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Tomlinsoniana

Edward Bulwer-Lytton: Tomlinsoniana - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorEdward Bulwer-Lytton
titleTomlinsoniana
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
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Maximen über die populäre Betrügerei durch zehn Charaktere verdeutlicht.

Eine Einleitung zu der edlen Wissenschaft, durch welche Jeder an sich selbst zum Spitzbuben wird.

»Brauch den Dieb, den Dieb zu fangen.« Sprüchwort.

I.

So oft du etwas auffallend Falsches behaupten willst, fange immer mit den Worten an: Es ist eine allgemein anerkannte Thatsache u.s.w. Sir Robert Filmer war Meister in dieser Art zu schreiben. Mit welch feierlicher Miene gieng dieser große Mann an's Betrügen. Es ist eine unläugbare Wahrheit, daß keine Gesellschaft von Menschen, groß oder klein, irgend existiren kann u.s.w., ohne daß in dieser Gesellschaft Einer wäre, der – ein natürliches Recht hat, der König der Andern zu seyn, als der nächste Erbe Adams.

II.

Aber wenn du deiner Lüge besondere Wichtigkeit verleihen möchtest, – wenn du z.B. eine lange Untersuchung der Wahrheit schreiben willst, aber auf eine Lüge gegründet: so beginne mit fünf oder sechs wahren und einleuchtenden Sätzen – jeder Leser stimmt bei – der Geist ist in seiner Wachsamkeit bethört – und dann plumps! laß deine Lüge unvermerkt hineingleiten. Bemerke, wie geschickt dieß Harrington zu thun weiß: »Jede Regierungsart ist gegründet auf das Uebergewicht des Besitzes.«

»Wenn Einer das Uebergewicht des Vermögens gegen ein ganzes Volk hat, so führt dieß Vermögen die unumschränkte Monarchie herbei. Wenn Wenige das Uebergewicht des Vermögens gegen das ganze Volk behaupten, so veranlaßt ihr Besitzthum die Aristokratie oder die gemischte Monarchie. Wenn das ganze Volk weder durch den Besitz Eines noch Weniger überwogen wird, so führt der Besitzstand des Volks oder der großen Masse zur Demokratie oder zur Volksherrschaft.«

»Die Herrschaft Eines, gegen das Gleichgewicht ist Tyrannei. Die Herrschaft Weniger, gegen das Gleichgewicht ist Oligarchie. Die Herrschaft der Masse (oder der Versuch des Volks zu herrschen)Was es nur durch Vertreter thun kann und will. Der Herausgeber. ist Rebellion oder Anarchie!« Plumps!

III.

Wenn du etwas von dem Gemeinwesen bedarfst, so suche das Beschwerliche deiner Bitte auf den heiligsten Grundsatz, den du finden kannst, abzuladen. Ein gewöhnlicher Bettler kann dir über diese wichtigste Maxime in der populären Betrügerei den ausgesuchtesten Unterricht ertheilen. »Um der Liebe Gottes willen, Sir, einen Pfenning!«

IV.

Wenn du in irgend einer Sache, Moral, Lebensansichten, Politik durchaus unwissend bist, so fange nur gleich an von den Gesetzen der Natur zu reden. Da diese Gesetze nirgends geschrieben stehenLocke, so kennt sie Niemand. Sollte dich Jemand zur Rede setzen, woher du denn weißt, daß diese oder jene Lehre Ausspruch der Natur ist: so lege die Hand aufs Herz und sage: Hier steht's!

V.

Sey nachgiebig gegen eines Menschen Geschmack, so wird er nachgiebig gegen deine Interessen seyn.

VI.

Sprichst du mit einem Halbweisen, so plaudre – sprichst du mit einem Unwissenden, so prahle – sprichst du mit einem gescheuten Mann, so gieb dir ein recht demüthiges Aussehen und frag' ihn um seine Meinung.

VII.

Die Leute beargwöhnen deine Aufrichtigkeit, wenn du dich oft eines gemeinen, abgedroschenen Ausdrucks bedienst, deine Aufrichtigkeit zu versichern. Einer der beständig von Ehrlichkeit spricht, gilt bald für einen Schelmen. Aber stehende Ausdrücke sind demungeachtet von unberechenbarem Nutzen. Necker sagte, er beurtheile immer einen Menschen nach seinen Lieblingsausdrücken. Necker sprach eine, jedoch unbewußt, in der Welt sehr weitverbreitete Ansicht aus. Bediene dich also stehender Redensarten, aber sie seyen neu und scheinheilig. Sprich nicht von »Ehrlichkeit,« sondern von einem »zarten Sinn für Ehre,« oder von »begeistertem Rechtsgefühl,« oder »der Grundlage aller Tugend – dem Christenthum!«

VIII.

Vergegenwärtigt Euch beständig, meine geliebten Schüler, daß die Mittel des Lebensunterhalts nicht auf den Tugenden, sondern den Fehlern Anderer beruhen. Der Rechtskundige, der Staatsmann, der Henker, der Arzt, machen sich Alle von unsern Sünden bezahlt; ja selbst die gemeinen Gewerbe, der Schneider, Bäcker, Fleischer, Weinhändler ziehen ihr Vermögen, wo nicht ihre Existenz, aus diesen kleinern Lastern – unsern Schwächen. Eitelkeit ist die Figur, welche den Ziffern der Nothwendigkeit vorgesetzt wird. Darum, o meine geliebten Schüler! bekümmert Euch nie darum, worin die Tugenden eines Menschen bestehen; verschwendet keine Zeit damit, sie kennen zu lernen. Geht mit Einemmale auf seine Mängel los! Behandelt den Einzelnen so, wie ihr, als ehrliche Männer, die Masse behandeln würdet. Das ist die Art und Weise ein Schelm zu seyn, vermöge der persönlichen Eigenschaften, wie ein Rechtskundiger es vermöge seines Gewerbes ist. Schurken sind, wie Critiker,Nullum simile est, quod idem. Der Herausgeber. »Fliegen, die sich auf angebrochene Theile setzen und nichts zu leben haben würden, wenn der Körper ganz gesund wäre.«Tatler

IX.

Jedermann findet es wünschenswerth, zu Zeiten Thränen im Auge zu haben – man empfindet Mitgefühl mit feuchten Wimpern. Die Vorsehung hat für dieß Bedürfniß gesorgt, und in ihrer göttlichen Weisheit Jedem unglückliche Vorfälle zugetheilt, deren Erinnerung schmerzlich ist. Daher, ohne Zweifel, das menschliche Elend, worüber der Atheist spottet. Deßhalb, wenn du eine rührende Aeußerung gegen dein auserkornes Opfer aussprichst, denke an das größte Unglück, das du je in deinem Leben hattest; die Gewohnheit wird bald diese Vergesellschaftung von Thränen mit dieser schwermüthigen Erinnerung beständig gelingen machen; gerade wie jenes alte Weib immer Trost in ihrer Bibel fand, obwohl sie nie etwas Anderes als Ein Kapitel mit Namen gelesen hatte. Ich kannte, o meine theuern Schüler, einen sehr einsichtsvollen Franzosen, der ein charmantes Legat von einem alten Dichter herausschlug, dadurch, daß er die Verse des Sängers mit strömenden Augen hersagte. »Wie vermochten Sie nach Willkür zu weinen?« fragte ich, (ich war damals noch jung, meine Schüler!) und erhielt die Antwort: »Je pensois à mon pauvre père, qui est mort.« Diese Vereinigung von Gefühl, mit der Geschicklichkeit im Prellen, machte diesen Franzosen zu einem bezaubernden Wesen.

X.

Laß dir nie den Fehler des Ueberklugen zu Schulden kommen, die menschliche Natur für schlimmer zu halten, als sie ist. Die menschliche Natur ist so verwünscht gut, daß, wäre nicht die Nachhülfe der menschlichen Kunst, wir Schelme nicht leben könnten. Die Urgrundlage des menschlichen Gemüthes bietet uns keinen Anhaltspunkt: erst das, was er seiner sorgfältigen Erziehung und den Segnungen einer civilisirten Gesellschaft verdankt.

XI.

Seyd Ihr im Zweifel, meine Schüler, ob Euer Mann ein Marktschreier ist oder nicht, so entscheidet hierüber darnach, ob er in seinen Behauptungen anmaßend und keck ist. Nichts ist ein so sicheres Zeichen vom Betrug, als freche Zuversicht. Sehr richtig sagt Bolney: »Der berühmteste Lügenprophet und kühnste Tyrann beginnt sein außerordentliches Lügengewebe mit den Worten: dieß Buch ist erhaben über jeden Zweifel!«

XII.

Die britischen Inseln haben eine eigene Art die Leute zu betrügen, und ich empfehle Euch, meine Schüler, sie hierher zu verpflanzen: das Betrügen durch Subscriptionen. Die Leute lassen sich gerne in Gesellschaft plündern; geprellt werden wird dann Sache des Partheigeistes. So lag ein Marktschreier sehr ernstlich einigen Personen an, ein Schiff für ihn auszurüsten und ihn als Capitän mit demselben zu einer Reise um die Welt auf Entdeckungen auszuschicken; und ein Anderer stellte das patriotische Ansinnen, man solle 10.000 Pf. subscribiren – wozu? – um ihn ins Parlament zu bringen. Keiner von diesen beiden Burschen hätte irgend einen Menschen um einen Schilling überlistet, hätte er in einem Winkel ihn darum gebeten; aber ein gedruckter Bogen, mit dem: Seine königliche Hoheit, an der Spitze, hat ein lustiges Spiel mit englischen Guineen. Eine Subscription zu Gunsten Einzelner kann als eine Verbindung zur glänzenden Aufmunterung des Müssiggangs, der Unverschämtheit, Bettelei, Betrügerei und anderer öffentlicher Tugenden betrachtet werden.

XIII.

Wenn du das Leben eines großen Mannes liesest, ich meine eines solchen, der ausgezeichnetes Glück hatte, so wirst du finden, daß alle ihm beigelegten Eigenschaften dieselben sind, die jeder mittelmäßige Spitzbube haben muß. »Er besaß,« sagt der Biograph, »die größte Artigkeit des Benehmens (d. h. die Fähigkeit zu schmeicheln); den bewundernswürdigsten Muth (d. h. die Fähigkeit, ein Geschrei zu machen); die heldenmüthigste Seelenstärke (d. h. die Fähigkeit, ein Geschrei über sich ergehen zu lassen); die ausgezeichnetste Gewandtheit im Umgang (d. h. die Fähigkeit, zu Einem dieß, und zu dem Andern das Gegentheil zu sagen), und die wunderbarste Herrschaft über die Gemüther seiner Zeitgenossen (d. h. die Fähigkeit, ihren Beutel aufzuopfern oder ihre Handlungsweise zu mißleiten).« Wenn dich also das Geschick zur Niedrigkeit verdammt, so studire emsig die Biographien der großen Männer, um dich als Schelm zu vervollkommnen; versetzt es dich aber in die Höhen der Gesellschaft, so verschaffe dir genaue Bekanntschaft mit dem Leben von Schelmen, dadurch wirst du dich auf deiner Höhe behaupten lernen!

XIV.

Die Maske der Tugend, meine geliebten Schüler, ist heut zu Tage ein wenig aus der Mode gekommen; es ist zuweilen besser, die Maske des Lasters vorzustecken. Spiele großherzig den Lüderlichen, und schwöre mit lustiger Miene, du machest keinen Anspruch, besser zu seyn, als die meisten deiner Mitmenschen. Aufrichtigkeit ist nicht minder ein Schleier, als Lüge; ein Flausch-Oberrock hüllt dich so gut ein, als ein spanischer Mantel.

XV.

Wenn du einen großen Plan ausführen und eine Anzahl Personen betrügen willst: so müssen die paar ersten von der Zahl der Auserkornen die gescheutesten, schlausten Gesellen seyn, die du finden kannst. Du hast dann einen Anhaltspunkt, wodurch du allein schon die Uebrigen zu Narren haben kannst. »Herr Lynx ist vollkommen überzeugt,« dieß wird schon hinreichen, um Herrn Mole von der Redlichkeit deiner Absichten zu überzeugen! Auch sind schlaue Leute nicht eben diejenigen, welche am schwersten anbeißen; sie verlassen sich auf ihre Stärke; unverwundbare Helden sind nothwendig die tapfersten. Rede mit ihnen, wie über ein Geschäft, und trage deinen Plan zugleich ihrem Sachwalter vor. Mein Freund, John Shamberry, war ein Meister in diesem großen Kunstvortheil. Er prellte zwölf Leute im Betrag von einigen tausend Pfund, und es kostete ihn keine weitere Mühe, als die, zuerst zu prellen – Wen meinst du? Den Sekretär der Gesellschaft zu Unterdrückung der Prellereien!Faktisch; hinc illae lacrymae.

XVI.

Wenn eine Verbindung von Männern auf eine Reihe von Grundsätzen sich berufen, welche deinem Vortheile zuwiderlaufend, aber von einleuchtender Wahrheit sind – wie willst du ihnen antworten? – mit einem Spottnamen! Mach' ihren Namen verachtet, so wird Niemand ihre Grundsätze ehren.

XVII.

Theile deine Kunstgriffe in zwei Classen, in solche, die dir wenig, und in solche, die dir viele Mühe kosten. In die erste Classe gehören: Schmeichelei, Aufmerksamkeit, Beantwortung von Briefen mit umgehender Post, ein Gang queer über die Straße um höflich gegen den Mann zu seyn, den du zu Grund richten willst; dieß Alles mußt du nie versäumen. Es ist der Mühe werth, auch den Geringsten zu gewinnen, wenn es Wenig kostet. Und zudem, während du für dich arbeitest, erlangst du auch den Ruf der Höflichkeit, des Fleißes und der Gutmüthigkeit. Aber die Kunstgriffe, welche viele Mühe kosten: eine lange fortgesetzte Unterthänigkeit gegen einen Murrkopf, die Erheuchelung einer Tugend, einer Eigenschaft, einer Wissenschaft, die du nicht hast, gegen eine schwer zu täuschende Person – auf dieß Alles laß dich nie ein, ausgenommen um wichtiger Zwecke willen, bei welchen es sich nicht nur des Zeitverlustes, sondern auch der Gefahr einer Entdeckung verlohnt. Mühsamer Dienst um schmalen Gewinnst ist der Grundsatz eines Armseligen. Der Spitzbube muß mehr Seelengröße haben!

XVIII.

Verzeihe immer.

XIX.

Wenn dir Jemand eine Summe Geld schuldig ist, (und selbst Einer meiner Schüler könnte ja Einmal im Leben so einfältig seyn, zu borgen,) und es schwer hält, sie wieder zu bekommen: so wende dich nicht an sein Gerechtigkeitsgefühl, sondern an seine Menschenliebe. Die Gerechtigkeit, mit dem was sie in sich schließt, schmeichelt wenigen Menschen. Wer unterzieht sich gern einer Unbequemlichkeit, nur darum weil er soll? ohne Lob, sogar ohne Selbstbefriedigung? Aber Menschenliebe, meine Schüler, die kitzelt die menschliche Eitelkeit ganz köstlich. Die Menschenliebe schließt ein Gefühl der Überlegenheit in sich, und das Gefühl der Überlegenheit ist für die gesellige Natur des Menschen höchst angenehm. Daher das verhältnißmäßig gegen andere Tugenden häufige Vorkommen der Menschenliebe in der ganzen Welt, und daher wird man sich besonders die Erscheinung erklären, daß je hochmüthiger und stolzer ein Volk ist, desto mehr es das Almosengeben anrühmt und menschenfreundliche Anstalten befördert.

XX.

Die vornehmen Spitzbuben beobachten die Schlauigkeit der gemeinen viel zu wenig. Der gewöhnliche Bettler benutzt jedes körperliche Leiden – aber der feinere Gauner ist unverzeihlich blind gegen das Glück einer natürlichen Gebrechlichkeit. Um eine Gunst zu erlangen – verschmähe kein Mittel, welches Mitleid erwecken kann. Ich kannte einen würdigen Pfarrer, der durch den glücklichen Zufall eines hektischen Hustens zwei reiche Pfründen erlangte und einen jüngeren Bruder, der in Kraft einer langsamen Auszehrung zehn Jahre auf Kosten seiner Familie lebte.

XXI.

Wenn du dich in den Besitz einer kleinen Summe setzen willst, so denke darauf, wie du die kleine Summe mit einer großen zusammenstellest. Ich drücke mich nicht deutlich aus – nimm ein Beispiel. In London giebt es Gauner, welche 70.000 Pf. ihnen übergebenes Capital zu vier Procent zum Ausleihen ankündigen. Der Gentleman, der eine solche Summe auf Hypotheken sucht, geht zu dem Ankündiger; dieser sagt, er müsse sich an Ort und Stelle begeben und die Besetzungen besehen, auf welche das Geld geliehen werden solle; die Reise sammt Auslagen wird eine bloße Kleinigkeit ausmachen – sagen wir zwanzig Guineen. Er führe nur eine recht zuversichtliche Sprache – dem Gentleman sey es nur recht um das Geld zu den festgesetzten Prozenten zu thun – so ist, drei gegen eins, zu wetten, daß der Gauner die zwanzig Guineen bekommt; freilich eine armselige Summe, verglichen mit 70.000 Pf., aber doch ein ansehnliches Geld, hätte es sich um einen halben Pfennig gehandelt!

XXII.

Lord Coke hat gesagt: einen Irrthum auf seinen Urquell zurückführen, heißt ihn widerlegen. Nun sehe ich als ausgemacht voraus, daß Ihr meine jungen Schüler für die Aufrechthaltung des Irrthums interessirt seyd und daher nicht wünscht, daß er auf seinen Urquell zurückgeführt werde. Siehst du also einen feinen Kopf im Begriff den Irrthum aufzuspüren, so hast du zwei Wege vor dir, die Sache ins Reine zu bringen. Entweder sagst du mit einem Lächeln: »Aber jetzt, Sir, werden Sie speculativ – ich bewundre Ihren Scharfsinn;« oder du siehst ernst aus, wirst roth und sagst: »Ich fürchte, Sir, es findet sich in der geheiligtsten Autorität kein Beleg für diese Behauptung.« Der Teufel kann auch die Schrift citiren, wie du weißt, und dazu auf eine sehr vernünftige Weise.

XXIII.

Rochefoucault hat gesagt: der Haß gegen Günstlinge ist nichts Anderes als das Wohlgefallen an Gunst; der Gedanke ist ein wenig eingeschränkt; der Haß, den wir gegen Jemand hegen, ist bloß die Folge unsres Verlangens nach einem Gute, in dessen Besitz wir ihn glauben, oder das er uns, wenn wir es besäßen, streitig machen würde. So entsteht der Neid, die gewöhnlichste Art des Hasses, aus unsrer Werthschätzung des Ruhms, oder des Silbergeschirrs oder der Behaglichkeit, die wir bei Andern sehen, und die Rachsucht geht hervor aus unsrer Besorgtheit für unsern Ruf, der gekränkt, unsre Ländereien, die beeinträchtigt, unsre Rechte, die verletzt wurden. Aber der heftigste Haß ist der Haß gegen den Reichen, aus Liebe zum Reichthum entspringend. Betrachte nur recht den armen Teufel, der immer über Kutschen mit Vieren spottet. Trag' ihn in dein Buch ein als Einen, der zu bestechen wäre.

XXIV.

Meine geliebten Schüler, nur Wenige haben genügend die Kunst studirt, welche durch Anwendung von Späßen die Wissenschaft der Gaunerei fördert. Das Herz eines Geringern ist durch einen Scherz immer bezaubert. Die Leute wissen das wohl bei der Spitzbüberei der Wahlen. Wendet es jetzt, meine Schüler! auf die Spitzbüberei des Lebens an. Wenn du jenen Schuhflicker freundlich auf den Rücken klopfst, so ist es nur dein Fehler, wenn du ihm nicht zugleich deine Absicht einklopfst. Sieh, wie Shakspeare, (den du Tag und Nacht studiren mußt! Niemand hat besser die Geheimnisse der Spitzbüberei entwickelt!) seinen größten und vollendetsten Schurken, Richard III., seine guten Freunde die Mörder anreden läßt, mit einer scherzhaften Lobpreisung auf die Hartherzigkeit, worauf sich ohne Zweifel die armen Kerle am meisten zu Gute thaten:

Ihr weint Mühlsteine, wie die Narren Thränen,
Ich hab' Euch gerne, Burschen!

Könnt Ihr Euch nicht das schlaue Grinsen denken, womit die Hunde das Kompliment aufnahmen und den kleinen listigen Druck im Magen, womit Richard die anmuthigen Worte fallen ließ:

Ich hab' Euch gerne, Burschen!

XXV.

Wie Gutmüthigkeit die charakteristische Eigenschaft des Gimpels ist, so sollte gute Laune die des Schelmen seyn; beide passen zu einander wie Fugen. Glückliche Gutmüthigkeit ist ein Narcissus, der sich in sein eignes Bild verliebt. Die gute Laune verhält sich zur Gutmüthigkeit wie der Florimel von Schnee zum Florimel von Fleisch, das treueste Abbild aus dem kältesten Material.

XXVI

Lob der Schelmerei.

Ein Schelm ist ein Filosof, obwohl ein Filosof kein Schelm. Was hat ein Schelm mit Leidenschaften zu thun? Jedes unregelmäßige Verlangen muß er unterdrücken; jede Schwäche muß er ausrotten; sein ganzes Leben verwendet er auf Erwerbung von Weisheit; denn was ist Weisheit? Entdeckung menschlicher Irrthümer! Er ist der einzige sich immer consequente Mensch, der doch immer prüft; er weiß nur von Einem Zweck, aber erprobt alle Mittel; Gefahr, übler Ruf – Alles was Andre schreckt, schlägt ihn nicht nieder; Er trotzt Allem, aber ist sicher vor Allem; denn ich halte dafür, daß ein Schelm aufhört ein Schelm zu seyn – er ist schon zum Narren geworden – im Augenblick, wo das Unglück ihn ereilt. Er bekennt sich zu der Kunst des Betrügens; aber die Kunst besteht eben darin, es ohne Gefahr zu thun. Er ist teres et rotundus – entledigt sich durch seine Aalähnliche Glätte und die unaufhörliche Beweglichkeit seiner Kugelgestalt der Fliegen. Derjenige, der unempfindlich ist für den Ruhm seines Gewerbes und nur Sinn für den Gewinn hat, ist nicht mein ächter Jünger. Ich wende auf die Schelmerei an, was Plato von der Tugend sagt: »Könnte man sie verkörpert sehen, sie würden göttlicher Anbetung theilhaftig seyn!« Nur wer vom hochherzigen Enthusiasmus beseelt ist, wird aus obigen Maximen Nutzen ziehen und – (hier warne ich jeden feierlich vor dem heiligen Boden, bevor er nicht sein Haupt enthüllt und die Füße entblößt in ehrerbietiger Scheue!) mit Gewinn die nachstehenden Charakterschilderungen – diesen Tempel mit zehn Statuen – durchlaufen – wo ich die kostbarsten Reliquien meiner Reisegedanken und meiner gesammelten Erfahrung niedergelegt und geweiht habe.

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