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Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 22
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
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XXI. Die Bittfahrt.

                       

Doch versucht' es Mark mit Schmerzen
Und schwer bedrängtem Herzen
Und lauerte so Nacht als Tag.
Eines Nachts, als er bei ihr lag,
Und die Beiden unter sich
Sich besprachen ruhiglich,
Da flocht Herr Marke mit Geschick
Einen künstlichen Strick
Und legt' ihn vor der Königin,
Und sieh, er fieng sie auch darin.
»Nun, Herrin«, sprach er, »saget mir,
Wie dünkt euch, was rathet ihr?
Ich will in kurzen Zeiten
Auf eine Bittfahrt reiten
Und bleibe lang wohl auf dem Wege:
In wessen Hut und wessen Pflege
Wollt ihr unterdessen sein?«
»Gott segne«, fiel die Köngin ein,
»Wie fragt ihr mich das und weswegen?
Wer möchte mich wohl beßer pflegen
Und hüten, mich und Leut und Land,
Als hier eures Neffen Hand,
Der uns so wohl verpflegen kann?
Euer Schwestersohn, Herr Tristan,
Der ist so mannhaft und weise
Und klug bedacht in aller Weise.«

Die Rede ließ in Marken
Den Argwohn noch erstarken:
Sie gefiel ihm gar nicht gut.
Seinen Hinterhalt und seine Hut
Legt' er ihr nun mehr und mehr
Und hielt sie kürzer als vorher,
Und macht' auch alsobald den Fund
Seinem Truchsäßen kund.
Da entgegnete Mariodo:
»Nun wahrlich, Herr, dem ist also.
Ihr merkt nun selber wohl hieran,
Daß sie euch nicht verhehlen kann
Die Liebe, die sie zu ihm hat.
Und thöricht ists, nach meinem Rath,
Wenn ihr ihn noch zu dulden sinnt:
So lieb euch Weib und Ehre sind,
So duldet ihn nicht länger mehr.«
Dieß betrübte Marken sehr,
Daß seinen eignen Neffen
Solcher Argwohn sollte treffen;
Das that ihm tödtlich wehe,
Zumal er ihn doch ehe
Getreu zu allen Stunden
Und schuldlos hatt erfunden.

Die betrogene Isot
Ahnte nichts von solcher Noth.
Zu Brangänen sprach sie lachend,
Sich großes Heil draus machend,
Von ihres Herren Bittefahrt
Und der Frage, die ihr nächten ward,
In wessen Hut sie wolle sein.
Da sprach Brangäne: »Herrin mein,
Lügt mir nicht und saget mir,
So helf euch Gott, wen heischtet ihr?«
Isote sagt' ihr Wort für Wort,
Was sie gesprochen hatten dort.
Brangäne sprach: »Wie unbesonnen!
Wie ist euch solch ein Wort entronnen?
Was hievon zu euch gesprochen ist,
Das hör ich wohl, war eine List,
Und weiß fürwahr, daß diesen Rath
Der Truchsäß ausersonnen hat.
Man wollt euch auf die Probe stellen:
Seht euch beßer vor in künftgen Fällen.
Spricht er wieder wie er sprach,
So thut meiner Lehre nach
Und sprecht zu ihm in diesem Sinn.«
Da lehrte sie die Herrin,
Welche Antwort und Geberde
List überlisten werde.

Marke war unterdessen
Bekümmert und beseßen
Mit zweierlei Leide:
Ihm leideten beide,
Der Zweifel und der Argwahn.
Die lagen ihm auch billig an,
Da Argwahn ihn der Frauen
Nicht länger ließ vertrauen,
Er an Tristan zweifeln muste,
An dem er doch nicht wuste
Was von Falschheit und Lüge
Irgend den Anschein trüge.
Tristan sein Freund, sein Weib Isot,
Die fügten ihm die große Noth
Und zwangen gar ihm Herz und Sinn.
Sein Argwahn traf so Sie als Ihn
Und sein Zweifel beide.
Dem gebeideten Leide
Folgt' er nach der Zweifler Sitte
Und nach Gründen stäts in gleichem Schritte,
Denn wollt er seiner Isold
Jetzo wieder werden hold,
Das ließ der Argwahn nicht geschehn;
Und dacht er diesem nachzugehn
Und auf die Wahrheit loszudringen:
Konnt er sie dann nicht erringen,
So that ihm wieder Zweifel weh,
Und war er dann so weit wie eh.

Was hat je Liebe leid gethan,
Wie Zweifel thut und Argwahn?
Was ängstet liebedürftgen Muth
Wohl heftiger als Zweifel thut?
Der weiß dann nicht, wohin er soll,
Denn schwören möcht er jetzo wohl,
Wenn er etwas sieht und hört,
Das, wie er glaubt, sich nicht gehört,
Er war nun gar zu Ende.
Eh eine Hand sich wende
Gewinnt das andre Gestalt.
Denn wieder Andres sieht er bald,
Das ihm neuen Zweifel bringt,
So daß er mit Verwirrung ringt.
Obgleich die ganze Welt es thut,
So ist es doch unweiser Muth
Und eine Thorheit, der man pflegt,
Wenn man in Liebe Zweifel hegt.
Denn Keinem ist mit Liebe wohl,
An der er Zweifel haben soll.
Doch thut der übler noch daran,
Wer Zweifel oder Argwahn
Zur Gewissheit bringet;
Denn wenn er das erringet,
Den Zweifel nun bewährt zu wißen,
Wie sehr er sich zuvor beflißen,
Zu dringen auf die Wahrheit,
Das ist ihm erst ein Herzeleid
Vor allem Herzeleide.
Jene Dränger beide,
Wie sehr sie ihm beschwert den Muth,
Bedeuchten ihn dagegen gut.
Könnt er sie wieder nur gewinnen,
So wollt er Wahn und Zweifel minnen,
Daß er die wahre Kunde
Nicht wüste auf dem Grunde.
So kommts, daß Übel Übel bringt
Bis noch Ärgeres entspringt:
Wenn das dann noch viel weher thut,
So däuchte wohl das Üble gut.
Mag auch in Liebe Zweifel schmerzen,
Es thut so weh doch nicht dem Herzen,
Viel lieber litt' ihn noch die Brust
Als Haß, des Grundes wohl bewust.
Auch mag es Niemand sich entschlagen,
An Liebe muß wohl Zweifel nagen.
Zweifel muß bei Liebe sein,
So kann die Liebe nur gedeihn.
So lange sie den Zweifel hat,
So mag ihr wohl noch werden Rath;
Wird ihr die ganze Wahrheit kund,
So geht sie alsobald zu Grund.

Die Liebe hat noch Einen Brauch,
Aus dem zu manchem Mal ihr auch
Großer Schaden aufersteht:
Sie will, wo all ihr Wunsch ergeht,
Ungerne Stätigkeit bewahren;
Die läßt sie gar zu gerne fahren.
Doch wo sie Zweifel muß erleiden,
Davon vermag sie nicht zu scheiden,
Dem strebt sie zu mit Weh und Ach,
Dem stellt sie allzeit eifrig nach,
Und zielt noch mehr nach solcher Waare,
Daß sie ihr Herzeleid erfahre
Als um die Lust, die sie daran
Erwarten und gewinnen kann.
Demselben unverständgen Brauch
Folgte nun Herr Marke auch:
Man sah ihn stäts und aller Enden
Fleiß und Sinn darauf verwenden,
Daß der Zweifel und der Wahn
Nur würden weit hinweggethan,
Dieweil er mit der Wahrheit
Auf sein bittres Herzeleid
So gerne wär gekommen:
Das schien ihm nur zu frommen.

Wieder eines Nachts geschah es so,
Wie Er es und Mariodo
Ersonnen hatten vor der Zeit,
Daß er wieder seine Schlauigkeit
An ihr erproben sollte
Und sie mit Schlauheit wollte
Gründlicher versuchen noch.
Da verkehrt' es sich jedoch:
Den Strick den er ihr richtete,
Und auf ihren Schaden dichtete,
Denselben nahm die Königin
Und fieng den König selbst darin
Nach Brangänens Unterricht.
Brangänens Schade war es nicht,
Nein, Beiden frommte sehr, daß List
Wider List geordnet ist.
Der König zwang die Königin
Nah zu seinem Herzen hin
Und that ihr Lieb in Küssen kund
Auf die Augen und den Mund.
»Schöne«, sprach er, »wohl ist mir
Nichts so herzlich lieb als ihr.
Daß ich von euch scheiden soll,
Gott im Himmel weiß das wohl,
Das benimmt mir gar den Sinn.«

Da ließ Brangänens Schülerin
Sinn gegen Sinn zu Felde ziehn;
Mit Seufzen sprach sie wider ihn:
»O weh mir, inniglich o weh!
O weh, nun wähnt' ich immer eh,
Daß die verwünschte Märe
Im Scherz gesprochen wäre;
Nun aber hör und weiß ich wohl,
Daß es zum Ernste kommen soll.«
Da hub sie an zur Stunde
Mit Augen und mit Munde
So schmerzlich zu klagen,
So kläglich zu zagen,
Daß sie dem einfältgen Mann
Allen Zweifel abgewann,
Und Er bereit wär zu dem Eid,
Es thät ihr tief im Herzen leid.
Denn an den Frauen allen
Ist weiter nichts von Gallen
(Aus ihrem Munde kommt sie nicht),
Sie sind nicht auf Betrug erpicht,
Kein Falsch ist an den Reinen,
Als daß sie können weinen,
Ist ihnen anders auch zu Muth,
So oft es sie nur dünket gut.

So weinte hier Isolde stark.
Der leichtgläubge König Mark,
»Schöne«, sprach er, »saget mir,
Was wirret euch, was weinet ihr?«
»Ich mag wohl weinen«, sprach Isot,
»Mir thut fürwahr die Klage Noth.
Ich bin ein arm verlaßen Weib,
Hab nur Ein Leben, Einen Leib,
Und was von Sinn mir ward gegeben,
Das setzt' ich so mit Leib und Leben
An euch und eure Minne,
Daß ich mit meinem Sinne
Nichts mehr vermag zu meinen
Und zu minnen als euch Einen.
Mir ist nichts herzlich lieb als Ihr,
Und muß nun sehen, daß ihr mir
So holdes Herz nicht traget,
Als ihr gebahrt und saget.
Daß ihr je den Muth gewannt,
Zu fahren und im fremden Land
Mich hier allein zu laßen,
Das weiß ich wohl zu faßen:
Es zeigt wie unwerth ich euch bin.
Drum mag mein Herz und all mein Sinn
Nun selten wieder fröhlich sein.«

»Warum doch, Schöne«, fiel er ein:
»Nun habt ihr doch zu eurer Hand
So die Leute wie das Land,
Sie sind euer so wie mein;
Darüber sollt ihr Herrin sein,
Das soll euch zu Gebote stehn.
Was ihr gebietet muß geschehn.
Auch soll euch, bin ich unterwegen,
Unterdes mein Neffe pflegen,
Der euer trefflich pflegen kann,
Der höfische Tristan:
Der ist bedächtig und weise
Und fleißt sich in aller Weise,
Wie er euch Freud und Ehre
Mache und mehre.
Dem vertrau ich also wohl
Als ich mit vollem Rechte soll.
Dem seid ihr lieb, so bin auch ich;
Er thuts für euch und thuts für mich.«

»Herr Tristan?« sprach da Schön Isot,
»Fürwahr, ich wäre lieber todt
Und wollte gern begraben sein,
Eh ich mit dem Willen mein
Wär in seiner Pflege.
Der Lauscher allewege!
Der ist zu allen Zeiten
Mir gleissnerisch zur Seiten
Mit Schmeichelreden mancherlei,
Und sagt, wie lieb ich ihm sei.
Jedoch kennt Gott wohl seinen Muth,
Mit welchen Treuen er es thut.
Auch weiß ich selbst davon genug:
Weil er den Oheim mir erschlug,
So bangt ihm nun vor meinem Haß.
Aus dieser Furcht, ich kenne das,
Folgt er mir nun streichelnd,
Heuchelnd und schmeichelnd
Mit trügerischem Sinne
Und wähnt wohl, er gewinne
Damit meine Freundschaft.
Das hat aber schwache Kraft,
Sein Schmeicheln frommt ihm wenig;
Und wärs nicht, Herr und König,
Daß ich eurethalb noch mehr
Als weils nicht anders schicklich wär
Ihm zeig ein freundliches Gesicht,
Weiß es Gott, ich säh ihn nicht
Mit freundlichen Augen an.
Und weil ichs nun nicht ändern kann,
Daß ich ihn hören muß und sehn,
So soll es also geschehn,
Daß meines Herzens dabei
Und meiner Treue wenig sei.
Ich hab auch, Läugnen will nicht taugen,
Wohl mit herzlosen Augen
Und verlognem Munde
Oft und zu mancher Stunde
An ihn gewendet meinen Fleiß
Zum Scheine nur, und weil ich weiß,
Die Rede geht, daß die Frauen
Des Manns Verwandtschaft ungern schauen,
So hab ich darum allein
Ihn mit leerem Augenschein,
Mit herzlosem Munde
Betrogen manche Stunde,
Wo er gewisslich, ich wette,
Auf meinen Ernst geschworen hätte.
Herr, misstrauet Ihr dem Wahn:
Eur Neffe, mein Herr Tristan,
Soll mein nicht pflegen Einen Tag.
Wenn ichs von euch erbitten mag,
So mögt ihr mich wohl unterwegen,
Mit euern Hulden, selber pflegen.
Wohin Ihr wollt, dahin will Ich,
Es sei denn, daß Ihr selber mich
Verhindert, oder gar der Tod.«

So loses Spiel trieb Frau Isot,
Die lose, mit dem Herrn und Mann,
Bis ihm die Losheit abgewann
Zorn und Zweifel beide:
Er schwüre tausend Eide,
Sie mein' es ehrlich und treu.
Der Zweifler Marke war aufs Neu
Nun auf festen Grund gekommen.
Die Schöne hatt ihm benommen
Den Zweifel und den Argwahn.
Ihm schien Alles wohlgethan,
Was sie jemals that und sprach.
Der König gab am andern Tag
Dem Truchsäßen so genau
Er mochte, Kunde von der Frau
Antwort und Rede;
Und fern von ihr sei jede
Verstellung oder Falschheit.
Das war dem Truchsäßen leid;
So weh es ihm im Herzen that,
So gab er ihm doch wieder Rath
Und lehrt' ihn eine Schlinge
Wie er Isolden fienge.

Zu Nacht, als Marke wieder lag,
Und Bettgespräche mit ihr pflag,
Mit Fragen legt' er ihr alsbald
Neuen Strick und Hinterhalt
Und fieng sie abermals darin.
»Seht«, hub er an, »Frau Königin,
Es scheint uns Noth bevorzustehn:
Laßt mich erfahren nun und sehn,
Wie Frauen Länder mögen wahren,
Frau, ich muß von hinnen fahren;
Ihr sollt daheim derweile sein
Bei den lieben Freunden mein.
Es sei der Mann, es sei der Freund,
Wer es nun redlich mit mir meint,
Der muß euch beistehn, muß euch ehren,
Wie ihr es mögt von ihm begehren.
Wer es nicht redlich mit euch hält,
Wer euern Augen nicht gefällt
Von Frauen und von Mannen,
Die scheidet all von dannen.
Wider euern Sinn und Muth
Sollt ihr an Leuten wie an Gut
Nichts weder hören weder sehn,
Daran euch möge Leid geschehn.
Ich will auch den nicht minnen
Von Herzen noch von Sinnen,
Dem Ihr unholdes Herze tragt:
Für Wahrheit sei euch das gesagt.
Bleibet froh und wohlgemuth
Und was euch gut bedünkt, das thut;
Mit meinem Willen ists gethan.
Und weil mein Neffe Tristan
Euerm Herzen nicht willkommen ist,
So scheid ich ihn in kurzer Frist
Vom Hof und vom Gesinde;
Wie ich den Anlaß finde,
Soll er gen Parmenîe fahren
Und dort sein Eigenthum bewahren;
Das thut Ihm und dem Lande Noth.«

»Dank euch, Herr«, sprach Isot,
»Ihr sprecht getreu und wohl hierauf
Da ich Beweise nun gewann,
Wie gern ihr das entbehret
Was mir das Herz beschweret,
So bin ich mir der Pflicht bewust,
Was euern Augen sei zur Lust
Und euerm Sinn vergnüge,
Daß ich dem mich willig füge,
Sollt es mich auch selbst beschweren;
Und was da frommt zu euern Ehren,
Daß ich dazu Hülf und Rath
Freudig biete früh und spat.
Bedenkt auch wohl, Herr, was ihr thut.
Es kann mein Rath und mein Muth
Weder heut sein noch hinfort,
Daß ihr euern Neffen fort
Von euerm Hofe sendet.
Damit wär ich geschändet;
Denn man sagte gleich zuhand
Über Hof und über Land,
Ich hätt euch gerathen das
Um die Schuld und um den Haß,
Daß er mir meinen Oheim schlug.
Geredes würde drob genug,
Das mir Schande brächte
Und eure Ehre schwächte.
Ich stimme stäts dagegen,
Wolltet ihr meinetwegen
Den Freund geringer schätzen,
Oder Wen verletzen
Und haßen um den Willen mein,
Dem ihr gnädig solltet sein.

»Auch hoff ich, ihr bedenket,
Eh ihr von hinnen lenket,
Wer Cornwal schirmt und Engelland:
Die stehn in eines Weibes Hand
Gar bloß vor jedem Streiche.
Wer zweier Königreiche
Pflegen soll nach Recht und Ehren,
Der darf nicht Sinn noch Herz entbehren.
Nun ist außer Tristanden
Kein Herr in beiden Landen,
Belaßt ihr nur ihn bei dem Amt,
Der frommen möge beidensamt.
Wer brächte Jeden so dazu,
Daß er das Rechte laß und thu?
Ist daß ein Feind uns überzieht,
Des man sich jeden Tag versieht
Und immer muß versehen,
So mag es leicht geschehen,
Daß wir den Unsieg empfahn:
So wird mir mein Herr Tristan
Vor Augen schadenfroh gestellt
Mit Schelten von der bösen Welt.
Da wird der Rede viel getrieben:
›Wäre Tristan da geblieben,
Uns wäre nicht zu dieser Frist
So misslungen als es ist.‹
So legen sie Alle
Mit gemeinem Schalle
Mir zu Lasten dann die Schuld:
Ich hätt ihn aus eurer Huld
Zu eur- und ihrer Schmach vertrieben.
Herr, beßer wär es unterblieben.
Besinnt euch beßer noch etwas,
Bedenket dieß, bedenket das:
Entweder laßt mich mit euch fahren,
Oder heißet ihn der Lande wahren.
Wie sehr er mir mag widerstehn,
So will ich ihn doch lieber sehn,
Eh er den Platz dem Andern räumt,
Der uns schädigt und versäumt.«

Da versah der König sich zuhand,
Ihr wär das Herz doch nur gewandt
Auf Herr Tristans Ehren.
Da must es sich wohl kehren
Zu Wahn und Zweifel wie vorher.
So war er wieder denn noch mehr
Versunken und verfallen
An seines Zornes Gallen.
Isot that auch Brangänen kund
Ihr Nachtgespräch bis auf den Grund,
Und sagt' ihr dieses so wie das,
Wobei sie keines Worts vergaß.
Brangäne freute sich gar wenig,
Daß sie so gesprochen zu dem König
Und sich die Rede so verlief.
Sie las ihr einen neuen Brief,
Wie sie reden sollte fernerhin.

Des Nachts als die Königin
Zu ihrem Herren wieder schlafen kam,
In die Arme sie ihn nahm,
Umhalste ihn und küste:
An die sanften linden Brüste
Begann sie ihn zu zwingen,
Daß sie in ihre Schlingen
Ihn heut aufs Neue schlage
Mit Antwort und mit Frage.
»Herr«, sprach sie, »habet ihr
Euch das in vollem Ernst bedacht,
Was ihr mir sagtet gestern Nacht
Von meinem Herrn Tristanden,
Den ihr zu seinen Landen
Senden wollt von wegen mein?
Möcht ich des versichert sein,
Ich wollt euch Dank dafür sagen
Heut und in allen meinen Tagen.
Ich vertrau euch, Herr, so wohl
Als ich mag und billig soll;
Jedoch bin ich der Furcht nicht frei,
Daß es nur Versuchung sei.
Doch wüst ich für gewiss und wahr
Was gestern eure Rede war,
Ihr thätet Alles von mir fern,
Was ich nicht liebt' und sähe gern,
So erkennt' ich zur Genüge,
Daß eur Herz mir Liebe trüge.
Meine Bitte hätt ich lange,
Doch wär ich allzu bange,
Deshalb schon gern an euch gewandt,
Weil mir zu wohl nur ist bekannt,
Was mir von ihm mag auferstehn,
Sollt er mir lang zur Seite gehn.
Nun, lieber Herr, bedenket das;
Doch bestimm euch nicht allein mein Haß.
Soll er nun dieser Lande pflegen,
Dieweil ihr weilet unterwegen
Und kommt euch da ein Unfall an,
Was leider leicht geschehen kann,
So bringt er mich um Ehr und Land.
Ihr habt es deutlich nun erkannt
Wie gefährlich er mir werden kann.
Nun gedenket auch daran
Zu helfen, wie der Freund es soll,
Und erlöset mich, so thut ihr wohl,
Von Tristandens Nachbarschaft.
Schickt ihn nach Hause, oder schafft,
Daß er mit euch fahre
Und mich derweil bewahre
Der Truchsäß Mariodo.
Stünd aber euer Wille so,
Daß ich mit euch dürfte fahren,
So möchte hier der Lande wahren
Meinthalben wer da wollte,
Nur daß ich mit euch sollte.
Doch was ich rede, thut Ihr
Mit den Landen nur und mir
Was euch selber dünket gut:
Das ist mein Wille und mein Muth.
Ich gebe gern mein Herz zur Ruh,
Wenn ich nur euern Willen thu;
Alles Andre, Leut und Land,
Laß ich liegen linker Hand.«

So log sie ihren Herren an,
Bis sies ihm wieder abgewann,
Daß er den Argwahn fahren ließ
Und allen Zweifel von sich wies
An ihrem treu ergebnen Sinn,
Und aufs Neu die Königin
Freisprach in seinem Herzen
Von alle dem Verschwärzen.
Den Truchsäß Mariodo
Macht' er in seinem Sinne so
Zu einem Lügenbolde,
Obgleich der von Isolde
Ihm nichts gemeldet jederzeit
Als die lautre Wahrheit.

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