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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Die Nacht war schon hereingebrochen, als die drei Milizoffiziere mit dem Linienkapitän aus dem Gasthofe zurückkamen und den Weg längs dem Bayou in derselben düstern Stimmung einschlugen, mit der sie diesen betreten hatten. – Eine geraume Zeit waren sie, ohne ein Wort zu sprechen, fortgeschritten. Endlich brach der Squire das Stillschweigen.

»Nun bei allen Mächten! Wenn mir einer das noch vor vierundzwanzig Stunden gesagt hätte, ich würde ihn für einen Wahnsinnigen gehalten haben. Also ist er auch bei uns rege geworden, dieser verfluchte Herrschergeist, und der Narr möchte auch noch gerne in seinen alten Tagen den Tyrannen spielen. Und seine Kentuckier und Tennesseer jubeln hoch auf.«

»Das weiß ich eben nicht; er trinkt zwar gut demokratisch mit ihnen, aber das Weitere sollte ich bezweifeln«, erwiderte der General.

»Also unserer Legislatur gerade bedeutet, sie könnte sich heimscheren, Senat und Assembly, und genierten ihn nur?«

»So etwas.« –

»Und als sie den derben Wink nicht verstehen wollten, so schloß er die Türe des Gouvernementhauses und steckte, wie der alte Rundhut, die Schlüssel zu sich?«

Der General nickte.

»Und der Richter, der den Mister – wie heißt er? – aus dem Loche befreit, mußte selbst hinein?«

»Für das«, entgegnete der Oberst, »wird er auf jeden Fall teuer büßen müssen. In der Hauptsache jedoch mag er leer ausgehen, und das ist's, was ich fürchte; besonders wenn ihm gelingen sollte, den Angriff auf die Hauptstadt abzuschlagen.«

»Wieso?« fragte der Squire.

»Seht Ihr dieses nicht?« versetzte der Oberst. »Glaubt Ihr, daß der siegestrunkene Haufe länger an seine Verdammung und Bestrafung denken wird, im Falle er einen bedeutenden Vorteil über den Feind erringen sollte; oder daß die Kühlern es wagen werden, ihn zur Rechenschaft zu ziehen und sich dem Geschrei schnöder Undankbarkeit auszusetzen? Leider ist unsere Nationaleitelkeit in diesem Punkte noch so weit zurück, wie die der alten Welt, wo die besten Raufer und legalen Totschläger mit Bändern und Sternen geziert werden. Ein Sieg bei uns wird ebenso törichten Jubel hervorbringen, wie jenseits des Meeres.«

»Nun, im Grunde genommen, Oberst, könnte ich mich selbst freuen und ihm wirklich etwas durch die Finger sehen, wenn er mir die Rotröcke recht durchbläuen wollte.«

»Ja, ja, lieber Squire!« sprach der Oberst, ihm auf die Achsel klopfend, »Ihr seid ein gescheiter Mann und denkt fürs Land so wohl als irgendeiner; aber mit allem Euerm guten Willen würdet Ihr mithelfen, uns noch tiefer in den Schlamm hineinzustauchen! und warum? weil eine Saite Eures Patriotismus berührt ist, die unter allen gerade die schwächste ist.«

»Aber zum Teufel,« fiel ihm der Squire ein, »wir können doch nicht selbst wünschen oder helfen wollen, daß wir Schläge bekommen, und die Feinde uns die Häuser über dem Kopf anzünden und mit unsern Weibern und Töchtern – – das wäre ja über die Yankees, die haben sich wenigstens auf gute Art aus dem Staube gemacht.« –

»Und wer will das?« versetzte der Oberst. »Was mich betrifft, so steht mein Entschluß fest. Mein Besitztum ist mir so wert, als es irgendeinem sein kann, denn ich bin selbst dessen Schöpfer. Aber eher wollte ich, daß der Feind das Ganze in Flammen auflodern ließe, als ein Jota meines Rechtes verkümmert wissen. Ich habe den Staat aufziehen geholfen und will meinen Kindern ein freies Erbteil hinterlassen. Wir sind«, fuhr er mit Nachdruck fort, »hier zusammengekommen, um die angedrohte Besitznahme unseres Landes dem Feinde zu wehren, aber nicht, um uns unsere angeborenen Rechte entrissen zu sehen und, während wir einen Feind verjagen, uns selbst durch einen tollern eine unheilbare Wunde beibringen zu lassen, der vergißt, was er sich selbst und seinem Lande schuldig ist und wegen ein paar tausend elender Briten den Kopf verliert.«

»Das Land wird Ihre Anstrengungen ehren,« erwiderte der Kapitän mit verbissenem Grimme, »aber glauben Sie mir, daß noch etwas mehr vonnöten ist, um mit sechstausend Milizen fünfzehn- bis zwanzigtausend der besten Truppen der alten Welt zurückzuschlagen. Selbst bei dem raschesten Zusammenwirken können wir kaum hoffen, den Sieg zu erringen.«

»Sechstausend Männer, Kapitän,« erwiderte der General, »müssen Sie sagen, die für Herd, Heimat und ihre Freiheit fechten. Ich kenne diesen Geist. Er ist unüberwindlich; aber beugen muß man ihn nicht wollen, nicht dem Stolze des Feindes durch eine Tat schmeicheln wollen, die Verachtung verdient; – es ist politischer Selbstmord, was er getan hat.«

»Es ist«, fiel ihm der Oberst ein, »Aufhebung aller gesetzlichen Autorität, Vereinigung aller Gewalt in einer Person, eine Diktatur in der Tat, und so wenig sie in seiner Hand gefährlich ist, so kann sie dies in einer zweiten, geschicktern und kühnern werden.«

»Das sehe ich wieder nicht«, fiel der Squire ein. »Wenn er heute den Feind von der Hauptstadt weggejagt, so treten morgen die Autoritäten wieder in ihre Wirksamkeit ein.

»Wer zweifelt daran?« entgegnete ihm der Oberst. »Aber verdient das auch noch den Namen Autorität, das nur besteht, wenn keine Gefahr da ist, und, sowie diese sich zeigt, suspendiert wird, der Willkür weicht? Zeigt ein solches Benehmen nicht offenbar, daß wir unsre freie Verfassung selbst nicht für zureichend in Tagen der Gefahr erkennen, wenn das Erscheinen von fünfzehn- oder zwanzigtausend Fremden hinreicht, sie aufzuheben? Es ist dieses ein Schlag, unserem Nationalgefühle versetzt, den nichts entschuldigen kann, der eine tödliche Eiterung zurücklassen und Vorbild in künftigen Fällen werden kann.«

»Aber er hat nun die Vollmachten von der Bundesregierung«, entgegnete der Kapitän.

»Das alte Weib in der Bundesstadt schreibt und schwatzt Staatsrecht trotz einem,« versetzte der Squire; »wenn es aber darauf und daran kommt, so ist er Hamiltonianer über den alten John und verliert den Kopf, wie er ihn hinter Baltimore verloren hat. Ihr habt recht, Oberst, dieser Diktatur müssen wir ein Ende machen, und wir gehen zusammen.«

»Und wenn der Feind den General angreift und überwältigt?« fragte der Kapitän.

»So wird er geschlagen«, versetzte der Oberst trocken.

»Kolonel Parker!« fiel der Squire ein. »Da geht Ihr wieder zu weit. Das wäre noch ärger als die Hartford-Konventionisten. Ich möchte nicht gerne für einen Landesverräter gehalten werden.«

»Noch wir«, erwiderte der Oberst. »Darum ist meine Meinung die, die Beschlüsse abzufassen, die Eurigen abzuwarten, ihnen diese vorzulegen und dann hinabzugehen. Zwei Tage sind für dieses hinreichend. Übrigens, Squire, seid Ihr ein freier Mann, und handelt wie Ihr wollt. Was mich betrifft, so steht, wie gesagt, mein Entschluß fest, und ich hoffe, meine Mitbürger werden diesen billigen.«

»Aber Sie bedenken doch,« fiel hier der Kapitän ein, »daß hier von keiner Verletzung der Rechte der Bürger die Rede ist, sondern bloß von einer zeitweiligen Zentralität, um die gemeinsamen Kräfte desto wirksamer gegen den Feind in Anwendung zu bringen?«

»Das ist ja eben der Punkt, um den es sich handelt«, versetzten die drei Offiziere.

»Und das böse Beispiel, das diese Opposition zu einer Zeit geben muß, wo der Feind vor der Hauptstadt steht. Sie nehmen eine furchtbare Verantwortlichkeit auf sich.«

»Man sieht wohl, Kapitän,« sprach der Squire, »daß Sie in der Linie stehen. Was meine Männer betrifft, so ist keiner, der sich nicht heute mitten unter die Feinde stürzen würde, aber nicht zehn unter den fünfhundert, die mit Ihrem Generale, nach dem, was er getan, vor die Türe gingen. Nur wenn das Gesetz und die Gesetzlichkeit hergestellt ist, werden sie dies tun.«

»Ja,« sprach der General, der im tiefen Nachdenken fortgeschritten war, »es ist zu unserer und des Landes Beruhigung vonnöten, daß wir seinen Gewaltstreich entkräften, der uns und den Unsrigen notwendig das Vertrauen auf uns selbst benehmen muß.«

Es war bei aller scheinbaren Mäßigung und dem hohen Anstande der Sprechenden eine gewisse Heftigkeit und Bitterkeit des Gefühls zu bemerken, der man es ansah, daß es Mühe kostete, den verbissenen Ingrimm zurückzuhalten. Der junge Linienoffizier besonders hatte kaum das Überströmen seiner Empfindlichkeit verbergen können. Er verbeugte sich nun rasch und war im Begriffe sich zu entfernen.

»Sie scheinen bewegt, Kapitän Percy,« sprach der Oberst, »was ist es?«

»Was es ist, Oberst? und Sie fragen, im Augenblicke, wo Sie auf dem Punkte stehen, eine Opposition gegen den General zu organisieren, die uns dem Feinde in die Hände liefern oder den General zwingen muß, seine Drohung zu verwirklichen?«

»Drohung!« fiel der General ein. »Ich habe gehört von dieser kategorisch sein sollenden Erklärung; er würde die Hartford-Konventionisten gehängt haben, wäre er zugegen gewesen. Und wenn er statt seiner dreitausend Kentuckier zehntausend hätte, so wird uns dieses kein Haar breit von dem Wege unserer erkannten Rechte bringen. Verlassen Sie sich darauf, Kapitän, wir werden die seinigen genau prüfen, ihm als Abgeordneten des Kabinetts, als höchster Autorität, Gehorsam leisten, wie es die Konstitution fordert; ihm als Männer widerstehen, wo er sie übertritt; ihn verdammen in dem, worin er bereits gefehlt hat. Dies wollen wir heute, unbekümmert um seine Drohungen, als Männer tun, und als solche wollen wir ihn in die Schranken der Gesetzlichkeit zurückführen und seinen Trotz beugen.«

»Ja, das wollen wir,« sprach der Oberst; »und nun, lieber Kapitän, wenn Sie mit uns kommen wollen, um eine kleine Stärkung zu nehmen, so sind Sie willkommen. Wir werden sie wahrlich brauchen.«

Der Kapitän verbeugte sich jedoch stumm und wandte sich. –

»Ein vortrefflicher junger Mann,« bemerkte der Oberst, »er hat sich unvergleichlich wacker gehalten; aber zwei Jahre Dienst in der Linie haben ihm den Kopf so verrückt, daß er für seinen Chef und seinen Korpsgeist das ganze Land auf die Degenspitze setzen würde.« –

»Für einen künftigen Schwiegersohn wäre er mir jedoch zu britisch-militärisch«, entgegnete der Squire.

»Das gefällt wieder den Mädchen,« versetzte der etwas betroffene Oberst; »übrigens tut er seine Pflicht und spricht als gebundener Mann. Ein wenig zu viel schadet nicht, wo wir die Mittel haben, die allzu üppigen Auswüchse zu beschneiden.«

Die drei Offiziere waren nun gegenüber einem Landhause angekommen, dessen hellbeleuchtete Fenster durch das Gebüsch herüberschimmerten. Sie stiegen in ein Boot, das ihrer harrte, und landeten am jenseitigen Ufer, um einige Erfrischungen zu nehmen und dann ruhig und gelassen zu einer Zusammenkunft zu gehen, die in einem andern Lande vielleicht Ströme Bluts gekostet oder den Umsturz der Ordnung der Dinge zur Folge gehabt haben dürfte; denn nichts Geringeres bezweckte diese Zusammenkunft, als einen von der obersten exekutiven Behörde der Nation beinahe mit souveräner Vollmacht bekleideten General nicht nur in seine Schranken zurückzuweisen, sondern sein Betragen auch da, wo er diese übertreten, im Angesichte dieser Nation zu verdammen; und dies in einem Zeitpunkte, wo der Feind soeben mit einer bedeutenden Heeresmacht ins Land gedrungen war. So bewundernswürdig ist jedoch der Geist dieses Landes, und so stark tritt die Verstandeskraft in der ewigen Reibung und Übung hervor, daß selbst die drohendsten Gefahren diesen öffentlichen Geist weder irremachen, noch von dem richtigen Gesichtspunkte ablenken können. Langsam und bedächtig, alles erwägend und ermessend, tritt er hervor, nun anscheinend kalt und herzlos, gleich dem Zeiger einer Uhr langweilig fortkriechend, und wieder als ein heftiges Gewirre brütender Leidenschaft und gehässiger Selbstsucht; aber eben aus diesem Treiben ersteht das harmonische Resultat, das Millionen aneinander knüpft, weil in dem Zungen- und Federkampfe alle Interessen und Meinungen verschmolzen sind. Darin liegt er, dieser wahre Geist des Freiheitslebens, daß sich die beste sowie die schlimmste Natur unumwunden im Meinungskampfe dartun mag, sich ausspricht und abspiegelt; denn das Böseste verliert sein Gift, wenn es erkannt und gewürdigt ist, und das rein Vernünftige allein ersteht und wird zum belebenden Prinzip«.

Es ist schwierig, dieses republikanische Leben, das schwierigste, das es gibt; denn zart ist die Grenzlinie des Rechtes, und leicht ist sie überschritten, wenn nicht die Millionen mißtrauisch wachen. Darum ist es nur bei einem Volke möglich, wo die Verstandeskraft die höchste Stufe erreicht, wo selbst positiver Widerstand gegen den Machthaber noch die Grenzlinie seiner Pflicht, erkennt, und so, ohne in Verwirrung und Anarchie auszuarten, seine Rechte behauptet oder die verlorenen wiedererobert.

Der Kapitän hatte einen langen sehnsüchtigen Blick über das Boyou hinüber auf die hellerleuchteten Fenster geworfen und war dann dem Gasthofe zugeeilt, aus dem er mit den drei Offizieren gekommen. Bei seinem Eintritte befahl er der Ordonnanz, den gefangenen Briten und drei der Ausländer vor ihn zu bringen; dann schritt er seinem Zimmer zu, in dem ein Mann in der Uniform eines Sergeanten der Linientruppen an einem Tische schrieb. Diesem bedeutete er, sich für einige Zeit zu entfernen, und warf sich dann gedankenvoll in einen Sessel. – Nach einer Weile trat der junge Brite in Begleitung eines bewaffneten Milizen in das Zimmer.

»James Hodges«, sprach der Kapitän, mit freundlicher Stimme, während sein Auge forschend auf dem etwas niedergeschlagenen Jünglinge ruhte. »Ich habe, ehe ich das Protokoll schließe, um es an den kommandierenden General abzusenden, Sie noch um einige Punkte zu fragen. Geben Sie mir aufrichtige, wahre Antworten.«

»Seien Sie versichert, Kapitän, daß kein unwahres Wort je über meine Zunge gekommen.«

»Sie sagen, Sie seien vom Seeräuber von Barataria aufgehoben worden?«

»So ist es, und wenn Sie sich bemühen wollen, in unserem Hauptquartier nachzuforschen, werden Sie die Wahrheit meiner Aussage bestätigt hören. Um dieses bitte ich dringend.«

»Sie haben«, fuhr der Kapitän fort, »bei Ihrem Verhör in Gegenwart des Generals und der beiden Stabsoffiziere etwas fallen lassen, daß der Seeräuber unter den angekommenen Ausländern ist?«

»So ist es, ich habe ihn gesehen und war auf ihn zugeeilt, als mich der Milize zurückhielt.«

»Haben Sie ihn erkannt?«

»Nicht im Gesichte, das vermummt war, aber seine Haltung, sein Gang, seine Gestalt sind mir unauslöschlich eingedrückt.«

Es traten in diesem Augenblicke drei Männer in das Zimmer, von denen der mittlere im Gesichte vermummt, ein anderer den einen Arm in der Schlinge trug, und der dritte ein schöner, junger, olivenfarbiger Jüngling war, dessen Gesichtszüge und blitzend schwarze Augen den Mexikaner deutlich verrieten. Sie traten unbefangen vor den Kapitän, der sie artig grüßte.

»Erkennen Sie einen dieser drei Männer?« fragte der Kapitän.

»Dieser da ist es,« erwiderte der Gefangene, auf den mittleren zutretend, »das ist der sogenannte Seeräuber von Barataria.«

Der Beschuldigte war kalt und gleichmütig dagestanden.

»Was will dieser junge Mensch?« fragte er den Kapitän.

»Ihr habt es gehört«; erwiderte dieser, den Mann scharf fixierend.

»So habe ich, und ich weiß nicht, soll ich mich mehr über die Unverschämtheit des jungen Menschen ärgern oder über seine Tollheit lachen.«

»Kapitän,« rief der Gefangene, »ich versichere Sie auf meine Ehre, ich schwöre es Ihnen, dies ist der Seeräuber.«

»Vielleicht, junger Mensch, habt Ihr das Handwerk getrieben. Wenn Ihr noch drei Tage hier seid, so werdet Ihr unsre Produkte nachkommen sehen, die Euch beweisen sollen, daß wir diejenigen sind, wofür wir uns ausgeben.«

Der Kapitän warf einen scharfen Blick auf den Gefangenen, der abwechselnd leichenblaß und glühendrot wurde.

»Ich will ihn beschreiben«, rief er. »Ich bin überzeugt, ich täusche mich nicht.«

»Wenn der junge Mensch mich meint,« fuhr der Verwundete zu dem Kapitän gewendet fort, »so will ich aus Achtung für Sie, Kapitän, und um Ihnen allen Argwohn zu benehmen, meinen Verband ablösen.« Er riß das Tuch vom Kopfe und zeigte eine breite Kopfwunde, die von der Stirne über die Wange herablief und, obgleich vom Pflaster bedeckt, eine gefährliche Tiefe wahrnehmen ließ, die augenscheinlich den Hieb eines Tomahawk verriet. »Soll ich«, sprach er zum Offizier, »auch den Verband ablösen?«

»Nein«, erwiderte der Kapitän. »Bindet Euer Tuch über den Kopf. – Kennen Sie keinen der übrigen?« wandte er sich zum Gefangenen.

Dieser sah die beiden andern aufmerksam an. »Eine dunkle Erinnerung,« sprach er mit stockender Stimme, aber nichts weiter; »es scheint mir, ich habe auch diesen Mann gesehen.«

»Das mag sein«, erwiderte der Bezeichnete. »Wir sind von Nacogdoches; diese Briefe, an mehrere Häuser in der Hauptstadt, werden es ausweisen, und wie Senor Marceau gesagt hat, so kommen unsere Produkte nach.«

»Kapitän!« sprach der erste. »Wir halten es nicht für nötig, einen so ausgezeichneten, im Militärdienste der ersten Republik der Welt stehenden Offizier darauf aufmerksam zu machen, daß das Betragen dieses jungen Menschen, der wahrscheinlich eigene Schuld durch ein gräßliches Ansinnen zu bemänteln gedenkt, äußerst sonderbar ist. Wir sind Untertanen von Mexiko und erbitten uns, wenn etwas gegen uns vorgebracht wird, als einzige Gnade, schnell hinab vor den Kommandeur en Chef gebracht zu werden. Ein Milizoffizier hat uns anhalten und untersuchen lassen; auch scheint er uns hier eine Art Arrest auferlegt zu haben.«

»So hat General Billow befohlen,« sprach der Kapitän, »und Ihr verhaltet Euch ruhig, bis der Befehl von unten kommt.«

»Und wann erwarten Sie diesen?«

»In achtundvierzig Stunden. – Nun tretet ab.«

Der Kapitän warf einen etwas weniger freundlichen Blick auf den Jüngling, der, von innerem Kampfe bewegt, vor ihm stand. Nach einer Weile sprach er:

»James Hodges, oder wie Ihr immer heißen möget. Euere Aussagen tragen das Gepräge eines Charakters, der für Eure Jugend viel Verdorbenheit beweist.«

»Kapitän, ich beschwöre Sie, diese Männer genauer untersuchen zu lassen. Ich bin gewiß; ich habe mich nicht geirrt. Schon ihr Äußeres verbürgt die Wahrheit meiner Aussage.«

»Man wird oft irre am Äußern«, erwiderte der Kapitän mit einem scharfen Blicke, der den Gefangenen mißtrauisch maß. – »Andere Zwangsmittel zu gebrauchen, gestatten unsere Gesetze nicht. Ich hätte Euch gerne helfen wollen, und bloß Rücksicht für Eure Jugend, der ich so viele Verdorbenheit nicht zugetraut, hat mich dazu veranlaßt. Übrigens habe ich Euch zu bedeuten, daß Ihr auf das Schlimmste gefaßt sein müßt.«

»Ich bin auf alles gefaßt, bitte jedoch, wenn übrigens ein Brite hier auf Gunst hoffen darf, meinen Fall schleunigst im englischen Hauptquartier anzuzeigen; die Wahrheit wird dann ohne Zweifel ausgemittelt werden.«

»Es ist nicht dieses allein, James Hodges«, erwiderte der Kapitän. »Der zweite Punkt ist wichtiger. Wie kommt Ihr zu Eurer Verkleidung? Wie seid Ihr mit Tokeah bekannt geworden? Kann Euer Hauptquartier auch darüber Auskunft geben?«

Der Jüngling stand von einer fieberischen Glut übergossen da. Seine Lippen zuckten. »Ich kann nicht, darf nicht sprechen. Ich habe mein Ehrenwort gegeben.«

»Ihr gebt vor, Militär zu sein, und wisset nicht, daß in Euerm Falle selbst das Ehrenwort des achtungswertesten Mannes nicht angenommen werden könnte? – Junger Mann,« schloß der Kapitän; »Ihr treibet ein gefährliches Spiel, da wo es im Ernst genommen wird. Ich kann nur berichten; aber die Folgen kommen schnell, und diese habt Ihr Euch allein zuzuschreiben. Unsere Ehre fordert eine rasche und strenge Gerechtigkeit.«

»Und Sie könnten?« – stockte der Jüngling mit unwillkürlichem Schauder.

»Nicht wir, – das Gesetz,« erwiderte der Kapitän, »dieses verdammt, und wenn Ihr Eures Königs Sohn wäret, so würde es Euch verdammen, und wir haben die Macht und den Willen, dieser Verdammung Vollstreckung zu geben.« Er winkte nun dem jungen Mann seine Entlassung zu, und dieser entfernte sich langsam.

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