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Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 29
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
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XXVIII. Täuschung.

                         

Während aller dieser Zeit
Rang mit großem Herzeleid
Der traurige König.
Er trauerte nicht wenig
Um seine Ehre und sein Weib.
Er wurde krank an Seel und Leib,
Täglich schwand ihm der Muth.
Kaum fragt' er noch nach Ehr und Gut.
Da ritt er in denselben Tagen
In demselben Walde jagen,
Mehr um sein Leid zu stillen
Als der Abenteuer willen.
Als sie zu dem Walde kamen,
Die Jäger ihre Hunde nahmen
Und fanden da ein Rudel stehn.
Da ließen sie die Hunde gehn
Und in derselben Stunde
Schieden des Königs Hunde
Einen seltnen Hirsch vom Tross,
Der gemähnt war wie ein Ross,
Groß und stark und blank dabei;
Gezackt doch kurz war sein Geweih,
Kaum wieder ausgeworfen,
Wie er es abgeworfen
Hatte vor unlanger Zeit:
Den jagten sie im Wettestreit
Und setzten ihm im Trabe nach
Bis herein der Abend brach.
Da verloren sie die Spur
Des Hirschen, der zu Walde fuhr
Und seine Flucht dahin genommen
Hatte, wo er hergekommen,
Dort, wo sich die Grotte fand:
So entkam er und entschwand.

Nun verdroß es Marken schwer
Und seine Jäger noch viel mehr,
Was mit dem Hirschen war geschehn:
Denn gar fremde hatt er ausgesehn
Nach der Farb und langem Haar.
Unmuthig ward die ganze Schar.
Sie fiengen ihre Hunde wieder
Und ließen sich die Nacht da nieder,
Denn Allen that die Ruhe Noth.
Nun hatten Tristan und Isot
Tagüber wohl den Schall vernommen,
Der in den Wald war gekommen
Von Hörnern und von Hunden,
Und hatten wohl befunden
Bei sich, nur Marke könn es sein.
Darüber war ihr Leid nicht klein.
Sie schwebten Beid in Angst und Sorgen,
Er wüste sie im Wald verborgen.

Vor des andern Tages Licht
Der Jägermeister säumte nicht
Bis er säh das Morgenroth:
Seinen Unterthanen er gebot,
Bis an den Tag zu weilen
Und dann ihm nachzueilen.
An ein Leitseil nahm er drauf
Einen Bracken schnell von Lauf,
Und bracht ihn auf die Fährte.
Da führt' ihn der Gefährte
Viel ungebahnte Pfade,
Zwischen Felsen krumm und grade
Über Stock und Stein empor,
Wo ihm der Hirsch des Nachts zuvor
Entflohn war und entwichen.
Jetzt kam er nachgestrichen,
Bis die Schlucht ein Ende nahm
Und ihm die Sonne wieder kam:
Da stand er auf der Pläne
Bei Tristans Fontäne.

Desselben Morgens Tristan
Und sein Gespiel – sie hatten an
Den Händen sich gefangen
Und kamen hingegangen
Gar früh und in dem Thaue
Zu der geblümten Aue
Und in das wonnigliche Thal.
Galander fieng und Nachtigall
Da an zu organieren,
Ihr Gesind zu salutieren:
Sie grüßten ihre Holden,
Tristanden und Isolden.
Die wilden Waldvöglein auch
Empfiengen sie, das war ihr Brauch,
Gar süß in ihrem Latein.
Manchem süßen Vögelein
Waren sie da sehr willkommen.
Sie hatten all sich angenommen
Wonniger Unmuße.
Den Gelieben zum Gruße
Sangen sie von dem Reise
Ihre wonnige Weise
Und wandelten sie wunderbar.
Wie manche süße Zunge war,
Die da schantoit und discantoit
Ihr Schanzun und ihr Refloit
Dem verliebten Paar zur Wonne!
Sie empfieng der kühle Bronne,
Der schön vor ihren Augen sprang
In ihren Ohren schöner klang,
Ihnen entgegen murmelnd gieng,
Mit seinem Murmeln sie empfieng:
Er murmelte gar süße
Entgegen süße Grüße.
Sie grüßten auch die Linden
Mit ihren süßen Winden,
Die freuten aus und innen Ihnen
Ohren, Herz und Sinnen.
Die blühenden Bäume,
Die grünenden Räume,
Die Blumen, das ingrüne Gras,
Und was da blühte, Alles das
Entgegen lacht' es diesen Zwein;
Auch grüßte sie der Funkelschein
Des Thaus mit seiner Süße
Und kühlte ihre Füße
Und erlabte Herz und Brust.

Als genug war dieser Lust,
Sie giengen wieder in den Stein
Und wurden Rathes überein,
Wie sie sich wollten wahren,
Da sie in Ängsten waren
Und sorgten, wie es auch geschah,
Daß von den Jägern etwa
Jemand zu ihnen käme,
Ihr Wesen da vernähme:
Dazu fand Tristan klugen Rath,
Der ausgeführt ward mit der That.
Sie giengen an ihr Bette wieder
Und legten sich da wieder nieder
Von einander weit hindann,
Wie der Mann liegt bei dem Mann,
Nicht wie der Mann bei dem Weib.
Da lagen Beide, Leib von Leib
Gewendet, wie man selten pflegt.
Auch hatte Tristan gelegt
Sein Schwert, das bloße, zwischen sie;
Nach Rechts lag Er, nach Links lag Sie.
Sie wollten da gesondert sein.
So schliefen sie beisammen ein.

Der Jäger, wie ihr habt vernommen,
Der zu dem Brunnen war gekommen,
Der sah die Spuren in dem Thau,
Wo Tristan und seine Frau
Vor ihm hingegangen waren.
Da kam ihm in den Sinn gefahren,
Die Spur seis von des Hirschen Tritt.
Da sprang er von dem Ross und schritt
Der Spur nach und der Fährte,
Wie der Strich im Thau ihn lehrte,
Bis hin zu der Fossüre Thor.
Dem lagen die zwei Riegel vor:
Er konnte da nicht weiter kommen.
Als so der Weg ihm war benommen,
Versucht' er es im Bogen,
Kam um und um gezogen,
Und fand von Aventüre
Oben an der Fossüre
Ein verborgen Fensterlein.
Vorsichtig blickt' er hinein
Und ersah alsbald darinne
Das Ingesind der Minne,
Nur Ein Weib und Einen Mann.
Die gafft' er als ein Wunder an:
Ihn gedeuchte von dem Weibe,
Nie sei von Weibes Leibe
An diese Welt geboren
Ein Geschöpf so auserkoren.
Doch lange blickt' er nicht dahin.
Denn als ihm in die Augen schien
Das Schwert, das lag da so entblößt,
Da war ihm Schrecken eingeflößt.
Schnell hob er sich von hinnen;
Er ahnte was darinnen
Von unheimlichen Dingen
Und begann mit Furcht zu ringen:
Er lief den Felsen wieder nieder
Und ritt zu seinen Hunden wieder.

Auch Marke war, der König,
Seinen Jägern ein wenig
Vorausgeeilt auf seiner Fährte,
Und traf ihn, als er wiederkehrte.
»Herr König«, sprach der Jägersmann,
»Märe sei euch kundgethan:
Ich hab in diesen Stunden
Schöne Aventür gefunden.«
»Sprich, was für Aventüre?«
»Eine Minnenfossüre.«
»Wo fandest du die, sag, und wie?«
»Herr, in dieser Wildniss hie.«
»In dieser wüsten Wilde?« – »Ja!«
»Ist denn ein lebend Wesen da?«
»Freilich, Herr, es ist darin
Ein Mann und eine Göttin:
Sie liegen auf dem Bette
Und schlafen wie zur Wette.
Der Mann ist wie ein andrer Mann;
Doch großen Zweifel hab ich dran,
Die schöne Schläferin dabei
Ob die ein menschlich Wesen sei.
So schön ist keine Feine.
Von Fleisch noch von Gebeine
Mocht auf dieser Erden
So Schönes nimmer werden.
Ein Schwert, das lauter ist und klar,
Liegt zwischen ihnen bloß und bar;
Des Grundes ich unkundig bin.«
Herr Mark sprach: »Weise mich dahin.«

Da wandte sich und führt' ihn fort
Der Jägermeister an den Ort,
Wo er gestiegen war vom Pferd.
Da sprang der König auch zur Erd
Und eilte weiter durch den Thau;
Zurück blieb Jener auf der Au.
Herr Marke gieng dem Thore zu,
Das ließ er bald in guter Ruh,
Um an des Steines Wänden
Im Bogen sich zu wenden.
So nahm er manche Kehre
Nach des Jägermeisters Lehre
Und fand zuletzt das Fensterlein,
Und ließ die Augen da hinein
Zu Lieb sich und zu Leide.
Er sah sie auch da Beide
Aus dem krystallnen Bette
Noch schlafend um die Wette.
Er fand sie auch, wie Jener fand,
Von einander abgewandt,
Das links, das Andre rechts gekehrt,
Und zwischen ihnen bar ein Schwert.
Er erkannte Neffen und Weib.
Das Herz in ihm und all sein Leib
Erkalteten ihm beide
Vor Lieb und auch vor Leide.
Der Beiden Abgelegenheit
War ihm lieb und wieder leid.
Lieb, mein ich, um den falschen Schein,
Als wären sie des Falsches rein;
Leid, daß er sie beisammen sah.
In seinem Herzen sprach er da:
»Gnädger Gott und Herre mein,
Was mag an diesen Dingen sein?
Wenn unter ihnen je geschah
Wes ich so lange mich versah,
Wie liegen diese Beiden dann?
Weib soll doch geliebtem Mann
Im Arm zu allen Zeiten
Und liegen an der Seiten:
Wie liegen so denn diese Zwei?«
Zu sich selber sprach er auch dabei:
»Was ist nun hier zu glauben Pflicht?
Sind sie schuldig oder nicht?«
Alsbald war auch der Zweifel da.
»Schuldig?« sprach er, »wahrlich, ja.
Schuldig?« sprach er, »wahrlich, nein!«

So trieb ers fort mit diesen Zwein,
Bis der wegelose Mann
Marke zu zweifeln begann
An dieser Beiden Minne.
Die Sühnerin, Frau Minne,
Kam da herzugeschlichen,
Geschmückt und aufgestrichen
Mit wundersamem Fleiße.
Sie hatt auf das Weiße
Gelegt mit feinen Zügen
Das rothe Gold der Lügen
Mit der besten Schminke: Nein!
Das Wörtlein schien mit goldnem Schein
Dem König in des Herzens Grund.
Von dem andern, draus ihm Schmerz entstund,
Dem ungenehmen Worte Ja,
Sah Marke keine Spur mehr da:
Das war mit Eins hinweggethan,
Daß ihm kein Zweifel blieb noch Wahn.
Minne, die Übergolderin,
Die goldne Unschuld zog ihn hin;
Herz und Augen wandte,
Verlockte sie und bannte
Hin, wo der österliche Tag
Aller seiner Freuden lag.
Er schaute auf die Holde,
Seines Herzens Lust, Isolde;
Sie deucht ihn auch zu keiner Zeit
So schön und so voll Lieblichkeit.

Ich weiß zwar nicht, von welchen Mühn
Sie diese Märe läßt erglühn;
Sie schildert sie jedoch erhitzt,
Und ihre Farbe schien anitzt
So süß und also lose
Wie eine zarte Rose
Empor zu dem bethörten Mann.
Ihr Mund, der feurige, brann
Wie glühnde Kohlen brennen.
Nun kann ich es erkennen,
Was es für Mühen waren:
Sie war, ihr habts erfahren,
Des Morgens in dem Thaue
Gewandelt zu der Aue
Und war davon entbronnen.
So kam auch von der Sonnen
Ein Stral hinein gegangen
Und schien auf ihre Wangen,
Auf ihr Kinn und auf den Mund.
Zwei Wunder hatten einen Bund
Der Schönheit aufgerichtet;
Licht war durch Licht gelichtet.
Die Sonne und die Sonne,
Die hatten eine Wonne
Und eine Hochzeit angestellt,
Daß sie die Krone schien der Welt.
Ihr Kinn, ihr Mund, ihr Wangenpaar,
Das war so schön, so wunderbar,
So lieblich und so wonnesam,
Daß Marken ein Gelüste kam:
Ihn gelüstete Verlangen
Zu küssen Mund und Wangen.
Ihre Flammen warf die Minne hin,
Minn entflammte ihm den Sinn
Mit der Schönheit ihres Leibes:
Die Schönheit des Weibes
Verlockte seine Sinne
Zu ihrer Lieb und Minne.
Sein Auge war gebannt dahin.
Er sah mit inniglichem Sinn,
Wie schön aus den Gewanden
Ihr Hals und Brüste standen,
Ihre Arme, ihre Hände.
Ohne Gebände
Ein Schapel trug sie von Klee.
Ihrem Herren mehr denn je
Schien sie reizend, wonniglich.

Der Sonne nun versah er sich,
Die von oben durch den Stein
Auf ihr Antlitz warf den Schein.
Er sorgte sehr, zum Schaden seis
Ihrer lichten Haut so weiß.
Da nahm er Blumen, Gras und Kraut,
Und als das Fenster war verbaut,
Bot er der Schönen seinen Segen,
Bat Gott den guten, sie zu pflegen,
Und schied mit Weinen hindann.
Als ein trauriger Mann
Kam er zu den Hunden wieder.
Sein Jagen legt' er nieder
Und hieß zu Hause kehren
Alle die mit ihm wären,
Die Jäger und die Hunde.
Das that er aus dem Grunde,
Daß Niemand anders käme
Und ihrer wahr da nähme.

Sobald der König war hindann,
Erwachten Isot und Tristan.
Da begannen sie umherzuspähn
Und nach dem Sonnenschein zu sehn:
Da schien die Sonne nicht herein
Als nur durch zwei der Fensterlein.
Nun nahmen sie des dritten wahr
Und fanden es des Lichtes bar.
Dessen wunderte sie sehr.
Da säumten sie nicht lange mehr:
Vom Bette sprangen sie empor
Und giengen auf den Stein davor;
Laub und Blumen, Gras und Kraut,
Womit das Fenster war verbaut,
Das fanden sie da allzuhand.
Sie sahn auch Spuren durch den Sand
Von zweier Männer Tritten,
Die hin und her geschritten
Waren vor und auf dem Stein.
Darüber war ihr Schreck nicht klein
Noch ihrer Sorge wenig.
Sie dachten, Mark der König
Wär an ihren Stein gekommen
Und hätte sie da wahrgenommen.
So meinten sie zur Stunde;
Allein gewisse Kunde
Hatten sie darüber nicht.
Doch gab es ihnen Zuversicht:
Wer immer sie da hätte
Gesehen auf dem Bette,
Daß der sie also liegen fand,
Einander fern und abgewandt.

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