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Tomlinsoniana

Edward Bulwer-Lytton: Tomlinsoniana - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorEdward Bulwer-Lytton
titleTomlinsoniana
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20061113
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Zehn Charaktere.

I.

Der weiche, unentschloßne, gutherzige, träge Mensch. Diese Eigenschaften sind vergesellschaftet mit guten Gesinnungen, aber ohne Grundsätze. Den Mangel an Festigkeit beweist auch der Mangel eines eigenthümlichen und tiefgewurzelten Gedankensystems. Ein Mann, der irgend einer einzelnen, besondern Lieblingsidee nachhängt, verliebt sich in eine oder die andre Ansicht, womit er sich abgiebt. Ein überhaupt unentschloßner Mensch hat meist ein unzusammenhängendes Leben geführt und seine Aufmerksamkeit nie Einem Gegenstand anhaltend gewidmet; dieß ist ein Mann, meine geliebten Schüler, der sehr leicht zu betrügen ist; Ihr könnt ihn betrügen, sogar wenn er die Augen offen hat. Trägheit ist ihm lieber als Alles, und wenn Ihr ihn allein habt und ihm gerade ins Angesicht eine Frage vorlegt: so kann er nicht Nein! sagen.

II.

Der furchtsame, argwöhnische, selbstsüchtige, kalte Mensch. Im Allgemeinen ist ein solcher Charakter ein vortrefflicher Praktikus, und scheint auf den ersten Anblick dem abgefeimtesten Gauner Trotz bieten zu können. Aber Eine Hoffnung bleibt dir – sie hat mich nur selten betrogen – ein solcher Mann ist meist prahlerisch. Ein kalter, ängstlicher, aber weltlich gesinnter Mensch hat immer ein Auge auf Andre gerichtet; er bemerkt den Eindruck, den gewisse Dinge auf sie machen; ängstlich bemüht er sich, ihre Ansichten zu erfahren, um diesen nicht entgegen zu handeln; gerne möchte er wissen, was die Welt von ihm sagt; ja seine Furchtsamkeit flößt ihm den lebhaften Wunsch ein, seine Eigenliebe durch einen guten Ruf bei Andern zu stützen. Daher wird er prahlerisch, liebt die Wirkung, wovon man günstig spricht und den Schein, der Ansehen einbringt. Von diesem Punkt aus ihn angegriffen, meine Schüler!

III.

Der melancholische, zurückgezogene, empfindsame, beschauliche Charakter. – Ein sehr guter Gegenstand das für Eure Schelmereien, meine jungen Freunde, obgleich er viele Rücksichtnahme und Zartgefühl erheischt. Dieser Charakter hat einen ansehnlichen Anteil krankhafter Argwöhnischkeit und damit verwandter Reizbarkeit – dagegen müßt Ihr auf der Hut seyn! – zugleich jedoch ist sein hervorstechender Zug gewaltige, aber nicht eingestandene Eitelkeit. Eine hohe Meinung von sich selbst und das Gefühl, von Andern nicht nach seinem ganzen Werthe gewürdigt zu seyn – dieß macht Einen gewöhnlich zurückhaltend; er meint, er tauge nicht in die Welt, wegen der Zartheit seines Gemüths und des Mangels an entsprechender Empfindsamkeit bei Denjenigen, mit welchen er umgeht! Das ist die Handhabe, wo Ihr zugreifen müßt! Er fühlt sich auch ausnehmend durch Ehrerbietung und Herzlichkeit geschmeichelt; er verlangt in der Liebe, wie von der Welt, zu viel. Er ist ein Lara, dessen Freundinnen Medora's seyn sollen, und auch seine Freunde sollen durchaus Kaled's seyn. Der arme Mann! Ihr seht, wie kinderleicht es ist, ihn zum Besten zu haben.

NB. Unter Leuten dieses Charakters findet man gewöhnlich jene Grillen, Launen und Sonderbarkeiten, die eine vortreffliche Handhabe abgeben. Niemand entfernt sich von dem gewöhnlichen Leben, ohne daß die Tüchtigkeit seines Charakters es entgälte. Jede neue Bahn, die sich der Stimmung eröffnet, öffnet einen neuen Zugang zum Herzen.

IV.

Der kühne, großmüthige, freimüthige, herzliche Mensch. – Meist eine Person von kernfester Gesundheit. Seine Leibesbeschaffenheit erhält ihn bei gutem Muth und der gute Muth bei Entschlossenheit und Wohlwollen. Er ist, wie sich leicht begreift, für Euch, meine guten jungen Freunde, ein nicht so schwer zu hintergehender Charakter; denn er hegt keinen Argwohn und alle seine guten Eigenschaften stellen ihn Euch bloß. Aber hütet Euch vor seinem Zorn, wenn er Euch findet! er ist ein fürchterlicher Othello, wenn einmal seine Natur gereizt ist. NB. Eine taugliche Art von Charakter, zu widergesetzlichen Praktiken sich verführen zu lassen; giebt einen erträglichen Verräther oder einen durchtriebenen Schmuggler; Ihr selbst müßt nie eine widergesetzliche That begehen; es giebt ja Katzenpfötchen für die Kastanien! Da jedes Gesetz eine Unterdrückung ist, (freilich eine nothwendige und oft geheiligte Unterdrückung, – was Ihr ihm aber nicht auseinanderzusetzen nöthig habt,) und sein Charakter besonders jeder Unterdrückung feind ist, so könnt Ihr die geschilderte Person leicht verführen, den Gesetzen des Landes zu trotzen. Ja! der kühne, großmüthige, freimüthigt, herzliche Mensch darf nur in niedrigen Verhältnissen geboren werden, so ist ihm der Galgen sicher.

V.

Der kecke, selbstsüchtige, verschloßne, um sich greifende Mann – wird aller Wahrscheinlichkeit nach Euch betrügen, meine lieben Freunde. Denn ein solcher Charakter giebt einen Meister in der Spitzbüberei – das ist der Stoff, woraus die Natur einen Richard III. bildet. Ihr thut am besten, einen solchen Mann ganz allein zu lassen. Sogar ihm dienen ist nicht gut. Er zerbricht seine Werkzeuge, wenn er mit ihnen gearbeitet hat. Nein! Ihr könnt Nichts mit ihm anfangen, meine guten Jungen!

VI.

Der gut-essende, gut-trinkende, sorgenlose, sinnliche Gewohnheitsmensch – das alltägliche thierische Wesen. Ein solches Geschöpf hat Schlauheit und ist entweder feig oder trotzig; selten hält es die Mitte zwischen diesen Eigenschaften. Es ist durchaus nicht leicht zu betrügen. Die Natur schützt ihre geistig verwahrlosten Kinder durch die Dicke der Haut. Gewinnet seine Geliebte, wo möglich; sie weiß ihn am besten zu lenken. Solche Wesen sind die natürliche Beute listiger Weiber; gerade ihre Dummheit deckt Alles zu, nur nicht das Geschlechtliche. Für einen Simson eine Deliah!

VII.

Der glänzende, hinterlistige, schlaue, abgefeimte, gewandte Mann; der Hofmann, der Mann von Welt. Im öffentlichen und bewegten Leben ist er der passende Gegner, oft der glückliche und bewegte Nebenbuhler von Charakter Nro. V. Ihr begreift wohl: ein solcher Mann ist von sehr verschiedenem Kaliber im Verstande – vom Schmetterlingstalent bis hinan zum seltensten Genie; von dem Wesen an, das ihr am Karren seht, bis zu dem Mann, der im Cabinet sitzt! Vom H – – – bis zu einem Chesterfield; von einem Chesterfield bis zu einem Perikles; deshalb ist es so schwer, Euch einen genauen Begriff von den schwachen Seiten eines so vielfach nuancirten Charakters zu geben. Aber während er Seinesgleichen und Höhere zu Narren macht, glaube ich, meine aufmerksamen Zöglinge, dennoch, daß ein solcher Charakter von einem unter ihm Stehenden leicht zu betrügen ist. Und auf folgende Weise mußt du dabei zu Werk gehen. Versuche keine Heuchelei – die würde er im Augenblick durchschauen. Mache ihn auf Einmal, auf Einen Blick denken: du seyst ein Schelm. Sey über diesen Punkt selbst ganz aufrichtig: aber mache ihn glauben: du seyst ein nützlicher Schelm. Diene ihm gut und eifrig, aber gestehe, du thuest dieß, weil du dein Interesse als mit dem seinigen verflochten ansehest. Dieses Raisonnement sagt ihm zu; und da Leute von diesem Charakter gewöhnlich großmüthig sind, so wird er dessen Gerechtigkeit dadurch anerkennen, daß er dir eine Fülle von Brocken hinwirft und dich mit reichlichen Herzstärkungen erfrischt. Sollte er dir hierin nicht Genüge thun, so stelle dich doch zufrieden und suche deinen Vortheil, (das ist der beste Weg ihn zu überlisten), nicht aus seinen Fehlern, sondern aus der Gelegenheit. Belaure nicht seinen Charakter sondern ersieh dir deine Zeit!

VIII.

Der eitle, anmaßende, tapfre, verliebte, glänzende Charakter. Diese Art von Charakter schrieben wir früher den Franzosen zu und noch immer ist er auf dem Festland häufiger, als auf der geliebten Insel, die ich nicht mehr sehen soll. Ein Wesen dieser Art ist aus vielen falschen Tugenden zusammengesetzt; vor Allem ist es immer verschwenderisch, wenn seine Eigenliebe sich dazu aufgefordert findet – sonst nie. Ihr müßt also herausfinden, was ihm Vergnügen macht und den Kuppler gegen seine Neigungen spielen. So werdet Ihr ihn betrügen – oder auch dadurch, daß Ihr die falschen Tugenden zur Schau tragt, die er bewundert; tragt auf Euern Gesichtern dicke Schminke auf und laßt sie auf dem tragischen Kothurn einherstolziren; und drittens meine guten Jungen, werdet Ihr ihn betrügen durch verschwenderische Schmeichelei und besonders wenn Ihr ihn anredet: Spiegel der Ritterschaft!

IX.

Der gerade, verständige, rechtliche Mann. Ein empfehlendes, aber nicht eben hochstehendes Exemplar unsers Geschlechts. Diesen Charakter, meine geliebten Zöglinge, könnt Ihr Einmal daran kriegen, aber nimmermehr zweimal. Auch könnt Ihr ihn nicht als fremd daran kriegen; er muß Euer Freund oder Verwandter seyn, oder ein Glied Eurer Familie genau gekannt haben. Ein Mann von diesem Charakter ist immer, obwohl mit Maß und mit Besonnenheit, für die Pflichten und Rücksichten des Lebens empfänglich. Immer wird er einen Dienst leisten seinem Freund, seinem Bruder, oder demjenigen, dessen Vater seinen Vater aus der Klemme gezogen. Diesem gegenüber strebt nach keinem Firniß; wendet keine Kunststücke bei dem Versuch auf, seinen Beistand zu erlangen. Aufrichtig traget ihm Euren Wunsch nach dieser oder jener Dienstleistung vor; vernünftig traget ihm Eure Forderungen vor – bescheiden weiset auf Eure Dankbarkeit hin. Aber findet Ihr es nothwendig ihn zu betrügen und unmöglich der Entdeckung des Betrugs vorzubauen: so verlieret, wie ich schon gesagt, keinen weiteren Augenblick mit ihm.

X.

Der alberne, einfältige, leichtgläubige Mensch: lauter Beweglichkeit und keine Besinnung. Wie schwillt mir das Herz, wenn ich diesen trefflichen Charakter betrachte! Welch ein Canaan bietet er Euch dar! Ich beneide Euch, wenn Ihr mit der sanguinischen Hoffnung in die Welt hinaus tretet: alle Menschen so zu finden! Entzückende Schwärmerei der Jugend! wollte Gott, diese Hoffnung gienge in Erfüllung! Dieß ist die wahre Menschwerdung der Leichtgläubigkeit! Ihr dürft nur bewirken, daß er Euch liebt und kein Igel sog je so leicht ein Ei aus, als Ihr ihn aussaugen könnt. Laßt Euch durch seine Entrüstung nie erschrecken; geht wieder und wieder zu ihm; werft Euch nur ihm um den Hals und weint! Ihn einmal bethören heißt ihn immer bethören; erhascht den ersten Schilling von ihm und dann besinnt Euch, was Ihr mit seinem übrigen Vermögen anfangen wollt! Nie verlaßt einen so guten Mann um neuer Freunde willen! das wäre undankbar von Euch! Und beiläufig gesagt, nehmet, meine guten jungen Herren! diese Regel zum Schluß mit: die Menschen sind wie der Boden; Ihr werdet mehr gewinnen, wenn Ihr all Eure Arbeit immer und immer wieder auf ein gutes Land verwendet, als wenn Ihr unfruchtbares Neubruchland umwühlt!

Gesetzgeber – weise – gute – fromme Männer, Ihr, die Tom Thumb's der Moral, die Ihr zuerst Riesen macht und sie dann tödtet»Er machte Riesen erst und tödtete sie dann.« Tragödie vom Tom Thumb.: Ihr haltet die obigen Lehren für spitzbübisch; ich ehre Euern Scharfsinn! Es sind Proben, nicht von meiner Spitzbüberei, sondern von Eurer Thorheit. Ueberschaut sie noch Einmal, so werdet ihr erkennen, daß ihre Absicht ist zu zeigen, daß, während Ihr jeden Tag Tausende einkerkert, deportirt und hängt, ein Mann mit mäßiger Schlauheit alle diese Regeln, die Euch so hassenswerth dünken, in Anwendung bringen kann, und keines Eurer Gesetze vermag ihm etwas anzuhaben!

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