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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Dreißigstes Kapitel

»Willkommen, Kapitän!« sprach die Frau des Obersten, als dieser ins Empfangszimmer eintrat. »Setzen Sie sich, die Kinder sind oben. Sie haben uns ein herrliches Christgeschenk in dem lieben Engel gebracht. Es kommt mir immer vor, als wäre sie der Bote des Sieges, der Engel des Friedens und eine gute Vorbedeutung für die Unsrigen, die morgen gegen den Feind ziehen. Wir haben den ganzen Nachmittag mit ihr geweint, als sie uns ihr schönes Leben und den Tod der Tochter des Miko erzählte. So ein herrlich demütiges, in Liebe erquillendes Gemüt! Sie müssen diesem Miko alles Gute erweisen; er muß sehr unglücklich sein. Sie haben eine Unterredung gehabt? Ich schloß es aus Ihrem langen Ausbleiben.«

Der Kapitän hatte sich nachlässig aufs Sofa hingeworfen und fuhr mit der Hand unmutig durch die schwarzen Locken. »Ein trostlos zerrüttetes Gemüt,« sprach er, »in dem nur eine Leidenschaft noch brennt, Haß, glühend verzehrender Haß gegen alles, was amerikanisch ist, der sich in jeder Miene, jedem Worte, jeder Muskel ausdrückt. Hat aber wahrlich Ursache; diese Hinterwäldler sind ein selbstsüchtiges, steifes, starres, rauhes Volk.«

Die Dame schüttelte den Kopf. »Kapitän! Sie sehen mit den Augen des Vorurteiles. Sie fühlen sich unbehaglich.«

»Unbehaglich!« rief der Kapitän, bitter lachend. »Als ich heute vortrat, der Major sprach noch mit den Stabsoffizieren des andern Bataillons, da kehrte mir die ganze Rotte den Rücken. Es ist zum Rasendwerden.«

Der Offizier sprang auf und lief zähneknirschend durch den Salon.

»Und Sie?« fragte die Dame.

»Was würden Sie, teure Mutter, in meinem Falle nach einem solchen Affront getan haben?« »Würde die Männer ernst, aber vertrauensvoll gefragt haben, was sie mit ihrem Betragen meinen. – Und was tat der Major?«

»Rauchte dann und trank und stolperte mit ihnen den ganzen Tag herum«, erwiderte der Kapitän. »Ich ließ sie stehen und ging auf meine Stube.« »Kapitän Percy!« sprach die Dame ernsthaft, »man hat schon gestern oder vielmehr heute morgen Ihr Betragen sehr sonderbar gefunden, daß Sie als Militär es wagen konnten, die Volksverhandlungen zu unterbrechen.«

Der Kapitän wurde feuerrot. »Wagen, ihre Volksverhandlungen zu unterbrechen. Beim Himmel! sie verdienten alle, vors Kriegsgericht gestellt zu werden. Der Gefangene entwischt, er konnte keine Stunde fort sein. Ich eile, ich renne; ich befehle den Männern, ich bitte, ich beschwöre den General. Nur zwanzig Mann. – Da stehen sie mit offenen Ohren, Augen und Mäulern, ohne ein Glied zu bewegen, um anzuhören, was tausendmal bereits in allen unsern Countyzeitungen gestanden.«

»Aber, lieber Kapitän, was geht das Sie an, wenn das Volk es seinem Interesse gemäß findet, sich zu beraten? Und Sie haben sehr unamerikanische Worte gesprochen. Sie gehen von Mund zu Mund.«

»Desto besser. Sie mögen wissen, was man von ihnen denkt.«

Die Oberstin schüttelte den Kopf. »Und Sie vermessen sich, gegen den millionenarmigen Riesen, Volksgeist genannt, Ihre Stimme zu erheben und den Bürgern mehrerer Counties Trotz zu bieten!«

»Ich bin nicht Volks-, ich bin Linientruppenkapitän.«

»Und wem gehören diese Linientruppen?« fragte die Dame. »Und dann,« fuhr sie fort, »dieser Unfriede, dieser Hader in der gegenwärtigen, schwer bedrängten Zeit, wohin soll er führen? Wenn diejenigen, die das Volk gegen den Feind leiten sollen, aus übelverstandenem Stolze sich mit diesem zerwerfen?«

»Und wer hat diesen Unfrieden verursacht, teure Mutter? Doch nicht Kapitän Percy. Wer ist es, der die Opposition gegen den Kommandierenden begonnen hat?«

»Kapitän!« sprach die Dame besorgt, »Sie sind zu lange von Hause gewesen. Sie kennen das Volksleben und seine Gewalt hier nicht. Sie stellen sich unser Volk wie das des alten Englands, des Paradieses der Großen, vor. Hier ist das Paradies des Volkes, und so wie in jenem die Großen, hat hier das Volk alle Macht und Herrschaft.«

»Leider!« versetzte der Kapitän.

Die Frau wandte sich unwillig mit einem halb mitleidigen, halb beleidigten Blicke von ihm. Indem gingen die Türen auf, und der Oberst mit dem Major Copeland traten ein und begrüßten die Dame herzlich, den Kapitän etwas kalt.

»Ihr schon hier?« fragte diese.

»Ja, Liebe!« erwiderte der Oberst. »Das haben wir dem Squire zu verdanken. Es ist vortrefflich ausgefallen, und ich gehe nun mit Zuversicht hinab. Squire Copeland ist ein Wundermann; die Resolutionen sind einmütig angenommen. Einige wollten Einwendungen machen, nahmen sie jedoch zurück.«

»Das sind die Tennesseer, die erst letztes Jahr herabgekommen sind«, entgegnete der Squire. »Noch wilder Stoff und haben sich das Fechten und das Prellen noch nicht abgewöhnt. Für unten sind sie jedoch gerade recht.«

»Die Manöver ihrer Schützen sind aller Ehre wert, Major! und die Ordnung, mit der sie sich benahmen, bewundernswert – für den ersten Tag nämlich.«

»Einige Male«, bemerkte der Squire, »wandelte sie noch immer die Lust an, ein Kleines zu verkosten; aber als ich einem Dutzend die Zigarren aus dem Munde genommen, waren sie für den ganzen Tag ruhig. Ei, es sind freilich keine New Yorker oder Londoner Gentlemen; aber glaubt mir, ihres Landes Beste geht ihnen über alles. Wir haben nun vier Kompagnien Schützen beisammen, die ein Dutzend britischer wegblasen.«

Der Kapitän, nachlässig auf das Sofa hingestreckt, hatte lächelnd den Squire angehört. »Major Copeland«, sprach er endlich ein wenig spöttisch, »scheint seine Feinde etwas unter ihrem Werte zu halten. Es verrät wenigstens Selbstbewußtsein.«

»Und das kann bei einem Volke nie zu weit gehen. Wer sich das Unmögliche zutraut, wird es auch ausführen.«

»Wer seinen Feind verachtet, ist bereits geschlagen, habe ich immer gehört«, entgegnete der Kapitän.

»Mag sein in der alten Welt«, entgegnete der Squire trocken. »Hier haben wir ein besseres Sprichwort: Achte dich zuerst selbst, und deine Feinde werden dich nicht verachten. Übrigens, Kapitän, sind wir in einem freien Lande, und Sie mögen sprichwörtern so viel Sie wollen; nur möchte ich Ihnen raten, daß, wenn Sie mit Bürgern zu tun haben. Sie auch Bürger und kein Jota mehr sein müssen.«

»Und nach Opelousas zum Squire Copeland in die Lehre gehen«, lachte der Kapitän bitter.

»Vielleicht wäre es besser für Sie gewesen, als daß Sie Ihre schöne Jugend in dem grundverdorbenen England verbrachten. Sie haben, scheint es, aus lauter Entzücken über das gehorsame Volk der alten Welt vergessen, daß hier das Volk Gehorsam fordert. Es ist freilich bequemer, zu sagen: du gehst und du stehst, wie es von dem Manne in der Bibel heißt; aber in diesem Punkte haben wir hier noch ein neueres Testament, und selbst das großartige und edelstolze Wesen geht an uns verloren. Nicht einmal anstarren oder scheel ansehen dürfen Sie einen, weil Ihnen sonst der Mann den Rücken wendet. Sie müssen sich unsere Manieren just gefallen lassen, und wenn Sie sich dieser schämen, je nun, so glauben Sie mir, die Männer würden sich noch mehr ausländischer Manieren schämen; sie sind Männer, und zwar die freiesten Männer der Welt, und zu stolz, um sich fremden Manieren zu unterwerfen.«

»Diese Lektion, Major, als was soll ich sie nehmen?« fuhr der Kapitän auf, der rasch auf den Major zutrat.

Der junge, schöne, von Gold starrende, äußerst elegant uniformierte Offizier, der sich augenscheinlich den feinsten Weltton angeeignet hatte, schien weniger über die Reden des Squire, als dessen Äußeres empört. Dieses war nichts weniger als elegant. Ein rehfarbiger, etwas grobtuchener Reiterrock, der, zwar weniger berühmt, aber ebenso viele Touren gemacht haben mochte, als sein grauer, dazumal in Elba befindlicher Bruder, eben solche Beinkleider, eine Art schwarzseidenen Strickes um den Hals, und der Quäkerhut, auf dem der barocke Federbusch wie eine Vogelscheuche prangte, halbrunde Schuhe, die von der Japaneser Wichse seit ihrem Dasein nichts gesehen, waren das Kostüm des vierschrötigen Squire, der ernst und scharf auf den jungen Offizier zutrat. »Als nichts denn einen gutgemeinten Rat, Kapitän«, erwiderte er. »Sie sind ein wackrer junger Mann, und Gott verzeih es denen, die, statt aus Ihnen den Stolz unseres Landes zu machen, Sie hinübersandten und uns einen englischen Fashionable wiedergaben. Aber Sie haben sich wie ein Mann oben an den Seen gehalten. Wäre das nicht der Fall, Major Copeland würde wahrlich für Sie kein Wort verloren haben.«

»Kapitän Percy«, sprach der Offizier stolz, »bedarf keines Fürsprechers und am wenigsten –«

»Sie sind jung, Kapitän,« fiel ihm der Major kalt und trocken ein, »vergessen Sie nicht, daß Sie mir subordinierter Offizier sind. Wir gehen morgen, wie es beschlossen worden, mit den acht Kompagnien hinab. Zweihundert Mann bleiben zurück. Sie werden nun Gelegenheit haben, zu zeigen, ob Ihnen an Ihren englischen Manieren oder am Wohle des Landes mehr liegt. Und vergessen Sie nicht, daß, wenn Sie einmal mit einem Ihrer Mitbürger eine Zigarre rauchen oder ein Glas Toddy trinken, dieses Vertrauen Sie ehrt und kein Haar breit von Ihrer Würde nimmt; auch daß diese nämlichen Bürger größere Männer zu Paaren zu treiben wissen, als Sie sind.« Er nickte mit dem Kopfe und verschwand im hintern Empfangszimmer.

Es war etwas zutraulich Gemäßigtes, aber auch zugleich etwas lakonisch Hartes in dem Tone des Squire gewesen, das dem Offizier abwechselnd das Blut über die Wangen jagte. Eben wollte er dem Major nacheilen, als ihm der Oberst zurief:

»Was wollen Sie, Kapitän Percy?«

»Dem Grobian eine Erklärung abfordern.«

»Setzen Sie sich, diese will ich Ihnen selbst geben. Wissen Sie, daß die sämtliche Mannschaft, ohne Ausnahme, über Ihr Betragen bei dem gestrigen Meeting und die Äußerungen, die Sie fallen ließen, sowie über Ihr heutiges Benehmen so entrüstet sind, daß sie stehenden Fußes ein Komitee von Offizieren ernannten?«

»Und?« fragte der Kapitän, der ein wenig betroffen wurde.

»Und daß dieses Komitee darauf antrug, das Ganze an den Kommandierenden zu berichten und Sie einstweilen, von allen Dienstverhältnissen mit unsern Bürgern zu suspendieren?«

Der Kapitän erblaßte.

»Da trat Major Copeland vor, und mit jener ihm eigenen nervichten Beredsamkeit stellte er den Männern die Notwendigkeit dar, Sie beizubehalten. Nichts vergaß er; Ihre Dienste, Ihre glänzenden Taten bei Plattsburg, alles schilderte er. Er kennt Sie genau. Es dauerte lange; endlich gelang es ihm, den Unwillen zu beschwichtigen. Die Beschlüsse wurden einstweilen zurückgenommen, verstehen Sie? einstweilen!«

»Ich habe im Auftrag meines Chefs gehandelt, und wenn mir im Unwillen Worte entschlüpften –«

»Die nie einem Manne entschlüpfen sollten, der andere zu kommandieren berufen ist«, sprach der Oberst. »Sie kamen in Aufträgen des Generals. Wohl! so mochten Sie sich derselben entledigen und dann schweigen. Aber Sie kamen wie der Pfeil vom Bogen und dachten vermutlich, weil der General unten mit den Kreolen so wenig Umstände macht, diese hier noch weniger nötig zu haben. Ihr Chef versteht jedoch die Sache besser, und während er Sie mit seiner Donnerbotschaft aufs Geratewohl sendet, schreibt er einen freundlichen Brief an den Squire, ja recht bald mit dem Bataillon herabzukommen, er selbst habe ihm Quartier bestellt.«

»Wie wußte er, daß der Squire Copeland zum Major gewählt werden würde?«

»Wenn die jenseitigen Counties die Präsidentenstelle zu vergeben hätten, so würde sie ihm zuteil werden, der durch Erfahrung, Kenntnisse, Gemeinnützigkeit und selbst Vermögensumstände eine hohe Stellung dort einnimmt. Er ist einer der Tonangeber der demokratischen Partei im Staate, in mehreren Counties allgewaltig. Wie konnten Sie es wagen, mit einem Manne, der sechs angesessene Söhne hat und der für sein Land geblutet, ehe Sie noch waren, in einem solchen Tone zu sprechen?«

Der Kapitän war einige Male rasch im Salon auf und ab geschritten. »Der General ahnte etwas von einer Opposition; er hat mir aufgetragen, alles mögliche zu tun, um diese rückgängig zu machen.«

»Und Sie kamen und glaubten, man werde hier sogleich den Atem verlieren? Seien Sie versichert. Ihr donnernder General wird die gewaltige Pille, wegen der Sie sich den Mund verbrannt und Ihre Popularität und, was dasselbe ist, Ihre militärische Existenz vielleicht auf immer gefährdet, mit zuckersüßem Munde hinabwürgen und durch ein freundliches Gesicht dem fernem Volksunwillen vorzubeugen suchen.«

Es folgte eine lange Pause.

»Wir gehen morgen, wie Sie wissen, mit den eingeübten Truppen und den Riflemännern hinab; Sie bleiben einige Tage zurück, bis die Mannschaft eingeübt ist. Eines muß ich jedoch bemerken,« fuhr der Oberst ernsthaft fort, »Ihrer Bewerbung um meine Tochter, Kapitän Percy, habe ich keine Hindernisse in den Weg gelegt, obwohl sie nicht ganz nach meinem Sinne ist. Ich will jedoch der Neigung meines Kindes keinen Zwang anlegen. Nur vergessen Sie nicht, daß ich mit meiner Tochter nicht zugleich auch meine Popularität bei meinen Mitbürgern hinweggeben will.«

Der Kapitän hatte den Sprecher starr angesehen. Einige Male schritt er rasch im Salon auf und ab; dann griff er nach Handschuhen und Tschako, die er heftig an sich riß. Noch stand er unschlüssig, als die Frau des Obersten sich erhob und würdevoll sprach:

»Eintracht und Zusammenwirken! Kommen Sie, Kapitän, Sie waren es, der gefehlt hatte. An Ihnen liegt es, den ersten Schritt zu tun.«

Der Kapitän faßte die dargebotene Hand und folgte der Dame. –

In den vielfältigen Geschäften des großen Hauswesens und den Vorbereitungen zum Abmarsche war die Nacht verflossen, und der Morgen graute schon herauf, als der Donner der Kanonen auch die Ankunft der Dampfboote verkündete. Nicht lange darauf kamen Rosa und Gabriele in den Saal. Eine Weile stand noch die schöne Familiengruppe beisammen, und dann verließ sie das Haus und Bayou auf dem Weg zum Stromufer. Noch hing der Nebel so dicht über dem Strome und dem Ufer, daß bloß ein dumpfes Gewirre von Stimmen zu entnehmen, kein Gegenstand zu unterscheiden war. Die Mannschaft war jedoch versammelt und mit ihr Tausende von Frauen, Mädchen und Kindern, die von nah und fern gekommen waren, um von den Ihrigen Abschied zu nehmen. Ernst und besonnen standen alle und besprachen sich mit den Ihrigen mit einer Ruhe, die unwiderleglich die hohe Stufe der Selbstachtung beurkundete, die das amerikanische Volk so weit über jedes andere erhebt und wohl am natürlichsten dadurch zu erklären sein dürfte, daß dieses keinen eigentlichen Pöbel in seiner Mitte hat, sondern jedes Glied des großen Körpers, selbsttätig und politisch wichtig, jeden seiner Schritte als denkendes, freies Wesen überlegt und eben deshalb mit gesetzter ernster Kraft derselben entgegentritt. Noch einmal umarmte der Oberst seine Lieben, und dann ließ er das Zeichen zum Aufbruche geben. Ihm folgte sein Sohn, der Mutter und Schwestern rasch küßte, die Hand Rosas erfaßte, sie fieberisch an sein Herz riß, und dann der Squire, der den Damen die Hand schüttelte und dann Rosa in seine Arme nahm. »Bete für uns, Rosa,« murmelte er ihr zu, »der da droben hört das Flehen der Unschuld, wir werden's wahrlich brauchen.«

Und stärker rollten die Trommeln, und gellender tönten die Pfeifen, und der Donner der Kanonen von den Dampfbooten brüllte darein, und der alte Mann riß sich von ihr und der Familie los. Und Trupp auf Trupp zog nun an ihnen vorüber. Ein dumpfes, düsteres Gemurmel, ein anfangs leises, unterdrücktes, dann allmählich lauter werdendes Schluchzen der Frauen, Mädchen und Kinder. Gott segne euch! Er sei mit euch, der Herr der Heerscharen!« rief es aus hundert Kehlen. »Denkt an Weib und Kind! Seid stark, seid Männer!« schrien und kreischten andere. Da schrak Rosa plötzlich zusammen. »Um Gottes willen!« rief sie und flog erstarrt in die Arme ihrer neuen Mutter. Sie drückte ihr Gesicht in den Busen der Dame. Sie deutete schaudernd hinter sich auf eine Schar von Männern, die im dichten Nebelflor, von einem Zug Milizen geführt, auf das Dampfschiff zuschritten.

»Was ist's? was ist's?« rief die erschrockene Oberstin.

»Mutter! um Gottes willen rette mich! – Rette deine Rosa!« Mehr vermochte sie nicht zu sagen: denn sie hing in den Armen der Frau halb tot vor Schrecken, ihre Glieder schlotterten, sie war von unendlicher Angst ergriffen.

Da stürzte plötzlich von hinten eine riesiglange, hagere Gestalt, gleich einem Gespenste, unter die Gruppe der Damen, riß Rosa mit Riesengewalt aus den Armen der Frau und hielt sie mit den langen, dürren Händen umschlungen, mehr wie ein höllisches Nachtgespenst, denn ein Erdenbewohner. Mutter und Töchter waren vor Entsetzen kreischend zurückgesprungen.

»Was ist's?« rief der Kapitän, der mit gezücktem Degen herbeigerannt war.

Der Indianer stierte ihn mit den rollenden Augen eines Rasenden an, drückte Rosa krampfhaft an sich, nur den langen Hals streckte er gräßlich nach dem Dampfschiffe hin, und seine furchtbar funkelnden Augen stierten nach. »Der Häuptling der Salzsee«, stöhnte er.

Rosa blickte auf. Sie schaute um sich. »Miko!« rief sie, »er ist gegangen. Sei ruhig, Miko, der Mörder Canondahs und der Deinigen ist auf dem Strome.«

Und allmählich wurde sein Blick ruhiger. Seine Hände fielen von dem Mädchen, er blickte nochmals stier auf und schwankte langsamen Schrittes den Seinigen zu.

»Um Gottes willen, Kind, was ist das gewesen?« rief die entsetzte Oberstin.

Rosa zitterte noch an allen Gliedern.

»Der Seeräuber, Mutter.« »Kind, du täuschest dich«, rief die besorgte Dame. »Wie sollte der Seeräuber hierher kommen?«

»Nein, nein,« versetzte sie; »der Miko hat ihn auch gesehen.« Und wieder schaute sie ängstlich hinüber auf die Dampfboote, aus deren Kaminröhren nun der Rauch heftiger zu qualmen anfing. Einige Male zischte der Dampf noch wie rasend herüber. Ein langes, tausendstimmiges Gott segne euch schallte hinüber, kam herüber, die Schiffe hoben sich, wandten sich und trieben dann der verhängnisvollen Ferne zu.

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