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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Zweiunddreißigstes Kapitel

Unsere Leser werden aus dem verworrenen Bericht des Irländers entnommen haben, daß unser britischer Held, gerade wie er mit seinem schwarzen Gefährten von der Straße in den Wald einzulenken im Begriffe stand, von diesem entdeckt und mit irischer Zudringlichkeit um so weniger losgelassen wurde, als er gleichfalls die Ehre hatte, ein Teer zu sein. – Auf dem Irrzuge, den sie nun miteinander antraten, war der Irländer auf die erste Pflanzung, die an seinem Wege lag, mit echt irischer Unverschämtheit Sturm gelaufen, um mittelst seiner französischen Sprachkenntnis sich und seinen beiden Kompagnons eine kleine Magenunterlage, wie er es nannte, zu verschaffen. Der Ire war in seiner Anrede an den Kreolen natürlich im Parlez-vous français stecken geblieben und hatte auf sein weiteres, im rauhen irischen Dialekte vorgebrachtes Kauderwelsch ein » je n'entends pas, ich versteh' nicht« zur Antwort erhalten. Als er zudringlicher wurde, ließ ihn der Kreole, wie es zu erwarten stand, im Glauben, er werde zum besten gehalten, aus dem Hause werfen. Das lächerlichste dabei war jedoch der Umstand, daß der Junge noch immer nicht begreifen konnte, warum der Kreole seinen irischen groben Dialekt nicht für bar französisch verstehen wollte, nachdem er doch sein Parleh fouhs frenseh, Monsiehour, das sich in seinem Gehirn festgesetzt, dafür erkannt hatte.

Der zweite Versuch unserer Abenteurer war nicht weniger betrübt ausgefallen. Vor einem Hinterwäldlerhause angekommen und daselbst mitleidig aufgenommen, hatte ihre aufgeregte Phantasie die abgetanen Schweine für geschlachtete Menschen angesehen und das Reden der sich auf eine nächtliche Hirschjagd vorbereitenden Söhne des Hauses ihre Gehirnkammer so gänzlich in Aufruhr gebracht, daß sie, um ihre Haut zu retten, in gerechtem Entsetzen bei Nacht und Nebel aus Bett und Fenster sprangen, wobei unser Midshipman noch das Unglück hatte, einem jungen Bären, der, wie dies häufig der Fall ist, zur Mästung an einer Kette lag, in die Tatzen zu geraten und so festgehalten zu werden, bis sein Hilferuf endlich die drei Söhne des Hauses herbeilockte.

Auf unsern Briten nun hatte der Auftritt eine seltsame Wirkung. Er besaß bei vielem Mute auch eine reichliche Gabe jenes kalten, höhnenden Übermuts, den die aristokratischen Jünglinge des Mutterlandes so unvergleichlich in Worten und Gebärden an den Tag zu fördern verstehen, jenen kalten, selbstischen Übermut, auf den John Bull sich so viel zugute tut, und der ihm vielleicht mehr genützt hat im gewaltsamen und friedlichen Verkehre mit seinen gefügigern und schlichten Nachbarn, als sein wirklicher Mut, der aber gewöhnlich den kürzern zieht im Verkehre mit seinem kalten, starren Verwandten. So sehr er sich nun in dem Spotte gefallen hatte, den er ziemlich derb bei jeder Gelegenheit über die sogenannten Yankees ausgegossen hatte, so schien ihm doch die Notwendigkeit nicht einzuleuchten, die kleine Züchtigung, die er sich selbst zugezogen, mit Anstand zu ertragen. Schon daß er, ein Midshipman im »Donnerer«, vor einen bunten Haufen Yankees gebracht worden war und da sein Verhör bestehen mußte, war ein Umstand, der ihm, der sich seine Richter nie ohne die gehörigen Perücken oder wenigstens goldene Epaulettes denken konnte, mit Schauder erfüllte; daß aber eben diese Yankees in ihrer plebejischen Frechheit so weit gehen und einen britischen Offizier, der die Leutnantschaft gewissermaßen in der Tasche hatte, zum Gegenstande ihres Gelächters machten, überstieg sein Kapazitätsvermögen so sehr, daß wir ihn, den fröhlichen Jungen, der bisher in guten und schlimmen Lagen sich so wacker und launig bewiesen, kaum mehr erkennen würden, hätten wir nicht den Schlüssel zu dieser seltsamen Verwandlung im Nationalcharakter besagten John Bulls.

Er stand nun infolge seiner Entweichung und der durch Rosa und die Indianer gegebenen Aufklärungen abermals im Verhöre, das der Kommandant des Depots sogleich nach der Übung zusammenberufen hatte. So sehr dieser von seiner Unschuld überzeugt sein mochte, so konnte er doch nicht umhin, bei dem Vernehmen des jungen Mannes alle jene Genauigkeit und selbst Strenge blicken zu lassen, die ebenso die Unschuld des Jünglings, als seine eigene Unparteilichkeit dartun sollte. Ein schleuniges Verfahren war um so nötiger, als, trotz der einleuchtenden Unschuld des Verdächtigten, Gefahr im Verzug obwaltete. Selbst der Umstand, daß ein Bewohner des Städtchens mit in seine Entweichung verwickelt war, erschien von einer um so größeren Bedeutung, als wirklich mehrere sehr gefährliche Verschwörungen von Ausländern in der Hauptstadt entdeckt worden waren. Allein der Kapitän fand in dieser seiner menschenfreundlichen Bemühung, den jungen Mann so schnell als möglich aus seiner kritischen Lage zu reißen, nicht geringe Schwierigkeit in diesem, der es recht darauf angelegt zu haben schien, seine gute Sache selbst zu verderben. Der junge Mann hatte den Kopf gänzlich verloren und schon bei seinem Eintritte in die Verhörstube dieses durch einen Trotz, eine Hintansetzung alles Anstandes bewiesen, der die sämtlichen Offiziere mit Unwillen erfüllte. Im Verlaufe des Verhörs sah sich der Kapitän einigemal genötigt, ihn ernstlich zurechtzuweisen. Das Verhör hatte bereits mehrere Stunden gedauert, ohne ein Resultat zu ergeben. Selbst die Frage, ob er mit einem der Einwohner des Städtchens im Einverständnisse gewesen, wollte er, trotz des Flehens dieser, nicht beantworten. Mehrere waren bereits mit ihm konfrontiert worden und unter diesen unser Schenkwirt, den wir unter dem Namen Benito kennen. Die Offiziere schritten nun zum letzten Punkte, nämlich der Konfrontation mit den Indianern. Zuerst wurde Rosa eingeführt.

»Ihr bekennt also nicht, daß Ihr mit Tokeah und den Seinigen in Verbindung gestanden seid?« fragte Kapitän Percy.

»Der Gefangene gab ein verdrießliches »nein« zur Antwort.

»Kennt Ihr diese junge Dame?« fragte der Kapitän.

Rosa war an der Hand zweier Offiziere durch die geöffnete Türe eingetreten. Sie verneigte sich sittsam vor den Anwesenden, die ihrerseits aufstanden und sie baten, sich auf den Sessel niederzulassen, den einer der Offiziere für sie hinstellte. Sie hatte jedoch den Gefangenen kaum ersehen, als sie auf ihn zutrat, und, seine Hand erfassend, ihn fragte: »Mein Bruder! Du bist sehr blaß; wer hat dir etwas zuleid getan?«

Das bekümmerte Mädchen, das ihm teilnehmend wehmütig ins Auge blickte, weckte ihn für einen Augenblick aus seinem düstern Dahinstarren. Er sah sie forschend, kalt, beinahe unwillig eine Weile an. »Ah, Rosa, sind Sie es? Vergebung.« – Und wieder heftete er seine Augen zur Erde.

Die Offiziere schienen eine nähere Erklärung der beiden jungen Leute zu wünschen; aber der Gefangene schwieg so eigensinnig verdüstert, daß dem Mädchen, das ihn einige Zeit verwundert angesehen hatte, sichtlich bange ward.

»Mein Bruder!« sprach sie mit flehender Stimme, »warum bist du böse? Du zürnst doch nicht deiner Schwester?«

»Mein Bruder!« bat sie abermals, »rede doch! Ach warum bist du nicht bei dem Miko geblieben. Sieh, Canondah hat es dir gesagt, daß die Weißen dich töten würden. Ach, vielleicht wäre vieles nicht geschehen. Mein Bruder! Nicht wahr, die Weißen sind kalt?« flüsterte sie.

Ein Knirschen mit den Zähnen war all die Antwort, die sie erhielt. – Sie zog sich verschüchtert zurück.

»Wollen Sie gefälligst, Miß Rosa,« sprach der Kapitän Percy endlich nach langem vergeblichem Warten, »uns einige Fragen beantworten?«

»Jawohl, mein Bruder«; versetzte sie.

»Sie kennen den Gefangenen?« auf den Briten deutend.

»Gewiß, mein Bruder!«

»Wie kam er in das Wigwam der Indianer?«

»Ganz krank und verwundet.«

»Wer nahm ihn auf?«

»Canondah, die Tochter des Miko, auf die Bitte Rosas. Der Miko war auf der großen Jagd.«

»Hat er während seines Aufenthaltes im Wigwam der Oconees den Miko gesehen?«

»Nein, mein Bruder! Er zitterte vor Furcht, ihn zu sehen. Er rannte Tag und Nacht, um aus dem Wigwam zu entkommen, ehe der Miko zurückkehrte, und nachdem er gesund geworden war. Er hat den Miko nicht gesehen.«

»Er hat also mit den Indianern, männlich oder weiblich, keine Art von Verbindung gehabt?«

»Nein, mein Bruder! Er sprach bloß mit Canondah, die ihm zu essen brachte, und mit Rosa.«

»Wie lang blieb er im Wigwam?«

»Siebzehn Tage oder Sonnen.«

Der Gefangene hatte seine Augen stier auf den Boden geheftet; zuweilen raffte er sich auf, warf einen Blick auf die Sprechenden, dann versank er in sein voriges Dahinstarren.

Der Kapitän stand nun auf, und Rosen bei der Hand nehmend, führte er sie seitwärts zu einem Sitze, sie ersuchend, einstweilen Platz zu nehmen.

In demselben Augenblicke trat der Miko, begleitet von zweien seiner Oconees, ein.

»Tokeah!« rief der Jüngling, der den Indianer eine Weile stier ansah und dann wieder das Auge zu Boden schlug. »Verdammt, Euer Wigwam«, murmelte er in sich hinein, »hat mich in eine saubere Wäsche gebracht.«

Der Häuptling sah den Gefangenen eine Weile aufmerksam an und sprach dann: »Tokeah hat es seinem Bruder gesagt, als er von ihm Abschied nahm, daß ihn die Weißen als Späher einfangen würden. Mein Sohn hätte bei den roten Männern bleiben sollen.«

»Verdammt die weißen und die roten Männer«; murmelte der Brite zwischen den Zähnen. »Wollte, ich wäre lieber in die Hölle geraten, als in Euer Wigwam und unter die v–«

Der Indianer wurde immer aufmerksamer.

»Tokeah!« fragte der Kapitän, »ist dieser junge Mensch derselbe, der sich vierzehn Tage bei Euch aufgehalten hat?«

»Er ist es,« sprach der Indianer, »den eine, die nicht mehr ist, und die weiße Rose in das Wigwam des Miko gebracht haben.«

»Dem Eure Tochter die Kleidungsstücke gegeben hat, die er auf dem Leibe trägt.«

Der Indianer nickte.

»Der aus dem Wigwam entwischt ist, gegen Euern Willen und Euer Wissen?« fragte der Kapitän wieder.

»Ich glaube, Kapitän,« bemerkte der Zunächstsitzende, »Sie sollten die beiden konfrontieren und nicht dem Indianer die Worte auf die Zunge legen.«

»Tokeah«, sprach der Häuptling, »hat seinen Mund bereits zweimal geöffnet und seinen weißen Brüdern die Wahrheit gesagt; der Miko schlief, als sein weißer junger Sohn kam, und er war auf der Jagd, als er ging.«

»Und warum«, so fragte der Milizenoffizier den Gefangenen, »habt Ihr dieses nicht früher gesagt?«

Dieser gab keine Antwort.

Der Indianer sah ihn eine Weile verwundert an und sprach dann: »Mein Bruder mag reden; er mag, was Tokeah gesagt hat, mit seiner Zunge bekräftigen; der Miko bindet seine Zunge nicht mehr.«

Der Gefangene schwieg noch immer. »Der Miko«, fuhr er endlich mürrisch heraus, »weiß, was er zu tun hat, und ich tu, was mir gefällig ist.«

»Als mein weißer Bruder das Wigwam der Occonees verließ,« sprach der Indianer kopfschüttelnd, »da band ihm Tokeah die Zunge, weil er den Pfad, der zu seinem Wigwam führt, rein halten wollte. Es ist nun nicht mehr, und der Seeräuber hat es verbrannt, Tokeah hat ihm den Rücken gewendet. Mein Bruder mag reden. Mein Sohn muß reden,« fuhr er nach einer abermaligen Pause fort; »die weißen Brüder und der große Vater würden sonst glauben, daß er und die Seinigen auf dem nämlichen Pfade mit den Söhnen des Vaters von Kanada begriffen sind.«

»Glauben Sie, Kapitän, daß dieses in der Ordnung ist?« bemerkte wieder einer der Beisitzer.

»Ich glaube, es ist ganz in der Ordnung«; erwiderte dieser. »Wie wir aus dem Protokolle, das vorgestern mit den Indianern aufgenommen wurde, ersehen, so hat dieser dem Gefangenen das Ehrenwort abgenommen, die Lage seines Wigwams an niemanden zu verraten.«

Der Indianer hatte unterdessen den Gefangenen aufmerksam betrachtet. »Mein Bruder«, sprach er, »ist wie der Büffelstier, der in der Grube gefangen ist. Sein Mut ist im Loche geblieben.« Und mit diesen Worten wandte er sich von ihm.

»James Hodges,« sprach der Kapitän, »Ihr seid hiermit aufgefordert, Erklärung über Euern Aufenthalt bei den Indianern zu geben. Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin, Euch Gerechtigkeit hinsichtlich der Treue widerfahren zu lassen, mit der Ihr Euer, dem Indianer gegebenes Ehrenwort gehalten habt.«

»Sie haben ihn ja gehört, sowie das Mädchen. Schreiben Sie, was Sie wollen; tun Sie, was Sie wollen.«

»Ihr meint Miß Rosa, junger Mensch,« verwies ihn der Offizier, »dieselbe junge Dame, die Euch mit Gefahr ihres Lebens aus dem Wigwam entließ?«

Der Gefangene errötete; einen Augenblick war er betroffen, dann schlug er seine Augen wieder zur Erde.

»Fahrt nur fort«, bedeutete ihm der Offizier. »Vergißt jedoch nicht, daß es Eure Angelegenheit nicht verschlimmern wird, wenn Ihr von Personen mit Ehrerbietung sprecht, denen kein Gentleman Achtung versagen wird, und die am wenigsten von Euch Geringschätzung verdient haben.«

»Ich habe nichts weiter zu sagen«, versetzte der Gefangene mit etwas leiserer Stimme und beschämt, wie es schien. »Brauche Eure Gunst und Gnade nicht«; fügte er mürrisch hinzu.

»Junger Mensch! Ihr seid irrig, wenn Ihr glaubt, es sei bloß um Euch in dieser Angelegenheit zu tun. Ihr seid es der Ehre Eures Landes, Eurer Mitbürger, der Flotte schuldig, zu der Ihr zu gehören vorgebt, den Verdacht abzuwälzen, der auf Euch lastet.«

»England und seine Flotte werden ihre Ehre selbst zu rechtfertigen wissen«; sprach der Gefangene, sich stolz aufwerfend. »Scheint, es kitzelt Euch,« fuhr er murmelnd fort, »daß Ihr mit guter Art einen Briten in Eure Klauen gebracht habt, an dem Ihr Euer Mütchen ungestraft kühlen könnt. – Macht, was Ihr wollt.«

»Es kommt mir vor, mit dem jungen Menschen ist's nicht richtig«; bemerkte einer der Milizoffiziere. »Ich glaube, wir heben einstweilen das Verhör auf.«

Der Kapitän schien Bedenken zu tragen und wandte sich nochmals an den Gefangenen. »Ihr wollt also nicht Rede stehen?«

Ein mürrisch trotziges Kopfschütteln war alles, was er zur Antwort erhielt.

Die Offiziere erhoben sich nun, und der Gefangene wurde abgeführt. Ohne aufzublicken, hatte er sich gewendet und die Stube verlassen. Auch die Indianer wurden freundlich entlassen, und Rosa ward wieder von zwei Offizieren in die Mitte genommen und aus dem Hause begleitet.

»Das ist ein so dummer, roher Junge,« hob endlich einer der Beisitzer des Verhöres an, »als mir noch je einer in meinem Leben vorgekommen ist.«

»Nichts Hündischeres, Verstockteres«; versetzte ein zweiter. »Es ist, als ob das böse Gewissen ihn nicht aufschauen ließe.«

»Ich weiß nicht,« fiel der Kapitän ein, »er benahm sich früher mit vieler Artigkeit und ganz als Gentleman. Ich bin wirklich ganz erstaunt über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen.«

»Ich weiß nichts vom Gentleman, bin auch keiner, sondern ein schlichter Pflanzer,« bemerkte der dem Linienkapitän zunächststehende Hinterwäldler, der im hellgrünen Frack und pompadourroten Beinkleidern einen Kapitän der Opelousasmilizen repräsentierte, »aber so viel sehe ich, daß der junge Mensch einen Trotz hat, wie einer. Er ist ein John Bull, ein wahrer junger Bull, dem der Kitzel benommen ist. Ich hab' ihn mir genau in Opelousas angesehen. Jedes Wort war Hohn, jede Miene ausgelassen, mutwillig; es war des Spottes kein Ende. Wißt Ihr, was ihm den Kitzel benommen hat? Die Geschichte bei Mistreß Blunt. Daß er ein solcher Hasenfuß war und sich so ins Bockshorn jagen ließ, das verzeiht er sich und uns nimmermehr. Glaubt mir's, der Junge gäbe kein gutes Wort um sein Leben und wäre in diesem Augenblicke froh, wenn wir ihn hängten.«

»Das ist auch meine Meinung«, versetzte ein anderer. »Nehmt John Bull, sowie Ihr ihn hier vor Euch seht, den Hochmutsteufel, und Ihr habt einen Ochsen, und das ist der junge Mensch. Er hat den Kopf verloren und gab' keinen Levy darum, wenn man ihm auch den Hals nähme. Ich glaub's auch, es wäre ihm lieb, wenn wir ihn hängten.«

»So hängt ihn«, meinte ein dritter. »Ich, meinerseits, kann nicht sehen, warum wir da mit dem jungen Laffen so viel Federlesens machen. Laßt 'n anrennen, wenn er Lust dazu hat. Den ganzen Tag exerziert und protokolliert. Es ist halb neun. Wollen doch nicht bis Mitternacht sitzen.«

»Wenn es sein muß, Leutnant Wells,« sprach ein junger Mann, »so wollen wir. Es würde uns und dem Lande zu keiner Ehre gereichen, wenn wir uns den Trotz des jungen Mannes zunutze machten, um John Bull eins zu versetzen. Das sähe so hinterm Rücken aus, daß wir uns wahrlich schämen müßten. Wir sind hier, um der Sache auf den Grund zu kommen.«

Kapitän Percy schwieg. Er schien seine besondern Ursachen zu haben, sich in diese heikle Angelegenheit so wenig als möglich zu mischen und die Sache selbst sprechen zu lassen; wahrscheinlich hatte er auch deshalb eine größere Anzahl von Offizieren zum Verhöre eingeladen, als es gewöhnlich der Fall war.

»Ihr habt hier die Kriegsgesetze«, sprach der erste wieder. »Nach dem 22. Paragraphen gehört er vollkommen vor unsere Schranken. Nach dem 43. Paragraphen da ist er der Verachtung des über ihn niedergesetzten Gerichtshofes zeihlich. Selbst wenn das letztere nur vor die Ohren des Untern kommt, so gnade ihm Gott.«

»Laßt mich machen,« sprach der junge Mann, »ich glaube, ich kann ihn zum Reden bringen. Laßt ihn nochmals vortreten und den Irländer dazu.«

»Wohl, Mister Copeland, wenn Ihr meint«; versetzten die übrigen. »Sollte uns freuen.«

Nach einer Weile traten die beiden ein.

»Davy Murphy!« sprach der junge Mann mit einem ermunternden Blicke, »einige von uns haben deine und deines Leidensgefährten Geschichte noch nicht gehört. Laß doch einmal los. Wie war es mit dem Nantang pas und der Mörderhöhle?«

»Kapitän Percy!« schrie der Brite außer sich, »ich bitte Sie um Gottes willen.«

»Euer Wohlehren!« rief der Irländer, sich hinter den Ohren kratzend. »Meines Vaters Sohn ist ein närrischer Kauz; aber seit der Geschichte ist der Gentleman da zum Narren geworden. Ich muß, wenn ich muß; aber glaubt mir's, er schnappt über.«

»Das kann Euch aber alles nichts helfen«; versetzte der Offizier mit einem scharfen Seitenblick auf den Gefangenen, der abwechselnd feuerrot und leichenblaß wurde. »Wenn Ihr aber«, fuhr er zum Briten gewendet fort, »Eure Zunge lösen wollt, dann erspart Ihr uns die Mühe, Euern närrischen Landsmann zu hören. Gebt Auskunft über das, was Ihr gefragt werdet, und wir können Euch vielleicht das übrige erlassen.«

Der Gefangene schwieg noch immer im sichtlichen innern Kampfe; dann fiel sein Auge auf den Iren, und als dieser das Zimmer verlassen hatte, löste sich auch seine Zunge. Aber erst nach geraumer Zeit war er imstande, die ihm vorgelegten Fragen zu beantworten. Als er geendet hatte, sprach der Kapitän: »Junger Mansch, Ihr habt diesmal bessere Richter gefunden, als Ihr verdient. Ich hoffe, Eure Angelegenheit werde sich ausgleichen lassen.«

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