach Himmel, dacht er da bei sich,
Was will sie sagen? Was hab ich
Begangen wider ihre Huld?
Wes giebt mir die Holde Schuld?
Er wähnte, daß er etwa Wen
Der Ihren, diesen oder den,
Unwißend, ohne Vorbedacht,
Zu Schaden bei dem Spiel gebracht,
Und deshalb ihm die Hehre
Erzürnt und abhold wäre.
Nein, der Freund, nach dem er frug,
Das war ihr Herz, in dem sie trug
Um seinetwillen Ungemach:
Das war der Freund, von dem sie sprach.
Weil er sich des nun nicht versann,
Als ein höfischer Mann
Sprach er inniglich zu ihr:
»Ich will nicht, Schöne, daß ihr mir
Haß und argen Willen tragt:
Ist es so wie ihr mir sagt,
So richtet selber über mich:
Was ihr gebietet, thu ich.«
Die Süße sprach: »Um den Verstoß
Ist noch mein Zorn nicht allzu groß;
Ich lieb euch auch darum nicht sehr:
Versuchen will ich euch vorher,
Wie ihr mir wollt zu Buße stehn
Für das Leid, das mir von euch geschehn.«

Da neigt' er sich und wollt hindann.
Und sie, die Schöne, seufzt' ihn an
Gar insgeheim, indem sie sprach
Aus inniglichem Herzen: »Ach,
Mein lieber Freund, Gott segne dich!«
Da zuerst entspann es sich
Mit Gedanken her und hin.
Von dannen eilte Riwalin
Vor Minnen ohne Sinne;
Zu sinnen trieb ihn Minne
Was Blanscheflur ihm schmolle
Und ihm mit Grolle wolle.
Ihren Gruß, ihr Wort erwog er nun,
Ihr Seufzen, Segnen, all ihr Thun
Ward in Betracht genommen.
Schon hatt er Muth bekommen,
Ihr Seufzen, ihren süßen Segen,
Zu seinen Gunsten auszulegen.
Er glaubt' es wahrlich klar zu sehn,
Sie wären beide geschehn
Aus anders nichts als Minne.
Das entzündet' ihm die Sinne,
Daß sie hinwieder fuhren
Und nahmen Blanschefluren
Und entführten sie sogleich
In Riwalinens Herzensreich
Und krönten festlich sie darin
Ihm zu einer Königin.
Ja, Blanscheflur und Riwalin,
Der König, die süße Königin,
Theilten unter sich gar gleich
Ihrer Herzen zwiefach Königreich!
Das ihre fiel an Riwalin;
Der Blanscheflur ward seins verliehn,
Doch so daß Keines sich versah
Was mit dem andern Theil geschah.
So hatten diese Beiden sich
Zu gleicher Zeit einmüthiglich
Einander in den Sinn genommen.
Da war zu Herzen Herz gekommen:
Sie lag auch ihm im Herzen
Mit den gleichen Schmerzen,
Die sie um seinetwillen trug.
Weil er aber nicht genug
Gewissheit mocht erlangen,
Womit sie war befangen,
Ob mit Haß ob mit Minne,
So musten seine Sinne
Im Meer des Zweifels schwanken.
Ihm schwankten die Gedanken
Bald hinab und bald hinan.
Jetzt fürwahr wollt er hindann,
Dann wollt er plötzlich wieder her;
So hatt er sich zuletzt so sehr
Verstrickt in seinem Sinnen,
Er konnte nicht von hinnen.

Der gedankenvolle Riwalin,
Ein Beispiel ist an ihm verliehn,
Daß der minnende Muth
Gleich dem freien Vogel thut,
Der frei auf manchem Zweig sich wiegt
Und jetzt auf den geleimten fliegt.
Wenn er nun verspürt den Leim,
So flög er gerne wieder heim:
Da klebt er mit den Füßen schon;
Er regt die Schwingen, will davon
Und rührt an keinem Ort das Reis,
Wärs noch so linde, noch so leis,
Der ihm nicht neue Lähmung schafft.
So schlägt er dann aus aller Kraft
Her und hin und hin und her,
Bis er mit seiner Gegenwehr
Sich selbst zuletzt besiegt und fängt
Und fest geleimt am Zweige hängt.
Ganz in derselben Weise thut
Des Jünglings unbezwungner Muth:
So der in Liebessorgen kommt
Und Liebe Wunder an ihm frommt
Durch süßer Schmerzen Kunde,
So will der Schmerzlichwunde
Zu seiner Freiheit wieder:
Doch wieder zieht ihn nieder
Der süße Leim der Minne,
Er verfängt sich so darinne,
Daß er sich mit allem Fleiß
Nicht hin noch her zu helfen weiß.
So war es Riwalin ergangen,
Also hatte sich verfangen
In der Minne Leim sein Sinn
Zu seiner Herzenskönigin.
Ihn brachte die Verwirrung
In wunderliche Irrung,
Da er nicht wuste, ob ihr Muth
Ihm übel wolle oder gut:
Er erkannte weder dieß noch das,
Ihre Minne nicht, noch ihren Haß.
Nicht Trost noch Zweifel hielten Stand;
Er wollte fort, und war gebannt.
So zogen Trost und Zweifel ihn
Ohne Ende her und hin:
Trost sagt' ihm Minne, Zweifel Haß.
Dieser Zwist bewirkte das:
Er konnte mit Vertrauen,
Auf keins von beiden bauen,
Auf Haß noch auf Minne.
So schwebten seine Sinne
In einem unsichern Port.
Trost trieb ihn her und Zweifel fort:
Kein Verlaß war an den zwein,
Sie stimmten niemals überein.
Wenn Zweifel kam und er erfuhr,
Ihn haße seine Blanscheflur,
So wankt' er und beschloß zu gehn;
Sogleich kam Trost und ließ ihn sehn
Ihre Gunst und süßes Minneglück:
Das bracht ihn wieder ihr zurück.
So konnt er sich nicht rühren mehr,
Er wuste weder hin noch her.
Je stärker er entgegen rang,
Je fester ihn die Minne zwang.
Je heftiger er sich entwand,
Je enger schlang die Minn ihr Band.
So trieb es Minne mit ihm lang,
Bis doch der Trost den Sieg errang,
Den Zweifel endlich ganz vertrieb
Und Riwalin gewiss verblieb,
Seine Blanscheflur die minne ihn.
Da war sein Herz und all sein Sinn
Allein auf sie gerichtet
Und aller Streit geschlichtet.

Da nun die süße Minne
Sein Herz und seine Sinne
Ganz unterthänig sich gemacht,
Da hätt er doch sich nicht gedacht,
Daß so viel Leid und Wehe
Aus Herzelieb entstehe.
Als er, was ihm mit Blanscheflur
Geschehen war und widerfuhr,
Von Anbeginn betrachtete,
Genau auf Alles achtete,
Ihre Schläfe, Stirne, Lockenhaar,
Ihren Mund, ihr Kinn, ihr Wangenpaar,
Den freudenreichen Ostertag,
Der lachend ihr im Auge lag,
Da kam die rechte Minne,
Die Befeurerin der Sinne,
Und facht' ihr Sehnsuchtsfeuer an,
Das Feuer, das ihm lodernd brann
Im Herzen, und zur Stunde
Ihm gab gewisse Kunde,
Was für ein schmerzlich Wehe
Aus Liebesleid entstehe.
Denn ihm begann ein neues Leben,
Das Leben war ihm neu gegeben:
Er verwandelte darin
Ganz seine Sitte, seinen Sinn,
Und ward zumal ein andrer Mann
Denn Alles was er jetzt begann
War ein so wunderlich Betragen,
Mit Blindheit schien er oft geschlagen;
Seine angebornen Sinne,
Die waren von der Minne
So verwildert und verstört,
Als hätten sie ihm nicht gehört.
So schwächten ihn die Schmerzen:
Lachen aus vollem Herzen
Wie sein Brauch gewesen war,
Das verlernt' er ganz und gar.
Schweigen und in Sorgen schweben
War hinfort sein bestes Leben;
Denn all sein Sinn, all seine Kraft
Lag in seines Kummers Haft.

Auch verschonte Liebesschmerz
Nicht der jungen Blanschflur liebend Herz:
Sie war auch mit demselben Schaden
Durch ihn, wie er durch sie, beladen.
Die gebieterische Minne
War auch in ihre Sinne
Allzu stürmisch gekommen,
Und hatt ihr mit Gewalt genommen
Schier alle Ruh und ebnes Maß.
Seit die Liebe sie besaß
War gegen sich und vor der Welt
Ihr Betragen ganz entstellt.
Die Freuden, die sie sonst geletzt,
Die Scherze, die sie sonst ergetzt,
Die däuchten sie nun widerlich.
Ihr ganzes Leben fügte sich
Nur allein nach dem Gebot
Ihrer bittersüßen Herzensnoth.
Doch wieviel ihr junger Muth
Von Sehnsucht litt und Liebesglut,
Sie wuste doch nicht was ihr war.
Denn jetzt zuerst ward sie gewahr,
Was für ein schmerzlich Wehe
Aus Herzeleid entstehe.
Oft sprach sie zu sich selber noch:
»O weh, mein Gott, wie leb ich doch!
Wie und was ist mir geschehn?
Hab ich doch manchen Mann gesehn,
Von dem mir nie ein Leid geschah;
Und seit ich diesen Mann ersah,
So wird mein Herz mir nimmermehr
So frei und fröhlich als vorher.
Dieß Sehn, das ich an ihm gethan,
Davon allein hab ich empfahn
Nahegehnden Leids genug.
Mein Herz, das niemals Schmerz ertrug,
Das ist davon versehret;
Es hat mir ganz verkehret
So die Seele wie den Leib.
Soll aber einem jeden Weib,
Die ihn höret oder sieht,
Von ihm geschehn wie mir geschieht,
Und ist das ihm angeboren,
So ist viel Schönheit hier verloren,
Es ist ein unheilvoller Mann.
Wenn er aber zaubern kann,
Und durch seine Zauberlist
Dieß Wunder mir geschehen ist
Und diese wunderliche Noth,
So wär er sehr viel beßer todt,
Und sollt ihn nie ein Weib mehr sehn.
Gott! Wie ist mir von ihm geschehn,
Und geschieht mir stündlich schlimmer!
Gewiss, ich sah doch nimmer
Ihn oder einen andern Mann
Mit feindlichen Augen an,
Und trug auch Niemanden Haß.
Wie denn verschuldet hätt ich das,
Daß mir von Jemand Leid geschähe,
Auf den ich gerne freundlich sähe?

»Was schelt ich doch den guten Mann?
Unschuldig ist er wohl daran,
Was mir für Herzeleid geschah,
Und noch geschieht seit ich ihn sah,
Weiß Gott, es wird daran allein
Das eigne Herz mir schuldig sein.
Viel Andre kamen auch dahin:
Verschuldet Er es, daß mein Sinn
Vor den Andern allen
Auf Ihn allein verfallen?
Denn als so manches edle Weib
Seinen kaiserlichen Leib
Rühmte, und ich überall
Seinen Preis wie einen Ball
Hin und wieder hörte schlagen,
Und so viel zu seinem Lobe sagen,
Und selbst mit Augen an ihm fand
Was man ihm Lobes zugestand,
Und was er Preisliches besaß
In mein Herz zusammenlas,
Das bethörte mir den Sinn:
So fiel mein Herz ihm zum Gewinn.
In Wahrheit, das bestrickte mich;
Der Zauber wars, durch welchen ich
Mein selbst vergaß seit dieser Zeit.
Er selber that mir nichts zu Leid,
Der liebe Mann, um den ich klage,
Um den ich Grund zur Klage trage;
Mein junger, meisterloser Muth,
Der ist es, der mir Leides thut,
Der meinen Schaden will ist Der.
Er will und will nur allzu sehr
Was er nicht wollen sollte,
Wenn er bedenken wollte
Was Ehr und Zucht verlange;
Doch sieht er schon zu lange
Nichts als sein Begehren an
Nach diesem wonnevollen Mann,
Dem er in so kurzer Frist
So ganz anheimgefallen ist.
Und so mir Gott, ich wähne schier,
Erlaubt den Wahn die Ehre mir
Und muß ich mich von Magdthums wegen
Nicht schämen solchen Wahn zu hegen,
So dünkt mich, daß die Herzensklage,
Die ich um ihn im Herzen trage,
Nichts anders ist als Minne.
Ich werd es daran inne,
Daß mich verlangt nach seiner Nähe.
Wie es immer damit stehe,
So fühl ich, daß mein Herz beschleicht
Ein Ding, das Mannesliebe gleicht;
Denn was ich noch all meine Tage
Von verliebter Frauen Klage,
Von Minne je vernommen,
Das ist mir ins Herz gekommen.
Ja, der süße Herzensschmerz,
Der so manches edle Herz
Quält mit süßen Schmerzen,
Der liegt in meinem Herzen.«

Da nun die Höfsche, Gute,
Mit ungeteiltem Muthe
Ihr Herz erschloß zu dem Entschluß,
Wie ein jeder Minner muß,
Daß Riwalin ihr Geselle,
Ihres Herzens Freudenquelle,
Ihr Trost sein müße und ihr Leben,
Sie begann ihm Augentrost zu geben,
Sah ihn, wo sie ihn mochte sehn:
Ließ es die Schicklichkeit geschehn,
So suchte sie mit Blicken
Ihm süßen Trost zu schicken.
Sie ließ oft mit Verlangen
Die Augen an ihm hangen,
Und sah ihn lang und lieblich an.
Als das der minnende Mann,
Ihr Freund, begann zu merken,
Da begann ihn erst zu stärken
Die Minne, die so hold ihm war:
Sein Herz entbrannt ihm nun erst gar,
Und ersah er jetzt sein holdes Glück,
Blickt' er viel süßer noch zurück
Als er sonst sie angesehn,
Ließ es Zeit und Ort geschehn,
War sein Blick, sein Gruß ihr nah.
Als die schöne Magd nun sah,
Daß er sie minne wie sie ihn,
Ihre große Sorge schwand dahin.
Sie hatte stäts gedacht bisher,
Er trage nicht nach ihr Begehr;
Nun sah sie aber wohl, so gut
Und so getreu sei ihr sein Muth
Als je den Freund die Freundin fand;
Das war auch ihm von ihr bekannt.
Dieß schürte ihre Flammen:
Da begannen sie zusammen
Sich zu meinen und zu minnen
Mit Herzen und mit Sinnen;
Sie hatten Kunde wohl empfangen,
Wo Blick' an Freundesblicken hangen,
Das sei dem Minnefeuer
Eine nährende Steuer.

Das Hofgelag war aufgehoben
Und all die Ritterschaft zerstoben,
Da hörte Mark die Märe:
Ein fremder König wäre,
Sein Feind, geritten in sein Land,
Mit so kraftvoller Hand,
Möge man nicht bald ihm wehren,
Werd er das ganze Reich verheeren,
So weit ers überreite.
Alsbald entbot zum Streite
König Mark ein mächtig Heer,
Zog wider ihn mit starker Wehr
Und focht bis er den Sieg gewann,
Und erschlug und fieng so manchen Mann,
Daß Der die Gunst des Himmels pries,
Den er ledig oder leben ließ.
Auch Riwalin, der werthe Held,
Ward von einem Sper gefällt;
In der Seite saß die Wunde.
Die Seinen trugen ihn zur Stunde
Als einen halbtodten Mann
Aus dem Kampfgewühl hindann
Gen Tintajöl mit großem Jammer,
Da lag er todsiech in der Kammer.
Alsbald erscholl die Märe,
Kanelengres der wäre
Todwund und in dem Streit erschlagen.
Da hob sich bald ein kläglich Klagen
So am Hofe wie im Land.
Wem sein Werth nur war bekannt,
Dem war sein Schade herzlich leid.
Sie klagten seine Mannheit,
Seinen schönen Leib und süße Jugend,
Seine hochgelobte Fürstentugend:
Sollten die sobald zergehn
Und ein so frühes Ende sehn.
Der König selber auch, Herr Mark,
Beklagte seinen Freund so stark,
Daß er um keinen andern Mann
So bittern Kummer je gewann.
Ihn weinte manches edle Weib,
Viel Jungfraun klagten seinen Leib;
Jedem, der ihn je gesehn,
War an seinem Leide Leid geschehn.
Doch so groß ihr Erbarmen
Auch war mit dem Armen,
So war es doch alleine
Seine Blanscheflur die reine,
Die höfische, die gute,
Die aus ganzem Muthe
Mit Augen und mit Herzen
Des Herzgeliebten Schmerzen
Weinte mit bitterm Jammer.
In einsamer Kammer,
Wo sie zu klagen Raum gewann,
Da fiel sie sich mit Händen an
Und schlug dahin sich tausendmal,
Wo der Sitz war ihrer Qual:
Der Stelle, wo das Herze lag,
Der gab die Schöne manchen Schlag.
So marterte das süße Weib
Den jungen schönen süßen Leib
In so jämmerlicher Noth:
Sie hätte jeden andern Tod,
Der nicht von Minne war gekommen,
Für ihr Leben gern genommen.
Sie wär auch wohl verdorben
Und in dem Leid erstorben,
Hätte sie nicht den Trost gehabt,
Sich nicht an Einem Wunsch gelabt
Wie es immer möcht ergehn,
So wollte sie ihn wiedersehn,
Und wenn sie ihn nur sähe,
Was ihr darnach geschähe,
Da wollte sie sich drein ergeben.
So fristete sie sich das Leben
Bis sie zu Sinnen wieder kam,
Und ernstlich in Berathung nahm
Wie sie zum Liebsten käme,
Daß sie den Schmerz bezähme.

Darüber kam ihr in den Sinn
Ihre gute Meisterin,
Die sie stäts und allewege
Hielt in treuer Lehr und Pflege
Und ihr immer gab Geleit.
Die zog sie eines Tags beiseit
(Sie waren Beide ganz allein),
Und klagt' ihr all die herbe Pein,
Wie sie allzeit thun und thaten,
Die sich um Liebesnoth berathen.
Ihre Augen überquollen,
Die heißen Thränen rollen
Sah man im vollen Drange
Über die lichte Wange.
Dabei die Hände gefalten,
Flehend empor gehalten:
»Ach meines Leides«, sprach die Maid;
»Ach«, sprach sie, » welch ein Herzeleid!
Ach, herzgeliebte Meisterin,
Nun sei die Treue mein Gewinn,
Die ohne Ende bei dir ist;
Und da du selbst so selig bist,
Daß nur Seligkeit und Heil
Von deinem Rath mir wird zu Theil,
So klag ich dir mein Herzeleid
Bei aller deiner Seligkeit:
Hilfst du mir nicht, so bin ich todt.« –
»Nun Fräulein, was ist eure Noth
Und euer klägliches Klagen?« –
»Ach, Traute, darf ich dir es sagen?« –
»Ja, liebes Fräulein, sagt mirs an.« –
»Mich tödtet dieser todte Mann,
Von Parmenie Riwalin;
Gar zu gerne sah ich ihn,
Wüst ich, wie ichs erwürbe,
Bevor er ganz erstürbe,
Denn leider kann er nicht gedeihn:
Willst du dazu mir Hülfe leihn,
So versag ich nie dir eine Gabe,
So lang ich bin und Leben habe.«

Da sprach bei sich die Meisterin:
Wenn ich ihr gefällig bin,
Welch großer Schaden ist es dann?
Dieser halbtodte Mann
Stirbt morgen oder heute noch:
So hab ich meinem Fräulein doch
Aus Noth geholfen und aus Leid;
Hernach vertraut sie jederzeit
Vor allen andern Frauen mir.
»Lieb Fräulein«, hub sie an zu ihr,
»Euer Kummer ist mir herzlich leid,
Und wenn ich eurer Traurigkeit
Mit meinem Leben steuern kann,
So thu ichs, zweifelt nicht daran.
Ich geh sogleich zu ihm hernieder;
Seh ihn und kehre eilends wieder.
Ich erspäh auch die Gelegenheit,
Da wo er liegt, und Ort und Zeit,
Und erkundge nach den Leuten mich.«
Da gieng sie hin und stellte sich
Als käme sie ihn zu beklagen,
Und sah die Zeit ab, ihm zu sagen,
Ihr Fräulein woll ihn gerne sehn,
Könn es anders geschehn
Mit Fug und in Ehren.
Sie kam mit diesen Mären
Zu ihrem Fräulein von dem Mann.
Sie nahm die Magd und legt' ihr an
Eines armen Bettelweibes Kleid.
Ihres Angesichtes Schönheit
Mit dichten Tüchern sie verband,
Und nahm ihr Fräulein bei der Hand
Und kam zu Riwalinen so.
Der hatte, des Besuches froh,
Die Seinen ausgetrieben
Und war allein geblieben.
Er sprach: »Es ist mein Wille:
Ich brauche Ruh und Stille.«
Zu den Leuten sprach die Meisterin,
Sie brächt ihm eine Ärztin,
Und erwarb, daß man sie zu ihm ließ.
Den Riegel vor die Thür sie stieß:
»Nun« sprach sie, »Fräulein, sehet ihn.«
Und sie, die Schöne, eilte hin,
Und als sie ihm ins Auge sah,
»O weh mir immer!« sprach sie da;
»Weh, daß ich jemals ward geboren!
Meine Hoffnung, wie ist die verloren!«

Da nickt' ihr Riwalin nur kaum:
Die Kräfte ließen ihm nicht Raum
Als einem todsiechen Mann.
Das sah sie aber wenig an
Und verdacht es nicht, nein, liebeblind
Saß zu ihm das schöne Kind
Und legte ihrem Riwalin
Die Wang an seine Wange hin.
Bis ihr da zu gleicher Zeit
Von Freud und auch von Herzeleid
Gar des Leibes Kraft entwich;
Ihr rosenfarbner Mund erblich,
Die lichten Lebensfarben
Erloschen und erstarben,
Die sie geziert bis diesen Tag.
Ihren klaren Augen ward der Tag
Trüb und finster wie die Nacht.
So lag sie in der Ohnmacht
Und ohne Sinne lange,
Ihre Wang an seine Wange
Sanft gelehnt, als wär sie todt.
Als sie darauf aus dieser Noth
Zu Kraft ein wenig wieder kam,
Ihr Lieb sie in die Arme nahm,
Legt' ihren Mund an seinen
Und küsst' in einer kleinen
Weil' ihn hunderttausendmal,
Bis sich aus ihrem Munde stahl
In ihn die Glut der Minne;
Denn Minne war darinne.
So gab ihr Mund ihm Freude kund
Und lieh ihm solche Kraft ihr Mund,
Daß er das kaiserliche Weib
An seinen halbtodten Leib
Nahe zwang und inniglich.
Nicht lange mehr verzog es sich
Bis da Beider Wunsch ergieng
Und das süße Weib empfieng
Von des Mannes Heimlichkeit.
Auch war er von der süßen Maid
Beinah, und von der Minne todt.
Half ihm Gott nicht aus der Noth,
So konnt er nimmermehr gedeihn;
So genas er, denn es sollte sein.

So kam, daß Riwalin genas
Und Blanscheflur die schöne saß
Von ihm beladen und entladen
Mit zwei verschiednen Herzensschaden:
Sie ließ groß Leid wohl bei dem Mann,
Doch trug sie größeres hindann.
Sie ließ sehnliche Herzensnoth
Und trug mit sich hinweg den Tod.
Die Noth ließ sie mit Minnen dort;
Den Tod im Kinde trug sie fort.
Und gleichwohl, wie ihr auch geschah,
In welcher Weise sie sich sah
Von ihm entladen und beladen
So mit Frommen als mit Schaden,
Ihr Herz sah doch nichts andres an
Als die süße Lieb und lieben Mann.
Ihr war das bittre Todeslooß,
Das Kind nicht kund in ihrem Schooß;
Doch Mann und Minne war es wohl.
Sie that wie der Lebendge soll
Und gern der Minnende thut:
Ihr Herz lag, all ihr Wunsch, ihr Muth
An Riwalin alleine.
Hinwieder lag der seine
An ihr und ihrer Minne.
So trugen sie im Sinne
Eine Liebe nur, und Ein Begehr.
So war er sie und sie war er,
Er war für sie und sie für ihn,
Hier Blanscheflur, da Riwalin,
Hier Riwalin, da Blanscheflur,
In Beiden Eine Liebe nur.
Ihr Leben war Ein Leben so,
Sie waren miteinander froh
Und erhöhten ihr Gemüthe
Durch Liebe sich und Güte.
Und konnten sie beisammen sein,
Diese Beiden ganz allein,
So war ihr Glück vollkommen,
Ihnen alles Leid benommen:
Sie hätten nimmermehr ihr Leben
Um alle Reiche hingegeben.

Doch währte das nicht lange:
Kaum war ihr Glück im Gange,
Daß sie am Besten lebten,
In den höchsten Freuden schwebten,
Da empfieng die Kunde Riwalin,
Morgan, sein Feind, woll überziehn
Mit einem starken Heer sein Land.
Auf diese Kunde gleich zur Hand
Ward ihm ein Schiff bereit gemacht,
All sein Geräth darauf gebracht,
Und Alles, Ross und Speise,
Beschafft für seine Reise.

Die minnigliche Blanscheflur,
Als sie die leide Mär erfuhr
Um den herzgeliebten Mann,
Da hub erst recht ihr Kummer an,
So weh geschah der Armen da,
Daß sie nicht hörte mehr noch sah.
Gleich einem todten Weibe
War sie an ihrem Leibe;
Aus ihrem Munde gieng hinfort
Nur noch »O weh!« dieß arme Wort.
Das eine sprach sie noch allein:
»O weh dem Schmerz, o weh der Pein!
O weh nun, Minne, weh nun, Mann!
Ihr zwei, wie fielet ihr mich an
Mit so viel Kummer, so viel Leid.
Minne, du Unseligkeit!
Da an dir so kurze Freude ist
Und du so gar unstäte bist,
Was minnt doch all die Welt an dir!
Ich seh doch wohl, du lohnest ihr
Wie der Ungetreue thut!
Es ist dein Ende nicht so gut
Als du der Welt verheißest,
Die du verlockst und reißest
Nach kurzer Freud in lange Pein.
Dein verlockender Schein,
Die in so falscher Süße schwebt,
Trügt Alles was auf Erden lebt.
Zu wohl an dir erfuhr ich dieß:
Was all mein Glück zu sein verhieß,
Läßt mich nun nichts erlangen
Als Qual und tödtlich Bangen!
Mein Trost fährt hin und läßt mich hier!«

Da so der Jammer sprach aus ihr,
Trat ihr Geselle Riwalin
Mit betrübtem Herzen vor sie hin
Sich den Urlaub zu erbitten.
»Gebietet mir«, sprach er mit Sitten,
»Ich soll und muß zu Lande fahren;
Euch Schöne möge Gott bewahren.
Lebt immer glücklich und gesund.«
Da erblich ihr andernmals der Mund
Und aber fiel sie von der Noth
Vor ihm in Ohnmacht und für todt
In den Schooß der Meisterin.
Ihr Leidgenoße Riwalin,
Da der das große Leid ersah,
Das seinem Herzelieb geschah,
Er entzog sich nicht der Freundespflicht:
Ihres Herzeleides ganz Gewicht
Trug er mit ihr minniglich,
Daß auch ihm die Farb erblich
Und alle Kräfte schwanden.
So in des Jammers Banden
Saß er trauernd zu ihr nieder
Schier verzagend, bis sie wieder
Doch so weit zu Kräften kam,
Daß er sie bei Händen nahm
Und hielt das freudenlose Weib
Zärtlich gefügt an seinen Leib
Und küsst' ihr oft und lange
Augen, Mund und Wange,
Und herzte sie und hielt sie lieb
Bis er die Ohnmacht vertrieb
Und sie allmählich genas
Und ohne Hülfe aufrecht saß.

Als Blanscheflur nun zu sich kam
Und wahr vor sich des Freundes nahm,
Da sah sie ihn mit Jammer an:
»Ach«, sprach sie, » seliger Mann,
Wie ist mir Leid an euch geschehn!
Herr! daß ich euch hab ersehn,
Wie bracht es mich in Schmerz und Klage,
Die ich in meinem Herzen trage
Um eurethalb, durch eure Schuld!
Durft ich es mit eurer Huld
Sagen, Freund, so möchtet ihr
Freundlicher wohl thun an mir.
Herr und Freund, wie mancherlei
Die Schmerzen sei'n, doch sind es drei,
Die tödtlich und unwendbar sind.
Das Eine ist, ich trag ein Kind,
Und nimmermehr genes ich sein,
Mir wolle Gott denn Beistand leihn.
Des andern Leides ist noch mehr:
Mein Bruder und mein Herr, wenn der
An mir ersieht dieß Ungemach
Und seines eignen Namens Schmach,
So wird er mich verderben
Und schmählich laßen sterben.
Am schwersten ist die dritte Noth
Und gar viel bittrer als der Tod.
Ich weiß wohl, könnt es sich begeben,
Daß mich mein Bruder ließe leben
Und nicht darum ersterbte,
Daß er mich doch enterbte
Und nähme Gut und Ehre:
Wohin ich dann mich kehre,
So muß ich arm und unwerth sein.
Dazu muß ich mein Kindelein,
Das den Vater doch am Leben hat,
Erziehen ohne Vaters Rath.
Das Alles wollt ich minder klagen,
Dürft ich die Schmach allein nur tragen,
Daß nicht mein Bruder brauchte,
Mein Geschlecht auch, das erlauchte,
Mit mir zu leiden, und sie mein
Und der Schande ledig dürften sein.
Wenn aber Allen, die nun sind,
Ruchbar wird, ich hab ein Kind
Kebslich erworben, und der Schall
Durch England geht und Cornewal,
Das ist dem wie jenem Lande
Eine öffentliche Schande.
Und wehe mir, wenn das geschieht,
Wo man mich mit den Augen sieht,
Daß der Länder zwei von wegen mein
Beschimpft, bescholten sollten sein;
So wär viel beßer mir der Tod.
Seht«, sprach sie, »Herr, das ist die Noth,
Das ist die stäte Herzensklage,
In der ich alle meine Tage
Ersterbe mit lebendgem Leib.
Herr, helft ihr nicht dem armen Weib
Und fügt es nicht der Himmel so,
Ich werde nimmer wieder froh.«

»Traute Frau«, sprach er zu ihr,
»Da ihr viel Leides habt von mir,
Will ichs euch büßen, wo ich kann,
Und Sorge tragen, daß fortan
Euch Schande nicht und Wehe
Durch meine Schuld entstehe.
Was in Zukunft auch geschehen mag,
Ich hab an euch so lieben Tag
Erlebt, daß es unbillig wär,
Wenn ihr irgendwie Beschwer
Mit meinem Willen solltet tragen.
Frau, ich will euch gänzlich sagen
Mein Herz und allen meinen Muth.
Es gescheh euch übel oder gut,
Lieb oder Leid, des habt Bericht,
Davon geschieden werd ich nicht,
Da will ich immer sein dabei,
Wie kümmerlich es anders sei.
Ich biet euch zweier Dinge Kür,
Die leget euerm Herzen für:
Ich reise oder bleibe hier;
Nun wählet und gebietet mir.
Wollt ihr, daß ich hier bestehe
Und erwarte, wie es euch ergehe,
Das sei. Geruhet ihr jedoch
Mit mir heimzufahren heute noch,
Ich selbst und was ich je gewann,
Das ist euch Alles unterthan.
Ihr erbotet Liebes mir so viel,
Daß ich es euch gedenken will
Mit Leben und mit Gute.
Wie euch nun sei zu Muthe,
Herrin, des bescheidet mich:
Was ihr wollt, das will auch ich.«

»Herr, ich dank euch«, sprach sie froh,
»Ihr sprecht und bietet mir es so,
Daß Gott euch lohnen müße
Und daß ich eure Füße
Immer gern umfaßen soll.
Freund und Herr, ihr wißet wohl,
Meines Bleibens kann hier unlang sein.
Die Angst um mein Kindelein,
Die mag ich leider nicht verhehlen:
Wüst ich mich hinweg zu stehlen,
Das wäre mir der beste Rath,
Da es sich so gewendet hat.
Gebieter, dazu rathet ihr.« –
»Nun Herrin«, sprach er, »folget mir.
Wenn ich zu Schiffe geh die Nacht,
So fügt es also, daß ihr sacht
Und unbemerkt dahin mögt kommen;
Wenn ich Urlaub genommen,
Daß ich euch dann da finde
Bei meinem Ingesinde.
So fügt es, denn so muß es sein.«

Hiemit gieng Riwalin hinein
Zu Mark und sagt' ihm Märe
Was ihm entboten wäre
Von seinem Volk und seinem Land.
Urlaub nahm er zuhand
Von ihm und seinem ganzen Bann.
Die klagten um den werthen Mann,
Daß er nie größre Klage sah
Als die da um ihn geschah.
Viel Segen ward ihm mitgegeben,
Daß ihm Gott doch Ehr und Leben
Beschirme heut und immerdar.
Als nun die Nacht gesunken war
Und er zu seinem Schiffe kam
Und sein Geräth all an sich nahm,
Da fand er seine Herrin dort,
Die schöne Blanscheflur am Ort.
Da fuhr er an das Schiff heran
Und mit dem Schiff alsbald hindann.

Als Riwalin zu Lande kam
Und die große Noth vernahm,
Die Morgan über ihn gebracht
Durch seines Heeres Übermacht,
Alsbald nach seinem Marschall sandte
Riwalin, des Treu er kannte,
An dem sein gröster Trost noch lag,
Der aller seiner Ehren pflag
In seinem Volk und in dem Land:
Das war Rual li foitenant,
Der Ehr und Treue fester Haft,
An Treue niemals wankelhaft;
Der sagt' ihm Alles aus dem Grund,
Wie er es wust und wohl verstund,
Wie bittre Noth erstanden
Dem Volk wär und den Landen;
Doch sprach er: »Da ihr noch beizeit
Zum Trost uns All gekommen seid,
Und Gott euch heimgesendet hat,
So wird des wohl noch Alles Rath,
Wir mögen noch gar wohl gedeihn:
Wir wollen hohes Muthes sein
Und Angst und Sorge fahre hin.«

Inzwischen sagt' ihm Riwalin
Was all ihm Liebes widerfuhr
Mit seiner schönen Blanscheflur:
Des freute sich der treue Mann.
»Ich seh wohl«, sprach er, »Herr, hieran,
Eure Ehre wächst in aller Weis,
Eure Würdigkeit und euer Preis,
Eure Freud und eure Wonne,
Die steigen wie die Sonne.
Ihr könntet auf der Erden
Von keinem Weibe werden
So hohes Namens als mit ihr.
Drum, lieber Herre, folget mir:
Hat sie wohl an euch gethan,
Laßt sie dafür auch Lohn empfahn.
Wenn wir unser Ding beenden
Und diese Noth all von uns wenden,
Die uns so schwer liegt auf dem Rücken,
So richtet, Herr, von freien Stücken
Eine schöne Hochzeit an.
Vor Verwandten und dem ganzen Bann
Empfangt sie öffentlich zur Ehe.
Und noch zuvor, eh das geschehe,
Nehmt in der Kirche sie zur Frauen,
Daß es Lain und Pfaffen schauen,
Wo es Christenbrauch begehrt:
Damit wird euer Heil gemehrt,
Daß euch in allen Dingen
Desto beßer muß gelingen;
Es schafft euch Ehr und Glück ins Haus.«

Nun, das geschah, er führt' es aus
Nach des Freundes Rath vollkommen;
Und als er sie zur Eh genommen,
Befahl er sie der treuen Hand
Des getreuen Foitenant.
Der führte sie gen Kanoel
Auf dasselbe Castel,
Nach dem sein Herr war zubenannt
Kanelengres, wie ich es fand
Im Buch: Kanel nach Kanoel.
Auf demselben Castel
Hatt er auch sein liebes Weib,
Ein Weib, die sich mit Seel und Leib
In weiblichen Treuen
Befliß, die Welt zu freuen.
Der befahl er seine Herrin dort
Und schuf ihr solch Gemach sofort,
Sie mochte da verweilen gern.
Als Rual heim kam zu dem Herrn,
Da beriethen diese Beiden sich,
Wie sie möchten ritterlich
Den Feind bestehn mit starker Hand.
Sie sandten über all ihr Land
Und entboten ihre Ritterschaft,
Und wandten alle Macht und Kraft
Auf nichts als nur auf starke Wehr.
So kamen sie denn mit dem Heer
Geritten wider Morgan.
Der hielt gerüstet auf dem Plan
Und wich nicht haaresbreit vor ihnen:
Er empfieng da Riwalinen
Mit starkem Gefechte;
Hei! wieviel guter Knechte
Man da gefällt, getödtet sah!
Wie wenig schonte man die da!
Wie Mancher kam in große Noth,
Und wie so Mancher lag da todt
Und wund von Jedwedem Heer!
Bei dieser blutigen Wehr
Fiel der klagenswerthe Held,
Den klagen sollte alle Welt,
Wenn Klagen und Grämen
Im Tod zu Statten kämen.
Kanelengres der gute,
Der von ritterlichem Muthe
Und Herrentugend keinen Schritt,
Ja nicht zollbreit wich noch glitt,
Der lag da zum Erbarmen todt.
Jedoch in all dieser Noth
Kamen über ihn die Seinen
Und brachten ihn hinweg mit Weinen:
Sie führten klagend ihn hindann
Und bestatteten ihn als den Mann,
Der nicht minder und nicht mehr
Als ihrer Aller Glück und Ehr
Mit ins Grab hinunter nahm.
Wenn ich nun viel von ihrem Gram
Und ihrem Jammer sagte,
Wie da ein Jeder klagte,
Was sollte das? es ist nicht Noth.
Sie waren Alle mit ihm todt
An Ehren und am Gute
Und gar an dem Muthe,
Der guten Leuten sollte leihn
Freud und friediges Gedeihn.

Es ist geschehn, er ist dahin,
Todt ist der gute Riwalin;
Da gehört nun weiter nichts dazu,
Als daß man Alles mit ihm thu
Was sich schickt für einen todten Mann.
Da Alles nicht verfangen kann,
Man muß sich sein begeben nun,
Mag sein zu pflegen Gott geruhn,
Der edler Herzen nie vergaß.
Wir aber sagen nun fürbaß
Wie es ergieng mit Blanscheflur.
Als die schöne Frau erfuhr
Was ihr geschehen wäre,
Wie ward ihr von der Märe!
Gott, Herr, woll uns davor bewahren,
Daß wir es lebenslang erfahren.
Ich hege Zweifel nicht daran,
Trug ein Weib je um den Mann
Tödtlichen Schmerz im Herzen,
So trug ihr Herz die Schmerzen;
Das füllte tätliches Leid.
Sie gab wohl aller Welt Bescheid,
Ob ihr weh an seinem Tod geschah;
Doch wurden ihre Augen da
In allen diesem Leid nicht naß.
Ja, aber Gott, wie kam denn das,
Daß da nicht ward geweinet?
Ihr ward das Herz ersteinet.
Da war kein Leben inne,
Als die lebendge Minne
Und das Leid nur, das lebendig
Mit ihrem Leben stritt beständig.
Und klagte sie nach Gattenpflicht
Nicht um den Herrn? Das that sie nicht:
Sie verstummte gleich zur Stunde,
Ihr erstarb die Klag im Munde;
Ihre Zung, ihr Mund, ihr Herz, ihr Sinn
War Alles miteinander hin.
Sie klagte nicht ihr Ungemach,
Die Schöne sprach nicht Weh noch Ach,
Sie sank zu Boden und lag
In Krämpfen bis zum vierten Tag.
Erbärmlicher als je ein Weib.
Sie wand in Wehen lang den Leib
Bald so bald so, bald her bald hin
Und trieb das bis die Königin
Den Sohn gebar mit großer Noth;
Seht, der genas und Sie lag todt.

O weh der Augenweide,
Wo man nach leidem Leide
Ersieht an leiderm Leide
Noch leidre Augenweide!

Deren Ehr an Riwalinen lag,
Der er mit großen Ehren pflag
So lange Gott es wollte,
Daß er ihrer pflegen sollte,
Die hatten leider Leid zuviel,
Ein Leid ob alles Leides Ziel,
Da all ihr Trost, all ihre Kraft,
Ihr Kampf und ihre Ritterschaft,
Ihre Würdigkeit und Ehre all
Dahin war mit des Herren Fall.
Doch Er war schönen Tod gestorben;
Sie gar zu jämmerlich verdorben.
Mit wie großem Schaden
Auch Leut und Land beladen
Waren durch den Tod des Herrn,
So kläglich wars doch nicht von fern,
Als da man diese scharfe Noth
Und den erbarmenswerthen Tod
An dem süßen Weibe sah.
Das Ungemach, das ihr geschah,
Beklag ein jeder werthe Mann,
Und wer je von Frauen Heil gewann
Oder künftig will gewinnen,
Der erwäg in seinen Sinnen
Wie es an solchen Dingen
So leichtlich mag misslingen
Der besten Frau, dem besten Mann,
Wie leicht das Glück sie pfänden kann
Am Leben, am Leibe,
Und soll dem reinen Weibe
Gnade wünschen und erflehn,
Daß Gott geruh ihr beizustehn,
Ihr Helfer und ihr Trost zu sein;
So sag ich von dem Kindelein,
Das Mutter hat noch Vater,
Wie Gott war sein Berather.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.