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Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 13
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
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XII. Brautwerbung.

                 

Was da Tristan gesagt
Hatte von der schönen Magd,
Der wonnigen auf Irenland,
Wie er es selber empfand –
Wer da in dem Kreise saß
Und in sein Herz die Worte las,
Dem versüßt' es sein Gemüthe
Wie des Maien Thau die Blüthe:
Sie gewannen Alle frohen Muth.

Tristan, der Jüngling wohlgemuth,
Begann nun wieder aufzuleben:
Das Leben war ihm neu gegeben,
Er war ein neugeborner Mann.
Er fieng erst zu genießen an,
Man sah ihn freudig immerdar.
Der Hof und auch der König war
Zu seinem Willen bereit,
Bis sich der verworfne Neid,
Der geschäftig immer sinnt
Wie er neue Tücke spinnt,
An den Herrn begann zu üben
Und Vielen zu trüben
Den Muth und auch die Sitten,
Daß sie es ungern litten
Wie der Hof ihn ehrte
Und seine Ehre mehrte
Zugleich mit Land und Leuten.
Sie begannen zu missdeuten
Sein Glück in allen Dingen,
Ihn ins Geschrei zu bringen,
Als ob er Zauber triebe.
Wie er dem Land zu Liebe
Morolden, ihren Feind, bezwang,
Wie dann in Irland ihm gelang,
Das Alles, gab man zu verstehen,
Sei durch Zauber geschehen.
»Seht selber«, hieß es, »all sein Wesen:
Wie mocht er jemals genesen
Vor dem starken Morold?
Wie betrog er Isold,
Jene weise Königin,
Seine Todfeindin,
Daß sie in den Büchern las
Bis er durch ihre Hand genas?
Seht das Wunder, schauet an,
Der Betrüger, wie er kann
Sehende Augen blenden
Und Alles glücklich enden
Was er nur zu enden hat!«

Am Ende giengen sie zu Rath
Als König Markes Räthe,
Daß sie ihm früh und späte
Mit Bitten anlagen,
Daß er in alten Tagen
Noch ein Weib sich nähme,
Von der er Erben bekäme,
Eine Tochter oder einen Sohn.
Marke sprach: »Gott hatt uns schon
Guten Erben gegeben:
Laße Gott ihn lange leben,
Tristan: so lang der leben soll,
So lange kommt, das wißt ihr wohl,
Nimmer Frau noch Königin
An diesen Hof: das ist mein Sinn.«

Hiemit ward noch des Haßes mehr
Und mehr des Neides denn vorher,
Den sie zu Tristan trugen,
Daß bald die Flammen schlugen
Hervor aus Manchem lichterloh.
Sie mochten es nicht länger so
Bergen in der Heimlichkeit
Und boten ihm zu mancher Zeit
Solche Worte und Geberden,
Daß ihm bangte vor Gefährden,
Denn er muste stäts besorgen,
Daß sie heut oder morgen
Den Rath zusammen trügen,
Wie sie ihn mordlich schlügen.
Da bat er seinen Oheim sehr,
Daß er der Landesherrn Begehr
Endlich nur vollbrächte
Und Gott zu Lieb bedächte
Seine Angst und seine Noth:
Er wiße nicht, wann es sein Tod
Noch und sein Ende wäre.«

Da sprach auf solche Märe
Sein Oheim: »Neffe Tristan,
Schweig, ich denke nicht daran:
Zum Erben will ich dich allein.
Du sollst auch ohne Sorgen sein
Um deinen Tod und um dein Leben:
Ich will dir guten Frieden geben.
All ihr Neiden, all ihr Haß,
Lieber Gott, was schadet das?
Haßen und Neiden
Muß der Biedre leiden.
Es erhöht des Mannes Werth,
Wenn der Haß sich auf ihn kehrt.
Werth und Neid, die beiden sind
Wie die Mutter und ihr Kind,
Denn der Werth gebiert allzeit
Und führt mit sich Haß und Neid.
Wen fallt der Haß auch lieber an
Als einen würdigen Mann?

»Leb immer und erstrebe, daß
Du Einen Tag seist ohne Haß,
Du erstrebst doch nimmer, daß
Du leben mögest ohne Haß.

»Doch willst du, daß dir wohl geschieht
Von Bösen, so sing ihr Lied
Und sei du auch ein Bösewicht,
So haßen sie dich fürder nicht.
Tristan, was man dir auch thu,
Richte du dich nur dazu,
Daß du hohen Muthes seist,
Und bedenke das zumeist
Was dir Heil und Ehre bringe;
Doch rathe mir nicht Dinge,
Davon dir Schade muß geschehn.
Hierin, was Reden auch geschehn,
Folg ich ihnen nicht noch dir.«
»Herr König, so gebietet mir,
Denn ich will von Hofe fahren:
Ich kann mich nicht vor ihnen wahren.
Soll ich das Ziel des Haßes sein,
So kann ich nimmer gedeihn.
Eh ich mit der Gefährde
Alle Reiche der Erde
Haben wollt in meiner Hand,
Eh blieb ich ewig ohne Land.«

Als Marke seinen Ernst ersah,
»Neffe, schweig«, begann er da,
»Denn wie gern ich allezeit
Dir Treue hielt' und Stätigkeit,
So läßest du es nicht geschehn.
Was nun auch hieraus mag entstehn,
Ich habe keine Schuld daran.
Sprich, wie ich dir willfahren kann,
Du findest mich bereit dazu;
Sag an, was willst du, daß ich thu?«
»So besendet euern Herrenrath,
Der euch hierzu gerathen hat,
Und höret eines Jeden Muth.
Fragt sie, wie sie dünke gut,
Daß ihr euch hierin verhaltet.
Wenn ihr nach ihrem Willen schaltet,
So mags mit Ehren wohl ergehn.«

Nun, das war alsbald geschehn:
Die Herren wurden all besandt.
Die riethen Marken allzuhand,
Und allein zu Tristans Noth,
Zu der schönen Isot:
Die ziem ihm, möcht es sein, zum Weib
Nach Zucht, Geburt und schönem Leib;
Und faßten den Beschluß zumal.
Vor Mark denn giengen sie im Saal,
Und Einer, der es wohl verstund,
Trat vor und sprach aus Einem Mund
Ihr Aller Willen, Sinn und Muth.
»Herr«, hub er an, »uns dünket gut,
Isot die schöne von Irlanden,
Wie das bekannt ist allen Landen,
Die uns und ihr benachbart sind,
Ist eine Magd, und ist ein Kind,
Der weibliche Seligkeit
Jede Zierde lieh, die eine Maid
Jemals wohl auf Erden trug,
Wie ihr das selber oft genug
Schon habt von ihr vernommen.
Die ist selig und vollkommen
Fürwahr an Leben und Leib,
Und soll euch diese zum Weib
Und uns zur Herrin werden,
So kann uns auf der Erden
An keiner Frau so wohl geschehn.«
Der König sprach: »Herr, laßt uns sehn,
Wenn ich die haben wollte,
Wie das geschehen sollte.
Habt ihrs vergeßen ganz und gar,
Wie es nun seit manchem Jahr
Zwischen uns und ihnen stand?
Wie uns haßen Leut und Land
Und wie mir Gurmun herzlich grollt;
Mit Recht: ich bin ihm auch nicht hold.
Wer brächte jemals mit uns Zwein
So große Freundschaft überein?«
»Herr«, sprachen aber Jene da,
»Oft fügt sichs, wie es hier geschah,
Daß zwei Lande sich bestreiten;
So sollen sie von beiden Seiten
Rath suchen und erdenken,
Wie sie' s zur Sühne lenken
Für ihrer Kinder Zeiten.
Aus gehäßigem Streiten
Ward große Freundschaft schon gemacht:
Herr, hierauf seid Ihr bedacht.
Ihr erlebt wohl noch den Tag,
Daß Irland euer werden mag.
Mit Isolden wird es euch verliehn,
Da König und Königin
Ohne andre Erben sind:
Sie ist ihr einziges Kind.«

Antwort gab der König hehr:
»In Gedanken hat mich sehr
Wohl Tristan schon an sie gebracht;
Ich habe viel an sie gedacht,
Seit er sie so gepriesen hat.
Ich bin in meines Herzens Rath
Vor den andern Frauen allen
So sehr auf sie verfallen,
Sie möge mir denn werden,
So wird auf dieser Erden
Keine andre jemals mein;
Der Himmel soll mir Zeuge sein.«
Den Eid doch that er nicht so sehr
Weil sein Gemüth ihm irgend mehr
Nach Ihr stünd als nach andrer Maid,
Er schwur nur so aus Schlauigkeit,
Denn er konnte sich nicht denken,
Sie würdens je zum Ziele lenken.

Die Räthe sprachen da vergnügt:
»Herr, wenn ihr es also fügt,
Daß mein Herr Tristan, der hier steht,
Und des Hofs Geheimniss hat erspäht,
Dort eure Botschaft werben will,
So wird es Alles wohl zum Ziel
Und zu gutem Schluß gebracht.
Der ist weis und wohlbedacht
Und hat Glück in allen Dingen:
Er mag es wohl zu Ende bringen;
Er kann des Landes Sprache wohl
Und endet was er enden soll.«
»Ihr rathet übel«, Marke sprach:
»Zu sehr stellt ihr Tristanden nach
Und fleißt euch aller seiner Noth.
Er ist nun doch schon einmal todt
Für euch und eure Erben;
Nun wollt ihr ihn noch sterben
Gar zu einem andern Mal.
Nein, ihr Herrn von Cornewal,
Ihr müßet selber dahin;
Rathet mir nicht mehr auf ihn.«

»Herr«, sprach aber Tristan,
»Nicht übel reden sie hieran.
Es wäre wohl gefüge,
Wozu der Muth euch trüge,
Griff' Ich das eifriger an
Und bereiter als ein andrer Mann.
Es ist wohl recht, daß ich es thu.
Herr, ich bin der Mann dazu,
Ihr mögt auf beßre nicht verfallen.
Gebietet nur den Herren allen,
Daß sie selber mit mir fahren,
Euer Frommen da mit mir zu wahren
Und eure Ehre hin und her.«
»Nein, du kommst mir nicht mehr
In ihre Macht und ihre Hand:
Gott hat dich einmal heimgesandt.«
»Doch, Herr, es muß fürwahr so sein:
Ob sie da sterben, ob gedeihn,
Wie Ihnen muß auch Mir geschehn.
Ich will sie selber laßen sehn,
Bleibt dieß Land des Erben frei,
Ob das von meinen Schulden sei.
Heißt sie sich bereiten:
Ich will den Kiel leiten
Und führen mit der eignen Hand
In das selge Irenland,
Und nach Develin hinein
Zu dem schönen Sonnenschein,
Der allen Herzen spendet Wonne:
Vielleicht wird uns die schöne Sonne.
Herr, wird euch zu Theil Isot,
Lägen wir dann Alle todt,
Geringer Schade wär es ja.«
Als Herrn Markes Räthe da
Hörten, welchen Weg es gienge,
Da gereute sie so sehr der Dinge,
Daß sie in allen ihren Jahren
Niemals noch so traurig waren.
Nun must es so und sollt es sein.

Tristan las aus des Hofes Reihn
Die des Königs Rauner waren,
Zwanzig Ritter kampferfahren
Und zu der Noth die besten;
Vom Land und von den Gästen
Gewann er sechzig um den Sold;
Der Räthe hatt er ohne Gold
Zwanzig Landbarone:
So war der Compagnone
Gerade hundert und nicht mehr;
Mit diesen fuhr er über Meer.
So stands um die Genoßenschaft.
So viel Vorrath war auch beigeschafft
An Kleidern und an Speise
Und Schiffsbedarf zur Reise,
Daß so viel Leuten noch zur Fahrt
Nie ein Kiel so wohl berathen ward.

Man liest wohl von Tristanden:
Aus Cornwal gen Irlanden
Sei eine Schwalbe gekommen
Und hab ein Frauenhaar genommen
Da zu ihres Nestes Bau
(Wie wuste sies da so genau?)
Und sei damit über See.
Wo nistet eine Schwalbe je
Mit solcher Beschwerde,
Daß sie, die Stroh und Erde
Daheim genug zum Neste fand,
Ueber Meer in fremdes Land
Nach ihrem Baugeräthe strich?
Weiß Gott, hier stößt die Märe sich,
Hier hinkt das Lied, hier lahmt der Leich.
Auch sieht es nicht der Wahrheit gleich,
Sagt man, daß Tristan über Meer
Blindlings geschifft wär mit dem Heer
Und hätte nicht gewust wohin,
Wie lang er fahren müst und ziehn,
Nicht einmal, Wer sie sei die Maid.
Was that dem wohl das Buch zu Leid,
Der dieß schreiben ließ und lesen?
Ein Narre wär er wohl gewesen,
Der König, der seine Räthe
Ins Blaue zu fahren bäte;
Und waren nicht die Boten Tröpfe,
Wie setzt' ers ihnen in die Köpfe?

Nun, auf der Reise war Tristan
Und schiffte immerfort voran,
Er mit der Genoßenschaft.
Ein Theil war in der Sorgen Haft,
Ich meine die Barone,
Die zwanzig Compagnone,
Des Königs Rath von Cornewal:
Die standen alle zumal
In Ängsten und in großer Noth;
Sie sahn vor Augen schon den Tod.
Sie fluchten der Stunde
Mit dem Herzen und dem Munde,
Da der Irländschen Reise
Gedacht ward laut und leise.
Sie wusten um ihr eigen Leben
Sich selber keinen Rath zu geben.
Sie riethen hin, sie riethen her
Und wusten sich doch nimmermehr
Zu rathen, was zu Frommen
Und Nutzen möchte kommen;
Und war das auch kein Wunder.
Er war einmal jetzunder
Kein Rath mehr, sollten sie gedeihn,
Brachte Eines von den Zwein
Nicht noch ihrem Leben Frist:
Abenteuer oder List.
List war da aber theuer:
So war auch Abenteuer
Nicht zu erwarten leider:
Sie waren ledig beider.
Doch sprach der Rathsherrn Innung:
»Weisheit und Ersinnung
Ist wunderviel in diesem Mann:
Gönnt Gott, daß es geschehen kann,
Wir möchten wohl mit ihm genesen,
Setzt' er dem vermeßnen Wesen,
Der blinden Kühnheit nur ein Ziel:
Deren ist an ihm zu viel
Er ist zu frech und zu voll Muth.
Er weiß noch heut nicht was er thut
Und gäbe nicht ein halbes Brot
Um unsern noch um seinen Tod.
Doch muß auf seinem Wohlergehn
Unsre beste Hoffnung stehn:
Sein Witz nur kann uns Lehre geben,
Wie uns zu fristen sei das Leben.«

Als sie nach Irland kamen,
Ihr Angelände nahmen,
Da hörten sie die Märe,
Gurmun der König wäre
Vor der Stadt zu Weisefort.
Da ließ den Anker über Bord
Tristan so ferne von dem Hafen,
Daß sie mit keinem Bogen trafen
Aus der Stadt zu ihnen hin.
Seine Landbarone baten ihn,
Daß er sie unterweise,
In welcher Art und Weise
Er werben wolle um das Weib.
Es gieng' an Leben und Leib,
Darum bedäuchte sie es gut,
Daß er ihnen sagte seinen Muth.
Tristan sprach: »So thut nur Eins,
Habt nur Acht, daß euer Keins
Den Leuten kommt vors Angesicht:
Bleibt alle drin und zeigt euch nicht.
Die Schiffer und die Knechte nur
Forschen nach der Märe Spur
Auf der Brücke vor des Schiffes Thür;
Doch euer Keiner komm herfür.
Schweigt und duckt euch still hinein.
Ich selber nur will außen sein,
Weil ich die Landessprache kann.
Nicht lang, so dringen hier heran
Die Bürger und beschweren
Uns mit übeln Mären.
Denen muß ich lügen all den Tag
Soviel ich ihnen lügen mag.
Haltet Ihr euch drinne,
Denn wird man euer inne
Ihr habt den Tod an der Hand,
Denn uns besteht das ganze Land.
Dieweil ich morgen außen bin
(Denn ein Ritt liegt mir im Sinn
Auf Abenteur im Morgenlicht
Ob mir gelingen will ob nicht),
So halte Curvenal davor
Und Andre mit ihm an dem Thor,
Die die Sprache fertig sprechen.
Und Eins noch müßt ihr mir versprechen:
Wenn ich unterweges wär
Drei Tage oder mehr,
So harret mein nicht länger hier:
Über Meer entrinnet ihr
Und rettet Leben und Leib.
Ich habe dann allein das Weib
Vergolten mit dem Leibe:
Dem Herrn zu einem Weibe
Rathet wie euch dünke gut:
Das ist mein Rath und auch mein Muth.«

Der Marschall von Irland,
In des Gewalt und dessen Hand
Der König Stadt und Hafen gab,
Ritt ans Meer in jähem Trab,
Gewaffnet und zum Kampf bereit
Mit gewaltigem Geleit
Von Bürgern und der Bürger Boten.
Denn ihnen war ja geboten
Von Hofe, wie die Märe sagt,
Wenn ihr sie weiter oben fragt,
Wer auf Gestad da stieße,
Daß man den sahen ließe
Bis man sicher hätt erkannt,
Ob er käm aus Markes Land
Oder seiner Leute brächte.
Diese selben Henkersknechte,
Die leiden Mordrangen,
Die manchen Mord begangen
Hatten an der Unschuld
Nur um ihres Herren Huld,
In den Hafen kamen sie gezogen
Mit Armbrüsten und mit Bogen
Und mit anderer Wehr
Nicht anders wie ein Räuberheer.

Des Kieles Meister Tristan
Zog einen Reisemantel an,
Daß er sich nicht gäbe kund:
Aus keinem anderen Grund.
Auch ließ er einen Napf hertragen
Aus rothem Golde geschlagen
Und gewirkt zu seltnem Preise
Nach englischer Weise.
So trat er in ein Schifflein,
Nahm mit auch Curvenal hinein,
Fuhr heran zum Hafenmund
Und mit Geberden wie mit Mund
Entbot er ihnen Grüße
So gut er mocht und süße.
Sein Grüßen all doch nicht verschlug:
Der Bürger waren genug,
Die zu dem Schifflein liefen
Und vom Gestade riefen:
»Stoß ans Land, stoß ans Land.«
In den Hafen stieß er da zuhand.

»Ihr Herren«, sprach er, » saget mir,
Wie kommt ihr so? Was denket ihr
Mit so ungehäbgem Dräun?
Ihr seht ja aus, man sollt euch scheun.
Ich weiß nicht was ich denken soll.
Um Gotteswillen thut so wohl,
Wenn Einer hier am Hafen weilt,
Dem das Land Gewalt hat zugetheilt,
Der höre und vernehme mich.«
»Ja«, sprach der Marschall, »das bin ich.
Mein Gebahren und mein Dräun
Habt ihr allerdings zu scheun,
Indem ich gründlich will erfahren
Eur Gewerb und eur Gebahren.«
»Gewiss, Herr«, sprach Tristan in Ruh,
» Ihr findet mich bereit dazu.
Wenn ihr die Andern schweigen hießt,
Aber mich zur Sprache ließt,
So wollt ich selber gerne bitten,
Daß man mit gütlichen Sitten
Und so mein Wort vernehmen möchte,
Wie es dem Lande Ehre brächte.«

Eine Stille ward ihm da gegeben.
»Herr«, sprach Tristan, »unser Leben,
Unsre Geburt und unser Land,
Damit ist es so bewandt
Wie ich es euch bedeute.
Wir sind Handelsleute;
Keine Schande bringt uns wohl der Stand.
Kaufleute werden wir genannt,
Ich und meine Compagnie,
Und sind wir von der Normandie.
Weib und Kinder blieben dort;
Wir selber ziehn von Ort zu Ort,
Von Land zu Land und kaufen ein
Und verkaufen hinterdrein,
Daß wir den Unterhalt erjagen.
In den letzten dreißig Tagen
Fuhren wir der Heimat fern,
Ich und zwei andre Kaufherrn.
Wir dachten mit Geleit und Waaren
Nach Hibernien zu fahren:
Da wurden wir mit unsern Schiffen
Des Morgens früh vom Wind ergriffen
(Ich denk es sind acht Tage nun)
Und wie die Winde gerne thun,
Daß sie Gesellen scheiden,
So schied er mich von Beiden.
Weiß nicht wie sie gefahren sein;
Doch sei der Himmel mit den Zwein
Ob sie am Leben sind ob todt.
Ich selber ward mit vieler Noth
Manchen übeln Weg geschlagen
In diesen schweren acht Tagen
Bis gestern, als der Mittag kam,
Der wilde Sturm ein Ende nahm.
Da sah ich Berg und Land vor mir.
Zu ruhen ankerten wir
Und ruhten aus von Angst und Sorgen.
Aber heut am frühen Morgen,
Als wir den Tag erscheinen sahn,
Griff ich die Fahrt von Neuem an
Und fuhr hieher gen Weisefort:
Nun geht es schlimmer hier denn dort.
Ich bin hier, scheints, noch ungeborgen
Und schien geborgen mir vor Sorgen,
Da mir die Stadt nicht unkund ist,
Denn ich bin wohl öfter, wie ihr wißt,
Mit Kaufleuten hier gewesen.
Drum wähnt ich mich genesen
Und dachte Gnade hier zu finden:
Nun bin ich Sturmwinden
Recht erst in die Hand gefahren.
Doch mag mich Gott noch wohl bewahren:
Denn soll mir hier nicht Frieden
Und Ruhe sein beschieden,
So kehr ich wieder auf das Meer:
Da find ich volle Gegenwehr
Und Streitkraft sattsam in der Flucht.
Geruht ihr aber eurer Zucht
Und eurer Ehre zu gedenken,
So viel ich Gutes mag verschenken,
Das geb ich euch von Herzen gern,
Und will nichts weiter von euch Herrn,
Als daß ihr meinem Gut und mir
Frieden schafft im Hafen hier,
Bis ich erkund und sehe
Ob mir das Heil geschehe,
Daß ich mein Landgesinde
Hier im Lande wiederfinde.
Und soll mir das gestattet werden,
So schafft auch Frieden vor Gefährden:
Sie dringen dort gewaltsam her,
Ich weiß nicht welche oder Wer,
In ihrem kleinen Schifflein dort;
Sonst fahr ich zu den Meinen fort
Und fürcht euch keinen Strohhalm mehr.«

Der Marschall dräute Jenen schwer
Und hieß sie kehren in das Land.
Dann sprach er, zu dem Gast gewandt:
»Was wollt ihr unserm König geben,
Daß er das Gut euch und das Leben
Bewahr in seinem Königreich?«
Der Gast entgegnete sogleich:
»Herr, ich geb ihm Tag für Tag
Sofern ich es gewinnen mag,
Eine Mark von rothem Golde:
Ihr aber nehmt zum Solde
Diesen Becher von mir an,
Wenn ich auf euch vertrauen kann.«
Die Andern riefen allzuhand:
»Ja, Marschall ist er hier im Land.«
Der Marschall seine Gabe nahm;
Sie deucht' ihn reich und wonnesam,
Und hieß ihn in den Hafen fahren:
Er woll' ihm Leib und Gut bewahren
Durch sein Geheiß und Machtgebot.
Da waren beide reich und roth,
Den Zins mein ich und den Sold:
Reich und roth des Königs Gold,
Des Boten Sold auch roth und reich:
Sie waren preislich beide gleich.
Das half ihm, daß er Frieden fand
Und Gemach in Feindesland.

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