Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gottfried von Straßburg >

Tristan und Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde - Kapitel 10
Quellenangabe
typeepos
booktitleTristan und Isolde
authorGottfried von Straßburg
translatorKarl Simrock
firstpub1855
year1855
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleTristan und Isolde
created20050403
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

IX. Vaterrache.

                             

Trug jemals Einer stätes Leid
Bei währender Glückseligkeit,
So trug Tristan dieß stäte Leid
Bei währender Glückseligkeit

Wie ich euch nun bescheiden will:
Ihm war ein volles Maß und Ziel
Verliehn in zweien Dingen,
Im Leid und im Gelingen.
Denn Alles, was er nur begann,
Gelingen fand er stäts daran
Und war doch immer Leid dabei.
Wie ungleich dieses jenem sei,
Doch waren diese Gegenstücke,
Stätes Leid zu stätem Glücke
Gesellet bei dem einen Mann.
»So helfe Gott euch, sagt uns an:
Tristan hat nun das Schwert genommen,
Und ist zu reichem Glück gekommen
Mit ritterlicher Würdigkeit:
Laßt hören, welche Art von Leid
Er hat bei solchem Glücke?«
Weiß Gott, in Einem Stücke,
Das stäts mit Leid ein Herz befieng
Und auch dem seinem nahe gieng:
Daß ihm der Vater war erschlagen,
Wie er den Marschall hörte sagen,
Das that ihm weh in seinem Muth.
Also war Übel da bei Gut,
Bei Gewinn Verlust, bei Liebe Leid;
So geschieht es Manchem jederzeit.

Es zweifelt Niemand daran,
Es liegt bei dem jungen Mann
Haß dem Herzen näher an,
Als bei einem reifern Mann.

Über aller neuen Würdigkeit
Schwebte Tristan stäts das Leid
Und das verborgne Ungemach,
Von dem er keiner Seele sprach,
Das ihm Riwalinens Tod
Und Morganens Leben bot;
Mit Sorgen lag dieß Leid ihm an.
Der sorgenvolle Tristan
Und sein getreulicher Rath,
Der den Namen von der Treue hat,
Der tugendreiche Foitenant,
Rüsteten alsbald am Strand
Mit allem Zeuge, das da Noth
Und das ihnen sich die Fülle bot,
Eine herrliche Barke:
So kamen sie vor Marke.
Tristan sprach: »Lieber Herre mein,
Es soll mit euern Hulden sein,
Daß ich nach Parmenîe fahr
Und nach euerm Rathe nehme wahr,
Wie es uns da sei bewandt
Um die Leut und um das Land,
Von dem ihr sprechet, es sei mein.«

Der König sprach: »Freund, das soll sein.
Wie schwer ich dein auch mag entbehren,
Die Bitte will ich doch gewähren.
Fahr heim gen Parmenîe
Mit deiner Massenîe:
Und bedarfst du noch der Ritter mehr,
Die nimm nach Willen und Begehr.
Nimm dir Rosse, Silber, Gold
Wie dus bedarfst, ich bin dir hold,
Und was du brauchst, des nimm genug.
Wen du dir gesellst beim Zug,
Dem biet es so mit Gute
Und geselliglichem Muthe,
Daß er gern dein Diener sei
Und dir mit Treue stehe bei.
Viel lieber Neffe, leb und thu
Wie dir dein Vater räth dazu,
Der getreue Rual, der hier steht,
Der große Treu an dir begeht,
Und immer hat an dir begangen.
Und läßt dich Gott den Wunsch erlangen,
Daß du Alles wohl verrichtest
Und deine Sache schlichtest
Nach Frommen und nach Ehren,
So sollst du wiederkehren;
Kehre wieder her zu mir.
Ich gelob und leist es dir,
Meine Treu empfang in deine Hand,
Daß ich dir mein Gut und Land
Zu gleichen Stücken theile;
Und lägs an deinem Heile,
Daß du mich solltest überleben,
Seis ganz zu eigen dir gegeben,
Denn ich denke mir um deinetwegen
Ein ehlich Weib nicht beizulegen
So lang ich immer leben soll.
Neffe, nun vernahmst du wohl
Meine Bitt und meinen Sinn.
Bist du mir hold wie ich dir bin,
Trägst mir ein Herz wie ich dir trage
Weiß Gott, wir wollen unsre Tage
Zusammen fröhlich hier verleben.
Urlaub sei dir hiemit gegeben.
Der Sohn der Magd der hüte dein!
Und laß dir wohl befohlen sein
Dein Geschäft und deine Ehr.«
Es säumte sie nichts länger mehr:
Tristan und sein Freund Rual
Schifften hin von Cornewal,
Sie und die Massenîe
Heim gegen Parmenîe.

Hättet ihr nun gern vernommen,
Wie diese Herren da sind willkommen,
Ich sag euch, was ich selbst vernommen,
Gern von dieser Herrn Willkommen.

Ihr Führer und Gefährte,
Der in Treue stäts bewährte
Rual trat zuerst ans Land;
Sein Hütlein und sein Gewand
Legt' er höfisch beiseit,
Lief Tristan an mit Fröhlichkeit,
Küsst' ihn und sprach nun: »Herre mein,
Gott sollt ihr willkommen sein,
Euerm Lande dann und mir.
Schauet, Herr, ihr seht wohl hier
Das schöne Land an diesem Meer:
Veste, Städte, starke Wehr,
Und manches schöne Castel
Hat euer Vater Kanel
Erblich auf euch gebracht.
Seid bieder nun und wohlbedacht,
So entgeht euch nichts von dem Gebiet
So weit hier euer Auge sieht:
Dafür zum Bürgen habt ihr mich.«
Mit reichem Herzen freudiglich
Kehrt' er zurück nach diesem Wort
Und empfieng auch die Genoßen dort,
Die Ritter alle, Mann für Mann.
Wieder freundlich hub er an
Mit schönem Wort und süßen,
Sein Salutieren und Begrüßen.
Dann führt' er sie gen Kanoel:
Und jede Stadt und jed Castel,
Die seit Kanelens Jahren
In seiner Pflege waren
In allen den Landen,
Die gab er auf Tristanden
Getreulich nach dem Lehensbrauch;
Die seinigen darunter auch,
Die von den Vordern allen
Ihm waren angefallen.
Was braucht es langer Rede noch?
Rath und Ehre hatt er doch;
So bot er seinem Herren Rath
Als ein Mann, der Rath und Ehre hat.
Und mit ihm all den Seinen.
Das Fleißen und das Peinen,
Das er mit süßem Muthe
Ihnen allen zu Gute
In aller Weise wandt auf sie,
Das sah man noch auf Erden nie.

Wie nun? Wie ist mir denn geschehn?
Hab ich mich selber übersehn?
Wo that ich meine Sinne hin?
Die tugendreiche Marschallin,
Die reine, die stäte,
Meine Herrin Floräte,
Daß ich so lange schwieg von der,
Das kam mir nicht vom Hofe her.
Doch hoff ich es der süßen
Zu beßern und zu büßen.
Die höfische, die gute,
Die weiblich gemuthe,
Die wertheste, die beste,
Ich weiß, daß sie die Gäste
Nicht mit dem Mund allein empfieng;
Denn wie das Wort vom Munde gieng,
Gieng ihm der gute Wille vor.
Nicht höher flög ihr Herz empor
Wär es der Flügel mächtig.
Ihr waren einträchtig
Stäts ihr Wille und ihr Wort,
Ich weiß wohl, daß sie über Bord
Ihr alle beide giengen,
Als sie die Gäste empfiengen.
Die selige Floräte, was
Sie glücklich war im Übermaß,
Als sie ihren Herrn sah und ihr Kind,
Das Kind, des diese Mären sind,
Ihren Sohn Tristanden mein ich!
In Treuen, das bescheidet mich
All die Tugend und die Güte,
Die sie trug im Gemüthe
Wie ich von der Selgen las.
Daß sie beider viel besaß,
Das bewährte sie so wohl
Als ein Weib aufs Beste soll,
Denn sie schuf ihrem Kinde
Und seinem Ingesinde
Solch Gemach und den Empfang,
Keiner fand es beßer lebenslang.
Eines Glaubens bin ich auch so voll,
Daß ichs nicht fester glauben soll,
Von dem höfschen Curvenal:
Daß sein Freund ihm dazumal
Ein willkommner Tristan war;
Des bin ich allen Zweifels bar.

Nach Diesem wurden besandt
Zu Parmenîe im ganzen Land
Die Herren und die Ritterschaft,
In deren Hand die Herschaft
Lag so in Stadt als in Castel.
Als nun die in Kanoel
All zusammen kamen
Und hörten und vernahmen
Von Tristan wahren Bericht
Wie diese Märe von ihm spricht
Und wie ihr selber habt vernommen,
Da flogen tausend Willkommen
Aus eines Jedem Munde.
Leut und Land zur Stunde
Erwachten aus dem langen Leid
Und wandten sich zur Fröhlichkeit,
Daß es ein Wunder war zu sehn.
Sie empfiengen ihre Lehn,
So die Leute wie das Land,
Von ihres Herren Tristan Hand;
Sie schwuren Huld und wurden Mann.

Derweil trug immer Tristan
Die heimlichen Schmerzen
Verborgen in dem Herzen,
Den ihm Morgans Unglimpf lieh.
Dieser Schmerz verließ ihn nie
War es Abend oder Morgen.
Er gieng zu Rath in Sorgen
Mit Freunden drauf und Mannen
Und sprach, zu den Britannen
Zieh ihn sein Verlangen,
Sein Lehen zu empfangen
Aus seines Widersachers Hand,
Damit er seines Vaters Land
Besäße vollen Rechtes froh.
So sprach er und er that auch so.
Er fuhr von Parmenîe
Mit seiner Companîe
Gerüstet und versehn so voll
Als sich Jeder rüsten soll,
Der auf ängstliche That
Den Willen fest gerichtet hat.

Als Tristan gen Britannien kam,
Geschah es, daß er bald vernahm
Und mit Gewissheit hörte sagen,
Morgan, der Herzog, reite jagen
Von Walde zu Walde.
Da hieß er eilen balde;
Die Ritter hielten sich bereit
Und legten unter ihrem Kleid
Den Halsberg an und all ihr Ding;
Doch so, daß sich kein Harnischring
Unterm Wappenrock ließ sehn:
Daran war Tristans Wunsch geschehn.
Darüber legte jeder Mann
Seinen weiten Reifrock an
Und saß alsdann zu Rosse.
Sie geboten ihrem Trosse
An sichre Statt zu reiten
Und mit keinem Feind zu streiten.
Getheilt dann ward die Ritterschar
Und was die größre Stärke war
Für den Rückzug versteckt
Und daß der Tross auch wär gedeckt,
Welchen Wegs der immer fuhr.
Als dieß geschehn war, sah man nur
Dreißig Ritter in der Schar,
Die bei Tristan geblieben war;
Doch jener, die den Rückzug deckten,
Sechzig waren der Versteckten.

Bald fügt' es sich, daß Tristan da
Die Hunde mit den Jägern sah.
Die frug er nach der Märe,
Wo der Herzog wäre.
Das zeigten sie alsbald ihm an
Und ritt er auch sogleich hindann
Und fand nach kurzer Stunde hier
In einem grünen Waldrevier
Viel britischer Barone;
Die hatten Pavillone
Und Hütten auf das Gras geschlagen,
Darum und auch darein getragen
Laub und lichter Blumen viel;
Ihre Hunde und ihr Federspiel
Hatten sie zu Handen.
Sie grüßten Tristanden
Und Die da mit ihm ritten auch
Höfisch nach des Hofes Brauch,
Und sagten ihm aufs erste Wort,
Morgan, ihr Herzog, reite dort
Nicht weit davon in dem Wald.
Da eilten sie dahin alsbald
Und fanden auch Morganen
Und auf Castilianen
Viel der britschen Ritter da.

Als er sie zu sich traben sah,
Empfieng Morgan die Gäste,
Deren Willen er aufs Beste
Deutete, so gut und wohl
Als man Gäste nur empfangen soll.
Das Gleiche that sein Landgesind:
Ein Jeglicher der kam geschwind
Mit seinem Gruß herbeigerannt.
Zuletzt als dieß ein Ende fand,
Daß all ihr Grüßen war gethan,
Zu Morgan hub da Tristan an:
»Herr, wißt, ich kam hieher
Nach meinem Lehn mit dem Begehr,
Daß ihr mir es leiht zu tragen
Und mir nicht wollt versagen
Was ich dem Recht nach haben soll:
So thut ihr höfisch und wohl.«
Morgan sprach: »Herr, saget mir,
Wer seid ihr und wie heißet ihr?«

Tristan sprach da unverwandt:
»Herr, Parmenîe heißt das Land,
Zu welchem ich geboren bin,
Und hieß mein Vater Riwalin;
Ich selber heiße Tristan.«
»Ihr kommt mir, Herr«, sprach Morgan,
»Mit so unnützen Mären,
Daß sie viel beßer wären
Verschwiegen, als hier vorgebracht.
Ich bin der Sache kurz bedacht:
Hättet ihr ein Recht an mir,
Das blieb' euch unverweigert hier;
Euch sollte nichts daran gebrechen.
Wäret ihr es anzusprechen
Ein Mann von ganzen Ehren,
Ich müst es euch gewähren;
Wir wißen aber Alle wohl,
Die Lande sind der Märe voll,
In welcher Weise Blanscheflur
Von Haus mit euerm Vater fuhr;
Zu welchen Ehren sie da kam
Und wie die Liebschaft Ende nahm.«
»Liebschaft, Herr? Wie meint ihr das?«
»Ich sag es euch nun nicht fürbaß,
Doch wie ich sagte, steht es drum.«
»Herr«, sprach Tristan wiederum,
»Versteh ich eurer Zunge Stich,
So meintet ihr es so, daß ich
Nicht ehlich wär geboren
Und hätte drum verloren
Mein Lehen und mein Lehenrecht.«
»Ja wahrlich«, sprach er, »guter Knecht,
Dafür halt Ichs und mancher Mann.«

»So sprecht ihr übel«, sprach Tristan:
»Ich wähnte doch, es wäre
Nach Pflicht gethan und Ehre,
Wer Einem was zu Leide that,
Daß er die Zunge doch zu Rath
Hielt' und schonte Sitt und Brauch.
Wär Sitt und Brauch nun in euch auch,
So möchtet ihr die Rede sparen
(Viel Leid ist mir schon widerfahren),
Die verharschten Kummer weckt
Und die alte Schuld erstreckt.
Ihr erschluget mir den Vater doch:
Hieran dünkt euch aber noch
Meines Leides nicht genug.
Ihr sagt, die Mutter die mich trug,
Habe kebslich mich getragen.
Das will ich Gott im Himmel klagen.
Ich weiß so manchen Edelmann,
Den ich jetzt nicht nennen kann,
Der die Hände faltete vor mir:
Hätt er solche Missezier,
Wie ihr da sprecht, an mir erkannt,
Deren Keiner hätte seine Hand
Zwischen meine je gebracht.
Die hatten wohl der Wahrheit Acht,
Daß mein Vater Riwalin
Meine Mutter bis ans Ende hin
Hoch hielt als sein ehlich Weib.
Wenn ich das auf euern Leib
Bewähren und erweisen soll,
In Wahrheit, das erweis ich wohl.«
»Fahrt«, sprach Morgan, »in Gottes Haß!
Eur Beweisen, was soll das?
Zum Kampfe taugt ihr keinem Mann,
Der je zu Hofe Recht gewann.«
»Das wird sich zeigen«, sprach Tristan,
Zog das Schwert und rannt' ihn an,
Und spaltet' ihm von oben her
Hirn und Hirnschal mit der Wehr,
Daß sie ihm auf die Zunge drang.
Dann stach er ihm im andern Gang
Das Schwert bis tief ins Herz hinein.
Da zeugte wohl der Augenschein
Für das Sprichwort, das da spricht:
Die Schuld liegt und fault doch nicht.

Morganens Barone,
Die kühnen Britone,
Die mochten ihm da wenig frommen,
Noch ihm so bald zu Hülfe kommen
Daß er entgieng dem Falle.
Doch stellten sie Alle,
So schnell sie mochten, sich zur Wehr;
Ihrer sah man bald ein mächtig Heer.
Ungewarnt wie sie auch waren,
Der Feinde wollten sie nicht sparen,
Und zeigen mannlichen Muth.
Auf Warnung oder auf Hut,
Nahm da selten Wer Bedacht:
Sie drangen haufenweis zur Schlacht
Und warfen Alle mit Gewalt
Ins Feld hinaus und vor den Wald.
Da hub sich lautes Wehgeschrei
Und großen Jammers Noth dabei.
So flog da Morganens Tod
Mit vieler Klage, mancher Noth
Als ob er flügge wäre.
Er sagte leide Märe
Den Burgen an und rings dem Land.
Durch die Lande flog zuhand
Nur das Eine Klagewort:
»Ah! noster sires, il est mort!
Wer sorgt nun für des Landes Heil?
Ihr zieren Helden, zieht in Eil
Von Städten und von Vesten
Und lohnet diesen Gästen:
Durch sie ist uns groß Leid geschehn!«

Sie ließen über sich ergehn
Alle bittre Noth des Streits;
Doch fanden sie auch andrerseits
An den Gästen vollen Streit.
Die kehrten stäts von Zeit zu Zeit
Mit einer ganzen Rotte wieder
Und warfen ihrer viel darnieder;
Dann suchten sie im Fliehen
Sich dahin zurückzuziehen,
Wo sie wusten ihre Kraft
Und die versteckte Ritterschaft,
Und nahmen da Herberge
Auf einem festen Berge
Und hielten sich da über Nacht.
Über Nacht ward dann des Landes Macht
So stark vor ihrer Veste,
Daß sie die leiden Gäste,
Wenn es begann zu tagen,
Hinunter mochten jagen,
Und Manchen niederstachen,
Die Haufen oft durchbrachen
Mit Speren und mit Schwerten,
Die da unlange währten.
Sie hatten da an Schwert und Sper
Unlange währende Wehr,
Denn Schäfte brachen, Schwerter sprangen,
Wenn sie in die Rotten drangen.
Auch sah man Tristans kleines Heer
So kühn in seiner Gegenwehr,
Daß viel Schade kam danach,
Wenn man in die Haufen brach.
Die Scharen wurden beiderseit
Nicht einmal, nein zu mancher Zeit,
Mit großem Schaden überladen.
Sie nahmen da und thaten Schaden,
Schädlichen, an manchem Mann,
Und hielten sich so lang daran
Bis das innere Heer
Schwächer ward an seiner Wehr.
Denn Ihm gieng ab und Jenem zu:
Jenen mehrte spät und früh
Sich der Vortheil wie die Macht,
So daß sie wieder noch vor Nacht
Belagerten die Gäste
Vor einer Waßerveste,
Aus der die Gäste sich wehrten,
Sich drin zu fristen begehrten.
So war das Haus umseßen
Mit Scharen unermeßen
Als obs umzäunet wäre.
In ihres Leides Schwere
Tristan und sein kleiner Bann,
Nun, wie stellten sie es an?
Hört zu, so meld ich wohl euch dieß,
Wie ihre Sorge sich zerließ,
Und sie von dannen kamen,
Sieg an den Feinden nahmen.

Als Tristan von dem Lande schied,
Wie ihm Rual, sein Rather, rieth,
Das Lehen zu begehren
Und wieder heimzukehren,
Da lags dem seligen Rual
Im Herzen stäts, und schuf ihm Qual:
Es ahnt' ihm wohl, es werd ergehn
Wie es auch mit Tristan ist geschehn;
Nur daß ihm in den Sinn nicht kam
Wie großen Schaden Morgan nahm.
Hundert Ritter nahm er an
Und folgte seinem Herrn Tristan
Des Wegs, den er geritten
War in das Land der Britten.
Als er dahin gekommen,
Da hatt er bald vernommen
Wie es ergangen wäre
Und nach des Landes Märe
Führt' er seine Fahrt hinaus
Zu dem umseßnen Waßerhaus.
Als sie diesen jetzt zu nahn
Begannen und die Feinde sahn,
Da ward von ihrer Rotte
Nicht Einer so zu Spotte,
Daß ihn Furcht gesäumt und abgezogen:
Sie kamen allesamt geflogen
Mit fliegenden Banieren.
Da gabs ein laut Croijieren
Von ihrer Massenîe:
»Schevalier, Parmenîe!
Parmenîe, Schevalier!«
Da schuf Banier auf Banier,
Das durch die Zeltschnüre brach,
Schaden und groß Ungemach.
Sie trafen die Bretonen
In ihren Pavillonen
Mit tödtlichen Wunden.

Die in der Veste stunden,
Als sie ihr Landbanier erkennen
Und ihren Feldruf hören nennen,
Wollen sie den Raum sich weiten
Und hinaus ins Weite reiten:
Da säumt sie Tristan nicht daran.
Großer Schade ward gethan
An den Landgesellen:
Fahen und Fällen,
Schlagen und Stechen,
Damit sah man durchbrechen
Zu beiden Seiten ihr Heer;
Auch brachte das sie außer Wehr,
Daß jedwede Companîe
Ihr »Schevalier, Parmenîe«
So viel riefen und schrien:
Damit war ihre Wehr dahin.
Ihnen blieb nicht Wehr noch Wiederkehr,
Nur verdecktes Fliehen
Und zögerndes Ziehen
Nach dem Berg und nach dem Wald;
Da ward der Streit erst mannigfalt.
Die Flucht war da ihr letzter Trutz
Und vor dem Tod ihr bester Schutz.

Nun dieser Sieg erfochten war,
Da ruhte sich die Ritterschar;
Sie schlugen Hütten auf dem Plan
Und die sie des Gesindes sahn
Sich auf dem Feld erschlagen,
Die ließen sie zu Grabe tragen;
Und Die verwundet waren,
Legten sie auf Bahren
Und zogen heim zu ihren Landen.
Hiemit war jetzo Tristanden
Sein Lehn und sein gesondert Land
Verliehn aus seiner eignen Hand;
Er war von Dem auch Herr und Mann
Das noch sein Vater nie gewann.
So hatt ers in die Richte gebracht
Und seine Sache schlicht gemacht:
In die Richte gebracht am Gute
Und schlicht gemacht im Muthe.
All sein Unrecht war nun recht,
Seine Schwermuth eben und schlecht.
Er hatte nun aus freier Hand
Sein Vatererb und all sein Land
Unangefochten und also,
Daß Niemand irgend wann noch wo
Anspruch erhob an all sein Gut.
Hiemit so wandt er seinen Muth,
Wie ihm da gebot und rieth
Sein Oheim als er von ihm schied,
Wiederum gen Cornewal;
Und mochte doch auch von Rual
Nicht wenden sein Gemüthe,
Der ihm so manche Güte
Mit väterlicher Stätigkeit
Erwiesen hatte jederzeit.
An Rual und an Marke lag
Tristans Herz bei Nacht und Tag;
An diesen zwein lag all sein Sinn:
Der Sinn, der lockt' ihn her und hin.

Nun spräche wohl ein werther Mann:
»Unser werther Tristan
Wie verhält er sich hiezu,
Daß er Recht Jedwedem thu
Und Beiden lohne wie er soll?«
Ein Jeder sieht und weiß das wohl,
Er kann sichs nicht ersparen:
Einen muß er laßen fahren,
Daß er bei dem Andern bleibe.
So laßt denn hören, wie ers treibe?
Kehrt er gen Cornewal sich wieder,
So sinkt ihm Parmenîe nieder
Und büßt an seinen Würden ein;
So muß verkürzt auch Rual sein
An Freuden und frohem Muth
Und an alle dem Gut,
Dem seine Wonne sollt entblühn;
Und will er nicht von hinnen ziehn,
So muß er entbehren
Höherer Ritterehren
Und setzt auch Markes Rath hintan,
Von dem er Ehre mag empfahn.
Wie soll er nun sein Heil bewahren?
Weiß Gott, er muß von hinnen fahren:
Man soll ihm Urlaub geben.
Er muß noch höher schweben
An Ehren und am Muthe,
Soll sich sein Glück zu Gute
Noch und zu Freuden kehren.
Nach den höchsten Ehren
Soll er noch trachten können.
Will die sein Heil ihm gönnen,
Es hat wohl Recht, daß es das thu,
Steht ihm doch all sein Muth dazu.
Der sinnreiche Tristan
Gar sinnigen Rath ersann:
Er war bedacht, so eben
Und gleich sich zu vergeben
An seine Väter beide
Als ob man ihn zerschneide.
Er theilte selber sich entzwei
So gleich und eben wie ein Ei,
Und gab Jedwedem dann den Theil,
Der am Meisten ihm zum Heil
Kam nach seinem ganzen Wesen.
Wer nun von Theilung nie gelesen,
Die man an sich selber macht,
Dem sag ich wie sie wird vollbracht.
Es zweifelt Niemand doch daran:
Zwei Dinge machen einen Mann
Und diese zwei sind Leib und Gut;
Von diesen zwein kommt edler Muth
Und weltlicher Ehren viel.
Wenn man die beiden scheiden will,
So wird das Gut zur Armut,
Und der Leib, dem man sein Recht nicht thut.
Kommt auch von seiner Würde dann,
Und wird der Mann ein halber Mann.
Und doch mit ganzem Leibe.
So ists auch mit dem Weibe.
Es sei Mann oder Weib,
Immer müßen Gut und Leib
Gesellt in allen Sachen
Erst ein ganzes Wesen machen;
Will man sie aber scheiden,
So ist es aus mit beiden.

Diese Theilung begann
Der sinnreiche Tristan
Und vollführte sie mit Sinnen.
Man must ihm erst gewinnen
Schöne Ross und reich Gewand
Und Speis und Vorrath mancherhand
Wie ein Fest sie nöthig macht,
Denn auf ein Fest war er bedacht.
Dazu lud er aus dem ganzen Land
Die Edelsten, in deren Hand
Die Kraft des Landes war gelegen.
Die thaten wie die Freunde pflegen
Und kamen zu der Lustbarkeit.
Nun war auch Tristan bereit
Mit allen seinen Dingen.
Er gab zwei Jünglingen,
Ruals Söhnen, da das Schwert,
Die ihm das Lehn zu erben werth
Nach ihrem Vater schienen.
Und Alles was er ihnen
Zu Würden und zu Ehren
Nur wenden mocht und kehren,
Da sah er keine Kosten an,
Das ward so williglich gethan
Als wär es für die eignen Kinder.

Nun sie Ritter wurden, und nicht minder
Zwölf Gesellen zumal,
Da war der höfsche Curvenal
Auch mit in der Zwölfe Schar.
Tristan, des Herz nur Zucht gebar,
Nahm seine Brüder bei der Hand
Höfisch, wie man ihn immer fand,
Und führte sie von dannen.
Seine Freund und Mannen,
Und Alle, die da waren
Von Sinnen oder Jahren
Oder schon von beiden
Verständig und bescheiden,
Die wurden Alle zuhand
An den Hof entboten und besandt.

Als er sie sah erschienen,
Tristan stand auf vor ihnen,
»Ihr Herren«, sprach er zu der Schar,
»Denen gern ich immerdar
In Treuen und mit Lauterkeit
Zu allen Diensten bin bereit
So fern als ich das immer kann –
Freund', und mein getreuer Bann,
Von deren Gnaden ich empfieng
Was Gott zu Ehren mir verhieng;
Denn mit eurer Hülfe lediglich
Ist Alles nun vollführt, was ich
In meinem Sinn begehrte.
Ob Gott es mir gewährte,
So weiß ich doch, es ward vollbracht
Durch eure Tugend, eure Macht.
Was soll ich weiter noch sagen?
Ihr habt in diesen wengen Tagen
Eure Ehr und euern Preis
An mich gewandt so mancherweis,
Es bleibt kein Zweifel mir daran,
Eher ists um diese Welt gethan,
Eh ihr zu irgend einer Zeit
Entgegen meinem Willen seid.
Freund' und Mannen alle, schau ich sie
Nun kraft meines Willens hie
Oder durch ihr eigen Recht,
Laßt euch nun nicht allzuschlecht
Meiner Rede Sinn gefallen.
Ich künd und sag euch Allen,
Wie auch mein Vater hier, Rual,
Gesehn hat und gehört zumal,
Daß mein Oheim sein Land
Gestellt hat in meine Hand
Und sich auch um meinetwegen
Kein ehlich Weib denkt beizulegen,
Daß Ich sein Erbe möge sein;
Auch sah er gern mich nahe bei
Wo er auch sei mit den Genoßen.
So hab ich denn mich entschlossen
Und steht mir all der Sinn dazu,
Daß ich seinen Willen thu
Und wieder zu ihm kehre.
Die Gülten und die Ehre
Und was ich hier noch nenne mein,
Die will ich laßen und leihn
Meinem Vater Rual:
Wenn es mir in Cornewal
Nicht ergeht wie ich gedenke,
Daß ich sterbe oder sänke,
Daß es sein Erblehen sei.
Hier stehn auch seiner Söhne zwei
Mit noch manchem andern Kind;
Und Die ferner seine Erben sind,
Die haben alle Recht daran.
Hört Alle, Dienstmann oder Mann,
Die Lehen über all dieß Land
Sollen stehn zu meiner Hand
All meine Jahr und meine Tage.«

Groß war der Jammer und die Klage
Bei aller dieser Ritterschaft;
Ihre Freude lag in Kummers Haft,
Ihr Mut, ihr Trost war ganz dahin.
»Ach,« sprachen Alle wider ihn,
»Viel besser wär uns da geschehn,
Hätten wir euch nie gesehn:
So wäre dieses Los vermieden,
Das uns jetzo nimmt den Frieden.
Herr, unser Trost und lieber Wahn,
War immer dieser bisheran,
Wir sollten miteinander leben;
Nein, unserm Leben ist vergeben,
Das wir zu Freuden sollten haben:
Erstorben ist es und begraben,
Wenn ihr euch von hinnen kehrt.
Herr, so habt ihr uns gemehrt
Und nicht gemindert unser Leid.
Unser aller Seligkeit
War kaum ein wenig aufgestiegen;
Nun muß sie gar darnieder liegen.«
Ich weiß es sicher wie den Tod,
Wie groß der Andern Klag und Noth
Und ihres Herzens Schwere
Auch war um diese Märe,
Rual, dem es zu Gut geschah,
Der davon so großes Frommen sah
An der Ehre wie am Gut,
Dem schuf es doch in seinem Muth
Mehr als all den Andern Qual:
Er empfieng ein Lehen dazumal,
Weiß Gott, ihm ward all sein Leben
Mit solchem Jammer keins gegeben.

Nun Rual und seine Kinder
Belehnt sind und beerbt nicht minder
Von Tristan, ihres Herren Hand,
Tristan befahl Gott Leut und Land
Und fuhr aus seinen Landen;
Da fuhr auch mit Tristanden
Sein treuer Meister Curvenal.
Seine Mannen mit Rual,
Dazu das Landvolk insgemein,
War ihr Kummer da nur klein
Und ihres Herzens Leiden
Um des trauten Herren Scheiden?
In Treuen, das vernein ich wohl.
Parmenîe war da voll
Des Jammers und der Klagen;
Es war nicht auszusagen.
Die Marschallin Floräte,
Die treue, die stäte,
Marterte den schönen Leib
Wie es billig thut ein Weib,
Der Gott ein gehehrtes Leben
An Weibesehren hat gegeben.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.