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Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 20
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
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XIX. Rotte und Harfe.

                         

Nun, Tristan that wie ihm gefiel
Mit ernstem Kampf und Ritterspiel
Verbracht er seine Stunden.
Mit Federspiel und Hunden
Dient' er seinen müßgen Tagen;
Birschen ritt er und jagen,
Wenn es Zeit war manchesmal.

Da legt' ein Kiel in Cornewal
Sich an Markes Hafen vor.
Ein Ritter ritt daraus hervor,
Ein edler Herr von Irenland,
Der war Gandin genannt,
Und war höfisch, schön und reich
Und so mannlich zugleich,
Daß Irland Wunder sagte,
Wieviel der Kühne wagte.
Dieser kam in schönem Kleid
Mit ritterlicher Schönheit
Und mit herrlichen Sitten
Allein auf Markes Hof geritten
Ohne Schild und ohne Sper.
Auf seinem Rücken trug er
Eine Rotte, eine kleine,
Mit Gold und mit Gesteine
Wohl geziert und geschmückt,
Den Steg mit Saiten überbrückt.
Da er nun vom Pferde sprang,
Zum Saale nahm er den Gang
Und grüßte da mit höfschem Sinn
Den König und die Königin,
Deren Ritter und Amis
Man bei Turnieren wohl ihn hieß
Ehedem zu manchem Mal.
So kam er jetzt gen Cornewal
Ihr zu Lieb von Irenland.
Sie erkannt ihn auch zuhand.
»De us sal, Messir Gandin«,
Sprach die gefüge Königin.
»Merzi«, sprach Gandin, »bele Isold,
Schön und schöner viel als Gold
In Gandins Augen sicherlich!«
Isote sagte heimlich
Dem König, wer er wäre.
Den lächerte die Märe,
Und reizt' ihn zum Spotte,
Daß er auf sich trug die Rotte.
Es wunderte Jeden:
In heimlichen Reden
Ward es vielfach belacht.
Jedoch war Marke bedacht,
Sein gütlich zu pflegen
Der eignen Ehre wegen
Sowohl als um Isolde,
Da so dringend ihn die Holde
Bat, daß er ihn ehre,
Weil er ihr Landsmann wäre.
Das that Herr Marke williglich:
Er setzte gleich ihn neben sich
Und fragt' ihn freundlich allerhand
Von den Leuten und dem Land,
Von Fraun und höfischem Brauch.

Nun war bereit das Eßen auch.
Als das Gesind da Waßer nahm
Und das Waßer zu dem Gaste kam,
Da baten sie ihn lang und viel,
Daß er doch sein Rottespiel
Beiseite möchte legen:
Er war nicht zu bewegen.
Der König und die Königin
Sahn in Güte drüberhin;
Die Andern hieltens jederzeit
Für Unfug und Unhöflichkeit.
Es gieng ihm auch nicht also hin:
Man begann des Herrn Gandin
Zu lachen und zu spotten.
Der Ritter mit der Rotten,
Die er wie zur Strafe trug,
Gleichmüthig alles das vertrug.
Neben Marke zum Eßen
War er niedergeseßen;
Er aß und trank was an ihn kam.

Als man hinweg die Tische nahm,
Stand er auf und setzte sich
Zu Markes Mannen sittiglich:
Die gaben ihm Gesellschaft gern
Und ergiengen mit dem Herrn
Sich in höfischen Geschichten.
Herr Mark nach höfschen Pflichten
Und wirthlichen Sitten
Begann ihn laut zu bitten,
Wenn er wohl rotten könnte,
Daß er es ihnen gönnte,
Daß sie vernähmen sein Spiel.
Der Gast sprach aber: »Herr, ich will
Das nicht, ich wiße denn, für Was.«
»Herr, wie meinet ihr das?
Begehrt ihr etwas, das ich habe?
Ich gewähr euch jede Gabe.
Laßt uns vernehmen was ihr könnt;
Was euch beliebt, ist euch gegönnt.«
»Es gilt!« sprach Der von Irenland.
Da spielt' er einen Leich zuhand,
Der Allen herzlich wohlgefiel.
Der König bat ihn wieder viel,
Daß er noch Einen machte.
Der Trügebold erlachte
Bei sich selber inniglich:
»Die Gabe«, sprach er, »lehret mich,
Ich rotte was man mir befiehlt.«
Da ward der zwier so schön gespielt.

Als zu Ende kam der andre Leich,
Gandin trat vor den König gleich,
Die Rotte vor sich in der Hand,
Und sprach: »Nun Herr, seid des gemahnt,
Was ihr gelobt habt gegen mich.«
Der König sprach: »Gar williglich.
Sagt nur, was begehret ihr.«
»Isolden«, sprach er, »gebet mir.«
»Freund«, sprach er, »was ihr außer ihr
Begehrt, erlangt ihr Alles hier;
Doch sie wird Niemand zum Gewinn.«
»In Treuen, Herr«, sprach da Gandin,
»Das Große noch das Kleine
Will ich, Isot alleine.«
Der König sprach: »Die geb ich nicht.«
»Herr, so wollt ihr Wort und Pflicht
Nicht halten, wie es euch gebührt?
Werdet ihr des überführt,
Daß ihr wortbrüchig seid,
So seid ihr nun die längste Zeit
Eines Landes Herr gewesen.
Heißt des Königs Recht nur lesen:
Findet ihrs da nicht geschrieben,
So bin ich gern des Rechts vertrieben.
Und sprecht ihr, oder Wer es spricht,
Ihr gelobtet mir es nicht,
So folg ich meinem Recht dahin
Wider euch und wider ihn,
Wo mir der Hof das Urtheil fällt.
Mein Leben sei zu Kauf gestellt
Im Kampf und im Gefechte,
Bis ich kam zu meinem Rechte.
Schickt Wen ihr wollet, oder ihr
Reitet selbst in einen Ring mit mir.
Da will ichs darthun gleich zur Frist,
Das Schön Isold mein eigen ist.«

Der König blickte hin und her
Und spähte, ob nicht Einer wär
So mannlich und behende,
Daß Diesen er bestände.
Nun war da Niemand, der sein Leben
Gern auf die Wage wollte geben.
Und Marke selber wollte
Nicht fechten um Isolde,
Denn Gandin war solcher Kraft,
So mannlich und so herzhaft,
Es mochte Keiner hier daran.

Nun war eben Tristan
Birschen geritten in den Wald.
Dieser war auch nicht sobald
Aus dem Wald zu Hof gekommen,
So hatt er unterwegs vernommen
Schon die leide neue Märe,
Daß sie Jenem ausgeliefert wäre.
Es war die Wahrheit auch, Gandin
Hatte die schöne Königin,
Die bittre Thränen fallen ließ
Und manche Klage schallen ließ,
Von Hof geführt zum Strande schon;
Und am Strande stand ein Pavillon
Für ihn, ein schöner, aufgeschlagen,
Den sah man hoch und herrlich ragen:
Da saß er mit der Königin,
Die Stunde abzuwarten drin
Bis das Meer wiederkäme,
Und die Flut, rückkehrend, nähme
Den Kiel von dem Strande;
Denn er lag auf trocknem Sande.

Als Tristan nun zu Hofe kam
Und von der Rotte vernahm
Die Geschichte Wort für Wort,
Zu Rosse schwang er sich sofort.
Seine Harfe nahm er an die Hand
Und kam ihm eilends nachgerannt,
Bis er den Hafen vor sich sah:
Herab mit Listen sprang er da
In einen Busch und band den Zaum
Des Rosses fest an einen Baum.
Sein Schwert auch hängt' er daran:
Mit seiner Harfe lief er dann
Und kam zum Pavillone
Und fand auch dem Barone
Sitzend unterm Arme
Die freudenlose Arme,
Die weinende, Isoten.
Aller Trost, den er geboten,
Wollte nicht bei ihr verfangen,
Bis mit der Harfe gegangen
Jener kam, und sie ihn sah.
Gandin, ihn grüßend, sagte da:
»De te saut, bêas Harpier!«
»Merzi, gentil Schevalier!
Herr, in Eile«, fuhr er fort,
»Lief ich euch nach zu diesem Ort.
Ich hörte, hab ichs recht verstanden,
Ihr wolltet heim gen Irlanden;
Herr, von dannen bin auch ich.
Habt die Güte, bringet mich
Wieder heim gen Irland.«

Der von Irland sprach zuhand:
»Geselle, das gelob ich dir.
Nun sitze nieder, harfe mir.
Tröstest du die Herrin mein,
Daß sie ihr Weinen stellet ein,
Das beste Kleid wird dir zum Lohn,
Das ich hab in diesem Pavillon.«
»Das gelob ich gerne«, sprach Tristan.
»Auch verzweifl ich nicht daran:
Ist ihres Kummers nicht so viel,
Daß sie keines Mannes Spiel
Am Weinen möchte hindern,
So muß ihr Schmerz sich lindern.«
Er verschob sein Werk nicht länger
Und begann als Harfner und als Sänger
Einen Leich so inniglich,
Daß es Isotens Herz beschlich:
Es nahm ihr die Gedanken alle;
Ihr Weinen ließ sie bei dem Schalle,
Nur auf den süßen Freund bedacht.

Als der Leich nun war vollbracht,
Da war dem Kiel die Flut gekommen
Und hatt ihn mit ins Meer genommen.
Des Schiffes Mannschaft rief da all
Vom Kiel herab mit lautem Schall:
»Herr, o Herr, so kommt heran!
Und käme mein Herr Tristan,
Dieweil ihr noch am Lande seid,
Der schüf uns Allen üble Zeit,
Denn Alles steht in seiner Hand
Hier, die Leute wie das Land.
Auch ist er selber, wie man sagt,
So frevel und so unverzagt,
So herzhaft und voll Übermuth,
Daß er leicht euch Schaden thut.«
Die Rede war ihm ungemach,
Verächtlich blickt' er um und sprach:
»So sollte Gottes Haß mich strafen,
Wenn ich seinethalb den Hafen
Meiden wollte Knall und Fall.
Geselle, stimme noch einmal
Den Leich an von Didonens Pein
Du harfest also schön und rein,
Daß ich es an dir minnen soll.
Nun harfe meiner Frauen wohl!
Ich führe dich mit Minnen
Dafür auch mit ihr hinnen
Und gebe dir schon gleich zuhand
Das verheißene Gewand,
Das allerbeste, das ich weiß.«
Er sprach: »So thu ich eur Geheiß.«

Da hub der Spielmann wieder an,
Sein Harfenspiel er begann
Und ließ es also süß ertönen,
Daß Gandin zu seinen schönen
Künsten gern die Ohren bot.
Auch sah er wohl, daß Isot
Auf sein Harfen war bedacht.
Als der Leich nun war vollbracht,
Gandin nahm die Königin
Und wollte zu dem Schiffe hin.
Nun sah man so die Wellen
Vor der Schiffbrücke schwellen,
Daß Niemand ohn ein hohes Ross
Vor der Flut, die reißend floß,
Zur Schiffbrücke mochte hin.
»Wie machen wir es«, sprach Gandin,
»Wie bring ich meine Frau hinan?«
»Seht, Herr«, sprach der Spielmann,
»Da ich nun versichert bin,
Ihr wollt mich mit euch führen hin,
So bleib auch nichts in Cornewal
Zurück von meinen Dingen all.
Ich hab ein Ross hier nahebei,
So hoch wohl dünkt mich, daß es sei,
Daß ich eure Freundin,
Meine Herrin, drauf zur Brücke hin
Wohl so sicher führe,
Daß sie das Meer nicht rühre.«
Gandin sprach: »Lieber Spielmann,
So eile, bring dein Ross heran
Und hernach auch dein Gewand.«

Tristan nahm das Ross zuhand,
Und gleich auch, eh er wiederkam,
Seine Harf er auf den Rücken nahm.
»Nun, Herr aus Irland«, hub er an,
»Bringt eure Freundin mir heran:
Ich führe vor mir sie dahin.«
»Nein, Spielmann«, sprach Gandin,
»Du sollst sie nicht berühren:
Ich will sie selber führen.«
»Weh, Herr«, sprach da Schön Isot,
»Dieß Wesen ist gar ohne Noth,
Daß er mich nicht berühren soll.
Wißt mit einem Worte wohl:
Das Schiff wird nie von mir berührt,
Wenn mich nicht der Spielmann führt.«
Da bot Gandin sie denn ihm dar
Und sprach: »Gesell, nimm ihrer wahr
Und führe so sie durch den Fluß,
Daß ich dir immer lohnen muß.«

Nun sie der Spielmann vor sich sah,
Ein wenig seitwärts sprengt' er da.
Und als Gandin des ward gewahr,
Er rief ihm nach, verächtlich gar:
»Ei nun, du Gauch, wo willst du hin?«
»Nein, nein«, sprach Tristan, »Gauch Gandin!
Ihr, Freund, steht an des Gauches Ziel,
Denn was ihr mit dem Rottespiel
Dem König Mark abtroget dort,
Das führ ich mit der Harfe fort.
Ihr trogt, nun seid auch ihr betrogen.
Tristan ist euch nachgezogen
Und hat euch überlistet hier.
Freund, reiche Kleider schenket ihr:
Mir ward das beste Gewand,
Das sich in euerm Zelte fand.«

Tristan ritt seiner Straßen.
Gandin sah ohne Maßen
Traurig nach und trauersam:
Ihm that der Schaden und die Scham
Gar sehr und inniglich weh.
Er kehrte wieder über See
Mit Schmach und mit Leide.
Doch die Gefährten beide,
Tristan und Isot, kehrten froh.
Ob sie unterweges wo
Noch zu Freuden kamen,
Ruh in den Blumen nahmen,
Da wend ich kein Erwähnen dran:
Ich lege Wähnen und Wahn
Meinethalben gerne nieder.
Tristan bracht Isoten wieder
Seinem Oheim, König Mark;
Dazu auch schalt er ihn stark:
»Herr«, sprach er, »Gott weiß,
Liebt ihr die Königin so heiß,
So ists ein großer Unsinn,
Gebt ihr sie so leichtlich hin
Für Harfen oder Rotten;
Des mag die Welt wohl spotten.
Wer sah je Königinnen
Mit Rottespiel gewinnen?
Laßt sies zum andern Mal nicht schauen
Und hütet beßer meiner Frauen.«

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