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Töchter

Karl Adolph: Töchter - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleTöchter
authorKarl Adolph
year1921
firstpub1914
publisherAnzengruber Verlag
addressWien / Leipzig
titleTöchter
pages419
created20130620
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Erzählt von dem unerhörten Aufstieg einer Nähmamsell zu gesellschaftlichen Regionen.

»Wann S' no a Wort red'n, so flasch'n i Ihner o', Sie Transch, Sie miserabler. Red'n S' nix, i bitt' Ihner, Sie Mistfetz'n, Sie krauperter! Sunst kumm i Ihna amal so saugrob, daß S' mi erst richti kenna lerna. A Feuerzangen bringen S' eini, hab' i scho amal g'sagt, und schmeißen S' den Scherm ins Misttrücherl, daß i ja nix mehr siech von eahm.«

Die Dame, die ihrem Unmut in dieser ein wenig drastischen Art Luft machte, als Fräulein Tini zu erkennen, dürfte nach allem Vorhergeschilderten nicht schwer sein. Denn der »Scherm«, der mit der Feuerzange in das Misttrücherl befördert werden sollte, war das phantastisch-ideale Gebilde aus Stroh, Draht, Seide, Gaze, Atlas, Federn und Blumen, dem Herrn Trümmlers profaner Besen ein so rauhes Ende bereitet hatte.

109 Der weitere Gegenstand ihres Unmuts war die Zofe, die mit sicherem Blicke erkannt hatte, daß die Deformation des Wundergebildes keineswegs eine so gewaltige sei, um nicht eine annähernde Umänderung in den früheren Stand zu versuchen. Natürlich für das eigene unwürdige Haupt. Denn dem »gnädigen Fräulein« eine weitere Verwendung des mißhandelten, in der Mitte des Zimmers liegenden Objekts zuzumuten, wäre über jedes Maß von Ehrfurchtsverletzung gegangen.

Fräulein Tini rannte noch immer unentwegt auf und ab, wie sie es bei den eingangs geschilderten Worten getan.

»Der alte Esel«, schrie sie weiter, nun mit Hintansetzung alles kindlichen Respekts, »der an' Kucheltrampel als Tochter verdient hätt', aber net ane, die für was Besseres is! Von mir aus kann er mi lebenslängli buckelfünferln, i pfeif' eahm was und geh no amal in die Hütten . . . Was stengan S' denn da und schau'n mi an?« Die Frage galt aufs neue der Zofe, die ihre Herrin kannte wie ihre Tasche und wußte, welche Gefahr sie auf sich nehmen dürfe.

»Natürlich,« fuhr Tini fort, »wann d'r Voda ka G'fühl für sein Kind hat, soll ma's von d'r Dienerschaft aa net verlangen. Jetzt nehmen S' amal den Pintsch und schau'n S', daß S' damit endli aussikumman, sunst is sein Lebtag ka Ruah. I kenn' eh Ihnere Schmerzen. Aber das sag' i Ihner: seg'n lass'n därf'n S' Ihner damit net vur mir. Sunst reiß' i Ihner dös G'fraßt vom Schäd'l! Ziag'n S' o'!«

110 Die Zofe ließ sich diese Aufforderung nicht zweimal sagen. Sie nahm mit einer unterwürfigen Gebärde das Gartenmonstrum, dann von einem urplötzlichen Übermaß des Schmerzes und Mitleids erfaßt, küßte sie ihrer »Herrschaft« weinend die Hand.

»Arme . . . arme gnä' Fräul'n . . . !«

»San S' stad, Sie Batschachter« sagte diese, plötzlich von gleicher Rührung für sich erfaßt. »Wann Ihner schon an dem Wolkenschiaber, dem verdepschten, gar so viel g'leg'n is . . . Schau'n S' nach, es wird a Fetzen aa no da sein, der dazua paßt, und warten S' . . . die Schuach, die m'r da Schuaster 's letztemal so groß g'macht hat, dö nehmen S' in Gottesnamen aa dazua. Wenigstens a Mensch, der für an' a G'fühl hat.«

»Wann i mi für Ihner opfern kunnt, gnä' Fräul'n, wann i für Ihner sterb'n kunnt . . . wenigstens sterb'n . . .«

»San S' stad, Herzerl, i glaub' Ihner's ja. Und jetzt lassen S' mi, i muaß mi a bißl niederleg'n. Die Aufregung müaßt ja a Roß umbringen. A Kopfweh hab' i . . .«

Damit war die Entlassung gegeben und die Zofe entfernte sich mit dem Hute, der offenbar bestimmt war, in kürzester Zeit das farbenprächtige Bild des Praters um eine neue Tönung zu beleben.

Die Handlung spielt natürlich unmittelbar nach dem verunglückten Versuch der Trümmler Tini, ihren zürnenden Vater nicht nur in einen verzeihenden, sondern auch beglückten zu verwandeln. Leider hatte dieser neben sehr vielen unangenehmen Eigenschaften 111 eine vorzügliche: ein wenn auch rauhes, so äußerst ausgeprägtes Ehrgefühl. Sein bürgerlicher Stolz war größer als die Befriedigung, der Vater einer gräflichen Hure zu sein. So wenig ihm eingefallen wäre, einen durch Unterschlagung zum Millionär gewordenen Sohn in die Arme zu schließen, so wenig Sinn besaß er für das Emporkommen seiner Tochter, die er seit dem Tage ihrer Flucht als verfehltes Erzeugnis seiner geläuterten Erziehungsmethode betrachtete und daher verdammte.

Niemand durfte seines entarteten Kindes mehr Erwähnung tun. In seinem Stammgasthause hatte er auf äußerst nachdrückliche Weise seinem Willen in dieser Richtung Geltung verschafft. Es ist in den Kreisen, denen Herr Trümmler angehörte, Gepflogenheit, gewisse Arten von häuslichem Unglück zum Kernpunkt gemütloser Frotzeleien zu wählen. Da die Wiener Gemütlichkeit ein sehr dehnbarer Begriff ist, gehört auch solche Art von »Gemütlichkeit« unter sie.

Einer der besten Duzfreunde, dem die Familienaffäre gerade gut genug als Stoff für unzählige »heitere« Abende dünkte, daß man ein Opfer mit Frotzeleien fast zur Bewußtlosigkeit »steigen« lassen könne, büßte diesen Versuch.

Bei der ersten, mit einem behaglichen Grinsen vorgebrachten Anspielung lag er am Boden, Arme und Beine in die Luft reckend, längere Zeit unfähig, zu Atem zu kommen. Zu sich gelangt und Genugtuung heischend, ließ es ihm ein Blick aus Herrn Trümmlers Gesicht geraten erscheinen, die ganze Angelegenheit als auf einem brüderlichen »Jux« beruhend zu 112 betrachten. Die anderen gaben der fatalen Angelegenheit ebenfalls die gewünschte Deutung und da Herr Trümmler sie annahm, so endete alles in einem Strom von Wein.

Aber in Wirklichkeit wußte jeder, woran er sich zu halten habe, und nicht die geringste, selbst zarteste Andeutung geschah mehr, um Fräulein Tinis Andenken aufrecht zu erhalten.

Der tyrannische, in großväterlichen Vorurteilen aufgewachsene Mann litt mehr unter dem Verlassen seines Kindes, als er zu zeigen für gut fand. Seine erziehlichen Mißgriffe beschwerten ihn keinesfalls. Diese Art von Erziehung hatte er zu Zeiten seiner Kindheit selbst genossen. Sie war ihm geheiligt durch Religion, Schule und Gesetz. Mit der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur rechnete er niemals. Er fühlte sich als der Mann, der das ihm übergebene Pfund keineswegs vergraben hatte, dem es aber gestohlen worden war.

Nun stand er fassungslos einem Unerhörten gegenüber. Dazu die unausgesprochenen Klagen seines Weibes, das, in erster Linie Mutter, in zweiter Linie unbewußte Kupplerin, ihrem Kinde gern einen Fehltritt verziehen hätte, der in ihren Augen so recht eigentlich ein Tritt auf den rechten Weg geworden . . .

Tini war ihrem Elternhause nicht vielleicht mit Vorbedacht entwichen, etwa nach innerem Kampfe oder nach Skrupeln irgendwelcher Art. Sie war ganz einfach einmal vom Hause weggegangen wie gewöhnlich, ohne allen Arg, daß sie am nächsten Morgen statt in ihrem jungfräulichen Bette in einem anderen 113 erwachen könne. Sie hatte keinerlei Vorbereitung getroffen, sie war ganz einfach nimmer nach Hause gekommen. Und da der passende Anfang schon gemacht war, so lag der Gedanke an eine Fortsetzung nicht fern. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß die Furcht vor einem gehäuften Maß von Prügeln Tini die väterliche Schwelle verschlossen hätte; in der Art war sie nicht »brustkrank«, wie der Wiener eine Widerstandsfähigkeit gern zu rühmen pflegt.

Nein – Tini hatte etwas kennen gelernt, nach dem die Sehnsucht in ihr tiefinnerst seit Kindheit unbewußt stets gelauert hatte: die Ungebundenheit der Dirne. Sie war zu dieser vorherbestimmt, wie es Poldi zur Anständigkeit war, einem unerklärlichen Vorgang in der Natur zufolge, die ihre Gesetzmüßigkeit durch Abweichungen zu beweisen liebt.

Denn alles hätte Poldis Neigungen für einen leichtsinnigen Wandel eher begünstigen müssen als die Tinis, an die niemals eine Sorge herangetreten war. Tini war stets ein wohlbehütetes Kind gewesen. Ihr Vater, bei aller Strenge, liebte und verhätschelte sie, wenn auch auf seine eigene, unvernünftige Weise. Er ließ sie nicht nur an nichts Mangel leiden, sondern liebte es sogar, seine Tochter äußerlich vor anderen ausgezeichnet zu sehen, indem er sie durch die Mutter putzen ließ und dabei tat, als merke er nichts.

Trotz aller Prügel, die doch nur ein Ausfluß väterlicher Vorsorglichkeit waren, konnte Tini erreichen, was sie wollte. Sie war die »Hausmeisterische«, die zu beleidigen auch den Vater beleidigen hieß, den Hausgewaltigen, der in einem sonderbaren 114 Widerspruch zu der Art, wie er die Würde seiner Tochter verletzte, dennoch diese von aller Welt respektiert wissen wollte.

Was hatte im Gegensatz zu Tini Poldi je erfahren? Das Elend des Proletarismus, das drückendste, graueste und unschönste. Wenn Herr Trümmler mit Stolz betonte, daß schon sein Großvater in derselben Wohnung, auf dem gleichen Sofa sein Mittagschläfchen gehalten, so hatte Poldis Familie kein Heim, das ein lieblicheres Echo zurückließ, als das folgende erwarten lassen konnte. Wer nahm jemals Notiz von ihrem Dasein, von dem Dasein ihrer Familie, wenn eine neue Wohnung ohne Lust an der Neuheit bezogen und die alte ohne Bedauern verlassen wurde?

Tini also hatte ihr Elternhaus ohne Abschied verlassen. Und das war so gekommen. Auf dem Heimweg vom Geschäft hatte sie sich ihrer sonstigen Begleiterin nach dem heimatlichen Bezirk, Poldis, zu entledigen gewußt, denn schon seit einigen Abenden war ihr ein Herr aufgefallen. der ihr unverkennbar »nachstieg«. Dann wartete sie auf das »Anreden«, das auch glücklich erfolgte. Aus der Anrede wurde eine Begleitung, denn der Herr stach sehr in Tinis sinnliche Augen. Die Bekanntschaft war alsbald eine so vollkommene, daß Tini erfuhr, ihr Begleiter sei Bildhauer und durch ihre Reize derart verführt worden, daß er keinen höheren Wunsch kenne, als diese Gestalt, dieses Antlitz durch Ton und Stein unvergänglich zu gestalten.

Der Nimbus des Künstlers versagte auch in diesem Falle nicht. Dazu gesellte sich bei Tini ein 115 Wohlgefallen an dem halb jovialen, halb herrischen Manne, der förmlich im Namen einer höheren Gewalt Besitz nahm, ohne alle Flausen und den Firlefanz des gewöhnlichen Nachsteigers.

Tinis Naturkraft fand sich einer anderen gegenüber. Ein Bedenken nach dem anderen schwand, als sie sich herbeiließ, die Einladung zum kurzen Besuch eines Restaurants anzunehmen.

Aber wie dann alles gekommen . . .?

Am nächsten Mittag erwachte sie in einem ihr fremden Gemach, in einem fremden Bette, und die Spitze eines Schnurrbartes kitzelte eines ihrer sich öffnenden Augen.

Zuerst befiel das Mädchen ein leicht begreiflicher Schrecken. Man reißt sich nicht so ohne weiteres mit allen Wurzeln aus dem Boden einer seit zartester Kindheit gekannten Hausordnung und väterlicher Zucht. Aber – die Brücke war hinter Tini abgebrochen. Das wußte sie. Dieses Ausbleiben war ein öffentlicher Skandal, den keine väterlichen Rücksichten mildern, sondern im Gegenteil verschärfen mußten.

Von einem war Tini überzeugt: ihr Vater verzieh ihr niemals oder nicht so bald. Vorderhand machte sie sich kein Kopfzerbrechen.

Eigensüchtig und leichtsinnig, dabei erbittert über einen bisher so hemmenden Zwang, den sie sich schmeichelte nunmehr mutvoll abgestreift zu haben, nahm sie die neue Lage (fast bildlich) wie sie war. Sie zupfte die sie kitzelnde Schnurrbartspitze und freute sich kindlich über das verwunderte Gesicht ihres 116 Bettgenossen, der wohl erst einen ersten Boxkampf mit einem »Kater« ausführte.

Dann prüfte er gähnend seine Genossin, und als er sie so frisch, so blühend und für sein Künstlerauge wohlgefällig fand, ward er rasch vollends ermuntert.

Bald saßen sie am Frühstückstisch. Und während der Zeit, da sie bei Tee und nötigem Zubehör plauderten, erfuhr der Künstler erst von den näheren Lebensumständen Tinis.

Sein Gesicht wurde immer besorgter. Das Abenteuer konnte ganz böse Wirkungen haben. Es war doch etwas anderes, die einzige Tochter eines wackeren Mannes verführt, als ein leichtfertiges Mädchen aufgelesen zu haben.

»Ja, was ist da zu machen?« meinte er endlich. »Nach Hause mußt du wieder. Ich begleite dich und reiße dich bei deinem Papa heraus, so gut es geht. Er braucht ja am Ende nicht alles zu wissen . . .«

Von dem aber mochte Tini nichts mehr hören. Der erste Schritt war getan. Einmal hätte er doch geschehen müssen; also besser früher als später. Und gar die Romantik eines Künstlerateliers! Alles war Tini neu. Sie hatte den naiven Drang aller Laien, dem Künstler sozusagen in die Karten zu schauen, wie er das alles mache, wie die Mittel beschaffen seien, mit denen man das schaffte, was sie ringsum sah und was ihr gewaltig imponierte. Denn im Grunde genommen erregt bei den drei Künsten, Bildhauerei, Malerei und Theater, gewöhnlich der verschleierte Schaffensapparat das Interesse des Fernstehenden . . .

117 Und so kam es, daß Tini blieb. In einer bei einem Bildhauer natürlichen Zweiteilung als Geliebte und Modell. Das Modell war es jedoch, das den Künstler am meisten verführte. Denn Tini hatte eine herrliche, unberührte Gestalt. Sie fand sich mit Leichtigkeit und Freude in einen ihr so völlig zusagenden Beruf. Das Ziel ihrer Wünsche, heitere Ungebundenheit, war erreicht. Der Künstler quartierte sie wo ein und in der Besorgnis, das kostbare Modell könne ihm in kürzester Zeit unter der Hand entwischen und zur Konkurrenz übergehen, arbeitete er fleißig nach Tini an einer Brunnenfigur, für die er schon lange nach einem passenden Modell ausgespäht.

Da Tini bei den Berufskollegen des Künstlers als dessen Geliebte galt, war sie allen als Modell heilig. Das heißt, es fiel keinem ein, es für sich zu kapern.

Ein Freund des Bildhauers, ein noch unbekannter Schriftsteller, der einen Überfluß an Zeit durch Mangel an Geld aufzuwiegen wußte, war der einzige, dem Tini nach anfänglichem Sträuben gestattet hatte, bei der Arbeit anwesend sein zu dürfen. Es war mit dieser Erlaubnis allen dreien gedient, denn durch die Anwesenheit des Dritten ward in die Monotonie des steten Zuzweitseins, der Arbeit und des ermüdenden Modellstehens ein befeuerndes Element gebracht.

Von der »Heiligkeit und Würde« der Kunst, so ernst sie übrigens von dem Bildhauer wie von dem Schriftsteller genommen wurde, war wenig zu spüren, wenn letzterer Geschichten erzählte, die Tini stets veranlaßten, zu erklären, sie höre nicht weiter zu, und zu deren Wiederholung sie gleich darauf anreizte.

118 Wenn das Modell begann, Zeichen der Langweile und Ermüdung zu zeigen, so lebte die bekannte Tini auf bei einem mehr originellen als zarten Witz oder der Erzählung einer besonders gepfefferten Anekdote. Und diese Augenblicke benützte der Künstler, um keine Bewegung, keinen Zug außer acht zu lassen.

Sein Freund mühte sich, ohne dies zu zeigen, im Dienst der Kunst. Ihm war Tini weiter nichts als ein schönes Modell, wie er deren hier schon so viele gesehen und die er alle schon oft unterhalten hatte. Je nach Veranlagung dessen Charakters.

Mit seinem Freunde im Einklang hielt er die Kunst für ein Handwerk wie jedes andere und haßte die sogenannte »Ästhetik« gründlich.

»Das vom Funken des Genies is a Holler«, ließ er sich manchmal herab, Tini seine Anschauungen zu erläutern. »Ma lernt so viel, als ma braucht, daß ma was anders macht, als was ma grad zum Leb'n braucht. Wia's an' oder dem andern besser g'rat . . .? So wia halt unser Herrgott in sein' Tiergarten gar viel's hat, was an' Unterschied zagt. Nur hat er an' a bißl mehr Hirnschmalz, an' andern a bißl mehr Herz geb'n. Dir (er duzte Tini) hat er zum Unterschied von an' Aschantiweiberl a schöne Gestalt und a schön's G'frieß geb'n. Und in derer Art bist du aa a Stück'l Künstlerin.«

Tini, die im Umgang mit Künstlern schon ein gewisses Interesse der Kunst als solcher entgegenzubringen gelernt, gab dieses in ebenso urwüchsiger Weise wie die erhaltene Belehrung kund.

119 »Sag'n S' m'r nur, wo zuzelt si denn a so a Dichter eigentli all's aussi? Do net aus 'n klan' Finger. Da muaß aner do damisch nachstudier'n, bis eahm so a Buach einfallt. Eigentli wieder, wann ma so was lest, sollt' ma glaub'n, es war' gar nix dran an so aner Schreiberei. Was g'hört denn da eigentli dazua?«

»Lesen und schreib'n g'lernt hab'n, Tinten, Federn und Papier – und no a klans bißl . . .«, lautete die ernsthafte Antwort.

»Und was is denn das klane bißl?«

»Das, was die meisten Kinder hab'n: 's Lachen und Wanen in an' Sackl . . . Und jetzt laß d'r'n neuchesten Witz derzähl'n . . .«

Aber es kam der Tag, der Tini aus einem Zustand reißen sollte, der für sie wie für ihren Geliebten anfing, unerträglich zu werden.

Tini war des Modellstehens und der Bildhauer des Liebhaberspielens überdrüssig. Tini muffelte es zu stark nach Arbeit, die ihr selbst vom Zusehen quälend war. Und da der Trümmler-Sproß keineswegs gesonnen war, die Langeweile einer Nähwerkstätte mit der einer Künstlerwerkstätte zu vertauschen, wurde er bockig.

Und der Bildhauer arbeitete mit Fieberhast. Er erhoffte sich von seiner Brunnenfigur einen mächtigen Erfolg. Gewisse, nur dem Kenner merkbare Schönheiten des weiblichen Körpers waren dank Tinis Naturgabe in voller künstlerischer Wiedergabe zum Ausdruck gebracht.

120 Er legte eben die letzte Hand an seine Arbeit, die ihm durch Tinis teils widerspenstiges, teils tolles Wesen zu einer Art Martyrium gemacht worden. Heute, als am letzten Tage des »faden Modellstehens«, war Tini ausgelassen lustig. Sie stand auf der Drehscheibe und brachte diese in Bewegung.

»Hör' auf!« rief der nervöse Künstler. »Wenn du herunterfällst, brichst du dir das Genick oder mir eine Figur.« Es war schwer zu unterscheiden, welche Möglichkeit mehr in die Wagschale des Schreckens gefallen wäre.

Aber Tini, die sich vom Mittagstisch einen leichten Schwips geholt hatte, lachte unbekümmert. Sie brachte die Drehscheibe in immer schnellere Bewegung, wobei sie äußerst geschickt balancierte.

»Weil i a Ritschi-Ratschi,
So a Hitschi-Hatschi,
So a Ausg'haute bin!«

sang sie nach einem zotigen Couplet.

»Bravo! Bravo! Bravissimo!« ertönte es plötzlich. Zwei Herren, ein sehr alter und ein junger, waren eingetreten, da sie die Tür unversperrt gefunden hatten. (Die Schuld trug der Dichter, der fortgegangen war, Wein zu holen, weil die Vollendung der Arbeit gefeiert werden sollte.)

Tini stand mit einem bewunderswert akrobatisch regelmäßigen Ruck still, dann flüchtete sie hinter die für Modelle zum An- und Auskleiden hergerichtete obligate Wand. Der Bildhauer hatte sich halb erstaunt, halb entrüstet umgedreht. Aber dann verbeugte er sich und sagte:

121 »O! Die Herren Grafen . . .«

Es waren zwei wirkliche und leibhaftige Grafen. Onkel und Neffe. Und Tini in ihrer paradiesischen Unschuldstracht hinter der spanischen Wand erschauerte: nicht vor Kälte, sondern vor Ehrfurcht vor dem gewaltigsten Titel, den sich das Volk vorstellen kann, außer dem eines Fürsten und Herrschers.

»Graf . . .!«

Welche Mißgeburt dieser Namen vergolden mag – stets bleibt die Vergoldung allein sichtbar. Natürlich noch das echte Gold des Besitzes vorausgesetzt.

Die beiden Edelleute waren erschienen, um sich über den Fortschritt einer in Auftrag gegebenen Arbeit zu erkundigen. Der ältere Herr war ein schon sehr alter Herr, der wie verzückt gegen die schützende Wand starrte. Der jüngere verriet den Reserveleutnant, Sport-, Klub-, Lebe- und andere Männer, nur keinen Mann darstellenden Herrn.

Im vorliegenden Falle war der alte Herr ein seniler Greis, dessen kindische Gelüste durch die unbeachtet aufgefangene Art der Trümmler Tini geweckt wurden. Der überfeinerte Mensch atmet oft tief aus vor Behagen bei dem Geruch von Scholle und Dünger. Und Tini strömte alle Herbheit aus, die beiden eigen ist. Die freche, graziöse Art des nackten Weibes hatte den würdigen Herrn mit Bewunderung erfüllt. Er war ein Erbonkel, dessen greisenhaft-kindliche Streiche eine Schar von Verwandten fürchten mußte und den man nie ohne Begleitung eines Familienanhängsels ausgehen ließ. Eine Entmündigung im gerichtlichen Sinne war nicht gut denkbar, da der alte 122 Herr sonst ganz einfach so bei Sinnen war, wie es einem Mann seines Alters, seiner Erfahrung und seines Besitzes zustand.

Die Rolle des heutigen Begleiters war seinem fünften Neffen, in Kollegenkreisen der »blöde Xanderl!« genannt, aufgebürdet worden. Und Xanderl begriff mit dem Instinkt aller geistig Unmündigen, daß der Onkel ein Spielzeug in die Hand bekommen könne, durch das er zu lenken war. Und dieses Spielzeug hieß Tini.


Tini hatte ihren Grafen. Einen sehr alten zwar, dem sie eigentlich nur Lustigmacherin war. Aber sie hatte außerdem noch fünf andere Grafen, unter ihnen einen schönen Kavallerieoffizier. Und dann kam manchmal ihr Bildhauer zu Besuch, der sich im ganzen freute, einer überdrüssigen Geliebten ledig zu sein, und der nur den Verlust des Modells bedauerte. Der Schriftsteller war ausgeschlossen, da er fadenscheinige Kleider und zu robuste Manieren besaß, die Tini verletzt hätten, die sich manchmal bemühte, hochdeutsch zu sprechen und die Dame des Highlife zu spielen.

Im übrigen hielt sie einen förmlichen Salon, ließ sich gut soutenieren, streute die Strahlen ihrer Gnadensonne über alle, die Phryne zu befriedigen vermochten, und sang ihrem alten Galan zum hundertstenmal vor:

». . . a so a Ausg'haute bin . . .«

Tini war bei der Senilität ihres Aushälters eigentlich gar nicht recht das, was man Mätresse nennt. 123 Der alte Herr konnte sich nur halb zu Tode lachen, wenn er die Urwüchsigkeiten zu hören bekam, die der Trümmler-Sprößling trotz aller höheren Ambitionen an sich herumtrug wie eine Auster ihre Schale und eine Schnecke ihr Haus. Besonders im Zorne, wenn sich Fräulein Tini so gewählter Ausdrücke zu bedienen pflegte wie der im Eingang dieses Kapitels geschilderten, gefiel sie ihm so ausgezeichnet, daß für den alten Herrn Grafen Schlaganfälle in Aussicht standen.

Der war, ihm selbst unbewußt, besser entmündigt worden, als das je ein Gericht hätte besorgen können. Tini war für die Verwandtschaft ganz einfach eine Perle. Zu indolent, um in höherem Sinne zu intrigieren, zu putzsüchtig, als daß man ihrer schwachen Seite nicht stets hätte beikommen können, zu launisch, zu dumm, zu robust, zu zufrieden mit ihrer eingebildeten Stellung – hätte sie nie befürchten lassen, was schon einige Vorgängerinnen getan: den alten Herrn zu beeinflussen, Heiratsgelüste zu hegen. Einmal war man der Gefahr eines außerordentlichen Skandals in letzter Stunde begegnet. Die betreffende Person verschwand auf Nimmerwiederkehr. Man beglückwünschte also den »blöden Xanderl« zu dem Funde, der dem Heben eines Familienschatzes glich.

Hatte Tini also ihre Vorzüge, so hatte sie für jeden einzelnen der betreffenden Verwandten einen Nachteil: sie war nicht zu bewegen, heimlich zugunsten irgendeines Mitgliedes der Familie zu wirken. Ihr unbewußt lebte ein Teil natürlicher Gerechtigkeitssinn in ihr, der sie hinderte, selbst dem »blöden Xanderl« einen Stein in den Weg zu werfen.

124 Dafür hatte sie genug Erwerbsinn, um alles zu nehmen, was ihr in den Schoß fiel. Tini war keine Verschwenderin, weil sie diese Kunst einfach nicht verstand.

Nämlich auch nur in höherem Sinne genommen. Ihr war die Marke Plebs zu sehr aufgedrückt. Ein durch Generationen überkommener Sinn für Pfennigfuchserei, der zwar zu Zeiten in laute Protzerei umschlagen konnte, war ihr eigen.

Wenn etwas ihren niederen Sinn vollständig beherrschte, war es das Bestreben, all denen zu imponieren, die sie einst als die »Hausmeisterische« gekannt, als die Trümmler Tini kurzweg, als die Tochter ihres plebejisch gesinnten Vaters (Tini bildete sich ein, aus eigenen Kräften über das Milieu gewachsen zu sein, dem sie entstammte), als die Nähmamsell – kurz als den Zweig eines ehrenhaften, aber in ihren Augen niederen Stammes.


Mittlerweile saß ein altes Ehepaar in einem niederen, altmodisch-»g'lumperthaft« eingerichteten Zimmer und gedachte jedes nach seiner Weise der verschollenen Tochter. Jedes mit Gram und Sehnsucht im Herzen, die unausgesprochen blieben, wie alles unausgesprochen bleibt, was uns im Innersten rührt, für das wir keine Worte finden, weil die Sprache meist nur der Ausdruck dessen ist, was uns empört, ärgert, kränkt oder mindestens unangenehm berührt. 125

 


 

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