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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Neunzehntes Kapitel

Keine Zunge würde fähig sein, den jammervollen Anblick zu schildern, den der folgende Tag darbot.

In einem weiten Ringe vor dem Platze, an welchem das Councilwigwam gestanden, waren die vierzig erschlagenen Pawnees und Oconees sitzend aufgerichtet, mit ihren Rücken an Baumstämme gelehnt, die man von den nicht verbrannten Hütten genommen. Alle waren in ihrem Schmucke und als Krieger gekleidet, die so prachtvoll wie möglich vor dem Angesicht des großen Geistes zu erscheinen hatten, um von ihm ihre Belohnung zu erhalten. An der Seite jedes Pawnees stand sein Streitroß, mit seinem Feuergewehre oder seiner Lanze behangen, das ihn auf seiner weiten Reise in die ewiggrünen Wiesen zu begleiten bestimmt war. Vor den Oconees waren Pfähle in die Erde getrieben, an denen ihre Gewehre, Tomahawks und Schlachtmesser mit einem kleinen Netze hingen, in welchem die Kopfhaut eines Feindes eingeschlossen werden sollte. Einige Schritte seitwärts und gegen die Hütte des Miko waren die Überreste seiner Tochter aufgerichtet; – ihr Haupt ruhte auf zwei Stangen. Sie war in ihr Brautkleid gehüllt, und vor ihr lagen alle ihre Kleider. Ihre Ohren und Hände waren mit Gold- und Silberarmspangen und Ohrringen geschmückt. Zwei Kugeln, ihrem Geliebten bestimmt, hatten ihr edles Herz durchbohrt; auch noch im Tode spielte ein sanftes Lächeln um ihren lieblichen Mund.

Hinter diesen Jammerbildern und auf der Asche des Councilwigwams war ein großer Scheiterhaufen errichtet, auf dem die Körper von fünfundzwanzig Seeräubern, mit ihren gräßlich blutigen Köpfen lagen, von denen die Häute abgerissen waren; etwas niedriger und um den Scheiterhaufen herum lagen der Kapitän der Seeräuber und zwölf Gefangene, an Händen und Füßen mit Büffelriemen zusammengeschnürt, ihren Urteilsspruch erwartend.

Hinter dem Scheiterhaufen sah man die offenen Gräber für die erschlagenen Indianer. Sie waren auf allen Seiten mit der Rinde des Kottonbaumes belegt. An den vier Ecken waren Pfähle in die Erde gesteckt, die über dem Grabe gebogen und auf denen eine zweite Schicht von Kottonrinde lag. Eine Öffnung war gelassen worden, durch die der Leichnam ins Grab geschoben werden sollte. Vor jedem Grabe stak ein in Blut getränkter Stab, tief in die Erde getrieben, auf dem die Kriegstrophäen des Erschlagenen aufgesteckt werden sollten, nämlich des Feindes Skalp, der in ein kugelrundes Netz eingeschlossen zu werden bestimmt war.

Am äußersten Ende war das Grab Canondahs.

Es ruhte gleichfalls auf Zederstämmchen, deren jedes zwei bis drei Zoll im Durchmesser hatte, und war ganz mit Rinde ausgefüttert, die wieder mit Seidenzeugen überkleidet war. Auf ein Kissen mit Tillandsea ausgestopft und mit Atlas überzogen, sollte ihr Haupt zu liegen kommen; rings um das Grab herum waren Schößlinge von Palmen und Mangroven gepflanzt. Die Zederstämme waren gleichfalls zu einem Dache verbunden und bestimmt, einem zweiten Dache zum Stützpunkte zu dienen, so daß die Überreste der Tochter des Miko vor jeder Unbilde geschützt wären.

Die Begräbnisanstalten waren während der Nachtzeit und den Tag hindurch mit unglaublicher Tätigkeit, aber ununterbrochenem Geheule und Jammer zustande gekommen.

Die Lebenden waren nur mit Mühe von den Toten zu unterscheiden.

Gegenüber den gefallenen Kriegern saßen in einem Halbmond die Männer der drei Stämme, ihre Gewänder über ihre Gesichter geschlagen, ihre Häupter auf ihre Brust gesenkt, ihre Schenkel kreuzweise ineinander geflochten; alle in der tiefsten Trauer. Sie waren unbedeckt, und die geflochtenen Scheitelbüschel der Pawnees hingen nachlässig ihren Nacken herab.

Obenan saßen der Miko und der Häuptling der Cumanchees; – Tokeah schien ruhig und gefaßt; aber das erstorbene, verglaste Auge, Stirne und Lippen, die konvulsivisch verzogen, und die gelbe Totenfarbe bezeugten die Eiseskälte, die in seinem Herzen Platz genommen. Er war unsäglich elend geworden: der einzige Trost, der ihn am Leben bisher erhalten, seine übrigen Tage noch erheitern helfen sollte, war von ihm gewichen. –

El Sol war gefaßter, aber auch sein edles Haupt war im tiefsten Schmerze auf die Brust gesunken, und dann hob es sich wieder, und er schoß so lange und durchbohrende Blicke auf seine verlorene Braut, als hätte er ihr neues Lebensfeuer in die erstarrten Glieder einhauchen wollen. Er hatte Canondah zärtlich und innig geliebt, er hatte sie als ihr Retter geliebt, dem das schwache Mädchen als schöne Beute anheimgefallen war, und der bei ihrem jedesmaligen Anblicke ein stolzeres, edleres Gefühl in seiner Brust erwacht fand. – Nun hatte sie mit ihrem Leben die Schuld der Dankbarkeit voll und gewichtig bezahlt; beinahe schien es, als ob der edle Wilde mit ihr rechten wollte.

Aber eine saß da, deren Weh und Herzeleid auszudrücken unmöglich gewesen wäre; – eine, die in der edlen Indianerin die einzige freundliche Seele verlor, die noch einige Blumen auf ihren so dornigen Pfad gestreut. Die unglückliche Rosa starrte auf ihre entseelte Schwester hin, sinnlos, bewußtlos. – Als sie zuerst die leblose Hülle derjenigen sah, die liebender als eine Mutter sie umfangen hatte, da sank sie nieder, bewegungslos, beinahe leblos. Sie weinte nicht, sie klagte nicht; nicht eine Träne entquoll ihren Augen, aber Leben und Bewegung schienen im ungeheuern Schmerze entflohen zu sein. Jetzt saß sie da, von zwei Mädchen gehalten, und schaute und starrte so wirr, mehr einer alabasternen Statue, denn einem lebendigen Wesen ähnlich.

Hinter ihr saßen die schluchzenden und weinenden Weiber und Mädchen. Auch sie hatten eine Mutter, die zärtlichste, verständigste Mutter verloren, die rastlos Tag und Nacht für das Wohl der Ihrigen beschäftigt gewesen war, der sie alles, was sie hatten, was sie waren, zu verdanken hatten; – mit ihr schien der schützende Genius von dem trostlosen Völkchen gewichen zu sein.

Die trauernde Gruppe mochte so eine Stunde gesessen sein, im dumpfen Schmerze die Überbleibsel alles dessen betrachtend, was ihnen lieb und teuer war. Dann und wann ließ sich ein lautes Stöhnen vernehmen, das den Kehlen der alten Squaws entfuhr, und dem sich allmählich und stufenweise die lauteren Klagetöne der jüngeren anschlossen.

Bald darauf fielen die dumpfen Schläge der indianischen Trommeln und die melancholischen Töne der Flöte ein, und mit diesen begann der Todesgesang, der zugleich von mehreren hundert Lippen in den tiefsten Kehlentönen angestimmt wurde. – So wie der Gesang sich erhoben hatte, einfach, gemach und stufenweise, so erstarb er wieder. Eine lange Weile herrschte wieder tiefe Stille; dann erhob sich ein leises Gemurmel, das allmählich stärker wurde: die Squaws schlichen sich aus dem Kranze und begannen drohend die Gefangenen zu umschwärmen. Es währte nicht lange, so wurden racherufende Stimmen gehört, die schnell sich verstärkten, bis zuletzt alle in ein tobendes Geheul und in die fürchterlichste Wut ausbrachen.

»El Sol,« sprach der alte Miko mit dumpfer Stimme, »meine Brüder wünschen die Stimme des großen Häuptlings zu hören, um die erzürnten Seelen ihrer gefallenen Brüder zu versöhnen.«

Der junge Mexikaner gab keine Antwort: er blickte auf, starrte um sich herum, gleich einem, der aus einem tiefen Traume erwacht. – Endlich sprach er: »Mögen meine Brüder ihre Jungen lösen, damit El Sol ihre Worte vernehme.«

Die Beratung nahm ihren Anfang.

Ein Krieger der Oconees stand auf und richtete sich an die Menge.

Er begann in den floskelreichen, lebhaften Farben und in dem eigentümlichen Stile seines Volkes die Tapferkeit der Erschlagenen, ihre Geschicklichkeit auf den Jagdgründen, ihre Weisheit in der Ratsversammlung zu rühmen. Er malte mit lebhaften Farben den Jammer der hinterlassenen Witwen und Waisen, die Verräterei der Diebe der Salzsee, und schloß, indem er hindeutete auf fünfzehn Krieger, die vor dem großen Geiste ohne einen Skalp von dem Haupte ihrer Feinde erscheinen würden. –

Ein zweiter Redner folgte, der mit größerer Lebendigkeit noch mehr sich bemühte, die ohnedies racheschnaubenden Gefühle seiner Zuhörer aufzureizen.

Nachdem ein dritter gesprochen, wurden die Ausrufungen unter den Oconees nach den Skalpen ihrer Feinde allgemein. Sie hatten am meisten gelitten.

»Und was sagt der weise Tlachtala?« so redete El Sol einen Cumanchee an, der hinter ihm auf einer Wolldecke ausgestreckt lag und von zwei Kugeln durchbohrt war.

»El Sol«, erwiderte der Verwundete, »weiß die Gesetze der Cumanchees.«

»Würde aber ein Cumanchee mit einem Diebe kämpfen, dessen Hand und Fuß an den Pfahl gebunden sind?«

Der Cumanchee schüttelte verachtungsvoll sein Haupt.

»Und was würden die Cumanchees tun?«

»Sie würden um einen der schlechtesten Apachees senden, daß er die Diebe an Bäume hänge, damit ihr Fleisch ebenso von den Vögeln des Himmels gestohlen werde, wie ihre Hände getan.«

»Die Seele El Sols ist die eines Cumanchees, und er will tun, wie sein Bruder sagt.«

Die Blicke der Menge wandten sich nun mit Sehnsucht auf Tokeah und El Sol. Der erstere erhob sich, aber mit unsäglicher Mühe. Man sah es ihm an, daß alle Geisteskraft von ihm gewichen war, daß es ihm schwer fiel, auch nur ein Wort hervorzubringen. Es war nicht bloß der herzzerreißende Schmerz, der seine Worte erstickte, es war das Bewußtsein eigener Schuld, die den alten Mann zittern und beben machte.

Er hatte wirklich die ganze Schuld des gräßlichen Ereignisses auf sich geladen; seine Blindheit hatte ihm und seinen Alliierten eine tödliche Wunde geschlagen, seine Halsstarrigkeit ihn taub gegen alle Zurufe El Sols gemacht. Leicht hätte das Unglück vermieden und die Seeräuber auf eine Weise empfangen werden können, die ihnen alle Lust zu einem zweiten Versuche vertrieben hätte. Der alte Mann fühlte die große Schuld, die auf ihm lag, die Verantwortung für das Leben so vieler, die, im Vertrauen auf seine weise Wachsamkeit, in der Nähe eines verdächtigen Feindes alle Vorsichtsmaßregeln vernachlässigt hatten. Scham und Rachsucht durchglühten die wenigen Worte, die er nun zu den Seinigen sprach. Die Seeräuber wurden verurteilt zu sterben. Als er gesprochen hatte, schienen die Oconees nur ungeduldig auf den jungen Mexikanerhäuptling zu warten.

Als er nun aufstand, trat eine plötzliche Stille ein.

»Sind nicht meine Brüder, die Oconees, soeben auf dem Pfade zu ihren Brüdern, den Cumanchees, begriffen?« fragte er mit dumpfer, tiefer Stimme. »Wollen sie nicht die Rede eines Cumanchee hören, der für sie zwei Wunden empfing, auf daß seine Brüder, wenn sie nach Hause kommen, unserm Volke sagen, wie sehr ihre Weisheit von ihren neuen Brüdern geschätzt werde?«

Die Menge hörte finster und schweigend in ängstlicher Bangigkeit zu. Der junge Anführer wandte sich zum Cumanchee, der bereits im Todeskampfe röchelte, aber, nach der Gewohnheit seines Volkes, eine Stärke zeigen mußte, die seiner noch übrigen Kraft nicht mehr entsprach.

»Will mein Bruder seinen neuen Brüdern sagen, was die Cumanchees mit ihren Gefangenen tun würden?«

»Sie binden«, sprach der Verwundete, »ihre Gefangenen an Pfähle am linken Fuße und an der linken Hand und lassen ihnen den rechten Fuß und die rechte Hand frei, und geben ihnen ihre Waffen, und sechs junge Krieger mögen einzeln mit ihnen kämpfen. Wenn der Gefangene fällt, dann mag der Sieger ihm das Leben nehmen und seinen Leib verbrennen; wenn die sechs roten Krieger fallen, dann wird der Gefangene ein Cumanchee.« Der Cumanchee sprach mit gebrochener schwacher Stimme, aber mit einem Ausdrucke auf seinem vom Todeskampfe entstellten Gesicht, der hinlänglich verriet, daß er seine neuen Brüder nichts weniger als fähig halte, sich diesem edlem Gebrauche seiner Nation zu unterwerfen.

»Und was tun die Cumanchees mit den Dieben, die ihre Pferde und Rinder stehlen«, fragte der junge Häuptling nach einer Pause, die dem Verwundeten Zeit geben sollte, sich zu erholen.

»Sie rufen den Schlechtesten der Apachees, daß er die Diebe beim Genick an einen Baum hänge, damit sie Speise für die Raubtiere werden«, erwiderte der sterbende Cumanchee, dessen letzte Kräfte diese Anstrengung erschöpft hatte. Er streckte sich noch einmal und war dann eine Leiche. Die Cumanchees erhoben ihn und setzten ihn an die Spitze der Gefallenen.

Obgleich die Oconees den Inhalt dieser Worte, die im Pawneeser Dialekte gesprochen, nicht vollkommen begriffen, so hatten sie doch so viel daraus entnommen, daß die Skalpe der Seeräuber ihren gefallenen Freunden und Verwandten nicht auf die große Reise mitgegeben werden sollten. Ein unbändiges Gemurmel von Unzufriedenheit brach unter den alten Weibern aus, die nun in wilden Sprüngen einen ganz eigentümlichen Tanz begannen, und die, durch die Unordnung und Anstrengung der letzten Nacht bis ins scheußlichste entstellt, wirklich gräßlich anzusehen waren. »Das Blut unserer Männer und Kinder ruft um Rache. Die Diebe haben die Axt erhoben. Wir wollen unsre Messer tief in ihr Blut eintauchen«, sprach eine Stimme. Ein Beifallsgemurmel erhob sich unter den Männern bei diesen Worten – und gleich halb gezähmten Bestien stürzten die alten Megären auf ihre Schlachtopfer zu, die jüngern Squaws schlossen sich unwillkürlich an, dann folgten die Knaben und Mädchen, die jungen Krieger erhoben sich gleichfalls, und zuletzt stürzte die ganze wütende Schar, jung und alt, auf die Seeräuber los.

Die Cumanchees und Pawnees waren allein hinter ihrem Häuptlinge geblieben, der, ohne sich zu regen, an der Seite Tokeahs sitzen geblieben war.

»Und wollen meine Brüder das Blut ihrer Feinde nicht fließen sehen?« fragte El Sol, indem er sich gegen seine Krieger wandte.

»El Sol ist der Häuptling der Cumanchees und Pawnees, und seine Worte haften fest in ihren Ohren«, sprach einer derselben.

Der junge Häuptling stand auf, und als sähe er die Szene voraus, die nun bald erfolgen sollte, hob er die weiße Rosa in seine Arme und trug sie hinter die Laube. Kaum hatte er sie niedergelassen, als ein Gekrach und Gestöhne gehört wurde, das kurz und dumpf einige Sekunden zu hören war, und dann in ein unnatürliches Wimmern überging, das aber durch das Gelächter und das Geheul, das darauf folgte, bald wieder übertäubt wurde.

Tokeah stürzte auf den Haufen los, der sich ihm öffnete und ihm einen schrecklichen Anblick darbot. Es brauchte all das Ansehen und die Würde des Miko, um dem lange an Unterwürfigkeit gewöhnten, aber in diesem Punkte trotzig auf seinem Rechte bestehenden Haufen in seiner Wut Einhalt zu tun. Es war ihm endlich gelungen, und er kehrte rasch zu dem jungen Anführer zurück. Ihm folgten seine Männer, Hunden nicht unähnlich, die die drohende Stimme ihres Herrn vom zerrissenen Schafe hinweggescheucht.

»El Sol«, sprach der Miko mit langsam zitternder Stimme. »Die Männer der Oconees wollen nun hören, was der Häuptling ihnen sagen wird.«

»El Sol«, sprach der junge Mann in einem milden, aber entschlossenen Tone, »hat seine Hand ausgestreckt, um die Oconees der Muscogees als seine Brüder zu empfangen; aber sie haben ihm ihre Zähne gewiesen.«

Der alte Mann gab keine Antwort.

Der junge Mexikaner erhob seine Stimme noch höher, und stolz umherschauend, sprach er zu seinen Kriegern: »Haben die Cumanchees und Pawnees geschlafen, während Tokeah von den Dieben fortgeführt wurde? Haben die Oconees die Diebe gefangen, daß sie nun ihre Skalpe als ihr Eigentum nehmen?«

Alles war in Regung und Bewegung unter den aufgerufenen Cumanchees und Pawnees. Ihre Hände griffen rasch nach ihren Lanzen und Streitäxten, ihre Nasen begannen zu schnauben gleich Streitrossen, ihre düstern Gesichter nahmen einen furchtbar trotzigen Ausdruck an. – Noch ein solcher Aufruf, und sie würden auf die Überreste der Oconees losgestürzt sein, auf die sie ohnedies mit Verachtung herabsahen.

Tokeah zitterte das erstemal in seinem Leben.

»Haben die Cumanchees und Pawnees«, so sprach er mit gebrochener Stimme, »allezeit die Reden ihrer großen und weisen Häuptlinge angehört? Haben sie sich nie von dem Pfade verirrt, den ihre weisen Männer ihnen angezeigt, und«, fuhr der alte Mann mit weicher Stimme fort, »soll die Kette zwischen Brüdern gebrochen werden, weil die Oconees getan, was ihre Väter auch taten? Meine Kinder sind noch nicht Cumanchees. Wenn sie in den Wiesen des großen Volkes wohnen – dann werden sie auch die Rede ihres Anführers hören. Tokeah« – sprach er – »hat nie die Palme seiner Hand vergeblich ausgestreckt. Will sein Sohn sie zurückweisen?«

Eine demütigere und versöhnendere Abbitte konnte unmöglich von einem Miko der Oconees getan werden.

El Sol ergriff rasch die dargebotene Hand.

»Lasse meine Männer die Stimme ihres künftigen Miko hören«, sprach der alte Mann flehend.

»So mögen denn die Hände und Füße der Diebe gebunden bleiben,« sprach El Sol mit starker Stimme, »und mögen sie den schlechtesten der Weißen übergeben werden, auf daß sie dieselben an Bäume hängen, und ihr Fleisch von den Vögeln des Himmels gestohlen werde. Die Gebeine von Dieben und Räubern sollen nicht unter den Gebeinen der roten Männer ruhen und nicht vermischt werden, damit der große Geist sie nicht vermenge, und sie nicht auf den Wiesengründen halb weiß und halb rot erscheinen.«

Der Miko war nachdenklich über die Worte des jungen Häuptlings geworden; auch die Menge schwieg verdüstert still.

»Mein Sohn«, sprach dieser, »ist weise, und seine Seele ist die eines großen Häuptlings; aber wird er die vielen Dollars verdienen wollen, die der große Vater der Weißen für den Kopf des Diebes angeboten?«

Der Mexikaner horchte hoch auf. »Wie meint dies mein Vater?«

»Die Weißen werden Tokeah und El Sol als Diebsfänger betrachten, welche die Dollars ihren Skalpen vorziehen. Die roten Männer werden wehklagen; denn ihre Ehre wird für immerdar unter ihren Brüdern in Schande gekehrt sein.«

Diese Worte schienen Eindruck auf den jungen Mann zu machen. Er sprach lebhaft mit den Cumanchees.

»Und was gedenkt mein Vater zu tun?« –

Der Miko sann nach – plötzlich zuckte es durch seine Nerven; er holte tief Atem und auf die Leiche seiner Tochter blickend, sprach er mit bebender Stimme:

»Ja der große Geist hat durch den Mund meines Sohnes gesprochen; – der weiße Dieb soll durch die Schlechtesten der Weißen an einen Baum gehängt werden; – er ist nicht wert, daß er für die Tochter des Miko und die Oconees sterbe; aber El Sol und Tokeah dürfen ihre Hände nicht mit ihm beflecken, sie dürfen ihn nicht den Weißen übergeben.«

Der junge Mann war immer gespannter geworden.

»Der Dieb ist ein Feind der Weißen; – er hat ihnen des Bösen viel zugefügt. Der große Vater hat viel Gold für sein Haupt geboten; – sollen die verfolgten roten Männer den Weißen helfen ihre Feinde einfangen?«

Der Mexikaner fing nun an zu begreifen.

»Der Panther«, fuhr der alte Mann fort, »rennt in seine Schlinge, der Büffel stürzt der Kugel und dem Pfeile entgegen, die für ihn gemacht sind; – der weiße Dieb wird auch dem Baume nahe kommen, an dem er aufgehängt werden soll. – Mögen die Weißen ihn fangen, und ihr Blut fließen wie das der Oconees.«

Die raffinierte Rachsucht und der tief versteckte Haß gegen seine Todfeinde, die Weißen, die dabei anscheinende Großmut gegen die gefangenen Seeräuber, welche aus der Rede des Miko hervorleuchtete, hatte anfangs selbst den Mexikaner verwirrt, und er blickte betroffen seinen Vater an. – Auch er war ein Feind dieser Weißen, die seinen Vater gemeuchelmordet hatten; aber von diesem Hasse, der selbst seine glühende Rache an dem Mörder seiner Tochter der Hoffnung aufopfern konnte, daß dieser Mörder, wenn er frei wäre, seinen weißen Feinden nur umsomehr Böses zufügen und so gewissermaßen einen Teil seiner eigenen Rache abtragen würde, hatte er auch nicht geträumt.

»Und mein Vater«, sprach er, »wollte deshalb die Seeräuber aus dem Garn entlassen, in welchem sie sich gefangen?«

»Sie werden Blackeagle und Tokeah rächen im Blute vieler Yankees«, sprach der Miko.

Der Mexikaner wandte sich nun an seine Landsleute. Diese schüttelten den Kopf über den ungewöhnlichen Vorschlag, – überließen jedoch ihrem Häuptling, nach Gutdünken zu handeln.

Der Miko hatte mit seinen Oconees gesprochen. Die rachedürstenden Wilden schüttelten anfangs gleichfalls ihre Köpfe; als er aber auf die Tapferkeit ihres Feindes hinwies, der vielen Yankees ihr Leben rauben würde, stimmten sie mit einem Male bei.

»Es ist die Stimme des Propheten, des großen Miko«, erschallte es aus hundert Kehlen.

Der Miko war schweigend dagesessen und sein Haupt war wieder auf seine Brust gesunken.

»El Sol«, sprach der junge Mann, »hat die Worte seines Vaters gehört, und die Cumanchees haben sie gebilligt; – mein Vater weiß, was er zu tun hat.«

Der alte Miko winkte einem jungen Krieger, und dieser lief auf die Gefangenen zu, deren Fesseln er schnell löste.

Die halbtoten Seeräuber hatten versucht aufzustehen, aber sie vermochten es nicht. – Sie lagen, selbst nachdem die Riemen zerschnitten waren, noch eine geraume Zeit, ohne sich erheben zu können. – Ihr verwirrter, wüster Blick schien kaum mehr zu begreifen, was eigentlich gemeint sei; als aber der junge Krieger an das Ufer deutete und sprach: »Die Diebe mögen gehen«, da erhoben sie sich, anfangs schüchtern um sich blickend, ob auch die frohe Botschaft wahr sei, und dann rannten sie, so schnell als sie es vermochten, dem Ufer zu. – Lafitte allein war etwas langsamer fortgeschritten, zuweilen auf die Wilden zurückblickend; – das Geschrei seiner Gefährten, zu eilen, wenn er nicht zurückgelassen werden wolle, schien auf ihn keinen Eindruck zu machen. An der Bucht angekommen, schlang er seine Arme ineinander, blickte dann nochmals auf die schaudervolle Szene und trat rasch ins Boot zu seinen Gesellen.

*

Die herzzerreißende Begräbnisszene war vorüber. Die Krieger der Pawnees und Oconees waren in ihre Ruhestätten versenkt; der Scheiterhaufen, auf dem die getöteten und geschlachteten Seeräuber aufgeschichtet waren, loderte in hellen Flammen auf; die Rosse waren geopfert. Alle standen bereit, das Ufer des Natchez für immer zu verlassen.

Da trat El Sol mitten unter die verstörten und dumpf hinstarrenden Weiber und Mädchen, deren Tränen und Stimmen versiegt zu sein schienen, und wand die von zwei Indianerinnen getragene Rosa aus ihren Armen, sie ihrem Pflegevater zuführend.

»Und will die weiße Rose nicht Lebewohl dem Vater sagen, dessen Tochter ihr Mutter gewesen, und der nun einen weiten Pfad betreten wird?« sprach der Mexikaner mit sanfter, zitternder Stimme.

Die blasse Leichengestalt blickte auf den bewegten Sprecher mit einem tränenlosen, leeren Auge, das einem wirren Gemüte anzugehören schien.

»Tokeah«, fuhr der junge Mexikaner mit stockender Stimme fort, »will in die Wigwams der Weißen; er hat einen Traum gehabt, der ihm solches geboten.« Kein Symptom von Bewußtsein, keine Regung, keine Bewegung ließ sich an ihr verspüren; sie starrte wie wahnsinnig, wie leblos.

»Der Pfad des Miko der Oconees wird lange, derjenige der weißen Rose würde traurig und dornig sein. Der Miko hat El Sol gebeten, daß seine Tochter in die Wigwams der Cumanchees mit den Mädchen ziehe. Sie wird da Gebieterin sein, die Schwester Canondahs.«

Plötzlich schien sie sich zu besinnen. »Canondah!« rief sie. Und ein Tränenstrom entquoll ihren Augen. Es war das erste Wort, das seit der schrecklichen Katastrophe von ihr gehört worden, das erste Lebenszeichen, das sie seit dem Tode ihrer Freundin von sich gab. Ihr Schmerz war gebrochen. Alle waren tief bewegt, die Mädchen fingen wieder an laut zu schluchzen, die Alten zu heulen.

»Was ist dies, mein Bruder?« fragte sie nun, wie aus einem Traume erwachend und scheu um sich blickend.

»Meine Schwester kennt«, sprach der Mexikaner, »den Jammer des Vaters, der seine Tochter und seine Männer durch die Verräterei des Seeräubers verloren hat. Sie sind tief in die Erde gelegt, und die weiße Rose wird sie nie wieder sehen; aber der Miko ist auf einem langen, dornigen Wege, er muß dem Befehle des großen Geistes gehorchen, er hat einen Traum gehabt.«

»Und der unglückliche Vater will zu seinen weißen Feinden,« sprach das Mädchen, »und seine Tochter ist im Grabe, und keiner und keine, die ihn warte und pflege? – Rosa war bisher seine Pflegetochter gewesen, sie will nun seine wirkliche sein; – sie will ihren Vater begleiten. Sie hat es versprochen«; setzte sie schaudernd hinzu.

Der junge Mexikaner sprach kopfschüttelnd: »Meine edle Schwester kennt die Dornen des Pfades nicht, der zu den Weißen führt. Sie ist sehr zart und würde sehr viel zu leiden haben.«

»Und der jammernde Vater soll kein freundliches Auge mehr sehen, keine geliebte Hand, die ihm den Becher, die Speise reiche? – Nein, mein Bruder! Rosa hat eine große Schuld ihrer Schwester abzutragen. – Der alte Mann ist sehr unglücklich, sehr verlassen, sehr elend; – sie muß diese Schuld ihm abtragen. Sie muß ihm Tochter sein.«

Ihre Stimme war stärker geworden. Ihre bleichen, leblosen Züge hatten sich wieder gestaltet, im kindlich sanften Auge fing es wieder an, lebhafter zu sprechen; der alte Miko war aufmerksam geworden und hatte das letzte gehört. – »Meine Tochter,« sprach er, und die Stimme stockte ihm, und der Schmerz drohte ihn zu ersticken, »der Miko muß zu den Weißen, meine Tochter wird im Wigwam der Cumanchees Trost finden.«

»Canondah würde Rosen im Traume erscheinen und klagend die kalte Tochter anblicken, der sie ihren Vater zum Vermächtnis übergeben; – sie muß dem Miko nun dienen; – sie wird sich vom Miko nimmermehr trennen.«

»So komm denn, meine edle, weiße Rose«, sprach der alte Mann, seine Arme ausbreitend und sie umschließend. Mehr vermochte er nicht zu sagen. Rührung hatte ihm die Sprache benommen. Der junge Mexikaner winkte nun den Mädchen, die kamen, um von ihrer neuen Gebieterin Abschied zu nehmen. – Noch einen Blick warfen alle auf ihre zerstörte Habe, ihre zurückgelassenen Lieben und dann trennten sie sich. Rosa, eine junge Indianerin, Tokeah und El Sol mit zwei Cumanchees und ebenso vielen Pawnees und Oconees wandten sich gegen Osten, die übrigen gegen Westen. Zweiter Teil

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