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Christian Friedrich Hebbel: Treue Liebe - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorFriedrich Hebbel
titleTreue Liebe
booktitleDas große deutsche Erzählbuch
isbn3-7610-8047-6
pages96-97
senderhille
created20010612
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Friedrich Hebbel

Treue Liebe

Zu Falun, in Schweden, verliebte sich vor etwa 50 Jahren, ein lieber junger Bergknappe, in seine Nachbarin, die Tochter eines Bäckers, und beide Leutchen schienen so füreinander geschaffen, als ob die Engel im Himmel sie schon in den Wiegen für den Ehestand eingesegnet hätten. Julius war nur glücklich, wenn er sein Mädchen sah, und Maria war die Zierde des ganzen Orts, wenn sie in ihrem engen Mieder, mit silbernen Knöpfchen besetzt, über die Straße ging. Alles blieb dann stehen, alt und jung rief ihr zu: Gott segne dich, Maria! und jeder freute sich, daß sie den Julius liebte. Wenn dann beide Liebende beisammen waren, dann tändelten sie auf schuldlose Weise, wie die lieben Kinder, und Julius vergaß darüber seine schwere Arbeit. Mutig fuhr er morgens in den Schacht, wenn er seinem Mädchen vorher den Gruß gebracht hatte, und arbeitete fleißig mit Hammer und Schaufel, bis der goldene Abend herbeikam, wo er sich bei seinem Mädchen schuldlos belustigte. »Ja Maria«, sprach er einst, »nur noch eine kurze Zeit, dann werde ich der so beschwerlichen Arbeit überhoben und Aufseher werden, so beteuerte es mir der ehrliche Bergmeister. Und dann soll nichts mich hindern, dich an den Altar zu führen; ich selbst winde dir das Myrtenkränzchen, damit du mich immer liebest, wie jetzt und mir eine brave Gattin bleibst, denn Maria, ohne dich möcht ich nicht leben; du bist mein Alles!« Und Maria beantwortete diese unverstellten Äußerungen wahrer Zuneigung, mit fühlendem Herzen. Sie schlang sich zärtlich um seinen Hals, sie bat ihn, nie an ihr zu zweifeln, und drückte ihm einen heißen Kuß auf die bebende Lippe. Da kamen sie beide überein, sich am nächsten Sonntag öffentlich verkündigen zu lassen, von der Kanzel. Und nun zog er ein schwarzes Tüchlein, noch in Papier wars gewickelt, und überreichte es ihr zum Säumen. »Aber stich dir dabei nicht in die Finger, Maria, das bedeutet nichts Gutes«, sprach er, »und wenn wir nächstens zum Altare gehen, am heil. Osterfeste, dann legst du es mir selbst um. Adieu, Mariechen« – »Adieu Julius!«

Und als sie nun am nächsten Sonntage von einem ehrwürdigen Geistlichen öffentlich proklamiert wurden, ein jeder der Versammelten ihnen Gottes Segen wünschte und wohl niemand daran dachte, daß Einspruch geschehen würde, siehe, da erschien am folgenden Morgen der – Tod, nicht als Jüngling in der Farbe des Mondes gekleidet, um unsre letzten Seufzer in höhere Welten zu tragen, sondern als ein hageres Gespenst, was unbarmherzig seine Hippe gegen die rosigte Jugend schwingt. Das ging so zu. Julius fuhr seiner Gewohnheit nach froh und heiter mit »Glück auf!« in den Schacht, als plötzlich die Grube über ihn zusammenfiel, und ihn ohne mögliche Rettung begrub. – Gerechter Gott! welch ein herber Schmerz für Maria! Wie könnte ich die Töne von Jammer und Weh beschreiben, welche man überall hörte? Von dem höchsten Gipfel eingebildeter Freude, war sie jetzt in den Abgrund des höchsten Elends hinabgestürzt. Verschwunden war jener Traum von Glück, den sie sich von dieser Verbindung mit dem liebenswürdigen Jüngling versprochen, und sie erwachte in einer Welt, die nun keinen Gegenstand für ihr Herz weiter hatte. Da lag sie ohnmächtig, ihr Gesicht blaß und verfallen, ihre Augen mit Demut auf eine Bibel geheftet. Wer unter meinen Lesern würde sich enthalten, über die Betrüglichkeit der menschlichen Hoffnungen zu seufzen! Aber ich glaube, alles, was man den Söhnen und Töchtern der Trübsal in solcher Lage zu sagen vermag, ist nicht mehr als – es sei unsere Pflicht, das mit Geduld zu ertragen, was zu ändern nicht in unserer Macht stehe. Die Bewegungen der Natur müssen sich erst legen, ehe die besänftigende Stimme der Vernunft Gehör finden kann. – Nachdem Maria den ersten Sturm der Leidenschaft hatte austoben lassen, nahm sie eine Standhaftigkeit und Unterwerfung an, die nur wahre Frömmigkeit ihr einpflanzen konnte. Es trat jener Zustand ein, wo uns die Phantasie verlorne Gebilde der Vergangenheit vorgaukelt und unser Herz in eine sanfte Melancholie versetzt, die fern von allen Ausbrüchen der Ungeduld, unser Leben, wie durch Mondenschein erhellt. Es ist der Zustand des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung.

Unterdessen ging alles, aus einem Jahr in das andere, seinen alten Gang fort; die Leier blieb dieselbe, nur daß andere Stückchen abgeleiert wurden. Die Philosophen bildeten neue Systeme, die Dichter mystifizierten, die Ärzte verordneten Pillen, die Autoren schrieben Bücher und die Buchdrucker druckten. Die Dummköpfe kamen mit ihrer Dummheit fort; die Einsichtsvollen wurden verfolgt. – So ging also alles fort, wie es auch ferner fortgehen wird, bis das tausendjährige Reich der Sünde geendigt sein wird, und die Menschen im neuen Lichte wandeln werden. Mittlerweile hatte man nach langen Jahren, wo kein Mensch mehr an den unglücklichen Vorfall der Bergverschüttung dachte, zufällig diese Grube wieder aufgeräumt, und fand dort die Leiche eines Jünglings in lebender Schönheit. Seine Wange schien noch von jugendlicher Röte zu glühen, die Haut war weich und unvertrocknet; selbst seine Kleidung war unversehrt; man hätte meinen sollen, er sei erst gestern dem Tode in die Arme gesunken. Der Körper war nämlich ganz von einer Art Asphalt durchdrungen, der keine Zerstörung zuläßt. Fünfzig Jahre waren fast verschwunden, eine ganz andere Generation war auf die Schaubühne getreten, und alle, die von solchem Vorfalle etwas wissen konnten, deckte das kühle Grab. Demnach machte man, der Angehörigen wegen, den Vorfall bekannt, und legte zugleich die aufgefundene Leiche öffentlich aus. Siehe, da wankt eine 70jährige Matrone am Stabe einher, und als sie den Jüngling sieht, da wirft sie die Krücke weg, fällt über ihn her und küßt ihn unter heißen Tränen. »Ja!« ruft sie aus, »es ist mein Geliebter, den mir der Tod vor 50 Jahren so grausam raubte«, und in ihrem erstorbenen Herzen regten sich die jugendlichen Empfindungen treuer Liebe. Dann eilt sie nach Hause und holt das schwarze Tuch, und legt es an seinen Hals, wie wenn es sein Hochzeitstag wäre. Aber dann weint sie nicht mehr und spricht: »Nun schlafe wohl, Geliebter, gehe nur voran ins Schlafkämmerlein, ich komme dir bald nach« – und dann blickt sie auf zu Gott! – Aber die Zuschauer konnten sich der Tränen nicht erwehren!








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