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Töchter

Karl Adolph: Töchter - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleTöchter
authorKarl Adolph
year1921
firstpub1914
publisherAnzengruber Verlag
addressWien / Leipzig
titleTöchter
pages419
created20130620
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel

Berichtet von Leuten der verschiedensten Temperamente. Man macht die vorläufige Bekanntschaft verschiedener Haupt- und Nebenpersonen, vor allem einer Tochter.

Wenn die Julisonne anhebt, die Straßen Wiens mit dampfender Glut zu erfüllen, vorausgesetzt, daß ihr die Launen des Regengottes dazu Gelegenheit verleihen, hebt die große Stadtflucht all derer an, die »es dazu haben«, wohl oft auch nicht haben, die aber jedenfalls, dem Zuge der Mode folgend, den Aufenthalt in der Residenz mit irgend einem »Lande« zu vertauschen trachten.

Beim Anblick all der Fenster, deren Rouleaus herabgelassen oder die mit braunem Packpapier verhüllt sind, könnte man zu der Überzeugung gelangen, daß die Stadt ihre sämtlichen Bewohner aus ihrem Bannkreis gejagt habe.

Aber die Stadt läßt ihre ungezählten Scharen Arbeitender nicht los. Die Früh- und Abendstunden, da sie nach und von der Arbeit ziehen, vermitteln uns die wenig erheiternde Erkenntnis, daß die überwiegende Mehrzahl der Menschen gezwungen ist, ihre Erholung nur in der Arbeit zu suchen.

6 Da diese Erholung aber wie gesagt eine erzwungene ist und kein Zwang jemals in die Ergötzlichkeiten des Lebens gereiht wurde, so sei von ihrem Werte abgesehen.

Also die Stadtflucht hat begonnen und kann nicht verhüten, daß sie dem Bilde gewisser, am meisten betroffener Bezirke den Charakter der Verödung aufdrückt.

Es ist eine stille, ziemlich enge Gasse, die in eine belebte, verkehrsreiche Hauptstraße ausmündet und die selbst dann, wenn ihre Angehörigen eingerückt sind, nicht über ein temperiertes Maß von Lebendigkeit hinausstrebt. Nun aber allüberall geschlossene Fenster, herabgelassene Rouleaus oder die häßliche braune Packpapierhüllung, die den Eindruck nicht abwehrt, es liege hinter ihr eine aufgebahrte Leiche.

Auf einem neben dem Granitpflaster eingelassenen Asphaltstreifen stehen vormittags zehn Fiakerwagen. Nachmittags, wenn die Sonne den Asphaltstreifen zu erweichen beginnt, wird auf die gegenüberliegende Seite gerückt, die sich nun der Wohltat des Schattens erfreut.

Der Wasserer schüttet aus seinem Büttel phlegmatisch Wasser über die Hufe von zehn Pferden, die die Köpfe hängen lassen und sich vergeblich bemühen, mit den kupierten Schweifen den lästigen Fliegen zu wehren. Sie besorgen dies dann dadurch, daß sie den ganzen Körper in ein krampfhaftes Zittern versetzen.

Die Gasse ist in diesen Tagen das verkörperte Idyll. Denn dieses bedingt träumerische Ruhe, Tiere, zufriedene Menschen und vor allem ein kühles Gasthaus.

7 Die Kutscher liegen teils im Fond ihrer Wagen mit geöffneten Westen und über die Augen gezogenem Hute oder sie sitzen auf der vor dem Standwirtshause angebrachten Bank oder in jenem selbst, was eigentlich in steter Abwechslung den ganzen Tag der Fall ist.

Alles bedeutet süße, einschläfernde Trägheit, jenes wohlige Zufallen der Augenlider und jenes halbgehörte, sanfte Summen im Ohr, wie es eben nur die Stille eines Sommernachmittags zustande bringen kann.

Der Kellner besagten Standgasthauses, dem gegenüber in lieblicher Nähe ein Kaffeehaus winkt, sitzt an einem entlegenen Tische, hat das Haupt auf die von seinem Hangerl umhüllte Hand gelegt und schnarcht vernehmlich.

Der Schankbursche war mit dem Putzen der Messingbestandteile des Eiskastens beschäftigt. Nun hat er sich an diesen gelehnt und tunkt ein wenig im Stehen. Wirt und Wirtin haben sich in ihre kühle Wohnung begeben, um einem ausgiebigen Mittagsschlaf zu huldigen.

Nur der Kellnerjunge steht hemdärmlig mit einer vorgebundenen Schürze an einem kleinen Seitentisch und bemüht sich um das Putzen des Eßzeugs. Dabei macht er drollige Bewegungen mit Kopf und Oberkörper, die ihre Ursache darin haben, daß Schläfrigkeit und Furcht vor einem Kopfstück von dem vielleicht erwachenden Kellner sich in einem steten Widerstreit befinden.

Die Vorübergehenden versetzen die Gasse in nicht allzu große Aufregung. Man kann sie mit einiger, Astronomen, pensionierten Beamten oder Offizieren 8 sowie Dienstmännern anhaftenden Geduld auf eine der Statistik sehr förderlichen Weise bis auf den letzten Mann, das letzte Weib oder das letzte Kind abschätzen. Und in diesem verschwiegenen, träumerischen Winkel der Weltstadt hallt seit ungefähr einer Stunde die schimpfende Stimme eines Mannes, ohne jedoch mehr zu erreichen, als die Schläfrigkeit des ganzen Nachmittags zu befördern. Wie eine Uhr, und wenn sie noch so laut ticktackt, oder ein Mühlrad, wenn es noch so klappert, unserm Ohre allmählich vertraut wird, so wirkte die Schimpffähigkeit des Mannes auf seine Umgebung.

Kein Pferd schlug mit dem Schweifstumpfen einmal energischer aus, als ihm unter gewöhnlichen Umständen rätlich erschienen wäre; keine Fliege ward weniger zudringlich, als mit ihren sonstigen Eigenschaften im Einklang stand; kein Fenster öffnete sich, um der Neugier des Horchens oder Schauens den geringsten Spalt zu gönnen; der Asphalt wurde weder mehr noch weniger erweicht, als er sonst der Sonne an Berechtigung zugestand, sich durch sie erwärmen zu lassen.

Aber vor allem: keiner der vor dem Standgasthause auf der Bank lungernden oder in ihren Wagenfonds schlummernden Fiaker verschwendete einen Teil seines Interesses auf diese Stimme. Der Wasserer rieb mit so ausdruckslosem Alltagsgesicht an dem Hinterrad eines Wagens, daß man bei allen auf das Gebrechen der Taubheit hätte schließen mögen.

Um diese Teilnahmslosigkeit zu erklären, sei die Ursache der heutigen wie unzähliger vorhergegangener 9 Schimpforgien und die seit langem erzeugte Stumpfheit dagegen erklärt.

Der Sedlmaier Gustl, genannt die »Standratsch'n«, war mit seinem Fuhrwerkskollegen und Chef, dessen zweites »Zeugl« seiner Führung anvertraut war, heute ebenfalls in einen Widerstreit geraten. Dieser hatte wie noch alle anderen früheren seinen Ausgang vom Standgasthause genommen. Er war darin gezeugt, geboren und genährt worden und fand seine liebevolle Weitererziehung nun auf dem Standplatz und erwies somit eine unberechenbare Lebensfähigkeit.

Die »Standratsch'n« war durch ihren Namen in Beziehung auf Charaktereigenschaft hinlänglich gekennzeichnet. Ein Choleriker und Schimpfgenie ersten Ranges, wenn er einer längeren »Sitzung« im Standgasthause oder irgend einem anderen gehuldigt, war der Sedlmaier sowohl von Gemüt wie in nüchternem Zustand die beste Haut der Welt. Lang und hager, mit einem entsprechenden Halse und hervortretendem Adamsapfel; mit rotem, leicht pockennarbigem Gesicht, stieren, geröteten, wie stets erstaunt blickenden Augen und mit einem äußerst belebten Mienenspiel bildete er einen sonderbaren Gegensatz zu seinem Chef, Duzbruder und Herzensfreund, dem Fiakereigentümer Tobias Brückl alias »Toberl« oder »der Kellerlacher«.

Da Spitznamen meistens auf eine hervorragende körperliche oder geistige Besonderheit eines Menschen deuten, so bezog sich der »Kellerlacher« auf die vollständige physische Unmöglichkeit, selbst bei den anregendsten Situationen der Komik oder des Humors 10 seinem Gesicht den Ausdruck zu verleihen, den wir mit Lachen, Lächeln oder Schmunzeln bezeichnen.

Bedeutend kleiner, dafür um so gedrungener als der Sedlmaier-Gustl, war Herr Brückl mit einem Antlitz bedacht, dessen Farbe tintenartig violett und dessen Form vollmondartig war. Im Gegensatz zu Gustls fast vollständiger Bartlosigkeit trug er unter der Nase zwei pechschwarze Wülste in der Vollendung zweier mathematischer Voluten, wie man sie auf griechischen Kapitälen sieht.

Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die einen Fiaker ohne Hut gesehen haben. Ich für meine Person kann mich nicht erinnern. Daher vermute ich, daß Herrn Brückls Haar ungelichtet und ebenso pechschwarz wie sein Schnurrbart und Gustls Haupt so in ungefährer Anordnung wie sein Gesicht war.

Die heutige Entzweiung zwischen den beiden Rosselenkern hatte wie noch jede vorhergegangene einen ziemlich undeutlichen Hintergrund. Es spielten gekränktes Ehrgefühl, Lohnfrage, Kartenspiel und viel Wein eine Rolle, so daß das wirklich entscheidende Motiv schwer zu ermitteln war. Auch konnte man von einem Gegensatz im engeren Sinne nicht sprechen, weil in Wahrheit nur ein Streitteil vorhanden war, der Sedlmaier Gustl, während sein Widerpart sich gewohnheitsmäßig in ein unbrechbares Schweigen zu hüllen pflegte.

Kurz, Gustl schimpfte schon seit reichlich einer Stunde und erhitzte seinen Groll an der unzerstörbaren Ruhe Herrn Brückls, der breit im Fond saß und nur ab und zu einen kleinen Abstecher auf ein »Stehachtl« machte.

11 Die »Standratsch'n« nahm jedoch für ihren Unmut die Einrichtung von Stellvertretern insofern hin, als die gelegentliche Abwesenheit des Gegenstandes ihres Zornes keinerlei Einfluß auf ihre Schimpftätigkeit ausübte. Sie predigte der Sonne und den Winden, der Luft und dem Staube, dem Straßenpflaster, den Häusern, den teilnahmslosen Pferden, den noch teilnahmsloseren Kollegen und dem am meisten teilnahmslosen Wasserer.

Nach einem der besagten Abstecher in das Standgasthaus war Herr Brückl mit einer eben angezündeten Virginia herausgekommen und hatte es sich in seinem offenen Wagen in der ausgesuchtesten Form bequem gemacht.

Er lag behaglich zurückgelehnt in dessen Polsterung und stützte die dicken kurzen Beine gegen das niedere Geländer des Kutschersitzes. Die Rechte hielt die Virginiazigarre, während die Finger der Linken mechanisch eine Zündholzschachtel hin und her drehten. Auf dem breiten Gesicht lag ein Abglanz von Ruhe und Gefestigtsein.

In selbstverständlichem Gegensatz befand sich Gustl, der, den Wagen umkreisend, die wüstesten Reden ausstieß.

»Alter Lausbua, wamperter! Gelt ja, da halt'st dei' Gosch'n und tuast, als obs d' törrisch warst! Leutausziager! Bluathund, blaunaserter! Dreckbua überanand'! Stanbruader! Püls! A'g'schaffter Tasch'lziager! Plattner

12 Gustl versagte für einen Moment das Organ. Dann, nach einigem Bemühen, die Ohnmacht seines Grimmes durch eine Pause unbedingtesten Schweigens zu stärken, fuhr er fort:

»Aber mirk d'r g'nau den Tag heut! Und heut sag' i d'r's: es kummt amal der Tag, wo i di obizarr' vom Bock wia a alte Fuaßdack'n, und schmeiß' di in' Dreck wia an' o'g'matschkerten Tschick, den ka alter Branntibruader mehr aufhebn möcht'! Mirk d'r den heutig'n Tag, i bitt' di . . . mirk d'r 'hn! Glaubst, i laß mi von dir beleims'n? I von dir? Dös Bummerl sollt' mir g'hör'n? Aber g'schnitt'n! Den Liter zahl' i net und wann i mi unterm Galing losbeten müaßt!

I sollt' dir von aner Fuhr, dös d'r net amal 'n ölendigsten Kabskutscher anz'trag'n trauerst, a paar Krumpe reib'n? Und dann sollt' i am End dös verwardargelte Schinderzeug in Ordnung halt'n wia an' Krönungswag'n? Du manst, i bin aner von deme Roßfleischkramp'n, dös d' in mein Zeug eing'spannt hast? Aber i schwir' d'r's, alter Laufer: mir kumman amal z'samm'! I garantier' d'r, daß d' dann so kasweiß ausschaust, als d' jetzt bluatrot bist!«

Der also mit Liebenswürdigkeiten bedachte Phlegmatiker hatte als anregendes Detail seiner Zündholzschachtel ein Bild der Odilon aus besseren Tagen entdeckt und mit stets gesteigertem Interesse studiert, sofern ein blauroter Marmor eine solche Regung je zu äußern vermag.

13 Diese eisige, ablehnende Teilnahmslosigkeit erregte bei dem heißglühenden Gustl einen Paroxismus der Wut. Seine Stimme geriet in einen schrillen Diskant, kollerte hinab zur Kellertiefe, übernahm eine Wahrscheinlichkeitsform zur normalen Lage und endete schließlich in einem hohlen Gurgelton.

»Spiel' di net! . . . I bitt di, spiel' di net. Denn sunst . . . Schau mi net an, Schönbrunneraff, ausg'stopft's Muli . . . i sag' d'r nur, spiel' di net! Du kennst mi . . . Taxameter . . .«

Wenn je irgend ein Frevler den Beginn seiner Lästerung im Halse erwürgt fühlte, ehe noch der Blitzstrahl göttlicher Entrüstung niederzuckte – so war dies bei Gustl der Fall, dessen Schimpfsymphonie so urplötzlich abbrach, daß dieses Abbrechen einer Katastrophe glich. Man hatte die Empfindung, die uns beim Anhören einer Opernouvertüre ergreifen würde, da Pauken und Trompeten ihre Wirksamkeit auf das menschliche Trommelfell zu erproben haben, und irgend eine Macht jeden mechanischen Ton augenblicklich zum Gefrieren brächte.

Der ganze »Stand« horchte auf. Der Wasserer unterbrach seine eintönige Beschäftigung, die auf der Bank oder in ihren Wagen lungernden Fiaker fuhren empor, und einige schlaftrunkene Pferdeköpfe spitzten die Ohren.

Ich teile jedenfalls mit vielen die Meinung, daß wir einem gewaltigen Schrecken erliegen würden, machten wir im Anschauen irgend einer bronzenen oder marmornen Statue in einem Museum die 14 Wahrnehmung, daß diese plötzlich Leben und Stimme erlangte.

Der »Kellerlacher« geruhte nämlich, seine wulstigen schwarzen Würste ober den Augen zu runzeln, die als Ergänzung zu den zwei volutenförmig geformten Würsten unter der Nase standen, und zu fragen:

»Wer is a Taxameter? . . . Red'! . . . Wer?« In der Art von Beruhigung, die eine Zwangsjacke oder eine kalte Einpackung auf einen Irren ausüben mag, wirkten diese wenigen Worte auf Gustl.

Er stammelte totenbleich:

»Hab' i di beleidinga woll'n?«

Diese Frage schien sehr angebracht in Beziehung zu den vielen vorhergegangenen Auswüchsen einer lebhaften Beredsamkeit.

Herr Brückl (um ihm durch diese volle Namensangabe stets seine Würde als Arbeitgeber und Oberherr zu wahren) schleuderte die halb abgerauchte Zigarre in den Kot.

»Wer fragt, obs d' mi beleidinga hast woll'n? Aber wer is a – Taxameter? Red' do amal! Kinderl – wann i d'r net deine Darm ausreiß'n soll, daß meine Roß a neuchs Latseil kriagn, so sag' endli: wer is a Taxameter?«

Unter den umstehenden Kollegen (denn der Zwist hatte sie augenblicklich zu einer Gruppe geformt) erhob sich ein bedeutsames Murren. Der Wasserer ergriff – um seine Verachtung zu zeigen – sein Schaff, stellte es nieder, warf sein Rehhäutl hin, spuckte aus und erklärte, daß er mit Menschen nichts gemein haben wolle, die einen Kollegen tief unter alle 15 Menschenwürde herabsetzten. Er sei noch in die alte Schule gegangen, und diese sei noch immer die beste gewesen.

Die Frage des Herrn Brückl war eine so eindringliche gewesen. eine durch den Ernst und das Gewicht der Beleidigung so notwendig gebotene, daß das Murren der Kollegen und die Entrüstungskundgebung des Wasserers bei allen vollste Billigung finden muß.

Der Verhörte aber vermochte nur mit vollem Erstarrtsein zu antworten, indes der Fragende selbst die Beine herabzog, der halbgerauchten Virginierzigarre das leere, zerknüllte Zündholzschächtelchen folgen ließ und damit die schüchternste Vorstellung der getreuen Wiedergabe der Schauspielerin zerstörte. Dann grollte er weiter:

»Sixt, wann i net wußt, wers d' bist und daß d' a Familienvoda bist – Rotzbua niederträchtiger –, i zertretert di auf der Stell', daß d' ausschaust wia in Quargelsturz (dies der Spitzname des Wasserers) sein Rehhäutl. Wannst net auf der Stell den Taxameter z'rucknimmst, so pack' i di und wasch' mit dir mein Zeug, daß ka Faserl übribleibt.«

Der Sedlmaier Gustl fand sich endlich:

»Hab' i di beleidinga wolln? Sag' selber! Hätt'st mi ausred'n lass'n! I hab' nur sag'n woll'n Taxameterpülcher. Aber do net an' Taxameter. Na alsdann, sag' selber, ob i di beleidinga hab' woll'n. Dö andern werd'n's aa sag'n.«

»A so hast es g'mant?« forschte der »Kellerlacher« noch immer mit einigem Mißtrauen, aber schon bedeutend milder durch diese Auslegung gestimmt.

16 »Na – net wir i's so g'mant hab'n!« sagte Gustl mit dem Tone der Erleichterung eines Gemütes, dem unverdienterweise die Ehrenkränkung eines anderen zugemutet wurde. »I glaub', du kennst mi do zu guat . . . Und . . . (Gustls Stimme brach plötzlich) du wirst do net manen, daß i dir was Schlechts nachred'n kunnt. Toberl . . . i und du . . . i bitt' di wirkli . . .«

Dieser ungeheuchelte Anruf an die Güte eines ganz unbeabsichtigt Beleidigten rührte sogar die strengen Gemüter der umstehenden Fiaker, die sonst in Standesfragen keine Nachsicht kennen. Sie gleichen darin Offizieren, Beamten, Ärzten, Advokaten und Hausmeistern.

»All's was recht is!« sagte ein Kollege mit einer Stimme, die an alles, nur nicht ans Schluchzen der Nachtigall gemahnte, »wann die Standratsch'n aa manchmal a unrecht's Wartl verliert – nahtret'n tuat er aber kan'. I glaub' eahm (der weibliche Artikel wurde mit dem männlichen verwechselt), daß er's net so g'mant hat, wia's der »Kellerlacher« mant. A Unrecht hat d'r Gustl sei Lebtag no neamd tan, da kenn' i 'hn z' guat.«

Es wäre nur interessant, zu erfahren, was sich der wackere Kollege unter einem »unrecht'n Wartl« und einem »Unrechttun« vorstellte.

Das Merkwürdige an dieser anscheinend harmlosen Bezeichnung »Taxameter« und seinen Folgen und der nötigen Rechtfertigung Gustls lag in dem nur den Wienern bekannten Gegensatz des Wortes.

17 Das erste bedeutet die Kontrolluhr am Wagen, deren sich heute schon mehrere europäisch gesinnte Wagenlenker bedienen und die deshalb von einem großen Teil der kutschierenden Elite als verfehmt angesehen werden. Der andere Begriff »Taxameter« mit seiner Ergänzung »Pülcher« bedeutet einen schon sehr herabgekommenen Gentleman, der, mit einer blechernen Kasserrolle (dem »Taxameter« oder ganz kurz dem »Taxl«) bewaffnet, darein die vor den Gasthäusern zum Abholen bestimmten Bierfässer ihres letzten, schier ungenießbaren Inhalts entleert und diesen säuft.

Nach dieser erlösenden Aufklärung des Sachverhalts, die beiden Beteiligten sowohl wie dem »Stand« zur Ehre gereichte und dem aus Stimmungsumschlägen bestehenden Gustl fast die Tränen in die Augen trieb, schien sich die liebliche Fee Idylle, für einen Augenblick aufgeschreckt, wieder auf den Standplatz niedersenken zu wollen.

Aber von der Hauptstraße trippelte eine junge, elegant gekleidete Dame heran, die mit Kennerblicken die Wagenreihe musterte. Ihre Wahl war eine so offenkundig geläuterte im Geschmack, daß ihr deshalb einst vieles wird verziehen sein müssen.

Die junge Dame trat nämlich kurz entschlossen auf Herrn Brückl zu. Der hatte mit dem geschärften Blicke seines Standes sofort die »noble Fuhr« erkannt. Denn als die Dame, noch zierlicher trippelnd als zuvor, herangetreten war, stand er schon bereit, mit der Linken einladend auf den mit grauem Plüsch gepolsterten Sitz deutend, mit der Rechten 18 ehrfurchtsvoll graziös den Stößer auf Armeslänge von sich haltend.

Und eben als der duftig schöne, seidenumhüllte Fahrgast einsteigen wollte, begegnete sein Blick dem Gustls, der die Erscheinung mit einer Art ungläubigen Erstaunens aus seinen geröteten Augen anstierte.

»Jessas, die Trümmler Tini!« rief er mit respektloser Außerachtlassung jeglicher Titulatur aus.

»Meiner Seel' . . . der Sedlmaier!« war der ebenfalls das ungemessenste Staunen ausdrückende Ausruf der jungen Dame.

Gustl, wie vom Zustand der Trance befangen, murmelte nochmals:

»Die Trümmler Tini. Is dös mögli?«

Der Gegenstand seiner geistigen Verwirrung erfreute sich dieser ganz offensichtlich. Sie war auch nur allzu berechtigt. Denn vor Gustls Augen stand eine Erscheinung, die sich im auffälligsten Widerspruch gegen eine ihm früher vertraute befand.

Das Bild der jungen Dame, das er jetzt vor Augen hatte, mit dem eleganten, wenn auch etwas auffallenden Kleide, dem riesigen Hut, der die Flora einiger Gartenbeete auf sich vereinigte, den köstlichen Lackschuhen und den beim Heben des Rockes ersichtlichen kostbaren Seidenstrümpfen samt knisterndem Unterzeug (nach der rohen Schätzung Gustls) – abgesehen von all dem Hals und Handgelenken sowie Fingern anhaftenden Schmuck von Gold und Edelgestein – wollte sich nicht mit dem Bilde einer jungen Dame vereinigen lassen, die, mit einem kurzen Röckchen und ärmellosen Leibchen bekleidet, den Urhebern 19 ihrer Tage einstmals öfter bei häuslichen Verrichtungen, wie Stiegenreiben usw., eine nicht ganz unschätzbare Beihilfe geleistet.

Das Fräulein freute sich also über das Staunen eines unzweifelhaft alten Bekannten. War es doch so recht ureigentlich seine Lebensaufgabe, Neid und Staunen zu erregen. Ein Beruf, der so viele Tausende Hände in Bewegung setzt. Denn was täten diese sonst, die so vielem Nichtigen, Unnützlichen oft frevlerisch Wahnwitzigen die Fristung ihres Leben danken?

In der naiven Voraussetzung der meisten aus der Niedrigkeit der Armut zum Besitz Emporgestiegenen, daß der Luxus jede Quelle, aus der er geflossen, heilig und rein mache, meinte Fräulein Tini mit fürstlicher Herablassung zu handeln, als sie sagte:

»Na, Herr Sedlmaier, Sie hab'n Ihner ja damisch z'samm'klaubt. Wer hätt' das amal denkt?«

Gustl, um einen Gegenschlag nicht verlegen, beeilte sich zu sagen:

»Meiner Seel', auf Ihner Z'samm'klaub'n hätt' no weniger wer denkt.«

»Gelten S' ja,« versetzte die junge Dame keineswegs verletzt, viel eher geschmeichelt, »da hab'n schon gar viele g'spitzt. Jetzt, wann i an' dummen Stolz zag'n wollt' . . .«

Sie brach ab, um die Wirkung ihres Verzichtes auf »Stolz« so recht hervortreten zu lassen.

»Is dös Ihner Zeug?« fuhr sie nach einer Pause fort, die Gustl Gelegenheit gegeben hatte, die Flora des Hutes einer gründlichen Musterung zu unterwerfen.

20 »Mein's und aa net mein's. I fahr' halt damit. Mein eigenes Zeugl is 's net.«

»Gar net amal so schlecht«, sagte das Fräulein in einem Tone, der mit verbindlicher Güte einem Mangel die beste Seite abzugewinnen sucht. »No ja, alle könna ma kane Millionär sein. Ma muaß si strecken nach der Decken.«

»Sie hab'n Ihner aber damisch g'streckt«, meinte Gustl bissig. »A so a Streckerei laß i m'r g'fall'n. So recht der Läng' nach, wissen S' . . .« Hier machte Gustl eine Pause, um der Wirkung seiner zarten Anspielung keinen Abbruch zu tun.

Herr Brückl besaß einen gesunden Geschäftsgeist. Er wußte, daß Leute mit Geld, möge es aus welcher Kloake immer geholt sein, nicht lieben, von Leuten ohne Geld gekannt zu sein. Und wenn schon, daß man sie für das nimmt, zu dem sie sich aufgebläht haben. Der »Kellerlacher« bereitete dem unangenehm werdenden Gespräch ein Ende, indem er der »Standratsch'n« abermals einen Zeusblick zuwarf und »die gnä' Fräul'n« um das Ziel der Fahrt ersuchte.

Dieses ward auch bereitwilligst bekanntgemacht, ohne daß der nun duftig und schön im Wagen hingegossene Fahrgast es hatte unterlassen können, Manieren gegen Manieren zu vergleichen. Es leuchtete nicht ganz, aber sehr verblümt die Ansicht durch, daß es Schwierigkeiten besitze, einmal »jemanden« flüchtig gekannt zu haben, der es nicht verstehe, den Abstand von einst und jetzt zu wahren.

Herr Brückl aber schnalzte bedeutsam mit seiner Peitsche, ließ ein leises »Sßßt!!!« ertönen, dann ein 21 Zungenschnalzen im Gegensatz zu dem der Peitsche, und wie ein schönes Märchen entschwand in kurzem der entzückende Hut samt der vollständigen Gartenflora, einem Nachschauenden nur das Bedauern zurücklassend, soviel Herrliches nur so kurze Zeit genossen zu haben.

Von weniger märchenfreundlicher Perspektive aus folgte Gustl der entschwindenden Lichterscheinung.

Sein rasch loderndes Gefühl vermochte von tränenreichster Rührung durch den schimpfbegabtesten Zorn zum wortlosen Grimme alle Stadien durchzumachen. Leicht besänftigt oder leicht abgekühlt, brannte seine Wut im nächsten Augenblick gleich einem Holzstoß.

Den anderen Fiakern waren an dem geschäftsarmen Sommerspätnachmittag der weibliche Fahrgast und sein Gespräch mit der »Standratsch'n« eine Abwechslung in der schläfrigen Eintönigkeit des Nachmittags gewesen.

»Wer war denn dös Ban?« fragte einer Gustl. Fiaker sind Menschenkenner und daher waren alle am Stand über die Eigenschaften der Trümmler Tini, als die sie Gustl den Lesern vorstellte, im klaren.

Gustl hatte nach langem, wie gebanntem Nachstarren endlich Worte gefunden.

»Der Schlampen, der Hatschen, der verdächtige!« rief er in fast erstickendem Grimme der teuren Last nach, die sein Kolleg-Chef entführte. »Der Transch, der Hausmasterbesen! . . . So a Tramperl, dös will mit obidrahn? Mi, in Gustl? In Sedlmaier Gustl will die obidrahn! Sie mant, i hätt' mi damisch 22 z'sammklaubt. Aber das soll ihr ka Glück bringen, dös nöt, dös schwir i ihr.

»Himmelherrgottlaudon . ..«, fuhr Gustl nach dem notwendigen Atemholen fort. »Dö will mi pflanzen? Mein Zeugl hat s' ang'schaut, wia wann's a Mistbauerwag'n war. Dö will mir impariern (Gustl wollte imponieren sagen) mit ihr'n Dach, unter dös dö Rotunde unterschliafen kunnt wia a Kucherl unter d' Henn? I hab' s' ja kennt, wia s' no in d' Schul gangen is. Dös nixnutzige Hausmastermensch. Wia oft hab' i s' auf mein früahrigen Stand, wia i no anspannig g'fahr'n bin, in' Wag'n setz'n lass'n, weil s' auf das ganz versessen war.

»Ihr Voda is a rarer Mann, soweit er mi net anmal beleidingt hat. Der hat ihr den Nackerten auspledert gnua, aber g'nutzt hat's nix. Dös habts ja jetzt g'seg'n. Wer kann s' denn sein? A Gnädige sicher net.«

Durch einige Tempi war Gustl in einen fast unaufgeregten, erzählenden Ton verfallen. Aber die bei ihm stets angesammelte Galle regte sich wieder.

»Und dö will mein Zeug beleidigen!« schrie er. »Schauts euchers an, ob i mit dem net zu jeder Stund' a Kavalierfuhr mach'n kunnt'. 's zweite Zeugl vom Toberl . . .« (In diesem Umstand lag so viel Zwingendes, daß die Kollegen zustimmend murmelten.) »Aber i laß m'r mein Zeug net verstinken von so an' ölendigen Parfum . . . der Toberl kann si sein's nachher urndli ausräuckern lassen. Pfui Teufel! I gratulier'!«

Jedenfalls nicht mehr länger imstande, so viel gehäuften und gerechtfertigen Groll gleich etwas 23 Ekelhaftem noch weiter in sich zu spüren, und dem Drange nachgebend, etwas angenehm Nachspülendes zu sich zu nehmen, stürzte Gustl in das Gasthaus, dessen beruhigendem Einfluß es jedenfalls zu danken ist, wenn auf dem Standplatze jene mollige, verträumte Stimmung wieder Platz zu greifen beginnt, die heute schon zweimal unterbrochen wurde. 24

 


 

Zweites Kapitel

Bringt etwas von Dichter, Liebe, Rose, Abschied, Tränen, und zeigt eine Familie, die sich nicht auf der Sonnenseite des Lebens befindet. Schildert den Umstand, daß einzige Söhne nicht immer den Stolz der Ihren bilden müssen.

Es ist ein Samstagabend. Einer jener belebten Abende, der die Arbeitenden, Hastenden, Ermüdeten nach Hause treibt. All denen, die bei sitzender Arbeit in einem dumpfen oder von brennender Sonnenhitze erfüllten Raum einen ganzen Tag lang gezwungen waren, ihre Beschaulichkeit in der Arbeit zu suchen, ist dieses Heimkehren in der schon abgekühlten Abendluft ein köstlicher Spaziergang. Das heißt, wenn die Ermüdung nicht zu groß, die Entfernung nach dem Heim nicht zu weit ist.

Ein Paar kommt langsamen Schrittes die Vorstadtstraße herauf. Es ist kein Schlendern, das den Genuß des Beisammenseins zu verlängern sucht. Es sind die zagenden Schritte zweier, die das Erreichen eines gefürchteten Zieles hinauszuziehen trachten. Der Mann 25 ist mit jener sommerlichen Saloppheit gekleidet, die dem Kenner Eleganz deutet.

Seine Begleiterin, in jeder Geringheit ihrer Kleidung die Nähmamsell verratend, ist ein Mädchen von einer so sanften und doch stolzen Schönheit, wie es in Wien so tausendfältig zu finden ist. Bei berufenen oder auch nicht berufenen Lobrednern dieser Stadt bildet das Lob der Frauenschönheit einen der Hauptpunkte.

Aber wer sieht sie doch in Wahrheit, all diese süßen holden Gesichter? Diese lachenden oder sinnenden Augen, diese koketten oder vornehmen Gestalten? Wer sieht sie alle diese lieben, plaudernden, hüpfenden und ach! so oft hungernden Schönheiten des Volkes? Der Frühaufsteher, der seinem Beruf nacheilt, oder der Abendflaneur, der meist Lust und Aufdringlichkeit genug besitzt, seine Jagden anzustellen.

Der Tag verschlingt sie alle, die Blonden, Braunen, Schwarzen, Schmachtenden, Koketten in den Fabriken, Bureaus, Modesalons und den anderen ungezählten Betrieben, die Mädchen beschäftigen. Die Frauenschönheiten des Ringes und anderer Korsostraßen sind die einzigen, die auch bei Tag gesehen werden und die ihren Modenarrheiten oft mehr Beachtung verdanken als ihrer wirklichen Schönheit.

Das Mädchen, das jetzt dem zögernden Schritte Halt gebot und den Begleiter zum gleichen zwang, holte eine Weile tief Atem.

»Jetzt aber kan' Schritt mehr weiter. Das is das Äußerste, was i no hab' zuageb'n können.«

26 »Kehren wir noch ein wenig um,« bat der junge Mann, »noch hundert Schritte. Vielleicht überlegen Sie zum letztenmal. Und – besser . . .«

»Es is scho lang gnua überlegt. Heut hat do endli die G'schicht müassen a End hab'n. Es is das beste für uns alle zwa.«

»Sie haben rasch entschieden«, sagte der Begleiter mit der Wehleidigkeit in der Stimme, die das starke Geschlecht beim schwachen oft so siegreich erscheinen läßt, weil sie eine unterdrückte Bewegung andeutet und damit die Köpfe armer Mädels verwirrt.

»Rasch? . . .« Das Mädchen zitterte vor wirklich unterdrückter Bewegung. »Julius, i bitt Ihner – martern S' mi net länger! I hab' mir alles gnua g'sagt, was Sie mir no zum sag'n hätten. Macht's Ihner a Freud', wann i no unglücklicher werd', als i schon bin?«

»Unglücklich! . . .« erwiderte der junge Mann. »Und Sie meinen, ich sei glücklich? Was ist eigentlich Glück, Poldi? Etwas sehr Relatives. Das Glück besteht im Wagen, im Niederreißen der Schranken, die uns vom Besitz trennen. Glück ist Erreichen. Stetes Erreichen. Und nur in der Unzulänglichkeit unserer Mittel sind wir unglücklich.«

Das schöne Mädchen, das eine Rose in der Rechten hielt, roch wie infolge einer gedankenlosen Bewegung an der duftenden Sommerkönigin.

Diese Äußerung nahm Herr Julius zum Anlaß, eine wehmütige Reflexion daran zu knüpfen, die ihn als in einem nahen Verhältnis zur Literatur stehend kennzeichnete.

27 »Ihre Bewegung war Symbol. Man vergleicht nicht umsonst die Blume mit menschlichen Schicksalen. Ein kurzes Erfreuen an dem Duft einiger traumhaft herrlicher Stunden, dann das Welken selbst der Erinnerung. Sie waren diese Blume am Wege, Poldi, die mich erfreuen sollte. Es wird mir nichts bleiben als das Gedenken an diese wenigen Stunden . . .«

»Hör'n S' auf«, scherzte das Mädchen, wiewohl sehr unglücklich, »mit solche Vergleich'. Die passen auf unseran', a arm's Mad'l! Desweg'n werd'n S' mir net die Rosen geb'n hab'n, daß S' sag'n woll'n: so abg'welkt wia morg'n die Blumen werd'n Sie in a paar Jahrln ausschau'n. Seg'n S', das wär' aber der richtige Gedanken. Mein Gott, heut glaub'n S' ja no selber, daß a Warten möglich wär'. Aber i waß's besser. Ja,« fügte die Sprecherin seufzend bei, »Rosen san in derer Art guat dran. Bei denen dauert's Abwelken höchstens a paar Stund'. Während bei unseran' . . .«

Sie brach ab. Das Schicksal vieler schöner, ehrbarer, armer Mädchen mochte im Augenblick vor ihrem inneren Schauen stehen.

»Das ewige Schwarzsehen, Poldi! Wären Sie doch so heiter und jugendfroh, wie Sie schön sind!«

»Heiter! Jugendfroh! Das gibt's für unserans net. Da wär's Leichtsinn. I kenn' ja gnua, die's Leb'n nehmen, wia's is, und si drum ka graues Haar wachsen lassen. Aber i kann's net.«

Im Verlauf des Gespräches hatten die beiden unwillkürlich das Stehenbleiben aufgegeben und wieder einen zögernden Schlenderschritt angenommen.

28 »Ja, mir san ja scho bald bei der Gassen und i hab' woll'n, daß mir in aller Freundschaft uns Pfiat Gott! sag'n . . . Nix mehr! Wann zwa Leut' narrisch werd'n woll'n, muaß do an's no so viel G'scheitheit hab'n, daß's Radl net fortlauft. Denn zwa ganz gleiche Narr'n richteten a schön's Unheil an.«

Poldi suchte jetzt vergeblich, ihr Schluchzen hinter einem mißglückten Scherze zu verbergen. Sie nahm ihren Gefährten fast gebieterisch beim Rockärmel und zwang ihn neuerdings, stehen zu bleiben.

»All's muaß a End' hab'n.« Die in Tränen schwimmenden Augen hoben sich zu dem finster gewordenen Gesicht des jungen Mannes. »Ja, all's muaß a End' hab'n. Die Dummheit wia die Schönheit. Für Ihner nur a Dummheit, herentgeg'n für mi . . . Julius, san S' do g'scheit! Was hat das Ganze für an' Zweck? Wann S' a Arbeiter wär'n . . . Aber so . . . um Gottes will'n, glaub'n S' denn, daß mir wirkli aufanander wart'n können? Glaub'n S' denn wirkli im Ernst dran?«

Der Befragte stand mit gerunzelter Stirn und zusammengepreßten Lippen in der Art trotziger, verstockter Buben da und schwieg, indem er es vermied, auch nur einen Blick in das schöne Gesicht zu tun, das in der Erregung bitteren Leides noch ungleich schöner war als im Sonnenglanz eines Lächelns.

O, er war gar nicht gewillt, zu warten in dem Sinne, wie es das Mädchen meinte. Er fand die einfache Vorstellung schon als lächerlich und demütigend. Herr Julius liebte nach der Art von Leuten seines Standes. Er liebte ganz einfach den Genuß und war 29 wenig bekümmert darum, wer ihn bezahlte, wenn nur seine eigene Person es nicht war. Das Abenteuer war ihm in Anbetracht der von ihm allein empfundenen Lächerlichkeit zuwider geworden. Nur verwunden wollte er noch diejenige, die sich in bittersten Sorgen quälte, daß sie »aufeinander nicht warten konnten«.

»Die Bedenklichkeiten kommen sehr spät. Sie wußten ja, daß ich keine Existenz, wohl aber luxuriöse Gewohnheiten habe, die bis zum heutigen Tage mein Papa bezahlt. Was bewog Sie bisher, die Augen vor den leidigen Verhältnissen zu schließen? Wir leben nicht mehr im Zeitalter des Minnegesanges. Was einst erhaben erscheinen mochte, ist heute ganz einfach absurd. Wollen Sie mich dem größten Fluche unserer Tage aussetzen, ein Illusionär zu sein, der es nicht wagt, nach dem Glücke zu greifen? Mag sein, daß Ihnen der Abschied trotz allem doch leichter kommt als mir . . .«

Poldi hatte einen Schutzgeist. Sie verstand nicht, was ihr Julius eigentlich meinte. Sie sagte nur ganz einfach:

»Julius . . .! Julius! Schau' S' mi an! Oder glaub'n S', daß i's wirkli so leicht trag'?« Und voll richteten sich die Augen auf das trotzige Gesicht ihres Gegenüber, bis dieses sich bequemte, auch die seinen aufzuschlagen. »I frag' nur, wohin soll denn die G'schicht' führ'n? I frag' net nur weg'n mir, sondern aa weg'n Ihner. I war zu leichtsinnig, daß i's so weit hab' kommen lassen. Unserans därf si net amal die klane Freud' vergunnen, an' Menschen 30 gern z'seg'n . . . Julius! Pfiat Ihner Gott! . . . Alles Guate für Ihner. Adje! . . . Sie dürfen nimmer weiter mitgehn,« fügte sie zu dem etwas inkonsequenten Liebhaber hinzu, der offenbar in letzter Minute sein Heil von einem Weiterschreiten erhoffte. »Lassen S' mi,« bat sie, als er eine Gebärde machte, sie bei der Hand zurückzuhalten. »I hab' manche Nacht gnua desweg'n g'want. Vor dem heutigen Tag hab' i mi g'furcht'n. Aber es hat sein müass'n. Unser Herrgott is mein Zeuge, wia schwer als 's mir fallt. I wir an Ihner z'ruckdenken als an das Schönste in mein' Leb'n.«

Wie eigentlich viele Trauer- als Lustspiele beginnen, so fing auch das Leid einer armen Nähmamsell erst voll zu wirken an, als der Verabschiedete, die Nutzlosigkeit jedes weiteren Drängens einsehend, mit eisiger Miene und tadelloser Verbeugung die fürchterlichen Worte sprach:

»Dann . . . adjö, mein Fräulein!«

Und er wendete sich und er schritt von dannen, als ob ihm die fürchterlichste aller Kränkungen zugefügt worden sei und er auf seinen Schultern so ziemlich den größten Pack alles vorhandenen Weltleids mit sich zu schleppen bestimmt wäre.

»Julius . . .!«

Diesen Ruf, nein, diesen erstickten Schrei, er vernahm ihn nimmer. Und doch – er hätte ihn vernehmen müssen. Er sah auch nicht mehr. Hätte er nur noch einmal zurückgeblickt! Er sah nicht bebende Lippen, angstvoll geöffnete Augen, er sah nicht eine schöne zitternde Gestalt. Er sah nicht und hörte nicht. O Gott! Wie wir alle so oft nicht hören und sehen. 31


Wäre Poldi ein Mädchen der Gesellschaft gewesen, stünden der Ausmalung ihres Seelenzustandes die reizendsten Mittel zu Gebote: wie sie müde nach Hause schritt, wie daheim das Klavier entweder ungeöffnet blieb oder wie sie darauf in einem Schwall rauschender Akkorde ihr Leid in die Welt trommelte, wie abends die Teetasse leise in ihren Händen zitterte und ein flackerndes Rot die Wangen deckte, wie der biedere Onkel Medizinalrat liebkosend ihre Wangen tätschelte und dem »Kinde« eine Reise an die See anriet, oder wie die Jungfrau in den dunklen Gängen des Parks irrt und zufällig auf einen Referendar oder Leutnant stößt. Oder . . .

Unselig unerreichbare Gelegenheiten! Ich kann keinen Onkel Medizinalrat, keinen Leutnant auftreiben! Meine Helden spielen unglücklicherweise in einem wenig ästhetischen oder künstlerisch zu schildernden Milieu. Es sind mit Ausnahme Poldis und noch einiger anderer so gewöhnliche, simple Dutzendmenschen, daß nur die Liebe zu ihrer Schilderung die Feder in Bewegung setzen kann.

Und warum dies nicht? Die Reichen, Ästhetischen, Gebildeten, kurz die Klasse des Besitzes hat genugsam ihre Schilderer. Aber mein kleines, großes Reich, das sich nicht einmal bis zum Kahlenberg ausdehnt; die langweiligen, geraden Gassen und ihre in schwindelndhohen Vogelkäfigen hausenden Menschen haben ebensogut das Anrecht auf Schilderung wie ein Palais oder eine vornehme Familie. Denn meine Leute lachen 32 und weinen gern und sind im Notfall nicht heikel, wenn es gilt, eine Tragödie auf die Beine zu stellen . . .

Aus der Kinderschar, die eine Gasse mit ihrer lebenden Gegenwart, ihrem gellenden Geschrei und Gekreisch erfüllte, trennte sich ein kleines Mädchen von ungefähr sieben Jahren und kam mit vom Spiel und Tollen erhitzten Gesicht auf die traurig Einherwandelnde gesprungen. Der blonde Zopf der Kleinen, der in der Frühe wohl geflochten sein mochte, war gelöst, das kurze Kleidchen flatterte mit einem nur noch lose an einem Strähn hängenden Band um die Wette und die bloßen Beine flogen im Laufe förmlich in der Luft.

»Poldi! Poldi! Grüaß di Gott!« rief das Kind, die jüngste Schwester, der Heimkehrenden zu und umfaßte deren Rechte mit beiden Händen. Dabei unterbrach es keineswegs sein Laufen, sondern löste es in ein stetes Vor- und Rückwärtshüpfen auf.

Der Anblick der Schwester zauberte auf Poldis stilltrauriges Gesicht ein Lächeln. Sie ließ sich willig den Arm schlenkern und sah mit mütterlicher Zärtlichkeit auf den kleinen Wildfang.

»Aber Katherl,« glaubte sie nach einer Weile tadeln zu dürfen, »wia schaust denn du nur aus? Ganz z'raft und erhitzt.«

Katherl hob ihr Gesicht zu dem der Schwester und mit dem Beobachtungsvermögen der Kinder hatte sie die noch nicht verwischten Spuren der vergossenen Tränen entdeckt. Und diese Entdeckung bewog sie, augenblicklich ihr Hüpfen einzustellen.

»Gelt, Poldi,« fragte sie mit liebevoller Neugierde, »du hast g'want?«

33 Poldi wurde über und über rot.

»Geh, Batsch, was du dir eigentlich einbild'st? Möcht wissen weg'n was. Die Aug'n hab' i halt rot vom viel'n Nah'n, das muaßt do einseg'n.«

Katherl schien nicht sehr überzeugt. Aber da sie fühlte, der Schwester eine Verlegenheit bereitet zu haben, unterdrückte sie eine weitere Äußerung. Dann drängte auch ein sie den ganzen Tag beschäftigender Gegenstand alle weiteren Forschungen in den Hintergrund. Sie riß etwas verschämt an der Hand Poldis und flüsterte:

»Aber heut hast mir nix mit'bracht, gelt ja, Poldi? Es is do Samstag.«

Wie unbedeutend diese echt kindliche Mahnung menschlicher Begehrlichkeit auch war, sie traf das junge Mädchen wie ein schwerer Vorwurf. Was sie sonst nie vergessen, der kleinen Näscherin irgendeine Kleinigkeit an Leckerbissen mitzubringen, heute war es der Fall gewesen. Und wie bei allen liebe- und gemütvollen Menschen war die Reue eine größere, als sie die kleine Unterlassung verdiente.

Der Schmerz der letzten Stunde war urplötzlich untergegangen in der Liebe und Sorge für ihre Familie. Poldi sah nur den erwartungsvollen Blick des Kindes auf sich gerichtet; sah im Geiste eine alte abgehärmte Frau, die in harter Wochenfron ihre Glieder verkrümmte, sah einen abgetanen, müden, mißmutigen Mann, der nur eine Erheiterung kannte: ein gelegentliches Betrinken; sah eine jüngere Schwester, die in jugendlicher Ungebundenheit heranwuchs; sah 34 einen Bruder, der mit allen Anlagen ausgestattet war, der Familie ein dunkler Schatten zu werden.

Und sie selbst wehrlos gegen ein Geschick: des armen, braven, schönen Mädchens.

Ja, Poldi durfte sich nicht einmal der Schönheit eines Leides hingeben. Wie sollte ihr Zeit bleiben, einer gestorbenen Liebe nachzutrauern, wo um sie das Leben in seiner nüchternen Häßlichkeit die erste Beachtung erzwang? Und vielleicht wird die Liebe zur Familie nie vertiefter, als wenn uns das Leben in irgendeiner Art rauh mitgespielt hat.

Die schüchterne Mahnung Katherls rührte Poldi tief und sie versuchte ihre Vergeßlichkeit durch eine Notlüge gutzumachen.

»Ja waßt, Katherl, heut will i dir was b'sonders Guat's kaufen. Was glaubst? I geh' jetzt mit dir wohin. Rat amal!«

»I waß net, Poldi . . .«, sagte ratlos die Kleine.

»No, zum Zuckerbacker gengan m'r. Du därfst a G'frorn's und zwa große Schaumroll'n essen.«

»A G'frorn's? Und zwa Schaumroll'n? Is's wahr, Poldi?« Das liebliche Gesichtchen Katherls drückte höchste Freude, gemischt mit ungläubigem Staunen, aus. Die Armut ist stets mißtrauisch gegen Glücksfälle.

»Natürli is's wahr, mein Goscherl«, sagte Poldi lächelnd. »Jetzt glei gengan m'r. Ums Eck zum Zuckerbacker. Z'erst aber laß di a bißl herrichten. Mein Gott, wia du ausschaust . . .!« Und die Schwester begann in Eile das Haar des Kindes aufzulösen und zu einem Zopfe zu flechten. In einigen Augenblicken 35 war die ästhetische Wiedergeburt des Äußern Katherls vollzogen und das Zopfband präsentierte sich wieder unternehmungslustig als Masche.

Der Weg bis zum Zuckerbäcker war bei Katherl ein unendlich stärkeres Hüpfen und Tanzen als vorher.

Und als die beiden wieder das Geschäft verließen, strahlte das Gesicht eines kleinen Mädchens und waren die letzten Spuren von Trauer aus dem Gesicht eines großen Mädchens getilgt, dessen Schmerz in Wahrheit nicht viel vernünftiger war als das Glück der Schwester.


Es ist eine Wohnung gleich vielen tausend anderen. Eine Zelle im Bienenstock der Großstadt. Sie ist so ärmlich wie die alte Frau, die auf einem wackeligen Stuhl an einem wackeligen Tisch sitzt und in eine Berechnung vertieft erscheint. Drei Betten stehen noch in dem Zimmer, ein Kasten, eine Kommode, eine grün verhängte Stellage, ein zerschlissenes und zerrissenes Sofa, einige weitere Stühle und an den von der ursprünglichen Malerei fast gänzlich abgescheuerten Wänden hängen einige alte Farbendrucke, ein gestickter Haussegen, einige Photographien und eine alte Pendeluhr.

Die Frau ist mit einem geflickten Rocke und einem sogenannten Wäscherleibchen angetan, das bis über die Ellbogen die hageren, wie mumifizierten Arme freiläßt. Der ganze Eindruck ist der einer vorzeitigen Greisenhaftigkeit, denn die Rechnerin mag kaum fünfzigjährig sein. Das graue Haar hängt verwirrt und unordentlich um den Kopf. Die Finger sind so dick, 36 unförmlich und ausgewaschen, wie man sie bei Waschfrauen findet, die schon viele Jahre ununterbrochen ihrem Beruf obliegen.

Schon lange saß die alte Frau vor dem Papier, dem braunen Umschlag eines Schulheftes, und mühte sich, durch Verändern der Zahlen zu einem günstigeren Resultat ihrer Berechnung zu gelangen. Stets wieder strich sie mit mutloser Miene aus und suchte jedenfalls dem Problem nahezukommen, wie man aus einem bestimmten Betrag das Doppelte seines Wertes hervorbringen könne. Die Rechnerin war die Mutter Poldis und der kleinen Katherl. Kein Mensch hätte jemals ohne bestimmtes Wissen darauf verfallen können, sie als die Gebärerin des schönen, stolzen Mädchens und des lieblichen Kindes mit diesen in Verbindung zu bringen.

Das hastige, lärmende Hereinstürzen eines anderen Mädchens von etwa vierzehn Jahren nötigte die Frau zu einem unwilligen Umsehen. Und da zeigte sich etwas in den müden Augen, die aus faltigem Gesicht die Störerin anblickten, das an die älteste Tochter gemahnte. Wer weiß, wie schön die Mutter vor Jahren gewesen sein mochte. Aber welche Macht, Verwüstungen anzurichten, besitzt die Armut mit ihrem Gefolge allerorten!

Das hereinstürzende Mädchen war das drittälteste Kind. Aufgeschossen, mit den eckigen Bewegungen der bald Vierzehnjährigen, in Kleidern, die ihr zu kurz und zu schlotternd waren, schmutzig, zerrauft, hätte sie keinen günstigen Eindruck erwecken können, wäre ihr Gesicht nicht auffallend hübsch gewesen, wie es 37 freilich der Vorzug der jüngeren Generation Schaumann war, so hübsch zu sein, daß es den Neid erwecken konnte.

»Muatta,« keuchte Reserl, »denk' d'r nur, was g'scheg'n is.«

»Mein Gott und Herr,« sagte die Mutter mit einer zitternden und weinerlichen Stimme, die Menschen eigen, welches stets in der Angst vor einem möglichen Unglück leben, »derschreck an' net. Es wird do nix mit'n Vodan sein?«

»Woher! Ganz was anders. Neamd von uns.«

Die Frau atmete erleichtert auf.

»Hörst, wia du an' an' Schrecken einjag'n kunnt'st. Wo bist denn wieder bis jetzt herumstrabanzt? Schau di nur in Spiegel, wias d' ausschaust. Jetzt kummt glei die Poldi ham, wann dö di sicht . . .«

Ein unwilliges Achselzucken war die Antwort Reserls auf die Bemerkung von dem baldigen Erscheinen der älteren Schwester.

»Und übrigens laß mi jetzt in Ruah mit deine Dummheiten, dös d' von der Gassen hambringst. I hab' da zum rechna, daß i net waß, wo ma der Kopf steht. Und übermuring is der Zins. Wann mi nur d'r Müller vielleicht heut net aufsitzen laßt. Steherten m'r sauber da. Zwa Täg' nach'n Erst'n is die Kündigung glei im Haus.«

»Aber hör' do zua,« sagte Reserl, noch immer halb keuchend; »dann vergißt d' aufs Rechnen. Also i sitz' heut im Park und da kummt a Frau zu mir und sagt: »Sie! Da hast fünf Kreuzer, wanns d' m'r an' Gang machen willst.« – »Ja, sag' i, wohin?« 38 – »No, zu meiner Hausmasterin und sie soll mein' Mann sag'n, wann er hamkummt, daß i bei der Frau bleib'n muaß, dö ins Kindbett kumma is. Er soll ins Wirtshaus nachtmahl'n gehn. Aber daß d' m'r richti gehst! Denn sunst wann i di wiedersiech, is's Habe die Ehre mit deine Zott'n.« Waßt, Muatta, sie kummt öfters in'n Park und i glaub', sie is a Madam'«.

So wenig anregend die bisher vorgebrachten Tatsachen waren, so lauschte die Mutter dennoch dem Bericht mit einer Neugier, die das Um und Auf ihres zwischen bitteren Alltagssorgen und kleinlichem Klatschbedürfnis schwankenden Interesses bildete.

»No ja – wann's bei aner Wöchnerin bleib'n muaß, braucht s' grad ka Madam' z' sein«, meinte sie mit großer Nachdenklichkeit. »Denn i waß, wia i mit dir in dem Fall war, is aa a Nachbarin den ganzen Tag und aa die ganze Nacht bei mir g'west.«

Die mütterliche Erinnerung schien Reserl nicht zu behagen. Denn solche Abschweifungen waren imstande, ihre mit vorberechneter Bedächtigkeit aufgebaute Exposition allen Glanzes zu berauben.

»Jetzt'n – war s' a Madam' oder net, dös is Nebensach'. Alsdann, daß i dir sag' – sie wohnt im Trümmlerhaus. No, dö Adress' kenn' i do.«

Dieses neue Detail bewog die Mutter, mit vor fieberndem Interesse glänzenden Augen die Erzählerin anzustarren.

»Ah, geh! . . . Im Trümmlerhaus? – Was macht 39 denn der Trümmler? – Waß er no nix von der Tini?« Und sie faltete die Hände mit der Andacht eines ein Wunder ersehenden Beters.

»Ob er was waß! I waß selber alles. Muatta, wanns du dabei g'wesen warst . . .«

Reserl betonte die persönlichen Fürwörter.

»Du waßt was von der Tini?«

»I sag d'r ja, da hätt'st dabei sein soll'n. Aber jetzt laß mi amal derzähl'n, sunst wir i ja zum End' net firti. Alsdann, i kumm hin. Triff i die Trümmlerin vor'n Haustor und richt' ihr die Post aus. Na, mant s', i soll a bißl einikumma, mir hätten uns scho lang net g'seg'n. So geh i mit eini. Drin is der Trümmler g'sessen und hat gerad a Schwarzplattl g'füattert; du waßt, er is ja sei' Lebtag a Vogelnarr g'wesen. Du . . . i sag' d'r Muatter, net mehr zum derkennen, der Man. So weiß is er ward'n . . . G'red't hat er gar nix.

»Die Trümmlerin hat m'r an' Kaffee aufg'wart't, dann is g'fragt word'n, wia's uns geht und so weiter.«

Reserl schien ihre Schilderung mit einer umständlichen Breite auszuspinnen, die zu ihrem ersten heftigen Losplatzen der Neuigkeitswut in Widerspruch stand.

»Und dann hat s' von der Tini erzählt?« forschte mit der Beharrlichkeit einer nur von dem Schicksal einer Person eingenommenen Frau die Mutter.

»Ah, was denn net no! Die hat g'rad so viel von ihr g'wußt als i und übrigens hat ma vorm alten Trümmler nix von der Tini erzählen därf n. Alsdann,« Reserl wälzte sich in der Behaglichkeit des Wortes, »i sitz' und trink mein' Kaffee. Aber auf amal hör'n 40 m'r vom Hof a G'schra, a Massa Kinder stürzen eini und alle schrei'n: Die Fräul'n Tini! Die Fräul'n Tini!«

»Und richti . . . Wia m'r uns no anschau'n, war s' wirkli da. Du Muatta, i sag' d'r nur, so was hab i no net g'seg'n. Ganz wia a Prinzessin. Denk d'r nur, a Atlaskleid hat s' g'habt, gelbe Lackschuch, an' Hutt mit Federn und Blumen, goldene Ketten, Ring, Braßletts, Diamanten und Brillianten, und Handschuch . . .«

Reserl versagte bei Aufzählung all dieser Herrlichkeiten fast die Stimme. Auch befleißigte sie sich der Anwendung eines »Hochdeutsch«, das nur für Toilette- und Modegegenstände Gültigkeit hat. Aus einem »Huat« wird ein »Hutt«, aus einem »Schuach« ein »Schuch« und aus dem nasalen Hand wird in Verbindung mit Schuch der vokalreine »Handschuch«.

Die Mutter saß so überwältigt da wie ein Kind, das ein spannendes Märchen hört.

»Mein Gott! So a Glück . . . so a Glück . . .« vermochte sie nur zu stammeln.

»Gelt ja«, sagte mit einem Tone heiligster Überzeugung Reserl. »Aber wanns d' glaubst, daß der Trümmler an so was denkt hat, bist am Holzweg. Also – die Tini kummt eini und fallt ihrer Muatta um an Hals. Dann geht s' zum Vodan und sagt: »Grüaß di Gott, Vatta!« Der schaut s' an und mant: »Sie müassen Ihner in dem Haus g'irrt hab'n, Fräul'n. Bei uns herin' wohnen weder hohe Herrschaften no Hur'n.«

41 Auf das sagt die Tini: »Ja kennst mi wirkli nimmer, Voda? Was – da schaust halt! Dei Tinerl . . .,«

»Du Muatta . . . auf das hin geht er ins Eck, wo die Besen lahnen, packt an' und drischackt damit die Tini, was Platz hat. Die als a schreieter aussi – der Trümmler ihr nach. Unter d'r Einfahrt faßt s' no a paar Saftige aus. Vor'm Haustor steht a feiner Fiaker – Muatta, wirkli fein! Die Tini schmeißt si hinein. Der Fiaker laßt glei d' Roß rennen. Da haut der Trümmler no mit aller G'walt den Besen nach und der reißt der Tini den schön' Huat vom Kopf. Du . . . das Hallo von dö Leut' . . . Die Kinder san no langmächtig dem Wag'n nachg'rennt. I bin aa glei mit, aber nachkumma san mir den Zeug selbstverständli net. Jetzt . . . was sagst du dazua?«

Die Mutter sagte gar nichts, konnte gar nichts sagen. Ihr einfältiger Kopf hing an dem Gedanken, wie glücklich sie selbst wäre, käme ein Kind unter solchen Umständen nach Hause. In ihren Augen war der Besitz alles, seine Quelle ein Ding, nicht der Frage wert.

Stete, drückende Armut, die qualvolle Sorge von einem Tag auf den nächsten, die Plackereien in ihrem Beruf bei kärglicher Entlohnung – alles wirkte zusammen, um bei ihr in gewisser Art den Sinn für Rechtlichkeit und Reinlichkeit des Erwerbens zu trüben.

Sie war sonst wirklich und wahrhaftig eine brave, redliche Frau, die für ihre Person vor jeder Entgleisung zurückschreckte. Aber daß ein junges Mädchen aus armen Stande aus seiner Schönheit die höchst 42 möglichen Vorteile zu ziehen suchte, schien ihr fast so erlaubt wie die Ehe. Gegen die Straßendirne hegte sie den Abscheu aller ehrbaren Frauen, vor der Mätresse knickte sie zusammen.

Reserl, die sich ihrer Neuigkeit entbunden fühlte, warf sich jetzt in das offene Fenster, indem sie die Hacken emporschnellte und mit gellender Stimme einen Gassenhauer sang:

»Kinder, wer ka Geld hat, der bleibt z' Haus' . . .«

Es gibt einen Unstern im Leben, der dem Talentlosen scheinbares Talent einhaucht. Da Reserl allen Neuigkeiten auf dem Gebiet des Couplets und Gassenhauers insofern gerecht wurde, als sie unleugbar ein musikalisches Gehör hatte, so fanden sich bald einige gutmütige und »gute« Nachbarinnen, die sich's angelegen sein ließen, auf die »emanente Stimm'« hinzuweisen, womit sie einigermaßen im Rechte waren, denn die schrillen Gesänge, mit welchen Reserl tagsüber das Haus erfüllte, konnten keinen Mangel an Stimmitteln bedeuten.

»Dös Mad'l g'hörert eigentli in die Oper oder auf a Theater!« Das war die Stimme des Hauses über die Stimme Reserls, und wußten die Ratschlagerinnen einen Unterschied zwischen Oper und Theater überhaupt zu machen, so stand der allgemeinen Auffassung nach, der Vorteil entschieden auf seiten des Theaters.

Oper war ein Abstraktum, ein Begriff – Theater war etwas zum mindesten schon einmal Genossenes, also Blut- und Lebensvolles.

43 »Muatta, wann ess'n m'r denn heute? I hab' schon an' Hunger!« sagte mit einem Über-die-Schulter-Neigen des Hauptes Reserl.

»Ja freili, was denn! Du wirst's versamen. Z'erst muaß die Poldi hamkummn, dann d'r Voda . . . wo der nur wieder bleibt?«

Schritte von der Küche, die den Erwarteten vermuten ließen, ertönten. Aber nicht der Vater trat ins Zimmer, sondern Schani, das Schmerzenskind der Familie, und nicht mütterliche Liebe begrüßte ihn, sondern ängstliches Mißtrauen. Denn das Erscheinen des Sohnes war, wie die Mutter wußte, ein zur Stunde ganz ungerechtfertigtes.

»Ja, sag' m'r nur,« begann sie denn auch mit ihrer zittrigen, vor steter Angst und Sorge weinerlichen Stimme, »was machst denn du heut daham? Hast do kan' Ausgang?«

»No, daham bin i halt«, war die ebenfalls nicht eine kindliche Zärtlichkeit atmende Antwort. »Kann i net hamkumma, wann's mi g'freut? Dürft' unserana net hamkumma könna.«

»Da bist also scho wieder aus'm G'schäft?«

»Schon wieder? . . . Was du aa nur immer hast? War eh lang g'nua auf dem Rackerposten.«

»Lang g'nua . . . Mein Gott! An' Monat!«

»Fünf Woch'n scho. Ah, i wir mi vielleicht von dem Flohbeut'l pflanz'n lass'n! Fallert m'r ein. Weil i den Kramp'n, den stößerten, heut a biss'l drischackt hab', macht er mir a Manöver. Um a Roß is eahm z' tuan, um an' Menschen net. Wahr is 's,« fügte er mit einem boshaften Aufleuchten hinzu, »sauber 44 hab' i dö Bestie g'salzen, dö hamtückische. Sollt' s' eahm nur hinwerd'n, das Hundsfuatta, daß er an' Schad'n hat – auf zwa Tag' verschütt't werd'n kummert's m'r net an.«

»Ja was willst denn jetzt mach'n? Bis du wieder an' Platz find'st . . . Bist do scho überall bekannt.«

Schani war das Gespenst im Hause Schaumann. Untauglich zu allem, außer zu böswilligen, nicht mutwilligen Streichen, war er schon seit seinen Schuljahren eine ständige Qual der Familie. Zu einem Handwerk hatte er weder Lust noch Ausdauer gehabt, daher keines erlernt. So trieb er sich als Handlanger auf allen möglichen Plätzen herum, als Ziegelreicher bei Neubauten, als Taglöhner bei Erdaushebungen, dann als Helfer auf Märkten, als Möbelpacker, als Sandwagenkutscher und bei ähnlichen Verrichtungen von Leuten, die nichts erlernt haben. Trotzdem hätte er aber ein nützliches Glied der Gesellschaft werden können, hätte er es verstanden, auf einem Platze auch nur einigermaßen gutzutun. Aber roh, zügellos, zu Gewalttätigkeiten geneigt, hatte er allerorten Anstände.

Überall fand er ein Haar in der Arbeit oder der betreffende Arbeitgeber fand Schani nicht nur für unnütz, sondern manchmal geradezu gefährlich in seinem Dienste. Der schwerwiegendste Fehler des jungen Burschen war die gänzliche Nichtachtung des Besitzes anderer. Er war bis nun immer knapp der Katastrophe ausgewichen, daß sich das Gericht mit seinen Entgleisungen zu befassen hatte. Stets war 45 ihm mehr oder minder sanft der »Wurf« gegeben worden.

Dabei hatte er ein bildhübsches, weibliches Gesicht, das schon bei vielen Mädchen Unheil angerichtet hatte. Mit seinen zwanzig Jahren war er jedoch schon des Weibes als Besitz überdrüssig und so tief verdorben, daß kein weibliches Wesen ihm was anderes dünkte als ein Geschöpf, das verpflichtet war, für seine Bedürfnisse zu sorgen. Bis jetzt waren es noch immer Mädchen der dienenden Klasse gewesen, die für einen Sonntagausgang mit folgendem Schäferstündchen die Kosten aufbrachten.

Schani war schon über die Linie geschritten, die die männliche Eitelkeit bezeichnet. Ihm war es nur noch darum zu tun, leben zu können, ohne Arbeit, ohne Sorgen. Kurz und gut, er hatte sich zum Beschützer einer Dirne aufgeworfen, hielt es aber nicht für angebracht, von seinem neuen Erwerbszweig zu reden. Auf die Frage seiner Mutter, was er nun beginnen wolle, zog er einige Kronen hervor, die er ihr reichte. Wenn noch etwas an Gefühl für die Familie in ihm lebte, so war es gerade nur die alte Frau. der er dieses Gefühl zuwendete.

»So, Muatta, da hast a paar Kranln, laß d'r's davon guat gehn. I hab' scho an' neuchen Platz und an' bessern, sunst hätt' i den jetzigen net fahr'n lass'n. I hab' jetzt an' Deanst g'numma, wo i lang net hamkumma wir. Denn Gott sei Dank, mir san net engbrüsti und wissen, daß das Leb'n an' Kern hat. Also pfiat di g'sund. In Vodan kannst ma aa schön grüaßen lassen. Er soll net so viel sauf'n, 46 sag' eahm aa. Denn mit sein an' Flügel kunnt eahm amal d' Balanz o'gehn und dann is oha! Und dem Rotzmensch, der Poldl, sag' nur ans: wann i s' no amal mit an' so an' g'fehlten Gigerl derwisch' reiß i eahm ane, daß er an' Stern schlagt bis aufs and're Trottoar. Dö soll si an' ehrlichen Kerl aus 'n Volk nehmen, net so aa G'spiel, dös i mar aufs Hüatl steck'.«

In Schanis Worten war vieles bemerkenswert. Seine Schonung der mütterlichen Gefühle, seine Warnung an den Vater (das wegen des »Flügels« war eine ausgemachte Roheit) und seine Besorgnis um die Schwester, die diese Besorgnis weder verdiente noch beanspruchte.

Frau Schaumann hatte der Anblick der paar Geldstücke und die kindliche Abschiedsrede des Sohnes weich gemacht.

»Aber schau, Schani, alle vierzehn Tag' wirst di do amal anschau'n lassen können. Hab' immer a Freud', wann i meine Kinder recht beinand' hab'.«

»Is scho guat,« sagte der gemütvolle Sohn, »wann i die Zeit find', was i aber so bald net glaub'. Na alsdann, pfiat hab' i mi, dös bißl Wäsch und G'wand, was i da hab', kann d'r Voda trag'n, oba net wohin . . . Sunst is nix mehr zum sag'n.«

Reserl, die von Schani ziemlich unbeachtet, dessen Erzählung mit ungläubigem Gesicht zugehört hatte, schrillte jetzt in den Austausch von mütterlicher und kindlicher Zärtlichkeit.

47 »Net wahr is's, Muatta, gar net wahr is's. Aeui . . . fixt, i waß alles . .«

»Rabenviech, ölendig's, was waßt? Red', sunst derwürg' i di. Mistfetz'n! Was waßt?« Schanis weibisches Gesicht sah unheimlich aus.

Reserl ließ sich nicht einschüchtern.

»I hab's g'hört, Muatta. Der Kastranek Loisl hat's im Park denen andern derzählt. A Treiber bist . . Ja, mit der Paruck'npepi gehst. Destweg'n hast aa a Geld.«

Schani, außer sich vor Wut und ungezügelter Roheit, wollte sich auf die Schwester stürzen. Doch diese entschlüpfte ihm flink unter den Armen und stand nun in der Tür, von der sie höhnend gellte.

»Beinltreiber! Beinltreiber!«

Dann war sie draußen und lief wieder auf die Straße, eigentlich in den Pfuhl. Denn das ist die Straße für die Kinder der Armen. Man sieht, Reserl war so aufgeklärt, als es ein kaum vierzehnjähriges Mädchen nur sein konnte. Die Mutter war jedoch weniger von dieser Aufklärung als von der auf Schani Bezug habenden entsetzt. Ihr alter, verwirrter, selbst kupplerischer Kopf, soweit es sich um Mädchen handelte, die »Grafen und Fürsten« als Galans hatten, konnte den Gedanken nicht fassen, den einzigen Sohn einem so schmählichen Erwerb nachgehen zu sehen.

Etwas von der herben Ehrenhaftigkeit ihrer Mädchentage lebte wieder auf. Sie fragte mit einer ganz fremden, harten Stimme:

48 »Is das wahr, Schani? Sag' m'r, is das wahr? Sollt'st di so weit vergess'n hab'n? Dann nimm dein Geld. Na . . . liaber verhungern, als von so an' Geld leb'n!«

Schanis vorher noch so wutverzerrtes Gesicht war bleich geworden. Die ungewohnte Energie der Mutter verfehlte ihre Wirkung nicht. Es war vielleicht der Notschrei des eingekerkerten, schmachtenden, zweiten, besseren Menschen in ihm, dem er einem Atemzug lang lauschte. Denn er – log.

Diese Lüge war jedenfalls eine ehrenhaftere Handlung als die zynische Wahrheit. Er täuschte gutmütig die erregte Frau auf seine Weise.

»Muaßt denn so an' Mensch dös glaub'n? Trauri gnua, daß s' schon solche Sachen daherred't. Jetzt is s' dreizehn Jahr' vorüber und führt an' Dischkurs, wia wann s' selber ane war'. Daß d' ihr dös Strawanzen aa so erlaubst. So a Madl g'hört ham, net allweil in 'n Park.«

Wie sonderbar sich eine Moralpredigt von solchem Munde ausnehmen mochte, aber Schani hatte recht, bitter recht, wenn auch nicht gegen die Mutter, auch nicht gegen die Mütter im allgemeinen.

»Destweg'n, daß da alle Kinder schlecht werd'n müaßt'n, dö auf der Straßen herumlaufen, is do net notwendig«, verteidigte Frau Schaumann Reserl ihrem Sohne gegenüber. »I bin aa amal mehr auf der Gassen g'west als daham und bin do immer brav 'blieb'n. Aber du, Schani, tua m'r dö Schand' net an, nur die anzige Schand' tua m'r net an.«

49 »Was d' nur immer hast'« murrte Schani unbehaglich, »wann i d'r eh scho g'sagt hab' . . . Da pass' liaber auf d' Poldl auf, war' g'scheiter. I hab' s' heut vur net ganz aner Stund' g'seg'n mit so an' Lack'l, dem i 'n Wurf gabert, wann er si da no amal in der Näh' anschau'n liaßt. I kann amal die G'wissen nöt leiden, denen m'r grad guat san, wann s' uns're Mad'ln verzarr'n können. I hab' d'rs gesagt, und nomal Serwas.«

Hätte Schani die Wahrheit gesprochen und hätte er wirklich Besorgnisse wegen der Ehre seiner Schwester gehegt, wie seine Worte ausdrücken sollten, so wäre er bei all seiner Roheit eine ehrenhafte Natur gewesen. Aber Poldis Wohlfahrt lag ihm nicht im mindesten am Herzen. Im Gegenteil, wenn er jemanden aus vollster Seele haßte, so seine schöne Schwester.

Diese allein wußte in der Familie all die glänzenden Eigenschaften des einzigen Sohnes gebührend zu schätzen. Seine Arbeitsscheu, seine Genußsucht (wenn die Gier nach rohen Genüssen so genannt werden konnte), seine Tücke, Roheit und Feigheit. Besonders die letzte haßte das stolze Mädchen am meisten.

Schani meinte nun seinen kindlichen Regungen genugsam Freiheit gelassen zu haben. Er kehrte nun wieder das hervor, was er als männlichen Stolz empfand, indem er sich ohne jeden weiteren zärtlichen Gruß als mit dem kollegialen »Serwas« entfernte. Und dies mit dem wiegenden, auftretenden Gange, der auf naive Mädchen der untersten Schichten als der beste Beweis edler Männlichkeit wirkt.

50 Frau Schaumann war nach der kurzen Anwandlung ganz ungewohnter Energie in ihre alte Stumpfheit verfallen. Sie nahm wieder die alte Berechnung vor und dachte wieder nur an das alte Problem, wie aus einer Krone der Werteffekt zweier zu ermitteln wäre. Sogar die Angelegenheit der Trümmler Tini, so aufregend sie für einen Augenblick gewirkt, schien vergessen.

Aber wie, wenn in diese ärmliche Wohnung plötzlich der Frühling hereingestürmt wäre, so wirkte das Erscheinen der ältesten und der jüngsten Tochter. Zwar war dies nicht bei der Mutter der Fall, auf die sich Katherl stürzte.

»Muatta . . . Muatta, denk d'r nur . . .«

Diese Worte waren für die alte Frau gerade geeignet, sie vor die Wahl zwischen größter Besorgnis und brennendster Neugierde zu stellen. Zwei Extreme, denen sie außer ihrer gewöhnlichen Stumpfheit ausgesetzt war. Ihr kurzes Gedächtnis, das in einer Minute ein vorhergegangenes und zu erwartendes Ereignis in einen ziemlich unordentlichen Wirbel verflocht, zauberte mit Macht die Episode der Trümmlerschen Hausjustiz vor Augen, während sich zu gleicher Zeit die nie ruhende Furcht meldete, dem Vater könne etwas geschehen sein.

Katherl entriß sie gleich allen Mutmaßungen, indem sie ihr Zuckerbäckerabenteuer zum besten gab. Damit hatte sie aber wenig Glück bei der Mutter, die, nun selbst das: »Grüaß di Gott, Mutter!« Poldis ganz überhörend, sich entrüstete:

51 »Sag m'r nur, is das notwendi? So a Massa Geld! Um zwa Kreuzer Zuckerln hätten's aa 'tan. Mein Gott! Wann's Geld so aussig'schmiss'n wird . . .«

Poldi, die sich ihres Hutes entledigt und ihn auf das Bett neben die Rose gelegt hatte, besänftigte ruhig die Aufgeregte.

»Aber geh . . . weg'n die paar Kreuzer . . . Soll denn 's Kind net aa amal a Freud' hab'n? Gelt Katherl, guat war's.«

»O ja.« Die Kleine drängte sich nach Art von Kindern, die einen errungenen Vorteil der Gebelaune auszunützen gedenken, an die Schwester: »Aber gelt, Poldi . . . die Blumen schenkst m'r aa.«

»Die Hand von derer Blumen. Kinder brauchen net all's z' hab'n. Die Ros'n wirst in Ruah lass'n.«

Katherl blickte verschüchtert auf Poldi. Denn diese war plötzlich ganz rot und erzürnt geworden. Die Mutter schüttelte mißbilligend das Haupt.

»I begreif di wirkli selber net. Für Zuckerbackerei'n gibst a Massa Geld aus und die dumme Blumen neid'st ihr eini. Muring is s' eh verwelkt.«

Poldi wußte es nur zu gut. Morgen war alles verwelkt, selbst die dumme, träumerische Erinnerung, die nur etwas ganz Unnützes gewesen wäre, mußte mit morgen zu welken beginnen. Aber ihre Heftigkeit reute sie.

»Es is nur weg'n dem, daß a Kind net all's z' hab'n braucht, was ihm g'fallt. Was tät' s' denn aa mit der Ros'n? Für sie is no a Backerei 's beste. Und am allerbest'n is, sie waß amal nix von Ros'n, die . . . die . . .«

52 Und Poldi wendete sich ab, da ihr der Geber der Sommerkönigin und der letzte Abschied von ihm aufs neue in den Sinn kamen. So stark sie es unterdrücken wollte, es brach sich mit einigen verhaltenen Erschütterungen los.

Kleine Mädchen und alte verwirrte, gedankenlose Frauen werden oft hellsehend. Katherl, im Bestreben, die gute große Schwester zu trösten, sagte teilnahmsvoll:

»Gelt Poldi, sixt, i hab' do recht g'habt. Du hast heut scho g'want. Geh, warum denn?«

Und die Mutter erinnerte sich plötzlich der Worte Schanis, sie klangen ihr so im Ohr, als wären sie eben gesprochen worden. Weil aber Liebesgeschichten, mögen sie wen immer betreffen, auf alle Frauen eine besondere Anziehung ausüben, selbst auf sehr weißhaarige, so lautete die mütterliche Frage:

»Alsdann is do was dran? Gehst wirkli mit an'? Oder is 'scho aus? Kränk di net,« folgte die Tröstung, »d' Männer san's gar net wert. I hätt' an euchern Vodan aa nix verlur'n g'habt, kannst mir's glaub'n.«

Die liebevolle Darstellung des Verhältnisses zum Manne im allgemeinen und besonderen hätte Poldi ganz ruhig gelassen. Aber die Worte: »Gehst wirkli mit an'?« bekundeten den Hinweis auf die Kenntnis eines Geheimnisses, das Poldi als ihr heiligstes betrachtete.

Diese Erfahrung machte ihre Tränen rasch trocknen. Sie wendete sich jäh zur Mutter:

»Was waßt du? Wer hat dir was g'sagt?«

53 »No, der Schani hat di g'seg'n und hat g'mant, es war' besser, ma' gebert auf die acht als auf eahm. Und i bitt' di, laß di nur net wieder mit eahm vorm Schani anschau'n!«

In diesem einzigen Worte »eahm« lag die einfache Anerkennung eines Verhältnisses, die mütterliche Billigung desselben, unbekümmert darum, daß sie von dem Geliebten ihrer Tochter nichts als eine nebelhafte Vorstellung besaß. Nach der Schilderung Schanis schien er den besseren Ständen anzugehören und das schmeichelte wieder der mütterlichen Eitelkeit.

Poldi hatte das beschämende Gefühl, von einem beobachtet worden zu sein, den sie zu ihrer Schande Bruder nennen mußte.

»Also der Schani? Glaubt der vielleicht, daß er mir Vorschrift'n mach'n kann? Auf mi achtgeb'n . . . Am End', weil er a Mannsbild is, wia freili so leicht kan's mißrat'n sein kann? Wann hat er dir denn was d'rzählt?«

»Net lang, bevors d' kumma bist. Er war heut da. Er hat sein' Platz aufgeb'n . . .«

»Ah so . . . Also wieder amal? Und mir scheint, das is für den gnädigen Herrn Grund g'nua, auf mi aufz'passen. War' wirkli g'scheiter, er schauert auf si selber. Jetzt hast eahm wieder a paar Wochen am G'nack! I sag d'r nur an's, Mutter: z' Haus leid' i 'hn nimmer. Vielleicht sollst dir für eahm die Nägel vom Fleisch arbeiten, daß er z' Haus faulenzt? Der Schuft kummt mir nimmer herein.«

Poldi hatte es mit der größten Erregung gesagt, 54 die nur zu deutlich ihren festen Willen bekundete, dem tagediebischen Bruder das Haus zu wehren.

»Da brauchst di net z' fürchten, daß mir 'hn daham hab'n. Er hat scho an' andern Platz, an' bessern, hat er g'sagt, und er wird lang net hamkumma. Da schau her, das hat er mir geb'n, ehnder als er weg is«, und Frau Schaumann zeigte voll Triumph die paar, ihr von Schani überlassenen Geldstücke. Mit der unverständigen, oft frevelhaften Liebe aller Mütter hing ihr Herz an dem einzigen Sohne, der sich bis nun dieser Liebe in keiner Weise würdig gezeigt hatte.

»Warum is er denn wieder weg von dem Platz?« forschte Poldi. »War aa a Platz! Wann man bedenkt, a Weanakind und a Ziagelkutscher, wo jeder zuagraste Böhm' bei uns den gnädigen Herrn spielt und blast, als wann eahm ka Mensch gleich war'.«

»Jekerl – a Roß hat er halt geschlag'n. Und da is sein Herr gifti word'n. Dürft' er an' umbracht hab'n.«

»Schaut eahm gleich«, sagte Poldi voll tiefster Verachtung. »Viecher martern is ka Kunst. Und was will er denn jetzt anfangen?«

Katherl fiel der Schwester in die Rede.

»Du, Poldi, die Reserl hat heut g'sagt, der Schani is a Treiber. Sag' mir nur, was is denn das?«

Wenn ein Engel eine Gotteslästerung ausgesprochen haben würde, die Wirkung auf Poldi hätte keine geringere sein können, als sie die wenigen kindlichen Worte ausübten. Sie sah fassungslos von der Schwester auf die Mutter, wie um die Bestätigung eines Unfaßbaren zu erhalten.

55 »Ja, Katherl,« konnte sie endlich hervorbringen, »wer hat dir denn so was g'sagt? Die Reserl? Um Gottes will'n! Wer lernt den Kindern solche Sach'n?«

Die Mutter fand an der Äußerung weniger Anstoß. »Aber so was hör'n s' halt red'n und plappern s' dann nach. Die Reserl hat mir aa so was g'sagt. Der Schani leugn't's aber. 's wird halt do nix dran sein.«

»Aber i bitt' di, Mutter, so was laßt d'r ruhig von die Kinder erzähl'n? Begreifst denn net . . .? Jetzt aber lass'n m'r das! Da drüber red'n m'r dann allan. Nimm z'erst dein Geld.« Poldi zog ihre Börse und überreichte der Mutter den armseligen Verdienst, den die Erzeugerinnen des Luxus gemeinhin für sich in Anspruch nehmen dürfen.

Frau Schaumann wurde durch den Anblick des Geldes wieder zu anderen Sorgen und Betrachtungen hingelenkt.

»Wann nur übermurg'n net der Zins wär'! Was i heut scho rechn', und rechn', es geht si für die nächste Woch'n umadum net aus. Wann nur der Müller net am End' heut sein' Tag hat. I hab' eahm in d'r Fruah so aufbot'n, er soll nur dö Woch'n g'scheit sein . . . Du liaber Himmel, was ma für a G'frett hat.«

Katherl gelüstete es nach der Straße. Ihre höchste Autorität war zur Zeit der Anwesenheit Poldis stets diese. Daher schmeichelte sie der Schwester.

»Poldi, gelt i därf no a bißl in 'n Park obigehn? Mir tan durt Indianer spiel'n. Ja? Waßt i bin a Squaff, die was g'raubt wird. Der »schwarze Grizzli« is mein Rauber und der »schleicherte Kojott«, dem 56 wir i g'raubt. Ja, Poldi? Und dann wird der Bechner Toni am Marterpfahl an'bunden und die Indianer schiaßen alle mit Papierschleudern auf eahm. Und dann möcht' i aa derzähl'n, daß i a G'frornes 'gessen hab' und zwa Schaumroll'n. Gelt ja, Poldi, i därf obi? Zum Nachtmahl kumm i ham.«

Poldi wollte anfänglich in Hinsicht der vorgerückten Stunde die Erlaubnis verweigern. Kinder gehörten ihrer Ansicht nach um diese Zeit nach Hause. Dann überlegte sie jedoch, daß die Schani berührende Angelegenheit vor allem ins reine gebracht werden müsse, wobei Katherls Ohren entbehrlich waren. Und überdies hatte die kleine Schmeichlerin bettelnd und spielend ihre Finger in die der Schwester verflochten und hüpfte in ungeduldiger Erwartung der Erlaubnis unausgesetzt hin und her, so daß sie diese erhielt, mit der Mahnung, baldigst wieder zum Abendessen zu Hause zu sein.

Mit einem freudigen »Huugh« stürmte die Kleine hinaus.

Poldi nahm das Wort.

»Weil m'r allan san: sag' m'r nur, was red't denn das Kind da z'samm'? Das sollt' s' von d'r Reserl g'hört hab'n? Denk' nur, das Madl is schon in an' Alter, wo vieles für sie nimmer paßt. In die Parks wird aa was z'sammg'redt, für das si oft die Alten schamen sollten. I merk's scho lang, daß die Kinder ganz verwahrlosen.«

»O mein Gott und Herr!« jammerte die Mutter, »wo soll i s' denn in ganzen Tag lass'n? Bin denn i daham? Nach der Schul is für die Kinder erst die 57 Zeit, daß sie si a bißl austob'n. Was soll'n s' denn aa anfangen? Übrigens, bei unserer Rass' . . . da därf m'r net so hakli sein. Wer hat denn auf di achtgeb'n können? Hauptsach' is, daß s' a brav's Madl bleibt.«

Unter brav bleiben verstand Frau Schaumann eigentlich nur, daß ein Mädel kein uneheliches Kind nach Hause bringe und keine Straßendirne werde. Ganz anders verhielt sie sich aber zu dem Nichtbravbleiben, wenn damit ein Aufstieg wie der der Trümmler Tini verbunden war. Es war keine laxe Moral, die so denken hieß, sondern ganz einfach der Vergleich zwischen ihrer Armut und einem arbeitslosen, üppigen Wohlleben.

»Um das handelt si's ja«, erwiderte Poldi. »Wia kannst es an' Kind verarg'n, wann's net brav bleibt, wo's rundumadum nix hört und siecht als Schlechtigkeiten. Es is a Jammer, wann ma zuaschau'n muaß und kann net helfen. I hab schon dran denkt, daß i d' Katherl in a Kloster gib, wann's halt nur net so viel kostert. Sie lernert dort was, hauptsächlich a Manier, andererseits fürcht' i wieder, daß s' a Betschwester wird.«

Die Andeutung dieses Planes stieß aber bei der Mutter auf energischen Widerspruch.

»I begreif' di gar net, Poldi, wos d' nur hindenkst? Hab'n m'r's denn gar so dick? I zerbrich m'r 'n Kopf, wia i m'r's einteil, und du möcht'st 's Geld auf so a Art aussischmeißen.«

Poldi beruhigte die Erregte mit dem Hinweis auf die Undurchführbarkeit dieses Planes eben wegen der Kostenfrage.

58 »Lass'n ma's jetzt, Mutter, und hoffen m'r, daß 's ka schlecht's End' nimmt. Bei der Reserl wir i froh sein, wann s' aus der Schul' kummt. Die muaß glei in a Lehr'. Haßt, bis dorthin . . . I spekulier' scho die längste Zeit über was. Dann kunnt'st du daham bleib'n und die Wirtschaft führ'n und mir hätt'n an' anständigen Haushalt, wia er si g'hört.«

Die alte Frau horchte hoch auf.

»Du manst, i brauchet nimmer ins Waschen gehn?« Es verschlug ihr fast den Atem.

»No ja, waßt Mutter, es is ja nur derweil so a Idee, wia g'sagt. Vorderhand denk' liaber aufs Nachtmahl. Die Kinder werd'n bald z'ruckkommen und aa d'r Vota . . . Wo der nur so lang bleibt?«

»Jessas, heut is Samstag«, jammerte die Mutter. »Da find't er alleweit seine Spezi, die ihm was z' trinken geb'n, und 's Malör is firti. Er waß, er soll nix trinken, er vertragt nix, aber na! Justament! Herrgott, was i mit dem Mann g'straft bin.«

»Horch!« sagte Poldi, »da kommen schon die Kinder z'ruck!«

Reserl kündigte sich von draußen an, indem sie mit ihrer schrillen Stimme sang:

»Küssen ist keine Sünd' mit einem schönen Kind . . .«

Dann stürzten die beiden Mädchen herein und brachten die Nachricht, daß der Vater komme.

»Aber net ohne!« sagte Reserl mit Beziehung auf einen gewissen Zustand. Poldi erblaßte.

Schwerfällige, unsichere Schritte ließen nicht allzulange auf sich warten. Und auf der Schwelle stand 59 eine Gestalt. Ein einarmiger Mann mit blassen, bis auf die Knochen eingefallenen Wangen, großen, fiebrigen Augen und hagerem, schlotterigem Körper. Und dieser Einarm hielt sich mit der Linken an den Türpfosten, alle Anzeichen der Trunkenheit zeigend.

Der Krüppel war Poldis Vater. Und das alles war Poldis Heim und Familie. 60

 


 

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