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Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 14
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
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XIII. Der Drachenkampf.

                     

Zu Frieden ist Tristan gekommen;
Doch hat noch Niemand vernommen,
Wie er die Braut gedenkt zu holen:
Das bleibt euch länger nicht verhohlen
Eh euch die Geduld gebricht.
Diese Märe sagt und spricht
Von einem Serpande,
Der damals haust' im Lande.
Diese leide Teufelsschlange
Hatte Land und Leute lange
Mit so schädlichem Schaden
So schädlich überladen,
Daß der König einen Eid
Bei königlicher Sicherheit
Geschworen hatte, wer das Leben
Ihm nahm, sein Kind woll er ihm geben
Wär er von ritterlichem Stand.
Als dieß Verheißen ward bekannt,
Verloren Tausende den Leib
Um das wonnigliche Weib,
Die hin zum Kampfe kamen
Und da ihr Ende nahmen;
Der Märe war ganz Irland voll.
Auch unser Tristan wust es wohl:
Das gab ihm Muth und trieb ihn an,
Daß er diese Fahrt begann:
Darauf stand seine Zuversicht;
Andre Hoffnung hatt er nicht.
So wäre Zeit denn, daß ers wagte.

Des andern Morgens, als es tagte,
Waffnet' er sich also wohl,
Als ein Mann in Nöthen soll.
Ein starkes Ross bestieg er leicht;
Darauf ward ihm ein Sper gereicht,
Der groß war und feste,
Der stärkste und der beste,
Den man in dem Kiele fand.
Dann ritt er seines Wegs durchs Land
Über Feld und Gefilde
Und nahm in der Wilde
Manchen Weg durch Berg und Thal.
Als heißer ward der Sonnenstral,
Trieb er das Ross mit Sporen an
Und ritt ins Thal Enfer ginant,
Das heißt zu deutsch im Höllenspalt:
Da war des Drachen Aufenthalt.
Dem nahend sah er schnell hindann
Vier gewaffnete Mann
Über Stock und über Stein,
Über Hals und Kopf wohl obendrein,
Fliehend galoppieren.
Der Eine von den Vieren,
Der Truchsäß wars der Königin
Der deuchte sich in seinem Sinn
Der jungen Königin Amis,
Obwohl sie selbst ihn so nicht hieß;
Und wenn die Mannheit Einen trieb,
Der verheißnen Braut zu Lieb
Den grimmen Drachen zu bestehn,
So ließ sich auch der Truchsäß sehn,
Nur daß man von ihm sage,
Daß er sich auch hinwage,
Wo man auf Abenteuer reite.
Das war das Lange und das Breite,
Denn er ersah den Drachen kaum,
So floh er mit verhängtem Zaum.

Tristan ward gar wohl gewahr
An der fliehenden Schar,
Der Drache wär nicht weit von dort.
Da ritt er seines Weges fort
Und ritt nicht lange bis er da
Seiner Augen Ungemach ersah,
Den scheuslichen Drachen;
Der warf aus seinem Rachen
Rauch und Flammen, glühen Wind,
Recht so wie des Teufels Kind,
Und fuhr gerad auf ihn daher.
Tristan senkte seinen Sper,
Das Ross er mit den Sporen nahm,
Indem er hergeschoßen kam
Und mit dem Spere nach ihm stach,
Daß der ihm durch den Rachen brach
Und bis aufs Herz hernieder schoß,
Dieweil er selber mit dem Ross
So heftig auf den Drachen stieß,
Daß er das Ross todt liegen ließ
Und Er lebendig kaum entrann.
Der Drache fiel es wieder an
Mit Schnauben und mit Feuer,
Daß es das Ungeheuer
Bis an den Sattel hin verzehrte.
Der Sper jedoch, der ihn versehrte,
Ängstigte den Drachen so,
Daß er von dem Rosse floh
Und in ein Steingeklüfte glitt.

Tristan, sein Kampfgeselle, ritt
Ihm hurtig nach auf seiner Spur,
Indes voraus sein Opfer fuhr
Und so im Unmuth brüllte,
Daß es den Wald erfüllte
Mit grauenvoller Stimme
Und Büsche viel im Grimme
Verbrannt' und aus der Erde schlug.
Das trieb er lange genug,
Bis der Schmerz ihn überwand,
Daß er unter einer Felsenwand
Sich in der Nähe drückte.
Tristan das Schwert erzückte
Und wähnt', er wär zum Tod verletzt:
Nein, er ward furchtbarer jetzt,
Denn er zuvor gewesen.
Doch hofft' er zu genesen
Und griff den Drachen wieder an;
Der Drache wiederum den Mann,
Und bracht ihn in so große Noth,
Er wähnte schon, er wäre todt.
Er ließ zu keiner Wehr ihn kommen:
Er hatt ihm ganz und gar benommen
So die Streiche wie die Wehr.
Er war ihm an sich selbst ein Heer:
Er führte mit sich in den Kampf
Ja den Rauch und den Dampf
Nebst andrer Hülf und Steuer
An Streichen und an Feuer,
An Zähnen und an Griffen;
Die waren wohlgeschliffen
Und schnitten wohl noch beßer
Als das allerschärfste Meßer.
Mit diesen trieb er quer und krumm
In großer Noth ihn um und um.
Er wich von Baum zu Busche
Nur daß er sich vertusche
Und hüte seines Lebens;
Denn Kampf war hier vergebens.
Und doch hatt er ihn so sehr
Versucht mit Kehr und Wiederkehr,
Daß ihm der Schild vor der Hand
Schier zu Kohlen war verbrannt;
Denn mit Feuer griff der Feind ihn an,
Daß er kaum vor ihm entrann.

Doch währt' es nicht mehr lange,
Die mordliche Schlange
Muste wider Willen dran,
Daß sie zu taumeln begann
Denn so schmerzte sie der Spieß,
Daß sie sich wieder niederließ
Und wand sich angst und bange.
Tristan verzog nicht lange,
Im Fluge ritt er daher
Und stach das Schwert zu dem Sper
Ihm ins Herz bis an die Hand.
Da stieß der leide Serpant
Einen Schrei so donnerstimmig,
So greulich und so grimmig
Aus seinem schnöden Schlunde,
Als gieng' die Welt zu Grunde;
Daß von dem mordlichen Schall
Das Thal erdröhnt' im Widerhall
Und Tristan selber sehr erschrak.
Als nun das Scheusal vor ihm lag
Und er sah, es wäre todt,
Den Schlund erbrach er mit Noth
Und großer Müh dem Drachen,
Und schnitt ihm aus dem Rachen
Die Zunge mit dem Schwerte
So tief er sie begehrte.
In seinen Busen er sie stieß,
Den Schlund sich wieder schließen ließ.

Da eilt' er nach der Wildniss hin
Und hatte dieß dabei im Sinn:
Sich verbergen wollt er dort,
Tagüber ruhn am stillen Ort,
Und kehrt' ihm seines Leibes Macht,
So wollt er beim Beginn der Nacht
Zu seinen Landgesellen wieder.
Allein die Hitze zog ihn nieder,
Die ihn von des Kampfes Hast
Und von des Drachen Glut erfaßt:
Die macht' ihn so zu Schanden,
Daß ihm die Kräfte schwanden
Und er kaum noch mochte leben.
Nun sah er eine Lache schweben,
Schmal und auch nur mäßig lang,
In die aus einem Felsen sprang
Ein kühles klares Brünnelein.
Er fiel in voller Wehr hinein
Und senkte sich bis auf den Grund,
Daß nur außen blieb der Mund.
Den Tag da lag er und die Nacht;
Ihm benahm des Leibes Macht
Die leide Zunge, die er trug:
Denn ihr Dunst, der an ihn schlug,
Der macht ihn ganz allein so gar
Der Kräfte und der Farbe bar,
Daß er nicht aus der Lache kam
Bis ihn hervor die Köngin nahm.

Der Truchsäß, der, wie schon gesagt,
Isot der seligen Magd
Freund und Ritter gerne wär,
Dem begannen die Gedanken sehr
Sich zu blähn und anzufüllen
Von des Drachen Brüllen,
Als das so laut und grausenvoll
Über Wald und Feld erscholl.
Er las es all in seinen Sinn
Was sich begeben bis dahin
Und dachte: »Er ist wahrlich todt,
Oder doch in so großer Noth,
Daß Ich es mag vollbringen,
Ihn völlig zu bezwingen.«
Von jenen Dreien er sich stahl,
Ritt eine Hald im Schritt zu Thal,
Und eilte sich dahin zu kommen,
Von wo er jenen Schrei vernommen:
Und als er sah das Ross da todt,
Da war ihm eine Ruhe Noth.
Er hielt sich bei ihm lange
Kleinmüthig auf und bange,
Denn schon die kurze Strecke
Füllt' ihn mit Angst und Schrecke.

Als ihm gelang die Furcht zu stillen,
Ritt er, nicht ganz mit freiem Willen,
Erschrocken und in großer Noth
Dahin, wo sich der Anblick bot,
Daß das Gras und das Laub
Versengt war als des Feuers Raub.
Nicht lang mehr dauert' es da,
So stieß er, eh er sichs versah,
Auf den Drachen, da er lag,
Und er, der Truchsäß, erschrak
Davon so entsetzlich:
Er hätte schier plötzlich
Einen Schuß zur Erde genommen,
Weil er an den Ort gekommen
Und ihm so nah geritten war.
Doch jetzt bestand er die Gefahr
Und warf so schnell herum das Ross,
Daß es mit ihm zu Boden schoß,
Auf Einen Haufen Ross und Mann.
Als er sich erhob alsdann,
Ich meine von der Erden,
Mocht ihm die Kraft nicht werden
Vor Schrecken, der ihn plagte,
Daß er nur so viel wagte,
Daß er zu Pferde säße.
Der leide Truchsäße
Ließ das Ross stehn und entwich.
Doch merkt' er Niemand hinter sich:
Da stand er still und schlich herwieder,
Griff nach dem Sper zur Erde nieder;
Das Rösslein zog er bei dem Zaum
Zu einem windgefällten Baum,
Von dem er bald zu Rosse saß
Und seines Schadens vergaß.
Schon sprengt' er dort von fern heran
Und sah den Drachen wieder an
Und blickt' ihm dreist ins Angesicht,
Ob er lebte oder nicht.

Als er ihn verendet sah,
»Heil, so Gott will!« sprach er da,
»Aventür ist hier gefunden:
Ich kam zu guter Stunden
Und mir zum Heile hieher.«
Hiermit so neigt' er den Sper
Und den Zügel verhängend,
Sein gutes Ross ersprengend
Begann er zu punieren,
Punierend zu croijieren:
»Chevalier, Demoisele,
Ma blonde Isot, ma bele!«
Er stach auf ihn mit solcher Kraft,
Daß der starke Eschenschaft
Flugs ihm durch die Finger glitt.
Daß er jedoch nicht weiter stritt,
Das geschah allein aus dieser List:
»Wenn er am Leben«, dacht er, »ist,
Der diesen Drachen hat erschlagen,
So kann mirs keine Früchte tragen
Was ich hier will beginnen.«
Da wandt er sich von hinnen
Und ritt suchend her und hin
In der Absicht, wenn er ihn
Finden möcht an einer Statt
So verwundet oder matt,
Daß er ohne Gefährde
Des Feinds erledigt werde,
So wollt er ihn erschlagen haben,
Den Erschlagenen begraben.
Als er ihn aber nirgend fand,
»Laß fahren«, dacht er zuhand,
»Erstarb er oder lebt er noch,
Den ersten Anspruch hab ich doch:
Wer wiese mich von dannen?
Ich habe Freund und Mannen
Und bin so werth und so genehm,
Wer auch mir in die Quere kam,
Er hätte doch das Spiel verloren.«
Er ritt und gab dem Pferd die Sporen
Zu seinem Widersacher wieder
Und sprang vor ihm zur Erde nieder.
Er fieng da wieder an den Streit,
Wo er ihn ließ vor kurzer Zeit:
Mit dem Schwerte, das er trug,
So lange pickt' er und schlug
Bald hier, bald da den Widerpart,
Bis der hier und da verschunden ward.
Er versucht' es an dem Kragen:
Den hätt er gern ihm abgeschlagen;
Doch fand er ihn so hart und dick,
Ihn verdroß der Müh im Augenblick.
Da zerbrach er seinen Sper in Eil
Und steckte das vordre Theil
Dem Drachen zu der Gurgel ein:
So schien es ein Tiost zu sein.

Den Spaniol bestieg er drauf,
Frohgemuth in vollem Lauf
Gen Weisefort zu reiten.
Da hieß er sich bereiten
Einen viergeschirrten Doppelwagen,
Der das Haupt sollte tragen,
Und lief und sagte Märe,
Wie ihm gelungen wäre
Und was er Ängste hab erlitten
Und welchen kühnen Kampf gestritten.
»Ja all die Welt, wie groß sie wär,
Sie biete nur die Ohren her,
Und komm und seh das Wunder an,
Was Alles der beherzte Mann
Und der unerschrockne Muth
Um liebes Weibes Willen thut.
Daß ich der Noth, in der ich war,
Entronnen bin und der Gefahr,
Das wundert und das wundert mich,
Und weiß dabei auch sicherlich,
Wär ich wie Andre sanft gewesen,
Ich wäre nimmermehr genesen.
Wie er auch hieß, der arme Gauch,
Ein Abenteurer, der auch
Aus auf Abenteuer ritt,
Der war, bevor ich mit ihm stritt,
Zu seinem Unglück hingekommen
Und hat sein Ende da genommen.
Gott hatte sein vergeßen.
Alle beide sind gefreßen,
Ross und Mann ist Alles mort.
Das Ross liegt noch zur Hälfte dort,
Versengt und zerbißen.
Was braucht ihr mehr zu wißen?
Mehr Noth erlitt ich hieran,
Als je um Frauen litt ein Mann.«
Mit seinen Freunden allzumal
Besucht' er dann des Drachen Thal,
Daß sie das Wunder schauten.
Auch bat er die Vertrauten,
Daß sie ihm Zeugniss böten
Von den bestandnen Nöthen.
Das Haupt dann führt' er dannen.
Blutsfreund' und Mannen
Lud er und besandt er;
Zu dem König rannt er
Und mahnt' ihn an sein Königswort.
Hierüber ward nach Weisefort
Ein Tag beraumt dem ganzen Land.
Zugleich ward auch das Land besandt,
Die Landbarone mein ich.
Da rüsteten sie Alle sich
Zu dem Tage, der da war benannt.

Nun ward den Frauen auch bekannt
Am Hofe diese Neuigkeit.
Die Marter und das bittre Leid,
Die sie da hatten auszustehn,
Ward noch an Frauen nie gesehn.
Die süße, schöne Magd Isot
War recht in ihrem Herzen todt;
Noch sah sie nie so leiden Tag.
Ihre Mutter Isot zu ihr sprach:
»Nein, schöne Tochter, laß die Schmerzen,
Nimm dieß dir nicht so sehr zu Herzen;
Denn mag es nun die Wahrheit sein
Oder eitel Trug und Schein,
Wir wollen schon dazwischen fahren;
Auch wird uns Gott davor bewahren.
Nicht weine, Tochter meine:
Die klaren Augen deine
Sollen nimmer werden roth
Um also nichtige Noth.«
»Ach, Mutter«, sprach die Schöne,
»Schände nicht und höhne
So deinen Adel, Frau, und dich.
Eh ich gehorchte, sicherlich
Mein Herz träf eines Meßers Klinge.
Eh sein Will an mir ergienge
Nähm ich mir Leben und Leib.
Nie soll er an Isot ein Weib,
Noch eine Fraue je gewinnen,
Er brächte mich denn todt von hinnen.«
»Nein, schöne Tochter, fürcht es nicht.
Was Er hievon, was Jemand spricht,
Das ist allzumal verloren:
Und hätt es all die Welt geschworen,
So wird der Truchsäß nie dein Mann.«

Als es zu nachten begann
Und um der Tochter Ungemach
Bei den geheimen Künsten nach
Die weise Königin frug
(Sie wuste deren genug),
Da sagt' ihr bald ein Gesicht,
Ergangen sei es also nicht,
Wie Schall und Ruf besagte.
Darauf, so bald es tagte,
Rief sie schon Isolden zu:
»Ach, süße Tochter, wachest du?«
»Ja«, sprach sie, »liebe Mutter mein.«
»Kind, so laß die Ängste sein,
Ich will dir liebe Märe sagen.
Er hat den Drachen nicht erschlagen:
Was auch den Fremdling zu uns trug,
Es war ein Gast, der ihn erschlug.
Wohlauf, wir wollen selber gehn
Und schauen wie die Sachen stehn.
Steh nun auf, Brangäne, leis
Und befiehl dem Knappen Paraneis,
Uns die Pferde zu bereiten.
Wir Viere müßen reiten,
Ich und Isolde, du und Er.
Die Pferde soll er uns hieher,
So schnell ers möge zwingen,
Ans geheime Pförtchen bringen,
Wo des Baumgartens Ende
An Feld rührt und Gelände.«

Nun, dieß geschah nach ihrem Sinn.
Sie saßen auf und ritten hin,
Wo nach der Leute Sagen
Der Drache war erschlagen.
Als sie nun dort das Ross ersahn
Und das Reitzeug daran
Genauer sich betrachteten,
Die klugen Vier erachteten,
Sie hätten Reitzeug alsoschön
In Irland nimmer noch gesehn,
Und kamen also überein,
Wer er sonst auch möge sein,
»So hat der den Wurm erschlagen,
Den dieses Ross hat hergetragen.«

Sie ritten weiter durch den Wald
Und stießen auf den Drachen bald.
Nun war des Teufels Genoß
So ungeheuer und so groß,
Daß die lichte Frauenschar
Todtenbleich zu schauen war,
Als sie das Ungethüm ersah.
Zur Tochter sprach die Mutter da:
»Ach, wie sicher ich des bin,
Der Truchsäße, daß er ihn
Sich nicht getraute zu bestehn!
Laß dir die Sorgen all vergehn,
Und wiße, Tochter Isot,
Er sei am Leben oder todt,
So ahnet mir fürwahr, er sei
Verborgen hier ganz nahebei;
Das weißagt mir der Muth.
Mithin, bedünkt es dich gut,
Müßen wir uns ans Suchen geben,
Ob Gott das Heil uns läßt erleben,
Daß wir ihn irgend finden
Und mit ihm überwinden
Die grundlose Herzensnoth,
Die uns ängstigt wie der Tod.«
So ward alsbald beschloßen:
Die vier Fahrtgenoßen
Ritten von einander fort;
Die suchte hier, die andre dort.

Nun ergieng es wie es sollte
Und das Verhängniss wollte,
Die junge Königin Isot,
Daß die ihr Leben, ihren Tod,
Ihre Wonn und ihre Pein
Zuerst erblickte von den Drein.
Von seinem Helme gieng ein Glast,
Der verrieth ihr den Gast.
Als sie den Helm hatt erschaut,
Der Mutter rief sie überlaut:
»Frau, eile dich und reit fürbaß;
Dahinten glänzt, ich weiß nicht was.
Es ist recht wie ein Helm beschaffen;
Gewiss, ich sah ihn in den Waffen.«
»In Treuen«, sprach die Mutter froh,
»Es dünkt mich, Tochter, ebenso.
Gott erhört unser Flehn:
Nach Dem wir suchen und spähn,
Den haben wir gefunden dort.«
Die Zweie riefen sofort
Die beiden Andern auch herbei
Und ritten schauen Wer es sei.

Als so bei ihrem Nahen
Die Vier ihn liegen sahen,
Sie wähnten all, er wäre todt.
»Er ist todt«, sprach jegliche Isot.
»Unsre Hoffnung ist dahin.
Der Truchsäße hat ihn
Meuchlings ermordet und erschlagen
Und hat ihn in dieß Moor getragen.«
Da stiegen von den Rossen
Die vier Fahrtgenoßen
Und zogen ihn heraus ans Land.
Sie entstrickten ihm des Helmes Band,
Die Kuppe hoben sie hindann;
Isot, die weise, sah ihn an
Und sah wohl, daß er lebte
Und doch sein Leben schwebte
Wie an einem dünnen Haar.
Sie sprach: »Er lebt, er lebt fürwahr.
Helft nur, und entwaffnet ihn;
Wenn ich dann so glücklich bin,
Daß er nicht Todeswunden hat,
So wird wohl noch für Alles Rath.«

Als die drei Schönen insgemein,
Dieser lichte Verein,
Den Armen, Elenden
Mit schneeweißen Händen
Der Waffen entbanden
Und da die Zunge fanden,
»Sieh«, sprach die Königin Isot,
»Was ist das hier so dunkelroth?
Brangäne, Herzensnichte, sprich!«
»Eine Zunge, dünket mich.«
»Du hast ganz Recht, Brangäne;
Und ist es wie ich wähne,
So war es die des Drachen:
Unser Heil will erwachen.
Herzenstochter, Schön Isot,
Ich weiß es sicher wie den Tod,
Auf die rechte Spur sind wir gekommen:
Ihm hat die Zunge benommen
Die Kraft zumal und den Sinn.«
Vollends entwaffneten sie ihn,
Und als sie weder Wunden
Noch Hieb' an ihm gefunden,
Wie wohl den Frauen all geschah!
Theriak nahm die Weise da,
Der alle Heilkunst war ein Spiel,
Und flößt' ihm ein davon so viel,
Daß er zu schwitzen begann.
»Er will genesen«, hub sie an:
»Beginnt der Dunst erst auszuziehn,
Der von der Zunge fiel auf ihn,
So wird er sprechen und uns sehn.«
Das war auch alsobald geschehn.
Er lag nicht lang bis es geschah,
Daß er beides auf und um sich sah.

Als er der wonnigen Schar
Ob und um ihn ward gewahr,
Er gedacht in seinem Muthe:
»Ach, Herre Gott, der gute,
Du hast in Treuen mein gedacht:
Drei Lichter stehn um mich zur Wacht,
Die schönsten, die die Erde hat,
Vieler Herzen Trost und Rath
Und manches Auges Wonne:
Isot, die lichte Sonne,
Und ihre Mutter Isot,
Das fröhliche Morgenroth;
Die stolze Brangäne,
Der Vollmond gegen jene.«
Hiemit erstarkt' er und sprach,
Doch schwach mit schwacher Stimme: »Ach,
Wer seid ihr und wo bin ich?«
»Ach, Ritter, magst du sprechen? sprich:
Wir helfen dir zu deiner Noth«,
Sprach die sinnige Isot.
»Ja, süße Herrin, selig Weib;
Doch weiß ich nicht, wie mir der Leib
Und alle Kraft in kurzer Frist
Benommen und geschwunden ist.«
Die junge Isot sah ihn an:
»Tantris ists, der Spielmann«,
Sprach sie, »wenn ich je ihn sah.«
Die beiden andern sprachen da:
»Das dünkt mich auch, bei meiner Treu.«
Die weise Köngin sprach aufs Neu:
»Bist du es, Tantris?« – »Herrin, ja.«
»So sage«, sprach die Weise da,
»Von wannen kommst du her und wie,
Und was ist dein Gewerbe hie?«
»Seligste der Frauen,
Ihr mögt wohl selber schauen,
Meine Kräfte reichen leider nicht,
Daß ich ausführlichen Bericht
Euch nach der Ordnung möge sagen.
Laßt mich führen oder tragen
Gott zu Lieb an eine Stätte,
Wo mich Jemand pfleg und bette
Nur diesen Tag und diese Nacht.
Komm ich zu meines Leibes Macht,
So thu ich Alles gern und sage
Was euch geliebe und behage.«

Da nahmen Tristanden
Die Viere zu Handen,
Und hoben ihn zu Ross alsbald.
Sie ritten mit ihm aus dem Wald,
Und brachten ihn so heimlich ein
Durch ihr Geheimthürlein,
Daß von ihrer ganzen Fahrt
Niemand nichts nur inne ward.
Da fand er Hülf und auch Gemach:
Die Zunge, die ich oft besprach,
Sein Eisenwerk und all sein Ding,
Nicht Faden mangelt' ihm noch Ring.
Sie hatten Alles mit hindann
Geführt, die Rüstung wie den Mann.

Als nun der andre Tag erschien,
Ins Gebet nahm ihn die Königin.
»Nun Tantris«, sprach sie, »sage mir,
Bei den Gnaden, die ich dir
Jetzt und das erstemal erwies,
Daß ich dich zwier genesen ließ,
Und bin dir willig und geneigt
Wie du dich Deinem Weib gezeigt:
Wann kamst du her gen Irland?
Wie erschlugst du den Serpant?«
»Herrin, ich wills euch sagen:
Ich kam in diesen Tagen,
Erst drei Tage sind es heute,
Ich und andre Kaufleute,
In diesen Hafen mit dem Kiel,
Als am Gestad uns überfiel
Ich weiß nicht welches Räuberheer:
Die hätten uns, wenn ich nicht wär
Mit meinem Gut zuvorgekommen,
Das Leben zu dem Gut genommen.
Nun ist es so mit uns bewandt,
Daß wir manches fremde Land
Heimsuchen müßen und beschaun,
Und nicht wißen Wem vertraun,
Da Jeder gern Gewalt uns thut.
Drum dacht ich, wär mir nichts so gut,
Als wenn es mir gelänge,
Durch eine That der Menge
Beliebt zu werden und bekannt,
Da Kundschaft nur in fremdem Land
Den Kaufmann reich machen kann.
Dieß war es, Frau worauf ich sann,
Denn lange war von dem Serpant
Mir die Märe wohlbekannt
Und darum nur erschlug ich ihn:
Ich hoffe, daß ich fürderhin
Bei diesem Landgesinde
Frieden und Gnade finde.«

»Fried und Gnade«, sprach Isot,
»Sein mit dir bis an den Tod,
Und Ehr auch und Gelingen.
Du bist zu guten Dingen
Uns und dir selbst hieher gekommen.
Was nun dein Herz zum Ziel genommen,
Das ist gethan, ich schaff es dir
Von meinem Herren und von mir.«
»Dank, Herrin! So ergeb ich mich
Meinen Kiel denn und mich
Gänzlich an eure Treue.
Seht, daß mich nicht gereue,
Daß ich Gut zumal und Leben
An eure Treue hab ergeben.«

»Tantris, das soll es nicht fürwahr;
Sei nur außer Sorgen gar
Um dein Gut und dein Leben.
Sieh, meine Treue will ich geben
Und meine Ehr in deine Hand,
Daß dir nie in Irland
Leid geschieht Zeit meines Lebens.
Eins bät ich gerne nicht vergebens:
Daß uns guten Rath dein Mund
Thät in einer Sache kund,
An der mir Heil und Ehre hängt.«
Und sagt' ihm Alles kurz gedrängt,
Wie sich der Truchsäße
Dieser That vermäße,
Und gern nun vor der Menge
Isotens Hand erzwänge,
Bereit die Lügenmären
Im Kampfe zu bewähren,
So ihm der Gegner käme,
Der seinen Handschuh nähme.

»Selge Herrin«, sprach Tristan,
»Laßt euch keine Sorge nahn.
Ihr habt mir zweimal Leib und Leben
Nun mit Gott zurückgegeben:
So sollen sie für euer Recht
Gerne kämpfen dieß Gefecht,
Und euch zu allen Nöthen frommen,
So lang sie mir zu Statten kommen.«
»Gott lohn es, lieber Tantris!
Des bin ich gern an dir gewiss,
Und will dir offen eingestehn,
Wenn dieser Greuel sollt ergehn,
So wären wir, Ich und Isot,
Mit lebendgem Leibe todt.«
»Nein, Herrin, thut die Rede hin!
Da ich in euerm Frieden bin,
Und auf eure Ehre habe
Gestellt das Leben wie die Habe,
Und ihr allein vertrauen soll,
So gehabt euch, traute Herrin, wohl.
Helft ihr nur zum Leben wieder,
All eure Sorgen leg ich nieder.
Und sagt mir, Frau, ist euch bekannt,
Ob die Zunge, die man bei mir fand,
Im Wald blieb? Ich vermisse sie.«
»In Treuen, nein, die hab ich hie
Und Alles was dir sonst noch Noth.
Ich und mein schönes Kind, Isot,
Wir brachten Alles dir hindann.«
»Das wird uns frommen«, sprach Tristan.
»Wohlan denn, selge Königin,
Legt alle eure Sorgen hin
Und helft mir zu des Leibes Macht;
Das Übrige wird leicht vollbracht.«

Da pflegten ihn die Beiden
Ohn alles Unterscheiden,
Die beiden Königinnen;
Und was sie nur ersinnen
Konnten, das zu Frommen
Seinem Leibe mochte kommen,
Des flißen sie sich jederzeit.

Inzwischen hatte großes Leid
Im Kiel die Kielgenoßenschaft,
Die meist in ihrer Sorgen Haft
Schon ihr Spiel verloren gaben.
Sie meinten schon verspielt zu haben,
Da sie in den zweien Tagen
Nichts hatten von ihm hören sagen,
Wohl aber des Gerüchtes Schall
Vernommen von des Drachen Fall.
Geredes ward auch viel getrieben,
Ein Ritter wäre todt geblieben;
Sein halbes Ross noch läge dort.
Die Gefährten dachten da sofort:
»Wer wär das anders als Tristan?
Fürwahr, kein Zweifel ist daran,
Hätt ihm der Tod es nicht benommen,
Er war wohl längst zurückgekommen.«

Da sannen sie ein Mittel aus
Und sandten Curvenal hinaus,
Das Ross zu schaun in jenem Thal.
Das geschah, dahin ritt Curvenal.
Er fand es und erkannt es bald.
Da ritt er weiter durch den Wald;
Den Drachen fand er auch zuhand,
Und als er da nichts weiter fand
Von allen seinen Dingen,
Von Gewand und Harnischringen,
Große Sorge fiel ihn an.
Ach, dacht er, lieber Herr, Tristan,
Bist du am Leben oder todt?
»Weh«, rief er aus, »o weh Isot,
O weh, daß deines Lobes Schall
Je drang zum Lande Cornewal!
Daß deine Schön und süße Huld
Ward an solchem Schaden Schuld
Des besten Manns von Rittersart,
Dem Schildesamt verliehen ward,
Weil ihm dein Reiz zu wohl gefiel.«

So kehrt' er wieder zu dem Kiel
Weinend und klagend
Und seine Märe sagend,
Wie er sie hatt erfahren.
Diese Mären waren
Da Vielen ein Missfallen,
Jedoch nicht ihnen Allen.
Diese schweren Mären
Mochten Alle nicht beschweren,
Da sie Vielen da gefielen;
Doch sah man auch an Vielen
Großes Leid darum, und zwar
War dieses noch die gröste Schar.
So war ihr Willen und ihr Muth
Verschieden, übel oder gut,
Daß der so entzweite Kiel
In Haufen unter sich verfiel,
Die anders sprachen, anders dachten.
Die zwanzig Barone machten
Sich kein großes Leid um ihn,
Ob er auch verloren schien.
Sie dachten so hinwegzukommen;
Kein länger Harren möge frommen,
War ihre Meinung insgemein.
Die Zwanzig mein ich allein,
Die all gesonnen waren
In der Nacht hinwegzufahren;
Die Andern riethen jedoch,
Zu bleiben und erst beßer noch
Zu forschen nach der Märe,
Wie es ihm ergangen wäre.
So sah man da gezweiten Sinn:
Diese führen gerne hin;
Des Bleibens wären jene froh.
Zuletzt verglichen sie sich so:
Da noch sein Tod nicht sicher war
Oder kund und offenbar,
So wollten sie noch bleiben,
Ihr Forschen ferner treiben
Und ihr Fragen noch zwei Tage.
Das war der Herrn Barone Klage.

Nun war der Tag auch angebrochen,
Der gen Weisfort war gesprochen,
Den Gurmun hatt entboten,
Über den Truchsäß und Isoten,
Sein Kind, Beschluß zu faßen.
Gurmuns Untersaßen,
Seine Freund und Mannen all,
Die er um Rath in diesem Fall
Entboten hatte und besandt,
Die waren Alle da zur Hand.
Zu Rathe zog er Mann für Mann
Und gieng so dringlich Jeden an,
Daß man wohl an Allem sah,
Nichts Geringres gält es da,
Als die Ehre zu behüten.
Auch ließ er in den Rath entbieten
Sein liebes Weib, die Königin:
Der trug er billig Lieb im Sinn,
Denn er hatt an Ihr allein
Zwei Seligkeiten im Verein,
Die allerhöchsten, die der Mann
An liebem Weibe finden kann:
Schönheit und Weisheit: die besaß
Sie alle beid in solchem Maß,
Er war mit vollem Recht ihr hold.
Die selge Königin Isold,
War auch, die schöne weise, da.

Als sie ihr Freund, der König, sah,
Er zog beiseit sie und begann:
»Was räthst du«, sprach er, »sag mir an?
Mich ängstets wie der bleiche Tod.«
»Seid guter Dinge«, sprach Isot,
»Unsre Ehre bleibt hier ungemindert,
Das hab ich Alles schon verhindert.«
»Wie, Herzensfrau, sage mir,
So freu ich mich doch auch mit dir.«
»Unser Truchsäß, wie er spricht,
Seht, der schlug den Drachen nicht,
Und der ihn schlug, den weiß ich wohl,
Und bewähr es, wenn ich soll.
So legt all eure Sorgen nieder
Und geht zu euerm Rathe wieder:
Sagt ihnen Allen und sprecht,
Wenn sich des Truchsäßen Recht
Bewährt und seine Würdigkeit,
So löst ihr willig euern Eid,
Der dem Lande sei geschehn.
Heißt sie Alle mit euch gehn
Und setzt euch hin, zu richten;
Fürchtet euch mit Nichten.
Laßt den Truchsäßen klagen
Und sagen was er hat zu sagen.
Ist es dann zu sprechen Zeit,
So bin ich mit Isold nicht weit,
Und gebietet ihrs, so spreche ich
Für euch, Isolden und für mich.
Laßt es jetzt hiebei beruhn:
Ich will zu meiner Tochter nun;
Bald bin ich wieder mit ihr dort.«
Nach ihrer Tochter gieng sie fort.

In den Pallas gieng der König wieder,
Zum Gerichte saß er nieder
Und mit ihm viel Barone,
Des Landes Compagnone.
Da war viel schöne Ritterschaft,
Von Rittern große Heereskraft,
Die für des Königs Ehr und Namen
Nicht so sehr zu Hofe kamen,
Als weil sie gerne wollten sehn
Was da sollte geschehn
In so landkundgem Falle:
Das wunderte sie Alle.

Die seligen Isolden zwo,
Als sie mit einander so
In den Pallas giengen,
Da grüßten und empfiengen
Die Herren all die Süßen.
Inzwischen diesem Grüßen
Ward viel gesprochen und gedacht,
Zu Tage wunderviel gebracht
Von der Zwein Vollkommenheit.
Jedoch die Mutter und die Maid
Erstaunte minder noch die Menge,
Als wie's dem Truchsäß so gelänge.
Sie dachten, sprachen immerdar:
Nun schauet Alle, nehmet wahr:
Wird diesem heillosen Mann,
Der nimmer Heil noch gewann,
Diese heilbegabte Magd,
So ist ihm all das Heil ertagt,
Das ihm und irgend einem Mann
An einer Magd ertagen kann.

Als vor dem König sie erschienen,
Vom Sitze stand er auf vor ihnen
Und nahm sie freundlich neben sich.
»Nun, Truchsäß«, sprach der König, » sprich
Was du begehrst vor diesen Herrn?«
»Herr, König«, sprach der Truchsäß gern,
»Mein Begehr und meine Bitte
Ist, daß ihr königliche Sitte
Dem Land nicht brechen wollt an mir.
Gedenkt es euch, so sprachet ihr
Und bestärktet den Bescheid
Öffentlich mit euerm Eid:
Den Ritter, der mit seiner Hand
Allein erschlüge den Serpant,
Dem gäbet Ihr zum Solde
Eure Tochter Isolde.
Der Eid verderbte manchen Mann;
Ich aber sah das wenig an:
Weil mir die Maid am Herzen lag,
Hab ich das Leben oft gewagt
Viel fährlicher als je ein Mann,
Bis mir endlich so daran
Gelang, daß ich den Drachen schlug.
Ist es zum Erweis genug,
So seht ihr liegen hier das Haupt:
Ich bracht es her, daß man mir glaubt.
So thut nun eure Schuldigkeit:
Königswort und Königseid
Soll wahr und zuverläßig sein.«
»Truchsäß«, fiel die Köngin ein,
»Wer also reichlichen Sold
Wie meine Tochter Isold
Unverdient verlangen will,
In Treuen, der begehrt zuviel.«
»Ei«, sprach der Truchsäß, »ihr sprecht
Übel, Frau, und wider Recht.
Mein Herr, der hier entscheiden soll,
Der kann doch selber sprechen wohl:
So sprech er, und antworte mir.«
»Frau«, sprach der König, » sprechet Ihr
Für Euch, Isolde und für mich.«
»Dank, Herr, das werd ich sicherlich«,
Sprach sie mit klugem Sinne.

»Truchsäß, deine Minne,
Die ist lauter und gut.
Du hast so männlichen Muth:
Du bist wohl gutes Weibes werth.
Doch wer so hohes Lohns begehrt,
Auf den er keinen Anspruch hat,
In Treun, das dünkt mich Missethat.
Du hast dich einer That gerühmt,
Mit einer Mannheit geblümt,
An der du ganz unschuldig bist,
Wie mir zugeflüstert ist.«
»Frau, ihr sprecht, ich weiß nicht wie:
Ihr seht doch dieß Wahrzeichen hie.«
»Du hast ein Haupt hieher getragen:
Das konnt auch leicht ein Andrer wagen,
Wenn er dafür zum Solde
Verdienen mocht Isolde.
Doch mit so leichten Dingen
Mag man sie nicht erringen.«
»Nein«, sprach die junge Isot,
»Für also mäßige Noth
Bin ich nicht feil, nach meinem Sinn.«

»Ei, junge Frau Königin«,
Sprach der Truchsäß zu der Maid,
»Daß ihr mir so entgegen seid
Und mir die Noth mit argem Mund
Vergeltet, die ich manche Stund
Um eure Minne hab ertragen,
Das will ich fein im Sinne tragen.«
»Ob ihr mich minnet«, sprach Isold,
»Ich ward euch nie getreu noch hold,
Und wills euch wahrlich nimmer sein.«
»Ich weiß gar wohl«, fiel Jener ein,
»Ihr thut wie stäts die Weiber thun,
Denn so geschaffen seid ihr nun
Und geartet all an Sinn und Muth:
Das Arge dünkt euch immer gut,
Das Gute wieder dünkt euch arg:
Die Art sich noch an Keiner barg.
Ihr seid verkehrt in aller Weise:
Die Dummen haltet ihr für weise,
Die Weisen haltet ihr für dumm.
So macht ihr aus dem Graden Krumm
Und aus dem Krummen wieder Grad,
Um allen widersinngen Rath
An euer Seil zu faßen:
Ihr minnet, die euch haßen,
Und haßet, was euch minnet.
Wie seid ihr so gesinnet,
Daß nichts euch mag gefallen
Als das Widerspiel von Allem?
Daß das euch stäts ins Auge sticht!
Denn wer euch will, den wollt ihr nicht
Und wollet den, der euch nicht will.
Ihr seid das trüglichste Spiel,
Das Jemand auf dem Brete kann.
Es ist ein sinnbethörter Mann,
Der ohne Bürgen für ein Weib
Zu Markte tragen will den Leib.
Doch wendet mir das nicht den Sinn,
Was Ihr sprecht und die Königin:
Mir wird wohl anderer Bescheid,
Man breche mir denn Wort und Eid.«

Dagegen sprach die Königin:
»Wahrlich, Truchsäß, dein Sinn
Ist gar witzig und schlau.
Wer deine Reden genau
Zu prüfen weiß, der sieht wohl ein,
Sie sind in einem Kämmerlein,
In der Frauen Heimlichkeit erdacht.
Auch hast du sie so vorgebracht,
Wie ein Frauenritter soll.
Du kennst der Frauen Art gar wohl
Und bist so tief hinein gekommen,
Der Männer Art ist dir benommen.
Du hast auch dein Gefallen
An dem Widerspiel von Allem,
Und bewährst es mit der That:
Gar widersinnigen Rath
Hast du an dein Seil gefaßt,
Denn du minnest, was dich haßt
Und willst, was dich nicht haben will.
Das ist doch unser Frauenspiel:
Warum nimmst du des dich an?
So dir Gott, du bist ein Mann:
Laß uns Fraun doch unsre Art;
Du bist nicht wohl damit bewahrt.
Sei wie ein Mann gesinnet,
Und minne was dich minnet,
Was dich begehrt, begehre:
Dieß Spiel bringt Glück und Ehre.
Du klagst hier mit Schalle,
Daß Isold dir gefalle,
Du aber ihr nicht. O du Thor!
Das ist ihre Art: wer kann davor?
Sie läßt noch viel vorüberfliehn,
Das sich ihr wohl nicht würd entziehn,
Und manchen Mann verachtet
Sie ganz, der nach ihr schmachtet –
Wie du davon ein Beispiel bist –
Was ihr wohl angeartet ist.
Denn sieh, ich war dir auch nie hold,
Ich weiß, so hält es auch Isold;
Es ist ihr angeerbt von mir:
Du verlierst nur deine Minn an ihr.
Die Schöne, die reine,
Sie würde gemeine,
Wenn sie Jeden sollte
Minnen, der sie wollte.
Und was du sagst von dem Bescheid,
So wird der König seinen Eid
Gar gern an dir bewähren.
Sieh, daß du deine Mären
Und deine Reden so bewährst,
Daß du den Widerspruch bekehrst.
Verfolge deine Sachen.
Ich hörte von dem Drachen,
Ihn hab ein andrer Mann erschlagen.
Sieh, was du dazu wollest sagen.«
»Wer wäre der?« – »Ich weiß ihn wohl
Und will ihn bringen, wenn ich soll.«
»Frau, wer der Mann auch immer ist,
Der dieser Sache sich vermißt
Und mich von meinen Ehren
Mit Falschheit möchte kehren,
Wird mir Fug und Statt gegeben,
Ich wage gerne Leib und Leben
Wider ihn im Kampfgericht,
Wie mir der Hof das Urtheil spricht,
Hand wider Hand, und wende
Den Fuß nicht, eh ichs ende.«
»Das lob ich«, sprach die Königin,
»Wie ich dir gern auch Bürge bin,
Daß ich erfülle dein Begehr
Und dir zum Kampf ihn bringe her
Von heute vor dem dritten Tag,
Da ichs sogleich noch nicht vermag:
Denselben, der den Drachen schlug.«
Der König sprach: »Das ist genug.«
Die Herrn auch sprachen insgemein:
»Truchsäß, dieß mag genug dir sein.
Es ist auf kurze Zeit verschoben.
Geh hin, den Zweikampf zu geloben;
Die Köngin mag ein Gleiches thun.«
Der König nahm von Beiden nun
Das Wort und sichres Unterpfand,
Daß am dritten Tag von ihrer Hand
Der Kampf zu leisten wäre.
So beschloß sich diese Märe.

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