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Tränen um Modesta Zamboni

Georg Hermann: Tränen um Modesta Zamboni - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleTränen um Modesta Zamboni
publisherVerlag Das Neue Berlin
editorBernhard Kaufbold
yearo. J.
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201401
projectid37f2cebd
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Georg Hermann

Tränen um Modesta Zamboni

Er hieß eigentlich Wilhelm Schmidt, nannte sich aber Robert Ludwig Schmidt, ja sogar später nur Robert Ludwig. Nicht, daß er eine Verachtung für den ehrlichen Beruf hatte, dem sein Name entstammte, sondern weil Robert Ludwig doch etwas weniger gleichgültig klang als Herr Schmidt oder selbst Herr Doktor Schmidt.

Man kann nun annehmen, daß Robert Ludwig Lyriker gewesen wäre, doch diese Annahme entspräche nicht der Wirklichkeit. Im Gegenteil, er hatte die lyrische Periode seines Daseins schon seit bald zehn Jahren ohne jeden Rückfall überwunden. Er war mit seinem schütteren Vollbart ein etwas schwerfälliger, rötlichblonder, sommersprossiger Mann an die Dreißig, von recht gefälligem Äußern, verträumt, dabei aber von ausgezeichneten Manieren. Und wenn er sich ungern daran erinnerte, daß sein Vater irgendwo im Magdeburgischen Volksschullehrer gewesen war und daß er noch sieben Geschwister hatte, einen Gerichtsanwärter, wiederum einen Volksschullehrer, einen Bäckergesellen, die Frau eines Lokomotivführers, eine Weißnäherin, eine Verpackerin bei Konrad Tack in Burg bei Magdeburg – während wir von der siebten, die in Hamburg lebte (ob noch?), gar nicht reden oder besser schweigen wollen –, so erinnerte ihn ja auch eigentlich niemand mehr daran.

Man wird gewiß schon erraten haben, daß Doktor Robert Ludwig (Schmidt) Kunsthistoriker war und über die Vorbilder von Israel von Meckenem mit großem Fleiß promoviert hatte und daß er ferner sich bestrebte, an einer kleinen, aber berühmten Universität Dozent zu werden, Privatdozent mit dem Lehrgebiet der deutschen Gotik. Auch blickte er schon auf einige Jahre musealer Tätigkeit zurück an einem Provinzmuseum, in das sich selten ein Fremder verirrte, und hatte an der Katalogisierung der Kirchenschätze und Hausmadonnen des unteren Enzkreises reichlich Anteil genommen. Seine bedeutsamste Arbeit jedoch war, daß er fünfundsechzig gotische Bilder, die man bisher dem Monogrammisten M. C. zugeschrieben hatte (nach dem Altar in Stuttgart!), dem Meister L. R. zuteilte, den er wiederum mit einem Liebrecht Reiterlin identifizierte, dessen Name sich im Jahre 1497 in einem Ulmer Zünftebuch als Tafelverfertiger vorfindet, während er im Jahre 1499 schon wieder fehlt. Für diesen Meister L. R. lebte und starb er seit einiger Zeit. Jedenfalls stand L. R. kurze Zeit dem Kreise nahe, dem Lukas Cranach zum mindesten in seiner Jugend angehörte. Eben jenem Kreise, dem auch der große Meister von Aschaffenburg, Matthias Grünewald, über den leider die Quellen so spärlich fließen, damals nicht ferngestanden haben muß. Eine Arbeit über die Beziehungen der Gotik zum Expressionismus war zudem seit langem in Vorbereitung und sollte zeigen, daß Robert Ludwig nicht etwa, abgewandt der Gegenwart, ein eingeschworener Gotiker war, sondern ein vielseitiger und durchaus moderner Geist. Aus alldem also ersieht man wohl zur Genüge, daß Robert Ludwig Schmidt schon in jungen Jahren eine Hoffnung der deutschen Kunstforschung war.

Wie er aber gerade zur Kunstgeschichte gekommen war, als er vom Mechthildengymnasium in Magdeburg, allwo er eine Freistelle gehabt hatte, auf eine süddeutsche Universität ging – denn es war Anno 1918 noch ganz gleich, wo man hungerte –, dessen war er sich selbst kaum noch bewußt. Eigentlich nämlich sollte er Altphilologe und Gymnasiallehrer werden, um so die Lebenskurve seines Vaters in eine höhere Ebene zu projizieren. Er hätte diese mathematische Aufgabe auch sicherlich reibungslos zustande gebracht – denn er war schon auf der Schule ein Lieblingslateiner und ein grammatikalisch überaus firmer Grieche gewesen –, wenn er nicht in seinem ersten Semester, mehr von Neugier als von Wissensdrang getrieben (ein hübscher blonder Junge, Werkstudent mit zu kurzer grauer Velvetjacke und zu großen Händen), vielleicht auch nur aus geistigem Wandervogeltrieb, einmal auf dem langen, verstaubten Korridor der Universität statt nach rechts nach links gegangen wäre. Statt zu Vehsemeier in die Übungen über Tacitus' Germania zu Professor Schlattermann in jene »über die Plastik des Würzburger Kreises mit besonderer Berücksichtigung Riemenschneiders«.

Zu seiner, des Studiosen Wilhelm Schmidts Schande muß bemerkt werden, daß von diesem ganzen Titel nur das Wort »Würzburg« für ihn einigen, wenn auch sehr unbestimmten Klang hatte, aus der Geschichte der Bauernkriege her, daß er aber mit dem Wort »Plastik« so wenig Vorstellung fast verband – wie mit dem Wort »Riemenschneider«, mit dem er gar keine verband. Und als nun Professor Schlattermann jene Madonna, die in der Neumünster Kirche an der Wand ein steinernes Dasein führt, an der Hand großer Photographien anatomisch sezierte, so muß darüber, gleichfalls zu Wilhelm Schmidts Schande, bekundet werden, daß ihm dies höchst bizarr, vertrocknet und gespenstig vorkam, mit dem Knittergewand, von dem man nicht verstand, weshalb es so unmodern viel Falten haben mußte, mit dem schlanken, schwindsüchtigen, gebrechlichen Wuchs, mit dem angefrorenen Vor-sich-hin- oder richtiger In-sich-hinein-Lächeln, mit dem viel zu schweren Birnenkopf auf dem allzu langen und dünnen Hals, der trotzdem – das pries Professor Schlattermann als vergeistigten Realismus –, wie es in jener Gegend häufig vorkam, trotzdem deutlich die Anlage zum Kropf zeigte ... eine junge Frau des Volkes!

Das Mißfallen aber spricht durchaus nicht gegen Wilhelm Schmidt, sondern betont nur seine natürliche Unverbrauchtheit der Gefühle; denn schon Goncourt hat richtig bemerkt, daß gute Kunst das ist, was unsere Geliebte instinktiv scheußlich findet. Ja, er, Wilhelm Schmidt, unterlag diesem Goncourtschen Gesetz mit solcher Unbedingtheit, daß er über die Worte der Verzückung, mit denen Professor Schlattermann gleichsam jede Linie streichelnd nachfuhr, fast laut gelacht hätte, wenn nicht eben ein solches Benehmen eines jungen Studiosen, wie des Ortes, durchaus wenig würdig gewesen wäre. Und so begann er, sich wegwendend von dem Bilde, das Professor Schlattermann wie eine Kriegstrophäe schwenkte, seine Nachbarin zu beirrachten, die in einem samtenen, weinroten Gewand, das reiche Falten warf und einen viereckigen Halsausschnitt hatte, der mit Holzperlen in verschiedenen Farben besetzt war ... die also andachtsvoll zu dem Professor hinüberhimmelte. Sie war groß, blond und sehr hager und trug Zöpfe nach Wandervogelart um kleine weiße Ohren geschlungen. Und unter waschblauen Augen stach in einem vor sich hin lächelnden Gesicht ein spitziges Näschen in die Luft, genau wie bei jener Madonna Riemenschneiders. Auch die Anlage zum Kropf fehlte durchaus nicht in dem dürren, überschlanken Hals. Die schmalen langen Hände spreizten unwillkürlich den kleinen Finger von den übrigen fort, als das Professor Schlattermann als ein Zeichen der Beseeltheit des schlichten Magdtums deutete. Und in diesem Augenblick, da Wilhelm Schmidt aus Neudorf bei Magdeburg die Studentin Antonia Hilpinger, einzige Tochter des gefallenen Schneidemühlenbesitzers Johannes Hilpinger aus Hetternheim und seiner ihm alsbald nachgestorbenen Frau Emerentia, geborene Lieberknecht, betrachtete und jener Ähnlichkeit, die mehr vielleicht in seiner Phantasie als in der Wirklichkeit bestand, sich voll bewußt wurde ... in diesem Augenblick schloß sich der Ring des Geschehens, und aus Wilhelm Schmidt wurde Robert Ludwig Schmidt. Die Altphilologie verlor eine Stütze, und die deutsche Kunstforschung gewann eine neue Hilfskraft.

Ich würde all das ja viel ausführlicher erzählen, wenn es nur irgendwie für unsere Geschichte von Nutzen wäre. Was Studentenehen sind, weiß man: sie arten meist in richtige Heiraten aus. Und warum auch nicht? Vor allem aber, wenn einer der Kontrahenten reich genug ist und nach niemand zu fragen hat. Reichtum ist überhaupt immer moralischer als Armut. Und so war es auch hier. Antonie heiratete also nach zwei Semestern – das heißt, er war drittes, sie zehntes Semester, er einundzwanzig, sie fünfundzwanzig Jahre – den Werkstudenten Wilhelm Schmidt, der es nun weder nötig hatte, Werkstudent zu bleiben, noch Altphilologe und Pauker zu werden. Er konnte sich nunmehr von der Erkenntnis durchdringen lassen, daß er zu Höherem berufen war und daß seine Liebe schon von je der deutschen Kunst, der Gotik, und besonders der des Main-Tauber-Kreises gegolten hatte. Auch für Antonie Hilpinger war dies jedenfalls eine angenehmere Lösung, als sich endlich von Professor Schlattermann eine Doktorarbeit geben zu lassen und, da jener weiblichen Reizen nur wenig noch zugänglich war, an einem Examen zu stranden. Sie fühlte sich eben von nun an nur noch als Mitarbeiterin ihres Mannes, und nie mehr sah man ein Buch in ihren schlanken Fingern. Dafür aber nahm sie alles noch wichtiger als Robert Ludwig selbst. Sie kaufte in der Inflation für die Hälfte des Reingewinns einer Holzlieferung nach Holland ein nettes Häuschen von der Witwe eines Landgerichtsdirektors samt Einrichtung, bis zur letzten Pfanne im Küchenschrank, alles – reine Friedensware 1913. Sie zog dort hinein und nannte es »unser liebes Nest«, wohlverstanden nicht etwa unser Liebesnest, denn solche freien Wortspiele hätten nicht auf ihrer Linie gelegen. Sie begann Verkehr in Professorenkreisen zu suchen und erklärte jedem, der es hören und nicht hören wollte, daß sie an Robert Ludwig und seine Zukunft glaube. Sie nannte ihn nur noch ihren goldigen Jungen und behandelte ihn auch so.

Robert Ludwig Schmidts Schicksale: Doktortitel, zwei Jahre Assistenz bei Professor Schlattermann, Museumsvolontär und jetzt also Vorbereitung zur Habilitation wurden berichtet. Darf ich noch hinzusetzen, daß sein siebenjähriger Sohn Erhard Tilmann mit Vornamen hieß, mit Gotik doppelseitig belastet war und zum Staunen aller Besucher des Hauses selbst in schlechter Lichtbildwiedergabe einen Hans Leinenberger von einem Stefan Rottaler auf Anhieb zu unterscheiden wußte. Und darf ich weiter bemerken, daß seine Tochter Bärbel-Marie gerufen wurde und in dem zarten Alter von elf Monaten stand, so meine ich, nunmehr alles gesagt zu haben, was man über Doktor Robert Ludwig Schmidt vorerst wissen muß. Er unterschied sich also kaum nennenswert von fünfzig anderen jungen und strebsamen deutschen Kunsthistorikern, und jeder ist ihm in dieser oder jener Gestalt schon fünfundzwanzigmal begegnet und ist von ihm entzückt gewesen.

So gut nebenbei Doktor Robert Ludwig Schmidt in heimatlicher Kunst des dreizehnten bis sechzehnten Jahrhunderts beschlagen war, so wenig verstand er, was er gern und lächelnd eingestand, ja womit er sogar leise kokettierte, von der italienischen Kunst. Gewiß, er verschloß sich nicht ganz ihren formalen Vorzügen, lehnte sie aber als seelenlos, nichtig und gefahrvoll, weil ohne Tiefe, ab. Außerdem hatte er eigentlich noch nie Gelegenheit gefunden, sie kennenzulernen, außer in jenem, was ihm gerade im Skioptikon vorbeigehuscht oder im deutschen Museumsbesitz begegnet war. Und auch hier hatte er, meist mit anderem beschäftigt, für sie kaum Zeit und Aufmerksamkeit aufgebracht. Nunmehr aber, da er selbst in das Lehrfach hinein wollte, empfand er es doch als eine Lücke seiner Allgemeinbildung und war der Ansicht, daß man sich in seinem Dasein zum mindesten einmal mit der Kunst Italiens (auch wenn man sie ablehnte!) in jenem Lande selbst auseinandersetzen müßte.

»Vor dem Krieg«, sagte er zu Antonie, »hat der junge deutsche Kunstgeschichtler mit langen Auslandsreisen (zum mindesten ein, zwei Jahre Italien, Frankreich, Spanien und sogar England) seine Studien abgeschlossen, ehe er sich für ein Spezialgebiet entschied. Und das gab ihm das Übergewicht und seinen in der ganzen Welt berechtigten Ruf. Die allgemeine Verarmung aber, auch die völkerverhetzende Propaganda nach dem Kriege, brachte es mit sich, daß er außer der deutschen Kunst, die der junge Forscher ohne Schwierigkeiten erreichen konnte, nichts mehr gründlich sich zu eigen machte. So glücklich das auch für die wachsende Erkenntnis und steigende Schätzung unserer großen heimatlichen Plastik ebenso wie für die Baugeschichte unseres Barocks gewesen sein mag, so hatte es doch auch – auf anderer Seite! – eine gewisse, nicht wegzuleugnende Enge des Anschauungskreises im Gefolge, wie wir sie zum Beispiel seinerzeit bei dem alten Schlattermann mit Schrecken feststellen mußten.«

Frau Antonia aber bohrte nach dieser Einleitung des Kollegs ihre inzwischen noch spitzere Nase in die Luft und sagte: »Gewiß, mein Junge, ich war schon längst der Ansicht, daß du einmal nach Italien mußt. Du wirst nicht darum herumkommen«, was lieb von ihr war, denn sie war überhaupt ein sehr lieber Mensch, und Robert Ludwig Schmidt lebte durchaus glücklich mit ihr in einer rechtschaffenen und emotionslosen deutschen Ehe.

»Ja, also in den Ferien fahren wir«, meinte Robert Ludwig.

»Wir?« wiederholte Frau Antonie. »Ich gehe nicht von Bärbel-Marie weg, mein lieber Junge. Da würde ich auch gar keinen Genuß von der Reise haben, wenn ich nicht wüßte, wie es meinem Kind geht. Nein, mein Goldener soll dieses Mal allein reisen, dann wird er mir auch das nächste Mal alles viel besser zeigen können.«

Robert Ludwig versuchte seine Frau wortreich davon zu überzeugen, daß auch das Reich Dantes nunmehr seit langen Jahrzehnten Anteil an der Morseschen Erfindung des Telegraphen hätte. Aber als das zwar anerkannt, jedoch mit der Bemerkung ad absurdum geführt wurde, daß sie sich nie so weit von dem Kinde entfernen würde, stellte er anheim, ob man nicht hier das Haus (er sagte sogar, was Frau Antonia mißbilligend empfand, »die Bude«) zuschließen und die Kinder mitnehmen könnte, wie solches sein Kollege Zacharias gemacht hätte, dessen Sohn Benvenuto sogar in Rom geboren wäre. »Auch in Italien«, setzte er schalkhaft hinzu, »sind Kinder keineswegs etwas völlig Unbekanntes.«

Doch Frau Antonie lächelte nur mit ihrem Madonnenlächeln und meinte, daß, wenn man Kinder hätte, man eben auch als Mutter Opfer bringen müsse. – Das Wort »Opfer« wurde von ihr häufig gebraucht.

Und selbst als Robert Ludwig Frau Antonie erklärte, daß er ohne sie keine Freude von der Reise hätte und sogar Verse Goethes zitierte, irgend etwas von »vereint genießen«, und daß sie ihm fehlen würde, der nie in seinem Leben, wie sie ja wisse, eine andere Frau gekannt und berührt hätte, so entgegnete zwar Frau Antonie ihm nicht, daß sie auch umgekehrt das gleiche oder ein Ähnliches zum mindesten sagen könnte, denn sie konnte nicht annehmen, daß Robert Ludwig jenen jungen Kommunisten – heute war er völkischer Abgeordneter – vergessen hätte, der seinerzeit ihr Geld und ihr Lager geteilt hatte, bevor sie in schweren Herzenskämpfen sich Robert Ludwig zugeneigt hatte. Aber sie sagte, daß sie ihren lieben Jungen sicher mehr vermissen würde als er sie. Jedoch seiner Zukunft willen entsage sie dieses Mal (das Wort entsagen wurde ebenfalls von ihr bevorzugt), damit die neuen Eindrücke ihn unabgelenkt träfen. Und außerdem wäre sie weitherzig ihm gegenüber, und die Vokabel Eifersucht fehle im Lexikon ihrer Gefühle. Gerade wenn sie sich einmal acht oder zehn Wochen nicht sähen, würde ihre Liebe daraus – denn sie wären ja nun acht Jahre kaum einen Tag voneinander entfernt gewesen – neue Nahrung ziehen.

Dem also mußte Doktor Robert Ludwig Schmidt sich fügen. Aber da er ein gewissenhafter Mensch war, sagte er sich, daß, wenn er auch niemals italienische Kunst als Lehrfach sich erwählen würde – er hatte es noch keineswegs je bereut, sich mit der deutschen Plastik und ihrem durchseelten Leib wörtlich und bildlich (jung und nicht wissend damals, wie Parzival) verheiratet zu haben –, daß, wenn auch dieses für ihn nicht in Frage käme, er doch sicher sich jener leichter nähern könnte, wenn es ihm gelänge, mit Land und Leuten Fühlung zu gewinnen, wie das der alte Taine zum Beispiel in so vorbildlicher Weise getan hätte. Dazu wäre es aber nötig, die Sprache zu beherrschen und sich nicht damit zu begnügen, was ihm aus den Übungen von den Texten des Vasari geblieben war. Er ging infolgedessen noch schnell in eine abendliche Sprachschule, wo er leicht und schmerzlos lernte, daß auch in Italien die Stube vier Wände hatte, und nahm weiter bei dem Lektor Zucchinetti, was sehr poetisch klang, aber Zuckerkürbischen bedeutete, einige Stunden, um von ihm die echte »lingua toscana in bocca romana« zu lernen und nicht etwa durch einen süditalienischen Dialekt seine Aussprache zu gefährden. Auch Burckhardt rühmte man dieses schöne, vollklingende, wie Musik tönende Italienisch nach.

Und somit trat Robert Ludwig Schmidt, aller Hoffnungen voll, aber doch nicht ohne Bedrücktheit, daß er seine Riemenschneiderische Madonna daheim lassen mußte, an einem schönen Augusttag des Morgens um sechs Uhr fünfzehn Minuten seine Italienfahrt an und schwenkte sein weißes Taschentuch immer noch über dem herniedergelassenen Coupéfenster, als von Bahnhof und Frau Antonie schon längst nicht eine Spur mehr zu erblicken war und nur der Storch noch gravitätisch zwischen blau überhauchten Zwetschgenbäumen auf nassen Wiesen marschierte.

An Büchern hatte Robert Ludwig kaum das Notdürftigste mitgenommen. Das andere würde er in den Instituten in Rom und Florenz finden, wo er sicher auch mit einigen Kollegen, die gerade unten wären, angenehme gesellschaftliche Fühlung nehmen könnte und so – schwärmend, sehend und erlebend – bei dem Austausch von Gedanken und Erfahrungen seine frauenlose Einsamkeit weniger trübselig empfinden würde. Und damit legte er seine karierte Reisemütze auf das Polster des Sitzes gegenüber, strich seine neuen Stutzen, die wie Schlangenhaut gescheckt waren, aber energische Falten schlugen, glatt und überzeugte sich in einer spiegelnden Scheibe der Tür vom Sitz seines Reiseanzuges, der, im Schnitt laut seiner Angabe nach einer Reklame im Strandmagazin, von Bensheimer Gebrüder in der Hauptstraße 112 gefertigt worden war. Dann aber schlug ihm doch sein kunsthistorisches Gewissen, und er kramte aus seinem Köfferchen von imitiertem Krokodilleder zwischen einem blau und weiß gestreiften Pyjama und einer Dauerwurst, die Antonie noch hinterrücks hineingeschmuggelt hatte, den ersten Band des Cicerone heraus und begann sich auf Mailand vorzubereiten, dem er als erste Station nur zwei Tage, ja eigentlich nur einen Tag widmen konnte. Ein italienisches Hotel hinter dem Domplatz war ihm empfohlen.

Nachdem er sich überzeugt hatte, daß auch eine nicht gerade der bedeutendsten Kunststätten Italiens, wie Mailand, dem Forscher überraschend viel zu bieten hätte und er, wenn er nur alles oberflächlich betrachten wollte, seinen Aufenthalt zum mindesten auf ein bis zwei Wochen festsetzen müsse, zog er den Baedeker zu Rate, der mit diesen Dingen summarischer verfuhr und mit ein oder zwei Sternchen, im alleräußersten Fall mit dreien – doch diese bekam nur Lionardos Abendmahl trotz schlechter Erhaltung (wieviel erst bei guter!) – mit dem Kunstbesitz Mailands sich abfand.

Als Robert Ludwig Schmidt zum ersten Diner hinter Freiburg zum Speisewagen durch die D-Zug-Gänge hinüberstolperte, fiel eine plötzliche Melancholie über seine Seele, und er vermißte Frau Antonie bedenklich. Auch war er darüber indigniert, daß er zu einer Zeit zu Mittag speisen sollte, da er sonst kaum frühstückte. Als er aber danach bei einer Flasche Zeltinger behaglich seine Zigarre verrauchte, während der Zug sich durch die Rebenhänge des Markgräfler Landes tastete, so nahe den Weinhügeln, daß richtig die grüngoldenen Lichter der handgroßen Blätter die blanken Scheiben überzuckten, und als er nun da aus der Ebene zwischen grauen Weiden und hohen, zitternden Pappeln den Rheinstrom grünlich in der Mittagssonne leuchten sah, während hinter ihm über den blauen Bergzügen der nunmehr ja französischen Vogesen stille weiße Wolken überaus friedlich schwammen, als hätten sie all das vergessen, was es da unter ihnen noch vor wenigen Jahren an blutiger Qual gegeben hätte ... da also hatte Robert Ludwig Schmidt schon die angenehme Behaglichkeit und Augenfreude des Alleinseins und hatte Frau Antonie und Erhard Tilmann und Bärbel-Marie und sogar sein Haus mit dem Blick auf das Schloß schon halb vergessen. Denn, wie gesagt, eigentlich war er ein träumerischer Mensch.

Über die Schweiz machte er sich so allerhand Betrachtungen und freute sich des internationalen Anstrichs, da er Englisch, Französisch, ja eine Sprache, die er für Italienisch hielt, und Polnisch oder gar Russisch im Zuge sprechen hörte. Er notierte im Geiste, daß Land und Wege sonnig und sauber, als ob eben Staub gewischt worden wäre, daß die Menschen still, gut gekleidet und von einer mürrischen Selbstgefälligkeit wären, soweit man das vom Zuge aus beobachten konnte. Städtchen und Dörfer waren wie aus der Spielzeugschachtel. Ludwig Robert zitierte sich innerlich alles, was er von Keller, Meyer, Gotthelf, Geßner und Bodmer wußte, ohne dabei Holbein und seinen Kreis zu vergessen. Er widmete sogar Böcklin eine Erinnerung, in dem die deutsche Italiensehnsucht greifbar (wenn auch unverkennbar mit barbarischem Einschlag) Form angenommen hatte, und er erkannte in einem Bauernburschen, der eine Wiese mähend abschritt, einen Hodler wieder. Er fühlte sich als Schwyzer Landsknecht, der nach Pavia zog, um gegen Franz den Ersten (oder für ihn? Genau wußte er das nicht mehr – vielleicht war es etwa überhaupt Franz der Zweite gewesen?) mit langer Hellebarde anzurennen. Wieviel Ahnen von ihm mochten hier schon heruntergezogen sein mit Galliern, Goten und Vandalen, mit Hohenstaufen und zwischen allerhand rotblonden Völkerschaften. Und wie viele waren hier irgendwo hängengeblieben. Aber niemand dieser Vorfahren war sicher so angenehm wie er im D-Zug mit Travellerscheck und mit einem Packen brauner Lirenoten im Brustbeutel innerhalb zwölf Stunden hier über die Berge gerollt. Das fing mit ihm erst an. Eine ihm sonst ganz fremde mondäne Abenteuerlust kam in ihm auf, aber irgendwelche Beziehungen mit Mitreisenden – trotzdem eine hübsche Polin dabei war – wollten sich nicht anbahnen. Jene gönnte der Landschaft keinen Blick und gähnte in Minutenpausen hinter diamantberingten Fingern. Überhaupt war diese Schweizer Landschaft eine kleine Enttäuschung. Robert Ludwig hatte geglaubt, daß die Schweiz ein Konglomerat von Gletschern und Bergriesen wäre, bekrönt von stolzen Luxushotels, zu denen schwindelerregende Bergbahnen kühn emporrutschten, und er war nun etwas erstaunt, durch weite Ebenen, Wälder und hügeliges Land voller Industrie und elektrischer Werke zu fahren, in das nun ganz von ferne etwas wie eine Gewitterwolke vom letzten Horizont herübersah, eine Wolke, von der man nicht genau sagen konnte, ob es ein Schneeberg oder nur eine weißköpfige Lufterscheinung war, wie sie sich wohl an einem heißen Augusttag am Himmelsrand bilden mag.

Und erst als sich die Weiten des Vierwaldstätter Sees ganz blank, wie blaugrünes, die Sonne spiegelndes Eis, dem Licht öffneten und die Zeltgänge der Kastanien am Uferweg, überragt von gigantisch-geschmacklosen Hotelfronten, langsam zurückwichen, während drüben ein Panorama berühmter, aber bequemer Berge immer näher rückte, bestaunt und erklärt von Fahrgästen, die auf den Gang hinausgestürmt waren und ihre Kenntnisse gegenseitig bestritten und ergänzten – erst da schien ihm die Schweiz ihren von alters her durch Schiller begründeten Ruf zu rechtfertigen. Auch war Robert Ludwig der Meinung, daß der blaue Himmel, der, wie der Zug vom See sich entfernt hatte – nur, um ihn dann wieder zu suchen –, über dem Tannengrün der Wälder in ungetrübter Klarheit wie ein seidenes Segel sich spannte – tieffarbig und ganz wesenlos dabei, nicht mehr Luft, sondern wahrhaft Äther –, daß der doch schon eben der vielgerühmte Himmel Italiens sein müsse. Dann aber sagte er sich, daß er nur jener Himmel der Vorberge und der Alpen sei, wie ihn Altdorfer, Cranach und sein vielgeliebter Meister L. R. bevorzuge. Während der italienische Himmel, zum Beispiel bei einem Giorgione, doch mehr Materie habe. Hier hauchleichste Seide, dort Samt; Samt, der gegen den Strich gebürstet sei.

Da die hübsche Polin auch dem technisch kühnen Aufstieg durch das Tal der Reuß keinen Blick gönnte und sich nur zwischen zwei durch Gähnen hervorgerufenen Paraden ihrer Brillantringe lächelnd über die »unverninftig villen Tunnels« beklagte, so enttäuschte auch Robert Ludwig die gewaltige Szenerie dieser Schluchten, zwischen denen der Zug emporkletterte, ein wenig. Sie waren allzusehr gebändigt und abgeteuft und wirkten auf ihn wie eine Vorführung wilder Tiere in der Manege, die auf Kommando des Bändigers Pyramiden bilden und über Tonnen springen. Eigentlich war er enttäuscht, als der Zug schon in Göschenen hielt, ohne daß von Wolkensteg und Maultier etwas zu erblicken war; nur der Nebel hatte sich eingefunden zu seiner Begrüßung. In Fetzen flog er über graue, triefende Wände, die sich nach obenhin in braunen, schweren Dunst verloren. Kein gutes Zeichen. Auf dem Bahnsteig drängte man sich wie nach einer Hungersnot um aufgestellte Büfetts, schlug sich um Würste, Eier und Kaffeebecher von homerischer Größe. Ein großes, dunkles Maulwurfsloch in vorgelagerter Feldwand, starrte der Tunnel herüber.

»Sag'n Sie, warrum hält der Zugg heute hier so lange?« fragte singend und leise klagend die rundliche Polin.

Robert Ludwig erklärte scharmant, daß der Zug erst Atem holen müsse, ehe er die schwierige Fahrt durch den Tunnel wagen könne, und dann polterte und sauste der Zug schon in die Dunkelheit hinein. Als er aber drüben mit einem langen Schwung (wie jemand, der eine Strecke unter Wasser geschwommen ist) emportauchte, warf sich urplötzlich eine neue Sonne ihm entgegen, silberweiß und von einer so ungekannten Helligkeit, daß die Zugbeleuchtung im Nu zu nichts wurde, die Augen schmerzten und allen kaum etwas anderes übrigblieb, als »Ah« zu sagen. Sie kam von einem Himmel herab, aus einem ungekannten Blau, einem dem Norden fremden Samtblau. Nicht, daß plötzlich nun die Berge viel anders waren, nur etwas kahler und wilder und verlassener. Rötlich und blauviolett lagen sie in dem Nachmittagslicht, und nur selten noch klemmte eine Tanne ihre Wurzeln zwischen die Felsblöcke. Die wenigen Häuser im Tal waren durchaus städtische Steinbauten mit flachen Dächern und großen italienischen Lettern, die erzählten, daß man hier übernachten könne, Wein verkaufe oder etwas anfertige. Das Wasser, das erst dem Zug entgegengeflossen war, schoß nun mit ihm um die Wette zu Tal, sprang über Felsen hin, gurgelte und schäumte. Robert Ludwig verstand seinen Wunsch, möglichst schnell nach dem Süden zu kommen. Alles da oben lag so weit hinter ihm, als ob er schon Jahre fort wäre und nicht Stunden.

»Stert Sie die Sonne nicht? – Mich stert sie«, meinte die Polin. »Man sollte dem Vorhang etwas zuziehn.«

Robert Ludwig versetzte höflich und lächelnd, daß man ja bald unten in Mailand noch mehr Sonne haben würde, was dichterische Freiheit war, denn bis sie nach Mailand kamen, war gerade die Sonne im Untergehen.

»Was wollen Sie heute noch in Mailand?« sagte die Polin. »Kennen Sie Mailand? Mailand ist abscheulich, ein Hexenkessel.«

Robert Ludwig meinte, daß eine Stadt, in der Mantegna und Lionardo ...

»Erstens wird der Museum umgeordnet und ist kaum zu sehen, zweitens, bis Sie in der Brera hinkommen, sind Sie fünfmal von Autos überfahren, und drittens, wenn Sie nicht depeschiert haben, werden Sie heute die halbe Nacht durch Mailand laufen, ohne ein Bett zu kriegen. Bleiben Sie in Lugano ... das ist sehrr schenn, und fahren Sie dann morgen frih, dann kriegen Sie Zimmer.«

»Bleiben Sie in Lugano?« fragte Robert Ludwig und lächelte vor sich hin. So pflegen ja immer die mondänen Romane anzufangen, nur daß sie da Maud heißt und Amerikanerin ist.

»Ja, ich liebe ihm sehrr ... imer um diese Zeit, dann ist es am schönsten, und Anfang April. Vorher kennen Sie ebensogut in Warschau sein. Wenn Sie nebenbei sich aus Malerei etwas machen, da ist unten am Kai in der kleinen Kirche ein gemalter Fresko von Luini – er ist auch ganz herrlich in der Brera! –, das man sehen muß. Mitten zwischen den Riesenhotels plötzlich altes, edelstes Italien. Wenn ich könnte, würde ich mit Ihnen hingehen. Kennen Sie ihm, dem Luini? Der Däne Jacobson liebte ihm. Er ist so der Giulio Romano von Lionardo gewesen ... auch wenn er nichts mit ihm zu tun hat. In der Brera gibt es Fresken, die aus einer Villa stammen. Kühle, staubige Farben, als ob sie aus den steinernen Wänden herausgewachsen sind ... er will da primitiv sein, ist aber sehrr raffiniert. Da ist zum Beispiel eine Frau, die badet, sie steigt einen Hang hinab und schemt sich etwas, daß sie nackt ist. Sie tastet mit dem Fuß vor und fühlt, daß das Wasser kalt ist, stockt in der Bewegung und läßt den Körper in den Armen etwas fallen. Das ist sehrr schenn. Oder da ist ein Putto im Weinlaub. Weder ein Engel noch ein Amor. Nurr ein Kind, das die Eltern mit auf das Feld genommen haben und das unbewacht zwischen den Ranken krabbelt, kräht und nach den Tauben tatscht. Das ist sehrr schenn. Oder ein Schimmelreiter mit eingelegter Lanze. Glauben Sie ihm nicht, daß er wild ist: er tut nur so, er ist eigentlich nur ein Ornament auf einer graugrinen Landschaft, silbrig, wie alte Ölbäume, und ganz still, wie alte Ölbäume in der Sonnen. Und dann hat er das Wunder der Katharina von Siena gemalt. Sie wird tott nach Jerusalem entführt und dort von Engeln in einen Sarkophag gebettet. Sie schwebt. Ein Engel hält ihre Fieße, einer ihr Haupt. Eigentlich müßte sie nun durchknicken, aber sie bleibt waagerecht wie eine Tiefhypnotisierte, die man zwischen zwei Stühle gelegt hat. So lautlos, ohne Bewegung, ohne Flügelschlag schwebt sie, ein Traum, eine Vision, eine Feder, die von der Luft durch die Luft getragen wird. Das ist so herrlich und überzeugend, daß wir gar nicht auf den Gedanken kommen, es anzuzweifeln.«

Robert Ludwig hatte das Gefühl, daß diese kleine und diamantbehangene Polin, todschick und verzärtelt wie ein Bologneser Hündchen, irgend etwas besäße, was ihm fehle, ein Hingegebensein an die Dinge der Kunst ohne Grübeln, und daß sie sie aufnahm wie etwas, das man atmet. Das hatte er weder bei Professor Schlattermann noch bei irgendeinem seiner Kollegen je gefunden.

»Eigentlich«, sagte sie, »libbe ich ja Musik mehr. Sie ist nur Gefühl. Kennen Sie Strawinskij? Mein Mann macht Musik. Wir haben ein Haus in Lugano. Wenn Sie länger bleiben, oder Sie kommen zurück, werden Sie bei uns auf der Terrasse Tee nehmen. Man blickt über den ganzen See.«

Diese letzten Worte machten es, daß Robert Ludwig den Abenteurer in sich ausknipste, den Gesellschaftsmenschen einschaltete und sich verstohlen die Stutzen glattstrich, die schon wieder Falten schlugen wie eine Ziehharmonika. Mit jeden hundert Metern, die der Zug sank, ward das Land draußen weicher und gefälliger zwischen den hohen, aber schon etwas gerundeten Bergen. Nun kam Wein, erst in kleinen Gärtchen, dann in einzelnen Gängen, dann bedeckte er weite Flächen. Sie waren von ihm wie mit grünen Glasfenstern überdacht, und wenn man zufällig in sie hineinblicken konnte, hingen die blauen Trauben in Reihen von der Decke herab. Sie mußten einem wie im Schlaraffenland in den Mund hängen, wenn man darunter hinging, dachte Robert Ludwig, man brauchte gar nicht die Hand auszustrecken. Blühender Oleander stand neben Pfirsichstämmen, die vor großen roten Bällen kaum noch Laub wiesen; und wie gelbe Findlingsblöcke lagen mitten in Wiesen Dutzende riesiger Kürbisse. Violette Winden, dunkel und in sich leuchtend wie ein nächtiger Tropenhimmel, kletterten an ein paar kleinen kugelstämmigen Palmen hoch, die verstaubt vor einer Villa im Jugendstil auf einem Kiesplatz in der Sonne schliefen ... ebenso wie die Reihen weißer Tauben, die auf dem Dachrand ihr Silbergefieder plusterten.

Und dann kamen ganze Hänge voll uralter Edelkastanien, breit und gedrungen und lichtgrün, ein schöner Baum von der Silhouette alter Eichen, aber edler. Auf glatten Straßen zogen Scharen von Arbeitern, salopp städtisch gekleidet mit Filzhüten und dunkelhäutig, auch singende Mädchen in Scharen, nicht untermischt, ganz für sich, die aus einer Fabrik zu kommen schienen. Sonst war hier aber alles, bis in das kleinste Haus, wohlhabend, ja reich, und nichts gemahnte daran, daß hier irgend jemand um sein Leben zu kämpfen hatte, wie oben im Norden, wo alles den Stempel der Kargheit und der Sorgen trug. Und während Robert Ludwig Schmidt noch überlegte, ob er weiter nach Mailand fahren sollte oder hier die Reise unterbrechen, sich aber spontan für das letzte entschied, fuhr auch schon der Zug vor dem Bahngebäude in Lugano ein, und Robert Ludwig riß, kurz entschlossen, seinen imitierten Krokodillederkoffer aus dem Netz und half der hübschen Polin ihre Siebensachen auf den Gang tragen. Das große Gepäck – denn er hatte solches – würde er ja morgen in Mailand vorfinden. »An den Fresken Luinis«, sagte er sich – denn der Mensch hat immer Lügen und Entschuldigungen vor sich selbst –, »werde ich sehen, hier, wo sie gewachsen sind und in Welt und Landschaft hineingehören, wie meine Einstellung zu der Kunst des Südens sein wird. Gewiß kann man von ihr nicht unsere deutsche Vertieftheit verlangen, aber auch sie wird des Seelischen nicht entbehren, nur daß es vielleicht anders geartet ist und uns Menschen des Nordens, die eine dürftige Natur auf sich selbst zurückwarf, in sich hineintrieb gleichsam und uns die antike Freiheit der Sinne wie der sinnlichen Anschauung dafür entriß, vorerst zwar groß in der Form, aber leer im Inhalt erscheinen muß; aber an Inhalt gewinnt, wenn wir uns mehr in sie hineinzuleben vermögen. Die völlige Ablehnung Schlattermanns war sicherlich ein engstirniges Vorurteil.« Man wird sich vielleicht über diese weit ausgreifende Konstruktion wundern, aber Robert Ludwig liebte es, nicht nur druckreif zu schreiben, sondern sogar druckreif zu denken und sich all seiner Eindrücke und Empfindungen in wohlgeformten Sätzen Rechenschaft zu geben.

Außerdem, setzte er im Geiste hinzu, werde ich hier gleich erkennen, wie weit ich mit meinen italienischen Sprachkenntnissen kommen werde; und damit stieg er vorsichtig aus und half der jungen Polin über die hohen Stufen des D-Wagens herunter. Und in ebendiesem Augenblick schloß sich wiederum ein Ring in der Schicksalskette Robert Ludwig Schmidts; jedoch ganz anders, als er und wir es glaubten – oder auch nur vermuten könnten.

Die junge Polin aber eilte einem schlanken Herrn in einem gelben Seidenanzug entgegen und küßte ihn mit einer lachenden Selbstverständlichkeit, die nichts mit ihrem Gähnen und katzenhaften Sich-Strecken von vorhin mehr gemein hatte, während auf seinen Wink zwei Träger (mit den Bewegungen von Operntenören bei der Zweikampfszene) sich auf die Handgepäckkette warfen, um sie pyramidenhaft auf dem Auto aufzuschichten, das draußen wartete.

Robert Ludwig war mit einem gnädigen Winken der Hand und einem freundlicheren Nicken des Köpfchens und einer förmlichen Verbeugung des seidengekleideten Herrn entlassen. Und er konnte sich nicht einmal im Zweifel sein, ob dieses bezaubernde Lächeln nur ihm gegolten hätte oder ob er nicht nur an dem Rest dessen, was einem anderen zugedacht war, noch teilgehabt hatte.

Und Robert Ludwig fühlte sich deshalb das erstemal wieder etwas vereinsamt, als er heraustrat zur Funicolare in die grelle Wärme des späten Augustnachmittags; aber dann hatten schon die wundervollen, lichten, milden Weiten und die Ahnung Italiens, die über See und Bergen lag, ihn aufgenommen. Aus dem Grund der Gärten, die die großen Bauten ringsum, die über das weite Amphitheater der Ufer wie von der Hand eines großzügigen Spenders gestreut waren (»Bei uns schmeckt alles nach Hungerpastor«, schoß es Robert Ludwig durch den Kopf), dunkel und üppig eingesponnen hatten, mit riesigen Nadelbäumen, die aller landläufigen Botanik Trotz boten, und mit breiten Baumkronen von Blättern wie aus dickem grünem Leder über den Stämmen gleich mächtigen vorweltlichen Elefantenfüßen – vielleicht waren es irgendwelche Magnolien, die sich nicht in den Norden hinaufwagten (wer kann das wissen?) –, aus dem Grund dieser Gärten kam ein exotisches Parfüm, der Duft (der sollte noch später in seinem Dasein eine Rolle spielen, dieser Duft) von allerhand fremdem Blütenwerk. Er lag wie eine Wolke in dem goldenen Sonnenstaub, der Robert Ludwig fast blendete. Alles hier, Schlösser, Gärten, Weinländer die Hügel hinauf, nicht Land, nicht Stadt, war ihm neu. Es schien ihm keine Landschaft mehr, das schien ihm wie ein weites, riesiges Gartentor zu einer Welt, die er nicht kannte. Die beiden hohen, gerundeten Bergkegel rechts und links waren ihm wie zwei Türpfosten, veilchenblau und rostrot gestrichen, und zwischen ihnen tat sich hinter geöffneten Pforten eine neue Welt auf, führte – sich immer wieder aus sich selbst erneuernd – über das blitzende, silbrige Lichtblau des Sees fort in das Endlose hinein. Das Bähnchen glitt an Gärten vorüber, in denen gleichsam wie zur Schau alles angepflanzt war, was hier schon wuchs: Bambus, Kakteen von respektabler Größe, grüngrauer Eukalyptus, Ölbaum und Zypresse und Pinie, Oleander und Granatbäume. Und dann sank es an dem grazilen Glockenturm einer sauberen Marmorkirche vorbei. Es war Robert Ludwig nicht, als ob er fiel, sondern als ob das Städtchen und der weite blaugrüne Spiegel des Sees sich ihm entgegenhoben, langsam wie auf einer großen Schale von unsichtbaren Händen ihm entgegengestreckt wurden. Doch plötzlich stand er schon auf einem malerischen Plätzchen mit verschnörkelten Gitterbalkons und Laubengängen, das jeder Oper als Szenerie alle Ehre gemacht hätte. Halbdunkel war es, trotz der Lichtmengen da draußen. Läden und Schaufenster übervoll mit Waren. Nicht allein in den Ständen, unter den Lauben, nur Obst und Gemüse in Stapeln: Feigen, Trauben und Tomaten ... und weiß der Himmel was noch – nein, auch mächtige Käse waren da aufgehäuft bis zur Decke, wie ein Lager von Autorädern, Berge von verschnürten Würsten in salziger Kruste; wie Schweinsblasen, und ganze Glockenspiele von geräucherten Schinken pendelten in diesen tiefen Höhlen von den verrußten Decken. Ein anderes Lädchen wieder lockte mit tausend Regenbogen von Seidenschals. Und andere – zahlreiche – bewiesen wiederum, daß es nichts in der Welt gab, das man aus Olivenholz nicht schnitzen konnte, vom Fischerknaben bis zum Elefanten. Auch hatten sie Alabasterschalen, auf deren Rand Tauben aus einer onyxartigen Masse saßen; während etwelche gerade umgekehrt zuckerweiß waren und auf einer Onyxschale saßen. Das gab es von Taschenspiegelgröße bis zu übernatürlichen Maßen, ohne daß eine der Zwischengrößen etwa gefehlt hätte. Diese Tauben – ihre Urahnen gurrten in den Mosaiken von Pompeji – beleidigten den ausgesprochenen Schönheitssinn Robert Ludwig Schmidts und bestätigten ihm die Tatsache, das kein Land künstlerisch so verarmt wäre wie das heutige Italien. Er berücksichtigte aber dabei nicht, daß das ja eine Industrie war, die nicht von Italien, sondern von den Forestieres lebte und deren Geschmack sich mit Erfolg anzupassen bestrebte. Im Hotel begrüßte ihn der Portier mit einer zwinkernden Vertraulichkeit, nahm ihm das Köfferchen ab und meinte in reinem Sächsisch, daß in zehn Minuten der Herr von Sechsundsiebzig abreisen würde, und dann könnte er sogar ein Zimmer nach dem See bekommen.

Und diese zehn Minuten beschloß Robert Ludwig der Kirche und Luini zu widmen, denn er mußte auch befürchten, daß die sonst geschlossen wäre. Morgen aber wollte er mit dem frühsten fort, und dann war wiederum anzunehmen, daß sie noch nicht geöffnet war. Er eilte deshalb, ohne rechts und links zu blicken, trotzdem unzählige Läden mit Photographien, Schildpattkämmen und Ketten von Glasperlen, auch feenhafte Blumenauslagen mit hundert Sorten großer Rosen, mit den rötlichen Tuffs der Alpenveilchen und der weißen Verruchtheit der Tubarosen – sie dufteten selbst durch die Glasscheibe hindurch – ihn unwiderstehlich lockten.

Das Kirchelchen lag am See, drüben zog eine bunte und festliche und sehr weltliche Menge unter dem geschnittenen dichten Laubdach der Kastanien dahin, und die Klänge einer Kapelle schollen sanft herüber. Ein alter Mann, der hinkte, wollte gerade absperren und murmelte etwas von »domani, signore«; aber Robert Ludwig gab ihm zu verstehen, mit Zusammennahme seiner Kenntnisse, daß er eigens der Kirche wegen hierhergekommen wäre von weit oben aus dem Norden und morgen abreise ganz in der Frühe; und er unterstützte seine italienische Rede mit einer Handbewegung nach der Tasche hin. Und wenn auch der alte Mann von der Rede kein Wort verstanden hatte, diese Bewegung verstand er; wie ja überhaupt der Italiener viel Sinn für Zeichensprache hat. Und wenn auch der alte Mann kein Italiener war, nicht einmal ein Tessiner, sondern aus Unterwaiden gebürtig, so hatte er in diesen vierzig Jahren hier sich doch ganz eingelebt.

Der alte Mann sah sich scheu um, schloß das rosenrote Kirchlein noch einmal auf, ließ Robert Ludwig eintreten und zog schnell die Tür hinter ihm zu; geheimnistuerisch schloß er wieder von innen ab, als täte er etwas Verbotenes. Robert Ludwig aber stand für sich und ganz unvorbereitet einer großen Bildwand gegenüber, die quer durch die Breite der Kirche gezogen war. Eine mächtige Komposition, eine Kreuzigung mit einem bunten Gewimmel von Volk, Hunden und Tieren, Reitern und Landsknechten, Frauen und Kindern, dabei ganz primitiv noch alle Vorgänge der Leidensgeschichte auf einer Bildfläche übereinander auf dem langen Weg nach Golgatha. Kaum etwas von Schindanger und Schädelstätte, ein südliches Land, nichts von vertierten Henkersknechten und Blutorgien, wie er es vom Norden her gewohnt war, nein, ein Schauspiel, ein Volksfest, dem eine prunkende Menge zusah, Reichtum, Adel, hohe Verwaltungsbeamte, einfache Leute und Neugierige. Die paar, die es anging, nun ja, die waren wohl von dem Schicksal des Mannes da oben erschüttert; aber doch nicht so weit, daß sie etwa ihre guten Sitten vergessen hätten und ihrer Umgebung ein peinliches Bild geboten hätten. Die anderen aber nahmen es hin wie ihre Urväter das Spiel der Gladiatoren in der Arena. Prachtvolle Menschenwesen, die sich ohne Haß und Groll wie sinnlich-schöne Tiere auf dieser Theaterbühne des Daseins bewegten. Selbst die Landsknechte unten am Kreuz, sonst und bei Grünewald und Meister L. R. Ausbünde von Scheußlichkeit, Höllenfiguren, waren Könige, die um Kronen statt um die Fetzen des Gewandes würfelten; und die armen Schächer waren Mitglieder der ersten Gesellschaftskreise, die leider auf schlechte Bahnen gekommen waren, aber unsere volle Sympathie hatten. Alles war so wundervoll heidnisch, daß man gar nicht begriff, wovon jene Menschen eigentlich erlöst werden sollten. Diese Frau da im blauen Gewand, die mit dem Kind auf dem Arm hinzueilte, sie ging nicht, sie schritt. Von den Zehen bis zur freien Stirn, bis zum Haar, das sie umflatterte, war alles ohne Hasten, sicher, fest und doch von der gleichen schwebenden Bewegung und gelöst – alles von einer Schönheit und Selbstverständlichkeit des Gliederspiels, die Robert Ludwig kaum je geahnt hatte. Er wollte noch etwas von fehlender Seele und mangelnder Vertiefung sich zusammenreimen, aber er brachte seine sonst so firmen gedanklichen Konstruktionen nicht zu Ende. Was war nur dieser kleine graue Junge, der da unten saß und, spielend und verträumt zugleich, mit einer largen Geste nach oben wies – einer Geste, von der Burn-Jones und Puvis de Chavannes ganze Menschenalter lang gelebt haben –, was sollte er eigentlich?

Robert Ludwig war irgendwie sehr erregt und durcheinandergeschüttelt davon. Vielleicht, entschuldigte er sich vor sich selbst, war es das goldene ungewohnte Licht und die völlige Einsamkeit oder sein Ich und dieser vierhundert Jahre alte Traum auf der steinernen Wand da, die einander bekämpften.

Aber da räusperte sich der alte Mann hinter ihm, und Robert Ludwig meinte, daß er gewiß heim wollte, und erhob sich aus der Kirchenbank. Doch der Alte tat immer noch ganz geheimnistuerisch – mit jener Miene, die üblich, wenn man Fremden irgend etwas nicht Alltägliches auf dem Gebiete der Kunst oder des Lebens zugänglich machen will – und winkte, ihm mit leisen Schritten nach einer kleinen Seitenkapelle zu folgen. Dort aber schob er einen grünen Vorhang mit einer langsamen, wie zärtlichen Bewegung zur Seite. »Magnifico«, sagte er zum fünfhundertdreizehnten Male an diesem Tage, und in ein Halbrund eingeschrieben stiegen aus der Wand hervor – frisch und farbig, wie aus der Hand des Schöpfers – zwei nackte Kinder, die mit einem Schäfchen spielten, und dahinter, wie übet eine Brüstung schauend, die Halbfigur einer Frau, die lächelnd über das Spiel wachte, als wollte sie sagen: Tut aber dem armen Tier nicht weh, ihr seid ja selbst noch solche Schäfchen. Man kann nicht behaupten, daß Robert Ludwig allzuviel von dem Bild erblickte oder daß er gerade eine, seine kritische Einstellung zu ihm fand, er tastete nur die Linien des ovalen Antlitzes nach, streichelte über sehr schlanke und doch fleischige Hände und verfing sich im Netz des Blickes, der auch wie ein verträumtes Lächeln war in seiner Unbewußtheit und dessen Bewußtheit eine leise spöttische Überlegenheit durchgirrte. Nichts von dem dienenden, keuschen Magdtum, wie es Schlattermann an Riemenschneider hervorhob und das so folgenreich für sein Leben geworden war. Noch weniger etwas von marienhafter Unberührtheit. Nein, Liebe und Mutterschaft waren unlösbar mit ihrem Dasein verbunden und hatten es erst erblühen und leuchten gemacht, wie einen Granatbaum, wenn er mit Blut gegossen wurde. Und wie so ein Taubenschwänzchen, ein grauer, fliegender Schmetterlingsschatten, von ganz weit her, gleichsam aus dem endlosen Himmelsraum kommend, pfeilgerade und pfeilschnell auf solch eine dieser blutleuchtenden Granatblüten zuschießt, »gezogen und gebannt«, so fühlte Robert Ludwig Schmidt, daß etwas war, das, in ihm gleichsam auch aus Ätherfernen kommend, unaufhaltsam darauf hintrieb.

Aber ehe er auch nur wieder einige Kontrolle über sich selbst gewann, da ließ der alte Mann den Vorhang auch schon wieder lautlos zugleiten und ermahnte durch eine wohleinstudierte Handhaltung Robert Ludwig daran, daß er an ihn, den Herrn dieser Schätze, für seine besondere Gastfreundschaft nach Toresschluß noch seinen Tribut abzuführen habe.

Robert Ludwig schmerzten die Augen etwas, als er wieder heraus in das Licht trat, zu dem köstlichen Trubel behaglich flanierender Menschen sich gesellte, die die lange Parabel der Uferstraße entlangzogen unter dem Schatten der Kastanienreihen. Er fühlte sich etwas, ein wenig nur, benommen, vielleicht von der Fahrt noch, vielleicht von der neuen Luft, der Lichtfülle und der Hitze, gegen die der Seewind, der Wellen aus blauem Glas vor sich her trieb und die Boote wie Hofhunde an den Ketten zerren und schaukeln machte, doch nicht recht aufkommen konnte. Der Kunsthistoriker in ihm wollte sich klarmachen, daß dieser Luini, der ihn da einfach überrannt hatte, doch nur ein angenehmer Meister zweiter oder dritter Klasse wäre, keiner von den ganz Großen Italiens, und daß der ihn doch nur, weil er nicht aufgepaßt hatte, schlichtweg überspielt und matt gesetzt hätte – ein zweites Mal sollte ihm das nicht passieren. Dann aber sann er darüber nach, ob das nun dieser Luini gewesen wäre oder ob es einfach ein neues Lebensgefühl gewesen sei, das sich da seiner hätte bemächtigen wollen. Woher denn sonst kam ihm dieser Druck mitten auf der Stirn und dieses Gewichtlose und wie Durchsichtige seiner Gliedmaßen, gerade als ob er aus einer Hypnose erwacht wäre. Er wußte nicht recht mehr, was er tat, ließ die Dinge auf sich zukommen, schwamm dahin zwischen tausend neuen Eindrücken von Menschen, Frauen, Autos, Seidenkleidern, Pflanzen, Düften, Musik, von Bergen in einem rotvioletten und seidigen Schimmer, von weißen Dampfern, die grünen Schaum warfen, von prunkenden Hotelkästen, von weiten Gärten, die sich mit dunklen Bäumen in die Höhe bauten, ließ sich nur noch treiben. Oben, das Zimmer, war eine Aussicht mit einem Zimmer, ein eiserner Balkon, hinter dem ein Zimmer lag, eine Zelle für Einzelhaft mit einigen Möbelstücken, die sicher schon über zehn Versteigerungen gegangen waren und die man übersah der Aussicht wegen. Robert Ludwig wusch sich reichlich und umständlich, aber der Druck über seiner Stirn wollte auch vor dem kalten Wasser nicht weichen. Er setzte sich still auf den Balkon hinaus, ließ von unten Stimmen und Autosignale und Straßenbahngeklingel herauftönen und sah, wie Himmel, Berge und Wasser sich in die Farben des Abends tauchten, unwahrscheinlich warm und verglühend – wie die Berge von Lapislazuli unter einem Himmel von streifigem Malachit langsam und schön verlöschten, während an der Uferstraße und an den beiden Bergbahnen dreitausend Lichter aufblitzten.

Gerade vor seinem Fenster schien der Duft von allen Gärten Luganos sich zu sammeln. Bald dreißig Jahre war Robert Ludwig nun geworden, und eigentlich hatte er noch nie gewußt, daß man einfach leben, dasein konnte, ohne zu denken, ohne fast ständig ein Rechenschaftsbericht seiner selbst zu sein, von der Tertia an bis zum Privatdozent. Er versuchte, sich das Gesicht von Frau Antonie vorzustellen, während unten merkwürdig schnell sich Dämmerung in eine schwelende, tiefblaue Nacht wandelte und die Fledermäuse hin und her über seinen luftigen Sitz strichen. Aber es gelang ihm nicht, er sah nur das Oval und den lächelnden Blick auf dem Halbrund des Luini. Nicht einmal Bärbel-Marie mit ihrem Krähen und ihrem spitzigen Näschen vermochte er sich vorzustellen. Immer wurde es eines von den Kindern da, die mit dem Schäfchen spielten. Ja, vielleicht, wenn er jetzt da unten wäre und die Polin getroffen hätte und mit ihr hätte darüber reden können (sie hätte es begriffen), dann vielleicht hätte er sich von den Klammern, die ihn umschlossen hatten, befreien können; so aber trieb er sie immer fester in sich hinein. Sie schienen ihm wie jene Handschellen und Ketten für Verbrecher zu sein, die sich nur unlösbarer um die Gelenke preßten, je mehr man versuchte, sie abzustreifen.

Endlich stand er mit einem Ruck – es war ein Entschluß für ihn – auf und ging in das Zimmer, das dunkel und heiß (die ganze Wärme des Tages war darin wie in einer Schachtel aufbewahrt für die Nacht) hinter ihm lag, um sich aus alter Gewohnheit ein Buch zu nehmen und sich für morgen und Mailand weiter vorzubereiten; denn wie schon zur Genüge kenntlich gemacht, er war ein gewissenhafter Mensch und durch die methodische Schulung des Professors Schlattermann gegangen.

Aber ehe er noch Licht angeknipst hatte, gab er diesen Entschluß wieder auf, da ihm einfiel, daß er ja eigentlich noch nichts zu Abend gegessen hatte. Und dann ging er wieder – ganz körperlos geworden gleichsam – unten am See unter den Kastanien entlang, im Schein von Hunderten von Glühbirnen, die wie in einer kilometerlangen Perlenkette die geschwungene Kurve des Seeufers nachzogen. Die Dampfer, die sich inzwischen alle von ihren Fahrten schon eingefunden hatten, ruhten etwas weiter draußen im Halblicht wie riesige weiße Schwäne, die zur Nacht den Kopf unter die Flügel gesteckt hatten. Während erst die ganze Stadt hier und jene Uferpromenade ganz besonders nur den Fremden gehört hatte, schienen die wie verdrängt jetzt. Vielleicht aßen sie gerade noch in den großen Kästen oder mußten tanzen. Jetzt waren plötzlich Schwärme von jungen Mädchen da, alle mit bloßen Köpfen, hutlos, zwitschernde Schwalben, die zu zweien und dreien ausgeflogen waren nach Sonnenuntergang, aus den Läden und den Nähstuben und Strickschulen und aus den Weinbergen und Gärten, aus Hotels wohl und Pensionen und oben aus Dachkammern und Mezzaninen über die Hintertreppe. Aber mitten durch diese Reihe von jungen zwitschernden und lachenden, lebensneugierigen Mädchen kamen langsam auf Robert Ludwig zwei Frauen zu – vielleicht beide in Trauer, jedenfalls dunkler gekleidet als alle anderen hier. Die ältere, mit dem Gesicht einer Maria auf einer Pieta, abgehärmt, wie von vielen Tränen über den Verlust eines Sohnes, der keine Erfüllung, sondern nur eine Hoffnung gewesen war, keine Vollendung, sondern nur ein Versprechen. Oder vielleicht eher noch einer Matrone gleichend auf einer jener römischen Doppelstelen, solch einer, in deren Antlitz vierzig Jahre Sorge um Haus, Mann und Kinder liegen. Die jüngere (jedoch scheinbar auch in Trauer, aber nicht die Tochter) war von einer so stolzen und überwältigenden Schönheit großer, üppiger und frei getragener Gliedmaßen, wie jene Frau auf der Kreuzigung, und sie ging nicht, sondern sie schritt. Nicht selbstbewußt war sie, sondern selbstverständlich und gottgesegnet schön. Sie hatte ein wundervolles Oval des Gesichts, ganz anders wie all diese zwitschernden Schwalben hier, trug den Kopf voll einer so schweren Fülle von Haaren, daß er fast doppelt groß erschien. Und doch war in dem Gesicht nichts von jener junonischen Überreife und dem strengen Ernst der Frauen Feuerbachs, sondern es hatte eher etwas von dem eines großen, süßen Kindes, das gern lacht, aber nun doch wenigstens schmerzhaft lächelt, weil es ja eigentlich weinen muß. Es war schon etwas sehr Ungewöhnliches um diese junge, herrliche Frau, und man begriff aus den Zeiten des Minnesangs her, daß Männer niederknieten oder ihren Mantel vor die Füße ihr warfen, damit sie darüber hinschritt, wenn so etwas an ihnen vorüberging. Oder daß man Frauen wie ihr im Altertum einfach als Venus Altäre bauen konnte. Man muß sagen, daß Robert Ludwig einen Schrecken bekam, eine Art heiligen Schreckens, der mit Ehrfurcht und Dankbarkeit gemischt war, weil ihn so etwas auf seinem Lebensweg wenigstens einmal streifte, und daß er nicht einmal den Blick jener Schönen zu erwidern wagte, der leise belustigt über seine Verwirrung einen kleinen Bruchteil einer Sekunde auf ihm haftenblieb mit jenem spöttisch lächelnden überlegenen Schimmer der Madonna Luinis. Ja, Robert Ludwig wagte nicht einmal, den beiden nachzusehen, so benommen war er von dieser visionären Anmut. Träumten nicht vielleicht junge Archäologen vom Haupt jener späten Venus Anadyomene in Syrakus, das wie mit einem Beilhieb von dem herrlichen Körper geschlagen ist. Und hier war es. Und seine Trägerin ging lebend und jung und anbetungswürdig einfach zwischen all dem Volk am Kai.

Es war keine Arbeiterin, keine schlichte Frau, keine Fürstin und keine Helena – es war vielleicht nur eine junge Witwe eines Bahnassistenten, eines Advokaten oder Weinhändlers aus Vicenza.

Die Nacht glich ihr, war gerade wie sie eine junge, schwarzhaarige, üppige Schöne mit einer Blume in den Flechten, sie war wie sie dunkel gekleidet und trug den Himmel über ihren Schultern der Berge, wie einen tiefblauen Seidenschal mit langen, hängenden Fransen.

Auch junge Leute, tags Schreiber oder Verkäufer, sehr schlank, wichtigtuerisch, und alle von einer bescheidenen, aber saloppen Eleganz, gingen zu zweien und dreien; sie grüßten vielleicht die Mädchen, nickten ihnen zu, riefen im Vorübergehen ein Wort von bellezza oder amore oder notte – aber sie blieben nicht stehen. Und noch weniger, daß Paare sich hier vor der Öffentlichkeit, wo jeder jeden kannte, zusammenfanden. Viele Kinder, ganz kleine, die kaum erst laufen konnten, trudelten zwischen den Spaziergängern herum. Bei uns, meinte Robert Ludwig, sind sie lange ins Bett gebracht. Und junge Frauen in dunklen stumpfen Seidenkleidern, mit Kämmen im Haar und blitzenden Ohrringen gingen sehr stolz, sehr unnahbar, nicht nach rechts oder links blickend, ganz bürgerlich und gesichert mit ihren Müttern voran, während der Gatte, tagsüber Polizist oder kleiner Versicherungsbeamter, mit einem Kind auf dem Arm und einem an der Hand hinter ihnen herging und das jüngste, aber bläßliche Produkt seiner Zärtlichkeit mit Küssen und närrischen Schmeichelworten zudeckte. So tief, dachte Robert Ludwig, würde sich doch ein deutscher Vater nie herabwürdigen.

Andere hatten sich auf eine Viertelstunde Wägelchen gemietet, kutschierten selbst, hatten Frauen, viele Kinder, Amme, ältere Damen neben- und übereinander in das kleine federnde Gefährt gepreßt und knallten nun wie wild mit der Peitsche über den Rücken des Pferdchens fort und ließen es traben, daß alle schrien und lachten und sich doch etwas ängstigten – solche Helden waren sie!

Langsam begannen nun wieder Hotelpforten ihre gesättigten Gäste auszuspeien, bunt gekleidet, wie das Gemisch ihrer Sprache es war, und sie vertrieben Robert Ludwig von der Promenade – jetzt hatte er keinen Sinn für ihre weltliche Vornehmheit, ihre flatternden Capes und ihre smarten Linien.

Irgendwo drüben auf der Straße standen ein paar gedeckte Tische, und dort setzte Robert Ludwig sich hin und versuchte der Kellnerin klarzumachen, was er zu essen wünschte, denn gerade in den Bezeichnungen der Speisekarte glaubte er besonders firm zu sein. Er unternahm also einen zweiten Vorstoß ins Italienische, nachdem der erste vor dem Alten vorhin im Erfolg nicht ganz geklärt gewesen war.

Die Kellnerin lauschte ihm eine Weile und kratzte sich dabei mit dem Fingernagel hinter dem Ohr; sie hatte eigentlich, dank ihrer Tätigkeit und einer reichbewegten Vergangenheit, so von allem einige Ahnung, was in Europa gesprochen wurde, aber hier versagte sie vollkommen. »Bitt schön«, sagte sie, »dann bring i also dem gnädigen Herrn an Risotto, der ist fertig, und an halben Chianti a und nachher an Kas oder an Marillenkompott.« Nach dem Dialekt war das sicher keine Italienerin. Deshalb hatte sie ihn wohl nicht verstanden, denn er hatte etwas von Zunge oder Huhn doch gesagt. »Wo sind Sie daheim, mein Fräulein?« fragte Robert Ludwig. »Bei Salzburg«, sagte sie. »Ach so«, meinte Robert Ludwig. »Eigentlich wollte ich ein Huhn haben, aber nun bringen Sie mir schon lieber Risotto und Schinken oder Wurst dazu – ganz gleich, was da ist, wenn es nur schnell geht.« Schon kamen zwei Dienstmänner und bestellten, denn diese Trattoria war nicht für Fremde, sondern für Boten, Hausdiener, Barkenführer, Maschinenheizer und Arbeiter und allerhand auch fragwürdiges Volk, das von eigenen kleinen Unregelmäßigkeiten und den kleinen Unregelmäßigkeiten seiner Mitmenschen lebte. Und diesen blieb die Kellnerin keine Antwort schuldig. Sie hatte scheinbar eine spitze Zunge und war keineswegs prüde. Wenn sie auch einen italienischen Dialekt sprach, den man nur ahnen, aber nicht verstehen konnte. Aber Robert Ludwig saß da, trank den schwarzroten Wein, der etwas metallisch schmeckte, sehr langsam in kleinen Zügen in sich hinein und empfand nichts als die wohlige Wärme der Nacht. Die Gesellschaft ringsum, die mit verklebten Karten sich gegenseitig begaunerte, war ihm eigentlich nicht unangenehm. Sie zeigten ihre Leidenschaften offener wie ihre Karten. Sie waren ganz dabei, und mit jedem Wechsel des Glücks bauten sich ihre Gruppen neu auf, teilten sich augenblicks in Partei und Gegenpartei. Von weit her jedoch kam allerhand Musik. Geigen und Gitarren und Klavier und Gesang, immer von einer anderen Richtung und stets nur abgerissen und wenige Töne. Vor allem war eine Männerstimme, gurgelnd, falsettierend und doch voll von einem sehnsüchtigen Werben und Klagen, die aufklang, verhallte und wiederkam und Robert Ludwig wie eine Begleitung zu seinen formlosen Träumereien erschien. Eigentlich hätte er doch eine Ansichtskarte nach Hause schreiben sollen – er hatte geschworen, keinen Tag vergehen zu lassen ohne Nachrichten. Aber erstens glaubte man ihn ja schon in Mailand und würde ohne umständliche Auseinandersetzungen nicht verstehen, warum er hier die Reise schon unterbrochen hatte, zweitens: Was sollte er schreiben? Vielleicht: »Ich werde Dir und den Göttern meiner Vergangenheit untreu und gehe mit fliegenden Fahnen zu den anderen über.« So etwas Ähnliches wäre ihm sicher aus der Feder gerutscht, benommen und doch zugleich überbewußt, wie er im Augenblick war, müde und munter, helle und trüb zugleich. Zu der Ansichtskarte hatte er auch morgen von Mailand aus Zeit, wenn er erst bei – wie hieß es? Biffi, ja, Biffi – bei Biffi in der Passage saß. Doch in diesem Augenblick setzte sich noch ein Mann, wohl so an die Vierzig, an seinen Tisch. Er war ein echter Hallodri, augenzwinkernd, mit den Fingern schnackelnd und in einer speckigen, aber hundertmal schon veränderten Felduniform. Außerdem hatte er einen Holzfuß, keine Prothese etwa, nein, einen richtigen, altmodischen Stelzfuß, wie die Invaliden mit den Leierkästen auf den Karikaturen von Anno dazumal. Er war ziemlich betrunken schon, aufdringlich und fast zärtlich (aber doch ein gefährliches, tückisches Raubtier zugleich). Er erzählte Robert Ludwig sofort, daß er vor dem Krieg lange in München gelebt hätte, aber sein Deutsch halb schon vergessen hätte, und er sang zur Bestätigung seiner Angaben mit krähender Stimme schöne Lieder wie »In Stadelheim, in Stadelheim, da kommen die Luki zusammen« und legte dabei die Hände, als ob sie gefesselt wären, übereinander. In vornehmer Gesellschaft schien er sich dort in München nicht bewegt zu haben. Jetzt kam er beruflich von Mailand aus oft über die Grenze und auch nach Lugano. Doch tat er das, wie er augenzwinkernd bemerkte, nicht mit der Eisenbahn. Wenn der Herr mal irgend etwas benötige in Mailand, meinte er augenzwinkernd, hier hätte er seine Karte, Und er überreichte mit einer schmierigen Grandezza Robert Ludwig eine mit der Hand in großen Schwüngen geschriebene Visitenkarte, auf der Antonio Dionigi stand, Calle Ambrosiana 227, III, Milano. Als ein energischer und tüchtiger Geschäftsmann schien er über seinen neuen Beruf seinen alten nicht vergessen zu haben. Auch ließ er durchblicken, daß er in »Flebben« jeder Art Spezialist wäre. Robert Ludwig mußte die Energie dieses Mannes bewundern, dem nicht einmal der Verlust seines Beines etwas von seiner Lebenstüchtigkeit genommen hatte. Erst hatte er erzählt, wie er es bei Riva verloren hatte, dann, als er betrunken wurde, ein zweites Mal auf ähnliche Weise, doch am Monte Crystallo. »Aber genug – so oder so: Der italienische Staat sorgt nicht für seine Helden.«

Endlich aber winkte Robert Ludwig doch der Kellnerin, zu zahlen. Sein Italienisch aber verschwendete er nicht noch einmal an sie. Und langsam ging er die stiller gewordene Uferstraße zwischen den Kastanien dahin. Man konnte jetzt wieder hören, wie das Wasser an die Steine klatschte. Im photographischen Archiv seines Hirns schoben sich immer neue farbige Platten vor: die Mädchen des Abends aus den Mansarden und Mezzaninen, aus den Portierlogen und Nähstuben der engen Altstadt; dieser infernalische Stelzfuß, wie von Callots Manier; Katja – so hatte er sie innerlich genannt –, seine Polin, mit ihrem Überfluß an Ringen und dem Suit-case mit Silbereinrichtung; die Gruppen hinten in der Trattoria, die irgendwie jenen auf dem großen Fresko von Bernhardo Luini verwandt waren, und endlich das leicht spöttische Lionardolächeln in dem Blick einer Madonna, die über das Spiel der Kinder zu wachen hatte – und dem er in jener schönen Frau in Trauer wieder begegnet war; die kühle Frische des Vierwaldstätter Sees und die durchsonnten Weinhügel des Markgräfler Landes, wie ein letzter Rest aus jenen Zeiten, da Rom dort oben noch lebendig war (nicht viel mehr eigentlich als die rosa Nymphäen und die Äskulapschlangen von Schlangenbad. Menschenmacht ist eben von kürzerem Atem). Gesagt hatte er ja, daß man ihn ganz früh wecken sollte – hoffentlich verschlief er nicht. Noch einmal trat er auf den Balkon heraus. Die Lichter von den Bergbahnen, die wie Funken hüben und drüben, Salvatore und Bre hinauf, sich gezogen hatten, waren nun erloschen, dafür schnitten aber die gerundeten Umrisse der beiden Kolosse viel deutlicher jetzt denn vorher in den mit Diamantstaub überworfenen Nachthimmel, der von der breiten Milchstraße deutlich in zwei Hälften gespalten war. Unten war es an der Schwingung des Kais leer jetzt und still – die Perlenkette der Glühlampen hatte schon viele ihrer Zwischenglieder verloren –, nur von einer Bank kam Lachen und Geflüster herauf. Von den Höhen drang dazu ein leiser, kühler Hauch. Wie der Atem einer Schlafenden. Auch die Nacht schien jetzt müde geworden zu sein und schlief dem morgigen Tag entgegen. Und Robert Ludwig entkleidete sich im Dunkeln – »Kein Licht machen, oder, wenn Licht, sofort Fenster schließen«, das hatte ihm Signore Zucchinetti noch auf die Seele gebunden wegen der Zanzaren – und schlief ein.

Als er erwachte, war der Zug natürlich fort. Denn während im Deutschen sechs und sieben eigentlich nicht zu verwechseln im Klang ist, hat es in der italienischen Sprache eine fatale Ähnlichkeit miteinander. Und außerdem hatte Robert Ludwig immer noch nach norddeutscher Art halb sechs gemeint, was der Hausdiener mit halb sieben gedeutet haben würde, wenn er nicht überhaupt halb acht verstanden hätte und mit der ihm innewohnenden Pünktlichkeit um drei Viertel nach sieben geweckt hätte. Wenn sich Robert Ludwig einfach seiner Muttersprache bedient hätte, die der gnomenhafte Hausdiener (er hätte als Mime auf jeder Opernbühne gute, das heißt zwingend-schlechte Figur gemacht), auf dessen Rücken auch die größten Koffer eine natürliche Stütze fanden, dank einer schon sechs Saisons währenden Liebschaft mit einem deutschen Zimmermädchen bis in die letzten Finessen ihrer badischen Heimat ausgezeichnet beherrschte, so hätte er damit voraussichtlich seinem ganzen späteren Dasein eine andere Linie und eine andere Richtung gegeben. Aber vielleicht gehörte auch das mit zum Spiel seines Schicksals.

Robert Ludwig trat auf den Balkon. Der See lag noch kühl und klar, die Berge waren grau und scharf gezeichnet, wie im Norden, in einer peinlichen Überdeutlichkeit. Ein Strich von Dunst schwebte wie eine Sichel um das Haupt des Salvatore. Die Uferstraße unten war blank, leer und gefegt, und Sprengwagen waren an der Arbeit. Die Luft war dünn unter einem mattblauen Himmel, und der ganze sinnliche Brodem, das Geheimnis des gestrigen Nachmittags und der üppigen Nacht, war verflogen bis auf den allerletzten Rest. Es war nichts geblieben wie ein hübscher Ort am See mit halb südlichem, halb alpinem Charakter. Was sollte er noch hier? Wenn er mittags führe, wird es zu spät für Mailand werden, um noch etwas zu sehen. Da wäre er sogar mit dem Bummelzug schon früher da. Immer noch hatte er diesen Druck vor der Stirn. Wie leicht sich der Wein trank, aber er bekam einem nicht gut. Wenn er sich eilte, erreichte er den Zug noch. Und Robert Ludwig eilte sich; aber doch nicht so sehr, daß er nicht noch Zeit fand festzustellen, daß der garantiert reine Bienenhonig zum Kaffee eingedickter Birnensaft war und daß die Hühner hier auch keine ganz einwandfrei frischen Eier legten. Und als eben schon der Stationsvorsteher oben die Hand hob, um den Zug abzulassen, sprang er ziemlich außer Atem – ein Glück, daß Funicolare und Bahnsteig fast in eins gingen – in den Zug, warf sich aufatmend in die Polster und legte sein imitiertes Krokodilköfferchen neben sich auf den Sitz und seine karierte Reisemütze darauf. Doch als er aufsah, erschrak er bis in die letzte Zelle seiner Seele, denn dieses Menschenwunder von Schönheit, diese junge, trauernde Frau mit dem verschollenen Antlitz der Venus von Syrakus saß schräg ihm gegenüber am Fensterplatz und lächelte ob seiner atemlosen Bestürztheit. Sonst aber war niemand im Abteil. Robert Ludwig starrte wortlos seine Nachbarin an und schämte sich innerlich dessen, denn nichts lag ihm ferner, als sie etwa belästigen zu wollen. Er tröstete sich damit, während er vergeblich die Blicke von dem lächelnden Edelmaß ihrer Züge loszureißen versuchte – aber so wenig behält das Eisen seinen Willen dem Magneten gegenüber –, daß er eine Statue, ein Gemälde, ein schönes geschliffenes Glas ja auch eingehend betrachte, warum denn nicht solch ein Wunder an menschlicher Anmut. Aber je weniger sein Blick loskam von seiner Nachbarin, die auch heute noch lächelte gerade wie gestern (gleich einem Kind, das eigentlich weinen müßte, aber doch nicht weinen will), desto stärker empfand er das Haltlose dieser Situation: Was sollte er tun, wenn sie sich das verbäte, es als eine Belästigung empfände, Furcht vor ihm bekäme oder gar vielleicht den Schaffner gegen ihn aufböte?

Langsam sinkend hatte der Zug indes im weiten Bogen wieder den See gesucht und fuhr nun schon bei Melide über die große Brücke, über den langen Steg, den man durch den See gelegt hat. Von vier Seiten drang Licht in den Wagen, von rechts und links und von oben und unten her. Der Widerschein der kleinen zuckenden Wellchen spielte wie in einer Badeanstalt an der Decke des Abteils. Es schien Robert Ludwig gar nicht mehr, als ob er fuhr – ebenso hätte er in einem Flugzeug sitzen können mit einem lichterfüllten Raum auch unter den Füßen –, nein, es schien ihm wirklich, als ob er und jene junge Person nur noch dahinschwebten. Wenn er wenigstens nur ein Wort gefunden hätte, um auf die Erde, auf den einfachen Boden der Tatsachen zurückzufinden. Was gab es denn eigentlich? Ein deutscher Kunsthistoriker, der nach Mailand fuhr, und eine junge Frau in Trauer. Vielleicht war ihr eine Mutter, eine Tante oder ein Kind gestorben, eine Frau, die ihr Mann gewiß schon in Como auf dem Bahnhof erwarten würde. Nichts als eine Reiseerinnerung, von der nicht mehr blieb wie der angenehme Nachgeschmack des Gefühls, wie an ein Rosenparterre in einem Schloßgarten oder an einen alten violetten Heliotropstock, der in einem grünen Holzkübel am Rand einer plätschernden Fontäne stand und dessen Duft uns in der Sonne umwehte, als wir vorübergingen. Nichts sonst. – Aber das sagte er sich nur. Er glaubte es nicht. Es fing schon wieder an, warm zu werden, und der Druck vor seiner Stirn, der mit einer Art von Überbewußtheit, einer ihm sonst fremden Helligkeit der Wahrnehmungen verknüpft war und den er gestern abend eigentlich das erstemal so unentrinnbar – ganz fremd war er ihm ja nicht von früher her – gespürt hatte, der machte sich von neuem ganz empfindlich und leise quälend bemerkbar. Ein Jahr seines Lebens hätte er um zehn einfache Worte jetzt gegeben, um nur fünf Minuten simples und unbefangenes Plaudern, wie es jeder Handlungsreisende bei einem hübschen Gegenüber zu treffen weiß. Er war schon glücklich, als seine Blicke wenigstens jetzt von ihren großen braunen Augen loskamen, um einen Ruhepunkt auf den weichen Kissen ihrer Hände zu finden, die ein kleines, aus buntem Stroh geflochtenes Schächtelchen langsam öffneten und ihm hinreichten, während sie selbst zuerst hineingriffen und ein winziges Kielboot einer weichen Schokolade zwischen zwei spitze Finger nahmen – solche, die in all ihren Gliedern fast gleich lang und gerundet wie auf der Drehbank waren, aber dort, wo sie den Handrücken verließen, den Händen kleine rosige Grübchen schufen. Robert Ludwig schoß es durch den Kopf: Nein, wahrlich, das waren nicht die nervösen Finger gotischer Madonnen, überschlank und zerbrechlich, bei denen hatte er nie gespürt, daß es eine, ja vielleicht die größte Köstlichkeit dieser Welt sei, wenn sie seine beiden Schläfen ganz zudeckten, während man Haupt an Haupt lag.

»Gianduja!« sagte jene und lächelte. »Sie müssen sich stärken auf die Anstrengung. Beinahe hätten Sie den Zug verpaßt. Sie sind noch außer Atem. Es war höchste Zeit.« Robert Ludwig sperrte sich etwas, er war nicht gewohnt, daß ihm Damen in der Eisenbahn Schokolade anboten, aber er wußte doch so viel, daß das eigentlich gar nichts bedeutete, sondern daß es hier als ein Zeichen schlechter Sitten galt – das hatte ihm Signore Zucchinetti verraten –, in der Eisenbahn eine Zigarette zu rauchen oder etwas zu essen, ohne dem Mitfahrenden zum mindesten davon anzubieten. In Spanien tut man das auch, aber es ist unhöflich, etwas zu nehmen. Wie aber in Italien der unbeschriebene Sittenkodex war, wann man nehmen durfte, wann ablehnen müsse, davon ahnte er nichts. Und da er erst das zweite versuchte, so blieb die Hand ihm trotzdem entgegengestreckt, bis er sich ein Stück aus der Strohschachtel herausgefischt hatte, während er bei sich überlegte, was er nur dagegen zum Anbieten habe: Pfefferminz, Zigaretten, Kognak, oder ob er etwa ein Stück von der Hartwurst heruntersäbeln sollte. Frau Antonie blieb nebenbei trotz der »Hartwurst« als Ideenverbindung ganz auf dem Boden seines Unterbewußtseins, allwo sie sich für längere Zeit verankert zu haben schien; denn es sollte einige Frist dauern, bis sie von dort wieder emportauchte.

»Gianduja ist eine italienische Spezialität«, meinte sie nochmals, »und schmeckt amabile, schmeckt zum Verlieben.«

»Ich habe Sie schon gestern gesehen, mit einer alten Dame«, begann plötzlich Robert Ludwig. Und zwar zu seinem tiefen Erstaunen italienisch, konnte es einfach. Er brachte es ohne Zagen und Stottern heraus, mit einem weichen und doch vollen Klang, den er an Signore Zucchinetti hoffnungslos so sehr bewundert hatte, ja, er war sogar weit wortreicher, als er es sich je zugetraut hätte. Er sprach, sprach, sprach ... Wenn ihm etwas nicht glückte, so fand er immer noch irgendeine Umschreibung, um sich verständlich zu machen. Selten nur, daß er ein französisches Wort einwarf, wenn er an dem verzweifelten Gesicht seiner Nachbarin sah, daß sie seinen Sätzen durchaus keinen Sinn entnehmen konnte. Sie übertrug es dann und sprach es so lang – wie ein Kind, das glücklich ist, ein anderes zu belehren – unter Lachen ihm vor, zeigte eine rosige Zunge dabei zwischen blanken Zähnen, bis ihm der Klang fest im Ohr saß. Und nach wenigen Wochen gab es auch das nicht mehr. Ich würde es nicht schon verraten, wenn ich nicht dächte, daß man es schon erraten hätte.

»Sie sind Inglese, mein Herr«, sagte die schöne Nachbarin, »aber Sie könnten ebensogut bei uns aus der Lombardei sein. Dort gibt es viele, die blond oder rot sind. Man sagt, sie sind damals, als die Römer hier fort mußten, von oben gekommen und sind nun hier unten immer geblieben, weil es oben kalt war und weil sie dort nicht an Gott, den Vater, Maria und die Heiligen glauben durften. Auf den alten Statuen haben die Barbaren gerade solche Bärte noch, wie Ihr habt, mein Herr Inglese.«

Robert Ludwig beschloß, sofort bei seinem ersten Schritt in Mailand sich den Vollbart abnehmen zu lassen, den er als Zeichen seiner Würde und um etwas älter zu erscheinen – bis vor zwei Jahren nämlich hatte er noch einen reichlich jungenhaften Eindruck erweckt –, den er sich also nur auf das Drängen seiner Frau, die sich so mehr für seine Karriere versprach, einst während einer Studienreise durch den Seekreis (von Dorfkirche zu Dorfkirche) hatte wachsen lassen. Und wenn er dafür später nicht einen ersten Coiffeur in Mailand in Tätigkeit setzte, sondern nur einen armseligen, selbst tiefblauschwarz unrasierten und zudem noch buckligen Bader in Zogno bei Bergamo in Anspruch nahm, so lag das nur daran, weil er in diesen nächsten Tagen nicht nach Mailand kam.

»Sie aber, schöne Dame«, sagte Robert Ludwig, »sind nicht aus dieser Gegend. Ich glaube, daß Vicenza – von dem einige sagen, daß die Frauen dort noch lieblicher und blumenhafter wären als in Mailand oder gar in Turino – den Ruhm hat, sie ein Kind seiner Gemeinde nennen zu dürfen.«

Robert Ludwig hatte das aufs Geratewohl gesagt, er wußte selbst kaum, wie er daraufgekommen war. Aber die schöne dunkle Nachbarin lachte nicht. »Ich bin nicht aus Vicenza«, sagte sie, »ich bin vom Lande, aber ich bin vor den Toren von Vicenza zur Welt gekommen, und ich habe die letzten sechs Jahre dort, in Vicenza, gelebt.«

»Nein, schöne Herrin, Ihr seid nicht aus Vicenza, Ihr seid von viel weiter her«, meinte Robert Ludwig (und er hätte nur zu gern gewußt, wer ihm die Worte in den Mund legte), »und Ihr habt auch dort schon lange, sehr lange gelebt, lange bevor die Römer die Macht hatten. Ihr seid aus Syrakusa und habt allda in einem Tempel gestanden, und Männer und Frauen haben vor Euch gekniet, wenn sie Liebeskummer hatten. Noch heute aber steht dort Euer Standbild im Museo. Und damit Ihr unbehelligt bleibt und man Euch hier oben nicht erkennt, haben sie dem Standbild einen Arm und das Haupt abgeschlagen; und nur wenige Glückliche ahnen noch, daß Ihr, schöne Frau« – das aber war wahrlich kein Kunststück, denn der Name pendelte ja in einem ledernen Rähmchen vor dem Koffer oben im Gepäcknetz –, »schönste Signora Modesta Zamboni, eigentlich die göttliche Aphrodite aus Gräcia seid.«

Robert Ludwig hatte ein besonders feines Kompliment deichseln wollen, aber der Erfolg war ganz anders, als er erwartet hatte, denn die Augen der schönen Nachbarin glänzten urplötzlich in ganz klaren und eindeutigen Tränen.

»Es muß wohl so sein, Herr Inglese«, sagte sie, »denn ich höre das nicht zum erstenmal. Wenn ich nicht sehen würde, daß Ihr kindlich und von gutem Herzen, würde ich glauben, daß Ihr ein Zauberer, ja vielleicht der Cornuto, der Gehörnte, selbst seid, wie ihn die Maler auf den Wandbildern im Camposanto in Pisa gezeichnet haben. Mario glaubte nie an Teufel ... Ich aber weiß nicht, ob es sie gibt ... Auf Erden gibt es sie doch, warum soll es sie nicht an anderen Plätzen gleichfalls geben?«

Und bei diesen Worten holte die schöne Frau in Trauer aus ihrer silberbeschlagenen schwarzen Lederhandtasche zwei Postkarten heraus, Ansichtskarten, die durchschwitzt und zerknüllt waren und mit seltsamen rotbraunen Flecken verziert – und wirklich, es war der Torso der Venus von Syrakus. Eine, die abgegriffenere der Karten, zeigte die stehende, überreife Frauenfigur von der Vorderseite, wie sie mit der einen Hand das gleitende Gewand, eigentlich nur ein faltiges Tuch, noch einmal hält, bevor es ganz zu Boden sinken soll – die andere aber, die besser erhaltene, zeigte nur den Rücken mit seinen wundervollen fleischigen, weichen Rundungen und Vertiefungen, wie sie Renoir oder Ingres ahnten, als sie ihre Badenden malten, den sie aber unter tausend Frauen suchten und nie zu finden vermochten.

»Oh, wenn ich auch ein Inglese bin und ein Barbar nur in Ihren Augen, allerschönste Frau«, meinte Robert Ludwig, »ich wollte Ihnen um nichts in der Welt weh tun. Sie dürfen nicht weinen mehr, und ich werde, sowie Sie es mir befehlen, sofort in das Nebencoupé gehen, wenn meine Worte in Ihnen häßliche Erinnerungen geweckt haben. Wie schade, ich wollte Sie wieder lächeln sehen, und ich habe Sie traurig gemacht.«

»Nein«, sagte sie und versuchte zu lächeln und erreichte nur damit, daß Robert Ludwig zu ihr die Hand herüberstreckte, als ob er sie streicheln wollte, aber sie dann sogleich wieder nach dem Kantendeckchen auf dem Kopfpolster abgleiten ließ, wie wenn ihn störte, daß es nicht glatt lag, sondern Falten machte. »Woher sollen Sie auch das ahnen, Herr Inglese? Mario war ganz närrisch auf diese beiden Cartolini, aber davon will ich nicht sprechen ... Genug, er meinte, daß ich ihm immer treu bliebe, wenn er sie statt meiner bei sich trüge. Er war viel auf Reisen in ganz Italien wegen des Geschäfts, er mußte Wein im Süden kaufen – er ist da billiger als bei uns und stärker –, und dann war er in der Partei. Er war nicht Führer, mein Mario, aber er wäre es sicher bald geworden, denn alle liebten ihn, und die Genossen in Vicenza hätten sich für ihn rädern und vierteilen lassen. Aber wie er in Milano war – jetzt vor einem Jahr –, er kam gerade von Napoli und hatte geheime Nachrichten, die er weitergeben wollte, da kam er in den Tumult – es sind schlechte Menschen, Herr Inglese –, wie die Fascisten den ›Avanti‹, unser Blatt, stürmten und demolierten. Und vielleicht, daß man ihn erkannt hat, vielleicht, daß er unvorsichtige Worte gerufen hat, mein geliebter, einziger Mario, sie haben ihn hingeworfen und mit Füßen getreten. Sie haben ihm acht Rippen gebrochen, aber eine Rippe ist ihm in die Lunge gedrungen, und da ist er innerlich verblutet. Man hat mich nach Mailand kommen lassen und hat noch getan, als ob mein goldener Mario ein Verbrecher wäre, den man eigentlich viel härter hätte bestrafen sollen. Und man hat mir das gegeben, was man bei ihm gefunden hat, seine Brieftasche ohne eine Lira, und er hatte doch in Neapel zweitausend gerade bekommen, seine Mitgliedskarte von der Partei; und der Offizier der Karabinieri hat noch die beiden Karten hier auf den Tisch geworfen und gesagt: ›Weint nicht, seid nicht unglücklich, da seht Ihr, Signora, was für ein Schwein Euer Gatte war: Welcher verheiratete Mann trägt denn solche Bildchen mit sich herum?‹«

Draußen zog hinter Wein, der voll blauer Trauben hing, und hohem, sich goldig verfärbendem Mais und zerplatzten Maulbeerstämmen, hinter alten, von Blumen und Rosen zugesponnenen Gärten, zwischen gelb und rot verputzten und vermorschten Kastenbauten, neben denen ein paar Zypressen (schon von Morcote aus hatten vorhin diese ersten steilen Wahrzeichen einer stolzen Vergänglichkeit, die über Italien gebreitet ist, zu ihm herübergewinkt) dunkel und regungslos in der jungen Sonne des Morgens Wache hielten oder über deren flaches Dach eine einzelne Pinie mit den Nadeln wie ein grüner dichter Rauch ihr zweites flaches Dach breitete – zwischen alldem schob sich immer wieder das Blaugrün des Sees hindurch, das in dem leichten Wind von kleinen Wellen wie von zehntausend Silberfischchen übersprungen war. Robert Ludwig blickte eine Weile wortlos hinaus. »Ein europäisches Schicksal, Signora«, sagte er langsam. »Kaum hoffte man vor acht Jahren, daß der blutige Wahnsinn zerspellt sei, da hob er auch schon wieder sein Haupt, um wenigstens die zu vernichten, die das gehofft hatten. Überall das gleiche. Ob das nun in Deutschland oder in Lettland, in Polen oder in Rumänien, in Griechenland oder in der Türkei, in Spanien oder in Italien ist. Staaten und Völker sind Bestien; und wenn sie sich nicht untereinander zerfleischen können; zerfleischen sie sich wenigstens selbst, und der Bessere verblutet stets. Für den anderen aber werden die Fahnen geflaggt und die Orden ihm auf einem seidenen Kissen nachgetragen, wenn den Hochbetagten Militärmusik mit Kling und Klang zu Grabe geleitet. Armer, unbekannter Bruder Mario Zamboni, von dessen durchstochener Lunge kaum die Zeitungen in Polizeibericht Notiz nehmen durften. Wozu mußte er sich aber auch um solche Dinge bekümmern in einer Welt, die unbelehrbar ist, Signora?«

Es hieße aber Robert Ludwig Schmidt falsch einschätzen, wenn man sich etwa über diese seine Reflexionen wundern würde, er war, wie ich schon des öfteren erwähnte, ein weicher, etwas träumerischer Mensch, und seine Jugend war zu reich an Hunger, Haß und Entbehrungen gewesen mit ihrem Freischülerdasein innerhalb einer Schule, in der nur die Söhne der Offiziere und Amtsrichter, Fabrikanten oder der Besitzer von Braunkohlengruben und die der Zuckergroßhändler zählten, als daß sie ihm Gedankengänge solcher Art nicht aufgezwungen hätte. Und wenn er verhältnismäßig früh sich von ihnen abgewandt hatte, so dankte er es der Tatsache, daß es in seinem Dasein eben bald anderes gegeben hatte, das ihn stärker beeindruckt hatte. Denn die Kunst breitet ja dichter als irgend etwas sonst ihrem Adepten den Schleier der Maja über die Härten und Unversöhnlichkeiten des Erdgeschehens. Aber sie hatte doch nur vermocht, daß er die politischen und menschheitsgläubigen Sehnsüchte in sich durch Jahre zurückgedrängt hatte, ohne daß er ihnen in seinem Innern je untreu geworden wäre.

»Ich bin nur eine Frau«, sagte seine schöne Nachbarin, »aber ich weiß, daß seine Genossen einmal für den Tod meines Mario Rache nehmen werden. Aber wozu, Herr Inglese? Warum können die Menschen in dieser Welt nur töten, dort, wo sie einander helfen sollten? Und warum können sie sich nur hassen, wo sie einander lieben und miteinander leben sollten? Wird etwa mein Mario dadurch lebendig, wenn ein anderer seinethalben sterben muß? Auf dem Friedhof unter einer hohen Zypresse steht er nun – Calandrini, sein bester Freund und Genosse, hat es in Marmor ausgearbeitet. Sie sehen sogar das Muster auf der Krawatte, Herr Inglese. Er steht da, als ob er lebt, gerade als ob er etwas erklärt und die noch Schwankenden überzeugen will. So hätte er ihn hundertmal gesehen, und so sollte er auf die Nachwelt kommen. Es ist ein großes Kunstwerk, Signore. Und es wird Calandrini in ganz Italien, in Europa, in der Welt berühmt machen.«

Robert Ludwig kannte solche Schauerlichkeiten genug aus Abbildungen. »Es ist ein großes Kunstwerk, bewunderungswürdig«, wiederholte seine Nachbarin, »aber es gibt mir doch meinen armen Mario nicht wieder, und ich bin wieder allein. Wenn ich einen Sohn von ihm hätte, wäre doch etwas von ihm bei mir geblieben. Aber wir haben keine Kinder gewollt; nicht einmal einen Hund hat er geduldet. Ich sollte nur ihn haben, gerade als ob er geahnt hätte, daß ich ihn nicht lange haben würde. Aber wir wollen nicht mehr von ihm sprechen, Signore Inglese. Sie wollen froh sein. Sie kommen von weit her, um unser schönes Land zu sehen, und ich bin so schlecht erzogen und so unhöflich, daß ich Ihnen von meinem Kummer und meinen traurigen Erlebnissen erzähle. Finden Sie es nicht sehr schön bei uns? Wo wollen Sie hinreisen? Nach Venezia? Nach Firenze? Roma? Nach Napoli? Oh, la bella Napoli! Gehen Sie nach Marina di Pisa an die See, es ist klein und sehr lieblich. Ganz warm das Wasser und ein großer Pinienwald. Zweimal bin ich im Herbst mit Mario dort gewesen, und den ganzen Tag haben wir im warmen Sand gelegen, fast wie Adam und Eva – selbst beim Essen in der Pension haben wir nur einen Pyjama getragen. Wo wollen Sie hinreisen, Signor Inglese?«

»Wo?« wiederholte Robert Ludwig langsam. »Das weiß ich noch nicht ... Jedenfalls aber werde ich dort sein, wo Modesta Zamboni sein wird, und wenn sie mir sonst nichts gestattet, als daß ich nur einmal am Tage an ihrem Hause vorbeigehen darf.«

Die schöne Nachbarin lachte plötzlich und unvermittelt auf, und aus ihren großen Augen kam jener Blick von einer schalkhaften Überlegenheit, dieses grünlich-blitzende Lächeln in den Augenwinkeln, das er von der Madonna Luinis seit gestern kannte. »Sie sind ein närrischer Mensch, Signor Inglese«, sagte sie. »Sind in Ihrer Heimat alle so? Dort, wo ich lebe, würden Sie es nicht vierundzwanzig Stunden aushalten, denn es ist ganz weltabgelegen, einsam, und das Haus ist sehr alt und verlassen. Nur meine Amme lebt noch dort mit mir, und sie ist taub wie eine weiße Katze. Es hat schon meinem Urgroßvater gehört, aber das Land dazu habe ich nun verpachtet. Nein, das würde nichts für Sie sein. Was solltet Ihr dort den lieben langen Tag anfangen?«

»Nur Euch ansehen«, sagte Robert Ludwig Schmidt.

Die schöne Nachbarin lachte ganz hell und warf den Kopf zurück, daß eine große schwarze Haarnadel aus dem hohen Bau ihrer Frisur glitt und neben ihr auf das Polster fiel. Denn wie alle Frauen liebte sie das Spiel mit Worten, wenn sie sicher war, daß es eben nur ein Spiel mit Worten bleiben würde. In vierzig Minuten, sagte sich Modesta Zamboni, würde sie aussteigen und rufen: »Addio, mein Herr Inglese, und glückliche Reise!«, und zwei Tage vielleicht würde sie in ihrer Einsamkeit noch etwas an seine guten und angenehmen Augen denken, die nichts von dem Raubtierhaften hatten, mit dem sie in Vicenza die fremden Männer immer anblickten und das sie nur kümmerlich mit glattpolierten und wie auswendig gelernten Phrasen der Bewunderung für sie zu übertünchen vermochten. Denn dessen war sich Modesta Zamboni wohl bewußt, daß ihre ungewöhnliche und statiöse Schönheit selbst in Vicenza, wo Schönheit zu den Attributen der meisten Frauen gehörte, die Herzen und Sinne aller Männer verwirrt hatte. Und das war ja mit ein Grund, daß sie nach dem unglücklichen Tode ihres Mannes, der eigentlich doch nicht mehr als ein ungesühnter Mord war, aus der Stadt fortgegangen war, um wenigstens, solange die gute Jahreszeit war, draußen und abseits auf dem Lande zu sein. Von dem Weinhandel verstand sie so nichts, und sie war zufrieden, daß der Teilhaber ihres Mario ihr gesagt hatte, daß er ihr die sechshundertsiebzigtausend Lire, die Mario im Geschäft hatte, nicht auszahlen könne, aber gut und pünktlich verzinsen würde. »Nein«, wiederholte sie lachend, »da würdet Ihr bald vor Langweile sterben, und wenn Ihr tot seid, wüßte ich nicht einmal, welchen Namen ich auf Euren Grabstein setzen sollte. Das würde nur Schwierigkeiten mit den Behörden geben, und ich liebe keine Behörden. Ich hasse sie, und ich schätze es auch nicht, Schwierigkeiten zu haben, Signor Inglese.« Denn Modesta Zamboni jonglierte gern mit Worten. Das hatte sie vielleicht von ihrem Großvater, der Advokat war.

»Wie ich heiße«, sagte Robert Ludwig Schmidt, aber nie würde sie einen Namen mit sechs Konsonanten und nur mit einem Vokal aussprechen können, und er würde ihr so barbarisch erscheinen, als ob ein Pferd wiehert. Und selbst »Robert Ludwig« würde sich in ihrem Munde, der die klingenden Endsilben wie Küsse sprach, nicht gut ausnehmen. »Oh, das werden Sie leicht behalten, wie ich heiße«, sagte er langsam, und er war sich nicht einmal bewußt, daß er log, »ich heiße Roberto Luigi.«

»Roberto Luigi?« Modesta Zamboni lachte. »Ein hübscher Name für einen Inglesen!« Das war alles, denn sie wußte nämlich genau, daß es unhöflich sei, einen so freundlichen Mann bloßzustellen und etwa einer kleinen Lüge zu überführen.

Sie hatten sich vom See nun entfernt, dessen Zipfel plötzlich wie ein umbuschter Teich so ruhig aufhörte, wo er in weiter stiller Rundung an das Land stieß, ganz nördlich beinahe: in Wiesen mit hohen Pappeln, Weiden und Platanen und vielem Schatten. Aber dann tat ein hügeliges, seltsam steiniges Land sich auf, das wild und fruchtbar zugleich war, mit kleinen Berglehnen, die ganz rosarot von dürrem und wie verbranntem Buschwerk waren, und wieder mit grauen Oliven in Talsenkungen, mit allerhand Dörfern und kleinen, pittoresken Flecken, die, uralte Räubernester und seltsam verschachtelt, sich der Landschaft angeschmiegt, hier in eine Bodensenkung sich einfügten und dort wie ein zackiger Helm auf das Haupt eines Hügels gestülpt waren. Man sah sehr weit, und einzelne weiße, rosig oder lichtblau getünchte Landhäuser, die ganz für sich und verbindungslos mit aller anderen Welt irgendwo zwischen Feldern und auf der Lehne eines Berges standen, leuchteten in diesem graugrünen Gesamtton von Steinen, Feldern und Wein und Ölbäumen wie große herbstliche Blumen. Am häufigsten waren eigentlich die, die das lichte Ocker der Sonnenblumen hatten.

Trotzdem diese Landschaft voller Menschensiedlungen war, sah man weit und breit niemand, weder in den Feldern noch im Wein, noch auf den Wegen. Nur ab und zu ein großes, schnell fahrendes Auto, das man gleich Zeus in seiner Wolke mehr ahnte als sah in dem dichten, schlohweißen Staub, der es umwirbelte.

»Nun, Signor Roberto Luigi«, sagte Modesta Zamboni, und wieder war der Schimmer von einer spöttischen Grazie in ihren Augenwinkeln. »Sehen Sie die Villeggiatura dort oben, die so ganz für sich liegt. Sie würden eine halbe Stunde gehen, bis Sie zum nächsten Haus kommen, und die Menschen dort leben nicht viel anders als das Vieh, mit dem sie unter einem Dache wohnen. Denken Sie sich das, und nehmen Sie sich einen alten Garten, der ganz verwildert ist, mit Marmorbänken, die grün geworden sind in hundert Jahren, und einem großen Springbrunnen, der verstopft ist seit fünfzig Jahren, und Figuren auf Sockeln, an denen Esel ihre dummen Namen eingeschrieben haben, und mit einer Mauer voller Glasscherben um all das herum, so hoch, daß Sie nirgends auch nur herübersehen können ... und immer nur eine taube alte Frau im Hause, die zudem noch den ganzen Tag betet. – Wie lange, glauben Sie, Herr Inglese Roberto Luigi, könnten Sie dort sein, ohne in schwärzeste Melancholie zu verfallen?«

»Mit Ihnen mein ganzes Leben, Signora Modesta«, meinte Robert Ludwig, und er war sich selbst nicht klar, ob er scherze oder einen Schwur tat.

Modesta Zamboni lachte wiederum, und es reizte sie das Spiel, weil es eben doch nur ein Spiel war, fortzusetzen. In Wahrheit aber hatte ihr Herz bitteren Hunger. Und ein frierender Bettler liebäugelt auch mit den Attrappen von gebratenen Hühnern und blutigen Koteletts aus Papiermache, mit Äpfeln, Birnen, Apfelsinen und Gurken aus Gummipapier in den Auslagen der Maskengeschäfte und in den Schreibwarenhandlungen der Vorstädte zur Karnevalszeit, trotzdem er genau weiß, daß sie seinen Hunger nicht stillen können. Und so auch die schöne Modesta Zamboni.

»Ja, aber, Signor Inglese, si, Signor Roberto, wenn nun aber alles ganz anders wäre, als Sie es erwarteten, und wenn nun diese gewisse Modesta Ihnen sagte, daß sie nie wieder nach Mario einem Manne ganz gehören würde, weil es doch keinen in der ganzen Welt – nicht einmal in Britannia«, fügte sie mit höflichem Lächeln ein –, »gäbe, der ihm gliche, würden Sie dann auch noch in solcher Wüste bei ihr bleiben? Noch gestern – es war seine Mutter, mit der Sie mich dort sahen – sagte sie mir: ›Du wirst Mario vergessen, und du mußt Mario vergessen, denn du bist noch zu jung, um ewig trauern zu dürfen. Aber ich habe nichts gekannt wie ihn, und in meinem Leben wird nichts mehr sein als die Erinnerung an ihn. Hat ihn nur dazu der elende Krieg mir wiedergegeben, daß seine eigenen Brüder im Lande ihn mir erschlagen, meinen armen Sohn?‹ Aber ich antwortete ihr, daß ich an Mario die gleichen Rechte hätte wie sie. Wir hätten uns beinahe verunreinigt. Sie darf nicht nach Italien zurück, denn man würde sie in das Gefängnis werfen; aber nun arbeitet sie eben für die Partei in der Schweiz. Sie ist eine herrliche Frau. Aber sie ist so ernst, sie lacht nie. Das kommt daher, weil sie schon dreimal im Gefängnis war. Sie ist eine der ältesten Sozialistinnen, und in dem Krieg hätte man sie beinahe erschossen, weil sie gesagt hatte, man müsse den Dienst verweigern.« Modesta Zamboni mühte sich, langsam und in ganz einfachen Sätzen zu sprechen, damit auch nichts von dem Sinn ihrem Gegenüber verlorenginge. »Haben Sie nie von Julia Zamboni gehört? Die illustrierten Blätter von Belgien und Norwegen haben so groß ihr Bild gebracht ...« Und sie wies mit den großen und fleischig-schlanken Händen ein Maß, das weit über das Format auch der üppigsten illustrierten Zeitungen hinausging.

»Gewiß«, sagte Robert Ludwig, »ach ja, nun erinnere ich mich.« Das aber hätte jeder von uns gesagt; denn warum soll man dem aus dem Wege gehen, wenn man anderen so ohne jegliche Unkosten eine Freude bereiten kann. »Aber die schönste Frau Modesta Zamboni hat mich falsch verstanden. Ich habe nie zu denken gewagt, daß ich unter dem gleichen Dach bleiben könnte wie sie, ich habe nur gesagt, daß ich dort hinreise, wo sie hingeht, und daß ich glücklich sein werde, am gleichen Orte zu leben wie sie. Und wenn ich – so es mein Schicksal nicht anders will – des Nachts zwischen Ziegen und Maultieren im Stall schlafen müßte, es würde mir nicht leid sein, sofern ich Sie nur am Tag einmal sehen darf.«

Aber jetzt kamen drüben ein Netzwerk von Gleisen und lange Reihen von Güterwagen mit Aufschriften und Signaturen in mancherlei Sprachen: Tschechen, Belgier und Franzosen, Jugoslawen, Deutsche, Schweizer, Polen und Italiener. Und viele Lokomotiven dazu, die rücksichtslos einen schwarzen und unfreundlichen Rauch ausstießen, der selbst die Helligkeit eines Augustmorgens zu trüben vermochte.

»Die Grenze«, sagte Modesta Zamboni und erhob sich, um nach ihrer Handtasche zu greifen; aber Robert Ludwig war gleichfalls aufgestanden, um sie ihr zu reichen. Er war als Mann keineswegs klein, weit über mittelgroß; doch wie sie sich so in der Enge des Abteils gegenüberstanden, sah er zu seinem Staunen, daß diese Frau ihn vielleicht um ein, zwei Zentimeter noch überragte, aber das wohl nur, weil sie eine merkwürdig stolze Kopfhaltung hatte.

»Wenn Sie klug sind, Signor Inglese, so tun Sie jetzt nicht, als ob Sie mich kennen, und lassen Sie mich vor allem meine Tasche selbst dem Facchino geben, denn Sie werden sicher unbehelligter in Italien reisen, wenn man nicht ahnt, daß wir auch nur miteinander gesprochen haben. Ich hasse Politik, jede, die von uns und die der anderen gleichfalls, sie frißt die Seele dessen auf, der sich mit ihr einläßt, ich bin sogar nach meines Mario Tode aus unserer ›Arbeitsgemeinschaft für die Frauen des Volkes‹ ausgeschieden, und trotzdem spioniert man mir immer wieder nach, und man weiß sicher auch schon ganz genau, daß ich jetzt mit Julia Zamboni in Agra zusammen war und nicht mit meinem Züricher Bruder.«

Seltsames Land, dachte Robert Ludwig, man glaubt, es blüht nur und läßt seine Menschen zufrieden und glückhaft dahinleben, und dabei spielt das Schicksal ebenso mit ihnen Fangball wie mit den anderen auch, und man lebt und stirbt hier, wie überall, für Dinge, die sich nie vollenden. »Wer soll mir wohl etwas tun«, sagte er laut und nahm die Handtasche. »Nein«, sagte Modesta plötzlich mit einer scharfen Bestimmtheit, die gar nicht zu ihrer Weichheit sonst passen wollte, und riß die Handtasche zu sich herüber; aber in der nächsten Sekunde lächelte sie ihm wieder entgegen und verwirrte ihn dadurch vollends. Wir werden uns erst nachher im Zuge treffen, und alles, was Signor Roberto Luigi mir noch zu sagen hat, wird er mir dann sagen dürfen. Aber er hat nicht mehr viel Zeit dazu, denn ich fürchte, daß wir uns bald trennen werden.«

In diesem Augenblick schoß drüben im Gang ein ziemlich übel aussehender Bursche vorbei und warf einen scharfen Blick, der ganz unauffällig sein sollte, aber keineswegs unauffällig war, in das Abteil.

»Sehen Sie«, sagte Modesta Zamboni, »schon bin ich signalisiert. Sehr sicher müssen sie sich nicht fühlen, wenn sie selbst eine Frau wie mich fürchten. Armes Volk, diese Italiener!«

Der Grenzzoll war eine leere Formalität. Nur, je weniger gut die Menschen angezogen waren, desto gründlicher und rücksichtsloser wurden ihnen Kisten, Packen und Koffer durchwühlt. Der Zollraum war kahl, stickig und unsauber, wie überall an allen Grenzen dieser Erde, denn jeder Staat ist bemüht, seine Gäste so unfreundlich wie nur angängig zu empfangen und sich sofort von der übelsten Seite ihnen zu präsentieren. Die lange Halle war dicht gefüllt von allerhand Ein- und Ausreisenden – einzig die Touristen fehlten, denn sie haben meist keine Zeit für solche langsamen Züge, müssen mit Schnellzügen fahren; aber kleine Leute, Grenzverkehr, Handlungsreisende, Arbeiter, Fabrikmädchen und Amerikafahrer, bunt durcheinander, alle standen sie gleichgültig, stumpfsinnig oder manche auch verzweifelt oder gestikulierend umher, weil man nicht aufhörte, ihnen Schikanen zu machen. Die bezaubernde Reisegefährtin hatte der Strom weit von Doktor Robert Ludwig Schmidt abgetrieben an ein anderes Ende der langen rohen Tische, auf die Sack und Pack heraufgeworfen wurde; doch sie sah kaum einmal zu ihm herüber. Robert Ludwig fühlte sich in dieser erstickenden und übel duftenden Atmosphäre wie benommen und sehr gelähmt in seiner Entschlußkraft. Er hatte das Gefühl, als ob er beinahe schon vergessen hätte, wer er überhaupt war, wie er hieß und wie sich sein Dasein bis zum heutigen Tage abgerollt hatte. Auch schien ihm, als ob es ihm fast ganz abhanden gekommen sei, welchen Zweck und Sinn er denn mit dieser Reise verbunden hatte. Das Bewußtsein aber seiner Ehe, seines Zuhause, Frau, Kinder waren ihm völlig und restlos entglitten, zusammen mit dem Gefühl für irgendwelche Bindungen. Dem Zöllner jedoch schien Robert Ludwigs imitierter Krokodilkoffer derart vertrauenerweckend, daß er ihn nicht einmal zu öffnen brauchte. Der Zöllner beantwortete sich seine stereotype Frage sogar selbst, bevor Robert Ludwig, der mit seinen Gedanken ganz woanders, wenn auch nicht allzuweit weg war, sich zu einem »niente« zusammenreißen konnte.

Die Paßkontrolle vor einem Holztisch in einem Durchgang ging ebenfalls schnell und wortlos vorüber, während man, das beobachtete Robert Ludwig, den Paß seiner schönen Reisegefährtin von allen Seiten betrachtete, ja sogar die Blätter gegen das Licht hielt und, da man scheinbar mit ihm nicht fertig werden konnte, noch zwei oder drei Bemützte, auch einen im Schwarzhemd zur Hilfe sich holte, die mit der wichtigen Miene von Staatsrettern in großen Folianten nachschlugen. ›Dieses Narrenspiel‹, dachte Robert Ludwig, ›erzeugt doch überall die gleichen unfreundlichen und unerfreulichen Typen!‹ Modesta Zamboni aber stand unbewegt dabei mit der Miene einer verachtungsvollen jungen Königin und warf ihre Antworten hin, wie man Hunden Brocken vorwirft, während sie spöttisch auf die Hantierungen jener herabblickte, abwartend, daß man ihr den Paß zurückreiche. Robert Ludwig stand der Schweiß in Perlen auf der Stirn, und er bewunderte die Gelassenheit der jungen Frau; aber sie schien ihre Landsleute besser zu kennen: denn plötzlich verzog der Fascist, ein älterer und gesetzter Mann, sein Gesicht zu einem Lächeln devotester Höflichkeit und reichte den Paß in scharmanter Bewegung – ein Kavalier einer Dame – und mit einer entschuldigenden Verbeugung über die Tischplatte ihr zurück. Und sie schritt davon wie eine Königin; aber nicht mehr eine verachtende Maria Stuart, sondern eine Isabella von Spanien, der die Granden ihres Reiches gehuldigt hatten. ›Welch ein bezauberndes Theater spielen diese Menschen uns auf der Bühne ihrer Gefühle vor‹, dachte Robert Ludwig. ›Der Brigadiere mit dem Personal‹, schoß es ihm durchs Hirn, ›war, Gott sei Dank, kein preußischer Korporal. Tat seine Pflicht als Mensch und als Soldat, nicht als ein arroganter Autokrat‹ – von wem war das doch? Ach ja, von Stauffer-Bern ... in dem Gedicht, da er beschreibt, wie man ihn gefesselt mit allerhand Ladroni von Rom nach Florenz bringt.

Als dann aber die Schranke geöffnet, der Zug gestürmt wurde im Gedränge (er sollte schnell abfahren, denn die Formalitäten hatten sich zu lange hingezogen), verlor Robert Ludwig seine Nachbarin von vorhin aus dem Gesicht, und er hatte schon das peinliche Gefühl, daß es für immer sei und daß so viel Schönheit wie sie ganz plötzlich in sein Dasein getreten war, ebenso plötzlich und abschiedslos aus seinem Leben auch geschwunden sei, diesem seinem Leben, das ihm deshalb mit einemmal sehr sinnlos vorkam – als die Tür sich zurückschob und Modesta Zamboni ihm gegenüber lächelnd Platz nahm. »Nun, was hat der Herr Inglese sich inzwischen überlegt, was er mir mitteilen will?« meinte sie, als der Zug sich schon in Bewegung setzte, »viel Zeit bleibt ihm nicht, denn in fünf Minuten muß ich ihn verlassen.«

»Ich kenne nicht allzuviel Frauen«, sagte Robert Ludwig mit einem leichten Zittern in der Stimme, »aber ich habe noch nie eine gesehen, die Ihnen gleicht.«

»Und das ist alles«, meinte Modesta Zamboni und blitzte grünlich und überlegen ihn aus den Augenwinkeln an, »was Roberto Luigi sich in der ganzen Zeit überlegt hat? Das gilt für jede Frau in der Welt. Denn es wird nicht zwei Frauen geben, die einander gleichen.«

Robert Ludwig hätte gern noch irgend etwas vorgebracht, was für ihn hätte sprechen können, aber jetzt waren sie nicht allein mehr, und Deutsch, was eine geistige Tarnkappe über seine Worte zwar hier gebreitet hätte, lag wieder außerhalb des Verständnisses seiner wundervollen Nachbarin. Was sollte er tun? Sie hatten ja mit Silben genugsam gespielt, aber wenn er wirklich jetzt mit ihr ausstiege und sie es für eine Aufdringlichkeit nähme, liefe er Gefahr, daß sie ihn etwa auf dem Bahnhof vor allen Leuten lächerlich machte. Gewiß, sie war ein großes, unglückliches Kind nur, das gern lacht und froh ist und ganz weich und brav und folgsam schien, aber sie konnte einen plötzlichen Trotz und eine unerwartete Wildheit haben, die sicherlich auch vor einer Szene nicht zurückschreckte. Das hatte er vorhin bei der Handtasche gesehen.

»Sie werden also nach Mailand fahren, Signor Inglese, widersprechen Sie mir nicht, Sie werden es tun.«

»Gewiß, wenn Sie es wünschen«, versetzte Robert Ludwig traurig. »So kann ich also nur hoffen, daß uns noch einmal ein glücklicher Zufall, dem wir ja zu Hilfe kommen können ...«

»Aber!« unterbrach Modesta Zamboni, und jetzt lag ein sprühendes Kinderlächeln in ihren Augen, das Robert Ludwig vollends verwirrte. »Den Reiseweg werd' ich Ihnen vorschreiben. Es ist ein schöner Tag heute, und wir werden es trotzdem nicht zu warm auf dem Wasser haben. Dann werde ich mich in das Postauto in Lecco setzen und Sie in den Zug, der von Tirano kommt. Und Sie werden – ohne Ihre Reise deshalb zu ändern – Nachmittag statt noch vor dem Essen in Mailand sein. Wenn Sie dort meine Freunde aufsuchen, an die ich Sie empfehlen will, werden Sie noch einen angenehmen Abend haben. Wir kämen zwar viel schneller mit dem Zuge nach Lecco, aber ich habe mich schon lange auf die Fahrt mit dem Proskaph« – wie nett dieses Wort statt des plumpen Dampfers, das »Feuerschiff«, ging es Robert Ludwig durch den Kopf – »schon lange auf die Fahrt mit dem Proskaph gefreut. Man soll eben in sehr schöner Landschaft nicht allein sein, dann macht sie uns nur traurig.« Modesta schwieg und weidete sich an dem freudigen Erstaunen ihres Gegenüber. »Sie sind erstaunt«, sagte sie langsam, »daß ich einen Umweg gemacht habe; gewiß, es wäre für mich über Porlezza-Menaggio kürzer gewesen, aber« – sie wurde sehr leise – »Julia Zamboni wünschte es anders. Sie hatte wohl Gründe dafür.«

Draußen weitete sich die Landschaft wieder. Ehe man noch den See sah, sah man die hohen Uferberge, die bis obenhin mit ockerfarbenen und silberblauen Bauten, Villen, Klöstern und Wallfahrtskirchen wie bestickt waren – riesige Bauwerke, die scheinbar grundlos und doch kühn und schön an den Felsen hingen. Sie schienen einfach unerreichbar, und man verstand nicht, wer sie da hätte hinsetzen können. Dann aber kam der blaue, heute alizarinblaue Spiegel des Sees, und Como kam, eine große, weitgelagerte Stadt flacher Dächer mit vielen Fabriken, mit Dom und manchen Kirchen und einem mächtigen, gerade und symmetrisch gegliederten Friedhof, auf dem sämtliche Zypressen so schien es wenigstens Robert Ludwig – in einen blauen Samthimmel stachen, die Böcklin je gemalt hat. Und deren sind nicht wenige. Wie sie es fertigbekamen, zwischen all der sprühenden und lebensbejahenden Heiterkeit ringsum, die mit Virgilschen Versen in Luft und Landschaft lag, ihren tiefen Ernst zu wahren, das war ihr Geheimnis.

Und plötzlich stand nun nicht mehr Doktor Robert Ludwig Schmidt, sondern Roberto Luigi in der grellen Sonne lachend auf dem Bahnsteig von Como neben der stolzen und jugendschönen Frau Modesta Zamboni, und es war das erstemal, daß er sie eigentlich von Kopf bis Fuß ruhig musterte. Wie schlicht und gut sie doch gekleidet ist, dachte er. Die Frau des Nordens sagt sich: Ich kleide mich, um meiner Schönheit nachzuhelfen, sie zu erhöhen; aber die Frau des Südens sagt: Ich kleide mich nur so, daß man nie vergessen soll, daß meine Schönheit immer noch mehr bedeutet. Schwer zu entscheiden, wer die klügere. »Bisher«, begann Modesta Zamboni, um die Pause der Verlegenheit, die diese neue Situation doch geschaffen, nicht zu lang werden zu lassen, denn sie hatte ihn ebenso unbemerkt gemustert wie er sie, »bisher waren wir nur eine Reisebekanntschaft, nun werden wir mindestens sechs, sieben Stunden Reisegenossen sein. Hoffentlich werden wir gut miteinander auskommen, und keinem wird es leid sein.«

Roberto Luigi lachte – jetzt hatte er sich schon ganz auf ihren Ton eingeschworen. »Und selbst dann«, fiel er ein, »hat jeder von uns doch noch das bessere Teil gewählt, denn in der Bahn erstickte man beinahe schon, und in Mailand muß es heute mittag heiß wie im Fegefeuer sein. Wir aber werden herrlichen, kühlen Wind auf dem Wasser haben und grüne Ufer voller Gärten und Ölbäume. Deshalb wird jeder den anderen in Kauf nehmen können, und wenn wir noch so sehr voneinander enttäuscht sein werden.«

»Gestatten Sie mir aber, Herr Inglese«, unterbrach ihn lustig Modesta Zamboni, »daß ich in meinem Vaterland die Wirtin spiele und Sie der Gast bleiben.«

Sie winkte einem Facchino und gab ihm ein Zeichen – zwei, drei Worte und nur ein ganz leises Schnalzen der Zunge dazu –, und er wußte, was sie wünschte. »Also unser Gepäck finden wir dann am Dampfer wieder. Eine Stunde haben wir bis dahin Zeit, kaufen wir erst Savoyazigaretten und dann uns noch etwas zum Naschen für die Fahrt: gezuckerte Veilchen, Rosenblätter, Mandorli und die kleinen, grünen, gezuckerten Orangen, spezialita italiana. Oder könnten wir uns nicht etwas Cassate mitnehmen? Der Patissier wird es uns schon in ein Glasschälchen verpacken. Kennen Sie Cassate? Es ist kalt, aber kein Gelato, gefrorene Sahne mit tausend verschiedenen Zuckerfrüchten darin; es versöhnt Misanthropen mit dem Dasein wieder. Ein echter Sizilianer ersticht seinen Vater dafür. Außerdem aber schlägt die Wirtin Ihnen vor, Signor Roberto, daß wir erst etwas frühstücken wollen, das ist gut für Seefahrten, und daß wir dann nachher, bevor wir uns trennen, noch – wenn auch ein wenig spät – in Lecco zu Mittag speisen werden. Denn dann wird gerade noch für uns soviel Zeit sein ... Ihr Zug nämlich, Herr Luigi, geht zwar etwas früher als mein Autobus, aber wir werden dafür auch in einem herrlichen Garten unter Weinspalieren und Trauben, die uns bis in die Suppenteller hängen, sitzen. Und da man mich dort kennt – der Wirt ist ein alter Genosse von Mario –, wird man mich und Sie dort schnell und gut bedienen.«

All das, was Modesta Zamboni vorbrachte, war ja gar nichts Besonderes (sie war sogar nach deutschen Begriffen ungebildet, denn sie entschied alle Dinge dieser Welt mit ihrem natürlichen Takt und ihrem gesunden Menschenverstand), und doch spielte sie als echte Italienerin mit dem Wort mit einem Freimut und einer Sicherheit, die Robert Ludwig auch bei einer weniger schönen Person entzückt hätte, hier aber berauschte es ihn beinahe. Denn das hatte er nie geahnt, daß eine Frau so völlig souverän sein könnte und dabei frei aller Gefallsucht. Sie war ganz von einer heiteren Freundlichkeit durchtränkt, aber nichts gab Robert Ludwig trotzdem einen Anlaß, zu hoffen, daß er je das kleinste Zeichen ihrer Gunst erringen könnte oder daß sie ein solches von ihm ruhig hinnehmen würde, wie es Frauen oft belieben: Annehmen heißt nicht geben. Jedes ihrer Worte, jeder ihrer Blicke und ihrer Bewegungen, selbst wenn sie einen Moment einmal ihren Arm in den seinen legte, daß er die Wärme ihrer hellen und doch ganz leicht bronzefarbenen Haut fühlte, gab ihm deutlich zu verstehen: Ich sehe, daß du mich bewunderst, und es macht mir Freude, daß es dir Freude macht; aber irgendwelche Folgerungen, bitte, wollen wir beide, so du willst, daß wir für heute oder für länger noch Freunde bleiben sollen, nicht daraus ziehen.

Und trotzdem sich Robert Ludwig darüber keinerlei Täuschungen hingab und den Gedanken schnell in sich begraben hatte, daß er sich in amouröses Abenteuer verstrickt hätte, war doch ein neues Gefühl über ihn gekommen, das er noch nie gekannt hatte: die Empfindung eines völligen Losgelöstseins von allen Zwecken dieses seines Daseins. Es bestand für ihn nur noch in sich selber und gipfelte eben in der Gegenwart dieses schönen und ebenmäßigen, großen, dunklen Menschenwesens, das da neben ihm durch die engen und sonnenzerschnittenen Straßen Comos schritt und unentwegt mit der Stimme eines Singvogels zu ihm herüberplauderte. Er war sonst gewohnt, auf seine Frau beim Gehen herunterzugucken, denn sie war viel kleiner als er, und hier brauchte er nur den Kopf ganz wenig herumzudrehen, um jener da voll in das große, kindliche und doch ganz reife und ebenmäßige Gesicht zu sehen, das ein Maler vielleicht nur bewundert hätte, das aber jeden Bildhauer in Verzückung versetzt hätte. Worin dieses neue Gefühl bestand, ist nicht leicht zu umschreiben. Früher aber hatte Robert Ludwig immer gemeint, er müsse in seinem Leben als Dank gleichsam für die Gunst der Frau etwas sein, etwas Besonderes werden, erreichen, Titel, Stellung, Berühmtheit, weltgenannt, verehrt und geschätzt werden, nur damit jene sich darin sonnen könne und er ihr bewiese, daß sie keinem Unwürdigen gefolgt sei. Er wollte groß werden, um dann alles nur ihr zu Füßen zu legen. Die Frau war von seiner ersten Gymnasiastenschwärmerei an ihm Antrieb und Auftrieb in seinem Leben gewesen zu einem Höheren, in dem er und seine Liebe sich erst ganz vollenden könne. Und plötzlich hier, bei dem ersten Schritt in eine neue Welt, überrannte es ihn, daß er alles, was er je gelernt und gewollt, erstrebt und errungen, alles, Vergangenheit wie Zukunft, hingeben würde, daß es närrisch und wertlos sei, gar keine Beziehungen mehr zu seinem Ich habe und daß es der einzige Sinn sei, einfach dazusein und das Leben des Lebens willen zu leben, erhöht durch dieses Stück letzter menschlicher Schönheit da neben sich. Er dachte durchaus nicht daran, daß er ihr Dasein erhöhen müsse, sondern er empfand plötzlich nur, daß sein Dasein erhöht war durch ihre Gegenwart und daß alles, was er in diesem Dasein sonst erreichen könne, dem gegenüber Plunder sei, hinderlich und herausgeschoben und vergessen werden müsse, solange wie nur möglich, damit er nur nicht erwache.

Einen Augenblick zwar zuckte es noch in ihm auf, daß er den Dom sehen müsse und eine alte Basilika, von der er wußte, aber als Modesta Zamboni halb lachend, halb spöttisch sagte, warum nicht, er könne hineingehen, sie hätte aber gewiß keinen Grund, gerade dem lieben Gott einen Gegenbesuch zu machen, und außerdem hasse sie den Papst überhaupt (die Worte »lieben« und »hassen« waren weit häufiger in ihrem Sprachgebrauch, als sie etwa bei ihrem Reisegenossen waren), sie stamme aus einem Haus von Freidenkern, und eine gute Minestra würde ihr viel besser bekommen als die schönste Marmorkirche Oberitaliens, in der sie sich nur erkälten würde – da fühlte sich also sein Gewissen gar nicht im geringsten mehr belastet von dieser Unterlassung, und er blieb nur vor einem alten kastanienbraun gebrannten Straßenhändler stehen und kaufte ihm für ein lächerlich geringes Geld einen großen Strauß von vielen Dutzenden von rosa Nelken ab, weil er seine Begleiterin für diese vorzügliche Idee, nicht in den Dom zu gehen, doch belohnen müsse. Überhaupt würde er jeden erschlagen, der noch einmal das Wort »Dom« erwähne. Modesta jedoch legte sich diesen Nelkenstrauß sofort in den Arm mit einer tausendfach erprobten Bewegung, so wie eine deutsche Frau ihr Kind.

Und ganz langsam und ganz folgerichtig rollte sich nun das neue Dasein des neuen Roberto Luigi ab. Sie saßen am Hafen – angesichts des bunten Lebens (denn diese kleinen Häfen der italienischen Seen haben immer etwas von einer farbigen Operettenbühne), vor schaukelnden Lastbarken mit spitzen Segeln –, saßen bei Barchetta auf der Piazza Cavour unter blühenden Oleandern und löffelten ihre dicke Minestra und nahmen einen roten, dickflüssig blutigen Wein dazu, nippten an den Gläsern, unentwegt plaudernd, nur daß eigentlich Roberto Luigi vermied, irgend etwas über sein altes, vergangenes Leben zu erzählen, nicht bewußt, sondern es war ihm schon so gut wie entfallen ... saßen so lange, bis es zum zehntenmal vom weißen Dampfer läutete und der wartende Facchino schon »porco madonna« fluchte, denn er war von Salerno hierher verschlagen nach dem kalten Norden. Und als sie eben den Fuß auf dem Dampfer hatten, löste er auch sich vom Steg, unter so viel Lärm und Kommandos, als handle es sich nicht um eine täglich fünfmalige oder gar noch häufigere Fahrt über ein harmloses Binnengewässer, dessen idyllische Schönheit schon Virgil besang und von dessen Ufern Plinius als Knabe fröhlich einst flache Steine als Butterstullen über das Wasser scheppern ließ, sondern um eine Fahrt in das Ungewisse unbekannter Meeresweiten. Und so ungefähr auch rief man rührende Abschiedsworte vom Steg nach und winkte mit langen Seidentüchern, während das weiße Schiff, langsam und pustend, rings um sich einen wundervollen Kranz farbigen Schaums und bunter Luftblasen aufwarf. Hafen und Stadt sanken ganz unmerklich zurück, und die Ufer mit ihren Flecken und Ortschaften an den Flanken der Berge und mit Kirchen und Klöstern und Villen, auf deren gewölbten Rücken, die auch in jedem Zollbreit, wo es nur angängig war, Anpflanzungen und Kulturen – ganze Wälder von Walnuß und Edelkastanie – und Rosengärten, Öl und Wein ahnen ließen ... die Ufer sanken langsam zurück, während die Berge in schönen, großen, erstarrten Wellen von Gestein rechts und links von der breiten, heute alizarinblauen Seenfläche emporstiegen und sichtbarlich gleichsam wuchsen wie das Gras an einem regenwarmen Frühlingsabend.

Dort, wo sie gerade noch so viel vom Sonnensegel hatten, daß es Schatten gab und man doch dem Sonnenschein sehr nahe war, daß er auf die Hand brannte, sowie man sie ausstreckte, fanden sie noch zwei hübsche Plätze und glitten, von einem leichten mittäglichen Wind gekühlt, durch die sinnliche Wärme des späten Augusttages, der bis auf ein paar weiße Streifen, die sich Stunden hindurch unverändert wie Wimpel aus auf gekrausten Wolltüchern quer über den Himmel zogen, ganz wolkenlos und von tiefblauer Klarheit war. Robert Ludwig erstaunte über die unerhörten Weiten, die hier im Süden der Blick durchmaß, und die Schärfe, mit der sich auch die allerletzten Dinge noch offenbarten.

Aber Modesta meinte, daß das in Sizilien doch ganz anders wäre und daß man von seiner steilen Küste des Ostens ganze Länder und Meere überblicke, die Halbinsel selbst und drüben noch Reggio und dann bis beinahe nach Afrika. Von halber Stunde zu halber Stunde änderte sich das Panorama fast völlig, es wurde Italien, Bodensee, Norwegen ... war lieblich hier und dann wieder steil, kahl und grandios.

Immer wieder legten sie an, fuhren kreuz und quer über die weiten, schimmernden, in der Ferne ganz in Silber gelösten Wasserflächen. Kleine Ortschaften, wie in Bienenwaben manche übereinandergeschachtelt, waren ganz eng zwischen See und Felsen eingeklemmt, und Roberto Luigi fragte sich: Wie existieren diese Menschen hier? Und was brachte sie einst auf die Idee, hier leben zu wollen? Und doch lebten sie sorglos und singend, hatten schöne Mädchen, die über Geranien aus glanzlosen Fensterlöchern sahen, Kinder, braun und halbnackt und glücklich, barfüßige Äffchen, die um die Wette Rad schlugen und einander mit Schmutz bewarfen. Aber auch das kleinste Nest hatte etwas, was der Norden nicht kennt: es hatte Szenerie.

Roberto Luigi und seine Partnerin sprachen und lachten erst viel, machten sich auf tausenderlei aufmerksam; auf Segelboote, die mit seltsam gekreuzten braunen Segeln vorübertrieben und ganz ohne Menschen schienen, bis man nußbraune Kerle sah, die auf Säcken lagen oder auf Reisigladungen und, die Hände unter dem Kopf, nicht schlafend und nicht wachend, ins Blaue starrten – und die dann doch wieder, sowie es nötig war und man in das Kielwasser des Dampfers kam, wie die Wiesel mit ihren bloßen Füßen zwischen den Segeln herumtanzten. Roberto Luigi und Modesta Zamboni stopften sich kandierte Veilchen in den Mund und knusperten an den Rosenblättern, die Modesta Zamboni zu tausend Ausrufen der Begeisterung entflammten, von denen aber Roberto Luigi erklärte, daß sie einen etwas faden Nachgeschmack hätten, wie alle Illusionen. Aus der Cassate aber war eine Fruchtsoße geworden. In Menaggio mußten sie das Schiff wechseln.

An Roberto Luigi ging aber doch all das seltsam traumhaft vorbei. Gewiß, er war sehr glücklich und ganz unbeschwert, weil er gar keine Vergangenheit mehr fühlte, auch noch keine Zukunft, nur Gegenwart, und doch schien es ihm in einer leichten Benommenheit, als ob er vorerst nur der Zuschauer seiner selbst sei, als ob er es nicht wäre, der all das erlebe, sondern als ob sein eigentliches Ich irgendwo abseits sich befände. Wo, darüber aber müßte er die Auskunft schuldig bleiben. Und vielleicht war Modesta Zamboni ebensoweit fort von sich selbst bei ihren Schicksalen und im Dämmer ihrer glücklichen und traurigen Erinnerungen; nur das Sinnbild ihrer schönen Gestalt lebte vielleicht neben diesem Fremden, diesem Barbar, der ihr wie ein großes, angenehmes Kind erschien, schüchtern, und freundlich, und dem sie doch, sie mochte es sich eingestehen oder nicht – in diesem Augenblick wenigstens – zugetan war. So aber kam es, daß sie beide langsam schweigsamer und schweigsamer wurden und selbst Modesta Zambonis Singvogelgezwitscher immer seltener aus ihren roten Lippen – wie alle Frauen des Südens half sie wohl diesem Rot etwas nach, aber das tat sie nie in Gegenwart anderer – aus ihren roten reifen Lippen kam, die durch einen Anflug eines dunklen Flaums wie bei vielen Frauen des Südens (er war da und doch nicht da: ein Hauch, nicht mehr) bei aller Unnahbarkeit von Augen, Haltung, Gehaben und Kleidung doch ihre eigene Sprache redeten, nachthaft sinnlich und sehr begehrend erschienen.

Wenn Roberto Luigi später, und er tat das sehr oft, an diese Fahrt dachte, so war eigentlich nur eines ihm gegenwärtig von all diesem schnellen und vorübergleitenden Erleben. Sie hatten eine Weile, ganz ohne zu reden, auf das blaue und gekräuselte und hüpfende, von der Sonne blitzende Wasser gesehen, und plötzlich hatte er seine Hand auf die da neben sich gelegt. Die Hand da neben ihm, sie war groß, fleischig und sehr kühl. Er deckte sie kaum mit seiner Hand. Die rosigen, spitz zulaufenden vordersten Glieder ihrer Finger mit den eingebetteten mandelförmigen Nägeln blieben frei. Er saß so eine ganze Weile und fühlte das Blut unter seiner Hand in der ihrigen pochen, nicht zu schnell, nicht langsam, träumerisch und gleichmäßig im Rhythmus. Die Hand unter der seinen zuckte nicht zurück, aber preßte sich auch nicht fester an die seine. Und plötzlich schoß es ihm durch den Kopf – wie lange war das her? –, es lag mindestens drei Weltalter für ihn zurück, und dabei war es doch kaum vor vierundzwanzig Stunden gewesen, daß er ja gestern auf der kleinen Schweizer Station, allwo sein Zug auf den Züricher Anschluß etwas länger als Vorschrift hatte warten müssen, daß er da jenes bäuerische Liebespaar beobachtet hatte, das geschlagene zehn Minuten oder noch länger regungslos nebeneinander auf der Bank saß, ohne ein Wort zu sprechen, ohne mit einer Wimper zu zucken, jedes für sich schnurgerade vor sich hin starrend, steif und starr, wie holzgeschnitztes Spielzeug. Nur daß er mit seiner ausgearbeiteten riesigen Pflügerhand die andere, die kaum um ein weniges zierlicher war, fest und schwer bedeckt hatte, als wolle er sie da für immer begraben. Als der Zug endlich abfuhr, hatten beide weder ein Wort miteinander gewechselt noch ihre Stellung um einen Bruchteil eines Zentimeters verrückt. Sie sahen weder einander an, noch berührte sie der abfahrende Zug mit seinen Winkenden und Abschiednehmenden. Robert Ludwig hatte das gestern innerlich als eine hübsche Illustration für das langsame und zähfließende Geistes- und Sinnenleben des Bauern gebucht, wie es eben aus seinem Beruf sich so und gerade so gestaltet, ja gestalten muß, denn zwischen Säen und Ernten liegt langer Raum. Und nun wurde ihm plötzlich klar, wie falsch und schief er das doch gesehen hatte und wie er diese Welle klingenden Schweigens, die die beiden Menschenkinder durchflutet hatte, mißdeutet und in ihrer Macht unterschätzt hatte. Modesta Zamboni aber hatte endlich die Hand unter der seinen vorgezogen und ihn, bittend und halb angstvoll gleichsam, aus ihren dunklen Kinderaugen angesehen, als ob sie sagen wollte: Weißt du eigentlich, was das Schicksal mit uns beiden vorhat?

Aber vielleicht, daß sie in diesem Augenblick bemerkte, in welchem Seelenzustand einer überwachen Benommenheit er sich befand, denn sie fragte ihn, ob er Kopfweh hätte oder nicht etwa gar Fieber. Das bekämen nämlich Fremde, die das Klima nicht vertragen, hier leicht zuerst. Da aber hatte er ihr mit einem französischen Vers geantwortet, den er einmal in »Gil Blas illustré« in einer ganz verschollenen Nummer, die er einer Steinlenzeichnung wegen auf einem Bücherkarren sich zufällig erstanden hatte, ausgegraben hatte. Er hatte sogar vergessen, von wem er eigentlich war, vielleicht war es Richepin (er konnte es nicht beschwören); aber dann sicher nicht der berühmte Akademiker Richepin von später, sondern der Dichter Richepin von früher. Vielleicht war es auch nur irgendein Anonymus, der längst verschollen ist und selbst davon keine Ahnung hat, daß er diese Verszeilen je geschrieben hat, diese paar Zeilen, die einem anderen, und zwar nur einem einzigen Menschen in der Welt – und nicht einmal in Frankreich, sondern einem Boche da draußen ... die eben dem durch ein Leben haben nachgehen können. Damals in seiner lyrischen Periode war das gewesen (ja, er hatte sogar versucht, diese Zeilen in deutsche Verse umzugießen); und als ihm dann das bei Frau Antonie nicht wurde, nun ja, da hatte er sich ebenso damit abgefunden. Aber ihre, der Verse Frage und Bitte war ihm durch ein ganzes Jahrzehnt fast nachgegangen. Er hatte sich sogar eine kleine geheime Melodie dazu gemacht, und nun summte er sie statt aller Antwort mit den Worten vor sich hin: Oh, sur mon front brûlant / pose tes mains calines / dit moi des mots très doux / car je suis un enfant / qui devant le douleur / regimbe et se défend / mais, qui est soudain calmé / quand tu t'inclines. – Und Modesta Zamboni nahm ihre schöne, schlanke, lange und, doch fast üppig-fleischige und rosige Hand mit den zu küssenden Grübchen und legte sie ihm quer über die Stirn fort. Sie war wundervoll kühl, diese Hand, und reichte ihm von einer Schläfe bis zur anderen, seine ganze Stirn schmiegte sich da hinein. »Calmé« fühlte er, und zugleich empfand er es wie die Geste einer Zauberin, die mit der Berührung ihrer Hand alles aus seinem Leben wegwischte, was es je da vorher gegeben hatte. Und doch hatte sie wieder etwas Unendlich-Mütterliches, wie sie ihn da den Kopf hineinschmiegen ließ, und der Druck jedes Fingers schien ihm gleichsam noch einmal zu wiederholen: Mein armer Mensch du!

Später dann hatte er sich die ganz unscheinbare Szene, auf dem Dampfer war sie sicher niemand aufgefallen, immer wieder zu rekonstruieren versucht. Wie war das eigentlich nur gewesen? Bis zu diesem Augenblick, das fühlte er, war alles Spiel, wenn auch halb ernstes, aber köstliches Spiel, so doch Spiel gewesen. Bis zu diesem Augenblick hätte er noch fort gekonnt von Modesta Zamboni – vielleicht hätte es ihm ein, zwei unruhige Tage gemacht –, aber nun war er ihr verfallen, als hätte er mit ihr einen Pakt gemacht wie Faust mit Helena. Und von diesem Augenblick an war sein Kopf auch frei und er ganz ungehemmt und voll von Leben, Laune und Einfällen wieder. Es fehlte wenig, er hätte mit den Fingern geschnackelt wie jener fatale Antonio Dionigi aus der Calle Ambrosiana 227 in Milano.

Und dann, das war Roberto Luigi auch ins Hirn gebrannt geblieben, und er sah es später oft, gleichsam wie ein Bild in Farben, so wie er es doch sicher nicht gesehen hatte. Denn er sah sich selbst in ganzer Figur am Tische sitzen, sah seinen braungrauen, nun längst verschlissenen Reiseanzug mit den breiten, fallenden Kniehosen, wie man sie damals als das letzte trug, sah die Sportstrümpfe, gescheckt wie Schlangenhaut, die immer Falten schlugen nach einiger Zeit, so glatt man sie auch vorher gestrichen hatte (in Las Casa – fünfhundert Kilometer westlich von Buenos Aires – waren sie ihm dann gestohlen worden). Und er sah sogar sein Gesicht mit dem fluttrigen Vollbart, dünn und rötlichgelb, wie es manchmal die Kruste von frischgebackenem Weißbrot ist – dieser ominöse Vollbart, der schon zwei Tage später einer sagenhaften Vergangenheit seines Daseins angehören sollte. Und er sah sich selbst am Ufer des Sees, der hier wie ein nordischer Fjord weit in die Berge hineinschnitt, ein nordischer Fjord mit südlicher Vegetation – sah sich dort sitzen, und über ihm in durchsonntem Laubdach, das mit der Feinheit eines Mosaiks aus handgroßen Weinblättern zusammengefügt war, von denen wieder manche schon kupfern und goldig wurden (eigentümlich früh für den Süden, aber vielleicht war das nur eine Folge langer Trockenheit), von diesem bunten langen Blätterdach herab hingen in Reihen schwere blaue Trauben, so daß man, wenn man sich erhob, das Gesicht zwischen ihnen hatte, umsummt war von goldenen Fliegen und umschwirrt war von schwarz und gelb gescheckten Wespen, die fast zornig nach jenen Beeren suchten, die schon ganz süß waren. Neben sich jedoch sah er – und das mußte er ja wirklich erblickt haben: nicht sich selbst! – diese herrliche Frau in Trauer, die für sie beide mit großer Sorgfalt und in dem Gefühl, daß ganz Italien dafür verantwortlich sei und Ehre einlegen müsse, das Essen gewählt hatte und nun jedes Gericht, bis zu dem Salat herab, noch einmal mit ihren Lobpreisungen würzte. Und die beleidigt war, auch wieder im Namen Italiens, weil er von den schönen und lecker ihm präsentierten Dingen kaum etwas berührte und vom Wein nur nippte, der nach Tinte und Harz schmeckte, aber etwas ganz Ungewöhnliches sein sollte.

Später wurde es ihm klar, daß er das nur so deutlich stets vor sich sah, weil es ein Bild von Manet gibt – oder Renoir (sein Kunstwissen war um diese Zeit schon bedenklich in Verwirrung geraten), auf dem so ein Mensch in seinem Alter (auch mit einem kleinen Vollbart) mit einer dunkelgekleideten Frau an einem weißen Tisch unter dem Grün einer Laube sitzt und in sie hineinredet, die sehr schweigsam ist. Und wenn man das Bild länger betrachtet, kann man – sofern man einen Bleistift bei sich hat – Wort für Wort mitstenographieren, was da gesprochen wird. Vorausgesetzt, daß man gute Ohren hat, denn beide sprechen nicht sehr laut. Und für wen auch? Sie selbst wissen ja, was sie sich zu sagen haben werden, und für andere ist es nicht bestimmt.

Nein, nach Mailand würde er heute nicht fahren – man habe ihm auch gesagt, daß es da schwer sei unterzukommen –, aber vielleicht nach Bergamo. Dann könne er sie schon morgen früh wiedersehen. Lieber noch, wenn es in ihrer Nähe ein Gasthaus gäbe; verwöhnt wäre er nicht, er hätte schon in mancher Dorfschenke und manchem märkischen »Krug« sogar übernachtet, der auch der schlimmsten Taverne Italiens kaum etwas nachgeben könne an Ungeziefer und Ungastlichkeit. Ganz gleich, wo er die Nacht bliebe, nur das eine wäre ihm unmöglich, sechzig oder siebzig Kilometer von ihr entfernt zu sein als il signore von camera Nummer 102 in einem stumpfsinnigen Hotelbett.

Modesta Zamboni sah ihn dann – gerade dieser Blick hatte sich ihm eingeprägt – eine ganze Weile wortlos an, und in ihre Augenwinkel kam dieses grünliche Leuchten, das ihn schon mehr als einmal verwirrt hatte. »Sie wissen, Signor Roberto, daß Modesta Zamboni eine Dame ist«, sagte sie langsam und fast feierlich, in jener Überbetontheit des Wortes, die dem kühleren Menschen als lächerlich erscheint und die doch von einem Stil ist, den wir nicht zu treffen vermögen, und Sie werden – das sollen Sie mir versprechen – ihre Würde nie verletzen. Sie werden also nicht in sie drängen, daß sie Ihnen etwas gewährt, was sie Ihnen nicht gewähren kann noch will ... weder heute noch morgen, weder jetzt noch später. Ich kenne die Männer Ihres Landes nicht, Signor Inglese. Bei denen meiner Heimat weiß ich genau, wem ich dieses Versprechen abnehmen könnte und wem nicht, und brauche es deshalb dem einen nicht abzunehmen und würde es dem anderen nie abnehmen. Sie sind aber noch undurchdringlich für mich, kein Diamant wie meine Landsleute, sondern ein schimmernder Opal, der nur auf seiner Oberfläche glänzt und spielt wie ein Regenbogen. Ich liebe Opale, sie üben eine kaum widerstehliche Anziehungskraft auf mich aus, ich habe drei Opalringe, aber ich weiß auch, daß sie dem, der sie trägt, Unglück bringen sollen. Unter meinem Dach übernachten oft Männer. Doch nie ist mir einer mit einem Wort oder einem Blick zu nahe getreten, und meist kenne ich sie kaum, weiß nicht, wer sie sind.« Modesta Zamboni wurde leiser, trotzdem weit und breit keine Seele außer ihnen war. »Sie sagen mir nur eine Parole oder haben einen Zettel mit drei, vier gleichgültigen Worten wie ›Ich soll die Milch abholen‹ und dann bleiben sie die Nacht drüben im anderen Flügel der Villeggiatura, und des Morgens ist in ihrem Gepäck das, was sie weiterleiten sollen und was gestern der andere erst brachte. Es sind einfache Passanten, verirrte Sommergäste, Leute, die Ausflüge und Touren machen. Ja, ich muß sogar manche, die ganz unverdächtig sind, anmelden, das wünscht Julia Zamboni so. Nein, es wäre nichts dagegen zu sagen, wenn Sie des Nachts bei uns im Hause blieben. Ja, Sie werden sogar für das Zimmer mir zahlen, Signor Inglese, genau wie die anderen auch. Aber Sie werden dafür Ihr Nachtlager billiger, besser und schöner haben als in irgendeinem Hotel Mailands oder Bergamos. Und was die Küche anbetrifft, so ist die alte Lionella ein weiblicher Petrarca der Kochkunst. Vierundzwanzig Stunden werde ich Ihnen noch Gastfreundschaft gewähren, Signor Roberto Luigi.«

Signora Modestas große, kühle und fleischige Hand ruhte auf dem weißen Tischtuch und spielte, während sie so sprach, mit dem rosa Nelkenstrauß, den sie, damit er sich von der Fahrt und der Sonne erhole, in eine der weiten geschliffenen Glaskrausen gestellt hatte. Eigentlich waren sie zum Spülen für die Trauben und das Obst bestimmt, für die Pfirsiche, groß wie Kinderköpfe, und die Feigen, blauviolett und lichtgrün, und die narbige Melone in der Mitte und dann für etwas, was Roberto Luigi noch nicht kannte und was Nespoli von Modesta genannt wurde. Sie lag da, zwischen Blumen und Früchten, diese rosige, gepflegte und beringte Hand, ganz gleichberechtigt an Schönheit und wie ihr natürlicher Kamerad in herrlicher Selbstverständlichkeit. Roberto Luigi empfand das und griff nach dieser Hand, um sie an seine Lippen als Dank zu ziehen; aber Modesta Zamboni bekam plötzlich eine böse Falte zwischen die Augen, wie am Morgen, als sie ihm die Handtasche entrissen hatte, dann aber war sie auch schon wieder ganz Lächeln wie im Augenblick zuvor und meinte nur: »Wie darf ich Sie dann mitnehmen zu mir, Signor Inglese, wenn Sie schon etwas tun wollen, was ich nicht wünsche.«

Robert Ludwig verstand das im Augenblick nicht ganz, denn eigentlich hatte er doch nichts gewollt, was gegen die Formen der Gesellschaft verstieße und was man bei ihm zu Hause an einem Jour bei den Kollegen oder bei einem Nachmittagstee gedankenlos ein dutzendmal tat! Nichts, als daß, was dem Österreicher schon zur Phrase geworden ist, die er automatisch hinspricht und die eigentlich nur auffällt noch, wenn sie einmal unterlassen wird. Aber dann kam der Tag, da er plötzlich begriff, woher es kommt, daß die Frau des Südens weit prüder und weit zurückhaltender in solchen kleinen Liebeszugeständnissen ist als die des Nordens, und warum hier die Zäune der Konvention um so viel stärker sein müssen, als eigentlich die Hemmungen geringer sind. Aus einem Quaderbau kann man nämlich ruhig einen Stein herausbrechen, es tut ihm nichts, er bleibt kalt und unbeweglich stehen; aber ein Kartenhaus stürzt oft schon ein, wenn man nur zufällig mit einem Hauch eine einzige Karte streift.

Und dann aber saß Roberto Luigi im Postauto – er hatte einen kleinen Wagen für sie allein heuern wollen, aber Modesta Zamboni hatte erklärt, daß das unmöglich ginge, denn sie müsse alles vermeiden, was Aufsehen errege. Man könne jetzt keinem Menschen hier trauen, jeder beobachte jeden. Morgen oder ein anderes Mal könnten sie dann zusammen mit ihrem kleinen Fiat über Land fahren, nach Brescia, nach Mantua, wohin er wolle. Sie könne gut chauffieren, und er könne sich ihr ruhig anvertrauen. Aber heute müßten sie das Postauto nehmen, und wenn es ging, sollte er so tun, als ob sie nicht zusammengehörten oder doch nur zufällig miteinander sprächen.

Roberto Luigi war einen Augenblick stutzig geworden, hatte die Empfindung gehabt, als sollte er vielleicht in eine Falle gelockt werden. Aber er sagte sich sogleich: Wer war er, daß man seinethalben ein so raffiniertes Spiel einfädeln sollte. Er trug ja wirklich keine Schätze bei sich, daß sich das lohnte, und war noch weniger ein Mann des öffentlichen Lebens, der irgend jemand nutzen oder schaden könnte. Auch hatte er bei seiner Partnerin, als sie vorhin dem Wirt zahlte (auch für ihn: denn hier wäre sie die Gastgeberin, das hätten sie von vornherein ausgemacht, das ließe sie sich nicht nehmen, und sie hätte sich gestattet, ihn einzuladen!), hatte er dabei einen ganzen Packen von Fünfhunderternoten gesehen, mit denen er gut und gern bald ein Jahr in Italien geblieben wäre und nicht, wie er es gerade konnte, sechs Wochen, wenn nicht gar nur vier.

Die Fahrt ging schnell und mit vielen Kurven – undurchdringlichen Staub hinter sich und Klarheit und weiten Blick vor sich und neben sich – zwischen den Hügeln und Hängen an den Ausläufern des Gebirges hin. Man fuhr die mittlere Sitzreihe eines Amphitheaters gleichsam entlang, das nach Norden zu mit immer neuen Rängen anstieg. Ganz in weiter Ferne aber, da hoch oben, schien es sogar, als ob leuchtendweiße Vela gespannt waren, auf die manchmal für kurze Dauer der Blick frei wurde. Vielleicht konnte das sogar die Gletscher des Engadin sein, dachte Roberto Luigi, wirklich die Berninagruppe! Oder waren nur Gewitterwolken über dem Gebirge. Aber die wieder würden mehr grau sein und nicht so augenschmerzend weiß. Nach Süden zu aber ahnte man mehr, als daß man es sah, durch ein rosiges Nachmittagslicht, das über Hügel und sanft fallende bebuschte Hänge heraufflutete – Italiener haben das nie gesehen (noch einmal meldete sich der Kunstgeschichtler in ihm), aber die ersten Holländer, die hier als Maler herunterzogen, die Cuip und Berchem, wurden ganz trunken von dieser ihnen neuen, golddurchtränkten Schönheit der Atmosphäre, und sie blieben meist hier schon hängen –, nach Süden aber ahnte man die mächtige, langgestreckte Arena der Poebene, der Lombardei. Ewig wechselten die Panoramen. Mal gab es kahle und felsiggraue Strecken, auf denen Teufel den Boden zerstampft und mit Blöcken, groß wie Häuser, Ball gespielt hatten, so daß nichts mehr bis zum heutigen Tag dort wuchs als quittegelbe Tupfen von Mohn und strahlendrote Tupfen von Alpenveilchen. Und dann gab es wieder ganze Strecken, die nur wie ein einziger Garten waren, in dessen Beete und Rabatten hinein man Ortschaften gepflanzt, während man verträumte Villen unter die Schatten von Nußbäumen einzeln gesät hatte. Und wenn Roberto Luigi nicht wie dunkelgrüne Wachttürme über vergessenen Friedhöfen Zypressen hätte schlafen sehen (nur ihre kleinen wippenden Spitzen verrieten ihm, daß sie doch sich unterhielten), nie hätte er geglaubt, daß man hier auch sterben könne. Und wenn er nicht auf Klippen und an den Eingängen der Täler die Ruinen zerstörter Burgen und Wachttürme, verfallenes Mauerwerk und gebrochene Zinnen gesehen hätte, nie hätte er geglaubt, daß hier seit Urzeiten um den Besitz dieses Bodens Volk um Volk und dann wieder Stand gegen Stand und endlich jeder gegen jeden, Mensch gegen Mensch, sein Blut verspritzt hätte, so unendlich friedsam war alles!

Während der ganzen Fahrt hatte er an Modesta Zamboni kaum das Wort gerichtet, und nur ihre grünlichen Blicke mit den Augen der Eidechsen, die dunkel und metallisch zugleich sind, hatten ab und zu eine Brücke zwischen ihnen geschlagen. Auch hatte sie mit der Hand hinausgewiesen, wenn eine Ruine scharf und klar in den blauen Himmel schnitt oder eine besonders anmutige Villa leicht und glücklich inmitten von Evonymus, Palmen und Oleanderbüschen vor sich hin lächelte. Oder die gigantische Szenerie eines Bergkessels sich plötzlich auftat, zwischen dessen kahlen, umherliegenden Blöcken Ziegen mit großen Schellen, erschreckt durch das Schnaufen des mächtigen Autos – sein Motor hatte wirklich das überfatale und unmenschliche Rattern eines Maschinengewehrs –, in wilder Flucht emporjagten, wie Satyrn und Faune, die überrascht und erschrocken vor einer neuen, für sie tiefverständnislosen Zeit ihren versteckten Höhlen zuflüchteten.

Plötzlich aber nach einer Wegbiegung – lange war es nun bergab schon gegangen in scharf gedrehten Serpentinen, immer näher kam ihnen die weite Arena der Ebene – bremste der Fahrer, daß alles im Wagen – die anderen Fahrgäste hatten wohl zehnmal schon gewechselt, und von denen, die mit ihnen zusammen eingestiegen waren, war keiner mehr ihnen treu geblieben – alles schreiend und erschrocken fast durcheinanderfiel. Und Modesta Zamboni erhob sich, ohne nach Roberto Luigi auch nur hinzusehen, und jener tat ruhig desgleichen. Einen Augenblick danach jedoch standen sie beide allein an einer hohen weißen Mauer auf der breiten, besonnten und grauen Landstraße, während diese Arche auf Rädern, einen Schweif von Staub und einen Duft nach gebranntem Gummi und ranzigem Schmieröl hinterlassend, fortgeschossen war.

Dann aber trat aus einer kleinen Tür, die halb verborgen in einer Mauernische lag – wie jenes Wundertürchen in Goethes »neuem Paris« – eine alte, sehr verwitterte Person, faltig und braun wie gegerbtes Leder und mit wirren weißen Haaren. In dem ganzen Gesicht waren nur die Augen jung und unverbraucht geblieben. Und sie durften ihr auch nicht versagen, denn da die Alte fast ganz taub war, so hatten sie ja auch das Hören mit übernehmen müssen; und zwar taten sie das so restlos, daß man empfand, daß ihr auch nicht die leiseste Silbe entging, sofern nur ihre Augen das Gesicht des Sprechenden umfassen konnten. Die Alte küßte Modesta beide Hände, bevor sie ihr die Tasche abnahm. Und Modesta ließ es, als ihr zukommend, geschehen, denn sie war die Herrin und jene die Dienerin. Seit »Romeo und Julia« hatte sich da nicht viel geändert; und diesem Grundgefühl in Modesta Zamboni konnte auch ihr Sozialismus nichts anhaben. Lionella war von früh an Dienerin bei ihren Eltern schon gewesen, bevor sie als Amme wieder ins Haus kam; und sie war dann Dienerin bei Modesta und ihrem Manne gewesen; und sie war das nun wieder bei ihr allein. Sie diente, nichts sonst, und jene waren die Herren.

»Oh, Lionella«, sagte Modesta und wandte ihren schönen Kopf mit dem lieblichen Kindergesicht mit voller Absichtlichkeit ganz Roberto Luigi zu, damit die Alte ihre Worte nicht hören oder richtiger verstehen oder besser noch nicht sehen und deuten konnte. »Oh, meine alte, arme Lionella ist sehr brav. Sie ist mein besseres Ich. Verraten und verkauft wäre ich ohne sie in dieser bösen Welt. Sie kennt nicht mehr sich selbst, nur mich noch seit sechsundzwanzig Jahren. Sie sieht alles, sie weiß alles, aber man könnte sie aufs Rad flechten, sie würde nie reden. Und wer kann das von sich vorher behaupten? Eine liebe, gute Seele ist sie, eine echtere Heilige, mit ihrem silbernen Heiligenschein um den alten Kopf, als viele, die die Kirche dazu gemacht hat. Man wird sie einmal kanonisieren; aber man sollte es schon bei ihren Lebzeiten tun, denn sie ist wahrhaft gut, trotzdem sie fromm ist. Und ich weiß, es würde ihr Freude machen. Wenn Sie nach Rom kommen, Herr Inglese, sollten Sie dem Papst es in Vorschlag bringen.«

Sie wandte sich wieder zu der Alten. »Nicht wahr, Lionella?« Die Alte aber grinste glücklich mit zahnlosem Mund. Und in ihren tausend Falten des Gesichts lag die Freude eines ausgedienten Jagdhundes, wenn nach Hause der Herr kommt, mit dem er in besseren Tagen Hunderte von Malen durch die Wälder streifen durfte. Ohne ihn, seinen Herrn, aber ist er nichts mehr als ein alter, zahnloser und räudiger Köter mit Rheumatismus in den Knochen. Sowie er aber die Nähe seines Herrn wieder spüren kann, ist er eben immer noch ein – wenn auch ausgedienter – braver alter Jagdhund. »Lionella, wir wollen dem Herrn Inglese die beiden Zimmer mit der Terrasse geben. Du wirst sie schnell noch richten müssen.«

Lionella verstand, aber sie begriff nicht; denn diese Zimmer wurden nie an jene Fremden vergeben, die sonst hier übernachteten. Und sie bekam eine gewaltige Achtung deshalb vor dem Herrn Inglese, der sicher in seinem Lande ein großer Führer der Partei wäre.

Und dann standen sie schon in einem alten Vorhof, einem nicht zu breiten Raum zwischen der hohen Mauer voller Glasscherben und dem zwei-, ja dreistöckigen Bauwerk, dessen Mitte aber um ein Stockwerk niedriger war als die beiden Seitenflügel. Die Villa war groß – fast ein Schloß zu nennen an Umfang. Sie hatte ein herrliches, großes Portal, Balustraden um den Rand des flachen Daches, und alle Ecken wurden von hohen Sandsteinfiguren bewacht. Sie mochte, das sah Roberto Luigi, denn wozu hätte er denn Jahre und Jahre in den Kollegs auf das Skioptikon gestarrt – sie mochte so aus der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts stammen, vielleicht noch später, erst aus den letzten Jahrzehnten, hatte aber trotzdem eine Großzügigkeit in Fenstern, in den Abmessungen und überhaupt eine Raumverschwendung in der ganzen Baugesinnung, in der immer noch etwas vom alten Geist der italienischen Renaissance lebte. Und das hier war doch nur die Front nach der Straße, nach den Menschen hin. Ihren ganzen Reichtum würde sie erst nach der Gartenseite entfalten. Das wußte Roberto Luigi aus seinem Burckhardt. Im Norden wollte der reiche Mann nach außen zeigen, daß er reich wäre; im Süden es nach außen verhehlen, aber sich selbst es beweisen. Welch ein Traum, die Herrin eines solchen Besitzes zu sein!

Da es Spätnachmittag inzwischen geworden war, so begannen schon die Oleanderbüsche, die im Schatten des Hauses standen, ihren süßlich betäubenden Duft auszuatmen und seltsam zugleich und grell, wie den ganzen Tag über nicht, mit ihren Blütendolden gegen ockerfarbene Mauern aufzuleuchten, die doppelt pittoresk dadurch waren, daß hie und da Putz in großen Flecken abgebröckelt und die ausgefallenen Stellen immer wieder überpinselt worden waren.

»Es ist verwahrlost wie ein altes Räubernest«, meinte Modesta – sie trug immer noch den Nelkenstrauß im Arm – lachend. »Es stirbt eben wie mein altes, vornehmes Italien. Aber im Sommer läßt sich schon hier leben.« Und damit schlug sie den großen Torflügel (Lionella war schon mit ihrem Gepäck drüben in einem Seitentürchen verschwunden) zurück und drückte mit den Knien gegen eine der mächtigen geschnittenen Rosetten in seiner Füllung, um ihn vollends aufzustoßen, und war im nächsten Augenblick umflutet: von einem rötlichen Licht wie eine Vision, wie eine echte Madonna Luinis.

Roberto Luigi – so wollen wir ihn nun nur noch nennen – war wie verzaubert, er sah auf Modesta Zamboni, die ihm in ihrer Gloriole nah, wie noch nie heute, und doch ganz entrückt schien, und blickte dann durch den hohen, gewölbten offenen Hausgang über den gepflasterten Hof fort: über die Terrassen hin und über den ganzen abfallenden riesigen Park mit seinen stolzen Baumkulissen von Pinien und Platanen, von Zypressen und Steineichen, die sich theaterhaft um das Rund einer großen Fontäne gliederten, in der ein steinerner Neptun samt seinem Gefolge grün und moosbehangen vermorschte. Über Rabatten von Buschrosen und Geranien, von Levkojen und Heliotrop von nie geahnter Größe und von allerhand tieffarbigen Herbstblumen blickte er fort zu Muschelgrotten wie aus Gemälden Watteaus und zu dem vergrünten Kupferdach eines Gartentempels, das vergebens der Kletterrosen, die von den Säulen nach ihm griffen, sich zu erwehren versuchte. Aber alles war nur das Präludium, nur der Auftakt zur Sinfonie der endlos weiten Ebene da tief unten. Mit Pappeln und Feldern und Weinland war sie jetzt in einen goldigen Staub gehüllt und überflutet von der untergehenden Sonne. Als Allegro con moto jedoch leuchtete ganz fern, meilenfern in der Ebene da draußen, wie ein rotgoldenes Feuerband von der sinkenden Sonne er, der alte Strom selbst, der all diesen tiefen Boden mit seiner Üppigkeit und seinem Fruchtreichtum erst geschaffen hatte. An hundertmal – gerade hundertmal – sollte er das noch sehen, und nie mehr schien es ihm so berauschend schön, sosehr es ihn auch immer faszieren mochte, wie in diesen ersten Minuten seiner Ergriffenheit, als er langsam und wie in einem Wachtraum neben Modesta Zamboni, die ihren Arm in den seinen geschoben hatte (nur ganz leicht, so daß er es kaum verspürte), durch den Durchgang ins Freie, in den Hof selbst getreten war. Ja, war es eigentlich Hof zu nennen, das Stück gepflasterten Bodens, das von dem niederen, breiten und vornehm gelagerten Haus und seinen beiden höheren Flügeln umfangen wurde? Oder schon Garten? Hier, nach dem Garten, war auch die Fassade reich gegliedert, der ganze Dachrand über den Balustraden dieser Seite war umtanzt von seltsamen Figuren und Grotesken, und alle Schlußsteine über den Fenstern waren breite, lachende Masken; nein, hier war das keine schlichte Villa, wie sie manche schon heute durch ihre Gärten hatten winken sehen, hier war es wahrhaft ein Palazzo, hinter dem die Laubwände und das Dunkel der Koniferen den Abschluß bildeten und dem unten die weite Ebene ihr Gold als Huldigung heraufklingen ließ.

»Wie soll ich Ihnen danken, Signora Modesta, daß ich hier heute Ihr Gast sein darf? Ich komme aus einem Land, das sehr arm an Worten ist ... aber ich weiß nicht, sind Sie eine Fee, die mich in Ihren Zaubergarten mitgehen hieß? Sind Sie eine Madonna? Oder eine Göttin – und Sie können nur eine sein! –, der man hier einen Tempel vor Urzeiten gebaut hat? Sie wissen ja, welche ich meine, Sie Venus von Syrakusa!«

Modesta lachte. »Herr Inglese, ich bin nichts von alledem. Ich bin die Poveretta, ich bin die arme Modesta Zamboni, die Tochter und Enkelin und Urenkelin derer, denen einst, wie mir, das Haus hier gehörte und die auch nur im Sommer hier gewohnt haben; denn sie waren ein Bankier, ein Arzt, ein Advokat und ein Offizier. Aber der Park ist der schönste weit und breit, und mein Urgroßvater, der Bankier in Mailand, der das Haus sich baute, hat ihn gleichfalls von einem damals bei uns sehr berühmten Gartenkünstler sich anlegen lassen. Doch wir sind heruntergekommen, und heute ist er nur noch eine Wildnis. Man müßte mindestens fünf Gärtner für ihn haben, und ich kann kaum zwei manchmal bezahlen. Ich bin arm. Und so verfallen, wie das Haus innen ist, so voll mit altem Gerümpel – kein Stuhl, kein Schrank, kein Bett, das nicht schon der Großvater, wenn nicht der Urgroßvater gehabt hat –, so kauft das niemand. Heute will man bei uns in Italien alles neu und modern haben. Auch keine Kamine mehr, sondern Zentralheizung. Nein, das würde keiner nehmen. Aber ich will es ja auch gar nicht verkaufen. Ich kenne jeden alten löcherigen Vorhang von früh an im Haus, jedes Buch unten im Saal und jeden Busch im Garten. Nein, solange ich es kann, spiele ich hier noch die Herrin. Und dann: Geld ist kein Besitz, Signor Inglese. Es gibt uns vielleicht das Gefühl einer Sicherheit, aber nie jenes, daß es etwas ist, das wirklich zu uns gehört und das innerlich von uns und unserem Wesen nicht getrennt werden kann, sowenig wie die Schale von der Schildkröte, ohne daß sie zugrunde geht. Aber nun kommen Sie, Signor Inglese, nun wird Ihnen die Herrin dieses ›PalIazo‹ Ihre ›Appartements‹ zeigen, und ich hoffe, Sie werden Ihnen mit fünf Lire für Lionella nicht zu teuer sein. Allein die Aussicht ist mehr wert ... wenn auch die Zimmer voll von altem Gerümpel und Motten sein sollten.«

Und damit wandte sich Modesta Zamboni dem Hause zu, schritt voran in den Saal zu ebener Erde, der mit breiten Türen nach dem Garten sich öffnete. Lange Marmortische standen auf reich ausgelegtem Boden in seiner Mitte mit fürstlichem Ausspruch. Geschnitzte und vergoldete Greifen trugen mit den Köpfen und den Spitzen ihrer breitfedrigen Flügel ernst, aber mühelos die dicken polierten, blitzenden, buntbebänderten Steinplatten. Und die Löwen auf den Armlehnen der über und über vergoldeten Empiresessel sahen von den Wänden aus still und aufmerksam den Greifen zu. Jeder Sessel stand für sich, hielt allein Wacht vor einem pompejanisch roten Mittelfeld zwischen zwei gemalten Wandbildern; solche, wie sie die Antike erfand und Raffael in den Stanzen wieder zum Leben erweckte. Sie waren also voll von Rankenwerk und Linienspiel und allerhand Amoretten und Faunchen und Eidechsen und Vögeln und mit mythologischen Szenen in den Kartuschen, deren letzter Inhalt meist dem Beschauer leichter zu erkennen war, als es ihm wurde, gerade diese Darstellung mythologisch nun etwa einwandfrei unterzubringen. In eingebauten Regalen aber, den Türen gegenüber, standen hinter Glas (das wie ehedem ja in viele Scheibchen noch geteilt war) Reihen alter graziöser Lederbände mit zierlich leuchtenden Goldpressungen auf den schmalen oder breiten Rücken.

»Mein Urgroßvater liebte die Franzosen, aber mehr wohl noch eine französische Tänzerin von der Scala«, sagte Modesta, als sie die magische Anziehungskraft verspürte, die diese Bücherreihen für Roberto Luigi hatten. »Ich liebe die Franzosen nicht. Sie haben uns betrogen. Sie hätten uns Nizza geben müssen und Savoyen. Sie sind immer noch unerlöst.« Denn sosehr auch Modesta Zamboni Sozialistin war, so war sie doch zuerst Italienerin und war sich mit der Gegenpartei völlig darüber einig, daß eigentlich jeder Schritt Boden, über den die römischen Kohorten einst ihre Adler und Feldzeichen getragen hatten, von Rechts wegen ihnen zukäme und auch einmal wieder zufallen müsse. Wie überhaupt die lateinische Rasse – und wo wäre sie reiner als bei ihnen – führend in der Welt sein müsse. Aber sie wußte auch, Modesta Zamboni, daß solch ein Inglese, so klug und nett er immer sein mochte, das nie begreifen würde. »Morgen«, sagte sie, »werden Sie sich das alles genau anschauen dürfen«, während sie schon neben ihm das prächtige weiträumige Treppenhaus hinaufschritt, das eine Prunktreppe, wie für Hoffeste, hatte, mit reichem Stuck und Golddecken und mit Marmorengeln, die auf Podesten knieten. So schöne, breite Stufen hatte die Treppe, daß man sie hinaufging und nicht hinaufstieg und kaum merkte, daß man schon ganz oben war. »Hier also sind Ihre ›Appartements‹«, meinte seine Begleiterin und öffnete eine blanke Mahagonitür, die zu einem der Seitenflügel des Baus führte.

Es waren drei herrliche Räume. Das heißt eigentlich zwei große viereckige hohe Zimmer und ein Alkoven als Ankleideraum. Und das allerschönste an ihnen, daß sie beide auf eine Terrasse hinausgingen, die wohl vom flachen Dach des Mittelbaus gebildet wurde und von der jener Blick von unten sich gleichsam zu verdoppeln, noch köstlicher in die Endlosigkeit sich hinauszudehnen schien. Ein Horazwort – oder war es von einem anderen antiken Klassiker? Vielleicht sogar Plinius! fiel Roberto Luigi ein: »Das Haus wird gepriesen werden, von dem man einen weiten Blick hat.« Die beiden Räume selbst mit ihren bunten, geblümten Seidenvorhängen und ihren streifigen alten und etwas vermorschten Seidenbezügen an den Sesseln und Bergèren und dem Sofa und dem stolzen und gerafften Betthimmel waren jetzt ganz rosig vom Abendlicht, ganz goldrot, denn sie bekamen zwiefach Licht, vom Himmel oben und von der weiten Ebene herauf. Wenn unten Greifen und Löwen die Herrscher waren, so standen diese beiden Räume hier im Zeichen des Widders und des Delphins. Das waren zwei grünliche und vergoldete Etageren mit Widderköpfen, auf denen alte, verstaubte Porzellane und allerhand Kuriositäten standen; Widderköpfe ragten an den Pfosten des Himmelbettes sogar. Und in Widderköpfe liefen die Armlehnen der Mahagonisessel aus. Delphine aber trugen die Platte des runden Tisches auf aufgereckten Schwänzen. Delphine kreuzten ihre Schuppenleiber in den Stuhllehnen. Aus Delphinen wuchsen viele Wandleuchter. Und nur um die Kerzenkrone – um den Wechsel zu betonen vielleicht – gab es nochmals Widderköpfe, während der kleine Mahagoninachttisch es mit den Untertanen des Neptun wieder hielt, woraus man auf eine weitläufige Ideenverbindung schließen konnte. Der große Schreibtisch war aber mit Bronzebeschlägen und – Widderköpfen, was auch sonst?, an seinen vier Ecken. Er beherrschte das eine Zimmer gerade so, wie das andere Zimmer von dem riesigen Himmelbett beherrscht wurde, das dafür sprach, daß Schlafen noch ehedem eine feierliche Zeremonie war und die Nacht als der schönere Teil des Lebens anerkannt wurde, während sie spätere Geschlechter zu einer sanitären Notwendigkeit degradiert haben.

»Sehen Sie, Signor Inglese, Signor Roberto Luigi, ich stelle Ihnen sogar das Bett des Urgroßvaters zur Verfügung.« Und plötzlich begannen ihre Augenwinkel wieder grünlich zu sprühen. »Und ich bedaure tief, daß ich Ihnen nicht auch seine französische Tänzerin mitliefern kann. Aber im Bild wird sie wenigstens bei Ihnen sein.«

Und Modesta Zamboni wies auf ein Pastell in silbernem Rahmen, von dem aus ein geschminktes Püppchen mit schneeigem Busen und rosigen Schultern und Armen, mit Mouches an den Wangen und roten Kamelien in den hohen, toupierten Haarbauten, mit Augen wie Herzkirschen und mit dem süßen, aber etwas krampfhaften Lächeln der Berufstänzerin (wie es zum Inventar des Balletts gehört und seit zweihundert Jahren von Generation zu Generation vererbt wird) dem neuen Gast die neckischsten Avancen machte. Ein Liebesschmetterling aus buntem Staub der Kreidestifte.

»So«, sagte Modesta, »nun will ich Sie mit jener da allein lassen. Sie werden sich etwas ausruhen wollen, und nachher werden wir zusammen essen und noch ein wenig durch den Garten gehen. Hier in Italien geht man spät schlafen, denn die Tage sind heiß und die Nächte einzig erträglich. Ich sehe, daß Lionella schon Ihren Koffer nach oben gebracht hat, und frisches Wasser scheint auch dazusein. Lionella wird klopfen nachher.«

Und dann war Roberto Luigi allein. Das erstemal seit bald zwölf Stunden, daß er nicht mit jedem Atemzug die gleiche Luft trank wie dieses wunderschöne Geschöpf, das ihm ein guter oder ein böser Stern in den Weg geführt hatte.

Er rückte sich einen Stuhl mit Delphinen in die offene Tür und träumte – denn das liebte er (sagte ich nicht schon, daß er von Hause aus ein träumerischer Mensch war?) – in die immer mehr sich verfärbende Weite hinaus, fuhr mit den Blicken die Konturen der Bäume da unten nach. Sie standen nicht einzeln wie die Bäume in englischen Parks im weiten Rasen, sie waren nicht eine einzige Masse wie die in den deutschen Gärten, sondern sie waren in Gruppen aufgelöst und gliederten sich licht und weit hügelabwärts. Wie ein Zug dunkelgekleideter Mönche schritt eine alte Zypressenallee zwischen all dem lichteren Grün den Hang hinauf. Silberpappeln drängten ihr graues Laub, das nicht stillstand, sondern in steter fächelnder Bewegung war und immer wieder von neuem zu erschrecken und zu erblassen schien, mit der breiten Wucht der hellgrünen Platanen zusammen, die kleine Fenster gleichsam für den Sonnenuntergangshimmel freiließen. ›Wie großzügig und vornehm das alles war, nicht idyllisch wie im Norden, sondern bukolisch, wenn nicht gar heroisch... Claude Lorrain... groß, heiter und ernst zugleich, geradeso wie die Architektur, die hier aus dem Boden wächst‹, dachte der Kunsthistoriker Robert Ludwig Schmidt in ihm. Aber Roberto Luigi selbst, der simple Mensch in ihm, sprach wohl zwanzigmal nur ein Wort: Italia ... Italia. Italia ... Italia ... Und nur ab und zu zwei andere: Modesta Zamboni ... Modesta Zamboni ... Doch je öfter er sie vor sich hin sprach, desto mehr kam es ihm vor, als ob sie beide eigentlich ganz gleich klängen. Antonia, Erhard Tilmann, Bärbel-Marie ... Gotik des Enzkreises, Riemenschneider, das war wie weggelöscht. Trotzdem würde er morgen eine Karte, ja sogar einen Bericht nach Hause schreiben.

Aber an dem nächsten Tag schrieb er nicht und am übernächsten auch nicht und dann noch weniger in den folgenden Wochen des September. Nicht etwa, daß er bösen Willen hatte und es sich nicht vornahm: er schrieb eben nicht. Zuerst vielleicht aus einer seelischen Lähmung heraus. Und dann einfach, weil er es vorher nicht getan hatte und weil es ihm auch nicht mehr wichtig genug erschien und weil sein ganzes früheres Leben sehr weit fort von ihm war, wie alles jenseits der Alpen. Es war nun einmal so. Er kam sich dabei weder schlecht noch gut vor. Vielleicht manchmal solch bißchen wie ein verbockter Schuljunge, der geschwänzt hat – weil er Prügel oder Vorwürfe fürchtet und nun nicht nach Hause gehen mag. Und wenn er es in den ersten drei Stunden nicht tut, tut er es überhaupt nicht mehr.

Er empfand auch keinen Wunsch, irgendwo anders hinzugehen, nach Rom, nach Florenz vielleicht. Er hatte auch keinerlei Sehnsucht nach den Dingen der Kunst, derenthalben er doch eigentlich seine Reise unternommen hatte. Er las nicht mal Burckhardt mehr – manchmal nur den Taine. Und bislang war ihm die Kunst doch fast Religion gewesen. War das, was über seinem Dasein stand und es ihn ertragen ließ. War Surrogat für Dinge, die man nicht besitzt. Sagte nicht mal jemand – Roberto Luigi erinnerte sich: »Solange es eine Kunst gibt, soll man leben!« Gewiß! Sehr schön! Aber er vergaß hinzuzusetzen, daß das Leben in Wahrheit, so wie es Kinder und Frauen manchmal leben können (selten nur Männer!), in Wahrheit ja erst dort anfängt, wo man der Kunst nicht mehr bedarf, weil das Dasein eben schon alle Erhöhung und alle Vergessenheit und alle Schönheit und alle Losgelöstheit, die Sonnenglut der Mittage und die blaue Sehnsucht der Abende ... schon all das, was nur Kunst geben kann, in sich trägt, weil ihm Blumen am Weg wachsen und die Dinge, die ihn umgeben, voller Anmut sind – und weil ein Lächeln auf ihn wartet und lebendige Schönheit, vor der Botticellis Madonnen erbleichen. Nicht weil sie weniger schön, erlesen oder lieblich sind, sondern weil von ihnen das ausgeht, das der Kunst fehlt, jene unerhörte Bezauberung, wie sie eben doch nur vom Urbild, vom Dasein selbst ausstrahlen kann, mag es auch, an der Kunst gemessen, veränderlich, vergänglich und von kurzer Dauer nur sein. Bin ich da deutlich? Nein. Gut also! Denken wir doch an die Musik – trotzdem ich nicht von ihr sprach. Es gibt Musik, die wir uns ersehnen, wenn wir fröhlich und beschwingt sind, und die heißt vielleicht: Mozart. Und solche, nach der wir uns sehnen, wenn wir gramvoll sind, und die heißt vielleicht: Beethoven. Aber die seltensten und glücklichsten Tage in unserem Dasein sind die, wo wir der Musik nicht mehr benötigen, weil wir selbst Musik sind, und Menschen und Dinge, Haus und Welt und Landschaft um uns zu klingen anheben und die Frau Grundmelodie und Begleitung zugleich ist.

Es ist nebenbei durchaus nicht wahr, daß Roberto Luigi etwa von hier nicht abreisen wollte. Das wollte er jeden Tag und sagte es auch täglich, und sie lächelte nur, Modesta Zamboni: Es wäre doch sehr nett so, und er störe niemand. Auch würde sie vollends verarmen ohne ihren zahlenden Pensionär.

Es ging mit dem Abreisen genau wie mit dem Schreiben. Erst reiste er nicht ab, weil er einen Tag zugeben könne und jetzt nach keinem ja zu fragen hätte. Dann nicht, weil er ja gestern auch nicht abgereist war. Und die nächste Woche blieb er, weil er ja die übernächste abreisen könne. Und den nächsten Monat – aber so weit sind wir ja noch nicht. Und da ihm der Koffer zuviel Lagergeld in Mailand gekostet hätte – nur deshalb –, so ließ er ihn sich kommen. Das heißt, er gab Lionella den Zettel, und in vierundzwanzig Stunden war er vorhanden auf seinem Zimmer, abgeholt von irgendeinem geheimnisvollen Auto, das manchmal hier vorüberfuhr und plötzlich Wasser für den Kühler einnehmen mußte. Nun ja, bei so viel Steigungen kann sich schon die beste Maschine heißlaufen. Erstaunlich war es nur, daß sie es mit solcher Regelmäßigkeit gerade an dieser Wegstelle tat. Über kleine Entdeckungsfahrten in das Land, mal nach der Ebene herunter, mal in die Vorberge hinein, durch Oliven und Wein und kleine Ortschaften, kam Roberto Luigi nicht hinaus. In einer der allerersten fiel sein Vollbart der Schere und dem Messer des buckligen Baders zum Opfer. Und er löschte damit den Stempel des Barbarentums von seiner Person. Außerdem war es gar kein richtiger Vollbart gewesen, sondern nur ein fluttriger Kinnbart. Die Backen trug er noch stets säuberlich rasiert – und Giletteklingen war sein allerletzter Einkauf vor der Reise gewesen. Sogar ein größerer Abschluß war von ihm in diesem Artikel getätigt worden, weil Antonia behauptet hatte, sie zweifle, daß solche in Italien erhältlich seien. Denn sie war ungefähr der Meinung, daß man in diesem Lande Nasenringe trüge. Eine Ansicht, die umgekehrt wohl ebenso verbreitet ist und zum internationalen Inventar des Nationalismus gehört. Selbst nach Bergamo, von dessen Oberstadt ihm ein kundiger Freund von je nur in den Tönen höchster Verzückung sprechen konnte, kam er nicht. Trotz des Wunsches und der festen Absicht, diese Stadt zu sehen, was ihn kaum einen Nachmittag vorerst hätte zu kosten brauchen. Er vertröstete sich auf den kleinen Fiat der Frau Modesta, der aber in Reparatur war und nicht zurückkam. Vielleicht auch, weil ihn niemand im Augenblick vermißte.

Aber wie lebte Roberto Luigi, da ihm doch ein Tag in den anderen floß, so daß er bald alle Zeitrechnung verloren hatte? Da war der Park, der Garten, zum Beispiel, Eichendorff mußte ihn gekannt haben, denn wie hätte er sonst sprechen können »von Gärten, die überm Gestein in dämmernden Lauben verwildern«. Einen Garten wie den aber lernt man nicht so leicht kennen. Da war die Fontäne, die Wasseranlage mit der Neptungruppe und Najaden und Seerosen und steinernen Delphinen, die einst durch ihre Nüstern Wasserstrahlen warfen, und mit den breiten Rändern, über die einst das Wasser wie eine dünne Silberschicht von Becken zu Becken rann, um in feinen gedrehten Strähnen wie gesponnenes Glas sich zu zerteilen, ehe es das unterste größte erreichte. Aber jetzt sonnten sich am Mittag Hunderte von Eidechsen darauf: braune, grüne und smaragdfarbene, solche mit schimmernden Bäuchen und solche mit schimmernden Rücken und solche mit Stutzschwänzen und solche mit langen Schwänzen wie Peitschenschnüre. Und bis man da jede persönlich kannte, das nahm gut einige Zeit in Anspruch. Manchmal liefen sie auch über den Weg mit rauhen Kieseln von Grasfleck zu Grasfleck oder besuchten den Sockel einer Abundantia, deren Füllhorn zerschlagen war ... und das mit Recht, denn die Zeiten waren hier nicht mehr so wie früher. Aber am liebsten waren sie doch auf dem Rand der Fontäne, hier hielten sie für alle wichtigen Fragen ihre Meetings ab, und je heißer die Sonne auf sie niederbrannte, desto wohler fühlten sie sich, trotzdem sicher andere Stellen des Gartens für sie viel nahrungsgesegneter waren. Mit manchen war Roberto Luigi befreundet. Sie fürchteten ihn nicht; und wenn er sich ruhig zwischen sie setzte, liefen sie sogar über seine Hand oder seine Schlangenhautstrümpfe. Andere wieder konnten ihn gar nicht leiden, streckten ihm die Zunge heraus, sowie sie seiner ansichtig wurden, und liefen dann unter höhnischen Bemerkungen davon. Besonders war es eine große Smaragdeidechse, zu der er durchaus in kein freundschaftliches Verhältnis kommen konnte, und dabei war es eine der allerschönsten.

Und dann – trotzdem Eidechsen etwas sehr Angenehmes, Kluges und Schillerndes sind und schon Goethe, wie er das mehrfach bekundete, zwischen ihnen und den Frauen Italiens, vor allem Venedigs, eine gewisse Ähnlichkeit nicht entging, nur daß er nie von Eidechsen, sondern von Lazerten sprach, weil das Wort vielleicht noch mehr das Raschelnde und Flüchtige malt – dann (man kann nicht immer mit Eidechsen leben) gab es da weiter unten im Park eine Tropfsteingrotte, in der bunte Muscheln und Achatdrusen eingemauert waren und in der während der Mittagsglut, wohl weil es der kühlste Fleck weit und breit, Pan schlief und nicht liebte, daß man ihn störte. Man vernahm nur sein Grunzen und Schnarchen; aber sowie man dem Ton nachging, erwachte er, hörte es wohl, weil der Kies knirschte, und sprang hastig fort. Er hatte das mit den Zikaden im Oleandergebüsch gemeinsam, die auch zu lärmen und zu schrillen aufhörten und taten, als ob sie nicht da wären, sowie Roberto Luigi in ihre Nähe kam. Und erst wieder mit ihrem Konzert begannen, wenn sie meinten, er wäre fortgegangen. Im Tempel aber, den die Kletterrosen eingesponnen hatten, gelbe vor allem mit rosigen Kelchen, klein und herb duftend, stand der Apoll von Belvedere und schnellte seinen imaginären Pfeil ins Ungewisse. Er war in der Empirezeit wohl kopiert, denn die liebte ihn seit Winckelmann. Aber der Kopist hatte eine süßliche Schülerarbeit von Canova daraus gemacht. Doch wer wollte auch hier den rächenden Gott in seiner ganzen Strenge sehen und wiederfinden? Was tat er unter Rosen und neben großen Hortensien und Heliotrop in Tonkübeln mit Widderköpfen und Masken?

Und die Blumen – manche waren altmodisch und verwildert – kannte man gar nicht alle. Nur durch das eine lernte Roberto Luigi sie bald unterscheiden, daß der Park zu jeder Stunde des Tages und der Nacht anders duftete. Des Morgens ganz anders wie am Mittag. Wenn man ihn mit verbundenen Augen hineingestellt hätte, er hätte endlich genau sagen können, welche Tages- oder Nachtzeit es war. Des Abends kamen Oleander, Tubarosen, Verbenen und Jalapen. In der Nacht begann noch die Erde selbst jenen violetten Geruch auszuströmen, der uns entfernt an Trüffeln und Veilchen erinnert. Am Mittag herrschte der Heliotropduft, und am Vormittag der der Rosen. Und am Morgen war jener Duft am stärksten, der immer über dem ganzen Garten lag, der des Nachts durch die offenen Fenster bis in sein Himmelbett drang und den er auch schon in Lugano kennengelernt hatte. Lange dauerte es, bis er endlich herausbrachte, daß er von einem grünen und hartblättrigen Strauch kam, der kleine weiße Sternblüten um die Ästchen hatte und von dem die taube Lionella behauptete, daß er »Oleo« hieße; mehr wußte niemand. Nach einem Regen jedoch rochen die Silberpappeln wie Harz und Wein; und in greller Sonne der Nachmittagsstunden waren es die Zypressen, grün und bitter. Also, wer kann sich rühmen, daß er die Geheimnisse eines solchen Gartens schnell auslernt! Als Roberto Luigi vier Wochen bald dort war, entdeckte er zum Beispiel plötzlich, daß an der einen Mauer ein riesiger Feigenbaum mit grauen, gedrehten Ästen stand, dessen dunkle Früchte niemand aberntete. Und wie er zum erstenmal mit vollem Bewußtsein die großen, grünen, gelappten Blätter sah, verstand er, warum das erste Menschenpaar in seinen Kleidersorgen gerade zu ihnen seine Zuflucht nehmen konnte und warum Giorgione und Tizian, wie sie die italienische Landschaft entdeckten, ihn – den Feigenbaum – sogleich zuerst mit entdeckten. Auch fand er in einem fast leeren und verwahrlosten Glashaus alte Orangenbäume in grünen Holzkisten, die voll kleiner Früchte waren und zugleich weiße Blüten streuten. Und dann gab es Plätze, Steinbänke, Nischen und Lauben, die sehr verschieden waren, solche, wo man französische Bücher aus Urahns Bücherreihen lesen konnte; solche, die nur italienische gestatteten; und die Bank unter dem Lorbeergebüsch klang ordentlich wider von den Versen Dantes und Petrarcas Sonetten. Die Silberpappeln jedoch rauschten stets zu deutschen Büchern, ohne daß auch nur ein Windhauch durch ihre Zweige harfte. Oh, es dauert lange, bis man sich in einem derartigen Garten auskennt.

Und wenn man das schon wirklich glaubte, daß man mit ihm fertig wurde, dann sieht man, daß er am Morgen ganz anders als am Mittag und daß gar zur Nacht alles geändert ist – und daß jener Weg, den man hundertmal auf und nieder mit den Schritten abgemessen hat, plötzlich kürzer oder länger, aber jedenfalls ein ganz anderer geworden ist. Und wenn nun gar noch der Mondschein darüber hingleitet, ganz hell und schillernd wie Katzengold – kein Stern am Himmel, so hell und licht ist er –, dann ist alles anders, und man ist wahrlich in Klingsors Zaubergarten ... Nein, Eichendorff muß hier gewesen sein, denn er spricht ja auch von »Palästen im Mondenschein«.

Und dann – nicht wahr? – war da: das Haus, das er nur sehr langsam kennenlernte, mit seinen vielen Zimmern und seinen alten Möbeln, die den Wechsel der Generationen zeigten. Jeder Besitzer hatte wohl als erstes, als Machtprobe seines jungen und neuen Herrschertums, hier sich ein paar Zimmer nach dem Geschmack der Zeit eingerichtet und den Ururgroßvater expropriiert aus diesen von ihm eroberten Räumen, bis auf wenige Spuren. Das ärmliche und behagliche Louis Philippe, der Prunk der Zeit Napoleons des Dritten mit überbreiten Spiegelrahmen (aber schon aus Papiermache und in falscher Vergoldung), mit riesigen Lichterkronen, die unter Tüllröcken ihre blanken Glieder bargen. Und der wilde Ungeschmack der Gründerzeit, die vielleicht hier anders hieß, aber kaum anspruchsloser war. Ja, selbst die ausladenden Plüschgarnituren und Makartzeit fehlten nicht und geraffte Portieren aus dickem braunem Rips, die von rachitischen goldbronzierten Gipsengeln gehalten wurden.

Aber alles... auch alles begann Roberto Luigi zu lieben. Denn alles wurde ihm bildhaft, blieb nicht unharmonisch und war eng verbunden mit jener Welt, die durch die riesigen Fenster in die Räume hineinsah; wenn auch nichts so der Widerhall und der Einklang mit der ganzen Umwelt war – und gleichsam ein Kind ebendieser Landschaft – wie das, was der lebensfrohe Großbankier und Urahne sich hier zuerst geschaffen hatte. Und gerade ihm hatte jeder Spätere zwei Zimmer geraubt. Gegen die anderen verbot es ihm wohl die Pietät. Doch es war immer noch für Generationen Raum zur Verwüstung dieser seiner wundervollen, kühlen und ganz vornehm-reservierten Welt. Nur Modesta und Mario hatten dem Heute keine Konzessionen machen wollen. Und nach Marios Tod hatte sich Modesta jetzt aus ihren gemeinsamen Zimmern nur noch ganz in die drei Räume ihrer Urgroßmutter zurückgezogen, die oben im anderen Flügel im dritten Stock lagen und denen eine ähnliche Terrasse vorgelagert war; aber sie waren weit getrennt von denen Roberto Luigis, fast durch die Breite des ganzen Baus. Und auch sie blieben Roberto Luigi nicht verschlossen. Denn Modesta liebte es manchmal, auf ihrer Terrasse Tee zu trinken des Nachmittags, und lud ihn dann freundlichst ein. Sein Reich jedoch betrat niemand außer ihm und Lionella, und die wartete auch meist ab, bis er in den Garten gegangen; und nur wenn es einmal regnete, huschte sie wie ein Geistchen lautlos, mit hastigen Bewegungen in ihrem silbernen Heiligenschein um ihn herum, während er am Schreibtisch saß. Viereckige Räume waren es – jene Zimmer Modestas –, nur von Blumenbordüren umrahmt, mit einfachen blauen, roten und gelben Wänden und mit den zierlichsten Möbeln von Zitronen- und Rosenholz. Manche sogar mit Silbereinlagen. »Der Großvater«, sagte Modesta, »ist ein vorbildlicher Ehemann gewesen, und er hätte es nie über sich gebracht, wenn er mit seiner französischen Tänzerin hierherkam, etwa die gleichen Räume zu bewohnen, die er mit seiner Frau hier bewohnte.« Diese Tänzerin mußte nebenbei eine Akquisition der späteren Jahre dieses angenehmen Herrn sein. Das sah Robertos Auge auch am Stil der Möbel Modestas, die wohl an die zwanzig Jahre früher waren als die seinigen da drüben. Nur das Himmelbett war fast genau das gleiche oder zum mindesten bis auf einige kleine Unterschiede, die eben gerade die Mutmaßung des Roberto Luigi bestätigten, diesem hier nachgeahmt. Denn während zum Beispiel die Widderköpfe an den Pfosten bei ihm drüben aus vollem Mahagoni geschnitzt waren, waren sie hier aus Bronze, deren Feuervergoldung noch leuchtete wie am ersten Tag. Ja, und noch eines: Sein Himmelbett hatte oben im Himmel, hoch über seinem Kopf, einen ovalen Spiegel mit einer Umrahmung aus geraffter Seide, während jener da – davon überzeugte sich Roberto Luigi mit einem kleinen verschmitzten Seitenblick, als ihm Modesta einmal auch dieses Zimmer zeigte (nur den Alkoven betrachtete sie als privates Reich, das Schlafgemach war ja einst auch hier Empfangsraum gewesen, und der im Ehekontrakt festgelegte Cicisbeo durfte sogar dem Lever seiner Dame beiwohnen, um die sich Kammerjungfer und Zofe und Friseur bemühten) – während also dieser Betthimmel da ganz ohne Spiegel keusch in glatter, geraffter Seide sein Zelt wölbte. Und wenn Roberto Luigi das Bild der Urahne als junge Frau betrachtete, die als die eigentliche Herrin ihrer Räume hier immer noch hager und mürrisch, mit dünnen Lippen und schmuckbehangen – aber sie war sehr begütert! – immer noch von der Wand aus zu kontrollieren schien, ob auch Staub gewischt sei... und es mit jenem verglich, das da seit hundertzwanzig Jahren oder gar schon länger drüben bei ihm von der Wand herablächelte, mit rosigen Armen und schneeigem Busen, diesen süßen, kleinen, schon lange verstorbenen Liebesschmetterling, so verstand er, daß der lebensfrohe Urahne bei diesem Lager auf einen Spiegel keinen Wert gelegt hatte. Als kluger Mann schätzte er eine Verdoppelung seiner Freuden, aber nicht seiner Pflichten. Oh, im Hause selbst gab es schon genug zu erleben. Da konnte man lange bleiben, ohne fertig zu werden.

Und dann gab es Bücher unten in der Bibliothek, die man nicht lesen brauchte, aber in denen man lesen konnte und die für Geschmack und Neigungen ihrer einstigen Besitzer Zeugnis ablegten. Der eine war ein Franzosenfreund gewesen und liebte zierliche Bändchen mit zierlichen Bekenntnissen zur Lebensfreude; der andere aber hatte im Gegensatz eine durchaus philosophische Ader gehabt und hatte Pessimisten wie Leopardi bevorzugt, ja die Seitenränder bei jenem mit zustimmenden Bemerkungen und Kommentaren versehen. Er hatte auch Literatur über Dante gesammelt und die Novellisten der Renaissance. Der letzte aber glaubte, daß mit Ada Negri und d'Annunzio eine neue Ära der Literatur begänne, während der arme Mario Herzen und Kropotkin, Zola und Dostojewski geliebt haben mußte, aber sich doch gleichsam als ein Gegengewicht sein Herz für Carducci bewahrt hatte, dessen Versbände er arg zerlesen hatte und den er auch, wie Modesta tränend beschwor, fast ganz auswendig gewußt hatte. Oh, im Hause gab es genug zu erleben! Roberto Luigi hatte noch nie in seiner Heimat eines gefunden, in dem die Vergangenheit von vier oder gar fünf Generationen so lebendig geblieben war. Und endlich war es doch nur ein Landhaus, in dem seit bald hundertfünfzig Jahren keiner von diesen allen, die hier immer noch unsichtbar durch die Räume schritten, ständig gelebt hatte. Für alle war es doch nur ein seltenes Tuskulum jenseits ihres Berufs und ihres eigentlichen Lebens gewesen. Und wieviel von ihrer ureigensten Persönlichkeit hatten sie doch hier zurückgelassen. Man würde sie auch kennen – dachte Roberto Luigi oft –, wenn nicht ihre Bilder in ovalen Goldleisten in den Räumen hingen. Der Urahn, jung, als Incroyable und Dandy, die Finger voll von Ringen, mit einer großen Krawattennadel aus geschnitztem Lapislazuli und einer Miniatur an dem Uhrband, überlegen mit dem Lorgnon spielend ... und später ein anderes noch, in dem er sich ganz napoleonisch gab! Und nur ein leichter Zug von Durchtriebenheit und Genießertum bewies, daß er nicht mit dem Schlachtenlenker in seinem blutigen Handwerk wetteifern wollte, sondern sich damit begnügte, als Lenker der Finanzen auf harmloseren, aber für seine Opfer kaum weniger gefährlichen Wegen das gleiche zu erreichen.

Dann war in den Louis-Philippe-Räumen das Bild des Advokaten da – mit dem menschenverachtenden Zug Leopardis, nicht ohne Pose, aber auch nicht ohne Genialität, Einer mit dem Freischärlerkopf Garibaldis, der mit Augen und Haltung gleichsam unsichtbar eine rote Fahne schwenkte und dessen Wesen »Protest« war (wenn auch in seidener Wäsche), hatte sich gerade über dem Spiegel aus der Eugenienzeit seinen Platz gewählt. Einer mit einem gewaltigen Schnurrbart, der sich wie eine Trense, wie eine Sturmkette ihm über und in den Mund legte, von dem Typ eines Viktor Emanuel, seines obersten Vorgesetzten, in gleißender Uniform, mit einem breiten violetten Ordensband – oder war es mehr ochsenblutfarben? –, kommandierte noch immer von der Wand herab über allen Ungeschmack der Gründerzeit. Er war Typ schöner Mann und Herzensbrecher von 1880; und doch hatte das Bild irgend etwas, was Roberto Luigi anzog, wie jenes etwa eines berühmten englischen Vollbluthengstes. Er war der Vater von Modesta, der als Capitano und Cavaliere seine verhältnismäßig kurze Lebensdauer dazu benutzt hatte, einen großen Reichtum fast zunichte zu machen mit Spielen und Weibern, so daß er kaum mehr als den Grundbesitz, und den auch arg beschnitten, übriggelassen hatte. Immerhin konnten selbst bei dem schlechten Geld allein die Pachtsummen von den Ländereien einen Menschen sehr sorglos machen, wenn er sich entschloß, das Leben nicht in dem ganz großen Stil seiner Vorfahren weiterzuführen. Wie man das eigentlich hier von je doch getan hatte, und wie die vor ihnen es als selbstverständlich und ihnen einzig zustehend erachtet hatten.

Mario Zamboni und Modesta aber, deren Bilder es auch gab von einem braven Expressionisten Mailands, der sie beide als junges Ehepaar, etwas grecohaft verzerrt zwar, aber doch leidlich kenntlich, gemalt hatte ... Mario und Modesta waren von Urbeginn an viel zu sehr in ihre Ideenkreise versponnen, als daß sie das vermißt hätten. Und so hatte sich, ohne daß sie etwas dazu taten, ihr Besitz und Reichtum, trotzdem viel in die Parteikasse floß, wieder langsam gehoben, ja eigentlich schon fast unerschütterbar wieder fundiert. Modesta sagte Roberto Luigi einmal, daß man in einem Lande, das reich von alters her wäre und gesegnet und in dem es trotzdem so viel traurigste Armut, Elend und Rückständigkeit gäbe, nicht, solange es die noch gäbe, wie ein Grandseigneur mehr leben dürfe; später vielleicht – denn Reichtum und Luxus könnten nicht nur negativ, als Ausbeutung, sondern auch positiv, als Förderung der Kultur und des Schönheitssinnes, sich auswirken. Also später vielleicht einmal wieder... jetzt jedenfalls nicht; denn heute wäre es nicht mehr als ein Raub an den anderen.

Und so waren hier in diesem Hause, wie Roberto Luigi staunend feststellte und sich von Tag zu Tag mehr bewußt wurde, gleichsam die letzten hundertfünfzig Jahre italienischer Geschichte im Wechsel der Generationen und ihrer zeitgebundenen Ideale lebendig geblieben. ›Wie eigenartig‹, dachte Roberto Luigi oft. ›Nichts ist hier von den letzten dreißig Jahren. Es schnarrt kein Telefon, und kein Grammophon brüllt die letzten Schlager aus Amerika und läßt die Paukensoli und das Saxophon sich miteinander im Jazz vermählen. Es gibt keinen Bubikopf auf drei Kilometer im Umkreis und nicht einmal einen Tennisplatz, vom Boxhandschuh zu schweigen. Das Radio verkündet nicht die Marktpreise und die Frühkurse der Börse zwischen einer Mensendieckstunde und einem Vortrag über die Fortschritte der Augenheilkunde. Ja, man lebt sogar noch vor Erfindung der Glühbirne – seit Jahren sollte Elektrizität ins Haus gelegt werden, und selbst der kleine Fiat ist augenblicklich beurlaubt. Man tanzt nicht und man spielt nicht, man sieht kaum die Journale mit den Bildern der großen Welt von Biarritz und Genf und Leningrad bis zu Samoanerinnen bei der Reisernte, wobei der Reis die Nebensache und die wenig verhüllten Schönheiten der nußbraunen Mädchen die Hauptsache ist, man ist weder für Stresemann noch für die göttliche Suzanne präokkupiert, und man vermißt das alles keineswegs, ja, man merkt nicht einmal, daß es einem fehlen könnte.‹

Das waren Haus und Garten. Ja, und dann war eben noch Modesta Zamboni selbst da. Und wenn Roberto Luigi sich auch einzureden versuchte, daß sie ihn ja hier nicht festhielte, so war es doch so, daß für ihn jeder Winkel des Parks und jeder Raum des Hauses einfach ohne den Gedanken an sie oder die Empfindung von ihr unbeseelt war und daß erst die Wege: und Räume ihm Leben gewannen, an denen er irgendwann einmal in all dieser Zeit mit ihr zusammen geredet oder spazierengegangen war. Ihre Schönheit aber, die so still neben ihm her lebte, wurde für ihn in den Wochen nicht mehr und nicht weniger, aber auch nicht gewohnter, blieb ihm stets gleich bezaubernd und undeutbar. Manchmal in den Morgenstunden, meist aber in denen nach Sonnenuntergang, trafen sie sich wie zufällig; kaum am Tage. Denn am Tag über war ihm Modesta, außer zu den Mahlzeiten, das heißt mittags und abends, fast unsichtbar, schrieb allerhand, nähte und stickte wohl, ordnete Geschäftliches. Und daß sie ihn zu sich zum Tee auf die Terrasse lud, geschah auch nur an jenem Tag, von dem Roberto Luigi annahm, daß er ein Sonntag war – ich sagte schon, daß sein Kalender in Verwirrung bald geraten war –, und seltener nur an jenem, den er für Donnerstag hielt. Nebenbei begannen die Tage schon kürzer zu werden und Obst und Trauben überreif und allzu süß. Nur die Muskateller behielten ihre herbe, harzige Eigenart. Da Roberto Luigi nur italienisch sprechen konnte und mußte, auch viel las, so vermochte er eigentlich von Tag zu Tag seinen Worten einen reicheren und weniger primitiven Ausdruck zu geben; und auch Modesta sprach nun nicht mehr zu ihm in den einfachen Sätzen der Grammatiken, sondern so, wie sie es liebte, mit der ganzen Bewegung und allen Wortspielen, auf die Gefahr hin, einmal nicht gleich verstanden zu werden. Dann blieb ja immer noch die Umschreibung oder das Französische. Wenn sie auch diese Sprache nicht mochte. Sie hatte dieser Sprache gegenüber ungefähr – wie sie es einmal sagte – die Empfindung, die eine Dame der Aristokratie einer Schauspielerin gegenüber hat: sehr amüsant, gewiß; aber doch nicht vollkommen gesellschaftsfähig. Ihre Sprache hätten schon Augustus und Marc Aurel gesprochen, meinte sie. Was man so ohne weiteres doch nicht behaupten konnte.

Roberto Luigi konnte nicht begreifen, wie sie nach deutschen Schulbegriffen auf einer Seite ganz ungebildet und ahnungslos sein konnte und dabei so genau beschlagen in allen Dingen, die ihr Land angingen und zu seiner Geschichte gehörten; Florenz der Mediceer, Venedig, Rom, das alte, ja Griechenland war ihr innerlich tausendmal näher als ihm. Sie fühlte sich auch nicht bedrückt davon, sondern sie war damit innerlich eins und verwachsen – die Venus von Syrakus. Für uns längst verwehte Geschichte, für uns lange schon verstorbene Kulturen lebten noch für sie weiter. Michelangelo war gestern gestorben und Savonarola vorgestern verbrannt worden. Aber wenn man ihr dagegen gesagt hätte, daß die Deutschen manchmal Tran trinken und die Engländer manchmal auf Giraffen reiten, daß Monaco die Hauptstadt von Belgien ist und Schiller der bekannte Räuberhauptmann in Böhmen gewesen wäre, so hätte sie geantwortet: Ach ja, richtig, das haben wir im Lyzeum auch gelernt; aber ich hatte es schon wieder halb vergessen. Jede deutsche brave Mittelschülerin hätte sie glatt ausgelacht. Und doch hatte sie einen Verstand von unbestechlich gesunder Urteilskraft. Roberto Luigi fand all ihre Ahnen in ihr wieder. Die Nachdenklichkeit des philosophischen Advokaten. Die schöne Rassigkeit des Vaters. Den Feuerkopf des Garibaldianers. Und manchmal die geschäftliche Umsicht und das dem Leben hingegebene Lächeln des Urahnen, der in der Tänzerin der Schönheit und dem Genuß huldigte. Wenn es auch jetzt wie ein Palimpsest unter drei anderen Handschriften lag, es kam immer wieder aus dem süßen, oft vertrauerten Kindergesicht hervor; und Roberto Luigis ganzes Bestreben war darauf gerichtet, es wenigstens minutenlang an die Oberfläche zu treiben. Es da zu halten, hatte er schon aufgegeben. Allen Gesprächen über die heutige Politik Italiens wich sie nebenbei mit vielem Geschick aus, und die Worte »Duce« oder »Fascismus« kamen nie über ihre Lippen. Auch schien sie sich der Partei zu entfremden. Im Anfang war noch hin und wieder ein »verirrter« Wanderer des Abends nach dem Nachtmahl gekommen und war mit frühestem Morgen wieder verschwunden. Aber in den nächsten Wochen war das seltener und seltener und hörte dann ganz auf. Man wechselte wohl das System.

Als dann aber Roberto Luigi sich besser mit der Sprache zurechtfand, gab sie ihm manchmal sogar geschäftliche Briefe, Korrespondenzen mit der Weinhandlung in Vicenza oder mit den Pächtern in Umbrien bei Spoleto, zu erledigen und ließ ihn allerhand Buchungen, mit denen sie nicht ganz zurechtkam, die aber sehr einfach waren, für sich ordnen. Und auch das stand wieder in einem erstaunlichen Gegensatz zu ihrer natürlichen Sicherheit, mit der sie sich mit allen kaufmännischen Fragen auseinandersetzte, sofort mit Raubvogelinstinkt auf den Kernpunkt losstieß und ihre und nur ihre Stellung präzisierte. Roberto Luigi hatte das Gefühl, daß er Tage mit ihr hätte plaudern können, und sie hätte am Kristall des Lebens immer neue Facetten entdeckt. Unter allen studierenden Frauen in Deutschland (und sie hatte doch nie studiert!) war ihm nie eine begegnet, die ihr ähnlich war. Nur eine kleine, armselige und halbverhungerte und verwachsene russische Jüdin, die einzige, die fast einmal eine Gefahr für seine Ehe geworden wäre. Doch sie nahm sich auch so das Leben.

Aber, wird man mich fragen, es ist doch sehr unwahrscheinlich, daß hier auf so engem Raum ein junger Mann und eine junge Frau von so ungewöhnlicher Schönheit des Körpers Tag für Tag doch, Wochen hindurch zusammen waren, ohne daß etwa ihre Beziehungen andere als rein gesellschaftliche gewesen wären, und daß sich nicht zwischen ihnen, trotz der tausend Gegensätze der beiden Rassen, die Anziehungskraft der Geschlechter unwiderstehlich offenbart hätte. Und doch müssen vorerst die enttäuscht werden, die solches erwarten. Würden sie nicht enttäuscht werden, so wäre es eben nur ein Abenteuer geblieben, und es hätte sich nicht, wie ich schon sagte, ein Ring in seiner Schicksalskette (die wie eine Kette an zwei Steinpfosten, die man oft um alte Paradeplätze und vor Lustgärten, Zeughäusern und Schlössern findet, bei jedem zwischen Geburt und Tod gespannt ist), hätte sich nicht ein Ring seiner Schicksalskette unrettbar und unlösbar geschlossen. Gewiß: Roberto Luigi dachte manchmal, daß er wie Tannhäuser im Venusberg wäre, und es waren auch alle Voraussetzungen dazu vorhanden. Der Berg, Venus und er, Tannhäuser ... er vergaß alles, was gewesen war, wie jener; aber das, was das Ewige an dieser Sage ist, eben das fehlte völlig. Die Bühne war aufgeschlagen. Die Schauspieler hatten sich eingefunden, aber nicht einmal mit den Proben wurde begonnen, geschweige denn mit dem Spiel. Ein äquivoker Freund und Universitätsmann, Archäologe seines Zeichens, hatte einmal gesagt: »Wenn zwei zusammen sind, so denken die dritten immer das, was jene zwar nicht tun, aber tun möchten.« Und jener meinte auch, daß man vielleicht die schönsten Frauen nicht so sehr begehrt wie jene, die einfach lieb und angenehm und nichts anderes sonst sind als eben nette Exemplare der femininen Form dieser degenerierten Affen (jener Archäologe hatte oft eine kuriose Ausdrucksweise), die wir ohne Recht »Mensch« nennen. »Ich wenigstens«, sagte er, »hätte Angst vor der Venus von Milo, wenn sie etwa geruhen wollte, mich des Nachts zu besuchen.«

Solche Dinge also wiederholte sich Roberto Luigi, denn der Mensch belügt sich ja gern. Aber sicher war, daß, wenn er überhaupt auf eine Eroberung dieser schönen Frau ausgegangen wäre, er sich nicht hätte rühmen können, irgendwelche neue Zeichen ihrer Gunst nach langen, ihm kurzen Wochen sich errungen zu haben. Ja, er hatte nie wieder auch nur ihre Hand berührt, geschweige denn, daß sie ihm wieder ihre Hand einmal auf die Stirn gelegt hatte; trotzdem er öfter, um das noch einmal heraufzubeschwören – er träumte davon –, behauptet hatte, daß er Kopfweh hätte. In Wahrheit lag es ja auch über ihm wie eine Wolke von träumerischer Benommenheit. Ging es nicht den Genossen des Odysseus so bei den Lotophagen, daß sie von der Frucht der Vergessenheit kosteten und keine Macht sie wieder auf die Schiffe bringen konnte? Und wie oft hieß es von Rittern und deutschen Landsknechten, daß sie nach Welschland zogen und irgendwo sich »verlagen«. Nein, sein Schicksal hier war kein außergewöhnliches. Capua! – Dabei aber hatte er sich noch keinesfalls an ihre Schönheit gewöhnt. (Und er konnte sie nie ohne ein inneres Erschrecken gleichsam ansehen, jetzt noch genauso wie an jenem ersten Abend am Kai von Lugano.) Jedesmal erschien ihm Modesta Zamboni neu und ganz und gar unglaubhaft in ihrer schweren und reifen Lieblichkeit. Und während er den Kopf tief in das Buch steckte auf seiner Bank unter Silberpappeln, schlug ihm das Herz bis in den Hals hinauf, sobald er ihre Schritte auf dem groben Kies am Rand der Fontäne hörte, und er sich erhob, um sie mit Liebeserklärungen zu bestürmen und sie anzuflehen, ihn doch zu erhören, und dann auf sie zuging und »bon giorno, signora Modesta« (das war das Kühnste, dessen er sich erdreistete) sagte, fragte, ob sie gut geschlafen hätte, und nebenher erklärte, daß er heute oder morgen abreisen wollte ... worauf jene stereotyp entgegnete: Warum will das Signor Roberto einer armen Frau antun? Ist es ihm zu teuer? Ist er mit irgend etwas unzufrieden? Ist es nicht ganz nett so, wie wir es hier haben? Ja, ein-, zweimal verstieg sie sich sogar (was Roberto Luigi ihr hoch anrechnete) zu der Bemerkung, daß er ihr fehlen würde ... Und damit war dieses Thema jeweils auf vierundzwanzig oder achtundvierzig Stunden zurückgestellt.

Und hierin, daß er ihr fehlen würde, hatte Modesta Zamboni nicht die Unwahrheit gesagt; weit weniger jedenfalls hatte sie das getan, als es ihr selbst bewußt war. Denn am meisten liebten die beiden doch eigentlich die gemeinsamen Mahlzeiten unten in einer offenen Halle, die nach dem Garten ging und mit Baumwerk, das von Singvögeln umflogen wurde, ausgemalt war. Man wußte nicht, was bunter war, die Blumen an diesen Fabelbäumen aus den fernen Tropen einer alten Malerphantasie oder die Schmetterlinge und Kolibris und Paradiesvögel, die sie umflatterten und keiner zoologischen Sammlung ihre Existenz verdankten, sondern den Farbresten auf einer Palette. Wenn sie sich da gegenüber an einem kleinen Tisch saßen, auf den Lionella alle Köstlichkeiten ihrer Kunst in alte bemalte Schüsseln und Terrinen gehäuft hatte, und einander mit einem leichten weißen Umbrerwein zutranken, oder mit einem roten, den schon Horaz einst gerühmt hatte, einem Falerner (er könnte es doch sein, dachte Roberto Luigi), und das Essen lobten in gewählten Reden, sich und Lionella zur Freude, dann dachte Roberto Luigi der Tiepolofresken im Palazzo Labia in Venedig, allwo – ja, war es nicht Antonius und Kleopatra? – in einer offenen Säulenhalle, auch bei Wein und Köstlichkeiten, ein Paar gesetzteren Alters sich in stiller und glücklicher Verliebtheit gegenübersitzen.

Vielleicht wird man sich wundern, daß ihn Modesta nie fragte nach seinem Zuhause, seinen Angehörigen, seinen Beziehungen in der Heimat. Denn sie mußte doch annehmen, daß ein Mann in seinem Alter irgendwie im Weiblichen verankert war, eine Freundin, eine Frau, eine Braut, eine Geliebte hatte, vor allem, da er ja kein weltabgewandter Sonderling, sondern ein Mensch von gewandtem und liebenswürdigem Benehmen war, das sicher auf Frauen seinen Eindruck nicht verfehlte. Ja, sie reimte sich zusammen, daß er irgendwelche Bindungen vielleicht zu der Frau eines anderen hätte, die er lösen wolle, aber nur schwer trennen könne; und deshalb wäre er eben auf ungewisse Dauer aus Deutschland fortgegangen. Denn daß er kein Inglese war, hatte sie gleich bemerkt; aber da er nach der Manier der Engländer gekleidet war und auch etwas englisch im Typ aussah – das heißt mehr wie ein Irishman mit seinem rötlichen Haar zu dem blassen Gesicht und den wasserblauen Augen –, so hatte sie es zuerst halb aus Spott gesagt und war dann dabei geblieben. Wie er aber zu dem italienischen Namen kam, darüber machte sie sich nicht allzuviel Gedanken. Gab es doch auch hierzulande genug Leute, deren Namen fremden Ursprungs waren. Aber da er nie das Gespräch auf diese Dinge brachte – es war ihm vielleicht peinlich, davon zu sprechen, und sie zweifelte auch, ob es die angenehme Farbe ihrer Gemeinsamkeit nicht trüben würde –, so lenkte sie ebenfalls es niemals darauf hin. Wozu auch? Es war doch sehr erfreulich für beide so; und sie fühlte fast von Tag zu Tag, wie ihre seelischen Verletzungen, ihre inneren Wunden dabei ausheilten und zu vernarben begannen. Warum in aller Gotteswelt diesen Heilungsprozeß stören?

Wenn sie aber Roberto Luigi gefragt hätte – aber sie hatte keine Anlage zur Elsa (wäre jene wie sie gewesen, Richard Wagner hätte sich nach einem anderen Opernstoff umsehen müssen) –, wenn wirklich: Er hätte nicht gelogen und ihr alles gesagt. Denn es gibt Leute, die lügen nicht. Und zu denen gehörte Roberto Luigi. Aber da sie nicht lügen, haben sie den Ersatz des Verschweigens. Sie sagen nie das, was sie nicht sagen wollen; und das ist meist jenes, worauf es einzig und allein ankommt. Und dann, der Gedanke hatte sich ja schon so in ihm festgesetzt, daß er eigentlich nicht verheiratet, nie verheiratet gewesen war. Und außerdem, wen ging das etwas an? Den Staat etwa? Das war eine Anmaßung von ihm, dem Staat. Was hatte er sich denn in ein privates Abkommen zweier Menschen zu mischen. Sollten sie doch so lange zusammenbleiben, wie es ihnen recht war, und sich trennen, wenn sie sich einander nichts mehr zu geben hätten, sich auseinandergelebt hätten oder stärkere Mächte in das Dasein des anderen oder des einen getreten wären. In Sowjet-Rußland nämlich ... aber vielleicht dachte Roberto Luigi gar nicht so, sondern irgendwo in seinem Unterbewußtsein schoben sich Ideen und Gedankenballungen dieser Art hin und her, und er hütete sich sorgsam, sie zur Oberfläche kommen zu lassen. Nur in seine Träume, wenn er bei offenen Fenstern lag und in einen hellen Schlummer endlich herabgeglitten war, spielte das hinein. Aber nicht etwa so, daß er nun von Antonia und Tilmann und Bärbel-Marie träumte, daß sie ihn mit Vorwürfen ob seiner Lieblosigkeit überschütteten, sehnsüchtig die Arme ausstreckten und die schweren Geschütze von Tränen abprotzten, nein, von ihnen selbst träumte er überhaupt nicht. Aber es war immer wieder das gleiche: Er befand sich auf einem großen Bahnhof, verließ einen Zug und wollte in einen anderen umsteigen, rannte im Gewühl zwischen vielen Menschen, die ihn mit ihren Koffern stießen; und wie er gerade sich zum Einsteigen anschicken wollte, rief der Zugführer neben ihm mit einer schrillen Stimme, die wie eine Signalpfeife im Ohr klang, »Zurückbleiben!«, und der Zug fuhr ab, und hundert grinsende Gesichter sahen auf ihn aus hundert Coupéfenstern. Doch wie er sich umwandte, um wieder in seinen alten Zug, den er verlassen hatte, einzusteigen, waren alle Bahnschienen weit und breit leer und der auch inzwischen fortgefahren; er aber stand allein und sehr niedergeschlagen in einer Stadt, die er nicht kannte, von der er nicht einmal den Namen wußte, auf dem leeren, zugigen Perron. Lange suchte er nach einem Schild, das ihm verriete, wo er denn hier sei, bis er endlich zwischen allerhand großen und schreienden Plakaten den Namen »Las Casas« entdeckte, aber zweifelte, ob das etwa ein Magenlikör, ein Haarwasser, eine Zigarette oder wirklich eine Stadt war. Alle zwei Tage fast kehrte dieser Traum ihm mit ganz geringen Abweichungen wieder, und immer wieder auch in ihm der lächerliche und sinnlose Name »Las Casas«.

Der Spätsommer war nebenbei recht trocken gewesen und sehr heiß, so die ersten Wochen, einen Tag wie den anderen. Die Sonne kam von Venedig her, stieg aus dem Meer über die Lagune fort ins Land hinein und wanderte Tag für Tag durch die ganze Lombardei bis Genua hin, um dort, nach Spanien zu, wieder in ein Meer zu tauchen, das zwar anders hieß, aber ebenso blau, weit und salzig und dabei, wie um diese Jahreszeit stets, glatt und friedlich war. Und vom ersten bis zum letzten Strahl leuchtete sie auf die ockergelben Wände, die wie von Gold und Schwefel gemischt waren, und zeichnete die Schatten der Balustraden und Dachfiguren auf die Weite des Hofes zwischen den Flügeln der stolz-vornehmen Villa, die selbst nicht wußte, wie sie sich nennen sollte: Landhaus, Herrensitz oder Schloß.

Die erste und zweite Hälfte des September jedoch bis weit in den Oktober hinein, wenn es jenseits der Alpen schon beginnt kühler zu werden und die Bäume so über Nacht gleichsam die ersten grauen Haare an den Schläfen bekommen, kann es da unten gerade am Rande der Ebene, allwo Berge und Ebene die Sonne zurückwerfen, noch sehr heiß sein, heißer als bei uns im August. Aber dann beginnt es auch dort langsam, sehr allmählich sich abzukühlen. Erst kommt es zu Wolkenbildung. Seltsame Geschöpfe in Italien diese Wolken, dachte Roberto Luigi auf seiner Terrasse. Schiller hat sie sicher nicht gekannt, wenn er von den Seglern der Lüfte spricht, den wandernden und eilenden. Diese hier wanderten nicht und eilten nicht. Sie waren oben am Himmel allein, für sich, unverändert am gleichen Platz, viele Stunden lang, sie schienen mit silbernen Stiften an dem Blau des Himmels befestigt zu sein. Hoch über dem Wind standen erst einmal einen Tag ein paar lange, weiße, dünnflaumige Federn quer über die ganze Weite hin. Sie teilten den Himmel gerecht zwischen Fluß und Gebirge, schlugen eine Wolkenbrücke aus tausend durchschimmernden, hauchleichten, nebeneinanderhängenden Wolkenquadern.

Und dann kam weiter, ohne daß die Sonne deswegen weniger an ihre Pflichten dachte – im Gegenteil, ihr Licht erschien wie das einer gewaltigen mattierten Glühbirne, das weißer und heller ist und gleichmäßiger als das einer ungetrübten –, kam fürder ein Himmel mit einem ganz dünnen Wolkenflor, ähnlich wie ein aufgerauhtes Wolltuch, durch dessen verzerrte Maschen man die bloßen Schultern seiner Trägerin schimmern sieht, kam also ein ganz stiller Wolkenflor, der von Streifen und Flecken eines sonst nicht bekannten Blaus durchschimmert war, eines blauen Himmels, der fast in die Farben einer grünlichen Meeresweite überging, gleichsam gewebt wie auf alten Gobelins, wie auf Tizians Landschaften.

Und danach gab es dann wieder einzelne schwere Wolken jenseits des Stroms, dort, wo der Himmel und die Erde in ihren weiten Pappelreihen zusammenschmolzen, wie Wolkenwatteballen – am nächsten Tage. Jede stand für sich, und von weit hinten gingen sie wie große Treppenstufen zum Zenit empor; jede war unten abgeplattet, wie mit dem Messer abgeschnitten; und jede silbern am Mittag und mit violetten Schatten am Nachmittag; des Abends aber immer noch jede für sich und von einem eigenen Feuerband umzogen.

Und dann stand am übernächsten Tage nur noch eine einzelne große graue Wolke, mit roten Tinten verziert, mit langem Fuß, ein ganz seltsames, schweres Wolkengebilde, in einem Himmel, der vor blauer Glut einfach schmolz und alles schlaff und erregt zugleich machte. Solch ein Tag, an dem die Schlangen giftiger als sonst sind, Menschen, Tiere und Blumen die Köpfe hängen lassen; selbst die Eidechsen, denen doch Wärme Lebenselement ist, sich mit der Hand fangen ließen und Roberto Luigi statt aller Gegenwehr mit ihren vergoldeten Augen nur melancholisch ansahen: »Was willst du eigentlich hier von uns?« Immer verlechzter wurde man, und noch war in all den Tagen kein Tropfen Regen gefallen. Höchstens, daß die Morgen etwas kühler waren, weil die Sonne doch schon später aus ihrem Bett kroch.

An diesem Tage aber, der glutheiß war, und da die einsame dunkle Wolke regungslos von den frühen Vormittagsstunden am Himmel stand, weder sich vergrößerte noch sich lösen wollte, nur daß sie vielleicht ganz langsam sich emporschob und ihr seltsamer Fuß dabei, mit dem sie sich wie ein Muscheltier an den Horizont festgesaugt hatte, sich etwas verbreiterte und länger wurde ... an diesem Tage war Modesta Zamboni gerade den Vormittag in Bergamo geblieben und kam erst gegen die Teestunde mit dem Autobus wieder herauf- oder richtiger herübergefahren. Es war nicht sehr weit, und des Abends konnte Roberto Luigi von oben, von seiner Terrasse, aber nicht von der anderen, von der behauptet wurde, daß man von ihr aus den Lichtschimmer von Mailand und an ganz klaren Tagen das Weiß des Marmordoms sehen konnte (was aber Roberto Luigi für unerwiesen hielt), von seiner Terrasse also, wenn er sich sehr herüberlehnte, konnte er, wenn auch nicht die Lichter, so doch den Lichtschein der unteren Stadt sehen.

Aber vielleicht war es doch weiter, als er glaubte, denn die Italiener lieben es, in ihren Städten sehr splendid mit der Nachtbeleuchtung umzugehen. Diese Freude am Überhellen ist ja ein natürliches Erbe der ganzen lateinischen Rasse und ist mit ihr bis nach Rio und Argentinien mitgegangen. Der Nordländer ist nicht so lichthungrig, will's lieber warm als hell haben.

Lionella hatte vorher nur etwas Risotto und Melanzani zum Mittag gemacht – und eine Schüssel mit Eiern, von denen Roberto Luigi ziemlich triste und mit langen Zähnen etwas in sich hineingepackt hatte; aber des Abends würde man eben früher speisen, hätte ihre Herrin befohlen. Außerdem wären heute zwei Leute ums Haus herumgeschlichen und wären drüben jenseits der Straße unter den Ölbäumen eine Weile stehengeblieben und hätten immer wieder nach den Fenstern herübergesehen. Was sie eigentlich gewollt hätten, wüßte sie nicht. Sie begriffe es nicht; denn in den letzten Wochen wären alle Verbindungen doch aus Vorsicht schon gelöst worden. Da Lionella den Herrn Inglese für einen großen Führer der Partei bei den Forestieres hielt (eine Ansicht, die Modesta keineswegs zerstört hatte), so hatte sie das Gefühl, daß es unnötig wäre, vor ihm geheimzutun. Sie erzählte es ihm also, da sie es nicht der Herrin sagen wollte, um ihr, die doch eine solche Unglückliche wäre – der gute Engel! – keine neuen Aufregungen zu schaffen.

Roberto meinte, daß es wohl ein Zufall sei. Es betrachteten sich ja oft Leute das schöne Haus. Aber Lionella rief, sie kenne die Gesichter dieser Tagediebe und Spitzel ganz genau und sehe jedem sein schäbiges Handwerk auf eine halbe Meile an. Und das wären ihrer Meinung nach Mitglieder dieser edlen Genossenschaft gewesen, die gekommen wären, das Haus zu beobachten.

Roberto Luigi konnte nebenbei nicht sagen, daß er hierbei kein unangenehmes Gefühl hatte. Aber erstens meinte er, daß Lionella, wie so alte Frauen sind, doch wohl überängstlich wäre und in ein paar harmlosen Spaziergängern oder in ein paar Burschen, die sich einige Trauben oder Feigen mausen wollten, gleich politische Geheimagenten sähe. Und heute, sagte er sich weiter, ist ja in Italien dieses System der Überwachung sehr ausgebaut – daß doch keine Macht, welcher Art sie immer sei, solche elenden und unsauberen Mittel entbehren kann! –, und deshalb also wird wohl jeder drankommen einmal. Daß aber eine Modesta Zamboni, als Frau eines einst in der Lombardei sehr bekannten Sozialisten ab und zu einmal vigiliert würde, war nicht zu verwundern; doch sicher ohne jede Gefahr.

Auf den Gedanken, daß dieser unauffällig vortastende Besuch gar nicht Modesta Zamboni, sondern vielleicht seiner Person gälte, wollte er nicht kommen, trotzdem er doch nicht sehr fernlag; denn Frau Antonie war nicht die, die nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzte, wenn sie etwa bald sechs, sieben Wochen nun von ihrem Manne ohne Nachricht war und ihn als verschollen betrachten mußte. Und die italienische Polizei hatte gewiß schon mehr als einmal so irgendeinen verirrten Liebesritter, der nicht den Weg zurückfinden konnte, wenn auch nicht aufgegriffen – dazu fehlte ihr ja das Recht –, so doch zum mindesten aufgefunden. Solche Gedankenverbindungen aber hütete sich Roberto Luigi aus seinem Unterbewußtsein ins Oberbewußtsein aufsteigen zu lassen, aus einem Trieb der Selbsterhaltung heraus. Immerhin, er fühlte sich plötzlich bedrückt und beschloß, doch heute noch endlich nach Hause zu schreiben, vielleicht in dem Sinne, daß ihn sehr interessante, denen Werzinskis parallellaufende Studien zu den Anfängen der romanischen Baukunst in der Lombardei über Erwarten lange hier in kleinen, von der Erforschung bislang übergangenen Städtchen aufgehalten hätte, daß er aber und so weiter ... Und fürder stand es in ihm fest, daß er doch endlich, so schwer es ihm fiele, sich von diesem Tale der Vergessenheit losreißen müsse – die dauernde Hitze unter dem leichtbedeckten Himmel der letzten Tage hatte ihn auch ganz zermürbt.

Doch da hörte er gerade im Torgang die Schritte von Modesta Zamboni, gab Lionella ein Zeichen, und alles war verflogen und verweht. Zum Abend spielten sie wieder Antonius und Kleopatra, tranken sich mit ihrem süßen Umbrerwein zu, einander gegenüber in der offenen Halle sitzend an einem kleinen Tischchen, an dem sie beide sehr ruhig sitzen und die Beine fast unter die Stühle ziehen mußten, wenn sie sich nicht gerade mit den Knien oder zum mindesten mit den Füßen berühren wollten. Die Gefahr lag immer vor, aber es war noch nie geschehen. Und dann, nachdem sie noch eine gute Stunde geplaudert und die Sonne inzwischen in einem wilden Feuerwerk gesunken, hinten nach Genua zu – der ganze Himmel war blutig, als ob da oben die Wolken über den katalaunischen Feldern hingen und die Gefallenen in der Luft noch weiterkämpften und aus Hunderttausenden von Wunden ihren roten Lebenssaft über den Himmel verspritzten –, da beschlossen sie, noch einmal durch den Park zu gehen. Vielleicht, daß es unter den Bäumen kühler wäre als hier oben, wo sich kein Lüftchen regte. Und sie stiegen an dem Rund der Fontäne, die die Glut des ganzen Tages noch einmal wie ein Ofen ausstrahlte, vorbei zum Park hinab. Aber er lag wie erstarrt, fast unheimlich, ohne einen Laut, selbst die Zikaden hatten ihr Schrillen eingestellt, und jegliches Laubwerk, Rosen auch, schien tot wie die ewige Unbeweglichkeit von Lorbeerbüschen. Der mächtige Wolkenball hing noch am Himmel, aber um ihn in dem abendlichen Tiefblau fingen langsam an die ersten Sterne aufzuleuchten; ja, einer bildete sogar einen richtigen kleinen Hof an dem Rand jener Wolke, als wäre er ein kleiner Mond, der anderes Wetter prophezeien will. Die Blumen in den Rabatten dufteten stärker denn je; und riesige Windige schossen mit jähzornigem Summen auf die weißen und fast phosphoreszierenden Blütensterne der Tubarosen, standen wie graue Schatten über ihnen und senkten ihre langen Zungen in den Kelchgrund. Auch die Abundantia in ihrer Laubnische schien still und müde ihr Haupt zu senken, voll Trauer, weil ihr das Füllhorn nun abhanden gekommen war und sie über niemand hier mehr ihre Schätze häufen konnte. Roberto Luigi überlegte sich später noch oft, was sie denn an diesem Abend besonders gesprochen hätten ... nicht viel jedenfalls, denn es war kein Wetter zu langen Gesprächen; er wußte nur noch: Er hatte ein paarmal angesetzt, um von seiner bevorstehenden Abreise zu sprechen, aber dann es nicht getan, aus Angst, daß Modesta ihn davon nicht mehr zurückhalten könnte und er es wahrmachen müsse. Aber das eine konnte er beschwören, daß auch nicht ein Wort und eine Silbe weder von ihm noch von Modesta Zamboni es angedeutet hatte, daß zwischen ihnen jetzt oder wenn auch immer in den nächsten Monaten irgendeine Änderung eintreten könnte.

Und dann waren sie die in der zunehmenden Dämmerung sich langsam verändernden Wege des Gartens entlanggeschritten. Erst den ganzen dunklen Zypressengang hinab, zwischen den beiden Reihen riesiger, uralter, den Berg emporklimmender Trappisten dahin, die einer wie der andere die Kapuze hoch über den Kopf gezogen hatten und, ihrem Gebote getreu, stumm den Rosenkranz beteten. Wie sie aber von unten, von jener kleinen, halbverwachsenen Tür mit den verrosteten und vermorschten Riegeln, die auf den Feldweg hinaus mündete, wieder zu dem Gartentempel in der Höhe am Ende der Zypressenallee hinaufblickten, zu dem Apollo von Belvedere, den der Urahne sich einst von einem Lieblingsschüler Canovas hatte kopieren lassen, da war alles Süßliche, das wie einen Zuckerguß Canovas Lieblingsschüler einst vor hundert und etlichen Jahren über ihn gegossen hatte, von ihm gewichen. Es blieb nur der alte, stolze Heidengott, der Gott der Sonne, der Pest, der Schlachten und der Lieder, der einst in seiner lichten Bronze, selbst wie eine Sonne, aus der erdenen Form stieg, schön, jung und sieghaft, ja vielleicht ganz nackt auch, ohne den flatternden Mantel um die Schultern, den Rom ihm erst umhing, als man Jahrhunderte später die Bronze in die Kühle des Marmors umdachte. Jetzt aber, auf die Weite von hundert Metern hin, angeglänzt von einem allerletzten magisch-goldigen Licht, das sein Zuckerweiß tief und schweflig verfärbte, da waren Jahrtausende weggewischt, und er war wieder in feuriger Bronze der alte Gott aus Delos, hoch, übermütig, unverwundbar selbst, der in die Reihen der armen Sterblichen seine nie fehlenden Pfeile hinabsandte, die Pest, Glut der erbarmungslosen Sonne und Tod in den Schlachten zugleich waren.

»Oh, sehen Sie, Signor Roberto, wie schön er ist, mein Gott, denn eigentlich sind wir hier doch alle noch Heiden!« meinte Modesta Zamboni. »Aber kommen Sie, wir wollen hinaufgehen, von der Ebene zieht eine leichte Feuchtigkeit bis hier herauf. Ich fürchte das Umido sehr. Man bekommt leicht Fieber; vor allem«, setzte sie mit ihrem stets ganz plötzlich aufzuckenden grünen Blitz in den Augenwinkeln hinzu, »wenn man ein Inglese ist.«

Und langsam gingen beide wieder durch die Parkdämmerung, die schweigend duftete – sonst lärmte sie gerade zur Nacht vom Zirpen und Schrillen der Insekten! –, zu dem bronzeleuchtenden Gotte und dem Bau da oben mit seinen überhöhten Flügeln hinauf, der immer noch schweflig von seiner Terrasse ins Land winkte. Eine kurze Weile blieben sie bei Windlichtern in ihrer Halle sitzen, und dann verabschiedete sich Roberto Luigi, wollte sich sogar über Modestas Hand beugen, um sie zu küssen; aber sie entzog sie ihm, nicht unfreundlich und mit jener plötzlichen Härte und Unnahbarkeit wie früher, immerhin doch so, daß er nicht wagte, es zu tun. Trotzdem lächelte sie dabei ihm zu. Und durch das nur matt erleuchtete riesige Treppenhaus ging er hinauf, um noch etwas zu lesen – er hatte sich in den letzten Tagen sogar an Dante gewagt – und um vielleicht jenen Brief an Antonie mit der kleinen Notlüge nun endlich einmal zu beginnen. ›Schreiben‹, sagte er sich, ›bedeutete noch nicht: absenden.‹ Die Fenster hatte er weit geöffnet (die Zanzaren blieben unten mehr in der Ebene), und einen der Sessel mit den großen geschnitzten braunen Widderköpfen an den Lehnen, mit ihren streifigen, etwas zerschlissenen Seidenbezügen – es waren ja noch die ersten, und wer von uns könnte sich rühmen, selbst in halber Dauer weniger vom Schicksal ramponiert, abgenutzt und zermürbt zu sein? –, den hatte er neben den Schreibtisch mit seinen kleinen geschnitzten braunen Widderköpfen sich gerückt. Gewiß, für Dante hätte es ein alter Florentiner Klappsessel sein müssen, der hier wäre für Stendhal gut gewesen. Aber wie schön es sich doch in einem solchen alten Empiresessel saß, nicht zu hoch, nicht zu tief, nicht so weich, daß man faul wurde, nicht hart, daß man müde wurde. Man konnte die Beine von sich strecken und flegelte sich doch nicht wie ein Amerikaner in einem Klubsessel, saß gerade so, daß man es gar nicht eigentlich merkte und sich doch angenehm entspannte. Wundervolle Zeit, da die besseren Menschen selbst von einem heute so gleichgültigen Ding wie einem Stuhl noch forderten, daß er seinem doppelten Zweck entspräche, ein hübsches Ding für das Zimmer und ein bequemes und angenehmes für seinen Besitzer zu sein. Und wie Roberto Luigi eine Weile gelesen hatte – er wußte nicht, war er durch die Verse so erregt, durch diesen singenden Fluß ineinandergleitender Ottaverimen, oder lag eine unerträgliche elektrische Spannung in der Luft, die ihn so unruhig machte –, da blickte er zufällig vom Buch zum Fenster hinaus und sah, daß über ihm, wie ein Fledermausflügel, eine schwere, schwarze Nacht hing, in der auch nichts mehr zu unterscheiden war. Die dunkle Wolke, die vor einer Stunde noch ganz unbeweglich war und nicht größer, nicht kleiner wurde, war plötzlich da oben wie ein See aus ihren Ufern getreten und hatte mit ihren Fluten von chinesischer Tusche den ganzen Himmel oben, so weit er reicht, überschwemmt und in vollste Finsternis begraben. Aber merkwürdig genug, ganz unten am Horizont schienen in Abständen von halben Minuten, schnell wie Schlangen, Eisenbahnzüge entlangzugleiten, die alle in allen Fenstern erleuchtet waren, sie fuhren nach Bergamo und Brescia, nach Mailand und nach Pavia, zehn Züge zugleich immer wieder auftauchend in einer wilden Hast. Das hatte Roberto Luigi noch nie von hier aus gesehen, sooft er auch des Nachts aus dem Fenster geblickt hatte. Manchmal warf einer von seiner Ecke aus wie ein Notsignal einen hellen, zuckenden Feuerschein über den Himmel fort. Und auch das Dröhnen der Züge begann man jetzt deutlich zu hören; die Erde brummte und bebte nur so davon.

Plötzlich jedoch, wie Roberto Luigi sich noch überlegte, was das für ein Wettfahren der Züge unten und hinten und rechts und links eigentlich wäre, kam eine Windwucht, eine heiße Welle von unten aus dem Lande herauf, daß durch den ganzen Park ein einziges Knarren und Schreien der gequälten Bäume ging. Im gleichen Augenblick schon riß der Himmel auseinander und brannte über und über hinter dem gespaltenen Wolkenvorhang, und alle Bäume im Garten duckten, bis in das Herz erschrocken, ihre Köpfe in dem grellen Licht dreier Sekunden. Und dann riß der Himmel wieder links und rechts und oben zugleich in schwefligen Fetzen auseinander, und zugleich prasselte auch eine Regenwucht hernieder – man hatte sie einen Augenblick oben in der Luft vorher sausen gehört, mit dem Ton zerplatzender Schrapnells, den Roberto Luigi gut kannte –, eine Regenwucht prasselte dann nicht wie von Gießkannen, sondern als ob der Himmel da oben selbst tausend Feuerspritzen aufgefahren hätte, um seine Brände allein zu löschen. Aber auch der Himmel mit seinen tausend Feuerspritzen war machtlos dagegen, und je mehr er hineinschüttete, desto wilder schossen nur die Funkengarben hervor und zerrissen brüllend die Wolken. Wenn ein Donnerschlag noch nicht vertobt war, überschrie ihn schon der andere von drüben her. Und wenn der schon schwächer wurde (und ein dritter begann), hörte man immer noch das Echo des ersten hinter sich aus den Bergen nachgrollen. Aufruhr gab's da oben! Revolution! Kein kleiner Putsch etwa, nein, ein richtiges 1790: die Aristokraten an die Laterne ... an die Laterne! Laterne!! Laterne!!! Und immer noch war es drückend, glühend heiß, es war Atem eines Hochofens um Roberto Luigi, trotz der stürzenden Regenmassen. Der Gesang des Inferno, den er eben gelesen hatte, war mit dreihundert Versen in die Wirklichkeit gesprungen. Aber wie Roberto Luigi den Kopf etwas drehte, da durchzuckte es ihn weit mehr als alle Blitze da draußen, denn er war nicht mehr allein. Modesta Zamboni stand neben ihm und griff angstvoll nach seinen Schultern, um sich an ihn zu klammern: »Signor, o Signor«, sagte Modesta ganz leise und sehr verschüchtert, »ich habe Lionella wecken wollen ... sie hört nicht ... Es ist also doch zu etwas gut, wenn man taub ist.« Sie hatte ihr Haar schon halb geöffnet, nur noch einmal wieder hochgesteckt, aber trotzdem hing es noch über eine weiße, ärmellose seidene Jacke – ein peitschender Roßschweif von Schwarz. Und die Schultern, Brust und Arme, rosig und lichtbraun, waren breit und bloß und von der Unerhörtheit jener Antike, die der Archäologe verachtet, weil in ihr alle Sinnlichkeit Form geworden ist und weil sie seine Begriffe sprengt, aber die ihn bis in seine tiefsten Träume verfolgt und der er immer, wie zur Strafe, weil er sie lästerte, hoffnungslos und unerwidert verfallen ist. »Oh, ich habe Angst, Signor Inglese ... alle Toten kommen wieder, Mario und Casandrino ... Liebster, wir dürfen kein Licht brennen. Sie werden uns finden und mit Blitzen erschlagen ...«

Wirklich, Modesta war wie von Sinnen und ihre Augen voller Tränen. Und draußen brüllten Regen und Wind und Donner, als ob sie sich stritten, wer den längeren Atem hätte, immerzu, immerzu. Und die Blitze zischten dazwischen: lauter, viel lauter, noch lauter! Wirklich, es war schon ein Unwetter, wie es der Norden nicht kannte, von einer fast tropischen Wut. Und man begriff, warum in diesem Lande der Blitz das Machtsymbol des Höchsten der Götter einmal werden konnte, gewaltiger noch als der der Erde und des Meeres mit seinen Wellentürmen, ja als die Sonne, die tötende und lebenspendende, als Nacht und Tag, die Zeit, die Weisheit und die große Mutter Fruchtbarkeit. – ›Casandrino? Ein Vetter, eine Jugendliebe? Wer kann es wissen?‹ schoß es durch den Kopf Roberto Luigis. Und dann standen beide eng aneinandergepreßt im Dunkeln, das nur alle zehn, zwanzig Sekunden von dem blauen Licht der Blitze augenschmerzend zerrissen wurde. Und alles, was Luigi in vier Wochen an Beteuerungen und Sehnsucht und Zärtlichkeit und Bewunderung und Anbetung und Glücksverlangen und an trunkenem Entzücken über ihre Götterschönheit in sich aufgestaut hatte, das brach jetzt in Worten und Küssen über seine Lippen. Und Modesta Zamboni warf sich den Worten und Küssen entgegen, so wie der Regen da unten jetzt nach tage- und wochenlanger glühender Trockenheit auf die Erde herabpeitschte.

Roberto Luigi hatte nie in seinem dreißigjährigen Leben geahnt, daß es so viel Liebe, so viel Anschmiegung, so viel Weichheit, Zärtlichkeit, Küsse, Hingabe ... so viel girrendes Lachen und grünliche Blicke, die so von glückhafter Erregung strahlten, geben könne. Und wie er es in erster Stunde damals auf dem Pyroskaph ersehnt, lagen sie mitten zwischen Dunkelheit und der plötzlichen Überhelligkeit der Blitze Haupt an Haupt in dem breiten Himmelbett, dessen Vorhänge zurückgeschlagen waren, und Modesta hatte seine Schläfen mit ihren großen, kühlen, fleischigen Händen umspannt – die mit den schlanken, wie gedrechselten Fingern, die aus den je zwei Grübchen, die man immer wieder küssen mußte (jeder ein eigenes Wesen), herauswuchsen – so daß sich die beiden Hände mit den Fingerspitzen hinter seinem Kopf berührten. Er ruhte darin wie in einer Daunenwiege. Sein Haupt hatte sie ganz weich zwischen ihren Handflächen, während er mit seinen Armen ihren wundervollen Rücken umspannt hatte und ihn ganz leise nur mit tastenden Händen herabglitt, als ob er fühlen und fühlen und immer wieder sich überzeugen müsse, daß das hier Wahrheit wäre und kein Seifenblasenspiel; kühl war er wie Rosenblätter, aber noch weicher und schöner in der Berührung. Von den Schultern und dem Hals breit und üppig und ganz gerundet, edel wie der schwere Stamm eines Lorbeerbaumes mit seiner glatten Rinde über festem Holz – glitt er in einer einzigen großen Form von Hals und Schultern und Nacken herab bis zu den Hüften, wurde zu der Weichheit der wundervollen, schweren Schenkel, deren Berührung ihn bezauberte und trunken vor einem noch nie empfundenen Glück machte.

Roberto Luigi begriff das erstemal in seinem Leben etwas davon, warum uns eigentlich doch die Plastik als die höchste unter den bildenden Künsten gilt und welche Segnung es für einen, der in ihr begnadet ist, bedeuten muß, dieses einmal empfundene Glück der Form – »vis superba formae – ein schönes Wort des Johannes Secundus«, notierte sich Goethe – unter den eigenen Händen entstehen zu lassen. Es war nicht das sinnliche Glück, das ihn fast weinen machte, nicht die souveräne Freiheit und Selbstverständlichkeit ihrer Umarmungen, es war vielleicht nur der Dank dafür, daß soviel stolze und seltene menschliche Schönheit sich zu ihm geneigt hatte. Er verstand, warum Mario Zamboni bis zu seiner Todesstunde die Bilder seiner Venus – von der doch nur er wußte, daß sie seine war – auf dem Herzen tragen mußte, damit er sich nie, auch nur eine Minute, von ihr trenne und daß wenigstens das Abbild immer an seiner Brust ruhte, wenn das Urbild nicht dort ruhen könnte.

Ja, und dann war es auch nur wohl die zärtliche Weichheit, die über ihrer Stirn, ihren sinkenden Wimpern, ihren umschließenden Armen und dem Anschmiegen ihres sich zu ihm sehnenden Körpers lag ... Geliebte, Mutter, Beschirmende und Kind des Mannes zugleich, ewiges glückliches und doch hilfloses Kind, das sich herabläßt, mit Großen einmal zu spielen ... das war es alles, was ihn so zu Tränen, ihm ganz unbekannten Tränen rührte.

Hinten im Land fuhren nun nur noch die letzten feurigen Züge über den Horizont. Aber nicht mehr so einer nach dem anderen. Hier am Gebirge jedoch war das Gewitter schon weggezogen – der Regen kam nur noch von Dach und Bäumen mit einzelnen Tropfen, und ihre Glöckchen klangen zwischen dem Zirpen der wieder mutig gewordenen Grillen und Zikaden und Singheuschrecken. Die Düfte des ganzen Parks, von denen jeder doch sonst seine Stunde hatte, vereinten sich zu einem einzigen, tiefvioletten Duft, in dessen geheimem Orchester doch der jenes blankblättrigen Strauchs mit den weißen Sternblüten die Oberstimme führte. Und sie kamen alle zusammen mit der herrlich gekühlten Luft vom Park herauf bis an ihr Lager geweht. Und da die beiden den Park ja von hier, von ihrem breiten Lager aus, unten nicht sahen, sondern nur einige Wipfel und dahinter die Weite der Ebene von hier aus ahnten, so konnten sie glauben, dieser Duft käme von den Sternen da oben selbst, die jetzt tausendfach mit dem Glimmer ihres Diamantenstaubs den schwarzblauen Himmel bestreut hatten. Modesta Zamboni aber flüsterte ein Wort wohl zehnmal vor sich hin, ganz leise und girrend dazu lachend und ihm immer wieder dabei über das Haar streichelnd. Erst verstand es Roberto Luigi nicht, aber plötzlich begriff er. »Äneas«, sagte sie, nichts wie das eine Wort, während sie mit ihren Fingern ganz leise sein Gesicht abtastete. »Mein Äneas!« Und da sagte Roberto Luigi wohl zehnmal »Dido, du meine Dido«. Gewiß, sie fliehen ja auch bei Vergil vor dem Gewitter in die Höhle ... sie gründet Karthago, er Rom. Hier unten also lebte die Antike; und jeder, der durch sie einmal hindurchgegangen, lebte noch mit ihr, selbst diese Frau hier, die auf dem linkesten Flügel des Heute in ihrem Land stand, nahm, wenn ihre Sinne sprachen, zu ihr die Zuflucht, vergaß fast drei Jahrtausend, die dazwischenlagen. Und für uns blieb sie, die Antike, immer und ewig nur ein Schulpensum für höhere Lehranstalten. Roberto Luigi erstickte das »Mio Aeneas!« mit seinen Küssen... doch als sie erwachten, war die Sonne schon längst aus dem Meer aufgestiegen und über die Lagunen ins Land hineingewandert, aber ihre Glieder waren immer noch verschlungen, wie vor Stunden sie entschlummert waren; und sie lachten laut und glücklich auf, als sie das oben, hoch über sich, mitten im Betthimmel, noch einmal im Spiegel des vorsorglichen Urahns gewahrten.

Und nun gingen Tage und Wochen dahin, in denen Roberto Luigi dankbar für jede Stunde war, weil er sich auf diese Welt verirrt hatte, die ihm bisher bei allem äußeren Glück doch immer als eine einzige große Pflichtaufgabe erschienen war (auch seine Ehe war darin ein abgeteiltes Pensum). Er hätte nie geglaubt, daß es möglich wäre, daß er so viel Glück nachts in seinen Armen halten könnte und daß am Tag ein Wesen so in einer wortlosen und fast heiteren Zärtlichkeit in ihm aufgehen könne und dabei ganz es selbst bleiben. Er kannte und hatte sich ein Urteil gebildet über viele Frauen und Freundinnen der Professoren und seiner jüngeren Kollegen daheim – er war ja eigentlich doch ein nachdenklicher und träumerischer Mensch. Sie alle waren aus den Kreisen der Intellektuellen gekommen, mit wenigen Kellnerinnenausnahmen, die keineswegs die schlechtesten waren. Manche waren studierte Frauen, sogar etwelche promovierte darunter. Aber entweder waren sie völlig sie selbst geblieben, und dann fühlten sie sich durch den Mann behindert, sprachen von Einschränkung der persönlichen Freiheit und Mangel an Entfaltungsmöglichkeiten ... kurz, neben ihnen war kein Raum mehr für den Mann, kaum für die Kinder, wenn solche überhaupt in Erscheinung getreten waren. Dann aber gab es jene anderen, die Mehrzahl, die ganz in dem Manne aufgingen, nur sein Spiegelbild, meist aber seine Parodie wurden und auch die kleinste Note ihrer selbst verloren; was sie nicht hinderte, ihn zu behindern und maßlos zu quälen, ihn im Laufe der Jahre völlig versanden, versacken und stagnieren zu machen. Wenn aber nun Kinder bei diesen Ehen noch dazwischentraten, wurde das Elend erst vollkommen. Den besseren Teil hatten eigentlich wohl die ersten seiner Kollegen gewählt; denn sie hatten wenigstens manchmal das Reizvolle der Antithese. Aber jene zweiten waren zum staubwischenden, entsagungsvollen Nichts zusammengeschmolzen, das nur für wenige Abendstunden einmal aufblühte, wenn man bei einem Kollegen zum Tee eingeladen war. Hier jedoch hatte er das Wunder von einer Frau im Arm, die sich ganz aufgeben und nie verlieren konnte und die, wie ein physikalischer Körper, unendliche seelische Wärme ausstrahlte, ohne ein Milligramm an ihrem Eigengewicht zu verlieren. Und wie schwer das war, dieses Eigengewicht, wie stark, vielseitig und persönlich, das fing ihm erst jetzt von Tag zu Tag an mehr deutlich zu werden; denn vordem hatte er keineswegs solch einen völligen Einblick in ihr Leben nehmen können. Modesta Zamboni war doch immer in der Partei (am linken Flügel) weit tätiger hinter den Kulissen, als er je bisher geahnt hatte, hielt Verbindung mit Frankreich, Schweiz, New York und Argentinien – auch mit ausländischen Sozialisten dort –, hatte ebenso russische Freunde; und ihre Briefe, die nie durch die Post gingen, waren immer großzügig, sprachen zu tausend Fragen und gingen nicht in dem Betrieb der Partei unter, landeten fast nie in Kleinkram und Organisation. Sie waren von einer abwägenden Klugheit und einer stilistischen Sicherheit, die Roberto Luigi durch die unerbittliche Schärfe ihrer Deduktionen tief erstaunten. Bisher war sie ihm doch nur als ein Wesen erschienen, das aus gutem Hause, mit der Tradition von vier, fünf und mehr Generationen hinter sich, ganz in den Überlieferungen ihrer Kultur lebte, und nun erfuhr er staunend, daß sie, die sich den Spaß gemacht hatte, ihn vordem mit Unkenntnis zu düpieren, über die letzten Vorgänge der deutschen Arbeiterbewegung, den englischen Streik, das aufkommende neue China hundertmal mehr wußte als er. Ebenso wie sie in den Bildnissen eines Lorenzo Lotto in der Brera Einzelzüge sah menschlicher und charakterologischer Art – sie hatte einige Photos davon auf ihrem Schreibtischchen stehen –, über die sie, weil sie ihn liebte, stundenlang mit ihm sprechen konnte, so klug und feinsinnig, daß er nur mit Küssen darauf erwidern konnte. Aber mit jedem Tag, da sein Glück wuchs – und es wuchs mit jedem Tag, und keine Sekunde kam ihm Sehnsucht nach der Welt draußen oder jener, die er verlassen und aufgegeben hatte wort- und abschiedslos –, mit jedem Tag wuchs auch die Angst um dessen Bestand, und sie steigerte sich fast zur Manie, daß dieses hier doch einmal ein Ende nehmen müsse, während er an Modestas Benehmen nichts erriet, das das gleiche ihm gewiesen hätte. Sie, die es im politischen Leben gewohnt war, die Stoßkraft der Dinge und Ereignisse auf Jahre hinaus sich auszumalen, schien in ihrer Neigung nur ganz dem Augenblick zu leben, nur noch dankbar ein Gestern, nie aber ein zweifelhaftes Morgen zu kennen; auch darin ganz heidnisch und unbeschwert von dem, was der nordische Mensch »Seele« nennt. Aber dafür war sie auch dem Gefühl mit einer Selbstverständlichkeit hingegeben, die der nordische Mensch sich nie zu eigen machen wird. Sie wußte, eine Trennung würde sie sehr unglücklich machen und ihr vielleicht das Leben kosten, denn sie hatte sich wohl gerade – wegen der Verschiedenheit der Rassen und in dem ausgesprochenen Gefühl der Ergänzung tiefster Gegensätze – viel fester verankert als je bisher in ihrem Dasein von sechsundzwanzig Jahren. Vielleicht aber war es auch die Magie der Stunde, die sie zusammengetrieben hatte, daß all das in ihr so orgelvoll noch nachklang; und sie duldete nicht, daß ein trauriges Morgen einen Schatten über ihr Heute warf, ein Morgen, das ja doch einmal kommen müsse – in einem Monat, in zweien –, aber das auch sie mit der Unabwendbarkeit eines Naturgesetzes schon nahen fühlte. Sie empfand wohl, wie das an Roberto fraß, aber sie tat, als bemerke sie es nicht; denn sie wußte genau, daß, wenn er auch nur aus einem ihrer Blicke es ahnte, es, eben dieses Morgen, das sie gern auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben hätte, dadurch nur schleuniger herbeigerufen würde. Jetzt war sie wirklich wie die Frau Venus im Hörselberg, die all ihre Künste spielen ließ, um Tannhäuser seine Welt draußen vergessen zu machen.

Und das Land wurde auch hier allmählich herbstlicher. Singvögel, die nach Süden zogen, streiften einen Tag die Weinberge ab, müde von der Fahrt. Störche flogen des Abends vorbei, in die sinkende Sonne hinein, und Kraniche, wie auf den Bildern der Japaner. Maulbeerbäume und Pappeln begannen, grundlos scheinbar, nur aus einer Gewohnheit von Jahrtausenden, gelb und rot zu werden und ihr Laub zu streuen, denn die Nächte waren noch keineswegs so kühl, daß ihr Jahreskreislauf etwa sich seinem Ende zuzuneigen brauchte. Die Rosen aber hatten rote Früchte und blühten zum zweitenmal, umkränzten die Laube Watteaus frühlingshaft und herbstlich zugleich. Astern, Dahlien und Georginen beschämten die Hortensien und die Heliotropbüsche und erstickten sie fast in der Konfettischlacht ihrer bunten Blütenbälle. Japanischer Kletterwein, der um die Säulen des Apollotempels seine Girlanden und zwischen ihnen seine Festons zog, wurde zu einem Schaustück vom Lalique mit seinen aus Rubinglas geschnittenen, von der Sonne durchglühten breiten Blättern. Schmetterlingsscharen kamen noch einmal hervor und tummelten sich zu Hundertschaften in der bernsteinfarbigen Sonne über den Beeten. Und mit jedem Tag, der blau und zart und licht war und herbstgoldig wie nie vorher – eigentlich ist ja immer die Welt am schönsten dort, wo die Ebene in das Gebirge übergeht, wo das Begrenzte und Plastische der Berge mit der unplastischen Endlosigkeit von Himmel und Erde sich eint und wo das Luft- und Lichtspiel von Berg und Ebene, die weltverschieden voneinander sind, viel verschiedener als Ebene und Meer, ineinandergreift und zusammenklingt –, wuchs ihre Freude aneinander.

Sicher haben schon aus einem dumpfen Urgefühl heraus die ersten Menschen in Urzeiten gerade diese Stellen gesucht, um sich anzusiedeln. Und die Menschen verfallen ihnen noch heute ebenso, wenn sie sich einmal hier verankert haben.

Wie sollte also unser Roberto Luigi, den doch so vieles hier festband, den Weg von hier wieder fort finden? Und ohne daß ihm eigentlich bewußt war, was er tat, beschloß er eines Morgens, als Modesta für den Tag nach Vicenza herübergefahren war – er aber sollte sie nicht begleiten, damit man dort keinen Verdacht bekäme, denn es gäbe dort böse Leute, die ihr nicht wohlgesinnt wären, eine angesehene Familie eines Finanziers, die weitverzweigt in der Lombardei und sehr einflußreich wäre –, beschloß er also, nach Mailand hereinzufahren. Er wollte einmal wieder eine Kirche und ein Museum sehen, Lionardo, Lotto und die Fresken des Luini, von denen ihm eine Reisebekanntschaft, die Frau eines polnischen Musikers, sehr geschwärmt hätte, sagte er zu Modesta; hoffentlich wären sie in der Brera wieder zugänglich, die, wie er gehört hätte, nun gründlich umgeordnet würde. Der Abend würde sie beide wieder als Antonius und Kleopatra zusammen sehen.

Und Modesta küßte ihren Roberto wie immer und ließ nichts davon merken, daß sie fürchtete, ihn weder diesen Abend noch jemals wiederzusehen. ›Ein Brief ist schnell geschrieben. Einen Koffer läßt man sich leicht nachsenden!‹ Roberto hatte nämlich nichts wie seine Mütze und seinen Spazierstock mit. ›Vielleicht gerade nur deshalb, um sie nicht vorher in Erregung und Trauer zu versetzen‹ Modesta jedoch hatte sich viel zu gut in der Gewalt, um ihre Gefühle zu verraten; und außerdem mußte sie auch heute bei der Geheimsitzung ihren Kopf zusammen haben, und es stand da Wichtigeres auf dem Spiel als ihr bißchen Schicksal. Aber Roberto Luigi griff nur im Fortgehen noch einmal nach seiner Brieftasche; denn er fürchtete, jenen Namen, den er so mühselig auswendig gelernt, doch zu vergessen, jenen, den ihm der Stelzfuß damals, von großen Schnörkeln umrahmt, auf der Karte überreicht hatte. Und die hatte er eben noch heimlich in seine Brieftasche geworfen.

Die Poebene, die all die Zeit wie ein großes Geheimnis unter seinem Fenster weit und silbrig am Tage und golden am Abend gelegen hatte, war eine Enttäuschung – nur aus der Ferne klingt die Trommel schön. Der Mais war schon geerntet und die Kolben an ziemlich verfallenen Bauernhäusern zum Nachreifen aufgehängt. Sie bedeckten ganze Wände mit ihrem Braunrot. In Tomatenfeldern verfaulten Haufen von blutroten Früchten. Truthühner liefen in Herden auf den abgeernteten Äckern. Die schönen Festons des Weins, die über das ganze Land, eine riesige, vielfach verschlungene Festdekoration, von Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum sich noch vor kurzem gezogen haben mußten, waren ihrer blauen Traubenlast beraubt – am Rhein blieben sie noch wohl um einen halben Monat länger am Stock –, und das Thyrsuslaub hing nun an vielen Ranken zerfetzt und ramponiert und wertlos herab. Man sah auch viel Fabriken und ganz unfreundliche, tief verstaubte und schmucklose Neubauten; Telegraphenstangen, bei uns gerade und sauber wie Grenadiere mit weißen Mützen, die zur Parade marschieren, hüpften hier schief und krumm neben der Bahn her. Jede nach einer anderen Richtung verrenkt. Denn dieses Land hatte kein Holz; und es einführen würde ihm viel Geld gekostet haben, das es aber nicht besaß, weil es wie alle Staaten sein Geld für Kriegsschiffe und Kanonen brauchte. Erst seit acht Jahren hatte es sich eine Holzkammer zugelegt, die ihm aber sicher viel teurer gekommen war, als wenn es das schönste Holz aus Schweden mit der allerteuersten Fracht sich hätte kommen lassen. Daß es dem Staat doch immer am praktischen Geschäftssinn fehlen muß!

Das schönste waren noch die herrlichen weißen Stiere, die zwischen den Maulbeerbäumen – denn hier wuchs Seide! – den Boden wieder umlegten in schweren und langsam schreitenden Viergespannen; sonst aber war es nicht viel anders wie die breite Rheinebene vor der Bergstraße. Nur daß die Wälder und Buschflecken ganz fehlten und daß die Häuser sich seltener zu Ortschaften zusammenschlossen, sondern einzeln in Fabriken und Gehöften über die Weite der erhebungslosen Ebene gestreut waren, die so flach war, als wäre sie gewalzt worden.

Auch Mailand war eine Enttäuschung. Auf dem Bahnhof war Staub, und man stolperte über Zementsäcke. Und sowie man heraustrat, war noch mehr Staub und ein ganz verdursteter platanenumstandener Platz mit kümmerlichen Anlagen. Der Staub aber, der auf dem Bahnhof nur sich an die Lungen wandte, ein Bestandteil der Luft ohne besonderes Eigenleben war, trieb, sowie Roberto Luigi in das Freie hinaustrat, ihm heimtückisch eine dichte Wolke seiner feinsten Mischung ins Gesicht und in die Augen, machte ihn für Minuten wie blind. Und als er sich die Augen ausgewischt hatte, sah er, daß es nicht sehr nötig war, daß er sie wieder geöffnet hatte. Eine lange und langweilige breite Straße mit Automobilen in einem rücksichtslosen Tempo und Lärm jeder Art und verklebt von wahnsinnigen Reklamen, durchtobt von Straßenbahnen alles, was man stolz »Amerikanismus« nennt, war vorhanden, so, als ob die Lira der Dollar wäre. Wirklich, wie Katja, die Polin, gesagt, ein Hexenkessel an Lärm und an Betrieb, diesem Zauberwort aller Sinnlosigkeiten. Jede Minute dachte man, es gäbe Zusammenstöße und Tote, denn jeder machte Verkehr gleichsam auf eigene Faust und eigene Rechnung. Aber es geschah gar nichts. Jeder Chauffeur war seiner Maschine so sicher wie ein Kind seines Steckenpferdes, das auf leisesten Zaumzug ausweicht und auf das Brrr anhält, noch bevor es über die Lippen schnurrte. Nerven schienen all diese Leute nicht zu haben.

Und je mehr Roberto Luigi sich der Innenstadt näherte, desto mehr wurde es an Lärm und Gewühl – eine Geschäftsstadt mit schönen Läden, aber ohne Physiognomie. ›Milano ist unitalienisch geworden‹, hatte ihm Modesta gesagt. Nur durch große, mit Eisengittern geschlossene Tore sah man in Höfe mit sehr gepflegten Blumenrabatten, über die der Schatten der Magnolien und Lorbeerbäume fiel und die von alternden Pförtnern in ihren Logen bewacht wurden. Alte Palazzi waren es noch, aber solche nur, deren Straßenfront sich längst Banken und Versicherungen und Autohandlungen erobert hatten und deren Untergeschoß man durch Läden und Spiegelscheiben ersetzt hatte. Die Straße gehörte hier ganz dem Merkantilismus. Vornehmheit wurde nur noch nach der Hofseite zu geduldet.

Roberto Luigi war von Hause her ja ein anständiger Mensch. Manche sagten sogar, daß sein größter Fehler es wäre, daß er zu anständig sei und dadurch jenen leichten Einschlag von Halunkenhaftigkeit entbehre, der den Menschen erst verlockend und amüsant macht und ihm das gibt, was man eine persönliche Note nennt. Und er kämpfte lange mit sich, das zu tun, was er tun wollte und unter einem unwiderstehlichen Zwang tun mußte, sofern er nicht seinem Dasein allen Inhalt rauben wollte. Wenn er auch aus kleinen und einfachen Verhältnissen kam und er der erste war langer Reihen von Kleinbauern, Handwerkern, ausgedienten Unteroffizieren mit dem Zivilversorgungsschein und Schullehrern, der erste, der sich mit akademischen Graden geschmückt hatte, so war doch seine ganze Familie von je unerhört bürgerlich gewesen, bis auf ebendiese eine Schwester, von der nicht geredet wurde. (Warum mußte in letzter Zeit gerade an sie Roberto Luigi so oft denken, nur um sich immer mehr bewußt zu werden, daß sie eben ein Opfer gerade dieser so von ihnen hochgehaltenen Bürgerlichkeit und der damit zwangsläufig verbundenen Herzlosigkeit geworden war?) Niemand hatte von all diesen je mit gesetzlichen Vorschriften kollidiert. Sie zahlten zwar überaus pünktlich ihre Steuer, auch für die Gefängnisse, nahmen aber an ihren ethischen Segnungen nicht teil. Im Gegenteil, alle waren in tiefster Seele von der gottgewollten Unantastbarkeit der Gesetzesvorschriften überzeugt und mieden Verstöße gegen sie, nicht nur aus Furcht vor Strafe, sondern aus einer Tradition, die jeden, der das nicht tat, tief verachtete, nie verstand und noch weniger bemitleidete. Für sie wurden vom Staat jene viel zu gering bestraft. Und gerade er wollte nun, als erster seines Wissens, etwas tun, was gegen den Staat, gegen seine geheiligten Gesetze und gegen einen ganzen Rattenkönig von Paragraphen verstieße, deren Schwänze glatt und so, daß man jeden allein auf den Richtertisch legen konnte, mühelos auseinanderzuflechten nur einem juristischen Verstand gelingen mochte. ›Ja, was wollte er denn tun?‹ sagte er sich. ›Und wen wollte er schädigen?‹ Lange überlegte er sich das. Niemand. Keiner wurde reicher dadurch, keiner ärmer. Wie er hieß, wer er war, konnte doch jedem gleich sein – außer ihm. Wen schädigte er damit, ob er Wilhelm Schmidt oder Roberto Luigi hieß? Die deutsche Republik? Ob er Kaufmann oder Doktor der Philosophie sich nannte? Ob in seinen Papieren »ledig« oder »verheiratet« stand? War das ein Verbrechen gegen das Bestehen des italienischen Königreiches, Dynamit unter die Festigkeit seines Staatsgefüges? Gewiß, da war einer, der sich geschädigt hätte fühlen können; oder eine. Doch in welchem Sinne? Materiell gewiß nicht. Er war kein schlechter Kerl, der sie etwa da in Elend und Mangel sitzenließ. Er ging doch bloß und bar, ohne einen einzigen Tausendmarkschein aus dem Haus. Sie war wahrlich nicht auf ihn angewiesen. Bisher war er es nur auf sie gewesen. Außerdem behielt sie die Kinder, die schon weit über fünfzig Prozent ihrer an sich nie hundertprozentigen Zärtlichkeit in den letzten Jahren absorbiert hatten. Wenn er zu Antonie spräche, sagen würde: ›Liebste ... so und so ..., laß mich frei. Ich präsentiere dir ein halbes Dutzend gutsitzender Scheidungsgründe. Tu mir die Liebe, mein Schatz, und laß mich aus dieser Mausefalle, die man Ehe nennt. Du, nur du kannst ja die Tür, die hinter mir, einem Jungen von kaum zweiundzwanzig Jahren, der sich nicht der ganzen Tragweite seiner Handlungen bewußt war, damals ins Schloß fiel von Staats wegen, mir wieder aufmachen ... nicht ich, soviel ich auch an dem Schnappschloß nagen und zerren mit meinen Zähnen mag. Behalte mich in so guter Erinnerung, wie ich dich behalten werde.‹ (Daß Menschen doch selbst in den ernstesten Augenblicken ihres Daseins nicht aufrichtig gegen sich sein können!) Er kannte seine Antonie. Tränenden Auges würde sie sagen: ›Gewiß, mein Junge, ich habe ja immer nur dein Glück gewollt, und ich will deinem Glück nicht im Wege stehen.‹ Und nun, da er all das – was doch immer mit Peinlichkeiten verbunden ist – einfacher, kürzer, schneller und vor allem schmerzloser für beide unter voller Narkose machen will, da muß ich in ihren Augen zum Verbrecher werden an der Bürgerlichkeit – diese Esel! Nur weil er ein anständiger Mensch ist, als alle die anderen es ... ahnen.

Nein, Roberto Luigi war durchaus nicht sonderlich wohl zumute, als er die lange und sehr staubige Calle Ambrosiana hinabging. Warum sie nebenbei Calle und warum sie Ambrosiana hieß, war unklar. Es war keine Gasse, und die Ambrosiana, geheiligt ihm durch die Bücher Lionardos, war ganz woanders. Endlich fand er das Haus 227. Es war kein schönes Haus. Es war kein vornehmes und es war kein sauberes Haus. Unten hatte es eine Handlung mit lebenden Singvögeln, die in kleinen Holzbauern sprangen, daneben eine Schlächterei, an deren Türpfosten Lämmer mit durchschnittenem Hals sich ausbluteten, von Fliegen umsummt und von Hunden, denen sie zu hoch hingen, umschnüffelt, daneben eine Weinstube mit sehr verhängten Scheiben und daneben ein Geschäft für allerhand sanitäre Gummiwaren. Roberto Luigi verstand nicht recht, warum es trotzdem aus allen Türen der Geschäfte gleichmäßig nach einer stark geknobelten Wurst roch. Auch der Aufgang war unerfreulich, wurde aber ein angenehmer Aufenthalt, sobald man von seinen Fenstern aus in den Hof hinabblickte. Endlich ist alles relativ. Und richtig, da hing an einer Tür die gleiche Karte, wie er sie bei sich trug, mit den gleichen fatalen Schnörkeln und Schwüngen der Pathologischen. Nur daß noch Kommissionär und Grossist darunter stand. Wovon, verschwieg die Karte.

Roberto Luigi klopfte, und ein Holzfuß stapfte drinnen zur Tür. Auch schien jemand durch eine Glastür nebenan zu spähen. Aber nach einigem Zögern öffnete Antonio Dionigi. War es ein Kriminal, so hätte es ihm doch nichts genutzt, nicht zu öffnen oder sich von Rositta verleugnen zu lassen, denn er war ja unvorsichtig genug – ganz wider seine Art – mit seinem Stelzfuß zur Tür getappt. Der Mütze nach könnte es schon ein Kriminal sein, sagte sich Antonio Dionigi, aber die Fresse war doch ein wenig zu harmlos ... vielleicht ein ganz ausgekochter deshalb. Und die Angst Antonios vor Roberto Luigi war, in diesem Augenblick wenigstens, genauso groß wie die Robertos vor Antonio. Dann aber fiel es Antonio ein, daß er den Menschen schon mal gesehen hatte – Physiognomien zu behalten war ein Teil seines Berufes –, nur daß jener damals einen Bart trug, und er schnackelte in höchstem Entzücken mit beiden Daumen und Zeigefingern, daß es knallte, als ob zwei Champagnerkorken auf einmal an die Decke flogen, und rief in wohlbewahrtem Münchnerisch: »Ja, Servus, Spezi! Dös is aber mal a Freud, daß doch zu mir kommen tust! Jo, jo, mit die Menscher, dös is nich so einfach in Italien wie in Minka, wo'st bloß über de Gass'n zu gehn brauchst, und da hast glei Sticker drei am Arm. Aber von zuwegen was stehn S' hier auf der Treppen. Geg'n ma nei a weng.«

Und Antonio Dionigi zog Roberto in einen Raum, der nur durch wenige Möbel verunziert war, unter denen ein großes, schwarzlackiertes eisernes Bett – es stand auf einem roten Ziegelboden, und es hätte, von van Gogh gemalt, Roberto Luigi sicher erfreut in seiner schlichten und, so man es malen kann, ergreifenden Monumentalität; so aber in der kahlen Vormittagsstimmung, die durch große, lange Zeit ungeputzte Scheiben kam, wirkte es mehr auf die Magennerven unseres Roberto Luigi. Derart veredelt die Kunst die Wirklichkeit.

»Jo«, sagte Antonio Dionigi wieder fingerschnackelnd und kniff unter sich sträubenden Augenbrauen, die wie die Tolle eines Kakadus sich hochstellten, das eine Auge verlockend ein, »dös kommt natürlich ganz drauf an, was anlegen willst. Billig is billig und teuer is besser ... also, Signor, ich schwöre Ihnen«, nun fiel er ins Hochdeutsche, »sie ist eine Contessa. Ihr Vater war General. Der Staat, Italien sorgt nicht für seine Helden. Sehen Sie mich an. Maledetto, ist das eine Art, daß ein Mann wie ich, der ein Bein am Isonzo ließ ...« (Roberto wunderte sich, in Lugano damals hatte er zuerst Riva und dann, als er betrunkener wurde, Monte Cristallo gesagt. Seine Erinnerungen schienen etwas getrübt zu sein. Das kommt gerade bei schwer Kriegsverletzten öfters vor. Das war aber hier durchaus nicht der Fall, denn in Wahrheit hatte man das Bein bis zum Knie dem armen Antonio Dionigi in München im Schwabinger Krankenhaus abgenommen, weil sein Spezi – aber Dionigi hatte ihn auch übel zugerichtet – bei einer Messerstecherei eben kein aseptisches Material verwandt hatte und ihm, statt wie ehrlich und anständig in die Schulter oder in den Hinterkopf das Messer zu hauen, heimtückisch es in die Wade von hinten gerannt hatte. Was kann schon an einem solchen Menschen dran sein? Mit so etwas sollte man eigentlich überhaupt nicht verkehren!) »Ja, und nun ginge es so nicht mehr. Und wie so junge Dinger sind: gut angezogen will sie sein, dafür ist sie Aristokratin ... aber eben nur für sehr distinguierte Fremde.«

Roberto Luigi schwieg betroffen. Das Thema war ihm peinlich, er hätte so gern einen Übergang gefunden, aber es fiel ihm kein rechter ein. Antonio Dionigi jedoch mißdeutete sein Schweigen.

»Ich verstehe«, sagte er, »Sie sind am Ende Ihrer Reise – das ist natürlich eine Geldfrage. Aber wozu eine Contessa? Sie ist jung und unerfahren, manche lieben das. Das ist Geschmackssache, so wie einer den weißen Gorgonzola vorzieht und ein anderer den grünen. Ich persönlich liebe von je den schärferen, den grünen. Da weiß man, was man hat und kriegt. Da ist die Frau eines Advokaten. Der Mann ist alt und geizig. Rund, weiß und lustig und fett, wie ein amerikanischer Truthahn, der nur mit Mais gefüttert ist. Das wäre natürlich schon billiger zu machen. Vielleicht halb umsonst, denn ich habe mir sagen lassen, daß sie auf blonde Kavaliere wie versessen ist. Da wissen Sie, was Sie haben, Signore.«

Roberto Luigi schwieg immer noch ob dieses Redeschwalls seines Partners. Aber der deutete sein Schweigen als Unschlüssigkeit. »Ja«, begann er nach einer kleinen Pause, »vielleicht haben Sie wirklich recht, was hat man auf die Dauer von all diesen feinen Frauen., die da Ansprüche an einen stellen? Mit einem bei Savini dinieren wollen? Und wenn man mit ihnen über die Straße oder durch die Passage geht, vor jedem Laden stehenbleiben? Ob das nun Handschuhe, Ringe oder Grammophonplatten sind – alles können sie brauchen! Zum Schluß ist doch ein hübsches Ladenmädchen oder eine Arbeiterin aus der Seidenfabrik, eine einfache Frau aus dem Volke mit einem Fransenschal das allerbeste, was man haben kann. Signor, Signor, Sie kennen die echten Milaneserinnen nicht. Glauben S' nur nicht, die echte Milaneserin, daß das so an Minchner Trampel ist. Das sollen S' des Abends sehn mit ihre große Kämm' in den schwarzen Haaren – es gibt natürlich auch solche mit 'n Bubikopf, wann's dös mehr mögen.« (Jetzt verfiel er wieder in die Sprache von Stadelheim.) »Das is wie an Eichkatzerl und lieb und gut dabei und schaugt umenand wie a Zeiserl so munter. Und in dera Lieben – na, da können's sich alle hinter verstecken. Un ganz, Signor, aber auch ganz bescheiden dabei. Wenn sie in so 'n klans Beisel – hier nennens Trattoria – oder draußen in Monza in eine Osteria mit ihr gehn, dann fallt's Ihnen schon um 'n Hals vor Freuden.«

Man würde aber nun Antonio Dionigi durchaus falsch einschätzen, wenn man glauben würde, daß er über so weitgehende weibliche Beziehungen verfügte. Im Gegenteil. Der Stelzfuß besaß nur Rositta – sie war eifersüchtig wie ein Teufel und sie hätte ihn nicht schlecht zugerichtet, wenn dem so gewesen wäre. Und außer Rositta besaß er einen wohlassortierten Kleiderschrank, der sicher den Fundus mancher Sommerbühne übertraf. Rositta war eine hübsche, statiöse Dreißigerin mit einem ovalen Gesicht und einer Rammsnase wie ein Schafbock, wie sie gerade unter den so schönen Mailänderinnen des einfachen Volkes häufig ist und wie wir ihnen auch auf den Frauenbildnissen Bronzinos oft begegnen, mit lustigen Augen und einer ausgesprochen mimischen Begabung ... Wirklich, sie war ein nettes Mädchen. Und ihre beste Rolle war: die Malerin, die werdende Künstlerin, die sogar mit den Forestieres in das Museum, in den Duomo ging und vor dem Abendmahl in Marie della Grazie in echte Verzückung geriet; und dann, da in ihrem Atelier gerade Großputz war, sich auch mit einem Maison garni hinter der Kuppel Bramantes genügen ließ. Und Antonio, der über den privaten Geschmack seines Gastes ganz im unklaren blieb, wollte eben die Vorzüge der Künstlerin, als das einzige Frauenwesen für den Gebildeten und feineren Menschen, in das rechte Licht setzen, als ihn Roberto Luigi endlich unterbrach und bemerkte (wenn auch in schüchterner Weise, aber zum Staunen Antonio Dionigis in einem einwandfreien Italienisch), daß er mit einem anderen Anliegen zu ihm gekommen wäre; auf sein verlockendes Angebot in den besagten Artikeln hoffe er später einmal – denn er wollte den braven Stelzfuß doch nicht vor den Kopf stoßen – zurückzukommen, wenn er länger in Milano bleiben könne. Bei ihm handle es sich dieses Mal um »Papiere«.

»Aber, woas is denn jetzt dös?«, rief Antonio Dionigi in freudigstem Staunen. »Flebben wollen S'! Ja, Krutzitürken, mei Libber, worum haben S' denn dös nich glei gesagt?« Und dann rief er Rositta, und die dralle Rositta mit einem Bubenkopf als Grundform – sie besaß auch drei verschiedene Perücken, eine sogar aus eigenem Haar – schaute durch die Türspalte. »Rositta, mein Täubchen, hole uns einen Zweiliter-Fiasca 'rauf ... Der Herr und ich, wir haben zusammen zu arbeiten.« Und damit wandte er sich an Roberto Luigi. »Es ist eine Person meiner Bedienung«, sagte er, »sie ist zuverlässig und schon lange bei mir.« Jetzt wurde er sentimental: »Sie glauben gar nicht, wie wertvoll es ist für einen Krüppel und einen alten Junggesellen, einen anständigen Menschen um sich zu haben, der gut für einen sorgt und auf den man sich verlassen kann.«

Roberto Luigi packte aus: Ja, es handle sich eigentlich nur um einen Scherz, und er wüßte nicht einmal, ob er es brauchen könnte, er möchte einen Paß auf Roberto Luigi und dann jene Papiere, die er zur Heirat benötige.

Antonio Dionigi hatte erst mit den Fingern geschnackelt, daß sie beinahe aus den Gelenken gingen, aber wie er »Heiratspapiere« hörte, kratzte er sich sehr nachdenklich die Haare am Ohr dort, wo sie in die blanke gebräunte Haut seiner Platte übergingen. »Das natürlich ist unter hundertfünfzig Lire nicht zu machen. Und ob wir heute damit fertig werden, ist sehr fraglich.« Und dann überlegte er, während er nachdenklich mit den Fingern schnackelte. Jetzt war er schon ganz Geschäftsmann, der einen Auftrag zur Zufriedenheit seines Kunden effektuieren will, aber doch auch seinen Vorteil dabei wahrnehmen muß. »Was habe ich gesagt: hundertfünfzig? Das war ein Irrtum! Wo habe ich denn meine Gedanken gehabt? Das ist unter zweihundert nicht zu machen. Was bleibt mir denn – ganz abgesehen von dem Risiko? Sechzig Lire habe ich allein Spesen. Minimum zweihundertfünfzig, Signor, das ist mein letztes Wort. Bei mir sind feste Preise. Bei mir ist es nicht wie in den Geschäften in der Passage, wo ein Schild hängt: Prezzi fissi, Prix fixes, feste Preise, firmes prices, und man nachher alles bis auf die Hälfte herunterhandeln kann. Na, mein Lieber, dös gibt's bei mir fei net! Wenn Sie handeln und mich drücken wollen, gehn Sie ruhig zur Konkurrenz. Ich will Sie nicht halten; aber Sie werden ja sehn, was Sie für eine Schluderarbeit bekummen tun! Und kennen Sie die Leute etwa? Wer sagt Ehna denn, daß S' Ehna net in die Luft nachher gehn lassen? Hao! So etwas gibt's bei mir fei net: Ich bin ein Ehrenmann!«

Antonio Dionigi gehörte, wie wir sehen, zu der Sorte von Kaufleuten, die alle Einwände, die der Kunde etwa machen könnte, selbst machen, und zwar so, daß der andere das Gefühl hat, er wäre allein daraufgekommen. Und der sie dem Kunden vorreitet, um sie von vornherein zu entkräften. Und wenn ein Mensch mit seinen wirklich guten kaufmännischen Gaben es trotzdem zu nichts gebracht hatte, so lag es eigentlich nur daran, daß er leider trank. Und deshalb, und nur deshalb, war er ein armer Schacher geblieben und mußte es bleiben sein Leben lang. An Tüchtigkeit gebrach es ihm keineswegs.

»Also mein allerletztes Wort: dreihundert, tutto compreso«, rief er und patschte, daß es nur so knallte, mit seiner großen Hand in die Roberto Luigis, die nichtsahnend auf dem Tisch lag. »Abgemacht – unter Brüdern. Sie können ...« Dann aber überlegte er. »Haben Sie eine Photographie mit? Besser noch zwei, aber ohne Bart?« – Richtig ja, Modesta – schon den Namen in dieser Umgebung denken schien ihm eine Sünde gegen den heiligen Geist ihrer Liebe –, Modesta hatte ihn ja vor ein, zwei Wochen einmal auf der Terrasse geknipst. Mit ihrem großen Kodak, nicht dem kleinen, der schön und scharf arbeitete. Halbe Figur in der Sonne, gegen die schwefelfarbene Wand stehend. Das würde gut passen. Und sie hatte sich noch einmal selbst dazugestellt und Lionella, die ihn nunmehr ebenso bemutterte wie ihre Herrin, herzugerufen und von ihr den Verschluß abziehen lassen. Lionella mißbilligte den Inglese vielleicht noch innerlich, aus dem ererbten Feindschaftsinstinkt der Rassen heraus, der bei einfachen Menschen immer vorhanden ist, die noch von Urzeiten her in den Männern eines anderen Volkes entweder knirschend den Eroberer oder verächtlich die Sklaven sahen, jedenfalls aber die Gefahr für Gut und Leben. Aber da Lionella fühlte, daß ihre Herrin ihn liebte – und was sahen ihre hellen Augen nicht? – liebte sie ihn eben auch mit ihrer ganzen Seele der alten Jagdhündin, solange diese es tat. (Bereit natürlich jederzeit, ihn anzukläffen, sowie das nicht mehr sein sollte!)

Roberto Luigi war ungeschickt genug, die vier Bilder, die er bei sich hatte, neben sich einen Augenblick auf die Holzplatte des Tisches zu legen, während er die beiden Abzüge jenes Films, auf dem er allein war, Antonio Dionigi herüberreichte. Aber Antonio hatte schon einen ganz kleinen und unscheinbaren Blick aus seinen Augenwinkeln herübergeworfen, ehe auch nur Roberto wie absichtslos die Hand auf die Bilder gelegt hatte. »Die Sozialisten«, sagte er plötzlich in einem ernsten und sachlichen Ton, und man merkte das erstemal, es ging ihm um eine Herzenssache, »haben keine Zukunft mehr in Italien. Nach dem Fascismus kommen wir, die Kommunisten, hier, wie in ganz Europa. In dreißig Jahren spätestens – das sagt Ihnen Antonio Dionigi – haben wir die große Flutwelle von China hier auch bei uns in Italia. Sie wird vielleicht zuletzt von ganz Europa zu uns kommen; und wenn ich dann noch lebe, so wird all das Elend meines ganzen Daseins, vom Findelhaus und der Fürsorge an bis heute, einen Sinn gehabt haben. Sonst war es Mist, Signor!« (Das heißt, er sagte ein anderes Wort). Die sehr geschlängelten Stirnadern des alten Potators waren dick angeschwollen, und es dauerte eine ganze Zeit, bis sie wieder sich senkten. »Aber wie wollen Sie doch heißen, mei Libber?« meinte er dann.

Antonio Dionigi war ein taktvoller Mensch. Er hätte es nie gesagt und würde selbst in seiner Partei davon nie Gebrauch machen – denn seine Geschäftsgeheimnisse waren bei ihm sicherer als Geld in einem Panzerschrank der Banca d'Italia –, nie gesagt, daß er bemerkt hatte, daß er die bekannte Sozialistin Modesta Zamboni mit diesem Fremden da auf einer Aufnahme gesehen hätte, in einem Ausdruck, der ihrem sonst so flammend-ernsten Gesicht fremd war und einem Berufspsychologen, wie er es war, eindeutig genug erschien. Aber es war ihm so entfahren, denn er hatte die Zwanzigjährige damals in einer Versammlung unter freiem Himmel draußen im Hof vom Castello sprechen hören und sich gesagt, daß eine Frau mit dieser Rednergabe, ernst, eindringlich und flammend, in ganz Italien, das doch gewiß Rednerinnen genug stellen könnte, kaum übertroffen werden kann. Nur schade, daß sie so bürgerlich war! Seit dem Totschlag an ihrem Mann aber seine Genossen hatten ihn doch warnen lassen, nach Milano in diesen Tagen zu kommen, denn sie wußten, daß es auch auf ihn ging, wenn man ihn dabei packen könne – war sie scheinbar ganz im Hintergrund verschwunden. Aber ihr Name kam trotzdem ja noch oft genug an sein Ohr. Endlich war Antonio Dionigi trotz seines scheinbaren Juchhei und Fingergeschnackels doch ein armer Teufel, und außer seiner Rositta und seiner Partei gab es in seinem Dasein wirklich nicht viele Sterne, die über der Niederung seines versoffenen Hundelebens wenigstens einen schwachen Schimmer breiteten, wenn sie sich im Sumpf spiegelten.

Antonio Dionigi begann den Fall zu erwägen und nach allen Seiten hin und 'her zu wenden. »Sie sind Tedesco«, sagte er. »Da würde eine italienische Dame, und nehmen wir an, ihre, diese Dame! – ich weiß natürlich nichts und setze nur den Fall –, auch Deutsche dann werden. Das wird sie nicht tun, und es würde mir auch unvorhergesehene Schwierigkeiten machen.« Antonio Dionigi sah seinen Gast eine Weile scharf und sinnend zugleich an. »Also«, sagte er langsam, »Sie sind in München am ... Den wievielten haben wir heute? – Am siebenundzwanzigsten Settembro achtzehnhundertsechsundneunzig geboren. Ihr Vater hieß – ich werde sein Pate sein! – Antonio Guiseppino Luigi und war ein Fruchthändler, stammend aus Paola in Kalabrien, wo er achtzehnhundertsechsundfünfzig zur Welt gekommen war. Sie meinen, Sie sind zu rotblond, als daß man es glauben könnte. Passen Sie auf, Signor, man wird es glauben! Denn die Mutter war eine Irin aus Dublin und hieß Maud Ethel Smith, achtzehnhundertfünfundsiebzig geboren, die Ihren Herrn Vater achtzehnhundertfünfundneunzig am fünften Oktober – Sie sehen, ich bin bei Ihnen sehr moralisch! – in London geheiratet hat. Wenn Sie wirklich Ihren Scherz durchführen ... Wo würden Sie das wohl tun?«

Roberto überlegte. »In Bergamo«, meinte er nach einer Pause, denn da war Modesta wohl zuständig. Antonio Dionigi fuhr mit den Fingern ein Verzeichnis entlang. »Bergamo«, sagte er, »geht! Ist gut! Aber die Altstadt! Hören Sie, nicht die Neustadt. Da habe ich keine Beziehungen! – Kirchlich kommt bei der Dame nicht in Frage?« Roberto nickte. »War anzunehmen. Und wenn wirklich noch ein Aushang auf unserem Konsulat in München nötig wäre, dazu habe ich noch immer die promptesten Verbindungen ... Und außerdem, so oder so, der Brief wird nie nach München kommen, dafür sorgt mein Vertrauensmann schon, aber ...«, er lachte verschmitzt und fast gutmütig in sich hinein, »wenn Antwort aus München nötig sein sollte, die wird kommen. Richtig, ich vergaß: Sie sind Kaufmann und waren zuletzt in Augsburg in Stellung. Vorher in Baltimore bei einer Fruchtexportfirma. Vor drei Stunden können Sie sich aber die Papiere nicht abholen. Und noch eins, wenn ich um eine kleine Anzahlung von fünfzig Lire bitten könnte? Nur damit ich es bestimmt weiß, daß Sie mir auch wiederkommen! Nachher haben Sie sich den Scherz ›überlegt‹, und ich mache mir umsonst die Mühe. Wenn's ein einfacher Personalausweis wäre, würde ich ja gar nichts sagen und mich hier bei Ihnen durch mein Mißtrauen vielleicht in übles Licht setzen, aber rechnen Sie sich doch das selbst aus: Hier sind's ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs Schriftstücke. Meinen Sie etwa, wir Italiener sind wie die Aschantis, die einfach zusammenlaufen und wieder auseinandergehen können, ohne daß ein Mensch danach fragt? Bei uns herrscht jetzt Gott sei Dank Ordnung ... das war früher mal.«

Und Roberto Luigi legte einen 50-Lire-Schein auf seine Photos und drückte dem freundlichen Stelzfuß die Hand, und bald stand er wieder unten auf der langen Straße, die immer noch von einem herbstlichen Wind, der von den Alpen nicht sehr freundlich herunterblies, durchlüftet wurde. Er trieb eine gekräuselte Staubwolke, die von fünfhundert Papierfetzen durchtanzt war, vor sich her.

Roberto Luigi sah nicht viel von Milano. Merkwürdig, wie wenig er auf Kunst heute eingestellt war. Trotzdem gerade ein angenehmer Tag für eine Stadt war, echtes Museumswetter, nicht zu warm mehr und doch sehr lind und blau und liebenswürdig ... jetzt, da der Wind sich gelegt hatte. In der Passage saß er bei Biffi und hörte viel Deutsch sprechen, ja, er sah sogar einen flüchtigen Bekannten (mit einem Schrecken bis in die Kniekehlen). Der aber ging ganz dicht an seinem Stuhl vorüber, ohne ihn zu erkennen. Und das warf ihm plötzlich ein Blitzlicht in seine Situation, deren eigentümliche Art er doch selbst von Tag zu Tag wieder vergaß. Zu gern würde er in die Brera gegangen sein, schon der Luini wegen, von denen Katja gesprochen hatte. Auch in den Dom oder zu dem Lionardo. Aber überall konnte er Bekannte treffen, die jetzt gerade aus dem Süden heraufkamen und in Mailand noch eine allerletzte Station machten. Oder andere, die von den Seen kamen und doch mal wenigstens den Kopf nach Italien hineinstecken wollten. Das war sehr gefährlich für ihn. Wenn er wenigstens das schöne Frauenbildnis im Poldi-Pezzoli hätte sehen können, die von der Seite, mit den Perlenschnüren im Haar, deren Wangen weich und samtig gewesen sein müssen wie die Haut eines Pfirsichs! Oder Mantegna mit seinen erzenen Linien und dem harten Trotz seiner Gestalten, die in Farben auf Leinwand und Holztafeln ewig zu schlummern scheinen, wie die Figuren Michelangelos in Marmor.

Aber dieser flüchtige Bekannte – ein Arzt seiner Universität – hatte Roberto Luigi einen Schock gegeben, und er irrte deshalb ziemlich planlos durch die Straßen, wurde von Chauffeuren angebrüllt und drückte sich an Hausmauern entlang, um Autos auszuweichen.

Wer Mailand kennt, weiß, daß es dort erst gegen Abend hübsch wird, wenn die Fabriken geschlossen werden und Tausende von Arbeiterinnen und Arbeitern von den Vorstädten hereinkommen und um den Domplatz und durch die Passage einmal flanieren, um wenigstens etwas von den Konzerten auf dem Platz und in den Cafés zu haben. Denn das einfache Volk in Mailand hat viel schöne Mädchen und üppige Frauen und gutgeschnittene Männerköpfe, weit mehr, als man anderswo in Italien sieht. Und jene Pippa, die vorübergeht – auch bei Browning eine Arbeiterin einer Seidenfabrik –, ist an jedem von uns immer wieder mit dem Schritt einer bezaubernden Zwischenaktmusik schon vorüberflaniert, drei-, vier-, fünfmal, bis sie in dem Gewühl, in der Lärmsinfonie uns entglitt, während man auf einem eisernen Stühlchen saß und auf dem Marmortischchen – nicht größer als eine Tortenschüssel – der »nero« (süß und schwarz wie die Nacht) kalt wurde, da wir ihn über Pippas Anblick und Gang zu trinken vergaßen.

Und von alledem sah der gute Roberto Luigi nichts. Ihm fielen weit weniger angenehm die vielen Uniformen auf, die als Karabinieri, stets in Dubletten, als Munizipalgarde, als Soldaten – oder nur mit Revolver und Schwarzhemden und Patronengürtel –, als Kavallerieoffiziere mit Reitpeitschen und als Bergjäger mit Federn am Hut die schlichte Farbenarmut des Zivils lärmend unterbrachen. Es fiel Roberto Luigi auf, weil ihn Deutschland dieses Anblicks entwöhnt hatte. Trotzdem ihm alles gerade sehr ruhig und tief friedlich erschien, so hatte er doch das Gefühl, daß dieses Volk hier nur ein Tier in Ketten sei und nichts anderes – und daß es vieler Ketten benötige und daß es trotzdem ständig unterirdisch in den Muskeln zucke, um diese Ketten von sich abzustreifen. Vor acht Jahren hätte er das noch nicht im gleichen Maße empfunden; aber die Entfernung von diesen Dingen hatte ihm die Augen geöffnet über das, was in der Welt eigentlich vorging.

Und doch auch dieser ihm trübe und verängstigte und sehnsüchtige Tag ... denn seinem Dasein fehlte heute das erstemal seit sechs Wochen das Zentrum, und es war wieder völlig direktionslos geworden wie ein Stehaufmännchen, dem das spielende Kind den Bleikern herausgebrochen hat. (Es hat noch dieselbe Maske von Papiermaché: äußerlich scheint es unverändert, aber der Mittelpunkt ist ihm aus der Seele gerissen, und in welche Ecke immer man es auch werfen mag, es bleibt da am Boden regungslos liegen.) Und trotzdem, auch dieser schwarze Tag seines Daseins, da er ins Kriminelle abglitt, sollte ihm ein erstes Erlebnis bringen, das er, Roberto Luigi, um keinen Preis, auch nicht um den, daß es diesen Tag für ihn nie gegeben hätte, aus seinem Dasein hätte streichen mögen.

Er irrte in der Nähe der Passage in den belebten Geschäftsstraßen umher, betrachtete Auslagen und stellte fest, daß Lederkoffer gut und sehr billig wären; für den Preis seines Krokodils zum Beispiel, und er zweifelte an dessen exotischer Abkunft gemach – nur ein heimisches Rindvieh und kein uralter Verwandter der Saurier hatte bei ihm Pate gestanden, und das Rindvieh schien ihm nicht einmal unumstritten! –, dafür also hätte er hier einen echten, pockennarbigen, leichtgelben Lederkoffer von doppelter Größe bekommen können, der in der Gepäckserie eines jeden Amerikaners mindestens drei Verbeugungen des Hotelportiers erzielt hätte.

Aber plötzlich, als unser Roberto Luigi noch gerade diesen Gedankengängen nachsann – er erblickte den Hotelportier in Gala, wie er im Vestibül des Plus Grand Hotel sich dreimal verbeugte –, war er, ohne daß er etwas ahnte, ganz ohne Vorbereitung oder Absicht durch ein Portal gegangen und stand in dem nicht sehr großen viereckigen Hof eines reinen Renaissancepalastes. Der Kunsthistoriker in ihm erinnerte sich, daß er vielleicht so in der Art Galeozzo Alessis sein könnte. Aber der Mensch in ihm erlebte zum erstenmal Architektur, italienische Architektur. Als einen Klang voll Vornehmheit, stolzem Ernst und wundervollem, heiterem, rhythmischem Gleichmaß. Als ein Geflecht vieler Künste. Als ein Zusammenfließen eines antiken und modernen Geistes. Und als eine Untrennbarkeit von Bauteilen und Schmuck. Unlösbarkeit von menschlicher Figur und dem Werk selbst, mit Brüstungen, Profilen und Architraven. Kein Himmelsstreben. Kein Übersichhinauswollen. Keine mystische Vereinigung mit Gott, wie in der Gotik. Sondern ein Sicheinrichten und Sichwohlseinlassen in diesem Leben, Reichtum, der edel und maßvoll ist, seiner selbst froh, und der die Atmosphäre einer hohen Zivilisation zudem mit der künstlerischen Sicherheit echter Kultur verbindet, die nicht mehr sich sucht, sondern sich längst gefunden hat.

Nie vorher (und nie nachher) hatte er, Roberto Luigi, so das Erlebnis der Architektur gehabt, die kein Zufallsprodukt ist, kein großer Einzelwille, der sich nie selbst vollendete und stets Torso blieb, sondern in seiner göttlichen Leichtigkeit das selbstverständliche Produkt all dieser Menschen, dieser Jahrhunderte- und jahrtausendealten Tradition, dieser weiten Landschaft, ja dieses Landes selbst, in dem die Architektur zur Luft und die Luft zur Architektur gehört. Und in dem die Baukunst eben die große Kunst war, in der alle anderen zusammenströmen.

Roberto Luigi fühlte in diesem Palasthof, wie es sicher noch tausend in ganz Italien gibt, das allererste und das allerletzte Mal, was Architektur eigentlich dem Menschen und den Menschen bedeuten kann. Hier konnte man eben nicht schlecht und gleichgültig bauen, weil Bauen hier eine Frage des Lebens und nicht nur des Wohnens war.

Aber dann war Roberto Luigi mit einem Male wieder vor der Tür des braven Antonio Dionigi und kämpfte mit sich, ob er hinaufgehen sollte. Die Lämmchen bluteten immer noch aus ihren Kehlen, und die Weinkneipe hatte noch dicht verhangene Fenster. Aber er könne ja mit den Papieren machen, was er wolle – sie sich als Reiseandenken unter Glas und Rahmen hängen oder sie ins Feuer werfen –, doch den armen Mann da oben, mit seinem Stelzfuß, der überhaupt keine Invalidenrente bekommt, könnte er unmöglich um seinen Verdienst prellen.

Einen Augenblick kam ihm auch der Gedanke, daß er sich vielleicht in Gefahr begäbe, wenn er jetzt die Papiere sich abholte. Wer sagte ihm denn, daß dieser Signor Dionigi nicht ein Schwindler wäre, ein gemeiner Kerl, der ihn der Polizei an das Messer liefern wolle. Nun schön! So hätte es sich um einen Scherz gehandelt, wie er ja von vornherein gesagt habe. Der Versuch wäre juristisch hier nicht strafbar. – Und dann, gewiß, ein Halunke war er; aber ein armer Hund und kein Polizeispitzel. Dafür haßte er sie viel zu sehr. Was sollte ihm denn eigentlich passieren? Und schon klopfte er wieder unter der Visitenkarte mit dem geschwungenen Namenszug, der jedem Schriftsachverständigen durch die Häufung psychopathischer Züge eine Freude von Stunden gewesen wäre. Und Antonio Dionigi stampfte drinnen wieder mit seinem dicken, gepolsterten Stelzfuß zur Tür. Man hörte es deutlich.

»Ja, grüß di Gott, Spezi! Also erst an Geld und dann die Flebben.«

»Nein«, sagte Roberto Luigi bestimmt – er hatte zugelernt. »Erst die Papiere und dann das Geld.« Und Antonio breitete mit untertäniger Devotion – er knickte zusammen, sowie jemand fest auftrat, er spielte nur in seiner Lebensnot den Sadisten, um den anderen vorher zu entwaffnen –, breitete, sie liebevoll glättend, alle sechs Papiere auf dem Holztisch aus und erklärte Zweck und Sinn jedes einzelnen Dokuments. Sie waren vorzüglich gemacht. Und ein Kenner hätte sie nur deshalb vielleicht als Fälschungen ansprechen können, weil sie – wie das auch bei gefälschten Antiquitäten häufig ist! – viel vollkommener waren als Originale.

Und schon in zehn Minuten saß Roberto Luigi in einem Auto und fuhr zum Bahnhof und war eigentlich strahlend glücklich und sich keiner Schuld bewußt. Jetzt hatte er wenigstens vorerst einmal die Trümpfe in der Hand. Ob er sie ausspielen würde und könnte, stand auf einem anderen Blatt. Und zu gleicher Zeit, da saß schon der brave Antonio Dionigi unten in der Weinstube, schnackelte mit den Fingern, hieb auf den Tisch und stürzte ein Glas nach dem anderen herunter und krähte lästerliche Lieder aus seiner Münchener Zeit dazu. Schade! Er war ein tüchtiger Kerl, und er wäre schon vorwärtsgekommen – da haben es weit schlechtere Lumpen als er zu etwas gebracht schon –, wenn er nicht, sowie er Geld in den Fingern hatte, es vertrunken hätte, bis auch die letzte Lira zum Teufel oder beim Wirt, was hier das gleiche bedeutete, gewesen wäre. Das hatte er so in München sich angewöhnt. Und dann mußte wieder Rositta sehen, wo sie was herbekam. Und er flennte und küßte ihr die Hände.

Als aber Roberto Luigi, der nun wirklich nachweisen konnte, daß er Roberto Luigi war, in der Bahn saß, klopfte er sich wohlgefällig auf die Brusttasche, daß die Papiere knisterten. Sie brannten ihn nebenbei durchaus nicht, sondern sie machten ihn strahlend froh und glücklich.

Die Anschlüsse jedoch klappten nicht gut, und es war späte, herbstliche Dämmerung, mit dem Geruch von verbranntem Kraut in der Luft, der wie das Gefühl einer nutzlosen Sehnsucht ist, als Roberto Luigi auf allerhand Umwegen wieder zurückfand. Dieser Geruch von Rauch in der milden Luft hatte ihn aufgeregt. Er brachte Erinnerung, und wie anders: denn wenn einst bei ihm zu Hause dieser Rauch über Stoppelfelder und Kartoffeläcker zog, so sagte das: »Es ist Zeit, alles fröstelt, ist todmüde! Der Rest kann nur noch ein kurzes Geschenk sein! Es ist Zeit! Die Natur will sterben.«

Hier aber im Süden, jenseits der Alpen, da schien sie ihm nur wie ein Kind, das besorgte Eltern zu früh schlafen legen und das nicht begreift, warum es jetzt, am hellen, lichten Tage, eigentlich schon schlafen soll, und das deshalb trotzig vor sich hin weint. Jenseits der Alpen eine Notwendigkeit, schien ihm der Herbst im Süden eine Sinnlosigkeit. Denn der Kreislauf der Dinge vollendete sich, ohne daß die Sonne sich trübt und die Nächte einen rauhen Reif auf die Erde legten ... Das aber machte ihm den südlichen Herbst eigentlich trauriger als den des Nordens, trotzdem er froher erscheint.

Modesta Zamboni war noch nicht zurück, und Lionelia ängstigte sich auch, wo ihre Herrin blieb. Sie fürchtete diese ihre Gänge nach Vicenza; denn ihr ganz primitiver Verstand übersah besser die Lage als Modesta, die in der Bewegung stand und deshalb naturgemäß für ihre Sache Optimistin sein mußte. Roberto Luigi ging hinauf und brachte ganz vorsichtig seine neuen Papiere gut und säuberlich in einem Schreibtischfach unter und legte andere Schreibereien und Bücher darauf. So, da konnte es nun alles sicher liegen! Und dann trat er auf die Terrasse in die besternte, duftende Nacht hinaus, die über den Platanen und Zypressen hing, und horchte, ob vielleicht ein Autozeichen zu hören war. Und während er so lauschte, kam es ihm erst voll zum Bewußtsein, was doch eigentlich dieses Haus, dieser Garten und Modesta für ihn bedeutete und daß es ihm vollends unmöglich, sie je wieder aus seinem Leben wegzudenken. Hier oben, in diesen von Sonnenlicht und Sternennacht durchsungenen Räumen, in seinem köstlichen und vornehmen Turmzimmer, war er so restlos glücklich und unbeschwert gewesen wie eine Zikade im Baum. Ganze Vormittage oft hatte er die Empfindung, daß seine Hände, auf denen es Nachts ihr göttlicher Nacken geruht hatte, sich entweihten, wenn sie irgendeinen anderen Gegenstand berührten. Das hatte er vordem nie gekannt. Und die Melodien der kleinen italienischen Liedchen, die sie ihm des Nachts, wenn sie ihn umschlungen hielt, ins Ohr summte:

Quattro cavai che trottano
Sotto la timonella
Questa l'è l'ora bella
Questa l'è l'ora bella
Per far l'amor

... und tausend Liedchen noch blieben ihm vierundzwanzig Stunden im Blut gleichsam hängen, bis Modesta sie ihm von neuem aufflattern ließ.

Roberto Luigi wußte gar nicht, wie lange er so saß und vor sich hin spintisierte und mit wachen Augen träumte. Ja, was sollte er eigentlich ergreifen, wenn er Modesta heiratete? Irgend etwas! Einfach Geld verdienen! Italien ist aufstrebend, hat Arbeit, es gibt tausend Dinge, die hier ausbaufähig sind und die noch Köpfe und Hände aufnehmen können – Autos oder Kunstseide oder landwirtschaftliche Maschinen! Koffer und Lederwaren nach Deutschland exportieren! Artischocken und Melanzani und Tomaten, Orangen, Zitronen ...! Seinethalben: Käse oder Truthühner! Strohtaschen oder Wein! Tausend Möglichkeiten hat Italien. Warum soll da für ihn nicht Platz sein? Ganz ohne jeden Ehrgeiz, nur des Geldes willen, das dazu reichen muß, daß man einfach leben kann. Gibt es nicht Hunderttausende, die sich ein solches Ziel stecken, und wie wenige, die sich ein anderes stecken! Wozu der Ehrgeiz? Wozu bekannt werden wollen oder gar berühmt? Deutschland hat sechzig Millionen, und tausend Menschen sind es davon, die wirklich bekannt oder genannt sind, die außerhalb ihres Kreises oder ihres Faches den Zeitungen oder ihren Lesern auch nur als Namen geläufig sind, dem Deutschen von heute den Begriff einer besonderen Leistung bedeuten. Das heißt, es ist von sechzigtausend immer nur einer. Wozu soll man danach streben, der eine, dieser eine sein zu wollen, wie das ein ihm bekannter Doktor Robert Ludwig Schmidt ehedem getan hatte, und nicht nur ein friedfertiger und nicht von Ehrgeiz zerfressener Anonymus des Daseins wie jene neunundfünfzigtausendneunhundertneunundneunzig. Oh, seine Großmutter war zwar nur eine einfache Bauernfrau mit einem Kopftuch, die kaum schreiben konnte, aber sie hatte die Lebensklugheit des einfachen Volkes, und Roberto Luigi erinnerte sich noch deutlich, wie er sie besuchte, als er von der Dorfschule seines Vaters nach Magdeburg auf das Mechthilden-Gymnasium zog, allwo der Pastor ihm die Freistelle verschafft hatte. »Ich will dich mol wat seggen, min Söhn«, meinte sie, »jetzt jehst du nu uff die hohe Schule. Da rat ich dich eins: Sitz nie up die erste Bank und nie up die letzte. Die in die Mitte tut sich am leichtesten im Leben.« Bis heute hatte er immer darüber gelacht, und nun erkannte er plötzlich, wie unendlich richtig das war. Und wie die anderen scheinbar all jene Glücksmöglichkeiten besaßen, die diesem einen naturnotwendig fehlen müssen.

Aber über diese Gedanken hatte er ganz das Auto überhört, das schnarrend und sausend, doch aber mit ziemlich abgeblendeten Lichtern von der Chaussee von Brescia-Bergamo herankam und im Bogen zum Gebirge abgelenkt und Modesta Zamboni ihm heraufgebracht hatte. Und er war verwundert, plötzlich Modestas Singvogelstimme schon im Treppenhaus zu hören, die ziemlich erregt Lionella fragte: »O mio! Ist Signor Roberto zurückgekommen?« Dann aber sah sie ihn oben und eilte die Treppenstufen, die sich so leicht gingen, hinauf, und Roberto Luigi lief ihr entgegen, und gerade an jener Brüstung, auf der der Marmorengel kniete, sehr lieblich und vielleicht etwas zuckerig, wie alles, was dem Meißel jenes Lieblingsschülers Canovas sein Dasein verdankte, flogen sie in dem nur von Windlichtern in den großen Laternen spärlich erhellten riesigen Treppenhaus aufeinander zu, lagen sich, ohne auf Lionella zu achten, minutenlang wortlos in den Armen und küßten einander mit immer wieder aufsteigender und immer wieder niedergezwungener Rührung, als ob sie nicht vierzehn Stunden, sondern als ob sie vierzehn Jahre sich nicht gesehen hätten. Das heißt, nie hätten sie sich so traurig und glücklich zugleich in den Armen gelegen, wenn sie sich vierzehn Jahre nicht gesehen hätten; denn die Zeit ist ja nicht nur der Zertrümmerer der Formen, sondern auch des Inhalts. Roberto Luigi (der es nun schwarz auf weiß hatte, daß er Roberto Luigi war, und auch schon ganz heimlich in der Bahn mit einem Finger an der Scheibe immer seinen Namenszug geübt hatte, daß er ihm auch sicher und schwungvoll und glatt später aus Blei und Feder flösse) spürte, daß in der Erregung dieses Wiedersehens doch irgend etwas anderes noch brodelte, was außerhalb von ihm lag. Und Modesta wiederum ahnte ein Gleiches für ihren Robertino. Jedes von beiden sagte sich: Gewiß, es rührt mich, wie du dich mit mir freust, und es verdoppelt auch meine Freude, dich wieder im Arm zu haben; doch was hast du inzwischen erlebt, das dich so angstvoll glücklich macht, zu mir zurückgefunden zu haben? Aber keines sprach natürlich die Frage aus. Modesta sagte nur: »Ich dachte, mein dummer Robertino würde überhaupt nie wieder zu mir zurückkommen.«

Und Robertino sagte: »Dein dummer Robertino ist sogar so klug, daß er immer bei dir bleiben will. Denn er kann sich durchaus nicht vorstellen, was sein Dasein ohne Modesta für einen Sinn haben soll.«

Aber Modesta lachte nur und sagte: »Ich war bisher der Meinung, daß man eine Glühbirne wegwirft, wenn sie durchgebrannt ist. Aber was hast du in Milano gesehen? Es ist heute viel Lärm da, aber es war mal eine herrliche Stadt. Und was hast du zu meinem Lorenzo Lotto gesagt? Der mit dem blonden Bart und den blauen, nachdenklichen Augen, in die man tief hineinsehen kann, als wären sie zwei Kristalle – er hat mich an dich erinnert, das heißt, du an ihn, wie ich dich in der Bahn zuerst sah. ›Gianduja, signor? Gianduja, spezialita italiana ...‹ Er muß dir geglichen haben, wie er jünger war ...«

Und Roberto Luigi brauchte in all dem Examen, das noch über das ganze Nachtmahl ging (jetzt saßen sie im Saal, weil es Modesta schon im Freien zu kühl war), fast gar nichts zu sagen, und er hatte doch in einem Tag in Mailand so viel gesehen, wie ein anderer kaum in einer Woche bewältigt. Er brauchte nur immer wieder zustimmend mit dem Kopf zu nicken und ein »benissimo« oder »magnifico« einzuwerfen, denn die Fragen, die Modesta stellte, waren zugleich die Antwort: Er war auf dem Domdach im Marmorwald der Figuren herumgekrochen und hatte in der Ferne heute an dem klaren Herbsttag das Panorama der Alpen fast zum Greifen deutlich gesehen und drüben nach der anderen Seite die milden blauen Linien der Apenninen. Er hatte im Castello den ersten Hof sich genau betrachtet und sich vorgestellt, wie seine Modesta links von der steinernen Rampe herunter zum ganzen Volk geredet hatte – fünf mal hunderttausend Menschen. Das war keine Übertreibung, sondern sollte nur die Masse andeuten, die kaum zu zählen war. In San Ambrogio hatte ihm der Atem gestockt vor dem Glanz des herrlichen goldenen und silbernen Antipendium. Über den eigentümlichen Grundriß der uralten Pilgerkirche San Lorenzo hatte er sich ebenso seine eigenen Gedanken gemacht wie über Bramantes Kuppel. Kein Bild, kein Mantegna und keine Zeichnung Lionardos oder sogar Simone de Pesaros – den man woanders kaum sieht – war ihm im Graphikerkabinett entgangen. Zu alledem aber brauchte Roberto Luigi gar nicht zu lügen, sondern es genügte, daß er vielsagend und begeistert schwieg. Aber wie Modesta fragte, ob er auch – doch das wäre ihm sicher entgangen – den Hof des Palazzo Marino gesehen hätte, da zog Roberto Luigi all seine Schleusen auf und wurde nicht müde, zehn Minuten lang ihn zu preisen und in seinem ganzen Aufbau bis auf die letzte Figur über den Fenstern ihr in Worten wiederaufzubauen. Modesta aber sah voll Bewunderung zu ihm herüber und rief ein über das andere Mal: »Meinem Robertino entgeht auch nichts! Ich habe Jahre dazu gebraucht, Mailand kennenzulernen. Als ich dort im Liceo war, sind wir jede Woche von unserem Professor Langini einen ganzen Nachmittag durch die Museen und die Kirchen und in die Paläste gehetzt worden; und er geht nur einen halben Tag hin – gerade einen Katzensprung macht er nur nach Milano –, und er sieht alles, und mehr noch: Er behält alles ganz genau. Sogar den Hof von Galeozzo Alessi ... mio Robertino!«

Und sie griff über den kleinen Tisch und zog sich den Kopf Roberto Luigis herüber, um ihn abzuküssen. Denn Modesta Zamboni war etwas impulsiv in den Ausbrüchen ihrer Zärtlichkeit und konnte kindischer dann als ein Kind sein. Und er küßte sie lachend wieder.

Und doch brachte Roberto Luigi aus diesem Gespräch eine tiefe Beschämung in seine Scheuer ein. Und er empfand hier, wie ihn Modesta (bei Polio arrosto, bei Wein und Früchten) ein erstes Mal durch »ihr göttliches« Milano führte, das er ja schon aus zehn Büchern jetzt kannte, hier wieder das gleiche, was er schon damals in der Bahn empfunden hatte, als ihm die junge Polin über Luinis Fresken sprach: Wie verschieden war das doch! Ihm war die Beschäftigung mit diesen Dingen seit bald einem Jahrzehnt tägliches Brot gleichsam gewesen, und doch hatte die Kunst für jene (auch für Modesta!) eine Unmittelbarkeit und Lebendigkeit behalten und wirkte mit der ganzen natürlichen Frische eines beseligenden Erlebnisses auf sie, dem sie sich mit völlig unverbrauchten Sinnen hingaben. Und bei ihm war es eben doch nicht im gleichen Maße primär. Er konnte nur schwer sagen, was er eigentlich darüber empfand, es spottete der Worte, ließ sich nur umschreiben. ›Mir‹, flüsterte es in ihm, ›ist die Kunst (wie ich es heute sehe) doch immer nur ›Antonia‹ gewesen; und für Modesta wird sie eben stets ›Robertino mio‹ bleiben. Ich habe mich mit ihr viel zu früh verheiratet; aber sie hat sie zu ihrem Geliebten gemacht (neben mir, gottlob!)‹

Als aber die Nacht dann durch die geöffneten Fenster den Glimmerstaub der Sterne über sie streute – Modestas schöner, neben Roberto Luigi hingestreckter Körper zwischen dem Betthimmel und den Säulen mit den geschnitzten Widderköpfen phosphoreszierte in diesem Halblicht und glich mehr denn je einer antiken Marmorfigur, war ganz ihre uralte Schwester aus dem archäologischen Museum in Syrakus wieder – und als Modesta wieder, um ihm ihre Liedchen vorzusummen, ihre Hände an Roberto Luigis Schläfen gelegt hatte und sie hinter seinem Haupt verkreuzte, daß sie eine Wiege bildeten, da unterbrach sie plötzlich ihr Geträller und warf sich an seine Brust. »Du! Halt mich ganz fest!« rief sie. »Ganz fest! Jetzt kann die Welt untergehen, die ganze Welt ... da draußen. Sie können sich schlachten, morden, in die Luft sprengen, sich von den Aeros einen Hagel von Bomben auf ihre dummen Köpfe werfen, daß sie zerplatzen, ich würde nicht einmal deswegen aus dem Fenster schauen. Jetzt kann mir einer eine Million bieten, ich soll aufstehen ... ich werde mich nicht mal nach ihm, geschweige denn nach der Million dieser Kapitalsbestie umsehen. Du weißt ja gar nicht, wie hübsch das ist, hier bei dir zu liegen, was das für ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit mir gibt, o mio Robertino. Du kannst es mir glauben, es ist tausendmal netter, als ob ich heute in einer Polizeistation auf einer Pritsche läge, in einem Raum, der nicht größer als ein altmodisches Tischtuch ist, zusammen mit sechs Straßenmädchen, einer Ladendiebin und einer armen Kindsmörderin. Auch wenn das alles vielleicht sehr nette und brave Geschöpfe sein mögen«, fügte sie hinzu, um den Worten, die ihr aus dem Innersten drangen, gleichsam dadurch die Spitze abzubrechen. »Trotz alledem, mit meinem guten und bösen Robertino hier sind sie doch nicht zu vergleichen.«

Und dann kam es heraus: Es wäre heute in Vicenza beinahe übel ausgegangen. Zweimal hatten ihre Posten sie gewarnt, daß sie schnellstens auseinanderstoben, weil schon die politische Polizei – diese Rotte von Hunden und Meerkatzen – auf ihrer Spur war und drauf und dran, sie auszuheben. »Mit welchem Recht denn? Dem der Gewalt, der Macht, der Gemeinheit, des Unrechts!« Sie waren hier so unauffällig wie nur möglich aus der ganzen Lombardei zusammengekommen, um einmal endlich sich über die nächsten Ziele und Maßnahmen der Partei klarzuwerden. Und als sie, wieder nach einer langen Pause, am späten Nachmittag in einer Schule, dessen Direktor zu ihnen gehörte, zusammen sich fanden – sie waren schon bis auf zehn Menschen von dreißig zusammengeschmolzen und eben im besten Diskutieren –, da hieß es, man hätte auch davon wieder Wind bekommen, und sie stoben durch sechs verschiedene Ausgänge, der eine hier-, der andere dorthin. »Und wenn mich der Genosse Travaglino aus Monza nicht mit seinem Fiat mitgenommen hätte, so wäre ich noch nicht einmal hier und könnte nicht bei meinem geliebten Robertino liegen.«

In diesem Augenblick brach die Tradition von mindestens zwanzig Generationen deutscher Ehegatten in Roberto Luigi durch – seinen neuen Namen konnte er jetzt schon in einem Zuge schreiben, aber innerlich hatte er sich doch noch nicht so gut umgestellt –, und er rief: »Aber Modesta! Du hättest ja dich und mich unglücklich machen können! Wenn du erst meine Frau bist, werde ich das nicht dulden!«

»Du kleiner Narr du, mein Robertino«, rief Modesta Zamboni und warf sich lachend und ihn küssend über Roberto Luigi. »Du willst Modesta Zamboni heiraten? Sind wir nicht auch so sehr glücklich miteinander? Und ich weiß nicht einmal, wer du bist, ich weiß nur, daß ich dich liebe und daß du gut bist. Warum willst du das alles zerstören, noch bevor es von selbst einmal zerbricht?«

»Gewiß«, meinte Roberto Luigi, und er war innerlich sehr traurig; denn die einfache und uralt ausgeprobte Tatsache, daß nämlich zum Heiraten immer zwei gehören und daß mit dem Willen des einen oder der einen noch gar nichts erreicht ist, hatte er bei all seinen Erwägungen nicht mit in Rechnung gestellt. »Gewiß, Modesta, ich weiß ja, daß ich arm bin; aber das neue Italien hat so viel Möglichkeiten für einen Menschen, der fleißig sein will und nicht dumm ist.«

»Wenn mir an Geld läge, mio Robertino, so könnte ich heute eine der reichsten Frauen Italiens sein. Es gibt immer noch viele, die glücklich wären, mir ihr Vermögen zur Verfügung zu stellen, wenn ich dafür sie selbst mit in Kauf nähme. Meine Landsleute sind in solchen Dingen sehr großzügig, und für eine Frau, die sie besitzen wollen, ist ihnen kein Preis zu hoch. Hast du mal von Casandrino gehört, dem Direktor der Banca Commerciale? Die Casandrinos haben viele Güter und Palazzi in ganz Italien – man sagt, daß sie jede Woche im Jahr woanders in ganz Italien sein könnten und doch immer bei sich zu Hause wären. Hast du nie von Frederigo Casandrino gehört, der vor einem Vierteljahr bei einer Autofahrt verunglückt ist? Das heißt, er hat sich eigentlich erschossen, weil ihm Modesta Zamboni geschrieben hatte, daß sie nie einen Freund der Fascisten und eine Kapitalsbestie heiraten könne. Eines allein wäre schon genug, es nicht zu tun. Nein, mio Robertino, und wenn du arm wie ein Bettler an der Kirchentür wärest, der den grünen Friesvorhang zurückschlägt und dem der fünfzigste, der in die Kirche geht, gerade einen Soldo in die Mütze wirft, darum würde ich dir nicht weniger gut sein. Aber«, und jetzt lachte sie wieder, »sieh, Robertino mio, Modesta Zamboni ist ja ein so hübscher Name, und er gefällt mir so gut. Warum soll ich einen Menschen, den ich sowieso hasse – denn ich hasse alle Beamten, auch die Standesbeamten –, dazu veranlassen, ihn in einen Namen umzuändern, der mir weit weniger schön im Klang erscheint? Modesta Luigi ... nein, das ist lange nicht so hübsch! Das klingt mir viel zu barbarisch! Warum, du dummer Inglese du, muß denn geheiratet werden?«

»Weil ich eine wahnsinnige Furcht habe, dich je wieder zu verlieren«, schrie Roberto Luigi in die Nacht hinaus. Das aber rührte wieder Modesta sehr, und sie zog ihn an sich und erstickte ihn fast mit ihren Zärtlichkeiten. Wirklich, er war doch wie ein großes Kind! Die Männer in ihrem Lande hätten so etwas nie über ihre Lippen gebracht, schon aus Klugheit, um ihre Macht über die Frau in jenem Kampfe, den man Liebe nennt, sich nicht von der Partnerin aus den Händen winden zu lassen.

Bald jedoch begruben sie dieses Thema; denn Verliebte sind wie Kinder. Und diese haben es wieder mit den Affen gemein, daß sie sich auf etwas stürzen, als ginge es ums Leben, sich damit herumzausen und es dann grundlos wieder liegenlassen, um sich etwas anderes zum Spielen zu suchen.

Und so summte Modesta bald wieder das ticinesische Soldatenlied:

Che bella notte che fa
In gondoletta si va
Colla Lisetta
A far l'amor

Und auch Roberto Luigi schien das erste Thema nun vergessen zu haben, denn es liegt ja im Wesen des Glücks, daß es im Augenblick lebt.

Wenn später Roberto Luigi – während seine Blicke über die endlose Ebene hinwegglitten, die er von den etwas erhöhten Steinhaufen am Rande seiner im Land sich weiter und weiter hineinschiebenden Chaussee gut übersehen konnte und die wie ein Meer an Weite ringsum war unter einer erbarmungslosen Sonne (auf die ersten dreitausend bis viertausend Meter sah man noch ganz scharf die Köpfe und die flatternden Mähnen der Pferde, die aus dem hohen Grün wie die Häupter schwimmender Tiere aus dem Spiegel einer grünen wogenden See ragten, und zwischen ihnen dann, ruhiger und weniger von Fleck zu Fleck treibend, die hohen Hörner der Pampasbüffel, die wie die Silhouetten von umgedrehten und mächtigen Tastzirkeln der Bildhauer auf ganz unwahrscheinliche Entfernungen noch gegen die blaue und zittrige Luft über dieser Endlosigkeit abhoben) –, ja, wenn er da, auf seinem Steinhaufen so liegend und ermattet träumend, an jene Zeit des späten September und des Oktober zurückdachte – am Tage hatte er Modesta meist geholfen, ihre Geschäfte zu erledigen, denn sie hatte viel zu verwalten, abzurechnen mit Pächtern und dem Geschäft ihres Mannes, Bücher zu prüfen und sich zu entscheiden, ob neue Weinabschlüsse in dieser Größe gemacht werden sollten oder nicht (sie war geschäftsklüger, als es schien) –, wenn er, und was tat er sonst, daran zurückdachte, dann schmolzen sie ihm alle, diese letzten sechs bis acht Wochen bei Modesta, zu einem einzigen, milden, vergoldeten Herbstnachmittag, einer blutigen Sonne über blauem Nebel der Ebene unter ihm ... sie sank wie eine riesenhafte antike Goldmünze, die ein wahnsinniger Nero sich zu Ehren und ewigem Andenken hatte schlagen lassen, langsam, ganz langsam in den Boden hinein, starb langsam, aber in aller Prachtaufbietung dahin wie die versinkende späte Kultur der Antike. Ja, sie schmolzen ihm zusammen zu einem Nachmittag, lichtvoll und mild, wie es im Norden nur ein Maitag sein kann, und zu einem Sonnenuntergang von prunkender, schwermütiger Größe, wie Cäsarenwahn, und zu einer Nacht voller Umschlingungen, die in sich etwas wie das helle Rauschen eines Bergbachs und die Erfüllung von fünfzig Nächten trug – zu einer Nacht von tausend Liedern und uralten Kanzonen und von zehntausend solchen, wie man noch heute in Neapel auf den Gassen singt und Woche für Woche aufflattern läßt und die so zärtlich in den Tönen und so neckisch und so frech dabei sind, daß auch Modesta sie fast in ganzen Reihen, nur als Lieder ohne Worte oder richtiger mit Worten, die nur noch aus den Reimen erraten werden müssen, ihm ins Ohr summen konnte. Wirklich, Liliencron war ein Dichter, und wenn er nichts geschrieben hätte als die drei Worte, die sich in Roberto Luigi festgebissen hatten: »In Liebesüberschüttung zugebracht!«

Aber immer wieder – in dieser einen Nacht von fünfzig Nächten –, dessen erinnerte er sich nur zu deutlich, kam eine Viertelstunde, wo in ihm die Angst hochschrie, daß sein Leben einmal wieder anders und ohne Modesta Zamboni sein könnte. Und immer wieder überlegten sie, wie es zu machen sei, daß sie sich nicht mehr zu trennen brauchten. Erst hatte Modesta gelacht und tausendmal etwas Neues ersonnen, womit sie ihn witzig abfertigen konnte, doch stets so, daß er nie sagen konnte, sie hätte ihn etwa abgewiesen. Dann aber schien allgemach und von Woche zu Woche sich steigernd auch in ihr, in der stolzen Modesta Zamboni, gleichfalls eine Angst anzuwachsen, und dann wurde sie es in ihren gemeinsamen Nächten, die stets von neuem davon zu sprechen begann. Was sie nur beide tun könnten, um diesen Zustand zu verewigen. Heiraten wolle sie ihn nie und nimmer; auch in Italien aber könne sie so auf die Dauer – im Sommer hier, wo sie niemand sähe, ja; aber das wäre bald zu Ende doch auf die Dauer nicht mit ihm bleiben, sie würde lieber mit ihm irgendwo anders hingehen, wo sie niemand kenne. Vielleicht in seine Heimat ... oder nach England ... oder nach Amerika.

Er selbst, Roberto Luigi, war sich gar nicht mehr bewußt dabei, was er für ein Spiel trieb. Er hatte in all den Wochen kaum je das Gefühl einer Schuld gehabt und kaum einer Angst. Er hatte eigentlich schon alles bis auf Spuren vergessen. Er wußte kaum noch etwas von seiner Frau da oben in Deutschland, nur stundenweise kaum von seinen Kindern. Er war nie Doktor Wilhelm Schmidt gewesen, sondern wirklich und wahrhaftig Roberto Luigi. Und die Papiere da oben im Schreibtischkasten waren seine echten Papiere. Auch wenn er sich so dunkel erinnerte, daß er sie nicht an der dafür vorgeschriebenen Stelle sich hatte ausstellen lassen. Wie unsinnig ist es doch, dachte er manchmal, einen Menschen für etwas zu bestrafen, was er vor längerer Zeit getan hat! Der Mensch, den man heute dafür ins Gefängnis sperrt oder gar aufs Schafott bringt, der hat es doch gar nicht mehr getan, sondern meist irgendein anderer, mit dem er zufällig in Personalunion noch verbunden ist und den er noch mit sich herumschleppt, aber mit dem er, er selbst, sein letztes Ich, heute gar nichts mehr zu tun hat!

Aber all das ging nicht. Wohin in aller Welt sollten sie denn? Manchmal kam es Roberto Luigi in den Sinn, seiner Frau nach Deutschland alles zu schreiben mit der Bitte: »Gib mich frei ... du siehst, ich bin deiner unwürdig. Dein Ludwig.« Aber das schien ihm das Unmöglichste von allen Unmöglichkeiten. Und doch war es ungefähr nur so, als ob jemand, der seine Brieftasche sucht, sich durchaus sträubt, in der linken Innentasche seines Jacketts nachzusehen, das er gestern anhatte. Wenn irgendwo, ist sie nämlich meist da zu finden – und ähnlich wäre es auch hier gewesen.

Eines Tages jedoch, wenn man mit dem Tag nicht den Begriff des Sonnenlichts, sondern den des Sternenscheins verbindet – oder richtiger hier noch den eines halben Mondes, der ja in Italien so hell sein kann wie bei uns der ganze (wer ist nicht einmal des Nachts durch die Campagne gefahren und hat in Tageshelle, nur silbern statt golden, die Aquädukte neben sich herziehen sehen?) –, ihn, den Tag also, einen Komplex von vierundzwanzig Stunden nimmt, und gerade in dieser Nacht hatte Roberto Luigi nicht sein ewiges Thema von neuem aufgegriffen, und vielleicht hatte das die beiden noch verliebter, noch kindischer, noch zärtlicher gemacht, als die Nächte vorher es waren. Doch da, als schon ihre Glieder in Müdigkeit sich lösten und nur schwach dem Druck ihrer gegenseitigen Umschlingungen Antwort gaben, richtete sich – er sah das Bild vor sich – Modesta plötzlich mit ihrem silbernen, phosphoreszierenden Marmorkörper, wie eine Braut von Korinth, da die Mutter in die Kammer tritt, hoch, warf sich halb über ihn, als ob sie ihn vor den Blicken aller Welt verbergen wolle, und preßte ihm ihre beiden schönen, schlanken und doch fleischigen Hände mit den wie auf einer Drehbank geschaffenen gleichlangen Fingergliedern gegen beide Ohren zu. »Nun wollen wir mal Lionella spielen, mio Robertino«, sagte sie. »Ich bin Modesta, deine Herrin. Und du sollst Lionella sein. Und ich werde sehen, ob du mir auch so gut von den Lippen ablesen kannst wie sie.«

Denn in Modesta war das ähnliche Gefühl wie in Roberto Luigi mit der Zeit immer quälender und peinigender geworden, nämlich das, daß doch bald eines das andere lassen müsse, und sie hatten sich allzusehr schon aneinander verloren. Modesta hatte schon in Wahrheit von Woche zu Woche, ohne daß sie es ihrem Robertino sagen mochte, immer wieder den Tag hinausgeschoben, da sie in die Stadt zurück mußte. Sie entschuldigte es vor sich damit, daß es vielleicht unvorsichtig sei, jetzt schon wieder nach Vicenza zurückzugehen, und es besser wäre, sich eine Weile auf die unangenehme Affäre von letzthin politisch tot zu stellen. Sie lebte dort in Vicenza in einem sehr alten, aber einem wohnlichen und angenehmen Haus, vor dessen Fassade im Stil der Venezianer Gotik, die mehr Orient und Byzanz ist als Gotik, die Fremden stehenblieben, um sie nachher in den Tabakgeschäften unter den Postkarten sich herauszusuchen, als Reiseandenken mitzunehmen und nie wieder anzuschauen. Gewiß, es ließ sich auch dort schon leben. Hier aber war sie jedenfalls ganz abseits und unverdächtig. Denn es war ihr nicht ganz klar, ob man nicht von ihrer Teilnahme an jenen anderen – sie nannte den Namen nie, auch nicht bei sich selbst – nicht angenehmen Parteibesprechungen wüßte, ihr Schwierigkeiten machen könnte und sie noch schärfer überwachen würde als vordem. Die Luft in Italien war für ihre Freunde dumpf und peinlich geworden. Modesta hatte sich deshalb auch schon in den letzten Wochen zurückgezogen, aber es gab keinen Tag, da sie nicht von neuen Brutalitäten und Vergewaltigungen ihrer wertvollsten Parteigenossen irgend etwas hörte. Denn die beiden Gärtnerburschen, die da jeden Tag mehrere Stunden nach dem Garten zu sehen hatten, waren ja auch Organisierte und waren eingereiht in das große Spiel. Und während Modesta so tat, als ob sie nach ihrer Arbeit sähe, hatten sie ihr vor allem Parteinachrichten zu übermitteln.

Aber nun war es doch kaum weiter möglich für Modesta, ihre Rückkehr in die Stadt lange noch hinauszuschieben, und das hatte einen Entschluß in ihr reif werden lassen, gegen den sie lange Zeit tausend Bedenken gehabt hatte. Jetzt aber sah sie es als eine Art von Gottesorakel an: Würde er, ihr Robertino, mit den Augen hören können; oder würde er ihr die Worte nicht von den Lippen und die Wünsche von den Augen ablesen können für dieses Leben, dann wäre er sowieso der Falsche. Zweimal würde sie nicht sprechen.

Und sie preßte ihm die Hände so fest auf die Ohren, daß nachher Hände und Ohren ganz rot waren. Und sprach langsam, über ihn gebeugt, jedes Wort ganz vorn auf den Lippen: »Mio Robertino, ich – werde – deine – Frau – werden. Aber wir wollen es zuerst geheimhalten; und – ich – will – dann – mit – dir – später – in – ein – anderes – Land – gehen. Denn hier werden uns die Toten und die Lebenden nicht glücklich werden lassen.« Roberto Luigi lag eine Weile ganz starr, dann aber riß er ihren schönen Kopf zu sich herunter, daß sie im Augenblick beide von den Fluten ihrer schwarzen Haare, die sich dabei von seinem Ungestüm lösten, ganz bedeckt waren, beide darin eingehüllt wie in einer duftenden Wolke waren.

An seinen Küssen spürte sie jedoch nur allzu deutlich, daß er Wort für Wort richtig von ihren Lippen abgelesen hatte.

Das war ja eines der eigentümlichsten Dinge, über die er jetzt oft noch nachgrübelte: Ob in diesem Augenblick seine Freude irgendwie getrübt war durch Angst vor dem Wagnis oder etwa durch Reue, was er getan habe und noch zu tun gedenke? Und ob ihm doch der Gedanke vielleicht gekommen sei, in diesem Augenblick wenigstens Modesta alles zu gestehen? ›Liebste, ich betrüge dich; nicht, daß ich eigentlich gar nicht den Namen trage, den ich dir damals in der Bahn gesagt habe – das will nichts bedeuten –, ich bin trotzdem der, der ich bin. Damals war ich wohl noch Doktor Wilhelm oder Doktor Robert Ludwig Schmidt. Durch dich bin ich Roberto Luigi geworden. ›Name ist Schall und Rauch‹, sagt schon ein Dichter meiner Heimat, Goethe. Euer Benedetto Croce hat über ihn sogar geschrieben. Aber schlimmer, noch tausendmal schlimmer, Modesta, ich habe zu Hause eine Frau und zwei Kinder; und ehe die mich nicht freilassen, kann ich unmöglich ganz bei dir bleiben, Modesta, wenn ich dich nicht und mich – aber von mir spricht ja niemand – in tausend Sorgen, Peinlichkeiten und Verwirrungen hineinreißen will! Ich habe gespielt, und ich habe mit gefälschten Karten gespielt, Geliebte. Und nun bin ich soweit, daß ich sie dir aufdecken muß – sieh her!‹

Aber Roberto Luigi konnte sich durchaus nicht erinnern, daß auch nur ein Schatten dieses Gedankens in ihm gewesen wäre. Im Gegenteil, nichts als eine wahnsinnige Freude und eine Beseeligung, die ihm das Wasser in die Augen trieb. Ja, sie war so stark, daß sie Modesta einfach mitriß und nur so innerlich herumwirbelte. Und die ganzen nächsten Tage hatte er nur das eine Gefühl wie ein Kind, das ein neues Kleid zum Fest bekommen hat und nun derart stolz auf dieses neue Kleid ist, daß es die Arme weit von sich hält und sich selbst gar nicht anzufassen traut. Sein Glück und seine Zuversicht waren damals so stark, daß dagegen irgendwelche Bedenken gar nicht ankommen konnten. Das war das, was ihn heute ebensosehr erstaunte wie, daß er nachher so plötzlich auf den ersten Anstoß die Flinte ins Korn geworfen hatte. Vielleicht war es ja noch gar nicht so nötig gewesen, jedenfalls nicht in dem Maße. Warum in aller Welt hatte er sich denn nicht erst einmal beiseite schleichen und abwarten können. Vielleicht hätte Modestas Klugheit doch noch einen Ausweg gefunden. Aber ein anderes war dann doch wohl der Hauptgrund gewesen: Er schämte sich ganz einfach vor Modesta wie ein Schuljunge vor dem Lehrer, wenn der ihm die Klatsche aus dem Cicero zieht. Er liebte sie viel zu sehr, als daß er vor ihr als Betrüger dastehen konnte, und er war doch nur zum Betrüger geworden, eben weil er sie zu sehr liebte und weil er, eben dieser Liebe zu ihr wegen, das Schicksal zwingen wollte und dabei innerlich fest auf seinen Stern vertraut hatte, der ihn noch nie einen falschen Weg geführt hatte. Alles, was er bis zu dieser Stunde in den dreißig Jahren seines Lebens begonnen hatte, war ihm doch endlich zum Guten ausgeschlagen. Warum nur das nicht?

In den nächsten Tagen jedoch marschierten sie beide sehr glücklich im Haus und im Park umher, konnten gar nicht ohne einander sein, gingen immer untergefaßt oder hielten sich zum mindesten an den Händen. Ihre Liebe war in ein neues Stadium getreten. Sie hatte Zeit bekommen. Aus der Leihgabe, aus dem Geschenk auf Widerruf war ein Besitz geworden. Plötzlich hatte Modesta tausend Dinge zu zeigen und ihm zu erzählen, die sie ihm vordem nie gezeigt und erzählt hatte. Sie schloß ihm alle Schränke auf, holte aus alten Schubfächern Familienandenken an alle Generationen von hauchfeinen Stickereien der Urahne für ihr Gebetbuch und dem Vernis-Martin-Fächer der französischen Tänzerin, mit köstlichen, aber ein wenig eindeutigen Darstellungen im Stile Fragonards, bis zu Briefen Garibaldis an den Großvater und Packen eingelöster Spielschuldenschecks des Vaters. Wie es kam, daß er, daß dieser Fächer hier, zurückblieb, war ungeklärt. Die Tänzerin der Scala hatte ihn nach dem Tode ihres Freundes wohl hier nicht mehr abholen können, weil sie die Begegnung mit der frommen, aber ehelichen Konkurrentin fürchtete. Auch waren Fächer dieses Stils inzwischen sehr unmodern geworden, und diese Dame liebte es nicht, Dinge an sich zu haben, die etwa rückständig und geschmacklos gedeutet werden könnten. Denn das hätte sie auch beruflich schwer geschädigt und sie in das alte Register zurückgeworfen, das mit den Jüngeren – wenigstens in ihrem Fach! – nicht oder nur sehr schwer erfolgreich noch konkurrieren kann. Es kamen auch philosophische Gedichte des philosophischen Misanthropen zutage, sehr schöne und wie Orgelklang tief und sonor klingende Verse, die alle doch nur zum Schluß das berühmte Gedicht Leopardis variierten, das da mit einer ähnlichen Erkenntnis über das Leben schließt, wie sie letzthin auch Antonio Dionigi zu einer zusammenfassenden Äußerung bestimmten: »Die Welt ist Mist.« Doch Leopardi wie der pessimistische Ahne, wie Antonio Dionigi hatten dafür das erlösendere Wort gefunden.

Auch der Park hatte plötzlich, fest abgesperrt und verschlossen, neue, bisher ungekannte Geheimnisse. So lag zum Beispiel in einem hinteren Raum der Orangerie, des Glashauses, das nunmehr ziemlich leer war, das aber einst sicher ganze Reihen von Orangenbäumen in großen grünen Kübeln beherbergt hatte und in dem fast nur noch jetzt die Gärtner ihre Geräte zwischen allerhand Gerümpel aufbewahrten, lag also dort ein kleines Marmorbad, das ein blaues Licht von oben aus einer gerundeten Decke her bekam, in die violette und türkisfarbene Gläser aus Murano eingesetzt waren. Hier hatte einst der Bankier und Freund Terpsichores nebst einem anderen Faun (aber der war aus Marmor, hockte auf der Brüstung und spie einen dicken Strahl aus dem feixenden Bocksgesicht in das Becken) – einst hatten beide hier den Separatvorstellungen eben jener Dame zugeschaut; oder, wie sogar Modesta andeutete, auch von solchen anderen bewährten Kräften ihres Ensembles, die sie hierbei unterstützten. An einigen Reliefs, die die Wangen des Marmorbassins zierten, konnte nebenbei Roberto Luigi zu seiner Freude sein Urteil über den Lieblingsschüler Canovas revidieren. Hier war er weder süßlich noch zahm, sondern von jenem antiken Freimut, deren Proben man, wie Roberto Luigi wußte, im Museo secreto in Neapel bewahrt und von denen sicherlich nur wenige auf die heutige Zeit noch gekommen sind, dank der versittlichenden Tendenz des emporkommenden Christentums, das solche Darstellungen ablehnte und mit Recht verpönte und mit aller Gewalt ausrottete und zerschlug. Weil es erstens Kunst und fürder durchaus heidnisch war. Roberto Luigi aber war schon so weit von Professor Schlattermann entfernt innerlich, daß er über diesen letzten Rest einer verklungenen und doch hier nie gestorbenen, wenn auch tausendmal totgesagten Antike in einen Rausch von Verzückung geriet, und Modesta, seine Venus Anadyomene, immer wieder hier unter dem blauen Lichtschein der Kuppel und unter dem seligen und neidischen Grinsen des Marmorfauns lachend küßte, bis sie draußen die Gärtner, die sich wohl Harken und Besen holten, um das abgefallene Laub der Silberpappeln zusammenzukehren, in der Orangerie sprechen und hantieren hörten. Dann warteten sie, atemanhaltend, bis es wieder still wurde, und schlüpften zur Tür hinaus, die Modesta von neuem wieder versperrte mit Schlüssel und Vorlegeschloß.

Diese Tage waren so von einem restlosen Glück erfüllt für Roberto Luigi, daß es ihm ganz gleichgültig war, als ihm Lionella heimlich zuflüsterte: sie habe gestern wieder oben auf der Chaussee zwei Kerle gesehen, die das Haus beobachtet hätten, und sie hätte es erkannt; ihre Augen wären ja noch sehr gut, hundertmal besser als ihre Ohren (was eigentlich gar nichts sagen wollte, denn schon ein Kind in der zweiten Vorschulklasse lernt, daß man null mit jeder anderen Zahl multiplizieren kann und doch immer nur null wieder erhalten wird); beschwören könne sie es, es wären genau die gleichen Briganten gewesen, wie sie vor vier Wochen schon einmal um das Haus herumgeschlichen seien. »Oh, meine arme Herrin. Sie wird noch das gleiche Schicksal erleiden wie der brave und seelengute Signor Mario.« Roberto Luigi hatte plötzlich das dumpfe Gefühl, als ob dieses Herumspionieren vielleicht doch ihm gelten könnte; aber auch hier stellte es sich wieder heraus, daß die einfache und treue Lionella die Dinge eigentlich viel klarer sah als zum Beispiel unser Roberto Luigi. Denn sie kannte ihre Polizei und wußte, daß ein Forestiere, wenn er nicht gerade Messer und Schußwaffen bei sich trüge, in Italien völlig unbelästigt sei. Um seine Privatangelegenheiten kümmerten sie sich sicher nicht.

Und an einem lichten herbstlichen Morgen kam nun das Fiatwägelchen wieder angerollt, ein kleines, schmuckes, schnaufendes Tier, dem man ansah, daß es lieber rannte, bis ihm die Zunge aus dem Halse hing, als Schritt ging. Es war von neuem ganz heil und hatte auch vier neue Gummischuhe übergezogen; ebenso war es von Kopf bis zu Fuß blank geputzt mit einem schönen himmelfarbenen Anstrich – dem echten Samthimmel Giorgiones, der hell und tief zugleich ist.

Das erstemal fuhr Modesta mit ihm allein fort – sie müsse sich erst wieder einfahren, sagte sie, und wünsche nicht, ein Leben, das ihr lieb wäre, in Gefahr zu bringen; auch müsse jemand da sein und bleiben, der ihr Grab pflegen könne. Sie wünsche ein kleines Modell eines Autos, wie das ihrige, auf ihrem Grabstein, damit man nicht im Zweifel wäre, was sie vorzeitig an diese Stelle gebracht habe. In Wahrheit wollte sie aber ihren Robertino deshalb nicht mitnehmen, weil sie sich den Betrieb einer kleinen Kunstseidenspinnerei ansehen wollte, die ganz modern eingerichtet war und ungefähr hundert Prozent vergangenes Jahr abgeworfen hatte. Es war ihr nämlich von Freunden angeboten worden, sich an dieser zu beteiligen, und sie wollte es tun, wenn sie ihrem Robertino dort einen Posten verschaffen könnte. Selbst wenn dieser Artikel entwertet wurde (ganz schwinden würde er so bald nicht), so konnte man mit ihm heruntergehen, soviel man immer wollte. Endlich war er ebenso billig beinahe wie baumwollene Gewebe herzustellen, konnte also jede Konkurrenz aushalten. Und Elektrizität war durch die Wasserkräfte des nahen Gebirges sehr wohlfeil hier. Gewiß haßte Modesta das Kapital und vor allem seinen privilegierten Straßenraub, wie sie sich ausdrückte, und noch mehr die brutalen Colleonimanieren, die sich als Renaissancenaturen fühlen und doch nur Industriepiraten sind, die, wie sie sagte, in dem Arbeiter, der ihre und ihrer Aktionäre Vermögen erwürbe, immer noch den Sklaven der Antike und, wenn sie ganz modern dächten, den Unmündigen oder den natürlichen Feind sähen. Aber dieser ihr Haß ging doch nicht so weit bei Modesta, daß sie sich nicht sagte, daß es, solange wir eben in einer Gesellschaft mit kapitalistischer Grundlage lebten, doch ein Unsinn wäre, nur die anderen die Vorteile daraus ziehen zu lassen. Vor allem, wenn man sich ihrer versichern könnte, ohne jemand direkt zu schädigen. Jedenfalls würde die Summe des begangenen Unrechts kaum vergrößert, wenn sie etwas täte, was sonst ein anderer tun würde. Endlich genüge es, diese so aufgebaute Welt zu hassen und den Aufbau einer anders, gerechter gearteten herbeizuwünschen und sich an der Neuschaffung zu beteiligen. An ihr, der unzulänglichen, heute aber teilhaben bedeute noch lange nicht, seinen Idealen untreu zu werden; sie sehne eine Änderung herbei und wäre die letzte, die sich sträube, sich dieser Änderung, wenn sie in die Wirklichkeit umgesetzt würde, zu widersetzen. Im Gegenteil, sie würde sie jubelnd begrüßen und ihr sich und alles zur Verfügung stellen, was sie besäße; nur, solange wie diese Welt noch nicht da wäre ...

Wir wollen uns nicht über Modesta hier etwa überheben; sie war eine so ehrliche Sozialistin wie nur eine, die aus dem Lager der Bürgerlichen stammte, und unterschied sich auch in dieser Grundanschauung keineswegs oder nur zu ihrem Vorteil von jenen, die aus dem Lager des Proletariats in das der Bürgerlichkeit später emporgestiegen waren. Sie war nicht anders wie wir alle in Europa, die wir gern eine nichtkapitalistische Welt ersehnen und sie aufrichtig für uns und unseren Mitbruder erhoffen, aber solange ebensogern die Vorteile einer kapitalistischen Welt für uns in Anspruch nehmen, sowie es uns möglich ist, uns ihrer zu versichern.

Und Modesta Zamboni kam von ihrer ersten Fahrt seit langer Zeit sehr heiter und gerötet von dem scharfen Luftzug und eingebrannt von der immer noch wirksamen Sonne zurück; denn sie hatte alles wider Erwarten gut befunden und sich ausbedungen, daß, wenn sie einträte, sie einen ihr nahestehenden Vertrauensmann in die Societa anonima entsenden dürfe. Ihrem Robertino sagte sie aber, daß das Auto doch eine Erfindung wäre, die mit vielen ekelhaften Dingen der Neuzeit versöhne, und sie beneidete die »schöne Simonetta« schon deshalb nicht, wenn sie auch von Botticelli gemalt und in den Versen eines Mediceers unsterblich geworden wäre, weil sie doch nie von jenem ein Automobil als Angebinde erhalten hätte. Sie schmückte das noch weiter ihrem Robertino aus, was das für ein Anblick gewesen wäre, wenn man sich die »schöne Simonetta« in ihrem offenen Packardwagen vorstellen wolle und die langen Haare von der Farbe wie reife Hirse, so goldgelb, hinter ihr herwehen würden, wenn sie die großen Kurven der Fahrstraße nach San Domenico nähme, um in der Villa ihres Freundes die Teestunde nicht zu versäumen. Und Modesta erreichte damit, daß Roberto Luigi eine Art von Groll und eine geheime Eifersucht gegen den kleinen Fiatwagen bekam.

Als sie dann aber beide an einem der nächsten Morgen hinüberfuhren nach Bergamo durch die ganz leise kupferig und herbstlich in der Frühsonne angetönte Berglandschaft, hatte dieses Gefühl gegen das Auto sich völlig gegeben. In Bergamo, in der Oberstadt, verlief alles oder fast alles ohne jede Schwierigkeiten oder gar einen peinlichen Verdacht erweckenden Zwischenfall. Der Beamte hatte die Manieren eines Marchese, der ihnen Audienz erteilt; aber – das erschien Roberto als Unterschied gegen den Norden – über seinen Besuch genau ebenso erfreut schien, wie er es von dem Besuch erwartete, darüber, daß sie von ihm hier in seinen alten, schönen Privatgemächern (und das waren sie, denn das Standesamt lag in einem alten, wunderschönen Palazzo) empfangen wurden. Modesta dachte zuerst, Roberto müsse sich alle Papiere außer seinem Ausweis noch schicken lassen, und war erstaunt, daß er alles auf die Reise mitgenommen hatte, ja fast noch mehr, als er eigentlich brauche. Während sie, die doch mit diesem Institut vertraut war, geradezu zwei Papiere vergessen hatte – das heißt, an den Totenschein ihres armen Mario hätte sie wirklich nicht denken können, etwas Ähnliches war damals nicht von ihr verlangt worden. Als sie aber den Raum verließen, kniff der Türsteher das Auge ein, das eine – ganz unbemerkt und nur für Roberto Luigi geltend –, während er die Hand (mit der Geste eines sich verbeugenden Schauspielers an der Rampe) dabei hinhielt. Roberto Luigi ließ ihm eine 10-Lire-Note hineingleiten und meinte auf Modestas Erstaunen: »Ich glaube, man muß das tun.« Und beinahe hätte er hinzugesetzt: ›In Deutschland tut man das auch.‹

Luigi und Modesta wollten noch dies und jenes von Bergamo sehen, denn es ist eine feine und liebe und sehr malerische Stadt; aber beide waren doch gerührt, beide waren sehr verliebt ineinander und waren stolz und sehr glücklich. Und so sahen sie eigentlich gar nichts dieses Mal und waren froh, als sie wieder in ihrem Fiat saßen.

Als sie aber wieder vor Modestas Villeggiatur ausstiegen und im offenen Hausgang, der heute ebenso, wenn auch einige Stunden schon früher als an jenem Augustabend, von dem Rot der in der Ebene niedersinkenden Sonne, die ihre Strahlen schon von unten heraufwarf – also ganz durchflossen von jener Gloriole, in der damals Modesta wie eine Vision, wie eine echte Madonna Luinis gestanden hatte –, ebenso von purpurnem Goldstaub also erfüllt war ... und als sie da aufatmend sich in die Arme sanken, daß sie das nun doch endlich hinter sich und überstanden hätten, da sagte Roberto Luigi: »Du, Modesta, ich glaube, Bergamo ist eine ganz entzückende Stadt, aber ich rate keinem, mit Modesta Zamboni dort hinzufahren. Denn er wird von ganz Bergamo nur Modesta Zamboni sehen. Oder ich rate es jedem.« Aber Modesta strahlte und lachte, denn für solche Komplimente war sie zu haben.

Die letzte naturwissenschaftliche Erkenntnis will wissen, daß alle Entwicklung und alles Weiterschreiten nicht, wie man bislang glaubte, langsam und stetig vor sich gehe, sondern ruckweise oder besser noch schußweise – die Änderungen vollzogen sich so wie bei einer Uhr mit springenden Zahlen. Es ist acht Uhr einundfünfzig und plötzlich ist es acht Uhr zweiundfünfzig. Einen Zeiger hat niemand weiterrücken sehen. Ob die Quantentheorie für die körperhaften Dinge stimmt, wage ich nicht zu entscheiden, trotzdem es mir sehr einleuchten mag, doch für die seelischen und die gefühlsmäßigen Dinge stimmt sie jedenfalls. Und das bewies sich zum Beispiel auch hier durch die einfache Tatsache, daß Modesta und Roberto Luigi, nachdem sie in Bergamo mit dem freundlichen, marchesehaften Herrn mit dem weißen Schnauzbart, den er noch aus einem verschollenen Italien in die Gegenwart gerettet hatte ... nachdem sie also mit jenem einige vorzunehmende Formalitäten auch nur besprochen hatten, beide plötzlich – ruck- und schußweise gleichsam –, mit ihrem gegenseitigen Verhältnis zu einer neuen und andersartigen Konsolidierung gekommen waren. Sie standen nunmehr, um die gefrorene Phrase des Politikers mit Dank zu übernehmen, auf dem Boden der Tatsachen. Sie waren von dieser Stunde an eigentlich schon zwei Menschen, die ihr Dasein – warum kann man nicht die Mehrzahl, »ihre Daseins«, bilden? – schon zu einer ehelichen Interessengemeinschaft miteinander verknüpft hatten. Die nächsten Tage, beginnend mit diesem Abend, bauten sie ganz ernsthaft an ihren Zukunftsplänen, und Modesta war eine durchaus real denkende Dame. »Kunstseidenfabrikation von der Pike an«, schlug sie vor, »zuerst eine einfache Handelsschule nebenher, dann eine Handelshochschule und, wenn angängig, nachher in Padua den Doktor rer. pol. oder der Philosophie.« Klug schien er ihr doch, und warum solle er nicht auch eine Doktorprüfung bestehen können? Das hätten schon viel Dümmere gekonnt als ihr Robertino. Ein Großkaufmann müsse heute, wenn er etwas gelten wolle, Doktor der Philosophie, der Volkswissenschaften oder wenigstens der Handelswissenschaften sein. Ein Doktortitel, sagte Modesta, wäre für den Kaufmann höheren Stils in ihrem Lande außerordentlich von Vorteil, ein Freibrief sozusagen, damit er seinen volksbetrügenden Machenschaften den Mantel erkenntnistheoretischer Erwägungen und staatserhaltender Notwendigkeiten umhängen könne. Signor Passini wäre als Industriepirat immer in der Öffentlichkeit noch fragwürdiger als »Dottore Passini«.

Dieses Gespräch hätte beinahe alles umgeworfen. Denn es verwundete den akademischen Stolz des ehemaligen Doktor Robert Ludwig Wilhelm Schmidt tief und nachhaltig, und es hätte nicht wenig gefehlt, ebendieser – nicht Roberto Luigi! – hätte die Karten aufgedeckt. Er betrachtete es nämlich von je als einen Mangel an Idealismus, wenn man im Nachweis wissenschaftlicher Befähigung, der doch durch den Doktorgrad gewährleistet wurde, nicht mehr sehen wollte als eine Sicherung für das Fortkommen im Leben. So ungefähr, als ob innerhalb einer Tiergruppe der liebe Gott zur besseren Selbstbehauptung, und um ihnen Macht und Vorrecht unter den anderen zu geben, einzelne hervorragende Individuen mit schärferen Zähnen und Krallen oder gar mit stoßfreudigen Hörnern bewehrt hat. Er hatte, dem Himmel sei Dank, seinen Glauben an die Wissenschaften und ihren den Menschen veredelnden Zweck noch nicht verloren!

Dieses Thema hätte also beinahe – daran mußte er jetzt in Las Casas öfters denken – eines der ersten ehelichen Gespräche zwischen ihm und Modesta heraufbeschworen – wie als einen deutlichen Beweis für die Richtigkeit der Quantentheorie, wenigstens auf dem Gebiet des Seelischen. Und wenn es nicht dazu kam und ihrem Glück solche ehelichen Auseinandersetzungen erspart blieben, so lag das nicht an Roberto Luigi, der sich innerlich noch nicht ganz umgestellt hatte, sondern eigentlich mehr an dem Sonderfall, den dieser zu gründende Ehebund darstellte. Und noch durch eine zweite Tatsache wurde die seelische Quantentheorie hier erhärtet: daß nämlich mit dieser Stunde alles Vergangene völlig von ihm abgefallen war. Bislang war es noch, wie bei einem welken Blatt, das so an einem Fädchen hängt, mit ihm verbunden gewesen; aber nun war es ihm in dieser Stunde vollkommen entflattert, hatte sich ganz von seinem Ich gelöst. Weder gab es ein Gefühl des getanen Unrechts noch der Reue, noch das einer Furcht vor kommenden Dingen. Er war ja, wie ich öfter schon erwähnte, ein träumerischer Mensch – und vielleicht daneben, wie jeder, der im Leben über das hinauskommt, was ihm eigentlich vom Schicksal bestimmt war, denn das wäre ja (bei einer so kinderreichen Familie eines armen Volksschullehrers als Voraussetzung) im besten Fall wieder Volksschullehrer oder Gerichtssekretär gewesen, da in dem Deutschland von heute die schönen Worte »Freie Bahn dem Tüchtigen!« weniger gelten denn je vorher ... ein träumerischer Mensch also war er – und daneben, wie jeder, der in andere Sphären als die ihm vorausbestimmten emporsteigt, etwas Hochstapler gerade dadurch geworden. Es liegt aber im Wesen des Hochstaplers, von dem ein jeder von uns doch ein Stück mit sich und in sich trägt, die Rolle, die er sich zuteilt, nicht nur zu spielen, sondern sie auch zu sein. Zu dieser Stunde wenigstens. So wie eben der gute Schauspieler Hamlet oder der Marquis von Keith ist, bis er sich wieder abgeschminkt hat. Nachher vergißt er es aber leicht wieder, daß er je Hamlet oder der Marquis von Keith war. Schauspieler oder Hochstapler, die in diesen Stunden nicht voll und ganz sich selber glauben und noch wissen, daß sie Schauspieler oder Hochstapler sind, sind keine.

Und was tat er denn? sagte sich Roberto Luigi im letzten Augenblick der Überlegung. Hätte er, ohne sich ehelich zu binden, mit Antonia zusammen gelebt, wie er es ja gewünscht hatte ehedem – denn nie hatte er in dem lächerlichen und unreifen Alter von zweiundzwanzig Jahren an eine Verbindung für ein ganzes Leben gedacht, aber als dann sogleich Erhard Tilman in Erscheinung trat, bestand eben Antonia darauf –, so ginge er heute von ihr, eben in vollem Frieden und, wie Odysseus von Nausikaa schied, »mehr segnend als verliebt«.

Hätte er aber so ein Jahrzehnt mit ihr nur zusammen gelebt, doch genau wie es war, als Vater ihrer Kinder, die doch ganz der Mutter und nur zu einem unnennbaren Bruchteil ihm, dem Vater, gehörten – alles wäre für ihn unnötig gewesen! Und das, was er jetzt getan, wäre nun kein Verbrechen, kein Vergehen, in das der Staat sich einmischt, um ihn, so er ihn packt, dafür in das Gefängnis zu sperren, sondern es wäre nur eine simple Privatsache, die zwei Menschen unter sich abzumachen hätten und ohne Beteiligung jeder Gerichte auch tausendmal – schwer oder leicht – unter, sich abmachen. Hunderte, die die Welt kennt und verehrt, haben nicht anders gehandelt. Wie zum Beispiel jener Hebbel, wie sogar Goethe; oder was war seine italienische Reise anderes als eine Flucht vor Frau von Stein? Wie oft werden langjährige Beziehungen gelöst, wenn zwei Menschen sich voneinander entfernt haben, wenn einer über den anderen hinausgewachsen ist oder wenn er eben jener Macht verfällt, die er bei dem anderen vorher nie gefühlt hat oder die, bei jenem einmal verloren, nicht wieder zu erwecken war. Worin bestand nun, um Himmels willen, der Unterschied zwischen diesen Fällen und dem seinigen? Man mochte ihm das sagen! Wo war die essentielle Verschiedenheit? Einzig und allein in einem Fetzen Papier und in dem Verlesen einer Formel durch einen Menschen, den man nie nachher wieder in seinem Leben gesehen hatte! Sonst aber deckten diese beiden Dinge sich ganz genau wie zwei kongruente Dreiecke – eben bis auf diese eine fatale Viertelstunde. Und nur diese eine fatale Viertelstunde machte aus dem einen einen Verbrecher, dessen Schandtaten vielleicht durch die Zeitungen gezerrt wurden, der später in seiner Zelle auf einem Täfelchen, damit er es täglich vor Augen habe, die Bezeichnung seines Verbrechens und die Länge seiner Strafe lesen mußte, damit er ja die nötige Reue darüber empfinde. Während der andere genauso geachtet weiterleben konnte denn vorher und jeder es möglichst vermeidet, selbst wenn er davon erfahren hat, von diesen allerpersönlichsten Dingen des Mitmenschen Notiz zu nehmen. Der Anständigere, der Bürgerlichere, der Dümmere, der, der glaubte, seiner Gefühle für die Dauer seines Lebens sicher zu sein, er wandert, wenn er endlich einmal unter einem nicht zu dämmenden Zwang ausbricht, also für das in die Gefängnisse und in die Ächtung der Gesellschaft hinein, was der Unbürgerliche, der von der Ewigkeit seiner Gefühle Nichtüberzeugte, jedenfalls der Klügere und Skrupellosere völlig ungestraft tun kann und nur mit sich abmacht. Es war doch eine zu blödsinnige Welt, die ihn, den einen, zum Lügen und Trügen, zur Heuchelei und zu einem Doppelleben zwang, dort, wo der andere ungehemmt auf geraden Wegen auf sein Ziel zumarschieren konnte!

Aber solchen Betrachtungen gab sich unser Roberto Luigi nur noch in wenigen Augenblicken hin, da seine neue und letzte Rolle ihn ganz und vollkommen in ihren Bahn zwang. Und dafür, daß sie nicht häufig in diesen Tagen waren, sorgte schon Modesta Zamboni. Jetzt, da sie wußte, daß sie ihren Robertino behalten würde, war eine Freudigkeit über sie gekommen und jene liebenswürdige Heiterkeit, die immer wieder in neuen Formen schillerte und die schon Stendhal an den Frauen der italienischen Gesellschaft mit beredten Worten einst gepriesen hatte; »eine Frau, die schlechter Laune ist, sähe keinen Menschen bei sich«. Über seinen Nächten jedoch da oben in dem Zimmer mit dem weiten Blick stand das andere Wort, jenes andere, das Stendhal über die Italienerin der Gesellschaft sagt: »Die Leidenschaften unterjochen sie und erfüllen sie vollends.« Genau vor hundert Jahren hatte das Stendhal geschrieben. Aber was sind, dachte Roberto Luigi oft, hundert Jahre für ein Land wie Italien!

Wie aber, frage ich, sollte da jetzt noch unser Roberto Luigi sein Stichwort oder gar seine ganze Rolle vergessen als ein Hochstapler des Lebens – wie wir es alle sind, der mehr und jener weniger, je nach der Art des Daseins, das wir führen?

An einem der nächsten Tage aber sagte Modesta: »Mio Robertino, da du in meinem Examen letzthin über Milano so über alle Hoffnung glänzend abgeschnitten hast, während du über das reizende Bergamo nur sagen konntest, daß dich deine häßliche und idiotische Modesta daran gehindert hätte, es mit Vorteil in Augenschein zu nehmen, so wirst du morgen allein noch einmal zur Strafe nach Bergamo fahren, um diese Papiere hier an der besagten Stelle und vor dem Pseudomarchese des Standesamtes niederzulegen. Die Antworten auf das, was man dich über mich vielleicht noch fragen könnte, habe ich dir auf diesen Zettel geschrieben. Also, wenn er dich darüber aushorchen sollte, ob meine Großmutter mit Ammenmilch, Muttermilch oder Eselsmilch genährt worden ist, so antworte ruhig: Ziegenmilch. Er will nur eine Antwort haben, damit die Akten stimmen. Der Urgroßvater ist an einer Operation der Hühneraugen gestorben, und die Urgroßmutter hat in ihrer Jugend zweimal Scharlach gehabt. Verschweige das nicht, denn unser heutiges Italien ist sehr indiskret und will alles wissen. Ich, wie dir bekannt, hasse auch Beamte dieser Art und werde mich deshalb morgen nach Milano chauffieren. Dich aber werde ich nicht mitnehmen, da du Wichtigeres zu tun hast. Du mußt früh fahren, damit du den ersten Autobus bekommst. Da der falsche Marchese es sagte, man könne diese Papiere auch schicken, tue ich es – aber durch dich.«

Wenn Roberto Luigi schon verheiratet gewesen wäre, so hätte er vielleicht an Modesta nach deutscher Art die Frage gerichtet: »Was willst du denn eigentlich in Milano?« So aber hatte er das eine wenigstens noch nicht wieder vergessen, was er durch Modestas Beispiel in den zehn Wochen langsam gelernt hatte, daß es als sehr unerzogen hier gilt, jemand nach Dingen zu fragen, die er nicht so anvertrauen will. Hatte nicht Modesta gerade ihm gegenüber in all der Zeit vom ersten Tage an eine Zurückhaltung bewiesen, von der er nie glaubte, daß sie mit dem Wesen der Frau vereinbar wäre!

In Wahrheit aber handelte es sich für Modesta in Mailand um nichts anderes als um eine erneute Besprechung und vielleicht sogar schon um ein notarielles Abkommen mit der Spinnerei für Kunstseide; jedenfalls aber wollte sie mit ihrem Advokaten die Angelegenheit noch einmal nach allen Seiten hin und her wenden. Denn so unbedenklich Modesta war, wenn ihr Gefühl und ihre Leidenschaft die Karten gemischt hatten, so vorsichtig war sie in allem, was ihr Vermögen anging. Während es bei den meisten Frauen doch gerade umgekehrt zu sein pflegt und die deshalb, sowie sie allein stehen, weder das eine, ihre Freunde, noch das andere, ihr Geld, zu halten vermögen, ihren Gefühlen nicht nachzugeben sich getrauen und ihr Vermögen nicht festzuhalten verstehen.

Und ziemlich früh am Morgen, als der erste Autobus am Hause vorbeiratterte, winkte Roberto Luigi ihm schon zu und fuhr durch ein wenig nebliges und wieder etwas mehr herbstlich gewordenes Land herüber nach Bergamo. Dieses Mal tat er es mit der festen Absicht, sich in Ruhe der Architektur und der Kunst hinzugeben, die diese liebenswürdige und originelle alte Bergstadt, die Modesta als ein Orvieto der Lombardei bezeichnet hatte, dem nachdenklichen Beschauer zu bieten hatte. Erst seitdem Roberto Luigi mit sich selbst darüber einig geworden war, daß ihm Kunst kein Gegenstand des Studiums, der Datierung, der Stilbestimmung mehr sein dürfe, glaubte er die rechte Freude ohne allen Nebensinn an ihr gewonnen zu haben; so, wie er sie in dem Gespräch mit Katja – warum in aller Welt mußte er nur an den kleinen Bologneser mit den Reihen von Brillantringen auf den Fingern heute so viel denken? – über Luini und in den hundert Gesprächen mit Modesta über alles, was sie in Italien kannte, an jenen beiden Frauen festgestellt und bewundert hatte. Immerhin (das nicht zu empfinden, war er wieder zu klug!) war doch viel zuviel deutsche Schwere und Gründlichkeit noch in ihm, um an der Nuance wie jene von vorn herein die gleiche Freude zu haben und um ohne alle Umschweife sogleich das Essentielle zu packen. Ei: ließ noch immer zuerst seinen Verstand sprechen. Jene aber schalteten wie absichtlich ihren Intellekt aus und öffneten nur ihre Sinne der Kunst, wie eine Anemone; ihre Blütenblätter den ersten Sonnenstrahlen.

Doch Roberto Luigi hatte, dessen war er sich bewußt, ja hier noch so viel zu lernen in dieser ihm neuen Welt. Diesen Tag also, die fünf Stunden, die ihm blieben, wollte er langsam, gemächlich und in einem ziellosen Schlendern nur genießen. Wie etwas hieße, wann es geschaffen oder für wen, keinen Namen einer Kirche, kein Jahr, keinen Stil wollte er auch nur ahnen! Er wollte sich nur – das hatte er sich bestimmt vorgenommen – von all den Dingen hier betören lassen, wünschte beseligt oder entflammt zu werden, ein Abbild oder einen Traum des Lebens darin wiederfinden. Und dann würde er am Abend Modesta genauso leicht – und doch mit dem Sinn für jene vom Kenner so gern übersehenen Einzelheiten und Eigenheiten – mit einem durchaus persönlich gefärbten Timbre des Betrachtens heute abend also von dem künstlerisch und architektonisch Erlebten des Tages erzählen und berichten können.

Aber unser Roberto Luigi irrte sich – erstens ist eine solche Betrachtung der Dinge viel schwerer, als er annahm; hängt mit Rasse, Erziehung und Kultivierung zusammen, mit einer Empfindsamkeit der Nerven, die man sich schwer nur aneignen und gar nicht anzwingen kann, wenn sie nicht durch Generationen, wie bei Modesta, schon vererbt ist. Und dann muß man zuerst alles gewußt und dann wieder alles vergessen haben, um auf diese Art wieder Kunst empfinden zu können. So wie es zum Beispiel in höchster Form einzelne Maler wie Delacroix oder Fromentin gekonnt haben.

Ach, und dann irrte Roberto Luigi sich deshalb, weil er nicht mit den Imponderabilien des Daseins rechnen konnte und weil, um das Bild von ehedem zu brauchen – noch bevor er dazu kam, der Kunst Bergamos eine erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken –, sich ein neuer Ring in seiner Schicksalskette – eben der vorletzte Ring seiner Schicksalskette – ganz plötzlich und scharf einschnappend schloß und er dadurch in schwere Bekümmernis vorerst geworfen wurde.

Leicht im Herzen, wie jene letzten Schwalben, denen er zusah, als die Bergbahn ihn nach oben zog, und die über der Stadt der Ebene neben ihm zwitschernd sich in der blauen Luft tummelten (im Norden mußten die letzten Schwalben wohl schon drei, vier Wochen fort sein, schoß es ihm durch den Kopf; entweder waren es einheimische einer letzten Brut oder aber eine Wanderschar, die vom Norden kam, hier hängengeblieben grad wie er). Schwalbenleicht im Herzen war er also nach oben gefahren, war durch enge, vom Morgennebel (oder einer morgendlichen Feuchtigkeit – Nebel gibt es hier eigentlich nicht, wenigstens nicht um diese Jahreszeit schon, vielleicht manchmal einen Monat später) etwas angeschwärzte Gassen gegangen auf jenem schönen, uralten und ebenmäßigen italienischen Pflaster, das die Füße nicht spüren. Er war dann, ohne eigentlich rechts und links zu sehen, über den großen Platz geschritten, an dem himmelstrebenden Turm vorüber. Er hatte sich an den Arkaden drüben gefreut, ohne der Stein- und Bronzeanhäufung eines modernen Denkmals viel Beachtung zu schenken. Noch jedenfalls hatte er weniger auf die Bauten und Brunnen und Kirchen gesehen, sondern sich nur eigentlich vorerst ergötzt, wie nett die Sonne – dieser nimmermüde Silhouettenschneider – die Schatten auf das Pflaster malte. Und so steuerte er über den Platz hin, auf jenen Palazzo los, allwo er der Papiere Modestas ledig werden wollte.

Das Standesamt befand sich da neben so allerhand Ämtern, Steuerkassen, wohl auch Polizei und mancherlei Verwaltungen. Kurz, jener ganze Apparat, der dafür sorgt, daß der Bürger seine Ruhe hat und auch weiß, wofür er seine Steuern zahlt, und daß der Nichtbürger so in Schach gehalten und schikaniert wird, daß er eben jenen Bürger sowie den Staat gleichfalls in Ruhe läßt (damit es beiden also zwiefach gut gehe), also jene ganze umfängliche Maschinerie war hier in diesem alten und vornehmen Palazzo vereint.

Die Papiere brauchte Roberto Luigi nebenbei dem Pseudomarchese gar nicht persönlich zu überreichen. Ein Sekretär nahm sie ihm ab und sagte »benissime«. Alle Antworten bis auf Ziegenmilch – das heißt, Modesta hatte, wie er nachher sah, frech »Bocksmilch« ihm aufgeschrieben – waren überflüssig. Denn niemand dachte daran, ihn nach irgend etwas noch zu befragen. Der Diener, der die Tür hielt, verbeugte sich sogar und zwinkerte mit dem linken Auge, sagte mit Betonung »addio, signore Luigi«, um zu zeigen, daß er von seiner Existenz wohl unterrichtet war. Aber dieses Zwinkern brachte ihm dieses Mal, da es für Roberto Luigi den Reiz der Neuheit nicht mehr besaß, nur fünf Lire ein, und er beschloß innerlich, sogar das nächste Mal auf zwei bis drei herunterzugehen.

Und als er doch etwas rot und mit einigem Herzklopfen die schöne, breite Treppe wieder herunterstieg, mußte ihn, unseren Roberto Luigi, der Hafer stechen, daß er in dem weiten, hallenartigen Vorraum mit seinen schönen Säulen, die ein stolzes Gewölbe trugen, einen Augenblick verweilte, um einmal an den Anschlägen nachzusehen, ob vielleicht sein Aufgebot mit Modesta da schon hinter den Drahtgeflechten der Aushängekästen wäre oder an anderer Stelle zu entdecken sei. Wie Roberto Luigi daraufkam, war nur schwer zu begreifen, denn er konnte sich doch sagen, daß, wenn er oben vor einer Minute erst die letzten und wichtigsten Papiere Modestas deponiert hatte, nicht unten schon der Aushang auf dem Schwarzen Brett sein könne. Und weiter wußte er gar nicht, ob Italien überhaupt gerade diese Art öffentlichen Aushangs, dessen er sich aus Deutschland noch sehr genau erinnerte, kenne; oder einen anderen Modus sich dafür gewählt hätte. Aber plötzlich, nachdem er in allerhand neuen Erlässen zur Mahl- und Schlachtsteuer sich umgetan hatte und über das Halten von Hunden und die Reinigung der Latrinen Belehrungen empfangen hatte, stand er so, von Kasten zu Kasten schreitend, vor einem, in dem nur ein einziger großer, schreiend gelber Anschlag war: »6000, in Worten: sechstausend Lire«, stand fett darüber, »zahlen wir sofort demjenigen, der über den Verbleib nebenstehend abgebildeter Person zweckdienliche Angaben machen kann. Doktor Wilhelm Schmidt, genannt Doktor Robert Ludwig Schmidt (auch nur Robert Ludwig), ist am 10. August nach Mailand gereist. Er hat sich die Nacht vom 10. zum 11. nachweislich in Lugano aufgehalten, ohne daß er am 11. August nach Mailand gekommen wäre. Ein großer Kabinenkoffer, A. S. 1919 gezeichnet, ist aber dort später am 24. August achteinhalb Uhr durch Unbekannte von der Bahn abgeholt worden und auf ein Auto verladen und fortgeschafft worden. Die auf der Bank für den Reisenden bereitliegenden Gelder sind von ihm an keiner Bankfiliale Italiens abgehoben worden. Die tiefbetrübten Angehörigen fürchten, daß der Reisende einem Verbrechen oder einem Unfall zum Opfer gefallen ist, und haben infolgedessen zur Aufklärung des Tatbestandes obige Belohnung ausgesetzt. Wenn es durch Angaben gelingen sollte, den Reisenden, der in früheren Jahren schon öfters Spuren von Melancholie zeigte, lebend wieder den tiefbekümmerten Seinen zuzuführen, so erhöht sich die Belohnung auf das Doppelte, also auf 12 000, in Worten: zwölftausend Lire.« Dann aber folgte noch ein genaues Signalement bis auf eine Narbe am rechten Oberschenkel, weil er als Kind an der Spitze eines Eisenzauns einmal hängengeblieben war. Die Photographie war alt nebenbei und schlecht und der Netzdruck nach ihr geradezu unmöglich, so etwas machte man in Deutschland unvergleichlich viel besser.

Erstens war er kein Melancholiker; nun ja, er war ja oft über manches in seinem, das heißt in Antonias Haus etwas deprimiert gewesen; aber das berechtigte doch nicht, ihn zu einem Psychopathen zu stempeln. Und zweitens: Was ging alle Welt das an, daß er eine drei und einen halben Zentimeter große rötliche Narbe am rechten Oberschenkel hatte? Drittens aber fand er, daß diese alte Photographie mit dem Vollbart ihn geradezu kompromittierte. Er sah auf ihr wirklich nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Pithecanthropus erectus aus, wie das lange gesuchte Missing link. Im ganzen jedoch warf ihn dieser Anschlag da furchtbar nieder; denn er war kein Mensch, der gewohnt war zu wissen, daß die Polizei hinter ihm her war.

In Wahrheit war natürlich die Polizei gar nicht hinter ihm her und hatte den Aushang hier gleichsam nur aus Entgegenkommen hingehängt. Denn daß Leute, die von Norden kamen, in dem schönen Italien zuerst einmal auf ein, zwei Monate untertauchten und, im Banne einer seelischen Lähmung, ihre Heimat und ihre Angehörigen vergaßen, war ihr etwas Allbekanntes und Alltägliches. Sie wußte das schon und hatte an die besorgte Frau Antonie in einem freundlichen, aber in etwas merkwürdigem Deutsch verfaßten Schreiben (sogar aus der Zentrale in Rom) geschrieben, daß sie sich nicht beunruhigen solle, da ihrer Erfahrung nach die Vermißten dieser Art sich meist – wenn auch oft erst nach längerer Dauer – wieder von selbst einfänden. Wenn sie aber wünsche, daß trotzdem der Aushang auf den wichtigsten Bahnstationen und den größeren Polizeipräfekturen gemacht würde, so wäre es für sie mit einem Kostenaufwand von soundso viel verbunden. Irgendwelche Unsicherheit für das Leben eines Fremden bestände dank dem vorzüglichen Ordnungsdienst in ihrem Lande weniger als an irgendeiner anderen Stelle Europas.

Wenn Roberto Luigi diesen Brief gelesen hätte, so hätte ihn das sicher sehr beruhigt und auch dadurch erfreut, daß die italienische Polizei mit so viel Menschlichkeit die Bedenken und Ängstlichkeit einer armen Frau zu zerstreuen sich bestrebte. Aber wenn er sich den Anschlag weiter angesehen hätte, so hätte ihm auffallen müssen, daß er doch gar kein amtliches Schriftstück war mit vielen Stempeln und vielen Unterschriften wie jene Steckbriefe und Fahndungsnotizen, die in ihrer sehr kategorischen Form drüben an einem anderen Aushang von ihm vorher einer eingehenden Betrachtung gewürdigt worden waren. Er hätte sehen müssen, daß sein Bild eine Stempelmarke wie ein Plakat von Cinzano oder einem Chininpräparat trug. Es glich eher etwa jenen Anschlägen, die er bei seinem Studium der christlichen Abteilung des Berliner Kaiser-Friedrich-Museums im vergangenen Herbst des öfteren in Berlin an jener Litfaßsäule an dem Kupfergraben betrachtet hatte und sich dabei die Grausen der Großstadt vor Augen geführt hatte, wenn er da las, Erna, kehre zurück zu deinen tiefbetrübten Eltern, alles verziehen und vergeben (ohne daß er in Erwägung gezogen hätte, daß besagte Erna zu dieser Stunde meist keineswegs betrübt, sondern im Gegenteil quietschfidel war!).

Aber wie gesagt, alle diese Einwände machte sich Roberto Luigi nicht. Den Brief an Frau Antonie konnte er nicht lesen. Und auf das andere zu achten, dazu war seine Aufnahmefähigkeit in diesem ersten Schrecken zu getrübt. Ja, es zog ihn, wie weiland jenen Raskolnikow, mit magischer Gewalt da herüber. Es fehlte wenig, und er wäre in die Tür der Polizeistation, die sich gleich rechts in der Säulenhalle öffnete und aus der sehr friedlich – und dem Grauen des Ortes durchaus unangemessen – das Gurren von Turteltauben in einem großen Holzbauer und das Gezwitscher und Geträller eines bunten Stieglitzes, der darüber in einem kleineren Holzkäfig hüpfte (Stieglitze hat man von je in Italien geliebt, und selbst das Christuskind bei Raffael spielt am Schoße der Mutter mit einem Cardelino, einem Distelfink), also besagtes zärtliches Gurren der Turteltauben und jubelndes Gezwitscher des Stieglitzes durcheinandergemischt sonnenhell in den schönen, lichten Herbsttag hinausflöteten – wenig fehlte, und er wäre einfach kurzerhand hineingegangen: ›Guten Tag, hier bin ich!‹

Wie er aus dem Säulenhof herausgekommen war, wußte Roberto Luigi gar nicht, als er sich wieder auf dem weiten Platz vor dem Denkmal des Garibaldi befand, der von seinem Sockel herab vier dressierte Löwen vorführte, während Säulengänge und Palastfassaden ringsum, die stillen Zeugen der vornehmen Kunst einer vornehmeren Vergangenheit, diesem Manegekunststück ernst, aber interessiert zuschauten. (So erschrocken war Roberto Luigi doch nicht, daß er nicht noch wenigstens das belustigt feststellte.)

Eine ganze Weile stand Roberto Luigi dann vor einer altmodischen Apotheke, in deren Fenster große Glasgefäße mit blauer, roter, gelber und violetter Flüssigkeit prunkten und dadurch, daß sie im weißen herbstlichen Licht köstlich schillerten und oszillierten, ihn magisch angelockt hatten. Er redete und spintisierte vor sich hin und empfand wieder jenen Druck auf der Stirn, den er ja von früher her nur allzugut kannte und den er lange nicht verspürt hatte. Eigentlich war er in Todesangst, daß jede Minute sich ihm eine Hand auf die Schulter legen würde: ›Wer sind Sie? Ihre Papiere, Signor? Folgen Sie mir!‹

Aber es geschah nichts von alledem. Zehn Tauben sammelten sich um seine Füße und ruckten und ließen ihre pfauenblauen Hälse schillern, weil sie glaubten, er wolle ihnen Futter streuen. Ein Bettler schlich vorbei und bettelte stumm. Denn die Fascisten hatten ihm verboten, daß er jemand – und vor allem jemand, den er für einen Fremden hielte – um eine milde Gabe anspräche. »Italien ist kein Land von Bettlern!« hatten sie stolz gesagt. Etwas, das er nicht ganz verstand, da er doch ein Bettler war und außerdem dadurch nicht satter wurde, aber dem er sich stumm fügte – nur daß er versuchte, wenn auch mit geringem Erfolg, das nun auch noch in seine Blicke zu legen, was er vordem in Worte gelegt hatte. ›Schlechte Zeiten, Signor!‹ schienen die zu sagen. ›Miserable Zeiten, Signor! Früher nährte noch das Geschäft seinen Mann; aber jetzt ist es nichts mehr. Wirklich, glauben Sie mir, es reicht kaum noch zu Makkaroni ... Gestern habe ich nicht mal den ganz gemeinen Landwein, den billigen, bezahlen können ... Schlechte Zeiten, Signor, miserable Zeiten, Signor.‹

In diesem Augenblick aber, als Roberto Luigi mit dem »povre vecchio« diesen stummen Dialog hatte, in dem er zur Antwort gab: »Was willst du? Ist etwa hinter dir die ganze Polizeimeute Europas her? Nun also! Sei doch zufrieden!« ... in diesem Augenblick öffnet sich die Tür der Apotheke, und eine kleine rundliche Dame mit einem durchsichtigen, geölten Automantel, unter dem ein sehr elegantes Herbstkostüm von der Farbe wie Rosenholz hervorschimmerte, ging, duftend wie Ambra, an Roberto Luigi vorbei, auf einen kleinen Chryslerwagen zu, der die ganze Zeit (nur von einigen Kindern stumm bestaunt) auf dem stillen, weiten Platz in der Sonne vor sich hin geträumt hatte. Und Roberto Luigi riß es ein zweites Mal innerhalb fünf Minuten zusammen. Man kann aber die neue Gemütsbewegung, die ihn überkam, eigentlich schwer mit der ersten vergleichen. Man könnte beide so versinnbildlichen: War er das erstemal in ein tiefes Wasser hinabgesprungen, so hatte er jetzt den Grund berührt und schnellte wieder nach oben, tauchte mit verplierten Augen auf, sah den blauen Himmel und atmete tief wieder ein, um die Lungen von neuem mit Luft zu füllen. Und schon war er hinter der Dame, die da nach dem Auto schritt, hergelaufen und erreichte sie auf halbem Weg: »Gnädige Frau, gnädige Frau ... Erschrecken Sie nicht, ich muß Sie sprechen.«

Die kleine Polin aber hob zugleich mit den Diamantringen ihre Hand, deren Kleinheit im strikten Widerspruch zu der Größe ihrer Ringe stand, und sagte sehr resolut: »Was wollen Sie, mein Herr! Bitte belästigen Sie mich nicht.«

Roberto Luigi aber wollte schon wieder zusammenknicken, als die Resolutheit der kleinen Polin in helle Liebenswürdigkeit umschlug. »Ah«, sagte sie, »aber damals hatten Sie doch einen Vollbart. Haben Sie schöne Zeit in Italien gehabt? Ich habe Sie beneidigt, weil Sie all das zum erstenmal sehen durften. Waren Sie lange in Firenze?« Roberto Luigi schüttelte. »Oh, da waren Sie also der ganzen Zeit über in Roma?« Roberto Luigi schüttelte wieder.

»Nein, gnädige Frau, ich war einmal sechs Stunden in Mailand, und jetzt bin ich zwei Stunden hier. Das heißt das zweitemal schon. Das erstemal aber habe ich vor Glück nichts gesehen, und dieses Mal sehe ich vor Unglück nichts von Bergamo. Sonst war ich eigentlich nirgends in Italien.«

»Heren Sie«, sagte die kleine Polin, »Sie sind doch ein ganz netter Mann. Sie sehen auch gar nicht heruntergekommen aus, wie hier oft die Kinstler in Italien. Wo waren Sie eigentlich die ganze Zeit über? Haben Sie keinem Geld mehrr? Brauchen Sie etwas ... wenigstens so viel, um nach Hause zu depeschieren?«

»Nein, gnädige Frau, ich brauche nichts.« Roberto Luigi sah die kleine Polin traurig und flehend zugleich an. »Haben Sie eine Stunde Zeit für mich? Ich muß mit Ihnen reden.«

»Heren Sie«, rief die kleine Polin wieder, aber doch nicht ohne freundliches Mitleid. »Wenn Sie mir libben, so kann ich nichts dafür. Behalten Sie das für sich. Sie habben sich ja auf dem Bahnhof damals überzeugt, wie glicklich ich mit Igor bin. Wozu wollen Sie mir Komplikationen machen? Iberhaupt, was sind Sie für ein Kavalier, wenn Sie sehen, eine Dame trägt etwas, daß Sie ihr das nicht abnehmen?« Und damit reichte sie Roberto Luigi ein Paket hin, in dem, wie er fühlte, sich mehrere Flaschen befanden. »Die Eau de Cologne ambré«, meinte sie, »ist nämlich in Italien ebensogut wie die französische, aberr billiger, die nehme ich mir jedes Jahr mit von hier nach Warschau. Also was wollen Sie! Wollen wir in die Capela Colleoni gehen? Solange ... die libbe ich sehrr. Iberhaupt ist hier oben noch altes Italien. Sonst geht alles kaputt langsam. Nächstens werden sie in meinem Venezia ieber dem Canale Grande einen Automobilstraße machen und auf dem Markusplatz ein Flugzeughafen. Ich bin gewiß modern, aber diese Italiener sind verrikt modern.«

»Nein, gnädige Frau ... Aber wie darf ich Sie nennen? Wie Sie mich nennen dürfen, das weiß ich in dem Augenblick selbst nicht mehr. Ich könnte fast wie Helena im Faust jetzt zu Ihnen sagen: Ich schwinde hin und werde selbst mir ein Idol.«

Die kleine Polin lächelte. Sie konnte zwar schlecht deutsch sprechen, aber kannte die deutschen Klassiker trotz eines Philologen – was noch nicht viel besagen will, denn die pflegen sie ja meist am wenigsten zu kennen –, nein, sie kannte sie wirklich.

»Was ist das mit Ihnen«, sagte sie. »Ein Mann, der noch Gethe zitieren kann, dem kann es doch nicht schlecht gehen?«

»Wollen Sie mit mir nicht lieber in das Caféchen dort kommen, mir steht im Augenblick nicht der Kopf nach Kirchen und Kapellen.«

Es war so ein ganz kleines, altes italienisches Caféchen mit roten Plüschbänken auf vergoldeten eisernen Stützen. Alles etwas abgewetzt, aber gerade darum vielleicht besonders behaglich, und mit ovalen Spiegeln und mit einer Theke, auf der Makronen, Blätterteigstücke und Fruchttörtchen unter einem weißen Mulltuch vor jenen Fliegen geschützt waren, welche dumm genug waren, den Weg durch die Löcher des Tuches nicht zu finden. Aber über dem Ganzen lag doch eine altbackene Gemütlichkeit, ja mehr als das: Es war sogar beinahe ein seriöser Aufenthalt. Man hatte das Gefühl, daß hier weißhaarige Advokaten und Professoren durch vierzig Jahre schon Schach gespielt hatten und daß immer hier politisiert worden war, für und gegen den Papst, für und gegen Napoleon, für und gegen die Herrschaft Österreichs, für oder gegen Garibaldi, für oder gegen den Dreibund, für oder gegen Mussolini. Es hatte nicht die Atmosphäre der Spießer und Kannegießer, nicht die des einfachen Volkes, sondern durchaus die Atmosphäre der Intellektuellen, die in Italien wie in kaum einem anderen Lande Europas viel Verstand mit geistiger Grazie und bestechenden Umgangsformen im gegenseitigen Verkehr zu verbinden wissen und deren Forum eben das Café ist.

Und von all den hundert Jahren an Gesprächen war ein Hauch hier noch hängengeblieben, den Roberto Luigi sofort spürte, wie sie erst zögernd, ob es für eine Dame auch möglich wäre, den Raum betraten.

»Wie heißen Sie, gnädige Frau?« begann Roberto Luigi wieder. »Ich habe Sie in all der Zeit inzwischen bei mir nur Katja genannt.«

»Nain«, sagte die kleine Polin. »Nain, wirklich, ich mag nicht Katja haißen«, rief sie noch einmal. »Ich bin eine Gräfin Orginska, eine Orginska heißt nicht Katja wie die Dienstmädchen. Mein Mann ist einfach Igor Chymansky. Ich habe ihm geheiratet. Er leitet den Sinfonie in Warschau. Ich haiße Tamara; aber Igor sagt immer Manzika zu mir, er findet das schenner.«

»Also, Frau Gräfin ...«, fing Roberto Luigi an.

»Heren Sie auf mit Frau Gräfin, saggen Sie ›Frau Tamara‹ zu mir, das herre ich lieber.«

»Frau Tamara, Sie müssen mir helfen, ich bin in der glücklichsten und unglücklichsten Lage meines Lebens. Sie müssen für mich wenigstens eine Botschaft übernehmen. Kommen Sie etwas näher zu mir, damit uns niemand – das heißt, es ist ja niemand da außer dem Mädchen hinter dem Büfett, aber es könnte uns vielleicht doch jemand zuhören. So, jetzt kann ich ganz leise reden, und Sie versprechen mir, es nicht zu mißbrauchen, was ich Ihnen erzählen will.«

»Heren Sie, das ist iberflissig; ich bin eine geborene Gräfin Orginska, das muß Ihnen geniegen, mein Herr.«

»Darf ich Ihnen beichten, wie es seit dem Augenblick, da ich vor zehn, ach mehr als zehn Wochen mit Ihnen, Frau Tamara, zusammen in Lugano den Zug verließ, statt nach Mailand weiterzufahren, wie ich beabsichtigte, ergangen ist? Sie wissen, daß Sie mir noch damals den Rat gaben, in Lugano auszusteigen, und so sind Sie, Frau Tamara, eigentlich mitschuldig an meinem Schicksal geworden und müssen mir behilflich sein, es wieder zu entwirren. Sie müssen mich wieder aus dem Wasser ziehen, bevor es mir über dem Kopf zusammenschlägt; und seit einer halben Stunde weiß ich es, daß das jede Minute passieren kann ...« Und dann begann Roberto Luigi ganz leise, über die Marmorplatte des Tischchens gebeugt, als ob er ihr und nur ihr das anvertrauen wolle, zu erzählen. Er erzählte wie alle träumerischen Menschen, die viele Hemmungen haben und sehr nach innen leben, nicht allzu oft, aber wenn er erst ins Erzählen kam, sehr eindringlich und lebendig; und die kleine Polin hörte sehr gespannt und keineswegs mißfällig zu.

»Jetzt erzehlen Sie mir erst einmal von Ihrer Ehe, wie lange sind Sie verheiratet? Mit wem? Warum haben Sie gehairatet so frieh? Und was für eine Frau haben Sie? Haben Sie so eine echte deutsche Hausfrau? – Ich mag ihr nicht.«

Und Roberto Luigi beichtete der kleinen Polin, die dieses Mal gar nicht, durchaus nicht gähnte, alles, was er über seine Ehe zu sagen hatte. Auch das letzte, warum er eigentlich geheiratet hatte.

»Wie kommen Sie auf den Namen Erhard?« fragte die kleine Polin plötzlich etwas scharf.

Roberto Luigi stockte. Diese Frage hatte er sich selbst noch nicht vorgelegt. »Ich habe damals den kleinen Kerl Tilmann genannt«, sagte er, »den Namen Erhard hat aber dann wohl doch meine Frau noch dazu für ihn ausgesucht!«

»Schenn«, sagte Frau Tamara, »und nun saggen Sie mir: Wer ist die andere? Denn wenn Sie winschen, daß ich Ihnen irgendwie helfen soll, muß ich das doch wissen.«

»Es ist eine Sozialistin, deren Mann bei dem Sturm der Fascisten auf den ›Avanti‹ damals ...« Weiter kam er nicht.

»Modesta Zamboni ... die Modesta Zamboni, derenthalben sich der erste Direktor der Banca Commerciale vor drei oder vier Monaten erschossen hat, der Marchese Casandrino! Ich weiß, es ist eine der schönsten und klügsten und energischsten Frauen Italiens.«

Roberto Luigi hatte sich schlecht im Zaum, denn er beugte sich ganz tief über die Marmorplatte herunter, damit Frau Tamara nicht sah, daß seine Augen voll Tränen standen. »Das ist sie wohl«, sagte er, und man verstand nicht genau, wollte er damit zugeben, daß es eben Modesta Zamboni wäre, oder wollte er seine Meinung darüber aussprechen, daß sie die schönste, klügste und tüchtigste Frau Italiens sei.

»Sprachen Sie nicht vorhin von der Helena?« fragte Frau Tamara. »Nun, ich kennte Ihnen auch mit Faust erwidern, und ich verstehe alles, was Sie mir erzählt haben, nur zu gutt deshalb. ›Wen Helena paralysiert, der kommt so bald nicht zu Verstande.‹ Aber trotzdem, ich bin sehrr bese auf Ihnen ... Wozu machen Sie das? Ich überleg' mir, was wird ich tun, wenn ich Ihre Frau wäre und das von Ihnen erführe? Denn was die menschlichen Grundempfindungen anbetrifft, da sind wir alle ähnlich, und eine geborene Gräfin Tamara von Orginska handelt da genauso wie eine Antonie Schmidt geborene Hilpinger. Ich wirde Ihnen einfach tottschießen. Ihnen niederknallen. Das würde ich mit Igor tun. In diesem Falle.«

»Gewiß«, meinte Roberto Luigi, »aber damit würden Sie mir nichts von dem nehmen können, was mein Besitz geworden ist. Wir leben ja immer noch in einer fatalen Welt, in der über zwei Drittel der Männer, wie's früher hieß, Pulver gerochen hat. Und seitdem hat der Tod bei ihnen sehr an Kredit verloren. Früher imponierte so etwas außerordentlich; aber für den, der einmal in einem Granattrichter einige Tage gelegen hat, hat solche Aussicht merklich an Abschreckung verloren. Und vor allem, wenn man dafür etwas eintauschen kann, von dem man sagen kann, wie es bei den Franzosen heißt: ›Le jeu vaut la chandelle – das Spiel ist die Kerze wert.‹ Also, Frau Tamara, damit wäre niemand geholfen ... höchstens mir.«

»Unterbrechen Sie mich doch nicht immerfort«, sagte Frau Tamara ziemlich schroff, »also vielleicht würde ich Ihnen tottschießen. Oder auch, ich würde alles tun, um Ihnen herauszuhelfen. Das sind zwei Möglichkeiten, dazwischen gibt's bei einer Frau, die eine Frau ist, nichts. Es gibt aber viele Frauen, die sind eben keine Frauen, die fühlen nicht für einen Mann. Sie reden von Pflicht, von Opfer, von Entsagen und tun dann gar nichts. Das sind die allerschlimmsten ... Ich kenne ihnen. Meine Tante, die Gräfin Ponjatowska, war eine solche. Sie hat sich immer ihr Lebtag geopfert und ihren guten Mann, den Grafen, damit bis aufs Blut gequält.«

»Dann fürchte ich, Frau Tamara, wird bei meiner Frau nicht viel zu hoffen sein, deswegen habe ich auch nicht gewagt, ihr davon zu schreiben.« (Hier sprach Roberto Luigi das erstemal seit einer Stunde eine Unwahrheit. Man verdamme ihn nicht deswegen, sondern staune darüber: Denn wer kann von sich sagen, daß er eine Stunde lang sprechen kann, ohne bewußt oder halbbewußt zu lügen.) »Denn sie, meine Frau, liebte es von je, sich zu opfern, um den anderen damit auf das Schuldkonto zu setzen.«

»Was unterbrechen Sie mich immer«, sagte Frau Tamara, »wie konnten Sie eigentlich eine solche Dummheit machen? Natierlich, jedde Frau will geheiratet werden, aber keine braucht geheiratet werden, wenn man der Rechte ist – nicht mal Modesta Zamboni. Merrken Sie sich das für Ihr Lebben.«

»Aber der Gedanke der Heirat ging ja nicht von Modesta aus, ich wollte sie nicht verlieren. Es hat Wochen und Wochen bei ihr ...«

»Desto schlimmer«, unterbrach Frau Tamara, »man begibt sich nicht in Gefahren ... aber ich möchte Ihnen doch gerne helfen. Sehen Sie, es gibt ja auch Frauen, die sagen: Ich gebe ihn frei! Wer kann mir meine Libbe nehmen? Hier« – Frau Tamara klopfte auf ihre Rundlichkeiten, daß sie nur so federten, um die Stelle des Herzens anzudeuten –, »hier werde ich ihm tragen. So etwas muß man ihr einreden; wenn man es richtig und nicht zu dumm anfängt, kann man einer Frau alles einreden. Ich werde Ihnen – oder sagt man Sie? – was sagen. Ich fahre morgen mit meinem großen Wagen durch Deutschland, dann werde ich sofort zu Ihrer Frau hinfahren und werde ihr klaren Wein einschenken, soweit es für sie gutt ist. Ich werde nichts über Ihre Pläne sagen, mag sie sich so etwas denken. Aber ich werde sagen, daß Sie gesund sind, daß Sie vielleicht auch später einmal zu ihr zurückkehren werden, aber daß die nächsten zwei Jahre davon keine Rede sein kann. Sie werden mir nichts schreiben als einen Namenszug und das heutige Datum und, sagen wir, das Wort Genova, damit sie mir glaubt, daß ich wirklich in Ihrem Auftrag komme. Sie soll aber, damit Sie unbehelligt bleiben, sofort, wenn sie Ihnen nicht schaden will, an die Fremdenpolizei nach Roma schreiben: Sie wären zurückgekehrt und hätten in einer kleinen Stadt Typhus gehabt. Doch da Sie Monate im Fieber gelegen hätten – und das war doch so? – und deliriert hätten, so hätten Sie eben keine Nachricht geben können. Sie bäte, die Anschläge sofort zu entfernen. Dann werden Sie eine Weile unbehelligt bleiben, und dann können Sie immer noch ins Ausland gehen mit Ihrer neuen Frau oder langsam mit der vollen Wahrheit herauskommen. Aber das müssen Sie natürlich Modesta Zamboni mitteilen. Wenn Sie sehr musikalisch oder Berufsmusiker wären, würde ich Ihnen vorschlagen: Kommen Sie zu meinem Mann ins Orchester. Aber sehr musikalisch sind Sie nicht, wenn Sie vielleicht mal etwas gegeigen haben mögen, das sehe ich an Ihrer Stirn. Mein Igor hat solche Stirn ...«, und Frau Tamara ballte ihre dicken, kleinen, ringgeschmückten Patschen zu Fäusten, um damit anzudeuten, was für Wülste über den Augenbrauen und was für Buckel ihr Igor auf der Stirn hätte. »Wollen wir uns in Bergamo noch etwas umsehen? Oder wollen wir eine Kleinigkeit nehmen und dann losfahren? Ich bringe Sie mit meinem Wagen ab. Ich kenne ja die Zambonische Villa, sie ist sehr bekannt, denn sie hat einen berühmten Giardino.« Frau Tamara rief die Bedienung vom Büfett heran. »Wollen Sie uns etwas zum Essen besorgen, Fräulein? Aus einer Garküche in der Nähe? Wir möchten gern bei Ihnen noch etwas sitzen bleiben.«

»Ja«, sagte Roberto Luigi lachend, und in dem Augenblick – Menschen schlagen ja leicht um – war schon wieder alle Angst von ihm gewichen, und für ihn war schon alles zum besten geordnet. Endlich war er ja doch ein Glückspilz. »Ja, ich bleibe hier unter einer Bedingung. Kennen Sie Bergamo?«

Frau Tamara nickte. »Gewiß, ich war wohl zwölfmal hier.«

»Einer Bedingung, daß Sie mir von Bergamo erzählen. Recht genau. Denn Modesta hat gesagt, daß sie mich genau abhören will. Und sie hat ganz zu Irrtum eine so gute Meinung von mir, daß ich sie nicht enttäuschen möchte. Also berichten Sie. Wie ist das Grab des Condottiere Colleoni? Was lieben Sie mehr, den Dom oder Santa Maria Maggiore? Und die Chorstühle mit den Intarsien nach den Zeichnungen von Lorenzo Lotto, das muß ich genau wissen, denn Lorenzo Lotto schätzt Modesta über alles.«

Frau Tamara sah ihn scharf durch ihr Lorgnon an. »Sie sehen beilaifig einem Lorenzo Lotto ähnlich, der in der Brera ist.«

»Das wird mir nicht zum erstenmal gesagt. Ich habe es in den letzten Wochen wohl dreißigmal gehört zu jeder Stunde des Tages und der Nacht.«

»Heren Sie, ich werde nicht zu Ihrer Frau fahren. Über so etwas spricht ein Kavalier nicht. Nicht meinetwegen, ich bin nicht prüde ... Aber Sie sind doch nicht der König Gyges?«

Roberto Luigi war rot wie ein Schuljunge geworden. »Verzeihen Sie mir, Frau Tamara. ›Sag es niemand, nur dem Weisen, weil die Menge gleich verhöhnet.‹ Und Sie, kleine, verehrte Königin Tamara, gehören nicht zur Menge und sind eine Weise. Sie werden auch die kleine Hand mit den vielen kostbaren Ringen nicht von mir abziehen. Wenn Sie begriffen, was für eine Umwandlung in mir vorgegangen ist in den letzten zehn Wochen, so würden Sie verstehen, warum ich das gesagt habe und warum ich Sie für einen Menschen halte, der das hören darf. Sie meinten vorhin: Helena ... Das stimmt nicht. Kennen Sie, Frau Tamara, die Venus von Syrakus? Nun ja, ich bin in den letzten zehn Wochen ein im tiefsten Innern gläubigerer Heide geworden, als ich in meiner frommsten Tertianerzeit, da ich mich nächtelang mit Gottesproblemen und Christi göttlichem Menschentum herumschlug, jemals Protestant gewesen bin.«

Frau Tamara lächelte klein und freundlich mit ihrem Gesicht eines verzärtelten Bologneserhündchens. »Ja«, sagte sie, »wir Polinnen sind ja wohl dem Heidentum überhaupt näher als unsere Schwestern in Deutschland; und wer wie ich hier lange unten im Süden lebt, der findet sich leicht wieder zu den alten Göttern zurück. Man hätte sie nicht verlassen sollen.« Und damit hielt, als Zeichen dafür, daß sie ihm vergeben hatte, Tamara Chymansky, genannt Manzika, geborene Gräfin Orginska, die kleine Hand mit den vielen Ringen Roberto Luigi über den Tisch hin, damit er sich eine schmuckfreie Stelle aussuche und sie küsse.

Auf seinem Steinhaufen in Las Casas mußte sich Roberto Luigi immer noch eingestehen, daß diese Frau Tamara, wenn er so sein ganzes Leben übersah (und das tat er nun oft, oder was tat er sonst?), daß diese kleine Frau Tamara doch – um von Modesta nicht zu reden, denn man kann eine Wiese nicht mit einem Strom vergleichen –, daß Frau Tamara doch das netteste und aparteste und menschlich beste Frauenwesen mit war, das je seinen Lebensweg gekreuzt hat. Und die Stunde, die sie ihm jetzt über Bergamo gab, indem sie – während man eine Suppe, ein Huhn, einen köstlichen Fisch aus dem Gardasee und Früchte und Eis und Käse ... (die italienische Küche ist so leicht und angenehm, zergeht einem ähnlich auf der Zunge wie die italienischen Volkslieder, die auch ganz leicht, aber voller Melodie sind und in Trillern und Trällern zerschmelzen) – in der sie also, dabei von Straße zu Straße mit ihm in Gedanken gehend, ihre Lektion erteilte, war für Roberto Luigi lehrsamer, als ein ganzes Semester Kolleg es einst bei Professor Schlattermann gewesen war. Es löste Schlacken in ihm auf, die jenes erst gebildet hatte. Er, Roberto Luigi, hatte zum Beispiel die Rokokoplastik, den bunten und flatternden Engel- und Heiligenschmuck der Kirchen des achtzehnten Jahrhunderts tief verachtet bislang, und Frau Tamara sprach von ihr, daß er glaubte, er höre Mozartsche Quintette oder Boccherini und Rameau. Wieviel latentes Künstlertum steckte doch in dem kleinen energischen Geschöpf.

Und als Roberto Luigi neben Frau Tamara im dem kleinen Chrysler fortfuhr – sie lenkte wenigstens noch einmal ganz langsam am Dom, Maria Maggiore mit ihren Freitreppen und der Colleonikapelle mit ihrem alten kleinen Vorbau vorüber, damit er doch etwas noch sähe –, da wußte er von Bergamo, auch von seiner Geschichte so viel, wie er nie in einem Tag hätte lernen und erfahren können. Woran man wieder sieht, daß nichts so einprägsam ist als mündliche Überlieferung. Das peinliche Erlebnis in der Säulenhalle des Palazzo Reale wie die unangenehmen und ganz und gar verzweifelten Minuten auf dem Platz hatte Roberto Luigi schon fast völlig vergessen, wenn auch nicht überwunden.

Der Wagen lief sanft und lautlos. Und Roberto Luigi sah die vorbeitanzende Landschaft angenehm verschleiert durch etwas müde Wimpern. Die kleine Frau Tamara hatte nebenbei im Auto wie im Leben das Steuer sehr fest und sicher in der Hand. »Wenn ich Zeit noch hätte, aber ich möchte nicht zu sehrr in die Dunkelheit hineinkommen, so würde ich mit Ihnen nachher heraufgehen«, sagte sie, während sie auf jede Unebenheit des Weges – aber er war gut – eigentlich beim Reden ganz scharf achtete und bolzengerade vor sich hinsah. »Und ich würde der italienischen Genossin Modesta Zamboni meine Aufwartung machen. Friher war ich auch zu Haus in unserer Partei tätig, aber mein Igor liebte das nicht, er wäre zu exponiert, und außerdem wäre er mehr für die musikalischen als für die diplomatischen Noten der Partei. Und so habe ich es anderen überlassen. Ich hätte auch gerne mit Modesta Zamboni gesprochen wegen Ihnen. Sie würden doch besser daran tun, so scheint mir jetzt, wenn Sie der Heirat etwas herausschöben. Ich würde zum Beispiel an Ihrer Stelle jetzt sofort das Aufgebot zurückziehen. Vielleicht in einem halben Jahr schon, wenn Sie die Sache mit Ihrer ersten Frau geordnet haben werden, werden Sie dann eben Modesta Zamboni als der Doktor sowieso heiraten, der Sie sind; und der Roberto Luigi ist spurlos in der Versenkung verschwunden. Das Amt gibt Ihnen alle Papiere zurück, und Sie werden sie vernichten. Das ist das gescheiteste, was Sie machen können. Überlegen Sie sich das. Ich weiß, daß es für Sie schwerfallen wird, davon mit Modesta Zamboni zu sprechen, und deshalb hätte ich es gerne für Ihnen übernommen. Mir fällt's nicht schwer, denn ich kenne das von mir selbst; die Frauen sind so: wenn sie libben, verstehen sie alles, wenn sie nicht libben, verstehen sie nichts. Und Modesta Zamboni liebt Sie, denn sonst hätte sie Ihnen nach vierundzwanzig Stunden herausgeworfen; und sie würde es, wenn es nicht der Fall wäre, noch heute tun! Also seien Sie klug und reden Sie. Denn es gibt auch Augenblicke in unserem Dasein, wo Reden Gold und Schweigen Silber ist. Jetzt aber müssen Sie aussteigen. Denken Sie daran, was ich Ihnen gesagt habe. Im nächsten Jahr so um den fünfzehnten Mai besuche ich Sie mit meinem Mann, und Sie sind nachher unsere Gäste in meinem Haus in Castagnola. Bestimmt übermorgen früh suche ich Ihre Frau auf und schreibe Ihnen übermorgen abend, was ich ausgerichtet habe. Aber wie soll ich das machen, daß Ihrer Modesta der Brief nicht in die Hände fällt? Wenn Sie ihr vielleicht bis dahin noch nichts gesagt haben sollten. Wie geht das am besten?«

»Stecken Sie den Brief an mich in ein zweites Kuvert mit der Adresse Cameriera Lionella bei Modesta Zamboni, Villa Zamboni bei Bergamo. Das kommt sicher dann in meine Hände; wenn ich der Alten nur vorher sage, es wäre eine Überraschung für Modesta, wird sie stumm wie ein Fisch sein.«

»Gewiß«, meinte Frau Tamara etwas scharf, »eine Überraschung wird es für sie ja auch sein. Ich begreife gar nicht, wie man iber einen so netten Menschen, wie Sie es sind, sich so ärgern kann.« Damit streifte Frau Tamara den einen Fahrhandschuh ab und streckte ihre kleine, dicke Patschhand mit den vielen Ringen Roberto Luigi noch einmal über die Tür des Wagens hin, damit er sich eine ungeschmückte Stelle aussuche, um seine Lippen darauf zu drücken. Eine wortlose Aufforderung, der Roberto Luigi mit mehr Zärtlichkeit nachkam, als er sich eingestehen mochte.

Doch als er sich noch kaum wieder hochgerichtet hatte, war das elegante Wägelchen lautlos, eine Wolke von gekräuseltem Kalkstaub nach sich schleifend, um die Biegung verschwunden, und man hörte es schon an der nächsten Kurve wilde, quäkende Warnungsrufe ausstoßen, als jene Wolke noch immer unbeweglich in der stillen Luft dieses Herbstnachmittags stand und dann, während er an dem Gartentürchen schellte, langsam nach den Ölbäumen am Hang herüberzog, um dort eine dichte und dicke Staubschicht, das Ablagerungsprodukt von fünfhundert der hier vorangegangenen Wagen und Autobusse, noch einen halben Millimeter zu erhöhen. Modesta aber war noch nicht aus Milano zurück. Endlich kam sie sehr glücklich und beladen mit der ganzen Auslage einer Konfiserie aus der Via Carlo Alberto ... die sie unten im Saal auf einem der Marmortische, rings um einen großen echten Milaneser Panettone – einen braven Napfkuchen –, in Wällen aufschichtete. Er gliche, sagte Roberto Luigi, ungefähr einem deutschen Mädchen aus Magdeburg, das ein, Pensionat in Lausanne besucht hatte und dadurch etwas mehr Schliff bekommen hätte; aber er erinnere ihn doch dabei sehr an Mutters Sonntagskuchen, den selbstgebackenen mit dem Wasserstreifen ... im Geschmack und auch sonst.

Roberto Luigi berichtete, daß man ihn in Bergamo nach nichts gefragt hätte, weder nach »Bocksmilch« noch nach der perniziösen Hühneraugenoperation des Großvaters, sondern nur »benissime« genickt hätte. Er wollte sogar schon davon anheben, Modesta wenigstens anzudeuten, daß doch die Dinge nicht so ganz glatt sich abwickeln würden, wie er gedacht hätte, aber dann hatte er doch nicht den Mut dazu und sagte sich auch, daß er, wenn erst der Brief von Frau Tamara über ihr Gespräch mit Antonie eingetroffen sei – dann sich stützend auf einen neuen Plan, wenn sie ihm verziehe, daß er aus Liebe zu ihr fast zum Verbrecher geworden war –, ihr viel leichter alles beichten könnte. Lionella hatte er gleich eingeweiht, daß spätestens in drei Tagen ein Brief für sie käme, in dem ein zweiter Brief läge, der für ihn bestimmt sei. Den möchte sie ihm uneröffnet – gleich, aber allein! – aushändigen oder besser in sein Schreibtischfach rechter Hand legen. Es wäre eine Überraschung für ihre Herrin darin, die diese erst etwas später erfahren solle. Und da Lionella solche und ähnliche Missionen gewohnt war und, was Briefe und Schriftstücke anbetraf, sich über die seltsamen Wege, die sie oft nahmen (gestern hatte erst wieder jemand ganze Stöße abgeholt, von deren Vorhandensein sie keine Ahnung vorher gehabt hatte!), nicht mehr wunderte, so hatte sie mit ihrem alten Kopf mit dem silbernen Heiligenschein dreimal genickt als Zeichen, daß sie das, wie alles, verstand und zur vollsten Zufriedenheit des Signor Robertino – so nannte sie ihn nunmehr auch – erledigen würde.

Roberto Luigi dachte oft auf seinem Steinhaufen, das heißt, es war nicht immer der gleiche, alle Tage schob er sich weiter in die Pampas hinein, aber da die Gegend sich nicht änderte und die Aussicht nicht sich wandelte und die Steine, die von weit her mit den Kipplopries herankamen, auch immer von der gleichen Größe des Straßenschotters waren, genau so, wie sie die Maschinen in den Kordilleren gebrochen und gestampft hatten, und da jeder Steinhügel auch von kubisch gleichem Inhalt war, so dachte er eigentlich, stets auf dem gleichen Steinhügel in den Arbeitspausen liegend: was denn jene letzten vier, fünf Tage von den vorangegangenen Wochen unterschieden hätte, daß er so ganz und gar die Gewitterwolken über seinem Haupt wieder vergessen konnte. Es waren doch wohl nur Nuancen in ihrer Gemeinsamkeit, und doch waren sie ihm so ins Hirn gebrannt, daß es ihm leid darum tat, daß sie zusammen mit seinem von Malaria geschüttelten Körper über lang oder kurz vergehen sollten. Noch nie war er so Heide gewesen, und noch nie hatte er so das Gefühl eines Kults an einer Göttin gehabt wie gerade jetzt, wenn der breite, grünsilberne Vollmond des Nachts in ihr Turmzimmer bis an ihr Himmelbett flutete über die schon kahlen Kronen der Silberpappeln und die noch belaubten der Platanen hin von einem herbstlichen und von Wolken reingefegten nachtblauen Himmel herab. Die Platanen hielten ihre letzten Blätter sehr fest. Aber ihre Himmelsfenster, erst kleine Rosetten über den Domportalen, waren nun zu riesigen spitzbogigen Kirchenfenstern geworden. Die Zypressen jedoch waren für diese Nächte aus dem Trappistenorden ausgetreten und murmelten, halblaut wenigstens, in den Wind ihre Gebete hinein.

Die eine der beiden Cartolini aus dem Handtäschchen der Modesta, dieses eine Kärtchen, hatte er ihr nun endlich doch abgeschmeichelt. Niemand außer Mario und ihr wußten ja in der Welt, wen es darstellte. Für einundeinhalbe Milliarden Menschen war es im besten Falle das Steinbild einer antiken Göttin, das heute im Museum zu Syrakus steht; und er war der einzige lebende Mensch – denn Mario war ja schon von der Erde gegangen –, der wußte, daß es Modesta Zamboni war. Es war die Ansicht vom Rücken aus, das Kärtchen nicht mit den großen Blutflecken, sondern mit ein paar ganz zarten Blutspritzern. Man ahnte kaum noch, ob es Stockflecke oder Jod oder Kaffeespuren waren von einer Marmorplatte in einer Bar. Allwo man die Karte vielleicht schon sich zurechtgelegt hatte, um einen Gruß zu schreiben, aber dann wieder doch in die Tasche zurückgeschoben hatte, weil man keinen Tintenstift bei sich hatte oder vielleicht weil sie einem zu gut gefiel und man sie selbst sich zum Andenken aufheben wollte. Wirklich, das fliehende Leben des armen Mario, das einst diese Göttin selbst erröten gemacht hatte vor Scham über ein wahnsinniges und unbelehrbares Menschengeschlecht – denn nicht die Liebe, deren Göttin sie war, sondern der Haß hörte niemals auf –, über eine Rotte von Tobsüchtigen, der sie trotzdem ihre Gaben nun schon unvermindert durch lange Jahrtausende gebracht hatte ... es, das fliehende Leben, hatte in seinen letzten Spuren schon gar nichts Grausiges mehr, wie ja alles verflossene Dasein zum Schluß in einen leichten und fast schon wesenlosen Ton von Traurigkeit ausklingt.

Und nun trug Roberto Luigi es in seiner Brusttasche, dieses Kärtchen, seit ein, zwei Tagen, und konnte jederzeit fühlen, wie es sein Dasein begleitete. Dieses Kärtchen war wie eine Art von Talisman, und gab ihm seelisch mit Modesta die gleiche Verbundenheit, wie sie einst der arme Mario bis zu seinem letzten keuchenden Atemzug aus der sich verblutenden Lunge gehabt hatte. Das Bild des Toten schien ihm vordem lange das eines Widersachers in der Gunst Modestas gewesen zu sein. Dann aber das eines neidischen verabschiedeten Nebenbuhlers; und nun in dem Augenblick, da er das Kärtchen ein erstes Mal in seiner Brusttasche spürte, war der arme Mario ihm wie ein Bruder in der Vergötterung dieser Frau geworden, ja, es schien ihm sekundenweise, als ob er nicht er mehr, sondern nur Mario wäre, der zurückgekehrt sei.

Schon am dritten Tag aber blinzelte ihm Lionella des Morgens zu, daß ein Brief für ihn oben in seinem Schreibtischschub läge. Und nachdem sie beide, er und Modesta, noch einmal durch den Park gegangen waren ... Modesta hatte irgend etwas Wichtiges mit den zwei Gärtnerburschen zu besprechen gehabt: Hausangelegenheiten, die ihn noch nichts angingen – später vielleicht –, in Wahrheit wollte sie noch einmal fragen, ob auch wirklich alle Papiere gut und sicher fortgeschafft wären, denn seit der Geheimbesprechung letzthin in Vicenza hörte es mit den Haussuchungen in der Lombardei nicht auf, und wenn auch nichts gefunden wurde, so war das eine unangenehme Sache, verwirrte und hinderte die Weiterarbeit (und das war wohl auch ihr letzter Zweck). Es geschah ja weder einem selbst noch dem Haus etwas, aber sie wühlten dabei nach einem festen System alles durcheinander und kehrten absichtlich das Oberste zuunterst. Daß sie zu ihr auch noch kommen würden, war anzunehmen und regte sie wenig auf. Sie kannte das noch von Mario her. Wann, war eben eine Frage der Zeit. Und deshalb wollte sich noch einmal Modesta überzeugen, ob auch alles richtig und an einem sicheren Ort, der ganz unauffällig war, gelandet sei. Und bei diesem Gespräch mit den beiden Gärtnerburschen wollte sie ihren Robertino nicht Zeuge sein lassen.

Modesta und ihm wäre sicher viel wohler gewesen später, wenn sie es getan hätte oder wenn sie wenigstens ihm gesagt hätte: »Mio Robertino, ich weiß nicht, ob du mit den Gepflogenheiten meiner Heimat, wie sie seit einigen Jahren hier herrschen, genugsam vertraut bist. Wir werden in den nächsten Tagen aller Voraussicht nach Besuch bekommen. Er wird zu einer ungewöhnlichen Stunde eintreffen. Entweder ganz früh am Morgen, wenn wir beide noch im besten Schlummer liegen oder wenn wir gerade zu Abend essen wollen. Er wird vielleicht ziemlich zahlreich sein und sich eines Lastautos mit abgeblendeten Lichtern bedienen. Erschrick nicht. Man wird dir nichts tun und mir kein Haar krümmen. Im Gegenteil: Man wird zwar sehr martialisch auftreten, aber sich einer ausgesprochenen Höflichkeit mir gegenüber befleißigen. Und man wird nach einer Stunde sich wieder entfernen unter tausend Entschuldigungen der leitenden Offiziere, daß sie nur ihre Pflicht getan hätten und persönlich ganz unbeteiligt gewesen wären und bezaubert von meiner Schönheit und Liebenswürdigkeit seien. Vielleicht werden sie auch drei alte Haushaltungsbücher von mir mitnehmen, die man dechiffrieren lassen will, weil man glaubt, es wären wichtige Listen der Partei. Lionella und ich werden einige Stunden damit zu tun haben, bis wir wieder alles in Ordnung gebracht haben werden. Kleinere Andenken wird man sich kaum mitgenommen haben – das war früher vor drei Jahren noch üblich. Jetzt ist man völlig korrekt geworden und hat, nur um schärfer als früher sein zu können, mit eisernem Kamm ausgekämmt, was etwa fragwürdig war. Das sind durchaus freundliche Sitten, wenn sie auch etwas unangenehm zuerst erscheinen. Du wirst dich daran gewöhnen müssen, wenn du dauernd in diesem Lande, und dort noch dazu mit einer Modesta Zamboni zusammen, hausen willst, mio Robertino.«

Es ist wahr, diese Ansprache wollte eigentlich Modesta Zamboni an Roberto Luigi halten, und wie es kam, daß sie sie zu halten vergaß, ist kaum feststellbar. Vielleicht, weil sie mit ihm wie in einer Stimmung, als ob es das letztemal wäre, dann durch den Garten ging und sich wunderte, warum die Eidechsen trotz der Sonne gar nicht mehr herauskämen aus ihren Löchern und Schlupfwinkeln. Und weil die letzte Zikade im Oleandergebüsch Abschied surrte, weil die Heliotropstämmchen abgeblüht und braun waren und weil an den Sonnenblumen schon die Meisen hackten, die schwarzen Kerne herauszupften und mit dem Schnabel geschickt spalteten. Weil es einem kühl auf den Marmorbänken wurde, die voll runder schwefliggelber Flechten waren – vorher hatte man das nie bemerkt –; weil der Apollo in seinem Tempel wieder in der weißlichen Sonne wie aus Kandiszucker gemeißelt erschien ... und weil in der Luft die Schwalben fehlten, die noch vor zwei Tagen in schreienden Mengen um Haus und Garten geschossen waren. Man bemerkte ihre Abwesenheit nicht, aber man spürte sie. Und endlich über all das hinaus, weil die Zuneigung Modestas zu ihrem Robertino in jener wellenförmigen Kurve, in der das graphische Bild der Zuneigung der Geschlechter zu denken ist, gerade auf der äußersten Höhe eines Wellenkamms war!

Und aus all diesen Gründen hielt Modesta ihre belustigende Rede, die sie ihrem Robertino halten wollte, nicht, auch wollte sie ihn nicht vorher unnütz beunruhigen. Möglich, daß man dieses Mal gar nicht an sie gedacht hatte, noch an sie denken würde. Es wäre sicher für sie besser, sagte Modesta sich, wenn sie ruhig zusammen weiter in den »promessi sposi« läsen, einen Roman, über den schon jener Goethe, von dem immer Benedetto Croce schreibt, sich anerkennend, wie Robertino behauptet, geäußert haben soll. Das jedenfalls wäre viel richtiger, statt den armen Jungen etwa nutzlos zu verängstigen. Er sah sowieso in den letzten Tagen schlecht aus. Aber das wunderte Modesta nicht. Denn sie wußte, daß der Fremde ohne Rückschläge sich hier in Italien nicht leicht einleben kann. Und gerade jetzt der Herbst, die Übergangszeit mit dem Wechsel von schwüler und kalter Luft und der häufigen weichen Feuchtigkeit, war für einen Nichteinheimischen nicht gut zu vertragen.

Ganz geheim, als Modesta noch einmal hineingegangen war, um nach dem Essen zu sehen, was sie sonst nie tat – aber sie wollte sich selbst noch einmal überzeugen, ob auch nichts von früherher irgendwo zurückgeblieben war –, las Roberto Luigi den Brief der Frau Tamara, den er schnell in die Tasche geschoben hatte, las ihn in der Sonne auf der Steinbank mit den Schwefelflechten, während die letzten Fliegen ihn umsummten und die letzten Marienkäferchen schon etwas schläfrig ihm über die Hände und den Rock krochen. Der Brief war freiwillig und unfreiwillig komisch. Sehr liebenswürdig. Auch von einer aparten Handschrift; aber all das tröstete Roberto Luigi nicht darüber hinweg, daß sein Inhalt zwar nicht ganz verneinend, aber doch wenig hoffnungsvoll oder gar erfreulich war: »Sie wissen, mein Herr«, schrieb sie, »ich habe mir sehr über Ihnen geärgert. Jetzt, wo ich Ihre Frau kennengelernt habe, habe ich es zwar nicht gebilliget, was Sie getan haben, aber begriffen. Ich liebe die deutsche Frau nicht, aber diese Frau ist iberhaupt keine Frau. Wäre sie eine Frau, so hätte sie sich zuerst ganz anders gefreut mit meiner Nachricht, daß Sie gesund sind. Als ich ihr sagte, sie möchte doch nun mal an die Polizei nach Rom drahten, damit wenigstens der Anschlag entfernt würde, meinte sie, sie täte nichts ohne einem Doktor Sowieso, mit dem sie sich besprechen müsse. Dieser Doktor Sowieso wäre jetzt aber in Berlin im Reichstag, denn er wäre Abgeordneter und hätte eine große Zukunft (sie scheint immer Männer mit großer Zukunft zu brauchen). Aber er käme morgen früh wieder zu ihr. Er wäre stets drei Tage in Berlin und drei Tage jetzt hier. Ich muß sagen, daß dieser Doktor Sowieso jetzt für Ihnen meine einzige Hoffnung ist. Denn Ihre Frau redet ja immer davon, daß Sie ja gar nicht in Frage kämen. Ihr ganzes Leben sei ein einziges Opfer gewesen, aber es wäre Pflicht – was das immer für abscheuliche Worte sind: Pflicht! (Es klingt schon, als ob einem die Gurgel abgeschnitten wird) –, den Vater jetzt den Kindern zu erhalten. Und lauter solche Reminiszenzen aus dem Lesebuch der fünften Klasse. Also nun wollen wir sehen, was der Herr Abgeordnete zu sagen haben wird. Ich glaube, daß man mit ihm leichter wird reden können als mit Ihrer Frau. Es scheint mir doch, als ob Ihre Frau nicht ganz desinteressiert an ihm ist. Frauen riechen so etwas, während Männer dafür einen Stockschnupfen haben. Und wenn er jede Woche vier Nächte im Schlafwagen zubringt, nur um hier zweimal vierundzwanzig Stunden bei ihr zu verbringen, so wird er wohl auch an ihr einigermaßen gebunden sein. Denn ein Mann gibt sonst nie seine Bequemlichkeit und sogar seine Bettruhe hin, wenn er nicht gewisse Zwecke damit verfolgt. Und wenn nicht: mit Männern läßt sich immer besser reden als mit Frauen. Sie sind zum Schluß weniger schlecht, wenn von ihnen eine gewisse Großzügigkeit des Herzens verlangt wird. Also bisher sieht alles sehr betrieblich aus. Vielleicht, daß es morgen ein anderes Gesicht bekommt. Das Hotel ist sehr schön, in dem ich wohne; und die Aussicht von Ihrem Zimmer auf das Schloß hat mich an den schönen Herbst mit Sonnenuntergang sehr gerührt ... sonst aber scheinen Sie nicht allzuviel zu verlieren. Ich werde Ihnen von nun an französisch schreiben, denn da kann man alles viel genauer und feiner sagen. Und außerdem hört sich deutsche Sprache an, als ob Pferde wiehern, und Ihre Rechtschreibung (sieben Konsonanten hintereinander) ist ein Kreuzworträtsel. Bei uns im Polnischen schreibt man alles, genau wie man spricht.«

Roberto ließ den Brief sinken. Gewiß, das lag alles meilenweit hinter ihm, berührte ihn gar nicht mehr, wie sein ganzes vergangenes Leben; aber jetzt schien es ihm weniger erstaunlich, warum damals seine Frau auf den Namen Erhard, der doch ziemlich ungewöhnlich war und keineswegs wie Tilmann zu ihren gemeinsamen Erlebnissen in Beziehungen gestanden hatte, so mit aller Energie gepocht hatte: ›Das müsse man doch zum mindesten einer Mutter, die mit so viel Schmerzen ihren Sohn geboren hatte‹ – wieder Lesebuch, dachte Roberto Luigi –, ›gestatten, daß sie den Namen wähle; und ungewöhnlicher als Tilmann sei der Name keineswegs.‹ Und weiter begriff Roberto Luigi plötzlich, warum Bärbel-Marie trotz geprüfter Kinderpflegerin in braunem Gewand und Häubchen, die überhaupt niemand an das Bett des Kindes, geschweige denn an seinen ihr anvertrauten Leib ließ, durchaus nicht einige Wochen mit jener allein zu Hause bleiben konnte. Aber vielleicht hatte wirklich der alte Vorgänger von ihm aus seligen Studententagen sich erst später, wie er schon, Roberto Luigi, gesucht wurde, wieder eingestellt. Denn wie Schachspieler sind ja die Frauen; wenn ihnen ein Läufer vom Brett geschlagen wird, bringen sie eben den Turm ins Spiel. (Aber eigentlich hatte sich die Sache doch anders verhalten. Antonie Hilpinger hätte schon damals hundertmal lieber den jungen, sich eben häutenden Kommunisten geheiratet, den sie wohl auch für die Vaterschaft des Erhard Tilmann mit großer Wahrscheinlichkeit ansprach, als ihren Robert Ludwig. Aber dieser junge Kommunist war wirklich ein Springinsfeld und schien als Ehemann so sehr wenig geeignet, daß es schon besser war, diesen anderen lieben und korrekten und strebsamen Jungen ihm vorzuziehen. Hätte sie aber je ahnen können, daß jener mit dreiunddreißig Jahren schon Reichstagsabgeordneter sein würde, so hätte sie eines Robert Ludwig wegen nie und nimmer von ihm gelassen; denn der war ja mit dreißig noch nicht mal Privatdozent. Wann sollte er denn Professor werden? Frau Antonie war nämlich, wie viele Frauen, die sich opfern, sehr ehrgeizig – für ihre Männer.)

Doch von alledem wurde Roberto Luigi in dem Augenblick viel weniger berührt als von dem schwarzen und rotgepunkteten Marienkäferchen, das ihm über die Hand lief, plötzlich anhielt, ein paarmal tief atmete, die Unterflügel herauswarf, die bunten Oberflügel breitete und entschwirrte. »Wohin des Wegs, mein kleiner Freund?« fragte Roberto Luigi, während er langsam und etwas ermüdet aufstand. Nein, er wollte doch lieber abwarten, was Frau Tamara in dem zweiten Brief schriebe, und dann mit Modesta sprechen.

Und zwei Tage gingen noch so dahin, einer mit leichtem Regen und einer ganz licht und sonnig und herbstmild noch. In dieser letzten Nacht aber, die diesem Tage von einer wehmütigen Lieblichkeit folgte, schliefen beide, Modesta und Luigi, nicht, als ob sie ahnten, daß es ihre letzte wäre, die sie in diesem Dasein verbringen könnten. – Heißt nicht ein Stück von Grabbe »Napoleon oder die hundert Tage«? So lange waren sie ungefähr zusammen gewesen. Ja, nun ging es schon auf die Mitte des November zu. – Die ganze Nacht lagen sie da oben in dem Turmzimmer einander in den Armen und sprachen, redeten unaufhörlich, als ob nichts mehr zur Mitteilung übrigbleiben sollte; von dem Allerletzten, was jeder in sich trug, für andere Nächte. Und stundenlang hielt Modesta, wie sie das liebte, seinen Kopf in der Wiege ihrer gefalteten, schlanken, fleischigen Hände mit den runden, wie gedrechselten Fingern, deren Glieder alle gleich lang waren. Sie hatte sich etwas aufgerichtet in den Hüften, halb über ihn geworfen und seinen Kopf nur ein wenig zu dem ihrigen heraufgezogen. So ihm Auge auf Auge gegenüber, summte sie ihm alle Lieder und Liedchen vor, die sie kannte und konnte, und deren waren viel:

Quattro cavai che trottano
Sotto la timonella
Questa l'e l'ora bella
Questa l'e l'ora bella
Per far l'amor

Und dann, als es schon ganz hell war, schliefen sie beide umschlungen ein mit tränenden Wimpern ... warum, wußten sie selbst nicht. Aber als sie erwachten, mußten sie wieder lachen, beide, ob des vorsorglichen Urahnen.

Der nächste Tag aber war milde und leicht bedeckt, mit jenem Himmel des aufgerauhten Wolltuchs, und sie lasen zusammen in »promessi sposi« aus der Bibliothek des Großvaters. Roberto machte dann für Modesta Abrechnungen – denn im November zahlten die Pächter – und schrieb einige geschäftliche Briefe für Modesta, auch wegen der Spinnerei für Kunstseide. Am Mittag waren sie ein wenig auf die jetzt noch ganz unbelebte Fahrstraße hinausgegangen und hatten sich, ein Stück gehend, an dem wechselnden Blick auf die Ebene hinaus gefreut. Den Po sah man heute sehr gut. Es schillerte da hinten unter dem grauen Wollhimmel wie eine große kriechende Schlange im Gras. Eine Schlange, die so groß war, daß man Schwanz und Kopf eben nicht sehen konnte. Nein, was man erblickte, war nicht mehr als ein paar Ringe und silberne Schuppen ihres dahingleitenden Leibes – das fühlte man. Auch Bergamo sah man deutlich von einer Wegbiegung aus mit seinem hohen Turm oben in der Altstadt, wie ein Zeigefinger Gottes. Ein paarmal hatte Roberto Luigi versucht, Lionellas habhaft zu werden, ob ein neuer Brief für ihn gekommen sei; aber Lionella hatte: nur sehr unauffällig mit dem Kopf geschüttelt, als ob sie ihn auf die Abendpost verweisen wolle. Sowie er den zweiten Brief in Händen hätte, wollte er mit Modesta sprechen. Jetzt, da er gar nicht wüßte, was Frau Tamara bei ihm zu Hause ausgerichtet, war es jedenfalls verfrüht. Nun, morgen müsse der Brief in seinen Händen sein, und dann wäre der richtige Augenblick gekommen.

Am Abend aber, sie hatten früh gegessen, die Sonne war nicht untergegangen, sondern verschwunden, sie hatte ganz sans adieux von der Erde Abschied genommen, und der abnehmende Mond kam erst spät hoch, da schaute Roberto Luigi ganz zufällig von seinem Schreibtisch, er hatte noch kein Licht angezündet, über den Garten fort (Modesta hatte sich heute sehr früh in ihre Zimmer zurückgezogen, sie fühlte sich nicht ganz wohl und wollte die gestrige Nacht nachschlafen einmal) – da also schaute unser Roberto Luigi den Zypressenweg gerade hinunter nach dem Türchen, das da am anderen Ende des Parks, wo er in die Ebene mündete, verrostet in der Angel hing, als es ihm plötzlich schien, als ob die alte Tür ... es war schon die Zeit, von der es in der Bibel heißt, daß man auf fünfzig Schritte nicht mehr einen Hund von einem Wolf unterscheiden kann ... diese alte, vergessen und nie benutzte Tür da unten hin- und herschwanke, so, als ob von draußen mit Gewalt dagegen gedrückt würde, aber sie doch nicht recht nachgeben wollte. In dem nächsten Augenblick jedoch gab die Tür nach, flog heraus, schlug um, und gut fünfzehn, zwanzig und mehr Schwarzhemden und Karabinieri und andere Leute in ihm nicht bekannten Uniformen schoben sich nacheinander lautlos und im Eilschritt durch die enge Öffnung, rücksichtslos die Büsche vor sich niedertretend (denn dieses Türchen wurde ja nicht gebraucht, und man hatte den Platz vor ihm verwachsen lassen), und verteilten sich, schnell bergan laufend, nach allen Seiten im Park.

Das erste Gefühl, das Roberto Luigi hatte, war: Raskolnikow! Hingehen und sagen: Ihr sucht mich, hier bin ich.

Das zweite, fast parallele Gefühl war: Lebend falle ich euch nicht in die Hände.

Und das dritte Gefühl war: So oder so, diese Schmach darf ich Modesta nicht antun. Ich kenne eure Prozesse in Italien, sie sind von einer peinigenden Indiskretion, Riesenskandale, und werden vor dem Tribunal und von der Presse grandios aufgezogen. Sie werden Modesta und mich mit tellergroßen Bildern und schwungvoll aufgemachten Artikeln durch alle Blätter Italiens zerren. Schön, wenn ich herauskomme, so komme ich heraus ... Sonst, »ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei«. Ist die Treppe, ist die Hintertür, die von Lionellas Zimmer nach dem Seitenflügel auf die Chaussee herausgeht, besetzt, so gehe ich ruhig, als hätte ich nichts bemerkt, zurück und stürze mich hier über die Brüstung. Was nehme ich mit? Nichts. Nur meine Mütze, meine Brieftasche mit den Papieren und – das Kärtchen mit den Blutspritzern. Da liegt es ja.

Man hat nachgewiesen, daß man im Traum stundenlange Unterhaltungen und Geschichten in der Sekunde eines Reizes oder des halben Erwachens führen und durchleben kann, und ähnlich war es hier: Kaum hatten die ersten auf dem Zypressenweg begonnen heraufzusteigen, so war diese Überlegung schon lange: vorbei.

›Etwas viel Aufwand macht man jedenfalls, um mich zu fangen, als ob ich ein Brigant aus Sardinien wäre, der hundertfünfzig Menschen in der Vendetta kaltgemacht hat, Häuser mit Dynamit in die Luft gesprengt und Viehherden weggetrieben hat‹, sagte sich Roberto Luigi, schon an dem knienden Engel auf der Treppenbrüstung. ›Jedenfalls also will ich gehen und versuchen, dabei alles unnötige Aufsehen zu vermeiden.‹ Er spähte nach vorn und die schmale Seitentreppe hinab. ›Niemand!‹ Er klinkte unten vorsichtig die kleine Pforte auf, die auf die Chaussee hinausführte: ›Keine Seele!‹ Die Straße lag weit, grau und still in der Dämmerung. Aus seinem schönen Park duftete es noch einmal, noch ein letztes Mal herauf; von jenem Busch kam es wohl, den man hier Oleum nannte. Er blühte also immer noch oder schon wieder.

Und dann ging er ruhig, ein abendlicher Wanderer, der eins vor sich hin pfeift, die staubige Straße entlang zu der elektrischen Kleinbahn des nächsten Ortes. Mit der müsse er fahren bis zur nächsten Bahnstation und von da nach Milano. Nach ungefähr einer Stunde ratterte ein mächtiges, vorweltliches Lastauto an ihm vorbei, auf dem dichtgequetscht Schwarzhemden, Karabinieri und Militär in ihm unbekannten Uniformen standen. Aber sie nahmen gar keine Notiz von ihm. ›Sehr intelligent schien die italienische Polizei ihm nicht zu sein. Vielleicht war es auch das Kärtchen, sein Talisman, den er auf der Brust trug, der ihn so offensichtlich vor seinen Verfolgern rettete. Sicherlich jedoch war eine ganze Meute von solchen Spürhunden auf seine Fährte gesetzt‹, dachte Roberto Luigi. ›Was würde es ihm nützen, wenn er dieses Mal noch durchgerutscht sei, über kurz oder lang würden sie ihn doch fassen – arme, liebe, schöne, gute, einzige Modesta! Wenn ich dir nur irgendwie diese Schande und diese Schmach ersparen könnte.‹

Der brave Roberto Luigi beging einen großen Fehler ... den, den die meisten machen, die in einem fremden Land reisen: sie lernen es nicht kennen. Sie besuchen wohl Städte, Kirchen, Museen, setzen sich auch mal zwischen das Volk, aber sie ahnen nicht, was in dem Land eigentlich vorgeht. Frau Tamara zum Beispiel, die ahnte etwas davon. Roberto Luigi nicht.

Hätte Roberto Luigi sich nur etwas mehr mit den Dingen befaßt, die der Lebensnerv eines Landes sind, er hätte genau gewußt, daß die Polizei dieses Landes alle Hände voll zu tun hat, um die ihrer Ansicht nach politisch Unzuverlässigen zu überwachen und zu provozieren, und daß man einen Fall wie dem seinen nicht nachlaufen würde, da er alltäglich und kriminell völlig belanglos ist. Ja, wenn ihn ein Detektiv zufällig auf einer Streife mit aufgriffe, so wie ein Junge, der in die Heidelbeeren geht, auch eine einzelne verspätete Erdbeere, wenn er nicht zu faul ist, sich zu bücken, im Gehen abzupft und sich in den Mund schiebt, und auch dann würde man es sich überlegen, was man mit ihm tun soll: ihn den Gerichten übergeben, daß er den Staat noch etwa Geld kostet, oder ihn einfach abschieben? Man würde sich wohl für das zweite entscheiden. Der Größenwahn, daß seinethalben ein ganzes Lastauto voll Uniformen in Bewegung gesetzt wurde, der nur seiner Unkenntnis entsprang, rächte sich noch bitter an dem armen Roberto Luigi.

Die halbe Nacht also brachte er in dem Warteraum einer kleinen Station zu, die nach Latrine roch, und saß in diesem einzigen Warteraum zwischen schlafenden Arbeitern eines Kalkwerks, die sich kratzten, aber nicht erwachten. Und des Morgens kurz nach fünf – der Zug bummelte hoffnungslos, hielt mehr, als er fuhr – saß er in Mailand auf dem Bahnhof und trank ein Glas Kaffee für einen lächerlichen Preis. Der Kaffee war heiß und gut und hob sein Herz, so daß er wieder seine Lage zu übersehen begann.

Jedenfalls würde er zuerst mal an Modesta schreiben – oder, wenn ihn das verrate, denn ihre Post würde nun gewiß seinethalben überwacht werden, würde er ihr durch einen Boten oder einen der Gärtnerburschen, dessen Adresse er kannte, Nachricht zukommen lassen.

Und als der arme Roberto Luigi noch gerade darüber, was er eigentlich schreiben sollte, so ganz in sich selbst verkrochen vor sich hin spintisierte ... warum kam er eigentlich nicht auf den einfachsten Gedanken, daß er in diesem Augenblick seine falschen Papiere zerreißen und seinen echten Paß auf Doktor Wilhelm Schmidt hervorholen könnte und aller Not enthoben sei? Ja, als Doktor Wilhelm Schmidt könnte er noch heute zu Modesta zurückfahren. Man solle ihm mal nachweisen, daß er jener gesuchte Schwindler Roberto Luigi sei! Er, ein deutscher Doktor der Kunstwissenschaften, der im Repertorium die längsten Arbeiten über den Meister L. R. publiziert hat und sogar eine Empfehlung an den Direktor der Uffizien bei sich trug. Ja, warum kam er eigentlich nicht auf diese allereinfachste Idee, nämlich die, aus seinem Traum zu erwachen? Warum trieb er sich nur immer tiefer in ihn hinein?

Ja, und als er nun da bei einem heißen Kaffee und weißem Brot, das alle ringsum in die hohen Becher und Gläser brockten und dick Zucker darüber streuten und es schmatzend auslöffelten, immer tiefer ins Grübeln, Auswegsuchen und Spintisieren kam, was er nur tun könne – da hörte er plötzlich neben seinem Ohr so etwas wie das Knallen eines Champagnerkorkens, ein lautes, scharfes, durch langjährige Übung vervollkommnetes Fingergeschnackel. Und dann kamen die Worte: »Jo, was war' denn jetzt dös, mei Spezerl! Do legst di nieder!« Und neben ihm saß Antonio Dionigi und streckte sein Bein mit dem Stelzfuß und dem Gummikorken weit von sich.

Man wird glauben, das ist ein Zufall, eine schlechte Konstruktion des Erzählers, ihn, Antonio Dionigi, hier, wo er ihn braucht, auftauchen zu lassen. Aber dem ist nicht so. Man konnte schon seit langen Jahren Antonio Dionigi um diese frühe Morgenstunde in der Bahnhofswirtschaft des Hauptbahnhofes zu Mailand antreffen. Immer eigentlich gerade um diese Zeit. Er hatte hier geschäftlich zu tun. Hier bot ihm oft das Glück die Hand. Das Geschäft war nicht immer das gleiche, aber was es auch war, es war dem anderen ähnlich darin, daß es nicht sauber war.

Und außerdem war ja Roberto Luigi in seiner Bedrängnis oder trotz seiner Bedrängnis, wie er glaubte, in die Höhle des Löwen nach Mailand eigentlich gerade deshalb gefahren, um eben zu Antonio Dionigi zu gehen. Denn wenn einer, verstand er es, ihn hier untertauchen zu lassen und dann weiterzubringen, wenn die Luft wieder etwas klarer war. Er tat das nicht seines lieben Lebens wegen – er hätte sich sofort der Polizei gestellt, denn er war ja sehr bürgerlich –, sondern, wie er sich hundertmal schon versichert hatte, nur um Modesta in einem Prozeß die Peinlichkeiten der Aussagen zu ersparen und das Herumwühlen von Gerichten und Zeitungen in ihren privatesten Privatdingen. Nein, in diesem Zusammentreffen von Roberto Luigi und Antonio Dionigi an dieser Stelle waltete nichts als ein tausendmal beobachteter Zufall, daß man nämlich jemand, den man besuchen will, schon vorher auf der Straße trifft. Und sogar das nicht mal, denn der Wartesaal dritter Klasse des Bahnhofs in Milano war wenigstens für gewisse Stunden des Morgens eine zweite Wohnung von Antonio Dionigi; und so traf er ihn eigentlich zu Hause, ohne zu ihm gegangen zu sein.

Daß irgend etwas mit jenem heurigen Hasen von Deutschen vorgegangen war, das hätte ein schlechterer Menschenkenner als Antonio Dionigi schon auf eine halbe Meile gesehen; und wieviel weniger konnte es dem Stelzfuß entgehen, den der Lebenskampf zu einem dreimal durchgesottenen Physiognomiker und Psychologen gemacht hatte. Aber er wußte ebenso, daß es keinen Ort in ganz Milano gab, wo es gefährlicher war für ihn, hier mit jenem sich in ein Gespräch einzulassen, weil erstens Detektive um diese Stunde sich immer als harmlose Morgengäste unter den kaffeetrinkenden und brottunkenden Passanten befanden – und selbst er kannte noch nicht mal alle, wenn er auch nicht annehmen konnte, daß es einen unter ihnen gab, der ihn nicht kannte (solch Stelzfuß ist von einer abscheulichen Öffentlichkeit) – und weil ferner noch so ein unangenehmer Knabe im schwarzen Hemd am Büfett lehnte und seine kleinen, stechenden Augen in allen Winkeln des Wartesaales umherfahren ließ. Es war ihm schon peinlich, daß er den Roberto Luigi unvorsichtig hier so lebhaft begrüßt hatte, und nun lag ihm alles daran, diesen Menschen zuerst nicht zum Reden, sondern zum Schweigen zu bringen. Wenn es aber dicke Luft gab, hatte er ihn eben nie gesehen und mit einem Spezi, den er von Stadelheim her kannte, verwechselt. Und Antonio machte plötzlich ein ganz fremdes Gesicht und fuhr sich mit der Hand über den Mund, als wollte er ein paar dort hängende Tropfen von den Kaffeebrocken abwischen.

Dieses Zusammentreffen nebenbei gab ihm außerordentlich zu denken: Was war da nur passiert? Er hatte gestern noch den Beweis in Händen gehabt, daß alles glatt gegangen war, und hatte deshalb an den Türsteher in Bergamo die Restsumme von fünfundzwanzig Lire, die er eigens noch mühsam zu diesem Zwecke zusammengepumpt hatte, auszahlen lassen; denn so etwas: einen Menschen, der einem einen Dienst geleistet hat, nachher zu prellen, wie das seine Konkurrenz noch beliebte, machte er nicht. Wo blieb dann da Treu und Glauben im Geschäftsleben? Er, Antonio Dionigi, hielt auf seine Berufsehre! Und nun saß plötzlich dieser Mensch hier und machte ein Gesicht, daß ein blinder Kater sehen konnte, daß die Polizei hinter ihm her war. Was war da nur passiert? Und wenn er hier etwas mit ihm spräche, wäre ihrer beider Schicksal besiegelt. Und so tat er, als ob er sich getäuscht hätte, zog entschuldigend seine Mütze und löffelte hastig seine letzten Kaffeebrocken weiter. Dann aber holte er ein sehr schmieriges Notizbüchlein aus der Tasche und schrieb etwas hinein; ließ – als ob er sich verschrieben hätte und nun unwillig das Dokument seiner Unachtsamkeit vernichten müsse – wie absichtslos dann das Blatt, das er herausriß und zerknüllte, auf der Marmorplatte liegen, zog noch einmal seine alte speckige Soldatenmütze und humpelte davon, dem Ausgang zu.

Als aber Roberto Luigi das Zettelchen entknüllte, stand darauf nichts als »In finf Minute draußen zweite Palme«, denn in Italien wachsen zwar keine Palmen – die ersten, die man so nennen kann, sind eigentlich bei Pisa und dann wieder in Neapel –, aber auf den Schmuckplätzen vor den Bahnhöfen sind immer ein paar verkümmerte und verstaubte Palmen angepflanzt, damit der Reisende, der Fremde, der aussteigt, gleich merkt, daß er doch in Italien ist.

Nach einer Weile erhob sich unser Roberto Luigi und ging sehr langsam und müde, denn er hatte auch diese Nacht nicht geschlafen – und das ist ein Grund, warum sich seine in wissenschaftlichen Dingen so oft bewährte und bekannte und belobte Kombinationsgabe etwas getrübt hatte, wie wir gleich sehen werden –, durch die Gänge und Unterführungen des Bahnhofs, allwo man Billette und Rat und sein Handgepäck bekam. Allwo aber die Wände wie überall mit Fahrplänen und Plakaten und allerhand Anschlägen dicht bei dicht verklebt sind. Und unter diesen leuchtete auch wie eine gelbe Sonnenblume jener Steckbrief (wie er wähnte), in dessen Mitte sein Bild als Pithecanthropus erectus prangte. Es kitzelte ihn, nach Art eines echten Verbrechers, heranzugehen, es zu betrachten und es noch einmal gründlich zu studieren.

Aber wie er eben herübergehen wollte, kam ein Mann mit der Mütze eines Gepäckträgers und der Nummer achtundsechzig, eine Serenade laut singend und einen Eimer voll eines grauen Kleisters nebst einem Pferdeschwamm dazu schwenkend, während er unter dem anderen Arm eine Steh- oder richtiger Lehnleiter, solche, wie sie Fensterputzer haben, geklemmt hatte und diese dann zum Takt seiner Musik aufstellte, gerade vor seinem Bild, und ebenso weiter im Takt der Musik auf die drei Stufen der Leiter kletterte. Immer noch ganz im Rhythmus seiner Serenade, fetzte er den Anschlag herunter, wusch die Stelle mit dem Pferdeschwamm nach und entnahm einer Rolle ein anderes Papier, das er sorgfältig befeuchtete und mit der Übung langjähriger Tätigkeit mit einer einzigen Bewegung des Handballens schon an die Wand geklebt hatte. Das heißt, er tat das so schnell, daß man den Effekt der Handlung fast eher sah als die Handlung selbst.

Es war ein weißer Pierrot, der vor einer rosa Kolombine kniete und ihr mit huldigend zärtlicher Bewegung ein Stück Schokolade emporreichte, während dazu am grasgrünen Himmel ein quittgelber Mond stand, dessen verschnörkelte Strahlen das Wort »Prima-vera-Schokolade« bildeten.

Wäre nun Roberto Luigi wenigstens an den Facchino herangegangen und hätte gefragt, warum er den ersten Anschlag entfernt hätte, da er ihn gern einmal gelesen hätte, so hätte ihm aller Wahrscheinlichkeit nach Nummer achtundsechzig gesagt, daß heute von der Fremdenpolizei in Rom Order gekommen sei – das heißt schon vorgestern abend eigentlich –, diesen Anschlag von allen Bahnhöfen sofort zu entfernen, da er erledigt sei.

Aber mit so stark geschwächter Kombinationsgabe, und eingestellt nur auf eine für ihn scheinbar folgerichtige Linie, sagte er sich: Man wird gemeldet haben, daß man mich gestern verhaften würde, und deswegen entfernt man jetzt den Anschlag. Aber gottlob – denn es wäre Modestas wegen nicht zum Ausdenken! – bin ich ihnen noch einmal durch die Lappen gerutscht. Doch auf wie lange?

Und dann sah er schon draußen bei der zweiten Palme des Platzes Antonio Dionigi mit seinem Stelzfuß stehen. Ohne diesen Stelzfuß hätte er wenigstens als Tier doch noch als ein athletisch gebautes Wesen von nicht unerfreulicher Art gelten können mit seinen schmalen Hüften und breiten Schultern. So aber war er eben nur ein Krüppel. »Wissen S' was, wir wollen hier net schwätzen, gangen S' da hinten nüber, schaugen S' do lang! Im zweiten Haus unten ist a kleines Beiserl – es geht eine Stiegen nunter von e paar Stufen –, da erzähln S' mir denn alles, was S' auf dem Herzen haben«, sagte Antonio Dionigi mit seiner väterlichsten Freundlichkeit und tatschte ihm aufmunternd mit seiner großen Hand auf die Schulter, »geng S' nur, i kimm glei.« In seinem Innern hatte er sich nämlich inzwischen den ganzen Fall noch einmal überlegt und sich gesagt, daß er sich getäuscht habe. So hornviehmäßig benähme sich kein Mann, hinter dem die Polente her wäre. Außerdem: da war doch alles in Ordnung und erledigt. Ja, Geld aber könne es auch nicht sein, denn selbst wenn es ihm ausgegangen, so sähe er nicht so aus, als ob er sich nicht wieder neues schicken lassen könne. Außerdem trüge er ja noch eine schwere goldene Uhr samt Kette. Also könne es nur das dritte sein, nämlich Liebeskummer. Und gerade dagegen hoffte er in Rositta das rechte Gegenmittel zu besitzen. Der da würde in drei Tagen Mailand verlassen, um fünf- bis sechshundert Lire ärmer, aber froh und heiter wie ein Fisch im Wasser. Für Fälle wie diesen wäre die »einfache Frau aus dem Volke« seiner Erfahrung nach gerade das Gegebene. Ja, Antonio Dionigi schmunzelte sogar und fühlte sich als Wohltäter dieses jungen Mannes, der ihm durchaus nicht übel gefiel, den er sogar in seiner Art liebgewonnen hatte und gegen den er keineswegs etwas Böses im Schilde führte.

Die Trattoria war ein übler Ort, schon mehr eine Spelunke, so etwas gibt es in allen Großstädten in der Nähe der Bahnhöfe. Und der Wirt hatte blaue Backen wie ein Mandrill, halb blaurot vom Wein, halb blauschwarz von der ungezähmten Dichte seines Bartwuchses, dem das Rasiermesser nur stundenweise etwas menschlichere Manieren beibringen konnte. Außerdem hatte er einen Fettnacken wie ein indischer Büffel, einen roten Leibgurt, ein schwammiges Gesicht und eine Klumpnase, war also eher der Typ des Neapolitaners, in dem griechisches, spanisches und afrikanisches Blut noch mit dem romanischen zu einem neuen Produkt sich gemischt hatte. Er war untersetzt, aber sehr stämmig. Der geborene Padrone, das heißt der Mann, der die Arbeiterkolonnen aufstellt, vereint, unter sich hat und transportiert, solche Art von Zwischenmeister für die Arbeitskräfte, der ein Krebsschaden für das arbeitende italienische Volk ist. Solch einem glich er, wenn er auch im Hauptberuf Kaschemmenwirt war.

Das Lokal war noch ganz leer, und nur der Geruch der Nachtgäste war noch von all dem schlafenden und würfelnden und beim Mora schreienden Elend, das sich hier von Mitternacht bis Morgen versammelt hatte, zurückgeblieben. Zusammen mit einem süßlichen Duft von Zigaretten und einem faden von vergossenem Wein. Über Roberto Luigi konnte sich der Wirt durchaus keine Klarheit schaffen; denn seine Gäste waren weit weniger gut gekleidet, wenigstens die Morgengäste; es ereignete sich ja manchmal, daß in den Mitternachtsstunden, wenn hier Hochbetrieb war, ein Detektiv mit ein paar Amerikanern hereinschneite und daß dann jeder Gast einen halben Liter bekam für seine Leistungen in echtester Verkommenheit, auch sehr feine, pikseidene Damen waren schon dabeigewesen, aber um diese Morgenstunde und allein war ihm ein solcher Gast – denn man saß hier tief unter dem Niveau der Straße wie in einer Rattenfalle – nicht vorgekommen.

Es dauerte aber eine ganze Weile, bis sich auf der Treppe, die steil in diesen Orkus aller Menschlichkeiten hinabführte, das Aufstoßen des Gummis unter dem Stelzfuß vernehmen ließ. Antonio Dionigi war eben schlecht zu Fuß. Und das wurde auch nicht besser, sondern eher immer übler. Er wurde vorzeitig alt; grau fing er auch schon an zu werden; und was war das wieder mit dem dummen Kerl da unten – man soll eben Menschen nicht gefällig sein!

»Nun«, sagte er, »Spezerl, nu ricken S' mal 'raus mit dera Sprachen – Sie können ganz unbekümmert reden. Der Wirt is 'n Freund von mir. Was gibt's mit Ehna Neues?«

Und Roberto Luigi erzählte ganz ruhig und viel objektiver, als er sich zugetraut hätte, die Hergänge, wie er auf dem Rathaus in Bergamo zuerst den Anschlag gesehen hätte mit der Auslobung für seine Person.

»A der«, unterbrach ihn Antonio, »aber dös besagt fei nix!«

Daß da Leute gewesen wären, die um das Haus herumspioniert hätten.

»Oh«, meinte Antonio und schnackelte mit den Fingern das erstemal wieder, der alte Hallodri brach in ihm durch, »dös will nix heißen – dös kommt bei uns jetzt alle Tag vor.«

Und dann erzählte er, wie er durch eine freundliche Dame mit seinem Zuhause jetzt Fühlung wieder genommen hätte und gehofft hätte, dadurch noch einmal wieder alles in das rechte Gleis zu bringen, und gestern den ganzen Tag gezittert schon hätte, ob das nicht von dort aus geordnet werden könnte. Aber es wäre kein zweiter Brief mehr gekommen. Und plötzlich, wie er gestern abend am Fenster gesessen und über den Garten fortgeblickt hätte, wäre hinten eine alte, sonst verschlossene Gartentür aufgebrochen worden, und eine Rotte wohl von zwanzig und mehr Fascisten und Karabinieri und anderen Militärs wären in den Park eingedrungen und auf das Haus zugestürzt, um nach ihm zu fahnden und ihn zu verhaften. Da er die Dame aber nicht kompromittieren dürfe, bei der er gewohnt hätte, so hätte er eben die Geistesgegenwart aufgebracht, ganz ruhig fortzugehen, über die Hintertreppe hinunter und durch einen wenig beachteten Ausgang auf die Chaussee hinaus. Und dann wäre er ruhig weitergegangen, hätte sogar gepfiffen und getan, als ob er ein harmloser Tourist wäre. Er wisse genau, einmal wäre er ihnen entkommen, aber ein zweites Mal würde das ihm nicht glücken. Nach ungefähr einer Stunde wäre dann das Lastauto voller Fascisten und Militärs wohl unverrichtetersache abgezogen. Der Dame, die ihn beherbergt hätte, hätte man ja, da sie ja doch an alldem unschuldig war, wohl nichts antun können, vor allem, da man ihr ja nicht nachweisen könne, daß er dort gewesen wäre.

Antonio Dionigi war während der Erzählung des Roberto Luigi von seinem Sitz aus fast mit dem Kopf über den Tisch gekrochen und hatte (so daß Roberto Luigi von oben her auf seinen kahlen Scheitel hinabschaute) ganz erstaunt nach dem Mund des Sprechers geschaut. Und wenn Roberto Luigi auch nur ein halb so firmer Physiognomiker und Psychologe gewesen wäre wie Antonio Dionigi, so hätte er den Blick richtig gedeutet, der da sagte: Der Mann da vor mir, der ganz klug und gebildet zu sein glaubt und es – das kann ich nicht entscheiden – wohl auch ist, scheint doch dem richtigen und wirklichen Leben gegenüber ein Rindvieh mit Schrauben und Eichenlaub zu sein.

»Ja«, sagte Antonio endlich, und als er die kommende Frage beendet hatte, machte er den Mund gar nicht wieder zu, sondern hielt ihn immer noch wie in tiefem Staunen weit offen. »Jo, habens denn nach Ehna g'fragt? – Hao?« Sonst sagte er nichts.

Roberto Luigi hatte das Gefühl, daß dieser Stelzfuß wirklich sehr dumm war. Er hatte doch unmöglich abwarten können, bis man nach ihm frage, ebensogut hätte er direkt zu ihnen gehen können. Und vielleicht wäre es wirklich das beste gewesen. Sein erster Impuls, dem er hätte folgen sollen. Aber dann wäre eben Modesta in acht Tagen in der ganzen italienischen Gesellschaft unmöglich gewesen, und sie gehörte, auch als Sozialistin, immer noch zur besten Gesellschaft. Das hatte er die ganze Zeit geahnt, auch ohne daß es ihm erst Frau Tamara hätte sagen brauchen.

Antonio Dionigi aber hatte während der Rede seines Gegenübers bei sich folgende Erwägungen angestellt. Erstens: Irgend etwas anderes wird doch wohl dieser Herr da vor mir nicht auf dem Kerbholz haben? So aber verstehe und begreife ich die ganze Sache nicht! Mir hat man noch gestern geschrieben, daß alles glatt erledigt wäre – und heute das? Wie kann das eigentlich sein? Und weiter: Was hat denn der Mann getan? Nichts wie eine kleine harmlose Urkundenfälschung, ein bißchen Bigamie und noch ein paar Zusatzstrafen, die auf Untersuchungshaft verrechnet werden können; aber wenn man die Motive in Betracht zieht, kriegt er doch sicher mildernde Umstände und kommt vielleicht mit dem Verweis davon, oder alles wird auf Untersuchungshaft verrechnet. Für so etwas schickt man einen eben ausgelernten Kriminal, der sein kleines Gesellenstück daran macht, zur Verhaftung, aber nicht eine Fuhre mit zwanzig Mann. Das kann und wird nur eine Haussuchung gewesen sein. Denn sie machen ja bei allen, von denen sie wissen, daß sie am 27. September in Vicenza dabei waren, jetzt Haussuchung. Warum nicht bei Modesta Zamboni?

Und wenn es wirklich diesem Deutschen gegolten haben sollte, was ja, wenn auch nur nebenher, der Fall gewesen sein kann – vielleicht will man sich den neuen Mann der Modesta Zamboni nur mal ansehen und ihm bei der Gelegenheit mal so 'n bißchen auf den Zahn fühlen (nicht wahr?) –, so wird man ihn morgen schon hier suchen und finden. Und da dieser Deutsche ja offensichtlich schwachsinnig ist, wenn er nicht völlig verrückt ist, fällt er beim ersten Verhör um und verpfeift einen. Er mag sich dabei nichts Böses denken, aber er ist den Methoden unserer Polizei nicht gewachsen. Deshalb ist es wohl das beste, man läßt ihn vorerst mal ein wenig verschwinden. Aber wohin? In seiner Heimat, da können sie ihn ebenso am Schlafittchen kriegen, und wenn sie von da, wo man ja auch meine Akten hat, zurückmelden, bin ich ebenso reingefallen. Und ich werde langsam zu alt für Gefängnisse. Früher hat's mir nichts gemacht; aber jetzt: Mei Ruh' will i ham!

Und so sprach Antonio Dionigi vorerst gar nichts und ließ sich nur erzählen und wartete ab, bis Roberto Luigi geschlossen hatte. Dann aber sagte er auch noch nichts, denn es gibt Lagen, in denen es klüger ist, andere reden zu lassen.

»Jo«, sagte er endlich und schnackelte mit dem Finger, »woaßt, dös is a bes G'schicht. Packen werns di doch mal.« Jetzt duzte er Roberto Luigi schon, denn was hatte der vor ihm noch voraus? Seinesgleichen duzte er stets. »Wanns di hier aburteilen, dös wär' schon fei besser. Aber es ist auch möglich, daß di ausliefern nach Deutschland zur Aburteilung.« (Wirklich, jeder seiner Kollegen hätte ihm ins Gesicht gelacht oder eine hineingehauen, wenn er so einen lächerlichen Unsinn vor ihnen dahergelogen hätte, aber diesem Jüngling konnte man erzählen, der Mond wäre ein Käse, dem konnte man auch alles, was man wollte, einreden. Solche Kunden hatte er sich schon lange gewünscht.) »Jo, wenns di hier wenigstens in Italien aburteil'n täten, dös is nit das schlimmste; die italienischen Gefängnisse sind gar nicht so schlecht, wie sie immer gemacht werden. Aber die deutschen ... dös is a Kreiz! Kannst mer schon glab'n: I kenn' beide, i kann das beurteil'n.«

»Ja, Sie müssen mir eben weiter helfen«, sagte Roberto Luigi; jetzt wollte er, so müde er war und so zerschlagen, den Überlegenen spielen. »Denn wer sagt Ihnen, Signor Antonio Dionigi, daß, wenn man mich erst hat, man Sie nicht auch noch fassen wird!«

»Daß i net lach'«, rief Antonio Dionigi und schlug auf den Tisch, daß fast eine der beiden Strohflaschen umfiel.

»Ja«, meinte Roberto Luigi gleichgültig (mochte der auf den Tisch hauen, soviel ihm immer Freude machte), »wenn man mich aber nicht hat, wird man nur schwer auf Sie kommen. Das muß Ihnen doch einleuchten, Antonio?« Das ist doch wirklich erstaunlich, wie zäh und langsam solch ein primitiver Intellekt arbeitet, dachte Roberto Luigi; ich werde ihm das noch einmal erklären müssen.

»Jo, jo«, sagte Antonio und kratzte sich sehr nachdenklich die Platte dort, wo sie in den Kranz der leicht angegrauten Haare überging, und tat, als ob er innerlich jetzt doch vor der überlegenen Energie des geistigen Menschen zusammenknickte, »i denk' schon allweil nach, i überleg' mir schon hin und her, wenn i nur wüßt': wohin?« Und er goß sich das Glas voll, stürzte es mit einem Zug hinunter und starrte dann nachdenklich auf die Tischplatte, und so verharrte er wohl zwei, drei Minuten, ohne zu sprechen und ohne ein Glied zu rühren. Nur auf die Tischplatte starrend, als ob er dort die toten Fliegen – denn es war Herbst – zählen wollte. Wenn er nachher die Sache sich noch einmal überdachte, so war ihm das, so ganz ruhig zu sitzen, drei Minuten lang – ihm kam es eine kleine Ewigkeit vor! –, wohl am schwersten gefallen. Ach, was hatte er sonst tagelang für Wein und alle Künste der Überredung, ja sogar Mittel, die ihm selbst zuwider waren, anwenden müssen, als Schlepper für diese in ganz Italien verrufene Arbeiterkolonne nach Argentinien, für diesen Blutsauger von Padrone hier. Und wie oft waren ihm dann noch die Leute im letzten Moment, wenn sie eben verpflichtet werden sollten und Handgeld bekommen sollten, durch die Lappen gegangen; und hier brauchte er heute gar nichts tun, nur schweigend dasitzen und auf die Tischplatte stieren.

»Jo«, sagte Antonio Dionigi endlich, »ich hätt' scho was, aber ich fürcht', es wird dir zu teuer sein, a Geld kost's scho. Unter an Hunderter wirst kaum wegkommen. A Fufzgerl muß ich dem Mann selbst geb'n, dem Blutsauger.« Das war ungeschickt. »No, no«, verbesserte er sich, »so schlimm ist's net, aber so a Mann will auch leben, net wohr? Und 's Schiff geht heut nachmittag um vier von Genua furt. Möglich, daß alles schon vollzählig ist, wahrscheinlich sogar, da missen S' sich schnell entscheiden, i kann natirlich noch anfrag'n, aber erst muß i wissen, ob S' megen oder nich. I glab' nich, daß bei die einfache Arbeiter nach die Richtigkeit von die Papiere viel fragen tun. Die Fahrt hast natürlich umsunst. Denk mal: vier Wochen auf See, schöne Zeit! Da erholt sich ein Mensch schon wieder. I mein, wenn i di so anseh', die schwere Arbeit wirst net tun brauchen, da führst halt d' Lohnlisten. Und so a halbes Jährli ist ball 'rum. Do lebst wie die Made im Speck. Nachher wird scho Gras über die Sach'n g'wachs'n sein; und wennst magst, wannst wiederkummst, da tu' ich dir hoch und heilig versprechen – weil's diesmol so a Pech mit g'habt hast –, die neuen Flebben, die mach' ich dir ganz umsunst. Da kennst den Antonio Dionigi nicht, daß er etwas verspricht, was er net hält!«

»Ja«, warf Roberto Luigi etwas kleinlaut ein, »was ist es denn eigentlich? Um was dreht es sich denn hier?«

»Jo, jo«, meinte wiederum Antonio Dionigi ganz treuherzig, »ganz genau sagen kann ich dir's eigentlich auch nicht. Da mußt halt den Wirt fragen. Der woaß das besser.«

Und Antonio Dionigi winkte, und schon kam der schwammige, blaurote Neapolitaner mit den Backen eines Mandrill zu ihnen an den Tisch – er hatte so nichts zu tun – und setzte sich zu ihnen. Und in einer halben Stunde wußte Roberto Luigi genau, um was es sich drehte, und hatte einen Schein unterschrieben und hatte hundert Lire Handgeld und hatte einen Ausweis an den Rottenführer des Padrone, der schon auf dem Schiff war, und sogar eine Schnellzugkarte nach Genua (mit dem Diretto wäre er gar nicht oder nur sehr knapp hingekommen). Er schob, trotzdem er selbst nicht mehr allzuviel hatte, den Hunderter heimlich Antonio Dionigi hinüber; aber der Wirt hatte es doch gesehen, und nachher gab's einen harten Streit, der beinahe zu einer Messerstecherei geworden wäre, zwischen jenen noch, als Roberto Luigi schon seit einer Stunde abgefahren war. Denn der Wirt wollte Antonio Dionigi die zweihundert Lire nicht bezahlen, die er pro Mann, den er der Gesellschaft ans Messer lieferte, zu erhalten hatte. Aber zum Schluß vertrugen sie sich doch beide miteinander wieder und einigten sich auf hundertfünfzig und zwei Liter Rosso. Denn warum sollen sich Leute, die aufeinander angewiesen sind, miteinander veruneinigen? Kluge Menschen tun so etwas nicht.

Der Wirt und Padrone hatte zu Roberto Luigi gesagt, er könne stolz sein, dieser Elite der italienischen Arbeiterschaft sich anschließen zu dürfen. Viele drängen sich danach, aber sie wären sehr exklusiv; und er beglückwünsche ihn: denn er trüge die ernste Tüchtigkeit seines Landes über das weite Meer als ein Pionier, Vorkämpfer und Held der Zivilisation. Das war nebenbei die schönste Rede, die der Neapolitaner mit den Backen eines Mandrill je gehalten hatte.

Er pflegte wie ein General bei der Vereidigung seine Reden je nach der Menschenart, die er vor sich hatte, zu modifizieren. Bei einigen sagte er nur: »Na, freust du dich, du Schwein, daß du endlich mal was Anständiges zu fressen kriegen wirst?« Bei anderen sprach er von der weiten Welt und nicht bei Mutter zu Hause hocken, wie eine Wanze hinterm Spiegel. Und so wußte er zu steigern und Abwechslung zu bringen. Das aber war anerkannterweise die schönste Rede, die er je gehalten hatte. Sie ergriff ihn beinahe selbst. Und außerdem kam alles zusammen, um Roberto Luigi dort drüben wirklich zu einem Helden der Zivilisation zu machen: die Arbeit war schwer, die Bezahlung war schlecht, das Essen unzureichend und das Klima einfach verheerend.

Dieser Antonio Dionigi war doch, so wird man denken, ein rechter Lump. Keine Spur davon. Wenn er etwa anders hier handelte, als vielleicht dieser und jener es getan hätte, so war er deswegen genauso moralisch, wie sein Stand es forderte, und den hatte er sich nicht selbst ausgesucht, sondern den hatte das Leben für ihn gewählt und die Gesellschaft. Gegen Roberto Luigi führte er durchaus nichts Böses im Schilde. Um bei der Wahrheit zu bleiben, er liebte ihn fast. Er gefiel ihm. Er sah den feineren und gebildeten Menschen in ihm, und nach so etwas hatte er eine große Sehnsucht sein ganzes Leben lang. Wenn er ihn, wie er sich selbst eingestand, hereinlegte, so behandelte er ihn nur geschäftlich, ja, er tat das, was der Franzose im Handel als »traiter comme l'ami« bezeichnet. »Ich arbeite gern mit Franzosen«, sagte mir ein Großkaufmann, »ich liebe sie, es sind scharmante Menschen. Aber sowie zu mir bei unseren Unterhandlungen jemand ›traiter comme l'ami‹ sagt, dann passe ich auf.« Was will man denn? Geschäft ist Geschäft. Und das war sein Geschäft. Antonio Dionigi hatte eben »traiter comme l'ami« gesagt, und Roberto Luigi hatte nicht aufgepaßt. Was war da viel zu machen? Ein anderes Mal ging es vielleicht umgekehrt.

Und zur gleichen Zeit nun saß Roberto Luigi im Schnellzug, der ihn nach Genua bringen sollte in zwei Stunden oder doch kaum mehr, und starrte in das abgeerntete Land hinaus: Von den Maulbeerbäumen, die ganz kahl schon, hingen die toten, nackten Weinreben herab wie abgerissene Telephondrähte. Die Luft war grau, und in der Ferne an irgendeinem Bergzug schien es sogar zu regnen. Roberto Luigi saß sehr ruhig. Aber irgendwie hoffte er doch noch, es würde jetzt ein kleiner energischer Herr mit einer Buchmachermütze nach seiner Legitimation fragen, und dann so ganz freundlich, damit es den Mitreisenden nicht auffiel, sagen: »Signor ... Wir wollen einmal auf der nächsten Station beide aussteigen – ecco!« Irgendwie hoffte er das noch als seine letzte Rettung. Er hatte dabei wieder den Druck mitten auf der Stirn und dieses federleichte und durchsichtige Gefühl, bei dem all seine Bewegungen ohne Schwere und Gegendruck waren: Nur ... Modesta! Nur ... Modesta!

Zu gleicher Zeit aber lief Modesta Zamboni zum vierzigstenmal durch das Haus, durch alle Zimmer und Stockwerke, ja, sie hatte sogar das Marmorbad in der Orangerie aufgeschlossen, um zu sehen, ob ihr Robertino – schon die Idee war Wahnsinn, denn wie sollte er denn dort hineingekommen sein? –, ihr Robertino vielleicht sich dort versteckt hätte. Daß er gestern, als die Fascisten zur Haussuchung kamen, sich eiligst, wie Lionella gesehen hatte, vorher aus dem Staube gemacht hatte, rechnete sie ihm sogar hoch an, denn ob ihr Bräutigam, ob nicht: Es hätte sie kompromittiert. So hatte sie sagen können, als der Offizier sie fragte, wem diese Männerkleidung im Schrank gehöre, daß sie von ihrem Bruder wäre, der jedes Jahr, wie ja bekannt, trotzdem er die italienische Bankfiliale in Zürich leitete, sich zwei bis drei Monate gönne, um seiner geliebten Heimat und dem Platz, an dem er geboren, nicht untreu werden zu müssen. Seine Garderobe für die Zeit habe er hier. Aber als dann die Haussuchung lange zu Ende war ... sie waren sehr höflich gegen sie gewesen und hatten nichts gefunden, nur zwei deutsche Bücher ihres Robertino mitgehen lassen, weil sie darin anarchistische Konterbande witterten. Sie hatten darüber sogar Scheine ausgestellt, so daß, wenn sie sich als einwandfrei ergeben – und es waren ein Band Gregorovius und ein Buch der Isolde Kurz –, die sie bestimmt zurückgeben würden ... aber als dann zwei, drei Stunden vergingen, ohne daß ihr Robertino wiederkehrte, und auch ein Suchen im Garten und auf der Chaussee nichts nutzte, wurde Modesta sehr unruhig und lief weinend und wehklagend durch das Haus. Warf sich über Stühle und Recamiers und riß sich mit ihren schönen Fingern wild im Haar herum, ganz wie ehedem die Dido, als Aeneas sie verlassen hatte. Lionelia aber tröstete sie, er würde vielleicht drüben in Zengo die Nacht schlafen und würde früh schon wiederkommen. Ihr Freund wäre damals sieben Jahre in Amerika gewesen und wäre dann doch zu ihr noch einmal wiedergekommen (aber nur, um an der Auszehrung zu sterben). Als aber am nächsten Morgen, sie waren beide nicht in die Betten gegangen, um ihn ja unten schellen zu hören, den Signor Robertino, jener auch sich nicht zeigte, da gab Lionelia ihrer Herrin den Brief, den sie schon seit gestern abend ... sie wollte ihn eben nach oben bringen, als diese Horde wild gewordener Affen, wie sie sagte, das Haus überfiel ... seit gestern abend schon für Signor Robertino in ihrer Schürzentasche trug. Es war ein französischer Brief von einer Dame, und Modesta wußte gar nicht, wie oft sie ihn schon gelesen hatte. »Lieber Herr Doktor«, hieß es da, »Sie wissen ja, wie böse ich auf Sie war. Aber nun, da ich Ihnen Gutes zu schreiben habe, bin ich gar nicht mehr böse auf Sie. Und dann sagte ich mir doch immer dabei, daß ein Mann, den eine Modesta Zamboni liebt, nicht sogar kein schlechter, sondern vielleicht sogar im Kern ein wertvoller Mensch sein wird oder doch zu werden verspricht. Sie können nunmehr unbesorgt sein. Ich habe, weil ich das für das beste hielt, zuerst dem Doktor Sowieso – ich werde diese deutschen Namen nie behalten, aber ich glaube, in diesem Fall kann man ihn schon wieder vergessen, noch bevor man ihn in sein Gedächtnis sich eingeschrieben hat – und nachher dann in seinem Beisein Ihrer Frau reinen Wein eingeschenkt und habe ihnen beiden klar gesagt: Sie hätten sich neu gebunden und wollten wieder heiraten. Und der Doktor Sowieso hat dann Ihre Frau, auf die er großen Einfluß zu haben scheint, bestimmt, darin einzuwilligen und sofort die Scheidungsklage einzureichen. Jener Herr sagte, daß er dank seiner vorzüglichen Beziehungen, die er als Abgeordneter seiner Partei zum deutschen Richterstand habe, es sicher durchsetzen könnte, daß es bei den Gerichten sehr beschleunigt würde. Doch da er mir auch an der gleichen Sache seelisch nicht völlig unbeteiligt erscheint, bin ich schon der Meinung, daß er alle Minen springen läßt. Nach Rom habe ich selbst mit Ihrer Frau schon ausführlich gedrahtet, und so nehme ich an, wird heute nirgends mehr Ihr Konterfei auf keinem Bahnhof und keiner Polizeistation und in keiner Signoria (was war das für ein liebes Café dort in Bergamo!) die Freude und die Bewunderung der Passanten erregen. Nun bleibt Ihnen nichts übrig, als Frau Modesta alles zu gestehen, und ich denke, sie wird auch noch den Doktor Robert Ludwig Schmidt heiraten wollen; denn sie hat ja einen hergelaufenen Menschen, von dem sie nichts wußte, irgendeinen namenlosen Roberto Luigi ganz um seiner selbst willen liebgewonnen. Ich glaube, dieses Aufgebot lautlos zurückzuziehen und nach wenigen Wochen an anderer Stelle, vielleicht in Vicenza, für einen Doktor Schmidt ein neues zu machen, das wird sich ohne Schwierigkeiten oder daß es auffiele bewerkstelligen lassen. Sie sind mir nicht zu Dank verpflichtet; denn ich wäre wegen eines Defekts meines Reisewagens auch so hiergeblieben. Mittags geht es weiter. Ich bin glücklich für Sie; ich hoffe Sie oft zu sehen. Wir werden Freunde werden. Kommen Sie mit Modesta Zamboni am 15. Mai zu uns in die Villa Tamara nach Castagnola. Und wenn Sie Modesta Zamboni umarmen, so tun Sie es auch einmal für mich und sagen Sie: Ich schicke ihr durch Sie die schönsten Küsse. Der klugen und großen und menschlichen Genossin aber, dieser Modesta Zamboni, die Italien kennt, lege ich meine Bewunderung zu Füßen. Ihr Name war es, der mich meine Mission hier erfüllen ließ. Denn ich sagte mir, wenn ein Mann die Liebe einer Modesta Zamboni sich erringen kann, der nichts in die Waagschale zu werfen hat, weder Geld noch Namen, noch Stellung, wenn er die Zuneigung einer Frau gewinnt, derenthalben sich einer der reichsten und elegantesten Männer Italiens, dem keine widerstanden hatte je, weil er bei seiner ernsten Werbung um sie klägliches Fiasko erlitt (trotz eines großen Packard und eines Diamantschmucks aus dem russischen Kronschatz, die sie beide ihm prompt, und wie man sich erzählte, mit einem sehr witzigen und bissigen Sonett, das durch alle Salons kursierte, wieder zustellen ließ) – wer das fertig bekam, der muß zum mindesten etwas sein, was in der heutigen Welt, in diesem devastierten Europa so selten geworden ist ... nämlich ein Mensch.

Das Auto tutet schon unten im Hotelgarten. Leben Sie wohl. Für Sie gibt es kein Glück mehr, das ich Ihnen noch wünschen kann. Schreiben Sie: Warschau Symphonie, und kommen Sie nach dem 15. Mai nach Castagnola. Ihre Tamara von Chymansky, geborene Gräfin Orginska, die Ihnen die Hand zum Kuß reicht.«

Und zum hundertstenmal weinte Modesta an diesem Tage. »Du goldener Narr, du, du dummer Tedesco, du mein Robertino, warum hast du mir denn das alles nicht gesagt? Hast du etwa deine Modesta so wenig kennengelernt, daß du glaubtest, deine Modesta wäre böse auf dich geworden? Aber sie liebt dich doch – hast du denn das in all den Nächten so wenig bemerkt? Nein, ich weiß, du kommst wieder, du wirst deine Modesta nicht allein lassen. Was hat sie denn mit all ihrer Schönheit, wenn sie sie dir nicht schenken kann ... deine Modesta Zamboni!«

Und als dann Roberto Luigi durch die lärmenden, abschüssigen Straßen Genuas das kurze Stück vom Bahnhof zum Hafen hinabstieg, da dachte er: Galeozzo Alessi! Richtig! Genua? Ist das nicht die Stadt der schönen Paläste des Galeozzo Alessi: Palazzo bianco und Palazzo rosso? Schade, schade, die hätte man sich mal ansehen müssen; aber ich habe keine Zeit mehr – denn ich muß auf das Schiff.

Das Schiff war ein großes Schiff, aber es war kein schönes und kein neues und kein sauberes Schiff. Und wenn Roberto Luigi es sich jetzt so ansah, da es doch erst eben zur Abfahrt bereit war, so die Zwischendecks und die anderen Räume, die Roberto Luigi zugänglich waren, so war es für ihn doch eigentlich nur sehr schwer vorstellbar, wie diese Kajüten drüben, nachher, bei der Ankunft in Buenos, aussehen würden.

Aber da Roberto Luigi nach der Besichtigung der Kajüten ein tiefes Bedürfnis nach Luft empfand, so ging er hinauf auf das Stückchen Deck, das mit soundso viel Menschen er teilen sollte als einzigen Luftplatz für lange Wochen, und warf sich da auf ein Taubündel und schob sich einen Packen Kleider, die herumlagen, unter den Kopf und stierte erst eine Weile in den grauen Himmel. Und dann holte er die kleine blutbespritzte Karte mit der Venus Anadyomene aus Syrakus aus seiner Brusttasche, um sie zu küssen und wieder zu küssen.

Plötzlich fühlte er deutlich etwas wie Modestas göttliche Hände unter seinem Haupt, und dann begann er leise vor sich hin zu summen, wie sie es immer geliebt hatte:

Quattro cavai che trottano
Sotto la timonella
Questa l'e l'ora bella
Questa l'e l'ora bella
Per far l'amor
Che bella notte che fa
In gondoletta si va
Colla Lisetta
A far l'amor.

Dann dachte er, daß er nun ihr doch schreiben müsse, um ihre Verzeihung zu erflehen ... Aber wie wir Roberto Luigi kennengelernt haben, ist kaum anzunehmen, daß er es je tun würde – und er war ein träumerischer Mensch voller Hemmung.

Dann aber kam von Portofino herüber ein ziemlich unangenehmer Wind auf und blies hart über sein doch kaum beschütztes Lager zwischen zwei großen Messingknöpfen zum Herumwinden einer Stahltrosse hinweg, über jenes Bett von Tauen und alten Lumpen, das er sich hier bereitet hatte. Und dieser Wind erweckte vielleicht eine andere Ideenkombination in Roberto Luigi. Nun nämlich fing er an, deutsch vor sich hin zu singen.

»Und als er erwachte zur Stunde,
Da war er müde und alt,
Sein Schifflein lag auf dem Grunde,
Und stille war's in der Runde,
Und über den Wassern weht's kalt.«

Und dann schüttelte ihn urplötzlich ein Schluchzen, das der Wind, der stärker wurde, kaum überheulen konnte. Und er weinte nicht, weil, wie er glaubte und zu unrecht glaubte, die Polizei hinter ihm her war; nicht, weil er zu Hause in Deutschland alles aufgegeben, sein Haus, seine Position, seine Kinder, seine Zukunft; nicht etwa, weil er Sehnsucht vielleicht nach Frau Antonie hatte oder bereute. Nicht, weil er hier auf einem Taubündel lag, mit einem Packen alter und sicher verlauster Kleider unter dem Kopf; nicht, weil im Wind in der Luft eine graue Möwe über ihn hinschwankte, als ob sie auf einer unsichtbaren Schaukel säße, da oben turnte, die Steuerfedern und den Schwanz breitete und hungrig schrie und die roten Füße wie gebrochen herunterhängen ließ. Nicht, weil der Sturm aufkam, und nicht, weil vom Schornstein schwarzer Ruß mit tausend Körnchen ihn übertupfte. Er weinte einzig und allein deshalb so herzbrechend, weil ihm Modesta Zamboni aus seinen sehnenden Armen geschwunden war.

Und es war nicht mehr Roberto Luigi, der da weinte; auch nicht Robert Ludwig; auch nicht Doktor Robert Ludwig Schmidt; sondern nur einzig und allein Wilhelm Schmidt wieder, ganz wie ehedem, ganz wie anfangs. Der arme kleine Junge Wilhelm Schmidt, der mit bloßen Füßen in die Dorfschule lief und der das erstemal sich scheu, verträumt und fröstelnd als Freischüler, scheu und fröstelnd in die Bank drückte zwischen all die feisten und gut angezogenen Tertianer hinein. Er, mit einem Anzug, der schon abgetragen und plump war, als er nach Aussagen seiner Mutter noch neu und elegant war.

Und der arme kleine Junge, er hörte noch nicht auf mit Weinen, als das Schiff schon lange draußen im freien und unerbittlichen Meer des Lebens, jenseits des letzten Leuchtturms auf dem Festland des Daseins, in der Dünung schlingerte ...

Vielleicht aber, und das ist das Merkwürdige daran, hat sich diese ganze Geschichte gar nicht so zugetragen, wie sie hier erzählt wurde, wenigstens nicht in der Welt der Tatsachen. Vielleicht erlebte sie nur am 10. August des Jahres 1926 auf einer Bahnfahrt der junge Kunsthistoriker Doktor Robert Ludwig Schmidt, der nicht in Como ausgestiegen war, der nie ein Wort zu seiner berauschend schönen Nachbarin gesprochen hatte, sondern sie nur wie gebannt angestarrt und angestarrt hatte; ja, er war so vertieft in das Bild ihrer großgliedrigen griechischen Anmut, daß er gar nicht merkte, daß jene schon in Monza das Abteil verlassen hatte. Es nicht merkte, bis er wie trunken in Mailand selbst aus dem Wagen glitt und erst von seinem schönen und bedrängenden Tagtraum erwachte, als er hierbei mit seinem Handkoffer aus imitiertem Krokodilleder über einen Zementsack stolperte, der mitten auf dem Perron stand. In Mailand stehen immer Zementsäcke auf dem Perron umher.

   

Vielleicht aber war auch dem nicht einmal so, vielleicht erlebte das alles ein junger Werkstudent, der sich an einem heißen Juninachmittag auf dem Korridor der alten Universität nur verlaufen hatte, versehentlich in die Übungen über die »Plastik des Main-Tauber-Kreises mit besonderer Berücksichtigung Tilmann Riemenschneiders«, und der durch den gleichmäßigen, pausenlosen und einschläfernden Wortfall von den Lippen des dozierenden Professors in jenen Zustand des Halbbewußtseins versetzt wurde, in dem solche Tagträume gedeihen und der gerade ihnen außerordentlich günstig ist.

Also weder Doktor Robert Ludwig Schmidt noch Roberto Luigi, noch Antonie, noch ihre umstrittene Nachkommenschaft, ja nicht einmal der brave Antonio Dionigi, die liebe kleine Tamara, Gräfin Orginska, wandelten im Lichte der Wirklichkeit.

   

Aber auch das bleibt ungeklärt, auch der junge Werkstudent mit den zu großen Händen und der zu kurzen Velvetjacke entweicht mir.

Eines jedoch ragt unauslöschbar hinein in die nicht abzuleugnende Welt der gewesenen Tatsachen, jenes blutbespritzte Kärtchen aus Sizilien, das mir ein Talisman sein sollte und es nicht war, und meine Tränen um Modesta Zamboni, die den sehnenden Armen entglitten ist.








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