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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Fünfzehntes Kapitel

»Kapitän! Es ist eine ungewöhnliche Bewegung im Dorfe«; rapportierte der Leutnant, der die Türe des Councilwigwams geöffnet hatte und vor das Lager des Seeräubers getreten war.

»Wieso?«

»Die Wilden rennen und springen, als wenn ein Schock Teufel in sie hineingefahren wäre. Sie tragen Bündel, Lebensmittel und Waffen; alles ist auf den Beinen.«

Der Seeräuber erhob sich von seinem Lager und warf sich in seinen Rock.

»Suchen Sie das Nähere herauszufinden. Ich gehe unterdessen zum Alten. Sollten Sie etwas Verdächtiges spüren, so wissen Sie, was zu tun ist.«

»Wohl, Kapitän.«

»Kaum sollte ich jedoch denken,« sprach der Seeräuber halb zu sich selbst – »er hat mir noch gestern vor dem Schlafengehen eine Predigt gehalten, die mir zum wenigsten beweist, daß ihm mein Seelenheil am Herzen liegt.«

»Aber, Kapitän, dürfte ich unmaßgeblichst –«

»Was haben Sie, Leutnant? heraus damit!«

»Wir haben noch ein ziemliches Streckchen vor uns bis wir zu – gelangen.«

»Ich weiß es.«

»Diese Verzögerung«; bemerkte der Leutnant schüchtern.

»Hat seine guten Ursachen.«

»Wohl, Kapitän.« –

Der Leutnant verbeugte sich und schritt wieder dem Ufer zu; der Kapitän war nachdenklich auf die Wohnung des Miko zu gegangen. Er fand diesen vor seiner Hütte, seinen Blick starr auf den Fluß gerichtet. Als er den Seeräuber sah, schien er in etwas seine Fassung zu verlieren. Die Begrüßung erwiderte er herzlicher, als es bei seiner Ankunft geschehen war. Aber der alte Mann schien unruhig, rastlos zu sein und es immer mehr zu werden, was seltsam gegen seinen sonstigen unerschütterlichen Gleichmut und seine Starrheit abstach. Er war mit dem Seeräuber in die Hütte getreten; beide hatten sich gesetzt; doch nicht lange, so eilte er wieder zur Türe und, als ob er sich erinnerte, setzte er sich wieder. – Plötzlich erhob er sich, trat vor die Türe, streckte seinen Hals und schien zu horchen. – Auf einmal ertönte das Dorf von einem langen, fröhlichen Ausrufe, der wie ein Lauffeuer von Hütte zu Hütte ging, zuletzt in einem wilden Chorus endigte, in dem Männer, Weiber, Mädchen, Junge und Kinder ihre gellend durchdringenden Stimmen vereinigten. Der Miko war dem Councilwigwam schnell zugeschritten. Das ganze Dorf war in Aufruhr. Hinter jeder Hecke, aus jedem Gebüsche, jeder Hütte stürzten Männer, Weiber und Kinder wie rasend auf das Councilhaus zu; selbst die Anwesenheit des Miko schien sie nicht in Schranken zu halten. Auf dem jenseitigen Ufer des Natchez hielten ungefähr dreißig Indianer, alle zu Pferde. Mehrere suchten nach einer Furt im Flusse; ungeduldig des Zögerns, stürzte sich ein junger Mann mit seinem Rosse ins Wasser und alle dreißig folgten ihm, so wie sie in Reihe und Glied sich an ihn angeschlossen hatten.

Die Breite des Flusses, gegenüber dem Wigwam, war etwa fünfhundert Fuß, und die Tiefe beträchtlich. Doch die rüstigen Reiter schienen in ihrem Elemente zu sein, und kaum daß sie aus ihren Gliedern brachen, schwammen sie auf ihren Pferden herüber.

Der Seeräuber war hastig ans Ufer geschritten, seine Zähne knirschten, und in seiner Miene war gräßliche Wut zu lesen. – »Zehn gute Stutzen nur!« murmelte er dem Leutnant zu.

»Vergebung, Kapitän! das sind keine Oconees; das sind Cumanchees; die haben den Teufel im Leib. Ich kenne sie aus meinen mexikanischen Feldzügen.«

Die kleine Schar hatte die Bucht nun erreicht, wo die Kanus auf Wattapseilen hingen. Mit einem Schwunge wandten sich die Indianer auf ihren Pferden, und dann sprangen sie beinahe zugleich von dem Rücken ihrer Tiere auf das Ufer, zogen diese nach und schwangen sich wieder auf, mit einer Schnelligkeit und Gewandtheit, die beinahe im Zweifel ließ, ob die Fabel der Zentauren nicht verwirklicht war.

Der Vorderste war bis auf einige Schritte an die Oconees herangekommen, die, ihren Miko an der Spitze, vor dem Councilhause warteten, als der Kreis sich öffnete, und dieser hervortrat, die flache Hand weit ausstreckend.

»Der große Häuptling der mächtigen Cumanchees und der Pawnees des Toyaskstammes«, sprach er feierlich, »ist willkommen!«

Der junge Indianer, an den die Worte gerichtet waren, hielt und hörte die Begrüßung mit Aufmerksamkeit an, indem er zugleich ehrerbietig sein Haupt neigte. Als der alte Mann gesprochen hatte, sprang er von seinem Rosse und schritt, seine flache Rechte ausgestreckt, auf den alten Mann zu. Als er diesem ganz nahe gekommen, verbeugte er sich noch einmal, ergriff seine Hand und legte sie auf sein Haupt.

Die gegenseitige Begrüßung war nicht ohne Würde und hatte noch ein besonderes Interesse durch den Kontrast, der sich hier so auffallend zeigte. Nichts konnte wirklich einen stärkern Gegensatz mit dem vertrockneten, hagern Miko bilden, der, einem verwitterten Riesenstamme gleich, starr, schweigsam und melancholisch dastand, und dem offenen, männlich würdevollen und doch wieder so sanften, jungen Häuptling der Cumanchees. Sein ovales Haupt war mit einem malerischen Hauptschmucke von Federn und Fellwerken bedeckt; seine gewölbte Stirn und sein blühendes Angesicht von leichter Kupferfarbe schienen die wilde Kriegsfarbe seiner Gefährten zu verschmähen; seine ausdrucksvollen, glühend schwarzen Augen mit der edeln Römernase waren im schönsten Einklange mit seiner männlich gediegenen Gestalt, die durch seine Kleidung und Bewaffnung sehr hervorgehoben wurde.

Seine Brust bedeckte ein Wams von blauen Fuchsfellen und von seinem Rücken hing eine Pantherhaut herab, die, mit goldenen Spangen an seinen Schultern befestigt, eine Form sehen ließ, die Thorwaldsen oder Canova entzückt haben würde. Es war eine herrliche Gestalt männlicher Schönheit, frei, rein und unverdorben aufgesprossen in den entzückenden Fluren Mexikos und in der Mitte eines mächtigen Volkes, das außer dem großen Geiste keinen Meister erkannte. Ein Dolch mit Griff von gediegenem Golde stak in seinem Gürtel, ein kurzer Stutzen und eine neun Fuß lange Lanze, an welcher ein Roßschweif hing, boten eine Rüstung dar, die, was Zweckmäßigkeit und Reichtum betraf, nicht schöner gedacht werden konnte.

Als der junge Häuptling sich von seinem Roß geworfen, wurde dieses von einem seiner Begleiter aufgefangen. Es war ein schönes Rassepferd, gleichfalls mit einer Pantherhaut behangen, deren vier Enden mit goldenen Spangen am Nacken und Rücken befestigt waren. Es hatte weder Sattel noch Steigbügel; zu beiden Seiten hing jedoch an einem Riemen eine Kapsel herab, in welcher die Lanze und der Stutzen ruhten.

Ähnlich gekleidet und bewaffnet waren noch vier Krieger des mächtigen Indianerstammes der Cumanchees. Sie trugen ihre Haare zu beiden Seiten der Stirne herabgekämmt, ihre Gesichtsfarbe war eine Mischung der Oliven- und Kupferfarbe. Sie schienen stolz zu sein und selbst auf die Pawnees vornehm herabzublicken. Um den Hals ihrer Pferde hing der Lasso, diese gefährliche Waffe, mit welcher der mexikanische Reiter Feinde, Büffel und Pferde im wildesten Galoppe fängt, indem er mit wunderbarer Schnelle und Geschicklichkeit die Schlinge über den Kopf von Mensch oder Tier wirft.

Der Rest der Schar waren Pawnees des Toyaskstammes. Ihr Haar war glatt am Kopfe weggeschoren, und bloß ein Büschel war am Scheitel stehen geblieben, sorgfältig geflochten. Über ihren Schultern hatten sie weichgegerbte, rotgefärbte Büffelhäute, die sie mit der haarigen Seite nach innen gekehrt trugen. Statt des Sattels diente ihnen gleichfalls eine Büffelhaut. Jeder hatte einen zollbreiten Gürtel, an welchem sein Hüftenhemd befestigt war. Sie trugen Mokassins von Elksfellen. Etwa die Hälfte war mit Musketen und Stutzen bewaffnet, alle aber hatten Lanzen, ein langes Schlachtmesser oder vielmehr einen Fänger und den Tomahawk. Sie waren wohlgeformte und kräftige Männer, mit denen verglichen die Oconees, mit ihren dünnen Armen und schmalen Schultern, wie Kinder aussahen.

»Mein Bruder ist dreimal willkommen!« wiederholte der Miko nach einer Weile, während welcher sein Blick mit dem Ausdrucke der reinsten Zufriedenheit auf seinem herrlichen Gaste und seinen Begleitern geruht hatte.

»Hat der große El Sol der Worte gedacht, die ihm Tokeah durch seinen Läufer gesandt?« fragte der Miko.

»Er hat offene Ohren und ein weites Herz mitgebracht«, versetzte der junge Häuptling würdevoll. »Ist die Rede des großen Miko für El Sol allein, oder mögen die Krieger der Cumanchees und Pawnees sie auch anhören?« fragte er nach einer Pause.

»Die Häuptlinge und Krieger der Cumanchees und Pawnees sind willkommen im Councilwigwam der Oconees. Sie sind ihre Brüder.«

Als der Miko diese Worte gesprochen, stiegen die vier Cumanchees und eine gleiche Anzahl der Pawnees von ihren Pferden und gingen mit den Häuptlingen auf das Councilwigwam zu. Nachdem diese mit den Kriegern in die Hütte eingetreten waren, stiegen auch die übrigen von ihren Pferden und bildeten, an die Hälse dieser gelehnt, einen Halbkreis.

Näher am Councilhause standen die Oconees, bloß mit ihrem langen Schlachtmesser bewaffnet, und hinter ihnen in ehrerbietiger Entfernung die jungen Männer des Wigwams, gleichfalls in einem Halbkreise. Weit hinter diesen die Squaws und Mädchen und Kinder, denen die strengen Regeln indianischer Rangetikette selbst einen näheren Anschluß an ihre eigenen Leute nicht gestattete. Das Wigwam hatte so allmählich die Gestalt eines kleinen Lagers angenommen, in dem die verschiedenen Truppenkorps in rascher Bewegung auf und nieder strömen.

An dem Ufer lagen vier Seeräuber auf ihre Arme gestützt, während ihr Kapitän und ihr Leutnant durch das Gebüsch dem Ufer entlang sich ergingen. Einen scharfen Blick ausgenommen, den sie zuweilen hinüber auf die Gruppen der Indianer warfen, schienen sie beide kein besonderes Interesse an ihnen zu nehmen.

So mochte etwa eine Stunde verflossen sein, als die Türe des Councilwigwams sich öffnete und Tokeah heraustrat, mit hastigern Schritten als gewöhnlich dem Ufer zueilend. Er schien jemanden zu suchen, und die Seeräuber, seine Absicht erratend, deuteten schweigend auf das am Ufer krumm sich hinziehende Gebüsch. So wie der Pirat den auf sich zukommenden Miko bemerkte, hielt er stille.

»Die Häuptlinge der roten Männer«, sprach dieser, »sind in die Wohnung gekommen, die Tokeah seinem Bruder eingeräumt hat, um da Rat zu halten. Will der Häuptling der Salzsee ihre Rede anhören?«

Dieser nickte bejahend, und beide gingen durch die Menge dem Councilhause zu. Kaum daß einer der Indianer seine Augen erhob, um, wie es in zivilisierten Gemeinden der Fall gewesen sein würde, aus den Gesichtern der beiden gewichtigen Männer herauszulesen, was die plötzliche, ernste und so ungewöhnliche Versammlung zu bedeuten habe. Als sie beide ins Innere getreten waren, deutete der Miko schweigend auf den Ruhesitz. Eine geraume Weile schwiegen alle. Endlich begann er in feierlichem Tone: »Häuptling der Salzsee! Zweimal haben die Bäume ihre Blätter von sich geworfen, und zweimal sind sie wieder in ihre Gewänder vom großen Geiste gehüllt worden, seit Tokeah und sein Volk für Lafitte gejagt, und ihre Weiber für ihn Korn gesäet und geerntet haben.«

»Das ist bezahlt; zur Hauptsache, wenn es beliebt«, versetzte der Seeräuber.

Die Indianer saßen unbeweglich. – El Sol jedoch erhob sein Haupt und blickte den Sprecher neugierig forschend an.

»Der Miko der Oconees«, fuhr der Häuptling in demselben kalten Tone fort, »kann nicht länger für Lafitte und sein Volk jagen. Die roten Männer und die von der Salzsee müssen verschiedene Pfade einschlagen.«

»Mit andern Worten,« unterbrach ihn der Seeräuber, »Ihr schlaget die Vereinigung und Verbrüderung mit Lafitte aus. – Darf er die Ursache wissen?«

»Sieh!« sprach der alte Mann, sich von seinem Sitze erhebend und durch das Fenster auf einen Kottonbaum zeigend, der die Hütte überschattete, »dieser Baum sproß vor sieben Sommern aus dem Boden. Er war so zart und klein, daß der Schnabel eines Vogels ihn hätte aus der Erde reißen können, in die die Winde den Samen hingeworfen hatten; aber dieser kleine Samen ist gewachsen und ist groß geworden, und zehn rote Männer könnten ihn nun nicht aus dem Grunde reißen. Er würde sie unter seinem Gewichte begraben. Der Häuptling der Salzsee wird nie ein Jäger auf den Wiesen werden; er liebt, seine Hand nach dem auszustrecken, was nicht sein ist; sein Durst nach fremdem Gute ist stark geworden, wie der Stamm des Baumes, und würde alles übrige erdrücken. Er wird nie lernen, mit wenigem zufrieden zu sein.« – Der Seeräuber lächelte höhnisch; aber seine Züge ebneten sich schnell wieder.

»Der Miko« – fuhr der Indianer fort – »spricht bloß, was die Freunde und Feinde Lafittes sagen. Sieh,« – sprach er, indem er aus seinem Gürtel die Proklamation hervorzog und sie vor dem Piraten ausbreitete – »der Vater der Weißen hat einen Preis von vielen Dollars auf seinen Skalp gesetzt. Er nennt ihn einen Dieb.«

Der Seeräuber hatte mit diplomatischem Gleichmut zugehört. Kaum eine Miene verzog sich in seinem Gesichte. »Dieser elende Fetzen Papier ist denn die Ursache Eurer heimtückischen Retirade«, versetzte er endlich mit Verachtung. »Diese elenden fünfhundert Dollar! Wollt Ihr sie verdienen? Hier sind tausend – zehnmal tausend.«

Der Indianer schien beleidigt. »Lafitte«, sprach er, »ist im Wigwam des Miko der Oconees, und er mag in Sicherheit schlafen. Die Oconees sind arm; ihr Reichtum ist das Feuergewehr und der Pfeil, mit denen sie den Büffel und den Hirsch jagen; sie bedürfen des Reichtums Lafittes nicht; wenig würde er auch unter ihnen finden. Ihre Pfade müssen denn in verschiedener Richtung gehen.«

»Ich dachte, Tokeah wäre ein Mann«, sprach der Seeräuber, der sich eine Kaltblütigkeit aufdrang, die ihm augenscheinlich schwer wurde. »Ich dachte, er wäre ein braver Feind, der das Unrecht, das die Weißen ihm zugefügt, nicht vergessen hätte; ich sehe, ich habe mich geirrt. – Ein Stück Papier bewegt ihn, seinen ehemaligen Freund zu verraten. – Er ist kein Mann.«

Das Feuer begann in den Augen des verdorrten Indianers zu glühen, als er diesen beißenden Vorwurf hörte. Mit einer bewundernswerten Ruhe jedoch öffnete sich sein Wams und zeigte die schrecklichen Spuren, die die Säbel und Bajonette seiner weißen Feinde da zurückgelassen hatten. »Tokeah«, sprach er rasch und mit halberstickter Stimme, »hat mehr Hiebe ausgeteilt, mehr Wunden geschlagen und empfangen, als der Häuptling der Salzsee Finger an seinen Händen und Füßen hat. Er lacht der Rede Lafittes.«

»Warum also fürchtet Ihr eine Proklamation, die Euch nicht schaden kann? Was haben wir hier in Mexiko mit dem Gouverneur von Louisiana und seinen Yankees zu tun?«

»In Mexiko?« wiederholte der Miko. »Wie meint mein Bruder dieses?«

»Wir sind in der mexikanischen Provinz Texas«, sprach der Seeräuber.

Der alte Mann war während seines Aufenthalts an den Ufern des Natchez in der festen Meinung gewesen, daß er mit seinem Volke noch immer im Gebiete des großen Vaters der Yankees sei, und dieser Wahn hatte den alten Mann Tag und Nacht wie ein böser Traum verfolgt. Der Seeräuber wußte, wie rastlos er von diesem Wahne umhergepeitscht war; aber er hatte mit der wichtigen Entdeckung zurückgehalten, wahrscheinlich um ihn und die Seinigen desto mehr in seiner Gewalt zu haben. Auch gegenwärtig schien er sie ihm bloß mitgeteilt zu haben, um ihn womöglich von seinem Entschlusse, sich mit den Cumanchees zu vereinigen, der nun ziemlich offenbar geworden war, abzubringen.

Der alte Mann hatte die Entdeckung mit offenen Augen und Ohren angehört. Er holte tief Atem, gleichsam als wäre er einer schweren Bürde soeben ledig geworden.

»So lebt also der Miko der Oconees nicht auf dem Boden, den der große Vater der Weißen für die Seinigen als Eigentum anspricht?« fragte er nach einer Pause.

»Gewiß nicht. – Ich kann Euch die Mappe zeigen.«

Der Indianer versank in sein voriges Nachdenken. Es war dieses eine für ihn äußerst wichtige, erfreuliche Nachricht. Im gegenwärtigen Falle jedoch kam sie zu spät, da allem Anschein nach die Unterhandlungen auf einen Punkt vorgerückt waren, von dem der Miko, selbst wenn er es gewollt hätte, nicht zurücktreten konnte, ohne sich eine herabwürdigende Blöße zu geben. Selbst sein gegenwärtiges Nachsinnen schien bereits aufzufallen, und der junge Häuptling, der aufmerksam geworden war, brachte den alten Mann bald wieder in seine vorige kalte, starre Ruhe zurück.

»Die Hand des großen Geistes«, sprach er, »liegt schwer auf den roten Männern. Er hat sein Gesicht verdunkelt, ihre Tapfern sind erschlagen – ihre Gebeine bleichen unbegraben auf der Erde. – Ihr Blut ist in Strömen geflossen. Es ist Zeit, daß die Tomahawks begraben werden, oder die Kinder der roten Männer werden von der Erbe verschwinden. Sie haben viele Feinde, sie dürfen diesen vielen nicht noch mehrere hinzufügen – sie dürfen die Kette des Vereines zwischen ihnen und den Männern der Salzsee nicht schließen.«

Der Seeräuber hatte gespannt zugehört. Plötzlich fuhr er heraus:

»Wenn ich Euch jedoch dartun kann, daß eben diese Feinde um« – er hielt inne – »Tokeah!« sprach er, sich stolz erhebend, »ich bin gekommen, Euch meine Verbrüderung anzutragen, Gemeinschaft alles dessen, was ich besitze, was mich jahrelange Mühe und Arbeit gekostet. Lafitte, der Schrecken der See zwischen Europa und Amerika, der Herr des mexikanischen Meerbusens, bietet Euch mit seinen Braven, seine Freundschaft und Bruderschaft an. Lafitte will sie nicht als eine Gunst; er bietet sie Euch als eine solche an. Nicht er ist der gewinnende Teil; ihr seid es. – Elende und verächtliche Geschöpfe, wie Ihr seid, Lafitte würdigt Euch seiner Bruderschaft. Er wird Euch beschützen; kein Yankee soll Euch ein Haar krümmen. Er schwört es. Es ist sein letztes Anerbieten.«

Die Kraft und selbst Würde, mit der er diese Worte sprach, würden einem bessern Charakter wohl angestanden sein. – Die Indianer blickten ihn überrascht an.

»Der Miko«, sprach der alte Häuptling mit seiner unerschütterlichen Ruhe, »ist von den Ländern seines Vaters gewichen, weil die verräterischen Weißen sich da niedergelassen haben. Seine Seele sehnt sich nach dem Volke seiner Farbe; sein Herz ist müde der Weißen; – aber der Miko ist nicht vor den Weißen geflohen, um die Schlechtesten aus ihnen in seinen Busen aufzunehmen. Die Kette, die die Oconees an das Volk der Weißen gebunden, muß gebrochen werden, sobald der Häuptling seinen Rücken dem Wigwam der roten Männer zugekehrt hat.«

»Es ist gut«, versetzte der Seeräuber mit erkünsteltem Gleichmute. »Euerm Versprechen zufolge erwarte ich, daß die weiße Rose mir als die Meinige ausgeliefert werde. Ich fordere sie als mein Eigentum.«

»Tokeah versprach die weiße Rose dem Häuptling der Salzsee, dem Freunde der Oconees, dem Feinde der Yankees – dem Krieger; aber er hat sie nicht dem Räuber, dem Diebe verheißen. – Der Miko hat sie ihm verheißen, wenn der Häuptling der Salzsee in sein Wigwam ziehen wird; – dieses ist ihm nun verschlossen, er muß sich um eine andere Squaw umsehen.«

Ein tückisches Lächeln umkreiste den Mund des Piraten bei Anhörung dieser Rede. Er schoß einen giftigen Blick auf den Sprecher und trat dann rasch aus der Türe. Die übrigen blickten kaum auf. Stumm, wie sie gesessen waren, blieben sie noch eine Weile auf ihren Plätzen und verließen dann die Ratsstube.

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