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Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 27
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
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XXVI. Verbannung.

                   

Nun hatten Tristan und Isot
Überwunden wieder Sorg und Noth
Und fühlten sich am Hofe wohl.
Der Hof war ihrer Ehren voll,
Nie war da ihres Lobes mehr.
Sie waren Marken wie vorher
Vertraut und wurden nicht bewacht.
Auch nahmen sie sich wohl in Acht,
Denn fanden sie nicht Ort und Zeit
Zu geheimer Traulichkeit,
So genügt' es ihnen an dem Willen,
Der verliebte Herzen oft muß stillen.
Das Trachten und das Denken
Es an das Ziel zu lenken,
Das den Herzen Frieden leiht,
Das mag den Herzen alle Zeit
Zum Leben Lust und Freude geben.
Das ist das rechte Liebesleben,
Das sind die besten Sinne,
Die da frommen bei der Minne:
Wo man der That entrathen muß,
Und rechter Minne Vollgenuß,
Da soll man sich bequemen,
Für die That den Willen nehmen.
Wo der gewisse Willen ist,
Da sei auch günstig Raum und Frist.
Man soll Verlangen stillen
Mit dem gewissen Willen.
Gesellen und Gespielen
Die sollen nichts erzielen,
Versagt es die Gelegenheit,
Sie zielen sonst nach ihrem Leid.
Wer wo es nicht geschehn kann will,
Der spielt ein sehr gefährlich Spiel.
Wo es sich fügt, da greife zu,
Bei diesem Spiel gewinnest du,
Es bringt nicht Herzeleid und Noth.
Die Gespielen, Tristan und Isot,
Lag ihnen Zeit und Stätte fern,
Sie gaben Zeit und Stätte gern
Mit ihrer Beider Willen hin.
Der Wille schlang in Beider Sinn
Sich lieblich durch die Weile,
Süß ohne Hast und Eile:
Einige Liebe, gleicher Muth
Bedäuchte Beide süß und gut.
Die Liebe stäts verhehlten
Die zu stäter Lieb Erwählten
Vor Mark und dem Gesinde
So gut als es die blinde
Liebe gestatten wollte,
Der ihr Herz Gehorsam zollte.

Doch ists um eifersüchtgen Wahn
Und seinen Samen so gethan,
Wo man ihn in den Acker trägt,
Daß er da tausend Wurzeln schlägt.
Da wuchert er so mächtig,
So giebig und so trächtig,
Wenn er nur in der Feuchte steht,
Daß er so leicht nicht vergeht
Und wohl nie vergehen kann.
Der geschäftge Argwahn,
Der trieb an den Gelieben,
Wie er zuvor getrieben,
Seinen Wucher wieder und sein Spiel.
Da war der Feuchte gar zu viel,
Der süßen Geberde,
An der man die Bewährde
Der Minne sah zu jeder Stund.
Das alte Sprichwort hat wohl Grund:
Und hüte man sich noch so sehr,
So blieben doch zu trennen schwer
Die Augen von dem Herzen,
Der Finger von den Schmerzen.
Des Herzens Leitesterne,
Die weiden da zu gerne
Wo das Herz ist hingewandt;
Auch mag der Finger und die Hand
Sich von dem Ort nicht scheiden,
Wo der Schmerz liegt und das Leiden.
So that auch dieß verliebte Paar:
Wie groß auch ihre Sorge war,
So konnten sie doch nie umhin
Die Saat des Argwahns groß zu ziehn
Mit der Augen süßem Spiel;
Sie triebens oft und allzu viel,
Denn leider, also heißt es ja,
Des Herzens Freund, das Auge, sah
Stäts wieder nach dem Herzen hin,
Die Hand muß nach den Schmerzen ziehn.
So musten sie auch unter sich
Herz und Augen inniglich
Mit Blicken so verstricken,
Daß sie aus ihren Blicken
Oft und zu manchen Zeiten
Sich nicht so schnell befreiten,
Daß Marke nicht darinne
Den Balsam fand der Minne.

Drum hatt er immer Acht auf sie,
Sein Auge ließ von ihnen nie:
Aus ihren Augen immer Blickt'
ihm der Wahrheit Schimmer;
Sonst verrieth sie sich ihm nicht,
Als nur in ihrem Angesicht:
Das war so minniglich, sie sahn
Sich so süß und sehnlich an,
Daß es ihm an die Seele gieng,
Und ihn solcher Zorn befieng,
Solcher Neid und solcher Haß,
Daß er dieses so wie das,
Den Zweifel und den Argwahn
Auf einmal hatte hingethan:
Von Leid und Zorn befangen
War ihm Sinn und Maß vergangen.
Das war seines Sinnes Tod,
Daß sein Herzelieb, Isot,
Einen Andern meine
In Treun als ihn alleine,
Denn Ihm gieng vor der holden
Nichts auf der Welt, Isolden.
Und zürnt' er ihr auch noch so sehr,
Er ließ davon doch nimmer mehr,
Sie war sein liebes Weib und blieb
Ihm mehr als Leib und Leben lieb.
Jedoch wie er sie liebte,
Dieß Leid, das ihn betrübte
Und diese wüthende Pein
Trieb ihn in solche Wuth hinein,
Daß er Alles aus dem Sinne schlug:
An seinem Zorn war ihm genug.
Er gäbe jetzo nicht ein Haar.
Darum, obs falsch war oder wahr.

In diesem blinden Leide
Besandt er sie Beide
Vor den Hof in den Saal
Und vor sein Hofgesind zumal.
Laut sprach er zu Isoten da,
Daß all der Hof es hört' und sah:
»Meine Frau Isot von Irenland,
Land und Leuten ist es wohlbekannt,
Wie schwer ihr im Verdachte seid
Nun lange seit geraumer Zeit
Mit Tristan, meinem Schwestersohn:
Ich ließ auf alle Weise schon
Euch Hut und Warte legen,
Ob Ihr nicht meinetwegen
Die Thorheit ließet bleiben;
Doch wollt ihrs weiter treiben.
Ich bin doch kein so dummer Mann,
Ich weiß es wohl und seh euch an
Insgeheim und offenbar,
Euer Herz und euer Augenpaar
Die sind zu allen Stunden
An meinen Neffen gebunden.
Dem bietet und erzeiget ihr
Viel süßere Geberd als mir.
Diese Geberde lehret mich,
Daß er euch lieber ist als ich.
Alle Hut, die ich erdenke,
Daß ich euch und ihn verschränke,
Die mag mir nicht zu Statten kommen:
Es ist umsonst und will nicht frommen,
Wie lang ich es schon treibe.
Ich habe Leib von Leibe
Gesondert lang so fleißig,
Kein größer Wunder weiß ich,
Als wie ihr doch in all der Zeit
Im Herzen Eins geblieben seid.
Wehrt' ich euch oft mit süßen
Blicken der Augen Grüßen,
So kann ich an euch Beiden
Die Liebe doch nicht scheiden
Und hab es euch zu lang vertragen.

»Nun will ich euch das Ende sagen.
Ich will dieß Leid und diese Schmach,
Die ihr mir fügt (das Herz zerbrach
Mir schier von euern Schulden),
Mit euch nicht länger dulden,
Die Schande nicht mehr leiden
Hinfüro von euch Beiden.
Auch will ich zu so schwerer Rache
Euch nicht ziehn um diese Sache
Als ich wohl billig sollte,
Wenn ich mich rächen wollte.
Neffe Tristan, Frau Isot,
Ich will euch Beiden den Tod
Nicht anthun oder sonst ein Leid,
Weil ihr zu lieb dazu mir seid,
Wie ungern ichs gestehe.
Doch weil ihr, wie ich sehe,
Euch Beid einander immerdar
Wider allen meinen Willen gar
Viel lieber seid als ich euch bin,
So seid beisammen immerhin
Nach Herzenswunsch denn und Begehr.
Euch hindre Furcht vor mir nicht mehr.
So groß als eure Liebe ist
Will ich euch nach dieser Frist
Nicht mehr in euern Dingen
Beschweren oder zwingen.
Nehmt einander an die Hand
Und räumt den Hof mir und das Land.
Soll mir Leid von euch geschehn,
So will ichs hören nicht noch sehn.
Die Gemeinschaft währt nicht mehr
Unter uns Dreien wie vorher:
Ich laße sie euch Beiden;
Ich selbst will aus ihr scheiden.
Aus der ich so mich löse,
Die Gemeinschaft dünkt mich böse,
Ich will sie gerne missen.
Ein König, der mit Wißen
Gemeinschaft duldet in der Minne,
Das zeugt von unedelm Sinne.
Fahrt Beide Gott ergeben
Und leitet Lieb und Leben
Wie es euch gefällig sei;
Mit der Gemeinschaft ists vorbei.«

Nun, es ergieng denn und geschah,
Wie es Herr Marke sprach und sah.
Tristan und seine Frau Isot,
Sie neigten sich mit mäßger Noth,
Mit kühlem Herzeleide
Ihrem Herrn und König beide,
Dann vor des Hofgesindes Schar.
Das getreue Liebespaar
Nahm sich traulich bei der Hand
Und gieng aus dem Hof zuhand.
Sie schieden von Brangänen,
Der Freundin, sich mit Thränen,
Und baten, daß sie bliebe,
Die Zeit am Hof vertriebe,
Bis daß sie Kund empfienge,
Wie es den Beiden gienge:
Das befahlen sie ihr dringend an.
Zwanzig Mark dann nahm Tristan
Von Isoldens Golde
Für sich und Isolde
Zur Nothdurft und zur Speise.
Auch brachte man zur Reise,
Wie er gebeten und begehrt,
Ihm seine Harfe und sein Schwert,
Sein Horn und seine Hirscharmbrust.
Auch erkor er sich zur Lust
Von seinen Bracken einen
Schönen und kleinen;
Heudan war der Hund genannt:
Den nahm er selber an die Hand.
Sein Gesinde hieß er Gott bewahren,
Und gebot ihm, heimzufahren
Zu seinem Vater Rual,
Ausgenommen Curvenal,
Den bat er, mit ihm fortzuziehn.
Er bot ihm auch die Harfe hin;
Die Armbrust wollt er selber tragen
Und das Horn, und mit dem Hunde jagen,
Mit Heudan, nicht Petitcriu:
So schieden sie und ritten zu.

Brangäne die reine
Verblieb nun ganz alleine
In Trauer und Bedrängniss.
Dieß traurige Verhängniss
Und dieses leide Scheiden
Von ihren Freunden beiden,
Das schuf ihr solche Schmerzen
Und gieng ihr so zu Herzen,
Daß es ein großes Wunder schien,
Daß sie vor Leid nicht siechte hin.
Auch Jene schieden Beide
Von ihr mit großem Leide,
Obgleich mit wohl erwogner List
Sie dort sie eine kurze Frist
Verziehn und weilen hießen
Und sie am Hofe ließen,
Daß ihr bei Marken dann den Frieden
Für sie zu stiften wär beschieden.

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