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Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 17
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
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XVI. Der Minnetrank.

                         

Nun dieß zum Schluß gekommen war,
Macht' es der König offenbar
Seines Landes Compagnonen,
Rittern und Baronen,
Daß dieß Herr Tristan wäre,
Und verhehlte nicht die Märe
Wie er sie selber vernommen,
Warum er war ins Land gekommen,
Und wie gelobt der Kühne,
Er woll ihm stäte Sühne
Mit Markes Fürsten machen
In allen den Sachen,
Davon zuvor die Rede war.
Des irländschen Volkes Schar
War dieser Märe froh im Saal.
Die Landherren allzumal,
Sprachen, der Frieden wäre
Ihnen eine liebe Märe,
Da langer Haß nur Ungewinn
Und Schaden brächte her und hin.

Da gebot und bat der König hehr
Daß ihm sichere Gewähr
Tristan gäb an der Stätte
Wie er verheißen hätte.
Er that auch also: Tristan,
Und Die in seines Herren Bann,
Schwuren da mit Mund und Hand
Cornewal das ganze Land
Zur Morgengab Isoten,
Und daß die Herschaft ihr geboten
Würd ob allem Engelland.
Darauf befahl Gurmun zuhand
Isot von Hand zu Handen
Ihrem Feind Tristanden.
Ihrem Feind, sag ich, und weiß Bescheid:
Sie trug ihm Haß noch zu der Zeit.
Da nahm sie Tristan an die Hand,
»Herr König«, sprach er, »von Irland,
Wir bitten, meine Frau und Ich,
Thut es für sie und thuts für mich:
Die ich als Ritter oder Kinde
Zu Zins hieher gegeben finde
Von Cornwal und von Engelland,
Die solln in meiner Herrin Hand
Stehen nach des Rechtes Sinn:
Sie ist der Lande Königin;
Wir bitten, gebt sie Alle frei.«
Da sprach der König: »Gern, es sei.
Es geschieht mit meinen Minnen,
Daß sie mit euch fahren hinnen.«

Da freuten sich der Herzen viel.
Noch erbat sich einen Kiel
Tristan zu seinem Kiele,
Der ihm zu eigen fiele
Und der Königin Isot
Und wem er sonst noch wäre Noth.
Als ihm auch der verheißen ward,
Da schickte Tristan sich zur Fahrt
Und ließ sie all besenden
An den Orten all und Enden,
Wo man die Verzinsten fand,
Die mit ihm sollten heim zu Land.

Derweil die Reise Tristan
Mit seiner Landgesellen Bann
So betrieb und leitete,
Die Königin bereitete
Ihrer Weisheit gemäß
In einem kleinen Glasgefäß
Einen Trank der Minne,
Der mit so feinem Sinne
War ersonnen und erdacht
Und mit solcher Kraft vollbracht,
Wer davon trank, den Durst zu stillen
Mit einem Andern, wider Willen
Must er ihn minnen und meinen,
Und Jener ihn, nur ihn den Einen.
Ihnen war Ein Tod nur und Ein Leben,
Nur Eine Lust, Ein Leid gegeben.

Den Trank da nahm die Weise
Und zu Brangänen leise:
»Brangäne«, sprach sie, »Niftel mein,
Laß dir mein Wort nicht unlieb sein.
Du fährst mit meiner Tochter hin,
Drum richte dich nach seinem Sinn.
Was ich dir sage, das vernimm.
Das Glas mit diesem Tranke nimm
Und halt es wohl in deiner Hut.
Hüt es über alles Gut.
Sieh, daß es auf der Erde
Niemand inne werde;
Und Niemand bring es an den Mund:
Darauf hab Acht zu jeder Stund.
Für Eines sorg, ich bin dir hold:
Eh König Marke mit Isold
Als Herr und Gatte bleibt allein,
Reich ihnen diesen Trank als Wein;
Am Besten trinken sie ihn aus.
Sieh, daß Niemand sonst im Haus
Mit ihnen trinkt, das sei dir Pflicht.
Trink auch selbst mit ihnen nicht.
Es ist ein Trank der Minne,
Das halt in deinem Sinne.
Ich befehle dir Isold
Auf deine Seele, sei ihr hold.
Du weist, sie ist mein bestes Leben.
So sind wir dir anheimgegeben
Auf alle deine Seligkeit.
Hiemit genug für alle Zeit.«

»Liebe Herrin«, sprach Brangäne froh,
»Ist euer Beider Wille so,
So will ich gerne mit ihr fahren,
Ihre Ehr und diesen Trank bewahren
So gut ich immer mag und kann.«

Urlaub nahmen Tristan
Und seine Leute sofort;
Sie schieden sich von Weisefort
In Freuden und in Herrlichkeit.
Da gaben ihnen das Geleit,
Und Isolden, bis zum Hafen hin
Der König und die Königin
Und all die Massenîe.
Seine künftige Amîe,
Seine unerkannte Herzensnoth,
Die lichte, wonnige Isot,
War ihm zu allen Zeiten
Weinend an der Seiten.
Auch ihren Eltern beiden
Gieng dieses bittre Scheiden
Von den Lieben allzu nah.
Manches Auge sah man da,
Das von Zähren wurde roth.
Isot war mancher Herzen Noth;
Sie brachte manchem Herzen
Geheimes Weh und Schmerzen.
Zu weinen war da Allen Noth
Um ihrer Augen Lust, Isot.
Weinen war da gemeine:
Eine allgemeine Weine
Der Augen wars und Herzen
Mit laut- und stillen Schmerzen.
Isot und abermals Isot,
Die Sonne und das Morgenroth,
Die schöne Brangäne,
Der Vollmond gegen jene,
Als die sich musten scheiden,
Die eine von den Beiden,
Da sah man Jammer und Leid.
Die sichere Vertraulichkeit
Schied sich in manchem Leide.
Isote küste Beide
Oft und zu manchem Mal.
Nun man Die von Cornewal,
Und Die aus irschen Landen
Im Geleit der Braut sich fanden,
Zu Schiffe seh gekommen,
Und Urlaub war genommen,
Da gieng zuletzt auch Tristan hin;
Die lichte junge Königin,
Die Blume aus der Iren Land,
Isolde gieng an seiner Hand
Traurig und in großem Leide.
Die neigten sich dem Lande Beide
Und baten Gottes Segen
Der Leut und sein zu pflegen.
Da stieß man ab und fuhr hindann.
Mit hoher Stimme hub man an
Und sang das Lied einmal und zwier:
»In Gottes Namen fahren wir!«
Hinstrich das Schiff die Gleise.

Nun war zu ihrer Reise
Den Fraun nach Tristans Rathe
Eine Schiffskemenate
In dem Kiele bereit
Zu Gemach und Heimlichkeit.
Nur die junge Königin
Mit ihren Jungfraun war darin
Und mit Nichten ein Mann
Als zuweilen Tristan.
Der gieng mitunter dahin
Und tröstete die Königin,
Wenn sie weinend da saß.
Die weint' und klagt' ohn Unterlaß,
Daß sie so vom Heimatland,
Wo ihr Jeder war bekannt,
Und von allen Freunden fliehe,
Mit fremdem Volk hinziehe,
Sie wiße nicht wohin, wie fern.
Da tröstete sie Tristan gern
Mit süß beredtem Munde
Zu jeder Zeit und Stunde,
Da er zu ihrer Trauer kam.
In seinen Arm er sie wohl nahm
Gar lieblich und leise,
Jedoch nur in der Weise
Wie die Herrin darf der Mann,
Da sein getreues Herz nur sann,
Wie der Schönen Herzenspein
Gestillt, gelindert möchte sein.
So oft jedoch als das ergieng,
Daß er in seinen Arm sie fieng,
Stäts gedachte da Isot
An ihres Oheimes Tod
Und sprach im Unmuth wider ihn:
»Laßt das, Meister, hebt euch hin;
Eure Arme thut hindann,
Ihr sehr beschwerlicher Mann!
Warum berühret ihr mich?«
»Schöne, sprecht, vergieng ich mich?«
»Ja doch, denn ich trag euch Haß.«
Da sprach er: »Selig Weib, um was?«
»Ihr erschluget mir den Oheim.«
»Das ist versühnt.« – »Das möchte sein;
Ihr seid mir dennoch verhaßt,
Denn alle dieses Leides Last,
All diese Sorgen schufet Ihr:
Ganz alleine habt ihr mir
Diese Pein all zugefügt
Mit schlauer List, die lügt und trügt.
Wer hat euch auf mein Leid gesandt
Von Cornewal nach Irland?
Denn Die von Kind auf mich erzogen,
Denen habt ihr mich nun abbetrogen
Und führet mich weiß nicht wohin;
Weiß nicht wie ich verrathen bin,
Nicht was noch aus mir werden soll.«
»Schön Isot, nein, gehabt euch wohl.
Ihr lebt zu größerm Gewinn
In der Fremd als reiche Königin,
Denn arm daheim, gering und schwach.
Im fremden Land Ehr und Gemach
Und in Vaterreichen Niedrigkeit,
Bekommt doch ungleich jederzeit.«
»Ja, Meister Tristan« sprach die Magd,
»Ich nähme lieber, wie ihr sagt,
Eine mäßige Sache
Mit Lieb und mit Gemache,
Als bei großer Herrlichkeit
Eitel Ungemach und Leid.«
»Da habt ihr Recht«, sprach Tristan;
»Wer jedoch zusammen kann
Gemach und Reichthum haben,
Das sind zwei schöne Gaben,
Die beßer im Vereine
Uns munden als alleine.
Setzt, euch wäre so gelungen,
Daß sie euch hätten aufgedrungen
Den Truchsäßen dort zum Mann,
Sagt, wie stünd es um euch dann?
Dann wärt ihr meiner Hülfe froh:
Und nun dankt ihr mir es so,
Daß ich mich bot zum Streite
Und euch von ihm befreite?«
»Dafür wird euch«, sprach die Magd,
»Der Dank von mir wohl spät gesagt,
Denn ward ich dort von ihm befreit,
So habt ihr mich nun so mit Leid
Bewunden, das ich trage,
Gelinder wär die Plage,
Hätt ich den Truchsäß genommen,
Als da ich bin mit euch entkommen.
Denn wie groß sein Unwerth ist,
Wär er bei mir nur kurze Frist,
So ließ' er jeden bösen Brauch;
Weiß Gott, daran erkennt' ich auch
Wie lieb als ich ihm wäre.«
Da sprach er: »Solche Märe
Fährt doch auf wunderlichen Wegen.
Daß der Natur ganz entgegen
Ein Herz das Rechte woll und thu,
Da gehört ein Wunder zu.
Hält doch die ganze Welt für Lüge,
Daß Unart je der Art sich füge.
Laßt fahren, Schöne, Sorg und Leid.
Ich will zum Herrn in kurzer Zeit
Euch einen König geben,
Bei dem Freud und schönes Leben,
Ehr und Zucht als Ingesinde
Vollem Gut gesellt sich finde.«

Die Kiel inzwischen strichen hin;
Sie hatten auch von Anbeginn
Guten Wind und schnelle Fahrt.
Doch waren all die Frauen zart,
Isot und ihr Gesinde,
Des Waßers und der Winde
Ungewohnt, und der Beschwer.
Nicht lang, so kamen sie daher
In eine unerhörte Noth.
Tristan, ihr Meister, gebot,
Daß man zu Lande zielte
Und kurze Rast da hielte.
In eine Bucht stieß man den Kiel:
Von der Mannschaft gieng da, Wems gefiel,
Sich zu ergetzen an das Land;
Tristan aber gieng zuhand,
Daß er die Herrin grüße
Und schaue, die süße.
Als er nun bei Isolden saß,
Und redete bald dieß bald das
Von ihrer Aller Dingen,
Ein Trinken hieß er bringen.
Nun war da bei der Königin
Keine andre Dienerin
Als zwei kleine Mägdelein.
Der Eines sagte: »Hier ist Wein;
Nehmt dieses Glas, das kleine.«
Nein, da war nichts von Weine,
So ähnlich es dem Weine sah:
Ein Härmen war es fern und nah,
Es war endlose Herzensnoth,
Die ihnen endlich gab den Tod.
Ihr aber war das unbekannt,
Da stand sie auf und gieng zuhand
Dahin, wo beide, Glas und Trank
Verborgen standen in dem Schrank.
Sie reicht' es ihrem Meister hin;
Er aber bots der Königin.
Sie trank ungern und überlang
Und gab es Tristan, und er trank,
Und Beide hielten es für Wein.
Darüber trat Brangäne ein
Und sah das Glas in Tristans Hand
Und erkannte gleich der Dinge Stand,
Und traf sie Schrecken so und Scham,
Daß es ihr alle Kraft benahm.
Sie sah wie eine Todte bleich:
Mit todtem Herzen gieng sie gleich
Und nahm das unglückselge Glas
Und gieng hinaus: da warf sie das
In die empörte wilde See.
»O weh mir Armen, und o weh,
Was ward ich je zur Welt geboren!
Wie hab ich Arme nun verloren
Meine Ehr und meine Treue!
Daß es Gott wie mich gereue,
Daß ich je zu dieser Reise kam!
Weh, daß mich der Tod nicht nahm,
Eh ich mit Isolden ward
Beschieden zu der leiden Fahrt!
O weh Tristan, o weh Isot:
Der Trank ist euer Beider Tod!«

Sobald den Trank die Magd, der Mann,
Isot gekostet und Tristan,
Hatte Minne schon sich eingestellt.
Sie, die zu schaffen macht der Welt,
Die nach allen Herzen pflegt zu stellen,
In die Herzen schlich sie den Gesellen
Und ließ, von Beiden ungesehn,
Schon ihre Siegesfahne wehn:
Sie zog sie ohne Widerstreit
Unter ihre Macht und Herrlichkeit.
Da wurden eins und einerlei
Die zwiefalt waren erst und zwei:
Nicht mehr entzweit war jetzt ihr Sinn,
Isoldens Haß war ganz dahin.
Die Sühnerin, Frau Minne,
Hatte Beider Sinne
Von Haß so ganz gereinigt,
In Liebe so vereinigt,
Daß Eins so lauter und so klar
Dem Andern wie ein Spiegel war.
Sie hatten Beide nur Ein Herz:
Sein Verdruß schuf Ihr den grösten Schmerz,
Ihr Schmerz verdroß ihn mächtig.
Sie waren Beid einträchtig
In der Freude wie im Leide,
Und hehlten sichs doch Beide.
Das kam von Scham und Zweifel her:
Sie schämte sich, so that auch er;
Sie zweifelt' an ihm, Er an ihr.
Wie Beide blind auch vor Begier
Sich Einem Wunsche möchten nahn,
Zu schwer doch kam es ihnen an
Zu beginnen, anzufangen:
Das barg ihr Wünschen und Verlangen.

Tristan, da er die Minn empfand,
Da gedacht er zuhand
Der Treue, Pflicht und Ehren,
Und wollt ihr fliehend wehren.
»Nein«, dacht er immerdar bei sich,
»Laß ab, Tristan, ermanne dich,
Schlag dir das Alles aus dem Sinn.«
Doch wollte stäts sein Herz dahin.
So kämpft' er mit dem Wunsche schwer,
Begehrte wider sein Begehr;
Er wollte hin und wollt hindann.
Der verfangene Mann
Versuchte sich den Schlingen
Gar oft zu entringen
Und hielt sich wacker lang' im Streit.
Der Getreue hatt ein doppelt Leid,
Eins wie das andre gieng ihm nah.
Wenn er ihr in die Augen sah
Und ihm die süße Minne
Das Herz und die Sinne
Begann zu versehren,
So gedacht er stäts der Ehren:
Mit ihrer Hülfe siegt' er dann;
Alsbald doch fiel ihn wieder an
Sein ererbtes Leid, die Minne,
Die benahm ihm gleich die Sinne.
Wie groß auch seine Scheue
Vor Ehre war und Treue,
So scheut' er mehr die Minne je;
Die that ihm weher noch als weh:
Sie that ihm mehr zu Leide
Als Ehr und Treue beide.
Sie sah sein Herze lächelnd an
Und nahm sein Aug in ihren Bann;
Wenn er sie aber nicht ersah,
Wars größer Leid, das ihm geschah.
Auch stellt' er oft darauf den Muth
Wie der Gefangene thut,
Wie er wohl möcht entweichen,
Und gedachte wohl dergleichen:
»Wende dich dahin, daher,
Tausch und wandle dein Begehr,
Minn und meine anderswo«,
Der Strick hielt fest, daß er nicht floh.
Er prüfte oftmals Herz und Sinn
Und suchte Aenderung darin
Und fand doch nichts darinne,
Als Isolde stäts und Minne.

Nicht anders war es mit Isot,
Sie versucht' es auch mit großer Noth,
Der alle Freude verschwand,
Als sie den Leim hatt erkannt
Der verlockenden Minne
Und sah, daß ihre Sinne
Darin befangen waren.
Sie wollte sich noch wahren
Und strebte los aus ihrem Bann:
So klebte stäts der Leim ihr an
Und zog sie wieder nieder.
Die Schöne stritt dawider
Und sträubte sich noch Schritt für Schritt;
Gar ungern folgte sie mit.
In mancher Weise fieng sies an,
Mit Füßen jetzt, mit Händen dann:
Sie wehrt' und sperrte sich gar sehr,
Und versenkte so nur mehr
Die Hände und die Füße
In die verfangende Süße
Des Mannes und der Minne.
Die festgeleimten Sinne
Mochten sich nicht mehr bewegen,
Seis zu Brücken, seis zu Stegen
Mit halbem Fuß noch halbem Schritt,
Daß nicht die Minne folgte mit.
Was auch Isot gedachte
Und sich Gedanken machte,
So war nicht dieß noch das daran
Als Minne nur und Tristan;
Und geschah das all verschwiegen.
Doch sehr im Streite liegen
Musten Herz und Augen dort:
Trieb die Scham die Augen fort,
Die Minne fand das Herz bereit.
Dieser Paare Widerstreit,
Magd und Mann, und Scham und Minne,
Es verwirrt' ihr gar die Sinne.
Die Magd begehrte den Mann,
Und warf die Augen hinan;
Da Scham nur wollte minnen,
Daß es Niemand würde innen.
Was mocht es helfen? Scham und Magd,
Wie alle Welt es weiß und sagt,
Die sind gar ein schlüpfrig Ding,
Von Ausdauer so gering,
Daß sie nicht lange widerstehn.
Isot ließ sich den Krieg vergehn
Und that nach ihrer Sache Stand:
Sieglos ergab sie allzuhand
Sich selbst und ihre Sinne
Dem Mann und der Minne.
Sie wandte oft nach ihm die Blicke
Und fragte kaum ob es sich schicke:
Ihre klaren Augen und ihr Sinn
Lebten so in Frieden hin.
Ihr Herz ward hingezogen
Und ihre Augen flogen
Und weilten lieblich bei dem Mann.
Der Mann sah sie wieder an
Mit innigen Geberden.
Er begann auch laß zu werden,
Da ihm Minne sonst nicht Ruhe lieh.
Mann und Magd, so gaben die
Zu jeder Zeit, zu jeder Stund,
Da ihnen nichts im Wege stund,
Einander Augenweide.
Die Geliebten deuchten Beide
Einander schöner als zuvor.
Das bringt der Minne Macht hervor:
So ist es heur, wars vorig Jahr,
So ists so lang die Minne war
Bei den Gelieben allen,
Daß sie sich mehr gefallen,
Wenn wachsend Liebe sie bezwingt,
Die Blumen und den Wucher bringt
Lieblicher Süßigkeiten,
Als in den ersten Zeiten.
Die wucherbringende Minne
Verschönt sich nach dem Anbeginne.
Das ist der Same, den sie sät,
Durch den sie nimmer vergeht.

Viel schöner dünkt sie nach wie vor:
So kommt die Minne recht in Flor.
Es schwände bald der Minne Flor,
Bedäuchte Minne nach wie vor.

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