Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 23
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

XXII. Melot der Zwerg.

                     

Als nun der Truchsäß ersah,
Daß sein Wille nicht geschah,
Versucht' ers anders einzuleiten.
Am Hofe war zu jenen Zeiten
Ein Zwerg, und hieß der kleine Mann
Melot Petit von Aquitan,
Und konnte, wie wohl Sagen giengen,
Etwas von verborgnen Dingen
Nachts am Gestirne sehn;
Doch laß ich das bei Seite stehn
Und folge meines Buchs Bericht.
In der wahren Märe sind ich nicht
Anderes von ihm geschrieben,
Als daß er listig und durchtrieben
Und wohlberedt gewesen war.
Vertraut dem König war er sehr
Und auch der Kemenate.
Mit dem gieng er zu Rathe,
Wenn er zu den Frauen käme,
Daß da der Zwerg wahrnähme
Tristans und der Königin.
Brächt' er es alsdann dahin,
Daß er für ihre Minne
Sichern Beweis gewinne,
So würd ihm Lob und Ehren
Herr Marke immer mehren.

Mit Listen hub er da und Ränken
Auf ihren Schaden an zu denken:
Mit Lauern passte jeder
Gebärde auf und Red er
Zu allen Tagesstunden,
Und hatt auch bald gefunden
Der Liebe Zeichen an den Zwein.
Sie hatten stäts für sich allein
So süße Geberde,
Daß Melot die Bewährde
Der Minne sonder Mühe fand.
Herr Marke sagt' er auch zuhand,
Daß sicherlich da Minne sei.
Die Reden trieben diese Drei,
Melot und Mark und Mariodo,
Fürder eine Weile so,
Bis sie sich einverstanden
Darin, wenn sie Tristanden
Vom Hofe könnten scheiden,
So möchte man an Beiden
Die Wahrheit offenbar ersehn.

Nun, das war so bald geschehn
Als gefunden war der Rath.
Der König seinen Neffen bat,
Daß er der eignen Ehre pflege
Und nicht wieder seine Wege
Zur Kemenate nähme
Und auch sonst dahin nicht käme,
Wo der Frauen eine wäre;
Denn am Hof geh eine Märe,
Um die sie Alles müsten fliehn,
Woraus ihm und der Königin
Leid und Schande möcht entstehn.
Nun, das konnte gleich geschehn
Und geschah auch gleich nach seinem Wort.
Tristan mied gleich jeglichen Ort,
Den die Fraun betraten,
Pallas und Kemenaten:
Er setzte keinen Fuß mehr drein.
Bald nahm das Ingesinde sein
Und seines Fremdthuns wahr und sprach
Ihm zu Leide Manches nach,
Das übel klang und gar nicht wohl.
Seine Ohren wurden manchmal voll
Von täglich neuem Leide.

Er und Isot, sie Beide
Brachten die Zeit mit Sorgen zu.
Ihre Klag und Trübsal fand nicht Ruh
Vom Morgen bis zur Abendzeit.
Sie hatten Leid und wieder Leid:
Leid um Markes Argwahn,
Leid, weil sie deutlich sahn,
Um Weg und Stege seis geschehn,
Sich zu sprechen und zu sehn.
Von Stunden zu Stunden
Entwichen und geschwunden
Sah man ihnen Herz und Kraft,
Dazu verblüht und erschlafft
So die Farbe wie den Leib.
Der Mann erblich um das Weib,
Das Weib erblich um den Mann:
Um Isote Tristan,
Um Tristanden Isot;
Das wirkt' an Beiden große Noth.
Mocht es denn ein Wunder sein,
Daß ihre Noth war gemein
Und ihr Leid nicht zu scheiden?
War doch an ihnen Beiden
Nur ein Herz und nur ein Muth:
Beider Übel, beider Gut,
Beider Tod und beider Leben
Sah man sich in eins verweben;
Was Widriges das Eine traf,
Dem Andern nahm es Nachts den Schlaf;
Was den Einen machte froh,
Den Andern freut' es ebenso.
Sie waren Beid in ihrem Muth
Nur Eins mit Übel und mit Gut.
Die gemeinen Herzenssorgen
Trugen sie so unverborgen
Jegliches im Angesicht,
Daß man den deutlichsten Bericht
Der Minn' an ihrer Farbe fand.

Marke versah sich allzuhand
Und merkte wohl an Beiden,
Daß ihr Scheiden und ihr Meiden
Ihnen nahe müße gehn.
Sie hätten sich so gern gesehn,
Wüsten sie nur wo und wie.
Zu versuchen dacht er sie
Und gebot, daß mit den Hunden
Die Jäger sich nach wenig Stunden
Bereiteten zu Walde.
Er entbot ihnen balde
Und ließ es auch am Hofe sagen,
Er wolle zwanzig Tage jagen:
Wer Jagens hätte Kunde
Oder Zeit und Stunde
Damit vertreiben wollte,
Daß sich der bereiten sollte.
Beim Abschied von der Königin
Daheim zu sein mit frohem Sinn
Hieß er sie nach Lust und Willen;
Jedoch befahl er im Stillen
Jenem Zwerg Meloten,
Tristanden und Isoten
Auf ihren Schleichwegen
Einen Hinterhalt zu legen:
Es brächt ihm stäts bei ihm Gewinn.
Er selber fuhr zu Walde hin
Mit lautem Hornerschällen.

Seinen Waidgesellen
Tristan ließ er daheim:
Der entbot dem Oheim,
Er läge siech zu Bette.
Der sieche Waidmann hätte
So gern auch seine Waide.
Er und Isot, wie Beide
Im Leide schier versanken,
Doch hatten sie Gedanken
Mit ängstlichem Trachten,
Wie sie es möglich machten,
Daß sie sich möchten wiedersehn,
Wenn es irgend könnt ergehn;
Doch all ihr Trachten nicht verfieng.

Unter diesen Dingen gieng
Brangäne zu Tristanden hin,
Denn wohl an ihm erkannt ihr Sinn,
Daß seines Herzens Wehe
Ihm schmerzlich nahe gehe.
Sie klagte ihm; er klagte ihr.
»Ach, Reine«, sprach er, »saget mir,
Wie wird uns Rath in dieser Noth?
Wie werb ich und die arm' Isot,
Daß wir so nicht verderben?
Ich weiß nicht, wie wir werben,
Daß wir behalten unser Leben.«

»Welchen Rath kann ich euch geben?«
Sprach zu ihm die Getreue;
»Daß es doch Gott gereue,
Daß wir jemals sind geboren!
Wir haben alle Drei verloren
Unsre Ehre, unser Glück;
Nimmer kommt uns mehr zurück
Die Freiheit, die wir hatten eh.
Isot o weh, Tristan o weh,
Daß ich euch je mit Augen sah,
Da alles Leid, das euch geschah,
Von mir euch auferstanden ist!
Und weiß nun weder Rath noch List,
Damit ich euch zu Hülfe komme:
Ich kann nichts finden, das euch fromme.
Ich weiß es sicher wie den Tod,
Ihr kommt davon in große Noth,
Wenn ihr in Hut noch lange
Verbleibt und in dem Zwange.
Kann es nun nicht beßer sein,
So folget doch dem Rathe mein;
Ich meine nur, in dieser Zeit,
So lang ihr uns so fremde seid.
Wenn es euer Sinn ermißt,
Daß die Stunde günstig ist,
So schneidet eines Ölbaums Reis
In lange Späne gleicherweis,
Und solchen Span bezeichnet je
Und macht an einer Seit ein T
Und an der andern macht ein I,
Daß man von euern Namen nie
Mehr als den ersten Buchstab sehe
Und da nicht mehr noch minder stehe.
Dann zum Baumgarten geht hinein;
Ihr wißt da wohl das Wäßerlein,
Das von dem Brunnen niedergeht
Bis wo die Kemenate steht:
Darein so werfet einen Span
Und laßt ihn fließen seine Bahn
Bis vor der Kemenate Thür:
Da gehn wir allezeit herfür,
Ich und die freudenlose Isot,
Und weinen unsre Herzensnoth.
Ersehen wir allda den Span,
Sogleich erkennen wir daran,
Daß ihr bei dem Brunnen seid,
Da wo der Ölbaum Schatten leiht.
Da schaut euch um und wartet dann:
Die Sehnende, sie geht heran,
Meine Herrin, eure Freundin hold,
Und ich selber, wenn ihr wollt
Und es mir gestattet ist.
Herr Tristan, diese kurze Frist,
Da ich noch am Leben bin,
Fließe mir mit euch dahin;
Mit euch Beiden will ich leben
Und euch Rath zu leben geben.
Sollt ich um Eine Stunde dann,
Die ich mit euch Zweien kann
Und zu euerm Glück verleben,
Meiner Stunden tausend geben,
Verkaufen wollt ich meine Tage,
Bis gesänftet wäre eure Klage.«

»Dank euch, Schöne«, sprach Tristan:
»Ich hege keinen Zweifel dran,
Daß Treu in euch und Ehre sei.
So viel nie sah man dieser Zwei
Einem Herzen eingegraben.
Sollt ich je Glück und Segen haben,
So wollt ich sie verwenden,
Euch Ehr und Heil zu spenden.
Und wie kläglich jetzt es um mich steht,
Wie kaum sich meine Scheibe dreht,
Wüst ich meine Zeit und Tage,
Die ich vertraure und verklage,
Zu euern Freuden hinzugeben,
Ich wollt auch um so kürzer leben:
Das glaubet und vertrauet mir.«
Weinend sprach er noch zu ihr:
»Getreues, seliges Weib.«
Und hielt sie dicht an seinem Leib
Mit Armen eng umfangen;
Ihre Augen, ihre Wangen
Küsst' er mit vielen Qualen
Oft und zu vielen Malen.
»Schöne«, sprach er, »thut so wohl,
Und, wie die treue Freundin soll,
Tragt uns stäts ergebnen Sinn,
Mir und der armen Sorgerin,
Der wonnigen Isolde;
Bedenket immer, Holde,
Uns beidesamt, sie und auch mich.«
»Gerne, Herr, das will ich.
Gebietet mir, ich muß nun gehn.
Nach meinem Rathe laßts geschehn
Und mäßigt eure Sorgen.«
»Gott wahr euch heut und morgen
Die Ehr und eures Leibes Schöne!«
Mit Weinen neigte sich Brangäne
Und gieng mit Trauern hindann.

Der traurige Tristan,
Der schnitt und warf die Späne,
Ganz wie ihm Brangäne
Geboten, seine Lehrerin.
So kam er mit Isoten hin
Zum Brunnen in des Brunnens Schatten,
Wo sie heimlich Frieden hatten,
Wohl in acht Tagen achtmal eben,
Daß Niemand merkt' ihr heimlich Leben
Und nie ein Auge sie ersah,
Bis es eines Nachts geschah,
Da Tristan wieder gieng zum Baum,
Daß seiner, wie, ich weiß es kaum,
Der Zwerg Melot, der Höllenbrand,
Das Werkzeug in des Teufels Hand,
Gewahrte durch ein Missgeschick,
Und lief ihm eilends nach, der Strick,
Und sah ihn zu dem Baume gehn
Und nicht lange wartend stehn,
Bis eine Frau da zu ihm kam,
Die er herzend in die Arme nahm;
Doch wie die Frau geheißen war,
Das ward dem Zwerg nicht offenbar.

Melot darauf am andern Tag
Schlich seinen Schlichen wieder nach
Ein wenig vor der Mittagszeit,
Und hatte mit verstelltem Leid
Und mit argem Betrug
Die Brust gepolstert fest genug
Und kam zu Tristanden hin.
»In Treuen«, sprach er, »Herr, ich bin
Mit Sorgen hergegangen,
Denn ihr seid so umfangen
Mit Spähern und mit Lauschern gar,
Ich habe mich hieher fürwahr
Gestohlen nur mit großer Noth,
Weil die treue Frau Isot,
Die tugendreiche Königin,
Mich erbarmt in Herz und Sinn,
Die leider nun zu dieser Frist
Um euch in großen Sorgen ist.
Die sendet mich zu euch hieher,
Weil sie keinen Andern mehr
Dazu geeignet fände,
Daß sie ihn zu euch sende.
So bat denn und gebot sie mir,
Daß ich euch grüßte von ihr
Und das von Herzen thäte,
Dazu euch dringend bäte,
Sie heute noch zu sprechen dort,
Ich weiß nicht, Ihr wohl wißt den Ort,
Wo ihr jüngst noch saht die Frau,
Dabei zu achten genau
Derselben Stunde und der Zeit,
Da ihr gewohnt zu kommen seid.
Weiß nicht, was sie euch muß vertraun.
Darauf auch dürft ihr sicher baun,
Eur Ungemach und euer Leid,
Mir geschah so weh zu keiner Zeit
Als mir geschehen ist daran.
Nun lieber Herr, mein Herr Tristan,
Ich will nun fort, gebietet mir;
Was ihr befehlt, das sag ich ihr.
Ich darf nicht länger bei euch sein:
Denn wird das Hofgesinde mein
Gewahr in eurer Nähe,
Gar übel mir geschähe.
Sie sagen All und wähnen ja,
Was jemals zwischen euch geschah,
Geschehen seis durch mich allein:
Des soll doch Gott mein Zeuge sein,
Darnach ihr Zwei: mit meinem Rath
Geschah es nie, daß ihr euch saht.«

»Freund, träumt euch?« fiel ihm Tristan ein,
»Was sollen dieß für Mären sein?
Was ist der Hofleute Wahn?
Was hab ich und die Frau gethan?
Hinaus! Fahrt bald, in Gottes Haß!
Und wahrhaftig, wißet das:
Was Jemand wähnet oder spricht,
Unterließ' ich es nicht
Meiner Ehre willen allermeist,
Ihr würdet nimmermehr so dreist
Dort am Hofe zu berichten
Was euch hier träumten für Geschichten.«

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.