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Töchter

Karl Adolph: Töchter - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleTöchter
authorKarl Adolph
year1921
firstpub1914
publisherAnzengruber Verlag
addressWien / Leipzig
titleTöchter
pages419
created20130620
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

Erzählt, wie ein Siegfried eine Kriemhilde fand. Weiter von Nüchternheit des Alltags, von viel praktischem Christentum und seinen Folgen. Poldi verhindert eine Tat, die nie mehr ungeschehen gemacht hätte werden können, hält eine Standrede und sieht, daß auch Tyrannen schwach sind.

Die durch Gustls Geschimpfe für eine Zeitlang unterbrochene Festesfreude nahm durch das Erscheinen des Gastes neuen Aufschwung. Wie ein kleiner Wolkenbruch für einige Minuten fröhliche Menschen in Verwirrung zu bringen vermag, die aber nach dem ersten Lächeln der Sonne sich wieder legt, so war auch die durch das Geschimpfe der »Standratschen« erzeugte Aufregung angesichts der offenbaren Ungefährlichkeit dieser rasch vergessen worden. Am ersten vielleicht vom Urheber selbst, der jedermann ein schauerliches Ende zuschwur, der sich vielleicht über seinen Freund Toberl nur mit einem einzigen unrechten Wort auslassen sollte.

Man nahm wieder seine Plätze ein, lachte, plauderte, trank und benahm sich genau so, wie eine fidele Hochzeit es erfordert.

193 Annerl hatte den blonden Riesen zu seiner ihm bestimmten Tischdame geführt und machte die Vorstellung beider in vielleicht nicht gesellschaftlich tadelloser, dafür um so herzlicherer Art.

Atmete keiner dieser schönen Menschen einen Atemzug schwerer? Zitterte keine der einen Augenblick ineinander ruhenden Hände? Annerl hatte nicht zu viel gesagt, wenn sie Poldi von dem schönsten Paare sprach, das sie mit ihrem Nachbarn bilden werde.

»Sixt, Polderl, das ist unser Herr Julius«, hatte Annerl bei der Vorstellung gesagt. Und bei Nennung dieses Namens war Poldi etwas erblaßt. Sie mußte sich einer Rose erinnern, die mumifiziert im heiligsten Winkel der Lade schlummerte. Auch mit dem Versenken einer der Entsagung geweihten Liebe stirbt die Erinnerung nicht so rasch. Und Namen wirken oft so schmerzhaft aufstachelnd.

Herr Julius der Zweite aß mittlerweile ohne Ahnung dessen, was sein Name im Herzen der schönen Tischgenossin aufgeregt, seine tüchtige Portion, trank ein volles Glas Wein und erklärte dann, daß er nun genug habe, denn der hätte vom Konzert wohl einen Ohrenschmaus davongetragen, von dem allein jedoch ein Mann seiner Statur nicht satt werden könne.

Alles das geschah und wurde in so liebenswürdiger Art gesprochen, daß jede Handlung und jedes Wort einen neuen Anker für die Zuneigung der Festgäste bedeutete. Nur die arme, unrettbar in ein Gespräch mit dem schönen Ladennarziß verstrickte Mirzl achtete keiner anderen Männlichkeit mehr und war nur froh, ihr Ohr nicht weiter zwischen der lockenden 194 Konversation des Ritters und einer im Grunde doch nicht so interessanten der neuen Freundin teilen zu müssen . . .

Allseitiges Zutrinken dem letzterschienenen Gaste – jauchzendes Auffordern zu einer Produktion und dann setzte sich dieser an das Pianino, das er erst mit der Souveränität des Meisters prüfte und in dessen Tasten er dann mit einem so rauschenden Akkord griff, daß alles mit schweigendem Atem und Herzschlag horchte.

»Treulich geführt, ziehet dahin . . .«

Dieser weihevollste aller Sänge, der jemals einer Vereinigung zwischen Mann und Weib ersonnen wurde, gestaltete sich mit Saitenklang und menschlicher Stimme für die schlichte, empfängliche Gesellschaft zu einem nie gehörten Wunder.

Es strich die erhabene Kunst mit einem flüchtigen Schwingenschlag vorüber, ihre Schwester grüßend, das harmlose, einfache Lied des Volkes, das vorher so viele Augen feuchtete.

Diesmal saßen Braut und Bräutigam in stummer Andacht und fühlten sich in ihrer Vereinigung so klein und doch so groß gegen die Erhabenheit des Ausdrucks der menschlichsten aller Künste.

Der Sänger und Pianist wurde mit Beifall förmlich überschüttet. Noch manches folgte und zum Schluß sang Herr Julius:

»Die Lotosblume ängstigt
Sich vor der Sonne Pracht . . .«

Lange schon war Poldi im Banne all der holden Töne dagesessen und in ihren Augen stieg eine Träne 195 um die andere auf, ohne daß sie sich dessen bewußt gewesen wäre.

»Sie weint und duftet und zittert
Vor Liebe und Liebesweh . . .«

schloß der Sänger und klappte endgültig den Deckel des Instrumentes zu.

Als der Künstler zu seinem Platz zurückgekehrt, stand ihm Poldi gegenüber, in ihren schönen Augen noch die Tränen der Ergriffenheit, und reichte ihm die Hand, die in der Erregung des Aufgewühltseins stark zitterte.

Sie konnte nur stammelnd sagen, die arme, gefühlsreiche Poldi:

»So schön . . . so schön . . .«

Julius der Erste! Was bist du mit der Banalität deiner geschliffenen Verse? Was bist du mit deinem Spürsinn für die verborgenen Irrgänge der Frauenpsyche?

Von nun an unterhielt sich Poldi aufs angeregteste mit ihrem Tischnachbarn. In kurzem war eines und das andere vertraut mit den gegenseitigen einfachen Lebensschicksalen. Herr Julius Schobert hatte bis zum Tode seines Vaters, eines in mittleren Verhältnissen lebenden Geschäftsmannes, gute Schulbildung genossen und eine Zeitlang, seinem künstlerischen Drange folgend, das Konservatorium besucht. Der Zusammenbruch des Geschäftes, dem bald der Tod des Vaters folgte, die Sorge für eine gelähmte Mutter machten ehrgeizigen Künstlerplänen ein rasches Ende.

Julius wurde Pianist in Tanzschulen, bei Abendunterhaltungen besserer Art, bei Hochzeiten usw. Dabei 196 verdarb er an seiner guten Schulung nichts. Was die Verhältnisse unterbrochen, holte er im Selbststudium nach. Er beherrschte einige Instrumente, schrieb Kompositionen und vertonte einen holperigen Volkstext ebensogut wie ein künstlerisches Gedicht. Dazu hatte er es verstanden, sich eine Schülerschar für Privatstunden zu sammeln, und führte nun ein auskömmliches, fast wohlhabendes Dasein.

An dem heutigen Abend hatte er in einem Konzert mitgewirkt, dem noch ein Kaffeehausbesuch gefolgt war, und daher das späte Erscheinen und der Wolfshunger, wie er seinen gesegneten Appetit lächelnd entschuldigte.

Und auch Poldi lächelte. Es war in beiden etwas so Treuherziges und beide zeigten ein so einfaches, unverkennbares Wohlwollen füreinander, daß sie sich sehr von einem Paare unterschieden, dessen einer Teil sich nur noch in geflüsterten Andeutungen erging, die vom anderen Teile mit Erröten und leuchtenden Blicken beantwortet wurden.

Die Kleinheit der Räume, die Gedrängtheit der Gäste gestatteten keinen Tanz. Aber wo in aller Welt wäre eine Wiener Hochzeit ohne solchen möglich, und wenn es nur der urväterliche, gemütliche Polsterltanz wäre! Der geschieht, für die beschrieben, die einen solchen nicht mitgemacht haben und daher nicht kennen sollten, was ich nur verwundeten Herzens annehmen müßte, folgendermaßen:

Die ganze Gesellschaft bildet, je ein Herr eine Dame an der Hand haltend, einen Kreis. Und inmitten dieses Kreises wird ein Herr gestellt, der einen Polster 197 in Händen hält. In Familienkreisen ein Kaprizpolster vom Sofa oder auch ein Kopfpolster, in Gasthäusern gewöhnlich der Sitzpolster des Klaviersessels, wie im heutigen Falle. Dann beginnt der Klavierspieler, der sich ausnahmsweise ohne ein sein Unterteil schützendes Kissen behelfen muß. – Der Klavierspieler!

Könnte ich die alte, liebe, eintönige Melodie, die dieser immer und immer wieder zu spielen hat, auf das Papier zaubern! Sie endet stets mit einer Art Dissonanz, wenn der feierliche Augenblick herangekommen, wo der den Polster haltende Herr sich entschlossen hat, diesen vor einer von ihm erwählten Dame niedersinken zu lassen, sich daraufzuknien, indes diese ein selbes tut, ihr einen Kuß zu geben, dann den Polster unter dem Arm haltend, mit der Erwählten innerhalb des stets sich nach einer Seite bewegenden Kreises einige Walzertakte zu tanzen.

Dann übernimmt die Dame den Polster und erwählt einen Herrn. Und da sind stets Überraschungen beliebt, weil die jüngsten und schönsten Mädchen niemals den mit Herzklopfen harrenden Jüngling erwählen, von dem sie wissen, daß er am Flecke für sie zu sterben bereit wäre, sondern einen alten, griesgrämigen Herrn, der vielleicht schon seit Jahrzehnten nimmer den Genuß einer frischen Mädchenlippe gespürt. Die Sache mag unhygienisch sein, aber sie ist fidel und überliefert und ist traulich in unserer Zeit, die eine Überlieferung nach der anderen abtut.

Alle halten sich bei den Händen gefaßt und es wird gelacht, geküßt, gewehrt, gesträubt, und gleich einem Symbol geht der Kreis immer und immer weiter, sich 198 stetig verringernd, denn jeder Erwählte hat auszuscheiden.

Das Glück küßt nur einmal im Leben . . .

Der Bräutigam eröffnete den Reigen und wählte natürlich diejenige, die er ein für allemal für das ganze Leben hindurch erwählt hatte. Und Annerl erwählte Herrn Weißmann und Herr Weißmann, wohl oder übel in den Taumel gezogen, wählte den »Baß« und der »Baß« wählte den Saustecher, der Saustecher wählte aber eine der jüngsten Kranzeljungfrauen, der alte Hallodri, der er war. Und Siegfried nahm seine Kriemhilde, Mirzl ihren Adonis, Frau Sedlmaier den »Kellerlacher«, und Wirt und Wirtin, Fiaker, Kellner, Köchin, Abwaschmädchen, sogar die Markörs vom Kaffeehause gegenüber waren erschienen und alle tanzten, knieten, küßten, wurden geküßt, bis der Kreis immer mehr zusammenschmolz und die Stunde des großen »Kehraus« kam.

Das ist der Höhepunkt der Lustigkeit. Der Letzte, von niemandem Erwählte, wird mit einem Besen unter allgemeinem Hallo hinausgekehrt. Und der Letzte war der arme Tagschreiber. Er, einer der Hinausgekehrten des Lebens, einer der Ärmsten, wurde jetzt symbolisch von der Bildfläche gefegt, sehr zum Ergötzen Herrn Weißmanns, der sich im Leben schon seine Erwählerin, die Allerweltshure Glück gesichert hatte.

Aber der Hinausgekehrte war heimlich von dem Brautpaar und Sedlmaier und Herrn Brückl für diese eingebildete Demütigung reichlich entschädigt worden, 199 er, der im Leben für wirkliche Demütigungen niemals eine Entschädigung erhielt.


Die Festlichkeit nahm wie alle Festlichkeiten ein Ende. Man war allseits müde und schläfrig geworden. Noch den obligaten Schwarzen oder Likör im Kaffeehause gegenüber, dann hieß es für viele ohne die erquickende Nachtruhe ans Tagwerk gehen. Eine Aufgabe, die den Frauen wegen ihrer Mäßigkeit und der Enthaltsamkeit vom Rauchen leichter fiel als den Männern. Man hatte erst in den letzten Minuten des Aufbruches den Brautvater vermißt. Alles Suchen im Lokal war vergebens.

»Gustl!« – »Herr Sedlmaier!« – »Standratsch'nl« – »Vatta!« – »Schwiegervoda!« – »Tepperte Karnalli!« – »B'soff'ner Kerl, g'freu' di . . .!« tönte es durcheinander, bis einem die Erleuchtung kam. Und diese, wie ihr Name besagt, führte auf den richtigen Weg.

Im Abwaschraum schlief auf einem Stuhle der Sedlmaier Gustl, sowohl von den Ereignissen wie von den genossenen Flüssigkeiten überwältigt, und war nur durch einige kräftige Maßregeln, wie viele Püffe, in den Stand zu setzen, sich der Hochzeitsgesellschaft anzuschließen, die dem Kaffeehause zustrebte.

Offenbar mußte ihn ein schwerer Traum umfangen gehalten haben, denn schon, als er halbwegs zu sich gekommen war, lallte er;

»Toberl . . . dös vergiß i d'r net. Dö Uhr . . . dem Madl . . . Net auf mein' Totenbett . . . Toberl . . .«


200 Auch der Nachklang der Feier verhallte; man blieb wie gewöhnlich länger als »auf einen Schwarzen« und der Aufbruch war für viele unvermeidlich. Poldi wurde von Toberls Wagen aufgenommen.

Nun saß sie mit Mirzl im Wagen und beide waren ziemlich einsilbig. Die erlebte Festesfreude wollte noch im Schweigen festgehalten werden. Es waren wundervolle Eindrücke für zwei junge, empfängliche und noch für einfache Genüsse dankbare Mädchenherzen.

Vor dem Hause Poldis hielt der Wagen und nun folgte ein wortreicher Abschied zwischen den neuen Freundinnen. Man versprach sich ein häufiges Wiedersehen. Dann fuhr der »Kellerlacher« mit seiner Tochter heimwärts und Poldi stieg zu ihrer Wohnung empor, deren Ärmlichkeit, ja Verelendung in den kalten Frühstunden ihr noch niemals so zum Bewußtsein gekommen war wie heute.

Die Mutter kochte schon den schalen Frühstückskaffee und wollte von Poldi über alle Einzelheiten der Hochzeit unterrichtet sein. Ihrem schwachen Kopfe schien alles nur Bedeutung zu haben, was mit Verheiratung oder einem Verhältnis zusammenhing.

»Gott, Mutter! Wann's nur schon Feierab'nd wär'! Den Tag heut fürcht' i. Schlafen will i heut abend; glei, wann i z' Haus kumm, leg i mi nieder.«

Ein fröstelnder Schauer ergriff Poldi bei dem Gedanken an den heutigen Arbeitstag. Er beleidigte sie fast. So rücksichtslos rauh, ja gemein war ihr das Alltagsleben noch nie erschienen wie heute. Im Ohre summten ihr noch unablässig die gehörten Melodien. 201

. . . Woll'n wir in Gott's Nam' . . .

verschmolz sich mit:

. . . Vor Liebe und Liebesweh.

Nachdem sie sich erfrischt und umgekleidet und das Frühstück genommen, war es Zeit geworden, aufzubrechen. Reserl und Katherl wurden mit ihren Erwartungen auf die Schilderung der Hochzeit bis zum Abend vertröstet.

Menschen mit geringen oder viel traurigen Erlebnissen genügen einige heitere, schön verbrachte Stunden, um sie tagelang einzuspinnen in eine süße, träumende Sehnsucht, die das Gewirr und die Hast der Alltäglichkeit fast zitternd zu meiden sich bestrebt.

Als Poldi heute den hohen Hausflur durchschritt und die finstere, öde Stiege zu ersteigen begann, die von vielen lachenden und scherzenden Stimmen erfüllt war (wie stets regelmäßig viermal des Tages), blieb sie eine kleine Weile hochaufatmend in einem Gangwinkel stehen, um den Trupp der Emporsteigenden vorüberzulassen. Sonst war sie gewohnt, unter den Kolleginnen eingereiht, ihren Aufstieg zu unternehmen, Grüße zu tauschen oder sich von Herren anderer Branchen grüßen zu lassen.

Heute tat ihr alle geschwätzige Fröhlichkeit fast tätlich wehe. Das ohne ihren Willen sich aufdrängende Gewoge von Tönen, denen sie auf dem ganzen Wege mit vollster Innerlichkeit lauschen konnte, ward durch den Lärm jäh zurückgedämmt. Poldi glich einem Dürstenden, dem nach dem ersten köstlichen Schluck der Becher rauh vom Munde gerissen wird.

202 Als sie in das »Atelier« eintrat und sich dann an ihren gewohnten Platz begab, fühlte sie etwas von einem Ereignis. Die Mädchen tuschelten und nickten und sahen nach einem noch leeren Platze. Der Platz gehörte der armen Rachel an. Offenbar war etwas vorgefallen. Ein Zeitungsblatt wanderte von Hand zu Hand, irgend etwas darin mußte geeignet sein, alle Schauer eines Entsetzens zu erregen, das sich auf dem Gesicht der jeweilig Lesenden abspielte.

Endlich gelangte das Blatt auch in die Hände Poldis. Man wies mit hämischen Lächeln auf die betreffende Stelle, eine kurze Tagesnotiz:

Verhaftung eines Geschäftsmannes. Der im II. Bezirk wohnhafte Geschäftsmann Salomon Braunstein wurde gestern in seiner Wohnung verhaftet. Es hat sich herausgestellt, daß Braunstein in seinem Laden, einem kleinen Detailwirkwarengeschäft, Feuer gelegt hatte, um die Versicherungssumme von zweitausend Kronen beheben zu können. Braunstein, der bisher vollkommen unbescholten erscheint, ist der Tat geständig. Das Motiv soll große Notlage gewesen sein.

Das erste Empfinden Poldis war großer Schreck. Sie kannte Herrn Salomon Braunstein nicht persönlich. Sie war sich auch der Verwerflichkeit eines solchen Ausweges aus drängender Not bewußt. Aber – sie dachte an die arme, unschuldige Rachel, die allem Anschein nach für die Verfehlung ihres Vaters hier büßen sollte. Sie sah im Kreise herum. Nichts als verhängnisvoll lächelnde Mienen, die um nichts 203 gefahrloser erschienen, weil sie eben sich lächelnd zeigten.

Fräulein Direktrice war ganz aufgelöst in Entrüstung, die endlich ihren Ausdruck in den Worten fand:

»Mit so was muaß unseraner z'samm'sitzen. I will mi net schöner machen, als i bin (gemeint war nur die seelische Schönheit, da über die körperliche keine Zweifel obwalten konnten), aber an's sag' i . . . i bin halt do a Christin. Gottesfurcht geht immer vor Menschenfurcht und weil i do a klans Funkerl Religion im Herzen trag', wir i nia auf solche ausbrennte Sachen kuman (das Wort »ausbrennte« erregte allgemeines, verständnisvolles Schmunzeln) wia a solcher . . . no i will mi net ausdruck'n. Jesum im Herzen, wird aner allerweil wissen, wia weit als er gehn därf. Was dein is, is net mein, und arm sein is ka Derlaubnis, daß ma an' andern an' Schaden macht. War' akkrat so, wir als wann i der gnädigen Frau, die uns alle ins Brot setzt, jetzt das G'schäft anzünden wollt' (allgemeine Rufe des Abscheues wurden laut) oder wann i mit an' scheinheiligen G'sicht dasitzert und denkert mir: a andrer, der's tan hat, hätt' recht. Die ganze Erbsünd' in der Welt is von die Juden ausgangen. Und mein anziger Dank zum Himmel is der, daß i in an' christlichen G'schäft arbeiten därf, wo d' Herrschaft waß, was a christlicher Diener is.«

Ausnahmsweise durften heute die jungen und alten Priesterinnen der Nadel lauschen, ohne diese in Bewegung zu halten. Madame hatte, in der Tür stehend, zugehorcht und war mit nachdenklicher, 204 merklich verdüsterter Miene in das andere Zimmer gegangen. Und dabei zeigte die Uhr schon zehn Minuten über acht Uhr.

Und fünfzehn Minuten nach acht Uhr schob sich ein schmales Körperchen herein und huschte wie ein Schatten an seinen Platz.

Wie man im Dunkel nur die Laternen eines Wagens oder einer Lokomotive als das einzig Erkennbare sieht, ebenso leuchteten aus dem Schatten nur zwei brennende, große, überängstliche Augen, die ein einziges Flehen um Mitleid und Erbarmen ausdrückten. Madame war gerade nicht anwesend. Rachel bat daher mit leiser Stimme das Fräulein Direktrice um Entschuldigung für ihr verspätetes Kommen. Sie wolle dieses durch Längerbleiben einer Stunde zum Ausgleich bringen.

»No ja . . . mir kann's recht sein«, war die nichts Gutes verheißende Antwort.

Rachel richtete einen herzzerreißenden Blick auf Poldi, der ermunternd erwidert wurde. Dann arbeiteten alle unermüdlich und rastlos wie jeden Tag. Eine der Sitznachbarinnen hatte aber, als sich Rachel niedergelassen, ihren Stuhl mit merklicher Absichtlichkeit hinweggerückt und mit triumphierender Miene den Erfolg dieser Demonstration in den Mienen der Kolleginnen erforscht. Fräulein Direktrice hatte geruht, beifällig zu lächeln. Ein allgemeines Zurückschieben der Stühle begann, so daß in kurzem Rachel und Poldi ein vereinsamtes Paar bildeten. Darauf erscholl ein allgemeines Hüsteln, jene niederträchtige, 205 scheinbar nichtssagende, aber den, den sie angeht, vernichtende Kritik seiner Persönlichkeit.

Madame hatte wieder zur Tür hereingesehen, mit einem Blick nach Rachel, der voll kalter, stolzer, unbarmherziger Verachtung war. Dann hatte ein Wink die Direktrice an ihre Seite gerufen und inmitten der Tür hatte ein flüsterndes Gespräch begonnen, dem zwei große brennende Augen voll entsetzensvoller Teilnahme zu lauschen suchten. Madame stöberte in den Taschen ihres Kleides und brachte jene verknitterte Zeitungsnummer mit der verhängnisvollen Notiz zutage, die zuvor durch alle Hände gegangen war.

Die Blicke aller richteten sich auf die zwei Damen. Man sah aus dem anderen Zimmer ebenfalls gereckte Hälse und ehrfürchtig neugierige Augen sich nach dem ausgezeichneten Platze richten. Dann erhob sich ein allgemeines Kichern und jenes verhängnisvolle Hüsteln von vorher.

Rachel hatte sich erhoben; taumelnd, zitternd an dem ganzen, ach, so ärmlichen Körperchen. Ihr Blick war nur von einer aufgefangen worden, von Poldi. In diesem Blicke aber mußte etwas Fürchterliches gelegen haben.

Denn als Rachel zur Tür nach dem Korridor, der zum Ausgang führte, hinausgewankt war, blieb Poldi eine Weile wie gelähmt sitzen. Sie schien über etwas nachzusinnen. Dann jedoch warf sie ihre Arbeit zur Seite und stürzte, unbekümmert um alle neugierig und verwundert aufschauenden Kameradinnen, Rachel nach.

206 Die kalten Augen Madames richteten sich auf zwei leere Plätze . . .

»Schlecht is ihr word'n, der Jüdin,« sagte eine Näherin wie zur Entschuldigung. »Is grad ka Wunder. Und d' Fräul'n Poldi is ihr, scheint mir, nach'gangen. Vielleicht will s' ihr helfen.«

»D' Fräul'n Poldi sollt' liaber auf ihr Arbeit schau'n, wär' besser. Wer si' mit der Rass' einlaßt, is eh verlurn für Zeit und Ewigkeit. Unser Herr Jesus hat die Schächer austrieb'n und unser' gnädige Frau will aa ka Unkraut dulden. D' Fräul'n Poldi kunnt si wirkli schön bedanken, wann s' vielleicht in den Wirbel eing'rat'n tät'. Sag' mir, mit wem du umgehst, dann sag' i dir, wer du bist!«

Alle Nadeln kamen wieder in Bewegung. Auf Madames Stirn hatte sich etwas wie ein unwilliges Runzeln gezeigt. Sie empfand offenbar das Abweichen von dem Gewöhnlichen sehr unangenehm, und zugleich chokierte sie sich über eine Teilnahme der ihr Untergebenen an einem Ereignis, das nur sie allein berühren durfte. Die Teilnahme mochte sich außerhalb des Geschäftes äußern wie sie wollte, aber kostbare Zeit durfte nicht verschwendet werden.


Mittlerweile war Poldi, von einer unruhevollen Ahnung gedrängt, Rachel nachgegangen.

Rachel war eben auf das Fenster gestiegen, das in den finsteren Schacht, »Lichthof« genannt, führte, und den oberen Riegel lösend, die Tiefe vor sich erschauend, gedachte sie, dem Unenträtselbaren in die Arme zu stürzen. Ihr erschrecktes Herz wollte 207 Stillstand suchen, und wäre es da unten in der grauenvollen, von Mist und Glasscherben besäten Tiefe. Nur hinweg von diesen Augen voll Unbarmherzigkeit und Hohn. Was konnte sie dafür, das unnötige Produkt einer ins Maßlose erzeugenden Klasse, ob sie nun jüdisch oder arisch war, aber verfemt durch die schnödeste Schmach der Menschheit, der Besitzlosigkeit?

Rachel hatte die Augen geschlossen . . . Fünf oder mehr Sekunden . . . und alles, alles war ausgelöscht. Sie sank . . . Aber nicht in die schauervolle glasscherbenbedeckte Tiefe. Nein, zurück . . . Zwei Arme hielten sie und über ihr Haar, ihr Gesicht rollte etwas Feuchtes.

Und eine Stimme hörte sie, die nichts anderes sagte als: »Kinderl . . . Kinderl . . .!« Sie fühlte sich auf den Boden gestellt und sah nun in Poldis Augen, die vor Schreck und grauenvollem Mitleiden aus Tränen auf die kleine Gestalt sahen.

»Herzerl, was hab'n S' denn nur tuan woll'n? Gott! . . . was is Ihner denn nur eing'fall'n? Aber Kind . . . Kind . . .!«

Eine Weile sahen sich die beiden an. Die schöne, stolze Poldi und die kleine, schwache, verzweifelte Rachel. Beide atmeten hörbar schwer vor Entsetzen.

»Kinderl, Kinderl . . .!« stammelte Poldi noch immer.

»Fräulein Leopoldine, ich hielt es nimmer aus, o ich hielt es nimmer aus. Ich kann nicht mehr, o Fräulein . . . sie haben mir alle so wehgetan . . . ich hielt es nimmer aus . . . Was habe ich nur verbrochen? Ich hielt es nimmer aus . . .«

208 Im Überschwang ihres Schmerzes konnte die arme kleine Rachel nichts anderes hervorbringen als das stete: »Ich hielt es nimmer aus«. Sie hatte sich in den Winkel des Ganges gedrückt und wurde erschüttert von einem schier unstillbaren Schluchzen. Und Poldi weinte mit ihrer kleinen Freundin. Sie strich ihr über das Haar und die Wange, wie eine Mutter es einem Kinde tut, das in irgend welchem Schmerze sich zu verzehren glaubt.

Die Tür öffnete sich ein wenig und durch den Spalt lugte das Gesicht des Fräuleins Direktrice, voll Neugierde, Schadenfreude und Klatschfroheit.

Poldi ersah die Lauscherin und winkte sie mit einer herrischen Gebärde zu sich heran. Dann wies sie einfach auf das offene Fenster und die schluchzend in ihrem Winkel stehende Rachel . . .

Kaum war dem Fräulein Direktrice die Sachlage klar geworden, als es, einen Schrei ausstoßend, zurückeilte. Poldi, die das Mädchen an der Hand nach sich zog, folgte und schloß die Tür.

Mittlerweile mochten einige hastig hervorgestoßene Worte die ganze Näherinnenschar aufgeklärt haben. Denn alle standen mit erblaßten Gesichtern da und starrten den beiden Nachkommenden entgegen.

»Da,« sagte Poldi mit tiefbebender Stimme, »wenn's das Kind wirkli no sehts, is 's euer Verdienst net. An' Moment no – und jetzt könntets alle a Massa Bluat und paar armselige zerbrochene Banerl seg'n. Gehts alle hinaus und schauts hinunter, wer das Herz dazua hat! Ob aber an's von euch jemals mit Ruah hätt' schlafen können . . .!«

209 Bei Poldi löste sich nun erst der Druck des noch immer lastenden Entsetzens in ein volles Weinen aus. Nachdem sie sich einigermaßen gefaßt, fuhr sie fort:

»I frag' net weiter um euer Christentum. A jedes mag's halten, wia's will. Aber an's sag' i euch all'n: Wann's damit so bestellt is, will i weiter ka Christin sein. Was hat euch das Kind tan? Habts denn gar ka Erbarmnis mit so an' armseligen G'schöpf? So nix anders als Haut und Ban. Was tuat's euch denn? Schaut aus als wia a Hund, der allweil Schläg' fürcht'. Weil s' vielleicht a Jüdin is? Aber gelts ja, wenn a blade, g'schnaufte Jüdin mit lauter Brillianten daherkummt, fallts förmlich auf die Knia. Und wia mir da behandelt werd'n . . . Da seids ös ganzen Christinnen mitsamt für so ane kan' Pfifferling wert.«

Voll Hohn wendete sich Poldi an die nun ganz geknickte Direktrice:

»Und so ane hat ja aa Christum kreuzigt. Warum sag'n S' es der net? Wia a Hund, der nach an' Apportl rennt, san S' dabei beim Türaufmach'n. Und net amal a Dankschön, net amal an' Blick kriag'n S', wann si so a Gnädige amal herauf verirrt hat. (Vielfach kam dies vor, wo die Kundinnen es lieber mit Madame zu tun haben wollten, um ihre Sonderwünsche bekanntzugeben.) Aber das arme Judenmadl soll's dann büaßen. Grad nur, weil's arm is? Und weil's a Malör hat, das net größer sein kunnt', wenn ihr d'r Vota glei g'sturb'n wär'. Statt daß m'r das arme Häscherl a bißl tröst'n sollten, muaß's so weit 210 trieb'n werd'n, daß . . . O Gott! I mag nimmer dran denken . . .«

Ein krampfhaftes Weinen erhob sich allseits. Man sah bittend und verzweifelt gefaltete Hände und die kleine unglückliche Rachel fand sich bald in so vielen, sie liebevoll umklammernden Armen, hörte so viel Worte der Teilnahme und des Trostes, daß ihr plötzlich zumute wurde, als sei sie in das Paradies versetzt worden. Die erschrockenen, großen brennenden Augen irrten erst ängstlich umher, dann schlossen sie sich wie in einem Lächeln, und das arme, überreizte Kind brach ohnmächtig nieder.

Madame, die, ebenfalls mehr eitel und dumm, als böswillig, in einer unverstandenen Wahrung ihrer Würde allen Lebensinhalt außer dem geschäftlichen Erfolg sah, glich einer Statue. So sehr hatte sie die Vorstellung des vorbeigerauschten Grausigen gelähmt. Zwar hatte sich gedankenschnell die Befriedigung über einen verhinderten Eklat, der ihr Geschäft gefährden konnte, mit dem natürlichen Entsetzen des Lebewesens gegen den gewaltsamen Tod gemischt; aber in letzter Reihe trat doch das natürliche weibliche Recht auf Äußerung des Mitleids hervor.

Als Rachel sich erholt hatte und sich aller, ach! bisher gänzlich entbehrten Liebesbezeigungen bewußt geworden war, richtete sie einen scheuen, Verzeihung heischenden Blick nach der gestrengen Gebieterin.

Diese aber, die nun Christentum mit Erbarmen zu verbinden gewußt hatte, trat mit nassen Blicken vor die Kleine und die née Duval, die vielleicht seit Jahren zum erstenmal natürlich war, und die 211 wirkliche Tränen im Auge stehen hatte, brachte eine Revolution in die angesammelte Damenschar. Eine Revolution, die, entgegen dem hergebrachten Begriff von Getümmel, Geschrei, Gewoge, im Gegenteil alle diese Merkmale in ein Eis der tiefsten Erstarrung wandelte. Es war sozusagen eine Art negativer Revolution. Wie wenn über einen schnaubenden, feuerspeienden Krater sich plötzlich mit Blitzesschnelle die Eiszeit gelegt hätte.

Madame geruhte nämlich zu sagen:

»Jetzt . . . so a Dummheit war aa no net dag'wesen. Den Plumpser hätten S' sicher net überstanden, da garantier' i.«

Wie, Madame Reißer, geborene Duval? . . . O, es war nicht auszudenken! Ottakring, Lerchenfeld, Meidling oder was immer mochte deine Wiege sein, aber doch sicher nicht Paris, Bordeaux, Genève.

Selbst die kleine Rachel kam sich vor, als wäre das Fensterabenteuer kein verhinderter Akt der Selbstvernichtung gewesen. Es schien ihr, als stürze sie nun, lange, sehr lange und sie müsse in dem schaurigen »Licht«hofe mit einem »Plumpser« landen.

Madame war, wie gesagt, vielleicht seit vielen Jahren zum erstenmal natürlich gewesen wie beispielsweise zu der Zeit, da sie noch in dem Banne einer ersten Liebe stand. Oder da sie selbst noch Probiermamsell gewesen, oder da sie gleich der Trümmler Tini ihren ersten Kavalier gekapert. Es mag dahingestellt sein, wann dies war. Aber mochte Madame ihrer Entgleisung bewußt geworden sein oder nicht, kurz, ihre Geistesgegenwart mußte 212 bewundert werden. Als ob die vorgesprochenen Worte eine Sinnesstörung für die Umgebung bedeutet hätten, fuhr sie, ohne mit der Wimper zu zucken, fort:

»Demoiselle Leopoldine, bitte sehr, führen Sie das Kind in sein Domizil, zu seiner Mutter . . . Ah! la pauvre! Aber sie soll nichts erfahren, von der affaire malheureuse, sie würde sonst krank werden vor Angst. Bitte, Fräulein, die Mama unserer Kleinen nichts wissen zu lassen von dem horreur, den wir erlebt haben. Und ich will Sie nach dem überstandenen Schrecken für heute nicht mehr herbemühen. Den Tag bringe ich natürlich nicht in Abzug.«

Poldi beeilte sich, von dieser gnädigen Erlaubnis mit ihrem Schützling Gebrauch zu machen. Eine solche vielleicht niemals wiederkehrende Gelegenheit eines bezahlten, freien Tages nicht auszunützen, wäre verbrecherisch gewesen. Manch neidisches, noch tränendes Auge folgte den beiden, um sich dann stumm und ergeben wie stets auf die Arbeit zu richten. Madame aber hatte die zitternde Direktrice in ihr Privatkontor gerufen, mit einem Blick und einer Geste, die nichts Gutes verkündete. Der arme Fronvogt! Ihm ward in aller sittlicher Erbauung alle Schuld aufgebürdet, weil er – den Bogen überspannt hatte . . .

Das Heim der kleinen Näherin lag in einer schmutzigen Gasse der Leopoldstadt, einem noch schmutzigeren Hause und einer allerschmutzigsten Wohnung.

Ein wirrer Haufen von Kindern trieb sich vor der Tür und in der Wohnung selbst herum. Ein scheinbar altes, ausgemergeltes, schlampig gekleidetes Weib 213 mit einem Paar so großer, brennender Augen wie die Rachels trat den Ankommenden entgegen. Es war die Mutter.

Poldi schauderte einen Augenblick angesichts dieses Elends und der Verwahrlosung.

»Was ist?« fragte die Mutter, voll des Mißtrauens, das die äußerste Not gebiert.

Poldi erzählte in glaubhafter Weise, daß Rachel im Geschäft unwohl geworden sei und die Gnädige sie unter ihrem Schutze nach Hause gesendet habe.

»Sie wird doch nix sein entlassen?«

Poldi beruhigte die besorgte Frau. Im Gegenteil. Die gnädige Frau sei äußerst liebevoll gegen die Kleine, wie ja ihre Anordnung der Begleitung zeige.

»Hunger wird sie gehabt haben, Fräulein, Hunger. Und . . .?« Die unglückliche Frau fürchtete mehr zu sagen. Sie hatte keine Ahnung davon, wie schwer schon die Schwingen des schwarzen Engels an ihrem Kinde vorübergestrichen waren, eben um des von ihr als Geheimnis geglaubten Geschehnisses mit dem Gatten wegen.

Poldi hatte auf dem Wege zur Wohnung Rachels dieser eingeschärft, ja nichts zu verraten und selbst den Vorfall zu vergessen, so gut sie dieses eben könne.

»Sind Sie mir nix bös, liebes, schönes Fräulein, aber ich kann nix sog'n die Wahrheit,« fuhr die Frau fort. »Sie is jo so klan und schwach, mei' Rachel, mein Kind, und hot doch nix zu essen, wie es sollt hob'n so a Kind. Gott, was bin ich für a arme, geschlagene Frau! Und die anderen! O gutes, liebes 214 Fräulein, i konn nix mehr wanen. Was is gekommen für a Unglück über mir!«

Poldi, deren Sinn für Reinlichkeit und Sauberkeit, die sie in der elterlichen Wohnung stets zu wahren gewußt hatte, sich durch das schmutzige Elend abgestoßen fühlte, fühlte aber auch das Mitleid in sich aufsteigen. Was war aller Jammer des eigenen Heims gegen den Jammer, der ihr hier entgegengrinste! Und der Ernährer nicht tot. Nein – eingesargt hinter Gefängnismauern wegen eines Verbrechens, das er aus Liebe zu seiner schier überzähligen Familie begangen. Was mochte er wohl an Qualen ausstehen?

Poldi war eine jener mutigen Seelen, die aus Abscheu vor Elend und Gesetzesübertretung sich nicht abwenden mit einem entsagenden Mitleid, das der angeblichen Schwäche, zu helfen, entspringt. Sie war sich ihrer Handlung wohl bewußt und konnte sie vor ihrem Gewissen voll verantworten, als sie ihre Börse zog und den geringen Inhalt der Frau in die Hand drückte. Poldi hatte nicht sich selbst beraubt, nein, ihre Familie: die arme, rackernde Mutter, den krüppelhaften Vater; aber ohne sich dessen bewußt zu sein, hatte sie den Kreis ihrer Familienfürsorge auf das schmutzige Judenweib aus Rußland ausgedehnt; ohne sich ihres »Jesu im Herzen« zu rühmen, hatte sie ihn mehr verehrt, als sie selbst ahnte.

»Gutes, liebes, schenes Fräulein, Gott soll Ihnen geben ä groißes Glück. Ich wer' beten für Ihnen, wonn der große Gott hört auf ä Gebet von ä ormen, verlossenen Jüdenweib.«

215 Poldi erwehrte sich nur mit Mühe der weiteren Danksagungen. Sie strebte hinaus von hier.

»Daß ich Ihnen sog',« wollte Rachels Mutter anheben, das Geheimnis von ihres Mannes Einkerkerung preiszugeben; sie hatte keine Ahnung von Lokalberichten in der Zeitung. Aber Rachel winkte der Mutter ab und geleitete Poldi zur Stiege.

»Fräulein,« bat sie, »nicht wahr, Sie erzählen nicht, wie es bei uns aussieht. Man würde mich vielleicht wieder verachten und heute waren alle so lieb zu mir, so lieb. O Fräulein . . .« Und Rachel ergriff eine Hand Poldis und küßte sie inbrünstig und feuchtete sie mit ihren Tränen.

»Nix erzähl'n, Kinderl? Da soll i nix erzähl'n? Passen S' auf, wia i denen no die Höll' haß mach'. Aber jetzt gengan S' z'ruck und leg'n S' Ihner nieder. Morg'n kummen S' ins G'schäft, wia wann nix g'scheg'n wär'.«

Und Poldi enteilte rasch, Rachel zurücklassend, die ihr mit einem Blicke nachstarrte, wie sie gläubige Seelen für eine entschwindende Vision haben. 216

 


 

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