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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Neuntes Kapitel

Die beiden Mädchen kamen ihm auf der Türschwelle entgegen. Die Indianerin war ungemein heiter, in Rosa war keine Veränderung vorgefallen. In ihrem Gesichte spielte ein milder, kindlicher Ernst mit ruhiger Ergebung und sanfter Würde. Sie blickte den jungen Mann freundlich an.

»Mein Bruder«, lachte ihm die Indianerin entgegen, »ist ernst wie Wineachi, wenn er sich die siebente Pfeife vollgestopft hat, und bleich. Hat mein Bruder einen bösen Traum gehabt?«

»Viele, meine Schwester«, erwiderte er.

»Die weiße Rosa wird sie deuten«, sprach die Indianerin mit einem vielsagenden Lächeln, indem sie zugleich die Türe öffnete und beide in die Stube schob, die sie verschloß. Und dann trippelte sie schnell ins Gebüsch fort.

»Unsere Schwester scheint sehr gut aufgelegt zu sein«, sprach der junge Mann, der in ziemlicher Verlegenheit dem Manöver der Indianerin zugesehen hatte.

»Sie weiß es,« erwiderte das Mädchen, »daß Rosa es liebt, ihren Bruder zu sehen.«

Der junge Mann blickte sie an, als wäre er aus den Wolken gefallen. Es hatte sich jedoch kein Zug in ihrem Wesen verändert. – Derselbe unschuldig klare Blick, eine Art natürliche Hoheit, die unverhohlen die leisesten Regungen des Herzens gestand. Sie hatte ihn durch den Vorhang ihrem Stübchen zugeführt, und sein flüchtiger Blick fiel nun auf die Einrichtung. Das Ganze war so freundlich, so niedlich und bei der kunstlosesten Einfachheit so geschmackvoll und reinlich, daß seine Verwunderung mit jedem Augenblicke stieg. Wie in der äußern Stube, so befanden sich auch hier zwei an den Wänden hinlaufende Sitze oder vielmehr Ruhelager, auf deren einem sie sich mit unendlicher Grazie niederließ, ihn bittend, dasselbe auf dem entgegengesetzten zu tun. An den Wänden hingen die Kleider der Mädchen, unter denen einige sehr elegante und selbst kostbare Anzüge. Ein Arbeitskästchen stand am Fenster. Beinahe glaubte er sich in eine Devonshire-Cottage Altenglands versetzt.

»Aber ums Himmels willen, Miß,« sprach er, »wo haben Sie, ich bitte tausendmal um Vergebung, diese prachtvollen Anzüge, diese kostbaren Geschmeide in dieser Wildnis her?« Sie sah ihn betroffen an. Die Frage war wirklich echt seemännisch.

»Vom Häuptlinge der Salzsee«, erwiderte sie mit leiser stockender Stimme.

»Vom Häuptlinge der Salzsee? Und kommt der hieher?«

»Er kommt, wenn seine Leute Welschkorn, Wildbret oder Tabak brauchen, und dann bleibt er mit ihnen oft viele Tage im Wigwam.«

»Und die schöne Rosa hat auch einen Tauschhandel mit dem Seeräuber?« fragte er in gleicher seemännischer Weise und nicht ohne Spott.

Sie warf einen furchtsamen Blick auf ihn und erwiderte dann bittend, beinahe demütig: »Der Pfeil des Schmerzes sitzt tief im Herzen deiner Schwester, mein Bruder. Du mußt ihn nicht noch tiefer drücken. Sie muß die Geschenke des Häuptlings der Salzsee – des Diebes«, sprach sie mit Abscheu, »annehmen. Der Miko hat es geheißen.« Sie brach in einen Tränenstrom aus, begleitet von einem lauten Schluchzen.

»Mein Bruder«, sprach die Indianerin hinter der Tapete, »muß sanft ins Ohr der weißen Rosa sprechen. Sie ist sehr zart. Siehe, sie hat ihm Wein und eine Wolldecke in den hohlen Baum gebracht und hat bei ihm gewacht, als er schlief; die Rosen sind beinahe von ihrem Gesichte gewichen.«

»Rosa!« stammelte der Jüngling, auf sie zustürzend; »das haben Sie für mich getan?« Seine Stimme versagte ihm den Dienst. Er faßte ihre beiden Hände.

»Aber Canondah!« bat Rosa mit unterdrücktem Vorwurfe.

»Mein edles Mädchen, Vergebung«, rief der Jüngling, sich vor ihr niederlassend und ihre Hand ergreifend. »Wie habe ich so viele Güte um Sie verdient?« Es zuckte fieberisch durch seine Glieder. Er zitterte, der Angstschweiß brach auf seiner Stirne aus. Plötzlich fuhr er mit seiner Hand über diese hin, sprang auf und stürzte durch die Türe.

Ein Tornado tobte in ihm, der das Schifflein seines Verstandes in den Abgrund zu senken drohte. Er rannte durch das Dörfchen wie ein Rasender.

Die Indianerin unterbrach abermals seine wilden Träume, als er am Waldesrande halb rasend auf und ab tobte. Beinahe hätte er sie wegen dieser abermaligen Zudringlichkeit rauh angefahren; aber in ihrer Miene lag etwas so Gebieterisches, ihr Blick ruhte so finster, beinahe feindselig auf ihm, daß ihm dies für jetzt seine Zunge band.

»Unsere Krieger«, sprach das Mädchen, »lassen ihre Squaws Felder pflügen und Korn säen und die Tabakspflanze bauen; aber sie stoßen ihnen nicht den Stachel ihrer gekrümmten Zunge in die Herzen. Mein Bruder ist kein Krieger, aber er liebt gleich der Schlange mit seiner Zunge zu vergiften und den Giftzahn in meiner armen Schwester Busen zu stoßen, die ihm das Leben gerettet hat. Mein Bruder ist eine alte, boshafte Squaw, ein Yankee«, sprach sie mit Abscheu, ihm den Rücken kehrend.

»Halt!« rief der Jüngling; »ich bitte dich, vergib meiner unvorsichtigen Zunge. Ich will –«

»Mein Bruder mag die Tränen trocknen, die er ins Auge der weißen Rosa gebracht hat. Sie ist Canondah teurer, denn ihr Leben.« – So sprechend, deutete sie auf die Hütte ihres Vaters, während sie selbst einen andern Weg einschlug.

Mechanisch folgte er ihrem Winke. Es war nicht Roheit oder Bosheit gewesen, die dem jungen Seemann die unbesonnene Frage auf die Zunge gebracht hatte. Es war vielmehr ein Ausbruch seiner jungen seemännischen, etwas tollen Natur, verbunden mit einem gewissen Spleen, einer üblen Laune, die einem jungen, selbst gebildeten Seeoffizier, der seit einiger Zeit bloß den Umgang roher Schiffsgesellen oder kurz befehlender Oberer genossen, nicht selten entwischt. Die Symptome von tiefer Scham waren deutlich hervorgetreten. – Er eilte der Wohnung Rosas zu.

Mit dem lieblichen Kinde war eine bedeutende Veränderung vorgefallen. Das elegante Seidenkleid, das seidene Halstuch waren durch ein einfaches Kalikokleid ersetzt. Selbst ihren Kamm hatte sie abgelegt, und ihre Haare hingen in natürlichen Locken um ihren glänzend weißen Nacken. Ihre Brasseletts lagen neben ihr auf dem Sofa.

»Können Sie, Miß, meiner Unart verzeihen?« bat er herzlich.

»Mein Bruder hat recht,« erwiderte sie, »und Rosa hatte unrecht, die Geschenke des Diebs zu nehmen.«

»Vergebung, nochmals Vergebung«, bat er, der den Sinn ihrer Rede nicht verstand und in seiner Verwirrung die Veränderung in ihrem Anzuge nicht bemerkt hatte.

»O, Rosa hat keinen Groll in ihrem Herzen, aber mein Bruder wird sie nicht mehr bitter ansehen, sie will auch nie wieder vom Diebe etwas annehmen.«

»Und gibt es kein Mittel, Sie von dem Piraten zu befreien?« fragte er teilnehmend. »Sprechen Sie aufrichtig; was in meinen Kräften steht, will ich gerne tun.« Ihr Auge flammte freudig auf.

»Der Miko ist sehr gut gegen die Freunde der roten Männer«, sprach sie. »Sieh, er hat dem Seediebe eine Hütte gegeben und Fülle von Welschkorn und Wildbret; aber er liebt den Seeräuber sehr, und sein Auge heitert sich auf, wenn er im Wigwam ist; der Seedieb«, setzte sie leiser hinzu, »führt jedoch auch Krieg gegen die Yankees, die Todfeinde des Miko. Mein Bruder sagt, daß die Schiffe seines Volkes vor dem großen Flusse liegen, daß seine Brüder gegen die Yankees in den Krieg ziehen. Der Miko wird dich freundlich dafür aufnehmen.«

»Der Miko ist also im Kriege gegen die Yankees begriffen?« fragte der Brite rasch.

»Sie haben ihm viel Böses zugefügt, sie haben ihm das Erbteil seiner Väter genommen, ihn vertrieben.«

»Und er rächt sich auf indianische Weise und skalpiert sie, wo er sie findet?«

Sie schüttelte das Haupt. »Der Miko ist schrecklich und furchtbar, aber er ist auch gerecht und gut«, sprach sie gerührt. »Er ist weit gegen die untergehende Sonne gezogen, um nie wieder die Weißen zu sehen.«

»Und wie ist er mit dem Seeräuber bekannt geworden?« fragte er immer gespannter. »Die Indianer sind doch sonst nicht große Freunde vom Salzwasser.«

»Vierundzwanzigmal hat sich der Vollmond erneuert,« sprach das Mädchen geheimnisvoll, »als der Seedieb auf dem Flusse in einem großen Boote heraufkam«, sie wies auf den Natchez. »Er hatte viele wilde Männer bei sich, häßliche Menschen, schwarz, braun und gelb. Sie stürzten, gleich bösen Wesen, aufs Ufer. Als sie aber das Dorf und die Hütten gesehen, zogen sie sich auf einmal zurück und sammelten sich in einen großen Haufen, der, sowie die laute Stimme des großen Diebes gehört wurde, sich in mehrere kleinere teilte, die das Wigwam von allen Seiten, die des Waldes ausgenommen, umringten. Einer dieser Haufen war vor die Hütte des Miko gezogen. Der Häuptling jedoch war bereits mit allen den Unsrigen in jenem Walde, wo er sich im Hinterhalt gelagert. Es vergingen uns viele Stunden in banger Angst, als der Seeräuber ohne Waffen auf den Wald zukam, die flache Hand ausstreckend, und um Frieden und Freundschaft bittend. Sonderbar!« sprach sie, »der Miko, der jeden Weißen mehr als die Wasserschlange haßt, empfing den Dieb, führte ihn in sein Wigwam und schloß Freundschaft mit ihm. Auch die Weiber kamen aus dem Walde, um für die wilden Menschen Speise zu bereiten; aber die Krieger und jungen Männer blieben mit uns zurück.«

Sie beschrieb den Besuch oder vielmehr den Überfall des Seeräubers auf eine so kunstlos lebendige Weise, der Schauder und Schrecken malte sich so wahr in ihrem schönen Gesichte, daß der junge Mann ihr in der höchsten Spannung zugehört hatte.

»Die Sonne«, fuhr sie bewegt fort, »hatte sich bereits hinter die Baumgipfel versteckt, als von der Hütte Mi-li-machs her ein ängstliches Geschrei ertönte. Es kam von seiner Tochter, die zwei Diebe mißhandelt hatten. Der große Dieb war sehr aufgebracht. Alle seine Männer mußten in einen Haufen zusammentreten, wo sie eine kurze Beratschlagung hielten. Als sie sich trennten, faßten sechs Männer die zwei, die an unserem Mädchen Böses getan hatten, und banden ihre Hände und verbanden ihre Augen. Dann führten sie diese einige Schritte an das Ufer des Flusses, wo er sich gegen die Wigwams zu biegen anfängt. Dort« – sie hielt inne, und fuhr nach einer Weile fort – »mußten die zwei Unglücklichen niederknien, und die sechs fürchterlichen Männer schossen auf sie, bis sie tot zur Erde sanken. Der Seeräuber nannte es Exekution. Des Morgens war er mit den Seinigen verschwunden. Nach zwei Wochen kam er wieder. Er brachte viele Feuergewehre für die Männer, Wolldecken und Anzüge für die Weiber; und diese Kleider und noch andere«, sie deutete auf die an der Wand hängenden Anzüge, »schenkte er Canondah und deiner Schwester. Der Miko liebte ihn sehr, und die Unsrigen fürchteten sich anfangs, aber bald liebten sie ihn auch.«

Sie war im Begriff, mehr zu sagen, hielt jedoch inne, als sie bemerkte, daß ihr Zuhörer in tiefes Nachdenken gesunken. Die kunstlose Erzählung hatte ihn das Verhältnis seiner neuen Umgebungen so ziemlich deutlich erkennen lassen. Er befand sich wirklich im Wigwam eines Freundes des berüchtigten Seeräubers Lafitte, dessen Kühnheit den westlichen Archipel und besonders den Seebusen von Mexiko schon so lange zittern gemacht. Er hatte sich seine Schlupfwinkel in der Insel von Barataria zwischen unzugänglichen Morästen und Untiefen so gewählt, daß ihm, im Falle eines Angriffes von der See, noch immer der Rückzug durch die Sümpfe übrig blieb, in denen er verborgene Pfade und Auswege angelegt hatte. So war er wenigstens für die Zeit des Krieges gegen die Justiz des Staates Louisiana gesichert, der ohnedies vollauf zu tun hatte, um den Briten die Spitze zu einer Zeit zu bieten, wo ihre ungeteilte Kraft sich gegen die Amerikaner wenden konnte. Die Wahl gereichte seinem militärisch- seemännischen Scharfblicke wirklich zur Ehre, und ungestört hatte er bereits eine geraume Zeit sein Wesen getrieben.

Es war auf einem seiner Ausflüge nach Louisiana und dem angrenzenden Mexiko, daß er die entzückend schönen Ufergürtel des Natchez und die Niederlassung der Indianer aufgefunden. Die reizende Lage des Dörfchens, die lieblichen Hütten, wie in einen prachtvollen Garten hingezaubert, hatten ihn mit Verwunderung und Verlangen erfüllt, die Bewohner näher kennen zu lernen. Gesetzlos und grausam, wie er war, konnten seiner Klugheit die Vorteile nicht entgehen, die er aus einer nähern Verbindung mit diesen Bewohnern wahrscheinlich ziehen würde, und diesen Gründen hatten die Wilden die Schonung und strenge Mannszucht zu verdanken, die er zugleich zum Tagsbefehl werden ließ.

Als er mit dem Miko bekannt geworden war, hatten sich seine Vermutungen begründet, und er trat mit diesem und seinen Indianern allmählich in einen Verkehr, der für beide Parteien äußerst vorteilhaft geworden war. Das Mißtrauen, das den Wilden gegen jeden Weißen angeboren ist, hatte er schnell durch die Exekution zweier seiner ruchlosen Gesellen beschwichtigt, so daß jene ihm anfangs zwar scheu, doch immer noch mit mehr Zuvorkommenheit, als er erwarten konnte, entgegenkamen. Allmählich waren jedoch die Verhältnisse freundschaftlicher geworden. Die Indianer versorgten ihre Gäste mit auf Handmühlen geriebenem Maismehl, Wildbret, Buffalofleisch und Geflügel, wofür die Seeräuber ihnen Feuergewehre, Kleidungsstücke und selbst Luxusartikel brachten. Die zwei geräumigem Hütten waren durch ihre Beihilfe erbaut, und mehrere Handwerker unter ihnen hatten sich wochenlang hier aufgehalten und sie in wohnlichen Zustand versetzt. Überhaupt war der blühende Wohlstand der Indianerkolonie größtenteils diesem Verkehre zuzuschreiben, bei dem sich der Franzose leichtsinnig-freigebig betrug. Diese Uneigennützigkeit, verbunden mit dem lebhaft muntern französischen Wesen, das den Indianer besonders anspricht, hatten ihm den Miko ganz gewonnen, der mit Sehnsucht der jedesmaligen Ankunft des Piraten entgegensah.

Für den jungen Mann war natürlich dieses freundschaftliche Verhältnis weniger beruhigend. Es war ihm klar, daß der Seeräuber ihn mit seinen Gefährten aufgehoben, um der Entdeckung seines Schlupfwinkels zu entgehen. Er hatte seine Forts, seine Verteidigungsanstalten, seine Schwäche und Stärke gesehen. War es einem solchen Menschen nicht natürlich, ihn in der Stille aus dem Wege zu räumen, und ließ es sich erwarten, daß der von bitterm Hasse gegen die Weißen beseelte Indianer, der ihn noch dazu für einen Yankee halten mußte, zu seinen Gunsten Einsprache tun würde? Die bloße Möglichkeit, unter den Würgerhänden eines Seeräubers sein junges Leben zu beschließen, war schon empörend.

»Und pflegt der Seeräuber häufig zum Miko zu kommen?« fragte er.

»Wenn dieser von der Jagd zurückgekehrt ist, wird er mit den Seinigen kommen, Wildbret einzutauschen«, versetzte sie halb schaudernd.

Die beiden wurden durch die Indianerin unterbrochen, die durch den Vorhang schlüpfte, bald Rosen, bald ihren Gast ansah, und sich nachdenkend vor die erstere hinstellte. Der flehende Blick dieser schien sie einen Augenblick unschlüssig zu machen. Endlich konnte sie sich jedoch nicht enthalten und brach in die Worte aus: »Bald möchte Canondah zum Narren werden. Warum dies, meine Schwester?« fragte sie auf das Kalikokleid deutend. »Canondah will gerne arbeiten und Feuerwasser und Kornmehl bereiten, ihr Vater eine Sonne länger im Busche bleiben, um die weiße Rosa der Oconees schön geschmückt zu sehen. Warum wirft meine Schwester die Geschenke des Miko von sich?« Ihre Stimme war halb Klage, halb Vorwurf.

»Will der Miko, will meine Schwester Rosen im Gewand des Diebes sehen?«

»Im Gewande des Diebes?« versetzte die Indianerin. »Hat nicht der Miko und Canondah dem Diebe Wildbret und Feuerwasser dafür gegeben? Haben nicht die Yankees unsere Rinder und Kühe gestohlen, und haben ihre Brüder sie nicht von ihnen eingetauscht?«

»Aber«, versetzte Rosa.

»Wenn El Sol in das Wigwam des Miko kommt«, setzte sie leiser hinzu, »dann schmückt sich Canondah zu seinem Empfange, und sein Auge verweilt gerne auf ihr. Meine Rosa muß den häßlichen Rock abwerfen, sonst wird sie der weiße Jüngling nicht in sein Wigwam aufnehmen.«

»Aber Rosa will ja nicht in sein Wigwam«, erwiderte diese, sich ein wenig stolz und unbewußt erhebend. »Sie liebt ihn als ihren Bruder.«

Die Indianerin, ohne jedoch auf ihre Worte zu hören, wandte sich zum Jüngling, der einige Schritte seitwärts in Gedanken versunken war.

»Nicht wahr, mein Bruder liebt, die weiße Rosa geschmückt zu sehen?«

Die plötzliche Frage machte ihn weit aufstarren.

»Meine Schwester hat ihr häßliches Kleid angelegt, weil es nicht vom Diebe der Salzsee kommt; sie glaubt so meinem Bruder besser zu gefallen.«

Des Briten plötzlich auf sie gerichteter Blick überzeugte die arme Rosa, daß er erst jetzt das ihm gebrachte Opfer bemerke.

»Aber Canondah!« rief das verletzte Mädchen in peinlicher Verlegenheit; »wie kannst du doch so grausam sein?«

»Grausam!« versetzte die Indianerin kopfschüttelnd. »Meine Schwester spricht nicht, wie ihr Herz denkt. War es nicht sie, auf deren Bitte Canondah den weißen Fremdling durch das Rohr trug und in den hohlen Baum legte? War es nicht für sie, daß sie ihn in das Wigwam ihres Vaters brachte und die alte Winondah bestach, und«, setzte sie leiser hinzu, »sich dem Zorne des Miko aussetzte? Und nun sie die Türe zum Wigwam –«

»Um Gottes willen halte ein!« rief Rosa.

»Canondah«, sprach die Indianerin ernst, »hat dem Fremdling ein Wigwam gegeben. Ihr Vater liebt sie sehr! er hört ihre Stimme gern, wenn sie ihm die Taten seiner Vorfahren ins Ohr lispelt. Er wird seine Tochter nicht tadeln, er wird dem Diebe der Salzsee den Rücken kehren und Rosa in die Hütte ihres weißen Bruders führen. Nicht wahr, mein Bruder wird die weiße Rosa in sein Wigwam nehmen?« fragte sie, sich zum Briten wendend.

Ein unwillkürlich höhnisch-spottendes, bitteres Lächeln verzog den Mund des letztern bei dieser sonderbaren Aufforderung; rasch suchte er sich jedoch zusammenzunehmen. Allein es war zu spät.

Der Blick des Naturkindes ist scharf und richtig, und er hatte den beiden Mädchen bereits sein Innerstes aufgeschlossen. Eine peinliche Stille herrschte während einiger Augenblicke. Die Indianerin, die in ihren Bemerkungen zugunsten ihres Lieblings so unzart weit gegangen, schlang beide Arme um das beschämte, beinahe vernichtete Mädchen, das, bleich wie eine Statue, keines Lautes, keiner Bewegung fähig war. Der junge Mann war im schweigenden Kampfe vor den beiden Mädchen dagestanden. Er hatte einige Male gesucht Worte zu finden. Endlich brach er aus.

»Canondah! Rosa!« begann er mit stockender Stimme; doch die Indianerin schien bloß mit dem Schmerze ihrer Geliebten beschäftigt. Sie winkte ihm, sich zu entfernen.

»Ich muß euch verlassen, liebe Mädchen. – Die Stimme der Pflicht, mein Eid, meine Ehre fordert es. Alles ist verloren, wenn ich hier bleibe.«

Die Indianerin hielt noch immer Rosen mit beiden Armen umschlungen, das Gesicht der letztern an ihrem Busen verborgen. Nun jedoch legte sie diese sanft auf das Lager hin, und rasch aufstehend sprach sie:

»Glaubt die weiße Schlange, eine Törin vor sich zu sehen, weil Canondah ihre Hand einem Verräter ausgestreckt hat? Er mag wissen, daß sie ihm diese nicht auf seinem Pfade reichen wird.«

»Dann muß ich ihn allein, ohne Wegweiser suchen«, versetzte dieser rasch.

»Hat die weiße Schlange die Läufe des Hirsches, die Geschwindigkeit des Eichhörnchens, die Schwimmfüße des Alligators, daß sie aus dem Wigwam des Miko zu entfliehen gedenkt?« rief sie hohnlachend. »Die weiße Schlange ist gefangen«, setzte sie triumphierend hinzu.

»Hat es Canondah ihrer Schwester nicht immer gesagt?« fuhr sie zu Rosen gekehrt fort, »daß er ein Späher ist, der wie ein Dieb zur Nachtzeit sich eingeschlichen, als der Miko den Rücken wenden wollte.«

»Noch einmal, Canondah,« versetzte der Jüngling, »ich bin ein Brite, ein Offizier, vom Seeräuber überfallen und seiner Mordhöhle entronnen. Mein Entschluß steht fest, ich muß euch verlassen.«

Er wollte Rosen bei der Hand fassen; doch die Indianerin prallte zurück, als ob sich ihr ein Verpesteter genähert hätte, und heftig auf den Vorhang deutend, umschlang sie das Mädchen wieder. Er entfernte sich schweigend und betroffen.

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