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Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 21
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
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XX. Mariodo.

                   

Tristans blühnde Ehren,
Die sah man da sich mehren
Am Hof und in den Landen.
Sie lobten an Tristanden
Behenden Witz und klugen Sinn.
Er und die Königin
Lebten wieder froh und frei
Und liehn sich guten Muth dabei
Des Leids sich zu entschlagen.

Nun hatt in diesen Tagen
Tristan einen Compagnon:
Das war ein edler Baron,
Des Königs Landsäße
Und erster Truchsäße,
Und war genannt Mariodo.
Tristan war seines Umgangs froh:
Sie suchten Beide Gewinn
Im Dienst der süßen Königin.
Der trug er heimlich holden Muth
Wie Mancher mancher Frauen thut,
Kehrt Sie sich wenig auch daran.
Der Truchsäß und Tristan,
Die Beiden hatten allein
Die Herberge da gemein;
Man sah sie gern beisammen auch.
So war des Truchsäßen Brauch,
Weil Tristan schöner Mären pflag,
Daß er ihm Nachts zur Seite lag,
Mit ihm zu plaudern bedacht.

Nun geschahs in einer Nacht –
Er hatte mit Tristanden
Lang im Gespräch gestanden
Und manchen Scherz getrieben,
Da entschlief er bei dem Lieben.
Der verliebte Tristan
Stahl sich da heimlich hindann
Auf seine Strichweide,
Zu großem Herzeleide
Ihm selber und der Königin.
Da er sich unvermeldet schien,
So gieng er guter Dingen;
Da legt' ihm gleichwohl Schlingen,
Verdruß und übeln Verrath
Sein Unheil aus denselben Pfad,
Den zu Isolden freudiglich
Er manche liebe Stunde schlich:
Der war in jener Nacht beschneit.
Auch schien der Mond zur selben Zeit
Licht und eben allzu klar.
Tristan besorgte nicht Gefahr,
Ihm lag auch kein Verrath im Sinn:
Kühnlich schritt er dahin,
Wo zu verborgnem Frieden
Das Ziel ihm war beschieden.
Als er zur Kemenate kam,
Ein Schachzabelspiel Brangäne nahm
Und lehnt' es ihnen vor das Licht.
Wie es nun kam, ich weiß es nicht,
Daß sie die Thür ließ offen stehn,
Da sie wieder schlafen wollte gehn.

Während das nun geschah,
Lag der Truchsäß und sah
In seinem Traume, da er schlief,
Einen Eber, der vom Walde lief
Freislich und erschrecklich.
In den Hof des Königs drang er kecklich,
Schäumend, die Hauer wetzend
Und sich zu Kampfe setzend
Wider Alles was er fand.
Nun kam gelaufen allzuhand
Das Hofgesind in großer Zahl,
Und lief viel Ritterschaft zumal
Um den Eber hin und her;
Doch Niemand fand sich in dem Heer,
Der zu bestehn ihn wagte.
So stürmt' er fort und jagte
Knirschend durch den Pallas fort,
Und Markes Kemenate dort,
Der brach er zu der Thür herein
Und was sein Bette sollte sein,
Zerwarf er wühlend durch den Raum
Und besudelte mit seinem Schaum
Das Bett und all das Bettgewand,
Das sich am Königsbette fand.
Das sahn sie All in Markes Bann
Und Keiner nahm es sich doch an.

Da Mariodo nun war erwacht,
Der Traum hatt ihm so wirr gemacht,
Daß ihm die Sinne schwanden.
Da rief er nach Tristanden,
Ihm zu vertraun im Bette
Was ihm geträumet hätte;
Doch Niemand gab ihm Antwort.
Da rief er fort und immer fort
Und reichte mit den Händen dar,
Und als er da nichts ward gewahr
Und Niemand in dem Bette fand,
Da verdacht er wohl zuhand
Ihn verstohlner Zärtlichkeit;
Doch aber seine Heimlichkeit
Mit Isot, der Königin,
Kam keineswegs ihm in den Sinn:
Fern blieb ihm der Gedanke dran.
Einen kleinen Zorn nur facht' ihm an,
Daß er dem Vertrauten,
Nun wenig Auferbauten,
Unfreundlich stäts verborgen
Seiner Liebe Lust und Sorgen.

Mariodo stand auf zuhand,
Und kleidete sich ins Gewand;
Hinaus zur Thüre schlich er leis
Und hatt auf Alles Acht mit Fleiß
Und sah die Spur von Tristans Tritt:
Dem Tritte folgt er Schritt vor Schritt
Durch ein kleines Baumgärtlein.
Ihn geleitete des Mondes Schein
Über Gras und über Schnee,
Wo Jener war gegangen eh,
Bis an der Kemenate Thür.
Ängstlich stund er lang dafür;
Da missfiel ihm allzuhand,
Daß er die Thür so offen fand.
Tristandens Gange
Nachsinnend stand er lange:
Er bedachte Bös und Gutes.
Jetzt war er des Muthes,
Tristan wär vielleicht hinein
Um irgend eins der Jungfräulein.
War so beschaffen jetzt sein Wahn,
Gleich wandelt' ihn ein andrer an:
Er wäre wohl darinne
Um der Königin Minne.
So gieng der Wahn ihm her und hin;
Zuletzt ermannt' er doch den Sinn
Und schlich sich leise hinein
Und fand nicht Licht noch Mondenschein,
Denn von der Kerze, die da brann,
War der Schimmer klein, den er gewann,
Denn ein Schachzabel lehnte dort.
So gieng er immer weiter fort
Und tastete mit Händen
An Mauern hin und Wänden
Bis er zu ihrem Bette kam,
Sie beidesamt darin vernahm,
Und gewahrt' all ihre Heimlichkeit.
Das war ihm inniglich Leid,
Und that ihm in der Seele weh;
Stäts trug er zu Isolden eh
Lieb und freundliches Verlangen:
Das war nun Alles unterfangen
Mit Haß und mit Leide.
Nun trug er zu ihr Beide
Haß und Leid, Leid und Haß:
Ihn kränkte dieß, ihn kränkte das.
Er wuste mit Nichten,
Wie er bei den Geschichten
Sich also benähme,
Daß es ihm zu Gute käme.
Jetzo reizten Haß und Neid
Ihn zu der Ungebührlichkeit,
Ihr Ding zu offenbaren,
Und Beider nicht zu sparen;
Doch hielt ihn wieder zum Glück
Tristan und die Furcht zurück,
Die er vor ihm hegte,
Wenn er seinen Zorn erregte.
So wandt er sich und gieng hindann:
Als ein beleidigter Mann
Legt' er sich wieder nieder.

Bald kam auch Tristan wieder:
Gar leis er in sein Bette stieg;
Er schwieg und auch der Andre schwieg:
Ja, Keiner sprach ein Wörtlein da,
Was sonst doch selten geschah;
Sie warens nicht gewohnt gewesen.
An diesem fremdthunden Wesen
Ward Tristan wohl inne,
Daß er seiner Minne
Ihn verdacht in seinem Muth
Und nahm sich beßer in Hut,
Und wachte über jede
Geberde, jede Rede
Mehr als er zuvor gethan.
Das fieng er allzu spät nun an:
Sein Geheimniss war verrathen,
Verlautbart seine Thaten.

Mariodo der Neidhart kam,
Den König still bei Seite nahm
Und sprach zu ihm, man berichte
Am Hof sich eine Geschichte
Von Isolden und Tristanden,
Die Leuten und Landen
Wenig Ehre brächte;
Damit er es bedächte
Und zu Rathe gienge
Was zu thun sei bei dem Dinge,
Das seiner Ehr und Ehe
Doch allzu nahe gehe.
Er verschwieg ihm dabei,
Daß er selber Zeuge sei
Gewesen von der Wahrheit.
Der getreue in Einfältigkeit
Ehrenfeste König,
Erstaunte des nicht wenig
Und folgte solchem Rath nicht gern
Sich seiner Freuden Leitestern,
Den er so hell sah funkeln
An Isolden, zu verdunkeln
Mit dem Argwohn böser That.
Im Herzen trug er doch den Rath
Mit nagender Trauer
Und war auf der Lauer
Zu aller Zeit und Stunde,
Ob er irgend eine Kunde
Zum Beweise möcht erfahren.
Ihr Reden und Gebahren
Nahm er Alles wohl in Acht
Und fieng sie doch mit aller Macht
Nicht in seinen Garnen,
Denn Tristan sie zu warnen
Hatt Isolden kundgethan
Des Truchsäßen argen Wahn.

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