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Töchter

Karl Adolph: Töchter - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleTöchter
authorKarl Adolph
year1921
firstpub1914
publisherAnzengruber Verlag
addressWien / Leipzig
titleTöchter
pages419
created20130620
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel

Unterbricht für eine Weile die Handlung. Es erzählt von drei Schulfreundinnen und will beweisen, daß der Teufel schon im Blute steckt und durch nichts ausgetrieben werden kann.

Einem Hause, das in einer alten Gasse gleich einem Bindestrich zwischen zwei Rufzeichen lag, welche Rufzeichen zwei Neubauten waren, stand in seiner Eigenschaft als Hüter von Ordnung und Ruhe und Gesetzmäßigkeit ein Herr Trümmler vor. Er hatte einen Stammbaum von Hausmeistern und daher einen berechtigten Stolz, wie er allen Trägern von Stammbäumen zukommt.

Seine Ehe war mit einer Tochter gesegnet und dieser Umstand gab Herrn Trümmler Gelegenheit, jeglichen Tag des öfteren zu beteuern, daß es heutzutage die größte Prüfung eines Menschen sei, Kinder zu besitzen.

»Heutzutage« und »zu meiner Zeit« waren beliebte Floskeln seiner kurzen, kernigen Standreden. Sie mußten auf die Vermutung leiten, daß es »seiner 84 Zeit« nicht Menschen und Kinder gegeben, sondern Halbgötter und Engel.

Wenn er seine Tochter Tini durchzuwichsen Anlaß hatte, welcher Anlaß übrigens des Tages kein seltener war, pflegte er diese Handlung durch erläuternde Begleitreden in eine Betätigung der reinsten Humanität und väterlichen Liebe umzuprägen.

»Mein gottseliger Voda hätt' di in die Händ' hab'n soll'n; wann er an meiner Stell' g'west war', der hätt' d'r die Hax'n og'haut, du Besen, du niederträchtiger! Mistbruat, ölendige, überanand! Du wirst di mit mir no so lang spiel'n, daß mir mei Hand anmal urndli auskummt. Und wann der Galing auf mi wart't . . . liegt nix dran. Wenigstens ist die Welt a Unkraut los.«

Um Herrn Trümmler Gerechtigkeit (wenn auch sehr eingeschränkt) geschehen zu lassen, er fand für die Ausübung seiner Erziehungsmethode reichliche Entschuldigung in dem Verhalten seines Sprößlings.

In den ersten Jahren ihrer Jugend war Tini naschhaft, lügnerisch und zu allen Streichen veranlagt, die man schonenderweise kindlichem Übermut beizulegen pflegt. In den späteren Jahren war Tini, ohne die früheren Eigenschaften verloren zu haben, noch eitel, kokett, diebisch und frech.

Bei den meisten Kindern, insbesondere bei Mädchen, erstirbt nach Anschauung der Eltern die Nötigung, sie körperlich zu strafen, mit Schulaustritt. Diesen Gesetzen einer überkommenen Erziehungsmaxime glaubte Herr Trümmler sich nicht fügen zu dürfen. Er »wichste« noch seine Tochter in ihrem sechzehnten 85 Jahre, wenn sie einen, wiewohl keineswegs mehr kindlichen Streich vollführte. Machten ihm Freunde oder gute Nachbarn deshalb Vorstellungen, da es sich doch nicht schicke, ein erwachsenes Mädchen noch zu schlagen, ob sie es gleich verdienen möge, und daß man für einen herausgeschlagenen Teufel neunundneunzig hineinschlage, pflegte Herr Trümmler zu sagen:

»Und wann s' hundert Jahr' alt is. I hab' von mein Vodan no a Fotz'n kriagt, wia i scho vom Militär z'ruck war. Und mei Voda hat vom Großvodan no a paar Saftige g'fangt, da war er schon verheirat't. Seinerzeit hat ma si no traut, seinen Kindern was z'sag'n. Dafür is aus uns aa no was wurd'n. Herentgeg'n heutingtags . . . Schau'n S' es an, dö Einbrecher und Menscher!«

Tini, bei ihrem vollständigen Mangel an Ehrgefühl und Sittlichkeit, schämte sich dieser Abstrafungen keineswegs. Sie erfüllte nur bei solchen Gelegenheiten das Haus mit einem Jammergeschrei, das Leute, die mit den Verhältnissen unbekannt waren, in Versuchung führte, nach Polizei zu rufen.

»O Gott, o Gott!« schrie sie dann. »O weh! o weh! Hör' auf Vatta! I bitt' di, hör' auf! Jessas Maria und Josef! O hör' scho amal auf! O weh! o weh! o weh! I halt's nimmer aus!« . . .

Man sieht, Herr Trümmler war noch vollständig von den Vorstellungen des Patriarchentums befangen. Als alter Römer hätte er vielleicht seine Tochter von Sklaven zu Tode peitschen lassen. Denn seine 86 Meinung war: »I kann mit mein' Kind machen, was i will. Das geht kan' Menschen was an.«

Eine Ansicht übrigens über Würde der Persönlichkeit, die leider noch ungezählte Anhänger hat.

Herr Trümmler war einer jener Haustyrannen, die durch Verhältnisse stets aufs neue gezüchtet werden. Sein Zorn hatte stets etwas Zeushaftes. Wenn er auch keine Locken zu schütteln vermochte, so doch eine derbe Faust. Und seine Stimme, obgleich ihr nichts Olympisches anhaftete, erfüllte dennoch das Haus mit Schrecken.

In seinen ruhigen Stunden war er von einer objektiven Kühle, einer Abgeklärtheit, die einen seines sonstigen Charakters Unkundigen mit der Voreingenommenheit erfüllt hätte, Herr Trümmler besäße Fischblut.

Mit gespreizten Beinen, die Pfeife im Munde, gehalten von der Rechten, stand er mächtig vor dem Haustor und ließ seine Blicke auf jedem Ein- und Ausgehenden haften. Selbst des Zerstreutesten bemächtigte sich dann die Neigung nach einem artigen Gruße, was Herr Trümmler nachlässig mit einem Tippen seiner Pfeifenspitze an die Kappe quittierte.

Da es jedoch Leute gibt, die sich unter allen Umständen grobe Fahrlässigkeit zuschulden kommen lassen und die es für gänzlich unnötig finden, den Eintritt in ein fremdes Haus durch Komplimente an einen Davorstehenden zu erkaufen, so läßt sich denken, daß Herr Trümmler derlei Anmaßungen gebührend zurückzuweisen vermochte.

87 »Sö, Herr, wo woll'n S' denn eigentli hin?« Wehe dem Betreffenden, wenn er zufällig nach einer Wohnpartei forschte, die nicht im Hause wohnte. Diesen Umstand konnte der Hausmeister zu einem förmlichen Wogensturz von Sarkasmen ausnützen.

»So? Wia haßt der Herr? Und der soll in dem Haus wohnen? Hab'n S' aa richti g'sagt, wen S' manen? Tuat m'r lad. Den Nam' hab' i mei Lebtag net g'hört . . . Wia g'sagt, tuat m'r recht lad. Wann unser Herrgott net besser waß, wo der Herr wohnt, den Sie manen . . . adjes! Bitt' schön, verstell'n S' net das ganze Tor. And're Leut' woll'n aa no ein und aus gehn . . . I hab' Ihnen schon zwadutzendmal g'sagt, der ›Herr‹ wohnt net da. Habe die Ehre . . . Gern g'scheg'n. A Auskunft kost't ja nix. Zu dem bin i ja da . . . A andersmal wieder . . . Ja, bitte? . . . A Dank schön, a Hund oder Sau hätt'n S' schon kinna auslass'n . . .«

Wer nun fragt, wie die menschlichen Eigenschaften Frau Trümmlers beschaffen waren, den verweise ich auf einige Besen, Reibwascheln, Rehhäuteln, Ausreibtücher, Kaffeehäferln, Lotteriezettel, Wallfahrtsbildchen; einen Trauschein, der eine Ehe rechtmäßig verbürgt, einen Taufschein Tinis, der vor dem besagten Trauschein ausgestellt erscheint; einige Vorladungen zum Bezirksgericht und eine in zwei gelesenen Tagesblättern abgegebene Ehrenerklärung . . . »womit ich Abbitte leiste« usw.

Trotz aller »Wichsereien« seiner Tochter war diese doch der erklärte Liebling, dem er nur vermeinte, angedeihen zu lassen, was schon die Bibel den Eltern 88 anbefiehlt: spare die Rute nicht! Ein minder verhärteter, väterlichen und erziehlichen Besorgnissen fremder Charakter als der Tinis hätte nach Maßgabe der erhaltenen Züchtigungen eine unbegrenzte Kindesliebe äußern und durch eine tadellose Aufführung rechtfertigen müssen.

Dem war aber nicht so. Tini saß noch in der ersten Volksschulklasse und saß schon in der letzten Bürgerschulklasse (in die sie trotz ihrer Faulheit ihre unleugbaren Talente gebracht) und rühmte sich ihrer Unkindlichkeit in so abschreckender Art, daß manche andere, nicht weniger geprügelte Kameradin meinte, ihre Wege von denen der Trümmler Tini trennen zu müssen.

Zwei Klassenfreundinnen besaß Tini in der Schaumann Poldi und der Sedlmaier Anna, deren Familien ebenfalls der väterlichen Fuchtel unterstanden, das heißt die Bewohner des glücklichen Bindestriches der Gasse waren, dem Herr Trümmler als Despot vorstand.

An äußerlicher Schönheit tat es damals Tini allen zuvor und ihre Reize, gehoben durch eine tadellose Toilette, verdunkelten die ihrer beiden Freundinnen. Poldi war stets dürftig, ja schlecht gekleidet und ihre Schönheit stak noch in der Hülle der Knospe, und Annerl hatte, trotzdem sie gut gekleidet ging, ein fröhliches Dutzendgesicht, das niemals auf wirkliche Schönheit Anspruch machen konnte.

Tini besaß das zweifelhafte Talent, ihre Lehrer in einen Zustand fast hypnotischer Wehrlosigkeit zu versetzen. Es waren, besonders im letzten Jahre ihrer 89 Schulpflicht, oft förmliche Gerichtsverhandlungen, die den Klassenvorstand zwangen, auf Kosten des Unterrichts, Klagen und Zeugenaussagen gerecht zu werden. Von einem gestohlenen Gegenstand bis zu einem ertappten Liebesbrief oder einem skandalösen Rendezvous, abgesehen von Zänkereien und Feindseligkeiten mit den Kameradinnen, gab alles Anlaß zu Verzweiflungsausbrüchen seitens des Lehrkörpers.

Die schleunige Versetzung eines jungen Hilfslehrers und die eines ebenfalls blutjungen Katecheten wurde in Schülerkreisen dem verteufelten Augenspiel der Trümmler Tini zugeschrieben. Kurz, die Pädagogik mußte sich Glück wünschen, Fräulein Tini dem unwirksamen Einfluß ihrer Macht entrückt zu sehen.

Anders lautete ihr Urteil bezüglich Poldis, deren lautere Einfachheit und Natürlichkeit sowie sittsames und sanftes Betragen allseits gerühmt wurden. Die schönen, braunen Augen vermochten jeden Tadel zu entwaffnen, wenn sie sich fast vorwurfsvoll auf den hefteten, der den traurigen Mut fand, einen solchen zu versuchen.

Die Sedlmaier Annerl gab gerade zu so viel Tadel Anlaß, als es der Durchschnitt eines gutgearteten Schülermaterials bedingt.

Das Ende der Schulzeit trennte die Kameradinnen, wie die Hausgenossen schon früher getrennt waren. Poldis Vater hatte wegen Zinsnöten ausziehen und der Annas einer Entzweiung mit dem Hausgewaltigen weichen müssen. Diese, ursprünglich eine der Kinder, war dann von den Vätern übernommen worden. Von einer Seite wurde sie mit allem Temperament, 90 von der anderen mit aller Zähigkeit des in seinen Gefühlen verletzten Vaters und Hausbesorgers geführt. Den Beschluß bildete die Kündigung an die Familie Sedlmaier, was Gustl Anlaß zu den fürchterlichsten Drohungen gab, welche wieder mit Anklagedrohungen nach allen möglichen Paragraphen des Strafgesetzes beantwortet wurden. Zum Schluß gab es nichts als einen äußerst geräuschvollen Auszug, der beide Familienväter nötigte, den gemeinsamen Wirt zum Zeugen ihrer Differenzen zu machen.

Dieser, der sonst keinem Gaste nahetreten wollte und stets gern zur Vermittlung bereit war, schlug sich nun aus Gründen der Politik ganz auf seiten des Herrn Trümmler. Dieser blieb nämlich Stammgast, während Sedlmaier durch seine Übersiedlung als solcher nimmer in Betracht kam. Da sich überdies Gustl durch sein hitziges Temperament selbst bei der gerechtesten Sache ins Unrecht setzte, war es kein Wunder, wenn sich alle Sympathien von ihm weg dem ruhigen, würdigen und einflußreichen Gegner zuwendeten.

Und in der Stunde verfluchte der Sedlmaier Gustl das Gasthaus, den Wirt, Herrn Trümmler, sämtliche Gäste – bis er an die Luft gesetzt wurde.

Poldi kam ganz einfach in eine Lehre, wie so viele Tausende von Mitschwestern, deren Bestreben oder Schicksalsnötigung es ist, so rasch als möglich zu verdienen. Und meist versuchen sie dies mittelst der Nadel. Poldi ging also ins Nähen und saß nun von früh halb acht bis halb neun Uhr an einem Schneiderbänkchen in Gesellschaft noch zweier Genossinnen.

91 Die Sedlmaier Anna trat in einen Dienst, um sich einmal zur würdigen Hausfrau eines Arbeiters oder Geschäftsmannes vorzubereiten.

Die Trümmler Tini aber besuchte einen »Salon«. Als Vorsteherin fungierte eine Dame, deren Alter ich nicht nachzuforschen wage und die Fräulein Direktrice benannt wurde. Sie zeichnete sich durch die fabelhafte Gabe aus, einen Blick der Unterscheidung für zahlende und nichtzahlende Lehrmädchen zu bekunden.

Da Herr Trümmler gemäß seinen unfehlbaren Erziehungsmaximen seine Tochter unter keinen Umständen als »nackerts Bettlermensch« in eine Anstalt geschickt hätte, deren Absicht einzig darauf gerichtet gewesen wäre, tüchtige Arbeiterinnen heranzubilden, und Fräulein Tini unausgesetzt bemüht war, ihren Kolleginnen die Meinung beizubringen, sie halte die Handhabung der Nadel für einen Spaß, den sich zuweilen selbst fürstliche Personen gestatten, so war ihr Ansehen ein gefestigtes.

Hinter ihrem Rücken wurden zwar Bemerkungen gemacht, die man nicht gern im Gerichtssaal vertritt. Besonders die »älteren Jahrgänge« hatte sich Tini sowohl durch ihr Pochen auf ihre Jugend und ihre Schönheit als auch durch wegwerfende, schnippische, selbst rohe Bemerkungen über »alte Schachteln«, »Sitzengebliebene« und andere zu Feindinnen zu machen gewußt.

»Dös dreckige Hausmastermensch!« rief einmal in berechtigter Entrüstung eine aus, da gerade das Fräulein Direktrice wie Fräulein Tini sich nicht im Arbeitsraum aufhielten, »der Ausreibsetzen, dös 92 Trottoarkehrerluader . . . Gebts m'r a Spucktrücherl her, sunst wird mir schlecht. Mit so an' G'schau nimm i m'r ka ehrlich's Arbeitsbüachl. Da geh i zur Polizei und laß mi wenigstens ehrlich untersuach'n, wo i eigentli brustkrank bin. (Tini kokettierte gern mit einem interessant machenden Hüsteln.) Die wird ihr Lebtag net brustkrank, wenigstens von kaner Arbeit, i man' von kaner ehrlichen Arbeit. O pfui Teufel! Mit so was sitzt unserans beinand. Unserans, das ehrlich alt wird und net no amal im Trücherl vor Schand rot werd'n muaß – wann s' überhaupt no a ehrlich's Trücherl kriagt und a ehrliche Leich' . . .«

Da Fräulein Tini zur Stunde nicht im entferntesten weder an einen »ehrlichen« Sarg noch an ein Leichenbegängnis dachte und da ihrer Meinung nach alles, was zu ihrem Rücken (sie drückte es drastischer aus) gesprochen wurde, ein Fluch ohne Widerhaken war, blieb sie ebensosehr ihrer Faulheit, ihrem dreisten Augenspiel wie ihrer Unverschämtheit treu.

Aber so unaufrichtig, mißtrauisch, nachträgerisch sie auch war, eines mutete sie niemandem zu: daß man nämlich ihre Schönheit anders als mit Blicken des Neides und der Bewunderung anschauen könne.

Tini und Poldi hatten sich seit ihrem Schulaustritt nicht wiedergesehen, als sie einmal der Zufall sich begegnen ließ. Tini liebte auffällige Kundgebungen und lärmende Begrüßungen. Daher hatte sie kaum die ehemaligen Kameradin erblickt, als sie sich mit der Plötzlichkeit eines auf sein Opfer stoßenden Geiers auf Poldi stürzte und sie mit Umarmungen fast erstickte. Dann trat sie ein weniges zurück, ordnete ihr Haar 93 und betrachtete die wiedergefundene Freundin mit Blicken, die die uneigennützigste Freude des Wiedersehens ausdrücken sollten.

Was Poldi betraf, ordnete sie gleichfalls ihr Haar, sah ebenfalls die ehemalige Schulkameradin an, aber nicht mit gleichen Blicken der Freude und Innigkeit.

»Poldi«, stammelte Tini geraume Zeit nachher, mehr aus Gründen einer physischen als psychischen Erregtheit. »Jessas, Poldi! . . . Ja sag' m'r nur, warum ma' von dir gar nix mehr hört und siecht? Mein Gott . . . seit ma' aus d'r Schul san, san mir nimmer z'samm'kumma. Na, die Freud' . . .« Und Tini ließ ihre Blicke mit so viel Liebe an der Freundin haften, als eitle Berechnung nur vermag.

Welche Untugenden Tini auch immer auszeichnen mochten, eine war ihr fremd: die des Neides auf körperliche Vorzüge, denn der wurde aufgehoben durch ein solches Überbewußtsein eigener körperlicher Reize (und seelische kamen bei ihr nicht in Betracht), daß Tini in diesem Punkte des weiblichsten aller Instinkte entbehrte. Ich fürchte, Tini so der Wahrheit gemäß geschildert zu haben, daß es fast einer Anschwärzung gleichkommt, aber an eine Bekrittelung ihrer Schönheit wage ich mich nicht heran.

Hätte diese mit der moralischen Häßlichkeit einen Ausgleich schließen können, so wäre für sie noch genug übrig geblieben, um die Wagschale zu ihren Gunsten zu neigen.

Poldi, obwohl äußerst überrascht und im Herzen keineswegs so erfreut über das Wiedersehen, äußerte sich dennoch sehr liebevoll über den Zufall und da ihr 94 Herz kein Arg trug, einer ehemaligen Schulfreundin mit den Gefühlen allgemeiner Menschenliebe zu begegnen, stand einem Austausch von Herzensergießungen nichts im Wege. Es muß zugestanden werden, daß Tini der belebendere Teil war.

»Na, meiner Seel', die Freud'!« begann sie nach einer abermaligen Pause wieder, die sie benützt hatte, um ihre Frisur in einem kleinen Taschenspiegel zu besehen und dann über die Achsel ihre ganze Person in einer spiegelnden Auslagenscheibe zu mustern. »Du glaubst gar net, wia oft als i an di denkt hab'. Gelt ja, du waßt, daß mir zwa die besten Freundinnen in der Schul' war'n?«

Poldi kostete dieses Erinnern die kurze Anstrengung eines fruchtlosen Nachdenkens. Da aber kein Grund vorlag, die liebenswürdige Einbildung Tinis zu korrigieren, wurde also der »seit je« bestanden haben sollenden Freundschaft die Zustimmung erteilt.

»I glaub', mir hab'n uns immer guat vertrag'n«, meinte sie einfach.

»Gern hab'n m'r uns g'habt, Herzerl! Gern – und wia aa no! Ja, aber sag' m'r nur, wia schaust denn du aus?« rief Tini plötzlich in einem Tone mitleidigen Erschreckens, als wäre sie sich des Äußern der Freundin nun erst bewußt geworden. »Du tragst, wia m'r scheint, no das alte Fetzenwerk, das d' in der Schul' g'habt hast. Hörst, daß d' di net schamst . . . Armes Hascherl!«

Ein paar braune geduldige, aber auch stolze Augen lehnten das unerbetene Geschenk eines demütigenden Mitleids kurz ab.

95 Wenn Tini auch begriff, was sie begreifen wollte, so befand sie sich im Augenblick nicht in der Lage zu wollen. Das echt »Hausmasterische« in ihr drängte an die Oberfläche. War es gewiß nicht Böswilligkeit, die sie veranlaßte, ihre »beste Freundin« zu demütigen, so waren es doch liebloseste Selbstsucht und Eitelkeit.

»Na, na . . . brauchst di vielleicht vor mir zu schenier'n?« fuhr sie unbeirrt fort. »Armut is no lang ka Schand'. Aber für di san die Fetzerln ka Gluft. So sauber, als wia du bist, brauchst aa die nötige Ausstaffierung. I bitt' di – mit solche Schuach . . .!« Und Tini warf einen Blick natürlichsten Entsetzens auf Poldis Beschuhung.

»Waßt was?« sagte sie nach abermaliger Pause, in der sie ganz vergaß, ihrer eigenen Person eine Aufmerksamkeit zu gönnen. »Du gehst mit mir und i richt' d'r a paar Sach'n z'samm'. Ob i s' jetzt in Haderlumpenweib oder aner Fleckerljüdin verkauf', schenk' i s' liaber dir. Na – wann i das scho früher g'wußt hätt'! Du armer Batsch, du! I brauch' alle Jahr' mindestens vier Klader und a halbes Dutzend Paar Schuach. I sag' d'r, es geht net anders in unsern Salon. Da müassen mir was auf uns halten. Was glaubst denn, mit was für Kundschaften mir z' tuan hab'n! A Kostüm unter fünfhundert Guld'n liefern m'r gar net. So aner Kundschaft sag'n m'r net amal recht guat'n Tag. Zehnmal im Tag' halt a Hofeklipasch bei unsern G'schäft. 's letztemal hab i a Kostüm ang'habt, erst a halb's Jahr trag'n – laßt 96 mi net die Direktrice ruf'n und schert mit z'samm', daß i a so dahergeh. Jetzt kannst d'r denken . . . Ja, was hast denn, Tschapperl?« unterbrach sie sich, mit erstaunter Miene die beste Freundin ihrer letzten Viertelstundenerinnerung anstarrend. »Was wanst denn?«

Poldis Augen hatten ein Tränenkleid angezogen. Auch der verwundete Stolz hat sein Blut, das um so schmerzhafter träufelt, als es salzig ist.

Die geschmacklose, alberne Renommage Tinis hätte Poldi unter andern Umständen lächelnd ertragen können. Aber die Wirklichkeit, die dieser Renommage ein Recht verlieh – der Umstand, daß sie die Macht besaß, sich geltend zu machen; daß dieses mehr oder minder alberne oder boshafte Mitleiden mit der Waffe des Besitzes gegen die Wehrlosigkeit unschuldigen Elends auftreten konnte – vernichtete für einen Augenblick den Stolz eines tapferen Mädchens und löste ihn in jener Flut auf, die wahrlich schon mehr Opfer gefordert als alle Meere des Erdballs zusammen.

Poldi dachte an ihre Familie, an den Jammer der Häuslichkeit; diese stete Aneinanderreihung von Sorgen, Mühsal und gelegentlicher Verzweiflung. Sie dachte an zwei noch unmündige Schwestern (wenn das Wort »Mündigkeit« bei der Armut je Sinn besitzt), an einen arbeitslosen, krüppelhaften Vater und eine unermüdlich arbeitende, abgerackerte Mutter, die mit ihrem steten Rechnen und Jammern die stärksten Nerven anzugreifen drohte.

97 Das Elend der eigenen Lage kommt dem Menschen selten so sehr zum Bewußtsein, als wenn er es an dem Übermut fremden Glückes mißt. Das Elend hat seine Scham, sein Kastenbewußtsein, es hat seinen Trotz, der uns manchmal Naturen entfremdet, die unter dem Wärmestrahl eines heiteren Geschickes unsere besten Freunde geworden wären.

Poldi rang mit dem Jammer der Alltagssorgen seit ihrer Kindheit (war sie doch eigentlich noch jetzt ein Kind an Alter). Aber sie rang härter, weil auf deren erste Tage sich ein Strahl der Sorgenlosigkeit geneigt hatte, gleich einem poetischen Falter, der eine arme, dürftige Blume an einer verfinsternden Mauer heimsucht. Erst- und Zweitgeborene sind meist ausgezeichnet. Wenigstens das zarteste Kindesalter hindurch. Deshalb empfinden sie den späteren ungünstigen Wechsel der Familienverhältnisse desto härter.

Also Tini äußerte ein gerechtes Erstaunen über die Tränenwelle in den Augen der Freundin. Und da sie auch plötzlichen Impulsen der Teilnahme nachzugeben vermochte, solange diese mit ihrem Vorteil nicht im Widerspruch stand, nahm sie mit einem letzten Blicke von der spiegelnden Auslagescheibe Abschied, um sich nun uneingeschränkt dem Geschäft der Freundschaft widmen zu können, legte ihren Arm in den Poldis, und diese mit sich fortziehend, bat sie auf dringendste Art um Aufklärung über den Kummer der Schulgefährtin.

Poldi nahm Tini für das, was edle Naturen am liebsten tun: für ein im Grunde gutes, bisher verkanntes Wesen. Daher ließ sie sich willig mit 98 fortziehen und fand einen grausamen Genuß in der Schilderung ihrer bedrückten Lage.

Sie sei seit länger als einem Jahre in einem kleinen Geschäft gestanden, dessen Chef den Folgen aller finanziellen Miseren, die einen Kleinmeister zu überfallen pflegen, nicht standhalten konnte. Kurz gesagt, der Chef wurde gepfändet, gab mit einem leichtsinnigen Pfeifen alle Gedanken an jetzige wie künftige Meisterherrlichkeit auf und verdingte sich wie ein gewöhnlicher Sterblicher an eine Konfektionsfirma. Natürlich wurden die Lehrmädchen arbeitslos (der Zustand dauerte schon einige Wochen) und . . . Poldi konnte nur mit einem Schluchzen enden.

Tini ließ sich kaum Zeit, die traurige Schilderung zu Ende zu hören. War es ein Funke wirklicher Gutherzigkeit, war es die Sucht, als Schildherrin zu glänzen – kurz, sie versprach der Freundin, ihren allgewaltigen Einfluß aufzubieten, Poldi in den märchenhaften Salon zu bringen, der täglich von Hofequipagen belagert wurde.

Einem wehen, gemarterten Gemüt erscheint jeglicher dämmernde Strahl der Hoffnung als eine nicht vielleicht erst aufgehende, sondern schon blendend strahlende Sonne der Erfüllung. Unter dem belebenden Einfluß dieser Ausstrahlung wurde Poldi nun vollständig mitteilsam und gestand endlich zu, daß nur das armselige »Fetzenwerk« am Leibe ihr hinderlich sei, einen auch nur annähernd ähnlichen Platz zu finden, wie ihn Tinis Versprechen ihr in verlockendste Greifbarkeit gerückt.

99 Es mag unendlich verderbte und gemütlose Charaktere geben. Ein jeglicher hat doch eine, wenn auch noch so stumpfe Saite, an die Liebe und Mitleiden mit schüchternem Griffe zu rühren wagen. Tini scheint mir im folgenden die köstlichste Regung ihres sonst so liebebaren Daseins geäußert zu haben. Die arme, verzogene, verwahrloste, verprügelte und gänzlich unerzogene Tini.

Beide Mädchen waren im Weiterschreiten wieder einem die Erscheinungen widerstrahlenden Auslagenfenster nahegekommen. Und da dem Trümmler-Sprößling bei aller Erhabenheit über persönliche Eifersucht der Sinn für Vergleichung in ästhetischen Dingen nicht abzusprechen war, mag es Tini verziehen sein, wenn sie mit raschem Blicke ihre eigene Erscheinung und die ihrer Gefährtin in Vergleich zog.

Das Ergebnis war eines so sehr zugunsten ewiger Freundschaft (von der seit je bestandenen abgesehen), daß Poldi in der nächsten Minute mit so viel großmütigen Anerbietungen förmlich überregnet wurde, wie sie je Aufopferung zustande bringen mag.

Vor allem wurde ihren betäubten Sinnen allmählich klar, sie solle nicht ein Zeug als Geschenk erhalten, welches einem Handelsjuden oder einem Hausiererweib zugedacht war.

»Ja hast denn wirkli glaubt,« berichtigte Tini die vorgefaßte Meinung, »i trauert mir dir was anz'trag'n, was i nur a so hergib? Mein Gott! Halt was i a G'lumpert haß . . . Das is ja aber no a Prinzeßklad geg'n deine Fahnln. Jetzt sei stad und red nix weiter! A Gelt's Gott und a Busserl. So! . . .

100 Und morg'n kumm i zu dir, i muaß heut erst all's z'samm'richt'n . . . Jessas! Na, bin i derschrocken. Schau di net um, i bitt' di! . . . Dort steht scho wieder der Herr, der allweil mit mir zum Anbandeln anfangen will. Geh, schau nur net überi! Der Mensch is imstand und red't uns an. In dank' schön, da dürft d'r Vatta was merken von solche Sach'n! . . .«

Damit war die Brücke zu einem anderen, erheblich lieblicheren Gespräch geschlagen. Wenn Poldi in ihrer Unschuld sich noch dunkel einiger Tatsachen erinnerte, die Tini oftmals veranlaßten, ihre Schulbank als Anklagebank betrachten zu müssen, aus Anlässen, in denen das andere Geschlecht eine gewisse Rolle gespielt – zur Stunde war sie geneigt, Tini als ihrer Gönnerin vollsten Glauben zu schenken. Daher beschleunigte sie, ohne es zu wagen, sich umzuschauen, den Schritt.

»Du muaßt wissen, Polderl«, erläuterte Tini, »daß d' Mannsbilder auf mi damisch fliag'n. Warum, waß i selber net,« meinte sie mit der Heuchelei, die die vermeintliche Unanfechtbarkeit eines Besitzes, sei es der des Reichstums oder des Talents oder der Schönheit, in dem Menschen großzieht, »aber Tatsach' is's. Denk' d'r nur, wann da mei Vatta amal was hört oder erfahrt, geht's mir schlecht. Der is d'r so viel streng. Hör zua: Amal geh i aus'n G'schäft – red't mi a eleganter Herr an. I gib eahm natürli ka Gehör und sag' nur, er sollt' mi mit Ruah lass'n. Aber a fescher Mann war das, sag' i dir . . . (Tinis Augen glänzten lüstern.) Aber i waß 101 net, wia d'r Vatta draufkumma is – kurz und guat . . .«

Mit ungeschminkter, nackter, ganz eindeutiger Ehrlichkeit, der einzigen, deren sie sich je befleißigt, schilderte Tini die Folgen, die es gehabt, daß ein Herr sich erlaubt hatte, sie anzusprechen. Was sie aber wohlweislich verschwieg, war der Umstand, daß sie mit dem Herrn tägliche Rendezvous gehabt. Sie erzählte also ganz offenherzig.

»Wia i damals hamkumma bin, hat m'r d'r Vatta a paar solche Tetschen einig'haut, daß i umg'fall'n bin. Und dann hat er mi g'haut . . . I sag' d'r, acht Tag war mein Buckel und meine Arm' ganz grün und blau. (Daß nichts anderes mehr grün und blau war, schien die einzige Zubilligung, die Tinis Vater ihrer Jungfräulichkeit und ihrem vorgeschrittenen Alter machte.) I hab' damals woll'n zum Fenster aussispringen.«

Wenn man sich dessen erinnert, daß die elterliche Wohnung naturgemäß ebenerdig gelegen war, so ist diese Absicht einer unausgeführten Verzweiflungstat für den damaligen Seelenzustand Tinis äußerst bezeichnend.

Tini war sich aller Widersprüche in ihren Erzählungen nie bewußt. Wenn es eine Kunst des Lügens gibt, die ihren Gipfelpunkt in der Möglichkeit der höchsten Wahrscheinlichkeit findet, so war bei Tinis Lügen das Gegenteil der Fall.

Sie plauderte also ungeniert von ihrer Schande, noch körperlich gezüchtigt zu werden, wie ein kleines 102 Mädchen und bemühte sich nur, die gelegentliche Abstrafung als eine gänzlich unverdiente hinzustellen.

Poldi war zu arglos, zu gedrückt, zu dankbar und vor allem zu hoffnungsfreudig, um in dieser Stunde kritisch sein zu können. Sie war bald sechzehn Jahre alt, durch Renommage noch leicht zu bestechen und – wer möchte es einem Backfisch verargen – durch die Aussicht auf ein abgelegtes Kleid gewonnen.

Man war mittlerweile zu der Abmachung gelangt, daß Tini Poldi an einem der nächsten Tage besuchen und die versprochene Toilette mitbringen wolle. Diese Konstellation einer Zusammenkunft hatte ihre Ursache darin, daß Tini in ihrer Protektions- und Großmannssucht sowie in ihrem Bestreben, eine dankbare und dankschuldige Freundin zu finden, gar nicht die Absicht hegte, vielleicht ihre Großherzigkeit von der Zustimmung der Eltern abhängig zu machen. Sie beschloß, ruhig gesagt, das Nötige aus dem Kasten zu stehlen und die Ahndung des unfehlbar aufkommenden Vergehens geschickt mit der für ein anderes zu verbinden. Kaufleute nennen das mehrere Konti zusammenziehen.

An einem der nächsten Abende erschien Fräulein Tini in Begleitung eines Burschen, den sie sich zum Tragen eines aus der elterlichen Wohnung geschmuggelten Bündels um einen vorher bestimmten Betrag aufgenommen hatte, vor der Wohnung der Eltern Poldis.

Der Träger warf, auf dem Gange angelangt, den »Binkel« zu Boden und meinte, sich mit dem Hute die Stirn reibend:

103 »Dös war a Zahrerei, gnä' Fräul'n . . .«

»So, da ham S' Ihner Geld«, sagte aber das Fräulein, ohne die Demonstration zu beachten.

» . . . an' Flins werd'n S' do no zuageb'n.«

»Kan' Heller. Is Geld genua für das Packerl. Wann S' da davon scho schwitzen, tan S' m'r lad.«

»Sö, Fräul'n, wann S' das sag'n . . .« klang es im Tone gekränkter Biederkeit.

»I hab' nix weiter z' sag'n, als daß S' da Ihner Geld nehmen und abfahr'n soll'n. Vom Branntweiner hab' i Ihner g'numma und von mir aus gengan S' durt wieder hin. San S' froh, daß S' das verdient hab'n. Jetzt ziag'n S' o'!«

Der Träger, der seinen eigentlichen Gefühlen nur mit Widerwillen einigen Zwang angetan zu haben schien, entledigte sich dieses offenbar in der fröhlichsten Weise, mit der wir jede Erleichterung begrüßen.

»So? O' ziag'n soll i? Dös haßt, wann i will. Da nehmen S' vielleicht auf Ihnere paar Netsch no mei Hüatl, mei Röckl, meine Böck . . . Ham S' g'mant i trag Ihner dös G'lump zu mein' Privatvergnüg'n? Schöne Idee dös! Dann, wer waß, was i für Läus' von dem Binkl mit hamtrag'? Serwas! Solchene Kundschaften kunnt i no mehr brauch'n. Habs die Ehre! Pfiat Ihner d'r Schinder, Sö notige Fräul'n! . . . G'stätt'n krauperte . . .!«

Und wie in einer Anwandlung gerechter Entrüstung, deren Maßlosigkeit nur durch bessere Erwägungen einzuschränken war, spuckte er seine Fußspitze an, gab mit dieser dem Bündel einen Tritt, daß er gegen die Tür kollerte, spuckte dann auf die in 104 seiner Hand befindlichen Münzen und schritt mit der lächelnden Miene des Siegers über die Stiege.

Der Wiener hat für gewisse Momente die bezeichnende Art zu sagen: »Es verschlagt an' d' Red'«. Genau so erging es Tini. Es überfiel sie angesichts so viel ruchloser Frechheit eine Art Lähmung. Denn bei schnellerer Gefaßtheit und bei dem sie auszeichnenden Temperament wäre ein Angriff mit dem Sonnenschirm nicht ausgeschlossen gewesen. So aber tat sich nebst den stets horchbereiten Nachbarstüren die Tür Poldis auf und Tini, die an dem Übermaß einer »verschlagenen« Erregung zu ersticken drohte, sank der fassungslosen Freundin laut aufweinend in die Arme.

Nach geziemend langem Schluchzen an Poldis Halse fand Tini endlich Worte:

»Halt' mi net für verruckt, Polderl! Aber was i wegen dir scho ausstehn muaß . . . Na – na!« wehrte sie ganz unnütz ab, denn Poldi gänzlich außerstande, eine Deutung der Situation zu finden, stand nur mit stillerstaunten Blicken und ließ sich ihren Hals durch Tinis volles Gewicht beschweren. »I sag' nix weiter. Für di ma i's ja gern. Du bist do mei beste Freundin. I will nix mehr wissen davon, daß m'r si für a guat's Werk von so an' Pülcher muaß a so behandeln lassen. Und da hast dein Versprochenes«, fuhr Tini nach ganz kurzer Pause des Leidversunkenseins fort und hob das Bündel, dessen Schwere weder die Beihilfe eines Trägers noch die Auseinandersetzung mit diesem, am allerwenigsten die unzeitige dramatische Pose rechtfertigte.

105 Poldi fand endlich die Geistesgegenwart, Tini samt dem Bündel in die Küche zu ziehen und die Tür zu schließen. Zum größten Leidwesen der horchenden Nachbarinnen, die der Grund der ganzen Angelegenheit interessiert hätte.

Im Zimmer angelangt, wo ebenso in vollkommener Unwissenheit über die Ereignisse auf dem Gange sich Poldis Mutter und Schwestern befanden, begann Tini nach erster Begrüßung und endgültigem Trocknen der Augen mit nervöser Hast das Bündel zu öffnen. Diesem entnahm sie ein hübsches Kleid, einen Hut, einen Kragen und ein Paar ganz klein wenig beschädigter Lackschuhe, breitete alles auf dem Bette aus und warf sich dann Poldi abermals in die Arme.

Wenn es zittrige, verschüchterte, ausgemergelte, unterwürfige Frauen darzustellen gibt, niemand würde diesem Bilde gerechter geworden sein als Poldis arme Mutter beim Anblick der ausgebreiteten Schätze. Sie war die geborene, durch Armut und Unwissenheit sich entmündigende Proletarierin. Mit welcher Demut, mit welcher untertänigen Zärtlichkeit betrachtete sie das Geschenk. Sie konnte sich nicht genugtun, die Ärmste, mit ihren ausgewaschenen Händen über die Arme und Schultern Tinis zu streichen und immer aufs neue die Tochter zu fragen, ob sie sich denn »wirklich schon recht – recht schön« bedankt habe.

Die zehnjährige zerzauste Reserl verlieh ihrem Gesicht einen Ausdruck, der zwischen staunendem Entzücken und grimmigstem Neid schwankte. (Das 106 vierjährige Katherl, das mit einem Spielzeug eigener Erfindung, von den Ereignissen unberührt, in einem Winkel saß, war die einzige Nichtbeteiligte.) Mit den Mädchen ihres Standes und Alters eigentümlichen hungrigen Blicken starrte Reserl die in ihrem Sinne feenhaft gekleidete Tini und dann die der Schwester übermachten Kleider an.

Diese selbst strahlte in schüchterner Dankbarkeit. Weit, weit über ihre Wünsche und Sehnsucht war das Geschenk der Freundin ausgefallen. Zitterte sie vor Begierde, sich in dem Staat zu sehen, so taten dies verzehnfacht die Mutter und Tini und Reserl, wenn alle drei schon aus natürlich verschiedenen Gründen.

Die Umwandlung der Puppe zum Schmetterling erfolgte im Kabinett. Die vier weiblichen Wesen, Katherl nun inbegriffen, bildeten eine gespannte Versammlung, die einer Überraschung entgegenharrt. Und als nach nicht zu langer Zeit Poldi an die geschlossene Zimmertür klopfte, sie öffnete und eintrat, ertönte unwillkürlich ein Ah! des Staunens.

Nur die Kleider machten aus Aschenbrödel die Prinzessin.

Eine solche war Poldi wohl keinesfalls geworden. Aber Verhältnisse vergrößern oft den Maßstab. Den legten alle an die neue Erscheinung. Poldi war binnen weniger Minuten eine Schönheit geworden.

Die Mutter schlug verwundert die Hände zusammen. Reserl ließ ihr schmutziges Gesicht alle Äußerungen des Neides ausdrücken und Tini – nun diese, wie gesagt, des weiblichsten aller Instinkte bar, freute 107 sich wie über eine schön aufgeputzte Puppe, als ein Geschöpf ihrer Laune, ihres Wohlwollens, ihrer hohen Protektion . . .

Und als solches lernte Poldi bald sich weiter fühlen. Dank dem Umstand, daß in Tinis »Salon« ein braves Lehrmädchen gebraucht wurde, und dank deren Eintreten für die plötzlich mit aller Leidenschaft geliebte Freundin fand sich Poldi in wenigen Tagen mit einem kleinen Wochenlohn in der beneidenswerten Stellung eines Lehrmädchens, das den Unterschied zwischen einem zahlenden und bezahlten kennen lernt.

Zwischen den beiden Freundinnen hielt das neuangesponnene, von Tini mit Ostentation als ein fast schwesterliches dargestellte Verhältnis ungefähr ein Vierteljahr an. Dann trat ein Ereignis ein, das, von allen als »längst vorauszusehen« bezeichnet, dennoch den ganzen »Salon« in Erregung, Poldi jedoch wie Tinis Eltern in gerechteste Trauer versetzte.

Tini blieb nämlich eines Tages nicht nur dem Geschäft, sondern auch der elterlichen Wohnung fern. Und kam in letztere nicht wieder bis zum heutigen Tage, da sie sehr unzeitgemäß sich von kindlichen Anwandlungen verleiten ließ, ihren Erzeugern unter die Augen zu treten, und diese Anwandlung mit der von Reserl geschilderten väterlichen Exekution büßte. 108

 


 

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