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Treibstoff SR

Hans Dominik: Treibstoff SR - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleTreibstoff SR
publisherVerlag Scherl
printrunErstes bis fünfzigstes Tausend
year1940
firstpub1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160116
projectid9b89e21c
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»Da sind sie!« Chefingenieur Grabbe sagte es zu Enrico Tomaseo, während die beiden durch die schweren Trossen zu einer Einheit verbundenen Strahlschiffe durch das geöffnete Dach hinabsanken. Das italienische Schiff setzte auf den Hallenboden auf. Durch seine Strahlflächen gehalten, stand das deutsche Schiff frei schwebend darüber. Im nächsten Augenblick sprangen Werkleute mit Leitern und Gerätschaften hinzu. Jetzt tat die kurze Besprechung, die Grabbe vor wenigen Minuten mit ihnen gehabt, hatte, ihre Wirkung. Schneidbrenner zischten auf. Gierig fraßen sich ihre Flammen durch den Stahl der Trossen. In weniger als einer Minute waren die starken Drahtseile durchgeschnitten. Das deutsche Schiff wurde frei. Es erhob sich wieder, um draußen vor der Halle zu landen. Als erster sprang Tomaseo hinzu, als die Tür des italienischen Schiffes geöffnet wurde.

» Ecco, Carlo!« Mit südländischem Temperament umarmte er Villari, begrüßte danach Professor Ruggero, dem die Aufregungen und Anstrengungen des abenteuerlichen Fluges stark anzumerken waren, wurde gleich danach von den Gästen Ruggeros umringt und mit einer Flut von Fragen überschüttet, daß er nicht wußte, wem er zuerst Auskunft geben sollte.

Während er sich noch bemühte, Rede und Antwort zu stehen, schrillte die Werksirene, begannen die Uhren zu schlagen. Es war eben zwölf Uhr mittag. Zwölf Uhr! Das brachte neue Erregung unter die Presseleute. Ihre Berichte mußten schnellstens zu den Schriftleitungen gebracht werden. Sie riefen nach Fahrgelegenheiten und erfuhren erst jetzt, daß sie nicht in Rom, sondern im Herzen Deutschlands gelandet waren.

Von neuem schwoll das Stimmengewirr an und wurde so stark, daß Professor Lüdinghausen es für angebracht hielt, sich einzumengen. Er stellte den Gästen Ruggeros alle Nachrichtenmittel des Werkes zur Verfügung und erreichte nach wenigen Worten eine Beruhigung der aufgeregten Gemüter.

Unter der Führung Dr. Thiessens gingen sie in das Verwaltungsgebäude und traten in einen Raum, dessen Einrichtungen sie ihre Bewunderung nicht versagen konnten. Ein rundes Dutzend Schreibmaschinen standen dort. Fernschreibmaschinen waren es, die über eine Drahtverbindung mit jeder gleichartigen Maschine, die irgendwo in Europa stand, synchron zu arbeiten vermochten.

Und solche Maschinen gab es auch in Italien; gerade in den großen Zeitungsredaktionen hatten sie dort ihren Platz, und schnell waren die Verbindungen hergestellt. Schon klapperten in Gorla die Tasten unter den Fingern eifriger Berichterstatter, während, von elektrischem Strom gesteuert, korrespondierende Maschinen in Mailand, Rom, Neapel und andern Städten den gleichen Text niederschrieben, der hier in Gorla auf dem Papier erschien. Wer aber einen mündlichen Bericht vorzog, dem stellte Dr. Thiessen auch die Telephonverbindungen des Werkes zur Verfügung, und manche wählten diesen Weg, um ihren Schriftleitungen so schnell wie möglich von alledem, was sie in ereignisreichen Stunden erlebt hatten und wovon ihr Herz noch voll war, Bericht zu geben.

Eine gute Viertelstunde mochte darüber vergangen sein, als Tomaseo in den Saal kam. Er erschien gerade zur rechten Zeit, denn schon waren dort einige mit der Weitergabe ihrer schon während des Fluges vorbereiteten Berichte zu Ende und wollten nun Weiteres hören. Aber was Enrico Tomaseo seinen Landsleuten mitteilte, hatte nichts mehr mit Abenteuern und Aufregungen zu tun. Es klang im Gegenteil ziemlich prosaisch.

»Meine Herren«, sagte Tomaseo, »Sie haben noch bequem Zeit, einen Imbiß einzunehmen, zu dem die Werkleitung Sie durch mich bitten läßt. Danach wird Ihr Strahlschiff wieder starten und Sie nach Rom bringen.«

Es gab nachdenkliche Gesichter, als Tomaseo geendet hatte. Zu stark noch wirkte in den meisten die Erschütterung durch das vor kurzem Erlebte nach. Fragen wurden laut, ob es ratsam sei, sich noch einmal der Maschine Ruggeros anzuvertrauen, nachdem sie eben erst haarscharf am Tod vorbeigekommen waren. Die Möglichkeit, eines der flugplanmäßigen Stratosphärenschiffe nach Rom zu benutzen, wurde laut erwogen, und Tomaseo sah sich genötigt, seine ganze Beredsamkeit aufzubieten.

Er tat es, und weil er seine Landsleute genau kannte, tat er es auch mit Erfolg. Er verstand es, sie bei der Ehre zu packen. Er stellte ihnen in flammenden Worten vor, wie beschämend es für Professor Ruggero und schließlich auch für sie selber wäre, wenn sie nicht zusammen mit ihm wieder auf dem gleichen Platz landen würden, von dem sie gestartet waren. Er verglich ihren Beruf mit dem des Soldaten, der auch auf gefährlichem Posten ausharren müsse, für den es keine schlimmeren Vergehen als Feigheit und Fahnenflucht gäbe, und er riß sie schließlich alle mit sich.

In gehobener Stimmung folgten sie ihm in das Werkkasino, um sich vor dem Weiterflug bei einem gemeinsamen Mahl zu stärken.

Während Tomaseo sich nach der Landung in Gorla der Gäste Ruggeros annahm, war dieser mit Villari zusammen im Kommandostand seines Schiffes geblieben. Er machte den Eindruck eines müden, gebrochenen Mannes. Allzu schwer hatte ihn der Mißerfolg seines mit großen Hoffnungen unternommenen Propagandafluges getroffen. Kaum hörte er auf die Worts, mit denen ihn Villari aufzurichten versuchte, und raffte sich schließlich nur zu der Frage auf:

»Was soll nun weiter werden, Villari?«

»Wir werden den Schaden hier reparieren und dann nach Rom zurückfliegen.«

»Wie viele Tage, wie viele Wochen vielleicht wird das dauern? Was werden meine Gäste dazu sagen? Was wird man in Rom von uns denken?«

Mit einer matten Handbewegung winkte er ab, als Villari etwas dagegen sagen wollte. Wies auch Tomaseo ab, der eben aus dem Verwaltungsgebäude zurückkam, und brütete weiter vor sich hin, als die Tür sich zum zweitenmal öffnete.

Professor Lüdinghausen und Chefingenieur Grabbe kamen herein.

Schwerfällig erhob sich Ruggero, um seine deutschen Freunde zu begrüßen. Mühsam zwang er sich zu einem Lächeln, als Lüdinghausen ihn zu dem glücklich vollendeten Rundflug beglückwünschte.

»Glücklich vollendet, Herr Professor Lüdinghausen? Der Flug ist noch nicht vollendet. Mein Schiff liegt hier in Ihrem Werk als ein Wrack, während man in Rom auf meine Rückkehr wartet.«

»Kopf hoch, Signore Ruggero!« rief Grabbe dazwischen. »Man wird in Rom nicht mehr lange auf Sie zu warten brauchen. Den kleinen Defekt an Ihrer Maschine werden wir in einer halben Stunde beheben.«

»In einer halben Stunde?« Ungläubig wiederholte Tomaseo die Worte des Chefingenieurs.

»Jawohl, in einer halben Stunde«, wandte sich Lüdinghausen an Tomaseo. »Führen Sie Ihre Landsleute ins Kasino! Sie sollen vor dem Weiterflug ordentlich frühstücken und sich keine unnötigen Gedanken machen.«

Eilig machte sich Enrico Tomaseo davon, um den Auftrag auszurichten.

»Sie versprechen Unmögliches, Herr Grabbe«, sagte Villari, nachdem Tomaseo gegangen war. »Unsere Hauptsteuerwelle ist gebrochen. Die Anfertigung einer neuen wird viele Tage beanspruchen.«

In seine letzten Worte klang von außen her das Geräusch von Werkzeugen, und fast gleichzeitig kam Dr. Hegemüller mit vier seiner besten Werkleute in den Kommandoraum.

»Halten Sie sich dran, Hegemüller!« rief ihm Grabbe zu. »Ich habe unsern Freunden versprochen, daß sie in einer halben Stunde wieder starten können.«

»Wollen unser möglichstes tun, Herr Grabbe«, meinte Dr. Hegemüller und gab seinen Leuten Anweisungen. Schlüssel wurden angesetzt. Schraubenmuttern wurden gelöst, Bolzen und Keile herausgezogen. In weniger als fünf Minuten lag die Welle frei.

»Ein häßlicher Bruch«, brummte Hegemüller vor sich hin. »Trotzdem, es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn wir die Geschichte nicht wieder ins Lot brächten.« Er folgte seinen Leuten, die den beschädigten Maschinenteil aus dem Schiff trugen, und traf draußen mit den andern zusammen, die dort das andere Stück der Welle abmontiert hatten.

»Marsch, marsch, Herrschaften!« trieb er sie an. »Der Chefingenieur hat Professor Ruggero versprochen, daß er in einer halben Stunde starten kann. Fix mit dem Zeug in die Schweißerei!«

Schweigend hatte Ruggero der schnellen und geschickten Arbeit von Hegemüllers Leuten zugeschaut. Allmählich erwachte sein Lebensmut wieder, doch noch immer vermochte er nicht, an das zu glauben, was Chefingenieur Grabbe versprochen hatte.

»Sie können mehr als zaubern, wenn Ihnen das gelingt«, begann er zögernd.

»Nicht zaubern, Herr Professor Ruggero, aber gut schweißen«, gab Grabbe lachend zurück. »Wir bilden uns einiges auf die Schweißvorrichtung unseres Werkes ein. In einer Viertelstunde wird man Ihrer Welle den Bruch nicht mehr anmerken.«

Häßlich hatte Hegemüller den Bruch genannt, und er hatte keinen Grund, sein Urteil zu ändern, als die Stücke in der Schweißerei lagen.

»Zehn Zentimeter 'rausschneiden! Neues Stück einsetzen!« kommandierte er seinen Monteuren, und jeder von ihnen verstand im Augenblick, was er zu tun hatte. Schon lagen die Stücke fest eingespannt. Schon kreischten Metallsägen auf, fraßen sich in den Stahl und schnitten ihn ab, soweit er durch den Bruch in Mitleidenschaft gezogen war. Schon wurde an einer andern Stelle aus bestem Edelstahl ein Ersatzstück zurechtgeschnitten. Dr. Hegemüller brauchte kaum noch Anweisungen zu geben. Schon lag alles in einer der großen Schweißmaschinen fest eingespannt. Ein Transformator brummte auf. Für Sekunden flutete elektrischer Hochstrom durch den Stahl. Hellauf leuchteten die Stoßflächen in Weißglut, waren im nächsten Moment zu einem untrennbaren Ganzen vereinigt.

Dr. Hegemüller zog die Uhr. »Zehn Minuten bis jetzt. Fix! Schnell weiter! Zu den Schleifmaschinen damit!«

Scheiben aus diamanthartem Korund rotierten in rasendem Wirbel. Blitzblank schimmerte die Oberfläche der Steuerwelle, über die sie dahingegangen waren.

»Fünf Minuten«, sagte Dr. Hegemüller, als seine Werkleute das Stück aus der Schleifmaschine nahmen, um damit zu Ruggeros Strahlschiff zurückzukehren.

»Wir möchten Ihnen das Geleit nach Rom geben, Herr Professor Ruggero«, hatte Grabbe eben gesagt, als Dr. Hegemüller mit seiner Kolonne wieder im Kommandoraum erschien. Ruggero vergaß, ihm zu antworten. Wie gebannt starrte er auf das Stück, das Hegemüllers Leute hereinbrachten, und wollte seinen Augen nicht trauen. War das wirklich die alte Welle? Sie mußte es ja sein; etwas anderes war nicht denkbar. Doch trotzdem schien's ihm unglaublich. Er sprang auf und betastete das Werkstück mit seinen Händen. Gleichmäßig glatt und blank war die zylindrische Oberfläche. Ruggero atmete tief auf und preßte die Rechte Hegemüllers. Vergessen waren Trübsinn und Niedergeschlagenheit. Die alte Zuversicht und Entschlossenheit strahlte aus seinen Mienen, während er seinem Dank in warmen Worten Ausdruck gab, die Dr. Hegemüller fast in Verlegenheit setzten.

»Nicht mein Verdienst, Herr Professor Ruggero«, wehrte er ab. »Die Einrichtungen unseres Werkes haben die schnelle Reparatur ermöglicht ... nur noch sieben Minuten ... dranhalten, Herrschaften!« wandte er sich zu seinen Leuten, die bereits beim Einbau der Welle waren, und lief dann ins Freie, um auch die Arbeiten außenbords zu überwachen.

»Sie haben sich noch nicht zu meinem Vorschlag geäußert, Herr Professor«, nahm Grabbe seine früheren Worte wieder aus. »Ist Ihnen unsere Begleitung genehm, oder ziehen Sie es vor, allein nach Rom zurückzufliegen?«

»Aber nein, Herr Chefingenieur! Im Gegenteil, ich begrüße es mit Freuden. Wir wissen, daß wir Ihnen unsere Rettung verdanken, und in Rom weiß man auch, was Sie für uns getan haben. Wir wären verloren gewesen, wenn unsere deutschen Freunde uns nicht zu Hilfe geeilt wären ... und unsere japanischen.«

»Montage beendet, Herr Grabbe! Dauer der Reparatur neunundzwanzig Minuten und dreißig Sekunden«, meldete Hegemüller, als er in den Kommandoraum zurückkam. »Herr Professor Ruggero kann starten.«

Auf einen Wink Grabbes machte sich Villari auf den Weg zum Kasino, um Ruggeros Gäste zu holen.

»So schnell wird der nicht wiederkommen«, meinte Dr. Hegemüller, nachdem Villari gegangen war. »Ich hörte draußen zufällig, daß die Herren im Kasino lebhaft ins Erzählen gekommen sind. Jeder einzelne malt die überstandenen Abenteuer aus, und jeder versucht, den andern dabei zu überbieten. Man hört sie über den großen Flur. Signore Villari wird es nicht leicht haben, seine Landsleute in die Wirklichkeit zurück und zu ihrem Schiff zu bringen.«

»Sagen Sie mal, Hegemüller«, unterbrach ihn Chefingenieur Grabbe. »Was halten Sie davon? Wir wollen Professor Ruggero mit unserm Schiff nach Rom begleiten.«

»Großartig, Herr Grabbe!« Hegemüller schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel. »Ich wollte mir Rom schon immer mal ansehen. Hoffentlich hat Professor Lüdinghausen nichts dagegen.«

Grabbe mußte lachen.

»Auf einmal so peinlich korrekt, Herr Doktor Hegemüller? Aber heut vormittag sind Sie mit unserm Schiff abgebraust, ohne eine Menschenseele um Erlaubnis zu fragen.«

»Gefahr war im Verzug, Herr Grabbe. Die Zeit war kostbar. Es ging um Minuten«, entschuldigte sich Dr. Hegemüller und versuchte dann, das Gespräch auf andere Bahnen zu lenken. »Schade, Herr Grabbe, daß Hidetawa nicht hier ist! Der ist wohl noch irgendwo in Spanien auf der Suche nach seinem abgestürzten Besatzungsmann. Sonst könnten wir zu dritt nach Rom fliegen. Drei Strahlschiffe zusammen ... schon eine Flottille. Das wäre das Richtige, das würde Eindruck machen.«

»Ja, wenn Hidetawa da wäre, mein lieber Hegemüller, er ist aber leider nicht da ...«

»Guten Tag, meine Herren«, sagte Hidetawa, der in diesem Augenblick in den Kommandoraum des italienischen Schiffes trat. »Was haben Sie weiter beschlossen, Herr Professor Ruggero?« erkundigte Hidetawa sich.

»Ich will nach Rom zurückfliegen, Herr Hidetawa.«

Der Japaner stutzte. »Mit einem Maschinenschaden, Herr Professor Ruggero? Das ist doch nicht denkbar.«

»Der Schaden ist bereits behoben, Herr Hidetawa. Die Reparatur gelang hier im deutschen Werk in unglaublich kurzer Zeit. Wir sind startbereit.«

»Ja, wir haben nur noch auf Sie gewartet, Herr Hidetawa«, sagte Dr. Hegemüller. »Bei uns gibt's ein Sprichwort, das heißt: Aller guten Dinge sind drei.«

Er merkte an der Miene Hidetawas, daß der nicht begriff, wohin er, Hegemüller, mit seinen Worten hinauswollte, und fuhr fort: »Wir haben nämlich beschlossen, Professor Ruggero mit unserem Schiff nach Rom zu begleiten, und sprachen eben davon, wie schön es wäre, wenn Sie auch dabei sein könnten, Herr Hidetawa. Wir stellten es uns als einen wirkungsvollen Abschluß von Professor Ruggeros Propagandaflug vor, wenn wir mit unsern drei Strahlschiffen zusammen in Rom ankämen.«

Hidetawa überlegte einen Augenblick. »Wenn es Herrn Ruggero recht ist«, begann er zögernd.

»Sie machen mir eine große Freude damit, Herr Hidetawa«, fiel ihm Ruggero ins Wort. »Sie nützen damit auch gleichzeitig unserer gemeinsamen Sache. Ich kenne meine Landsleute. Sie sind leicht begeistert, aber auch leicht niedergeschlagen. Das Gorla-Werk steht, seitdem wir hier landeten, in ständiger Funkverbindung mit Rom. Zehntausende umlagern dort trotz unserer Verspätung den Startplatz und harren auf unsere Ankunft. Sie werden uns stürmisch zujubeln und noch stärker an unsere Sache glauben, wenn wir nicht allein ankommen, sondern wenn sie unsere drei schönen Schiffe gleichzeitig landen sehen.«

»Dann, Herr Professor Ruggero, werde ich Sie gern begleiten«, sagte Hidetawa.

Stimmengewirr kam draußen auf. Carlo Villari und Enrico Tomaseo brachten die Gäste Ruggeros in die Halle. Nicht ohne einige Mühe hatten sie sie an den beiden draußen liegenden Schiffen vorbeigebracht.

Plaudernd und lachend, noch ganz erfüllt von den Erlebnissen der letzten Stunden, drängten sie sich jetzt wieder in den Passagierraum der italienischen Maschine. Ein kurzer Abschied noch zwischen Ruggero, Hidetawa und Dr. Hegemüller. Der Japaner und der Deutsche gingen zu ihren Schiffen. Schon wurden überall die Türen geschlossen. Als erste erhob sich die italienische Maschine vom Boden ab. Unmittelbar nach ihr starteten Hidetawa und Hegemüller. Auf die italienische Hauptstadt wurde der Kurs der drei Schiffe gesetzt.

*

Professor Ruggero hatte eher zuwenig als zuviel gesagt, als er von Zehntausenden sprach, die in Rom auf seine Ankunft warteten. Eine unabsehbare Volksmenge umlagerte den Startplatz. Viele Tausende hatten bereits dem Aufstieg des italienischen Strahlschiffes zugesehen. Andere Tausende waren später hinzugekommen, um der Landung beizuwohnen.

Sie hatten gejubelt, als die ersten Nachrichten über die schnelle Erreichung und Überfliegung des amerikanischen Kontinents aus den mächtigen Lautsprechern des Instituto Fisico erklangen, und in bedrücktem Schweigen ausgeharrt, als danach die Kunde von dem Maschinendefekt bekanntwurde. Vieltausendstimmiger Beifall war über den weiten Platz gebraust, als man die Hilfeleistung des japanischen Schiffes erfuhr. Tiefe Niedergeschlagenheit hatte die Massen befallen, als dann die Notrufe Ruggeros kamen, die von einer unerträglichen Glut berichteten. In atemloser Spannung hatte man später die Funkmeldungen über die Rettungsmanöver des deutschen Strahlschiffes vernommen, während von Minute zu Minute immer neue Tausende zu der bereits versammelten Menschenmenge hinzuströmten. Von Evviva!-Rufen erzitterte die Luft, als die Lautsprecher meldeten, daß Ruggeros Schiff sicher in den Trossen der deutschen Maschine hing, und in tosendem Beifall überschlug sich die Menge, als die glückliche Landung in Gorla verkündet wurde.

Glücklich in Gorla gelandet. Da würde man den Schaden mit den Hilfsmitteln des deutschen Werkes beseitigen, und später ... vielleicht schon übermorgen würde Professor Ruggero nach Rom zurückkehren. Schon begann die angesammelte Menge sich zu zerstreuen, als neue überraschende Kunde aus den Lautsprechern aufklang: »Der Schaden wird in einer halben Stunde behoben sein. In einer Stunde wird das italienische Schiff in Rom landen.« Da strömten die Massen zu den eben verlassenen Plätzen zurück, und zahllose andere kamen noch hinzu.

»In einer Stunde wird Professor Ruggero landen.« Die kurze, aber inhaltsreiche Nachricht bannte die Menge, die jetzt auf mehr als hunderttausend angeschwollen war, auf ihren Platz. Erwartungsvoll starrten ungezählte Augenpaare zum Himmel empor, obwohl man doch wußte, daß das italienische Schiff zur Zeit im Gorla-Werk lag.

Eine Stunde kann sehr lang sein, aber auch die längste Stunde nimmt einmal ein Ende. Uhren wurden hervorgeholt und verglichen, Minuten wurden gezählt, Berechnungen angestellt. Langsam rückten inzwischen die Zeiger weiter. In fünf Minuten dreizehn Uhr ... in drei Minuten ... in zwei Minuten ... in atemloser Spannung verharrte die Menge, den Blick nach Norden gerichtet, von wo der Erwartete kommen mußte.

Ein Aufbrausen dann. Wie ein Lauffeuer ging es durch die Massen. Hier, da und dort hatte der eine oder andere etwas im Äther erspäht und machte seiner Erregung in Ausrufen Luft. Jetzt sahen es schon viele, und jetzt sahen es alle. Das italienische Schiff zog in geringer Höhe von Norden heran, aber es kam nicht allein. Drei in ihrer äußeren Form fast gleiche Schiffe waren es, die immer näher herankamen, für kurze Zeit über dem freien Platz bewegungslos in der Luft schwebten und in sanftem Fall nach unten sanken.

Über den gemeinsamen Flug nach Rom hatte man von Gorla aus nichts gefunkt, aber im Augenblick begriffen die um den Start und Landeplatz versammelten Massen, daß das deutsche und das japanische Strahlschiff ihrem berühmten Landsmann ein Ehrengeleit gaben, und orkanhaft brach die Begeisterung los. Die Karabinieri konnten die Absperrung nicht mehr aufrechterhalten. Von allen Seiten drängte die Menge zu den drei Schiffen, befühlte die schimmernden Metallwände, betastete die Steuerflächen, während ständig donnernde Evviva!-Rufe, vermischt mit den Namen der erfolgreichen Piloten, die Luft erschütterten.

Lange dauerte es, bis sich der Sturm der Begeisterung so weit gelegt hatte, daß die Insassen es wagen konnten, ihre Schiffe zu verlassen, ohne Gefahr zu laufen, von der Menge erdrückt zu werden. Und immer wieder noch mußten sie danach auf den Altan des Instituto Fisico hinaustreten, sich den Volksmassen zeigen und für nicht enden wollende Zurufe danken.

Der Neubau des Instituts war erst halb vollendet. Noch standen Teile der Betonwandungen in Holzverschalungen, lagen Eisenträger und hölzernes Gebälk frei zutage. Fertig und auch im Innern wohnlich war erst der Mittelbau des mächtigen Hauses, und hier saßen nun Italiener, Deutsche und Japaner in einer Beratung zusammen.

Chefingenieur Grabbe nahm das Wort. »Meine Herren! Die bisher von unsern Maschinen geleisteten Flüge haben erwiesen, daß das Strahlschiff aus dem Versuchsstadium heraus ist. Seine Entwicklung ist so weit vorgeschritten, daß wir daran denken können, es als öffentliches Verkehrsmittel einzusetzen. Daß es den Stratosphärenschiffen auf Langstrecken unendlich überlegen ist, steht außer Zweifel.

Die Gorla-Werke und der hinter Herrn Hidetawa stehende japanische Konzern haben sich entschlossen, eine Verkehrsgesellschaft zu gründen und eine Strahlschifflinie Deutschland – Japan zu eröffnen ...«

»Wir machen mit, Herr Grabbe! Italien muß auch dabeisein«, unterbrach ihn Ruggero.

»Bravo, Herr Professor!« Grabbe reichte dem ihm gegenübersitzenden Ruggero die Hand. »Ich habe es erwartet. Es freut mich, es aus Ihrem Munde zu hören, daß Sie auch hier mit uns zusammengehen wollen.«

»Die neue Gesellschaft muß über eine hinreichende Flotte verfügen«, schlug Villari vor. »Wir müssen noch mehr Schiffe bauen.«

»Aber ohne Überstürzung, Signore Villari!« bremste Hegemüller den Eifer des Italieners ab. »Jedes neue Schiff muß eine Weiterentwicklung, eine Verbesserung des bisher Erreichten bedeuten.«

Hidetawa nahm das Wort. »Nach der Erklärung des Herrn Professor Ruggero verfügen wir jetzt über drei Strahlschiffe. Damit können wir unseren ursprünglichen Plan erweitern. Wir können die Linie Deutschland-Japan zu einer Ringlinie um den Erdball erweitern und in Ostwestrichtung und in Westostrichtung befliegen. Dafür reichen zwei Schiffe aus, so daß wir das dritte als Reserve behalten und die Maschinen gut pflegen und instand halten können. Wir folgen damit der Anregung, die uns Herr Professor Ruggero durch seinen Rundflug gegeben hat.«

Mit Beifall wurde der Vorschlag Hidetawas von den Anwesenden ausgenommen. Flugpläne wurden aufgestellt, Landungsorte festgelegt und Zeittafeln entworfen.

Als sich nach Stunden die Japaner und Deutschen zum Abschied rüsteten, lag der Verkehrsplan für die neue Gesellschaft fertig vor. Nur noch die juristischen Formalitäten der Gesellschaftsgründung und die Betriebsorganisation blieben zu erledigen. Man trennte sich in der sicheren Hoffnung, daß schon in wenigen Wochen die neuen Strahlschiffe dem öffentlichen Verkehr zur Verfügung stehen würden.

»Was, Freund Hegemüller«, meinte Chefingenieur Grabbe zu Dr. Hegemüller, während das deutsche Schiff über die Alpen dahinstrich, »das haben Sie sich nicht träumen lassen, als Sie vor einem Jahr unsere schönste und größte Strahlröhre zerschmetterten!«

»Doch, Herr Grabbe!« widersprach Dr. Hegemüller. »Ich habe es mir gleich gedacht. Als damals die Bleikathode durch unser Glasdach brach und in den Himmel flog, da habe ich mir gesagt: Wenn der Brocken da flügge geworden ist, so müssen auch größere Stücke fliegen können. Strahlraketen ... Strahlschiffe ...«

Chefingenieur Grabbe lachte. »Und dann haben Sie die Abteilung C III um ihre Versuchskammer gekränkt und das Ding zu einem wahren Seelenverkäufer von einer Strahlrakete umgebaut. Meinetwegen! Mag es so sein.«

»Es war die erste Strahlrakete!« sagte Dr. Hegemüller und behielt damit wie fast immer das letzte Wort.

* * *

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