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Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 28
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
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XXVII. Die Minnegrotte.

                     

Nun ritten tiefer in den Wald
Die Dreie sonder Aufenthalt;
Über Berg und über Haiden
Gieng es schier zwei Tageweiden.
Da wuste Tristan lange wohl
In einem wilden Stein ein Hohl,
Das er vor manchen Jahren
Durch Zufall hatt erfahren:
Es hatt ihn einst beim Jagen
Der Weg dahin getragen.
Dieses Hohl war tief und weit
In der heidnischen Zeit
Vor Koronëis Jahren,
Als Riesen Herrn da waren,
Gehauen in den wilden Berg.
Die hatten drinnen ihr Geberg,
Wenn sie heimlich und allein
Im Dienst der Minne wollten sein.
Wo solch ein Hohl gefunden ward,
Da war es wohl mit Erz verwahrt
Und nach der Minne benannt,
La fossure a la gent amant,
Das heißt der Minnenden Hohl;
Der Name ziemt' ihm auch gar wohl.
Noch meldet uns die Märe,
Diese Fossüre wäre
Weit, hoch und rund, wie Schnee so weiß
Die schlichten Wände rings im Kreiß,
Das Gewölbe wohl zu loben,
Und wo der Schluß war oben,
Da sah man mit Prangen
Eine schöne Krone hangen
Und Glanz von edeln Steinen
Aus dem Geschmeide scheinen.
Glatt war der schöne Estrich
Und lauter, daß er Spiegeln glich
Aus grasgrünem Marmorstein.
Ein Bette sah man schön und rein
Aus Krystall geschnitten
Sich heben in der Mitten,
Hoch und weit, und Buchstaben
Ringsumher hineingegraben.
Die meldeten die Märe,
Daß es gewidmet wäre
Der Göttin, Frau Minne.
Unter des Steines Zinne
Ließen kleine Fensterlein,
Wohl eingehaun, das Licht hinein
Und gaben Helle rings im Haus.
Wo man eingieng oder aus,
Da war ein ehern Thor davor
Und außen standen vor dem Thor
Ästereicher Linden drei,
Und sonst keine mehr dabei.
Aber ringsumher zu Thal
Giengen Bäume sonder Zahl,
Die mit grünem Laub in Schatten
Des Berges Fuß gekleidet hatten.
In dem Grün war eine Pläne,
Da floß die Fontäne,
Ein frischer kühler Bronne,
Durchlauchtig wie die Sonne;
Drei Linden standen auch daran,
Schön und zu Lobe wohlgethan,
Die schirmten den Bronnen
Vor Regen und vor Sonnen.
Blumen licht, und grasgrün Feld,
Womit die Pläne war erhellt,
Schienen lieblich um die Wette,
Als ob eins das andre hätte
Überschienen gern im Wettestreit.
Auch fand man da zu seiner Zeit
Das schöne Vögelgetön.
Das Getöne war so schön
Und schöner als an anderm Ort.
Aug und Ohren hatten dort
Weide und Wonne beide:
Das Auge seine Weide,
Die Ohren ihre Wonne.
Da war Schatten und Sonne:
Die Luft und die Winde
Sanft und gelinde.
Von diesem Berg und diesem Hohl
War eine Tageweide wohl
Felsen ohne Gefilde,
Nur Wüste rings und Wilde.
Auch führten weder Weg noch Steg
Zu diesem einsamen Geheg.
Doch wie unwegsam es auch war
Und aller Waldpfade bar,
Doch wandte Tristan sich dahin
Und seine traute Freundin,
Und nahmen da Herberge
In dem Felsen und dem Berge.

Sie schickten, angekommen dort,
Curvenalen wieder fort,
Am Hof zu sagen Märe,
Und wo es nöthig wäre,
Von Tristan und Schön Isot,
Daß sie mit Leid und großer Noth
Gen Irland wären gefahren,
Ihre Unschuld dort zu offenbaren
Gegen Leut und gegen Land.
Sie befahlen ihm, daß er zuhand
Am Hof sich niederließe
Wie es ihn Brangäne hieße,
Und mit treunbeflißnem Sinn
Der treubeflißnen Freundin
Ihre Lieb und Freundschaft kündete
Für die so stät Verbündete;
Er sollt auch Markes Willen
Zu erforschen sehn im Stillen,
Ob er etwa argen Rath
Einer arglichen That
Wider ihr Leben richte:
Daß er das gleich berichte.
Dazu ward ihm geboten,
Daß er Tristan und Isoten
Sich wohl zu Herzen nähme,
Und her zu ihnen käme
In den Wald mit solchen Mären,
Die ihnen wichtig wären,
Je einmal stäts in zwanzig Tagen.
Was brauch ich mehr davon zu sagen?
Er leistete was man gebot.
Hiemit war Tristan und Isot
In dieser wilden Klause
Angesiedelt und zu Hause.

Wohl Manchen nimmt jetzunder
Aus Neubegierde Wunder,
Zu fragen treibt ihn große Noth,
Wie doch Tristan und Isot,
Die beiden Gefährten,
Sich in der Wüste nährten.
Des will ich ihn berichten
Und seine Neugier schlichten:
Sie sahen sich einander an,
Das ernährte Frau und Mann.
Die Fülle, die das Auge trug,
Gab ihnen Nahrung genug.
Nur hoher Muth und Minne
Erquickten ihre Sinne.
Das selge Paar war Eßen
Und Trinken gar vergeßen,
Das schuf ihm wenig Sorgen.
Unterm Kleid verborgen
Trug es die beste Speise,
Die auf dem Erdenkreise
Menschenherzen laben kann.
Sie trug sich stäts von selber an
Und erfrischte sich aufs Neue:
Das war die reine Treue,
Die gebalsamte Minne,
Die dem Leib und dem Sinne
So wohl thut und so innig gut,
Das Herz befeuert und den Muth.
Das war die beste Kost für sie.
Sie nahmen selten oder nie
Eine Speise zu sich außer ihr,
Von der dem Herzen die Begier,
Dem Auge seine Wonne kam;
Dazu war ihr der Leib nicht gram:
An dieser hatten sie genug.
Die Liebe zog ihren Pflug
Und gieng auf Schritt und auf Tritt
Den Zwein zu jeder Stunde mit,
Und gab in Füll und Überfluß
Was man zum Glück nur haben muß
Auch schuf es ihnen wenig Pein,
Daß sie so einsam und allein
Und ohne Leute musten leben.
Nun, wes bedurften sie daneben?
Was sollt ein Dritter in dem Thal?
Sie waren eine grade Zahl,
Eins und eins, das macht ein Paar.
Und hätten in die grade Schar
Sie noch den Dritten sich erlesen,
Sie wären ungerad gewesen
Und mit dem Ungeraden
Überlastet und beladen.
Sie Zwei allein und Niemand mehr,
Das deuchte sie solch herrlich Heer,
Daß Artus, der reiche Mann,
So große Festschar nie gewann
Daheim in seinem Fürstenhaus,
Daß ihnen größre Lust daraus
Und Wonne wär entstanden.
Man hätt in allen Landen
Solche Freude nicht gefunden;
Die Beiden würden, so verbunden
Und beseligt dazumalen,
Keinen gläsern Ring dafür bezahlen.

Was Jemand konnt ertrachten,
Für das schönste Leben achten
In allen Landen weit und breit,
Sie hattens in der Einsamkeit.
Sie hätten um ein beßer Leben
Nicht eine Bohne hingegeben
Als ihrer Ehre halb vielleicht.
Was hätten sie auch mehr erreicht?
Sie hatten Hof und volles Gut,
Worauf doch alles Glück beruht.
Ihr stätes Ingesinde,
Das war die grüne Linde,
Der Schatten und die Sonne,
Die Flur und der Bronne,
Gras und Blumen, Laub und Blüthe,
Was Augen freuet und Gemüthe.
Ihr Gesind war süßer Vogelschall:
Die kleine, reine Nachtigall,
Die Drossel und das Merlein
Und andre Waldvögelein,
Zeisig und Galander
Sangen gegen einander
Eifrig wie zum Wettestreit.
Dieß Gesinde diente jederzeit
Ihren Ohren, ihrem Sinne.
Ihr Hoffest war die Minne,
Sie, die Krone ihrer Lust,
Die zauberte in Aug und Brust
Den Zwein zu jeder Stunde
Artusens Tafelrunde
Und alle Pracht in seinem Saal.
Bedurften sie wohl beßer Mahl,
Wohl andrer Zeitvertreibe?
Da war doch Mann bei Weibe,
Und bei dem Weibe der Mann:
Wes bedurften sie dann?
Sie hatten was sie sollten,
Und waren, wo sie wollten.

Nun treiben Manche jedoch
Mit Reden ihren Unfug noch,
Dem aber ich nicht folgen will.
Sie sagen, zu sothanem Spiel
Gehör auch andre Speise.
Ich weiß nicht, ist das weise,
Denn mich bedünkt genug hieran.
Ist aber sonst hier ein Mann,
Der von beßrer Nahrung
Auf Erden hat Erfahrung,
Der laß es uns doch wißen.
Ich war auch einst beflißen
Sogethaner Lebensweise:
Da deuchte mich genug der Speise.

Nun mög euch nicht verdrießen,
Und laßt mich euch erschließen
In welchem Sinn ichs meine,
Daß die Höhlung im Gesteine
Solche Bildung just besaß.
Sie war, wie ich euch früher las,
Weit, hoch und rund, wie Schnee so weiß
Die schlichten Wände rings im Kreiß.
Die runde Wölbung drinne
Ist Einfalt in der Minne;
Einfalt ziemt der Minne wohl,
Die keinen Winkel haben soll.
Der Winkel, der am Minnen ist,
Bedeutet Falschheit und List.
Die Weite ist der Minne Kraft,
Der nichts Ziel und Ende schafft.
Die Höhe ist der hohe Muth,
Der in den Wolken schwebt und ruht;
Denn keine Höh ist ihm zu viel,
Wenn er sich oben halten will,
Wo aller Tugenden Guß
Sich zusammen wölbt im Schluß.
Es gebricht auch daran nimmer:
Die Tugenden sind immer
So geschmückt mit Gestein
Von also preislichem Schein,
Daß wir, die nieder sind gemuth,
Deren Muth am Boden ruht
Und auf dem Estriche schwebt,
Weder schwebt so recht noch klebt –
Wir gaffen aufwärts immerfort
Und schaun nach dem Geschmeide dort,
Das ihre Tugenden schmückt,
Von ihrem Preise niederzückt,
Die ob uns in den Wolken schweben
Und ihren Schein hernieder geben:
Wir gaffen nach den Wunderdingen,
Und davon wachsen uns die Schwingen,
Daß bald der Muth sich flücke wiegt
Und noch der Tugend Lob erfliegt.

Die Wand war glatt, wie Schnee so weiß,
Nach der Vollkommenheit Preis:
An ihrem gleichen weißen Schein
Darf kein Farbenwechsel sein;
Der Argwahn finde mit Nichten
Grub und Bühel an der schlichten.
Der marmorne Estrich,
Der Stätigkeit vergleicht er sich
An Grüne und an Feste.
Das ist für ihn das Beste
An Farbe und Beschaffenheit,
Denn es soll die Stätigkeit
Billig grün sein wie das Gras,
Glatt und lauter auch wie Glas
Das Bette mitten inne,
Mit der krystallnen Minne
Namen war es recht benannt:
Ihm war ihr Recht wohl recht bekannt,
Der ihr Bett und Lagerstatt
Aus Krystall geschnitten hat,
Denn Minne soll krystallenrein,
Durchsichtig und durchlauter sein

Innen an dem ehrnen Thor
Zwei Riegel lagen davor.
Eine Klinke war darinne
Mit kunstreichem Sinne
Hinausgeleitet durch die Wand,
Wo sie Tristan denn auch fand,
Die eine Handhabe hob,
Die von außen sich nach innen schob
Und sie bewegte hin und her;
Sonst war nicht Schloß noch Schlüßel mehr.
Ich will euch sagen weshalb.
Das Schloß gebrach da deshalb:
Was man Gerüstes vor das Thor,
Ich meine außerhalb davor,
Zum Öffnen oder Schließen legt,
Damit ist Falschheit ausgeprägt:
Wer eingehn will zum Thor der Minne,
Den man nicht haben will darinne,
Der thut nicht nach der Minne Fug:
Er übt Gewalt oder Trug.
Darum liegt dem Minnethor
Die eherne Thüre vor,
Die Niemand mag gewinnen,
Er gewinne sie mit Minnen.
Ehern sei die Thür am Thor,
Daß kein Gerüste davor,
Sei es nun Gewalt und Kraft,
List oder Meisterschaft,
Sei es Falschheit oder Lüge,
Sie zu bewältigen genüge.
Und innen die zwei Riegel,
Der Minne zwei Insiegel,
Zum andern Jeglicher gewandt
Zu beiden Seiten an der Wand,
Von Cedernholz der eine,
Der andre von Elfenbeine,
Vernehmt die Deutung beeder:
Der eine von der Ceder
Bedeutet an der Minne
Die Weisheit und die Sinne,
Und der von Elfenbeine
Die Keuschheit und die Reine.
Mit diesen zwein Insiegeln.
Mit diesen edeln Riegeln
Bewahrt ihr Haus die Minne
Vor Gewalt und falschem Sinne.

Die geheime Handhabe,
Die, wie ich gemeldet habe,
Von außen nach der Klinke gieng,
War nur von Zinn und gar gering;
Doch sah man an der Klinken
Das Gold, das lautre, blinken.
Die und jene, Klink und Haft,
Mochten nach ihrer Eigenschaft
Nicht beßre Bildung empfahn.
Das Zinn zeigt den Willen an
Zu heimlichen Dingen;
Das Gold ist das Vollbringen.
Zinn und Gold stehn hier wohl an:
Den Willen mag wohl Jedermann
Sich nach Belieben leiten,
Ihn schmälern oder breiten,
Verkürzen oder längen,
Befreien oder zwängen,
So oder so, her oder hin
Mit leichter Mühe gleich dem Zinn,
Er thut ihm keinen Schaden an;
Doch wer mit rechter Güte kann
Auf Minne wenden seinen Sinn,
Den trägt doch dieser Hast von Zinn,
Das unscheinbare Stück,
Fürwahr zu goldenem Glück
Und zu lieber Aventüre.

Oben in der Fossüre
Waren nur drei Fensterlein
Schön und heimlich hinein
In den festen Fels gehauen,
Durch die die Sonne konnte schauen.
Die dreie hießen Güte,
Demüthiges Gemüthe
Und Zucht. Zu diesen Fenstern ein
Lächelte der süße Schein,
Der schöne Glanz, der hehre,
Der Lichter bestes, Ehre,
Und erhellte die Fossüre
Seliger Aventüre.
Auch weiß ich was es meine,
Daß die Höhle so alleine
In dieser wüsten Wilde lag,
Was sich wohl dem vergleichen mag,
Daß der Minne Statt und Ort
Nicht an der Straße liegen dort,
Noch auf offenem Gefilde:
Sie lauscht in der Wilde.
Zu ihrem stillen Gehege
Führen nur verwachsne Wege;
Denn Berge liegen umher,
In mancher Krümme, Kreuz und Quer
Irren wir hin und wieder.
Die Pfade sind auf und nieder
Uns armen Märtrern allen
Von Felsen so verfallen,
Gehn wir nicht recht dem Wege mit,
Versehen wirs an Einem Tritt,
Wir mögen nie uns finden
Aus diesen Irrgewinden.
Doch wer so guten Glücks genießt,
Daß sich die Wildniss ihm erschließt,
Der hat, wie viel er Arbeit fand,
Sie doch gar seliglich verwandt:
Er findet seines Herzens Spiel;
Denn was das Ohr vernehmen will
Und was das Aug ergetzen soll,
Des Allen ist die Wildniss voll.
So wär er ungern wieder fort.
Das weiß ich wohl, denn Ich war dort.
Ich bin auch in der Wilde
Den Vögeln und dem Wilde,
Den Hirschen und dem Thiere
Im fernen Waldreviere
Gefolgt und nachgezogen,
Und ward doch so betrogen,
Daß ich nimmer sah den Bast.
Aller meiner Arbeit Last
War sonder Aventüre.
Ich fand an der Fossüre
Die Habe mit der Klinken,
Ich hab auch sehen blinken
Den Krystall inmitten,
Ich bin den Reihn geschritten
Oft hin und her und wieder hin
Und durfte doch nicht ruhn darin:
Jenen blanken Estrich gar,
Wie hart er auch von Marmor war,
Hab ich mit Tritten so zerschlagen,
Die Grüne half es ihm ertragen,
An der all seine Tugend lag,
Durch die er wächst von Tag zu Tag,
Man sähe sonst an seinen Steinen
Der wahren Minne Spur erscheinen.
Auch hab ich an die lichte Wand
Meiner Augen Weide oft gewandt,
Oben am Zusammenfug,
An des Gewölbes Schluß genug
Mit Blicken mich beflißen,
Die Augen sehr verschlißen
An der Zier daran und Pracht,
Die so preislich ist erdacht.
Die sonnenoffnen Fensterlein
Haben ihren lichten Schein
Oft mir in das Herz gesandt:
Die Fossür ist mir bekannt
Schon seit meinem eilften Jahr,
Obwohl ich nie in Cornwal war.

Das treue Paar, das holde,
Tristan und Isolde,
Sie hatten in der Wilde,
Im Wald und im Gefilde
Muße und Unmuße
Genug der Lust zur Buße:
Sie waren alle Zeiten
Einander an der Seiten.
Des Morgens in dem Thaue
Schon giengen sie zur Aue,
Wo Gras mit Blumen gemischt
Stand vom kühlen Thau erfrischt.
Die kühlen Prärieen
Entlang sah man sie ziehen,
Da wandelten sie hin und her
Und sagten sich viel holde Mär
Und lauschten bei dem Gange
Dem süßen Vogelsange.
Dann wandten sie wohl auch den Gang
Hin, wo der kühle Bronne klang,
Und lauschten seinem Klange,
Seinem schleichenden Gange,
Und wo er in die Pläne schlich,
Da saßen sie und ruhten sich
Und horchten auf sein Gießen
Und lauschten seinem Fließen
Und war das ihre Wonne.

Wenn dann die lichte Sonne
Begann den Blick zu blenden
Und Glut herab zu senden,
Da giengen sie zu Linden
Und ihren linden Winden:
Die labte sie mit neuer Lust
Außen und auch in der Brust,
Sie erfreuten Sinn und Augen da;
Die süße Linde süßte ja
Luft und Schatten mit dem Blatte.
Den Winden gab ihr süßer Schatte
Kühlung, süß und linde.
Die Ruhebank der Linde
Von Blumen wars und Grase
Der bestgemalte Rase,
Der je um eine Linde stand.

Da saßen Beide Hand in Hand,
Die sehnenden Gelieben,
Die ihre Mären trieben
Von Sehnenden, die vor Jahren
Vor Sehnen verdorben waren.
Sie beredeten, besagten,
Betrauerten, beklagten
Der thrazischen Phillis Weh
Und der armen Kanace
Leidig Liebesungemach,
Und der Biblis, der das Herz zerbrach
Von ihres Bruders Minne.
Sie wurden schmerzlich inne
Der Schmerzen, die Didone,
Die Köngin von Sidone,
Erlitt im Liebesleide.
Mit den Mären waren Beide
Unmüßig manche Stunden.

Wenn solcher Liebeskunden
Dann vergeßen wollt ihr Sinn,
So giengen sie zur Klause hin
Und nahmen da zu Handen
Woran sie Freude fanden.
So ließen sie erklingen
Ihr Harfen und ihr Singen
Sehnlich, voll und kräftig.
Sie wechselten geschäftig
Mit Handen und mit Zungen.
Gespielt ward und gesungen
Da mancher Leich von Minnen.
Sie wandelten mit Sinnen
Ihr Wonnenspiel mit freier Lust.
Harfete der Eine just,
So wars dem Andern nie zu viel,
Die Noten wollt er zu dem Spiel
Immer süß und sehnlich singen.
Da stimmte Beider Klingen,
Der Harfe zu der Zungen
Gepaart und verschlungen
So süß und lieblich überein,
Daß ihre Klause wohl und fein
Die Minnegrotte ward genannt
La fossure a la gent amant.

Was je von der Fossüre
In alter Aventüre
Gerühmt ward und gepriesen,
Das bewährte sich an diesen.
Ihre Wirthin Minne,
Die hatte nun darinne
Ihr Spiel erst recht begonnen:
Was noch je darin ersonnen
War von Kurzweil oder Spiel,
Das reichte nicht an dieses Ziel.
Ihr Spielen war und Scherzen
Nicht aus so lautern Herzen
Gekommen als bei den Gelieben.
Die Zeit mit Minnespiel vertrieben
Zwei Gelieben nimmer baß.
Sie thaten nichts als immer das
Wozu sie Herz und Wille trug.

Der Kurzweile war genug,
Die sie am Tage trieben.
Bald ritten die Gelieben
Nach wechselndem Gelüsten
Mit den Armbrüsten
Birschen in die Wilde
Nach Vögeln und nach Wilde,
Und bald an andern Tagen
Das Rothwild zu erjagen
Mit Heudan, ihrem Hunde,
Der nie mit stummem Munde
Noch hatte nach dem Wild gesetzt;
Tristan lehrt' ihn aber jetzt
Spüren in dem Jagdrevier
Nach dem Hirsch und nach dem Thier,
Und auch nach anderm Wilde
Durch Wald und durch Gefilde
Laufen und jagen
Ohne jemals anzuschlagen.
Damit ward mancher Tag verbracht;
Und nicht der Beute galt die Jagd,
Der Nothdurft noch dem Unterhalt,
Der Kurzweil war es, der sie galt,
Die man am Jagen haben soll.
Sie brauchten, das weiß ich wohl,
Den Bracken und die Armbrust
Mehr zu ihres Herzens Lust
Um der Bewegung willen,
Als ihre Noth zu stillen.
Ihr Treiben und ihr Pflegen
War nichts andres allerwegen
Als was ihnen wohlgefiel,
Ihres Herzens Freudenspiel.

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