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Töchter

Karl Adolph: Töchter - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleTöchter
authorKarl Adolph
year1921
firstpub1914
publisherAnzengruber Verlag
addressWien / Leipzig
titleTöchter
pages419
created20130620
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel

Macht eine tausendmal gesagte Prophezeiung wahr und trennt zwei Freunde auf immer. Ein Testament und ein Brief, der beweist, daß man auch innerlich sehr lustig sein und lachen kann. Gustl legt die »Standratsch'n« endgültig ab.

Die Idylle webt um die Gasse wie immer. Wieder mühen sich viele kupierte Pferdeschweife vergebens, die Fliegen abzuwehren. Wieder sitzen die Kutscher entweder auf dem Bock oder in dem Fond ihres Wagens, auf Fahrgäste harrend, oder auf der vor dem Standgasthause befindlichen Bank oder in diesem selbst.

Derselbe Kellner träumt in sein Hangerl, derselbe Schankbursche »tunkt« am Eiskasten, nur ein anderer, ganz kleiner, ganz neuer Pikkolo macht beim Eßzeugputzen drollige Bewegungen.

Aber eines fehlte heute: die »Standratschen« ist verstummt und sitzt grämlich auf der Bank. Ja, Gustl hat zur Bestürzung und Betrübnis aller Kollegen seit langem seiner Zähigkeit im Schimpfen entsagt. Er umkreist gewöhnlich den »Kellerlacher« mit der 343 scheuen Zärtlichkeit, die es vermeidet, sich aufdringlich zu machen, sich aber dennoch stets bemerkbar macht.

Seit dem traurigen, ach so todtraurigen Ende der hübschen, lustigen Mirzl war der alte Sedlmaier tot. Was übrig geblieben, war ein lebender Automat, dem keine Seele innewohnt.

Die Blicke der Liebe und Freundschaft sehen schärfer als die des besten Weidmanns. Gustl hatte erkannt, daß bei seinem Freunde etwas gebrochen, unheilbar ruiniert worden war, das keine irdische Gewalt mehr instand setzen konnte.

Herr Brückl erschien dem Unbefangenen wie stets. Seinem Steingesicht konnte man ja keinerlei Regung anmerken, weder früher noch heute. Aber Gustl täuschte sich nicht. Er sah aus seinen rotgeränderten Augen nach dem Freunde, wie vielleicht ein alter, triefäugiger Hund nach seinem Herrn, dem er einen Kummer anmerkt. Er sah förmlich, wie ein erstickter Gram diesen wuchtigen Körper zerfraß, aber nach innen, allen unsichtbar, nur dem einen nicht, der mit der Sorge einer mütterlichen Kreatur beobachtete. Aber – die »Standratschen« sah mit Augen, die leider Gott so wenigen gegeben wurden, sonst täten wir uns einander alle so viel weniger Leid an. Und deshalb verstand man den armen Gustl ebensowenig wie den armen trauernden Vater.

»'s stirbt an' jeden wer,« sagte der Kollege, dessen im ersten Kapitel erwähnte Stimme an alles andere eher mahnte als ans Schluchzen der Nachtigall; »aber daß 's just an' andern so packt, versteh' i net. Die 344 Standratsch'n is a guate Haut und a fermer Kerl, der si um mehr kümmert, als eahm angeht. Wann er wenigstens wieder amal schimpfen tat'. Paßts auf, das tat eahm aufriegeln und 'n Toberl machert's aa a Freud' denn i muaß sag'n, der Mann g'fallt ma net recht. So gar nix dergleichen tuan, als ob ma ka Kind verloren hätt', kommt m'r net recht geheuer vur. Dafür, wann vielleicht die Standratsch'n wieder amal möcht' . . .«

»Der Erdzeisl sollt' 'hn wieder amal raz'n. I waß 's no von früher her. Da hat's a Wort 'tan.«

»Leicht g'sagt. Waßt do eh, daß er 's amal probiert hat. Da hätt's aber Watschen g'regn't vom Gustl, daß der Erdzeisl net mehr 'braucht hätt'. Abfahr'n hat er müass'n.«

Die letzte Äußerung bezog sich auf das Bemühen des jungen, spitzbübischen Kollegen, wie in früheren Tagen seine mephistophelischen Künste spielen zu lassen, indem er eine angeblich verletzende Äußerung Herrn Brückls gegen Gustl vorbrachte. Das alte bewährte Belustigungsmittel versagte jedoch nicht nur gänzlich, sondern schlug in sein Gegenteil um.

Der wackere Gustl hatte diesmal, zum erstenmal im Leben, kein Wort für seine Wut gefunden, sondern den lustigen Verleumder an der Kehle gefaßt und sich bereit gemacht, ihn gehörig abzuohrfeigen. Der »Erdzeisl« hatte von der Stunde an den Grimm der teuren, verletzten Freundschaft respektiert. Alle fanden, daß da ein seelisches Ereignis sich vollzog, das zu ehren war . . .

Heute nun saß der Kellerlacher wie gewöhnlich auf dem Bock seines Zeugls, rauchte eine Virginia und 345 drehte nach alter Gewohnheit eine Zündholzschachtel mit der Linken. Was er wohl dachte? Was in seinem Innern vorging? O – unendlich vieles. Gleich dem alten Trümmler zerfraß ihn der Gram. Aber nicht der um einer wirklichen oder eingebildeten Schande willen, die sein Kind über ihn gebracht.

Hätte es nur gelebt! Die Schande hätte sich tilgen lassen. Heute könnte seine Mirzl eine lustige Delikatessenhändlersfrau sein, gleichwie die Sedlmaier Annerl eine lustige, gesunde Fleischhauermeisterin. Was wäre daran gelegen, wenn sie den Pomadenkopf geheiratet hätte? Ein Schwiegersohn, nach der Lieblingsvorstellung Herrn Brückls, wäre es wohl nicht gewesen. Aber Brückl war zu klug und menschlich, um seine Vorliebe in die Wagschale zu werfen. Nur leben hätte sein Kind bleiben sollen, nur leben, um seinem Vater bei dessen Wiedersehen blanke Zähne und blitzende Augen und einige Enkel zu weisen. Und nicht so hätte es scheiden sollen . . . lieber Gott! So nicht . . .

Und in diesen Gram mischte sich noch ein anderer, den Außenstehende vielleicht belächeln mögen, der aber mit der Sinnesrichtung eines Mannes im Einklang stand, der mit Blut und Seele und Stolz – Fiaker war; das greuliche Gespenst Taxameter wollte nicht zur Ruhe kommen. Man wollte die »höchste Spezialität der Welt«, den Wiener Fiaker, ganz einfach vernichten. Man wollte aus einer Seele einen Automaten machen, wie man aus lustigen Wirtshäusern Automatenbüfetts zu errichten sich bestrebte.

346 Nach Ansicht Herrn Brückls (der glücklicherweise den Autotaxi nicht mehr erleben sollte) war eine solche an den Wagen angebrachte Maschine etwas, das dem Brandmal ehemaliger Sträflinge glich. Es kam gleich (oder stand in gleichem Range) wie der geschorene Kopf eines Zuchthaussträflings.

Es war wahrhaftig ein lächerliches Vorurteil; aber Vorurteile sind Pflanzen, die man mit Bedacht ausrotten muß. Sonst rächen sie sich durch eine Saat, die niemand voraussieht. Verletzte Vorurteile haben die Weltgeschichte gar oft bestimmt.

Es liegt eigentlich nur an Liebe und Verstehen, wie bei allen Dingen, die das Hin- und Herrennen unseres Ameisenhaufens regeln sollen.

Vorurteile bedeuten eigentlich genau genommen Zähigkeit. Und diese wird nie in einem Anprall erschüttert. Also mag auch nicht mit der Gemütsverfassung Herrn Brückls gerechtet werden, die neben dem Kummer um eine auf so grauenvolle Art dahingeraffte Tochter noch den über die Zukunft seiner Fuhrwerkszunft aufkommen ließ. Dieser Kummer war vorhanden, also Ehre ihm, denn . . .

Ich glaube, in der Zeit, in der ich diesen kurzen Betrachtungen nachhängen konnte, war der Kellerlacher nimmer. Er war von seinem alten Standplatz, seinem Fuhrwerk, seinen Rappen, den Kollegen und von Gustl für alle Ewigkeit getrennt.

Er griff nämlich plötzlich mit beiden Händen in die Luft, dann nach seinem Herzen (Virginia und Zündholzschachtel fanden ihren Besitzer niemals wieder), ließ das Haupt tief auf die Brust sinken und machte 347 Anstalt, von seinem Bocksitz herunter zu fallen. Aber Gustl hatte gewacht. Er hatte den raschen Vorgang bemerkt, ein jähes Erbleichen des sonst tintenartig violetten Gesichtes und rasch hinzuspringend kam er gerade recht, seinen Freund, Chef und Fuhrgenossen in den Armen aufzufangen.

Herr Brückl hatte im letzten Kampfe die seinen um den Hals des sonderbarsten und treuesten Freundes geschlungen . . .

Was die »Standratschen« so oft und als letzte Steigerung ihres meist unerforschlichen Grimmes ausgestoßen – nun hatte es sich erfüllt. Gustl zog den »Kellerlacher« »wia a alte Fuaßdack'n« zur Erde und der war »so kasweiß, wia er amal bluatrot ausg'schaut hat.«

Andere Kollegen waren auf den Vorgang aufmerksam geworden und Gustl zur Hilfe beigesprungen. Man bettete Herrn Brückl in seinen Wagen, riß ihm Rock, Weste und Hemd auseinander, besprengte, überschüttete ihn vielmehr mit rasch aus dem Stammgasthause geholtem Wasser – aber alles vergeblich. Unter zwei kohlschwarzen Wülsten starrten zwei verglaste Augen empor zur blauen, wolkendurchschifften Ferne . . .

Es gibt eine Tragik und Lieblichkeit der Ereignisse, die von der Form, in der sie sich abspielen, gar seltsam abstechen. Gustl, der mit schreckensstarren Blicken die Wiederbelebungsversuche verfolgt hatte, umtanzte, zu sich gekommen, den Wagen wie in früheren Tagen und machte seinem Namen »Standratsch'n« alle Ehre.

348 »Toberl,« brüllte er, »Toberl, i bitt' di – tua ma das net an! Du, i sag' d'r's, Toberl, geh, mach' kane faden Tanz!«

Gleich, als wäre es seitens Toberls ein unziemlicher Scherz gewesen, zu sterben.

»Schau, Toberl, wann i di net für allweil wia an' alten Lausbuab'n anschau'n soll, mach' kane Witz'! I bitt' di . . . spiel' die net! Du waßt, i versteh' a bißl an' Gspaß . . . Toberl . . . geh, Toberl, schau mi an!«

Er ersah die weggeschleuderte Virginierzigarre, und wie wenn er das Mittel gefunden hätte, den sich breitmachenden Tod zu bannen, hielt er dem Freunde die Zigarre entgegen.

»Da rauk weiter, Toberl, hörst . . . Da hast dei Zigarrl. Am End' is d'r vielleicht drauf schlecht wurd'n?«

Lustigkeit, Ehrlichkeit, Würde, Liebe, Freundschaft – alles kann bis zur Täuschung ähnlich als wahr vorgespiegelt werden. Aber echte Verzweiflung äußert sich und scheidet sich wie Gold von unechtem Metall. Es war sonderbar, zu sehen, wie komisch sich der arme Gustl im Übermaß seines Schmerzes ausnahm und wie ernst allgemein diese Äußerung von den Umstehenden aufgenommen wurde. Unaufhörlich brüllte er:

»Toberl . . . Toberl, tua m'r das net an! Schau, hab i d'r jemals was Schlecht's nachg'sagt? Hab i di amal beleidigt? Du, Toberl, hurch zua, da kummt dei Mirzl . . .«

349 Wer weiß, welcher fabelhaften Erfindungen sich der arme Sedlmaier Gustl noch weiter schuldig gemacht hätte, würde ihm der Schmerz nicht endlich die Stimme gebrochen haben.

Aber Mirzl brauchte durch keine Vorspiegelungen ihrem Vater beschworen werden. Sie stand leibhaftig vor der lichten Pforte, von der unsere Dichter uns sagen, und die wir in Wahrheit ja alle einst betreten wollen; sie stand da, schön und lieb wie einst, und lächelte ihrem Vater entgegen. Und wenn der Kellerlacher wohl nie im Leben vermocht hatte, sein Kind zu überzeugen, daß er ihr Lächeln erwidern könne – nun tat er es jedenfalls.

Wenn ein komischer Anblick eines Menschen rührend und der rührende Anblick komisch zu wirken vermag, diese Darstellung war durch Gustl gegeben, der unter einer Flut von Tränen um sich blickte. Er selbst hätte wohl zuletzt behauptet, daß er schön wäre; aber in diesem Augenblicke war er von der Schönheit wie ungefähr ein kleines Mädchen, das seine von Leid überfließenden Augen zu einem Strafenden oder Peinigenden erhebt. Die Blicke Gustls wanderten so jammervoll und hilflos umher, daß man ihn tröstete, wie man vielleicht eine Mutter zu trösten pflegt, die ihr Kind an den Tod abgeben mußte, wenn auch diese Art von Tröstung etwas an sich hatte, das empfindsamen Naturen als roh, unziemlich und dem erhabenen Moment unangebracht erscheinen mag.

»Halt' dei Goschen! Was blazt denn? Er hat's überstanden. Denk' d'r, er hat's jetzt guat. Schau, er is halt seiner Mirzl nach'gangen. Sei ka Tepp 350 und geh liaber eini und schwab was abi. Manst, dir, dir allani tuat's lad? Geh, Murl, zarr 'hn eini (gemeint war das Standgasthaus) und laß eahm an' halben Liter beißen. Z'erst müassen m'r do wissen, was mit'n Toberl wird. D' Rettung nimmt eahm net. Denn so viel ist sicher: da hilft ka Rettung mehr.«

Unter »Rettung« war die Rettungsgesellschaft gemeint, die ihrem Namen und Beruf nach nur an Menschen amtshandelt, die noch etwas von Leben in sich bergen, was aber im vorliegenden Falle keine Anwendung mehr finden mochte. Selbstverständlich war eine telephonische Verständigung gleich erfolgt, man brauchte zu diesem Behuf ja nur in das Kaffeehaus gegenüber dem Stand zu eilen.

Dieses wie das Gasthaus waren im tiefsten aufgeregt. Wirtin, Köchin und Abwaschmädchen weinten und kreischten, die anwesenden Gäste hatten sich zu der Gruppe gesellt und besprachen erregt das Ereignis.

Es heißt, daß, durch eine geheime Witterung angezogen, Aasvögel den Galgen umkreisen, ehe noch der arme Sünder den letzten Atemzug verhauchte. Bei Unglücksfällen scheint eine ebensolche Witterung seitens der sich sonst um nichts kümmernden, hastenden, mit dem jeweiligen Einzelschicksal beschäftigten Menge zu bestehen. Denn die stille, sommerlich-idyllische Gasse war urplötzlich von Neugierigen belebt, die einen steten Zuzug erhielten.

»Was is denn g'scheg'n?«

Diese bei jedem Auflauf gang und gäbe Frage ertönte allseits. Die Nächstbeteiligten umstanden den 351 Wagen und waren ebensosehr mit der Beruhigung Gustls als der Abwehr der müßigen Belagerer beschäftigt.

Man half sich einstweilen mit Vermutungen, die gleich einem Luftgift ansteckend wirken, sich blitzschnell von der Wahrscheinlichkeit zur feststehenden Tatsache verdichten und das Ungeheuer Gerücht erzeugen; die in manchen Fällen, da ein öffentliches Interesse berührt wird, Extraausgaben der Blätter, Kursstürze oder ähnliches zur Folge haben.

»Was is denn g'scheg'n?«

Der von einem Neugierigen also Befragte zuckte im Bedauern über seine Unwissenheit die Schultern.

»Zwa Fiaker ham g'raft,« erklärte ein dritter, der sich den Hals ausgerenkt hatte, um einen Blick nach dem Knäuel der Ursache des Aussehens werfen zu können, »und aner hat'n andern derstochen.«

»Woher . . . A Dienstmadl hat si beim Fenster abig'stürzt,« behauptete mit der ruhigen Sicherheit des Eingeweihten ein vierter.

»Sö, Herr,« nahm ein fünfter das Wort, »schau'n S' da aussi, und wann S' manen, daß durch a zuag'macht's und mit an Packpapier verpicktes Fenster a Dienstmadl durchkann, dann empfehl' mi bestens. Was da z'samm'g'red't wird . . . A winniger Hund is ins Wirtshaus einig'rennt, dös is 's Ganze . . . Haßt das, wann er überhaupt winni is . . .«

Endlich drang die richtige Lösung im Wirrsal so vieler Versionen durch.

»Mein Gott, an' Fiaker hat der Schlag 'troffen!« Wir können Freude finden an der Schlechtigkeit 352 (soweit sie nicht uns wehgetan), wir ertragen mit Gelassenheit, der sich aber ein nicht unangenehmes Gruseln beigesellt, die Schilderung eines Unglücks (soweit es nur uns verschont hat), wir folgen mit Spannung und Schauer dem Delinquenten auf seinem letzten Gang – wir armen, gebrechlichen, aller Liebe und Duldung bedürftigen Geschöpfe, wir lieben alles, was unschön, nervenerschütternd, gräßlich, menschenunwürdig ist (immer in der löblichen Voraussetzung, daß es uns nicht persönlich betrifft); aber wir lieben ganz offen die Banalität, die Einfachheit nicht.

Die Einfachheit des Sterbens wird in uns neben den unbehaglichen Schauern des Todes nur rasch erwachte Langweile erwecken. Und da man endlich erfuhr, auf welche Art der arme Toberl sein leibliches Ende genommen, verflüchtigte sich das Interesse daran so rasch, wie es erregt worden war.

»Jessas na! Weg'n dem bleib' ich beinah' zwa Stund' steh'n und versam a Massa Zeit. No, so hat eahm halt a Schlagerl 'troffen. Meiner Seel', auf dö Art möcht' i aa amal geh'n.«

». . . Seg'n S', so red'n dö Leut' an' Quargl z'samm, den s' selber net glaub'n, und halten no andre für an' Narr'n. Daß an' der Schlag trifft, so was kummt alle Tag vur. Derentwegen versam' i mein G'schäft und sollt scho waß Gott wo sein.«

»Gehst d'r, Spreizerl . . . Da hört si do scho all's auf. Manen mir: a urndlicher Raubmurd, derweil . . . Desweg'n stengan ma da und versamen derweil wo anders was Int'ressantes. Is halt a Hengst weniger. Geh . . . schiab'n ma!« . . .

353 Und das Gemüt der edlen Plebs schien angesichts der einfachen, reinen, versöhnenden Äußerung der erhabensten Majestät, die wir kennen, so unheilbar verletzt, daß es sich einige Zeitlang nicht zu beruhigen wußte.

Mittlerweile war die verständigte Rettungsgesellschaft erschienen, die nur bestätigen konnte, was schon alle anderen um Herrn Brückl Beschäftigten längst wußten: daß keine Macht mehr imstande sei, dem Gesetz der Vergänglichkeit entgegen zu treten. So ward der Leichnam Toberls in den Hausflur des Standgasthauses gebracht, der abgesperrt wurde, bis der schwarze unheimliche, kastenartige Wagen zur Stelle war, bei dessen Anblick uns klar wird, wie gar so wenig Raum wir in Wirklichkeit beanspruchen dürften.

Es dauerte nicht allzu lange, dann war Toberl beseitigt, der Auflauf vergangen. Ein kutscherloses Gespann stand unter einigen anderen, die noch einen lebenden Lenker besaßen, und die Idylle der Gasse, wieder einmal aus dem Schlafe gescheucht, schloß die Augen wieder und stammelte im Entschlummern: es war nichts . . .

Aber im Standgasthause, umgeben von vielen teilnahmsvollen Freunden, Spezis und Kollegen, saß Gustl und bot einen erbarmungswürdigen Anblick. Er war so rücksichtsvoll, als es einige Paare tröstender Kutscherfäuste vermögen, in die Wirtsstube gebracht und auf seinen Stammsitz gepreßt worden. Man war allseits bemüht, Gustl in eine Stimmung zu versetzen, die dem ihn umflutenden Leben etwas angemessener war.

354 »Hörst d' Gustl – wannst a klans Kind oder a alt's Weib warst, sagert i nix. Aber a so z'mörschert sein, verstehst? Dös versteh i net. Manst, daß i eppa net aa liaber blazen kunnt? Der Toberl a Leich! Wann uns das aner g'sagt hätt' vur a zwa Stund'. Aber mit'n Zauna bringen ma 'hn alle z'samm net mehr lebendi. Da hast . . .« Und der teilnahmsvolle Kollege drückte Gustl den Henkel eines gefüllten Halbliterglases in die Hand.

»Dös is die beste Kur,« äußerten mit vielem Ernst und Sachverständnis einige andere; »dös ramt a jede Traurigkeit weg.«

Gustl versuchte, mit zitternder Hand das Glas zum Munde zu führen, wobei er einigen Wein verschüttete.

»I kann net . . . i kann net . . . i denk' immer dran, wia i mit'n Toberl aus an' Stutz'n trunk'n hab'.«

Man ist gewohnt, beim Manne natürliche Weichherzigkeit für unmännlich zu halten, besonders wenn sie noch von Tränen erfüllt ist. Aber mag ihr das fehlen, was wir als »zu einem Manne gehörig« bezeichnen, so ist sie doch eine der Welt köstlichere Gabe als die harte, grausame und unbeugsame Männlichkeit, die wir an Tyrannen, Menschenschlächtern und kühlen Geschäftsleuten nur allzusehr bewundern.

Was uns oft hindert, einem angeborenen Gefühl der Weichheit nachzugeben, ist die Feigheit vor der Öffentlichkeit, der Gesellschaft, die kalte Gelassenheit unter allen Umständen als »korrekt« erklärt.

Gustl kannte in seiner Naturgeradheit diese Bedenklichkeit nicht. War er nicht eitel auf seine 355 unleugbar äußerst zweifelhafte körperliche Schönheit, so war er's auch nicht in bezug auf seine sogenannte »männliche Würde.«

Allmählich tröstete sich die »Standratschen« gleich einem sattgeweinten Kinde, wischte seine verschwollenen Augen mit einem serviettegroßen, blau- und rotkarierten Taschentuch, nippte erst, trank dann, und nachdem der halbe Liter Wein in zwei Zügen die Gurgel passiert hatte, verlangte er noch ein neues Quantum, das ihm mit so heiterer Bereitwilligkeit hingestellt wurde, wie eine Mutter wohl ihrem Augapfel in der Rekonvaleszenz eine Lieblingsspeise darbringt. Dann setzte sich Gustl tiefer in seine Kutscherecke und blieb traurig und nachdenklich, aber schon ganz gefaßt und ruhig sitzen.

Man ehrte seine Gefühle und ließ ihn unbelästigt. Ich will dem Beispiel folgen und bis zum Leichenbegängnis des Kellerlachers warten, das vom Leichenhof des Allgemeinen Krankenhauses aus stattfinden sollte.


Daß Herr Brückl, der »Kellerlacher« oder zärtlichkosend von seinen Spezis Toberl genannt, unter seinen Standesgenossen sich eines großen Ansehens erfreute, ist bekannt, und so war alles erschienen, was über einen freien Nachmittag oder eine Stellvertretung verfügte.

Das große Allgemeine Krankenhaus mit seinen vielen Höfen verfügt über einen, der jedem seiner Obhut Anvertrauten die Entlassung nur mit einer Weisung gibt: der nach dem Friedhof. Über drei Tore 356 springen drei Art Regendächer vor, jedes geziert mit einem dürftigen Kreuz. Es sind die Aufbahrungsräume, die sich so nach außen kenntlich machen. Im mittleren lag, von der Liebe seiner Kameraden behütet, der tote »Kellerlacher«, noch ungedeckt von dem einfachen Holzgefüge, das zwei Welten zu scheiden bestimmt ist.

Man drängte um den »Katafalk«, wie ein Fiaker das schwarzverhängte Gerüst benannte, auf dem der Sarg stand. Man betrachtete mit Rührung, Ergriffenheit, stummer Teilnahme oder leisem Grauen den Toten. Und ganz seltsam: er, dessen Mienen im Leben so eigentümlich starr dem leisesten Schmunzeln standhielten, schien jetzt zu lächeln.

Vielleicht Mirzl entgegen, die vor dem strahlenden Vorhang winkte . . .

Während des Wartens auf den Geistlichen wurden von den Kollegen nach Betrachtung des traurigen Haupthelden des Tages die tiefsinnigsten Erinnerungen angestellt.

»Sixt,« erklärte einer voll Wärme, »der Toberl war der fermste Kerl, den's gibt. Aber i an seiner Stell' hätt' halt do auf das Madl a biss'l mehr aufg'schaut. A paar urndliche Flasch'n, links und rechts ane – i sag' d'r, der Toberl und 's Madl leberten heut' no pumperlg'sund.«

Das war in Beziehung auf die unglückliche Mirzl gesagt. O – Herr Trümmler hatte dieses angepriesene Mittel mehr als gründlich versucht. Und was war der Erfolg? – Kinder geraten meist selten nach dem Willen ihrer Urheber.

357 Ein anderer Kamerad versank in nachdenkliche Betrachtungen, die die Berufstätigkeit angesichts eines verstorbenen Genossen in jedermann wachruft.

»Wer das Zeug und dö zwa Rapperln kriag'n wird? Und der Standratsch'n ihr Zeug?«

»No . . . verlizitiert werd's s' halt' werd'n. I glaub', es is wohl sunst neamd mehr da. 's Madl is weg, 's G'richt wird halt all's verlizitier'n und 's ganze Gerstl g'hört 'n Staat. Außerdem, er hätt' a Testament g'macht . . .«

»Was i grad net glaub'. Der Toberl is mir z' schnell gangen. Aber was seine Roß anbelangt . . . i stellert s' glei in mein' Stall ein. So zwa Rapperln . . .!«

»Mein Liaber, dö brauchen so ka Fuatter . . .! Aber um tausend Guld'n war'n s' net überzahlt. Meiner Seel', wann i 's Geld hätt', i nahmert s' glei.«

»Ewig schad' drum. Wer waß, wer s' in d' Händ' kriagt. I sag' d'r: dö Roß fress'n net so leicht aus jeder Hand. Das muaß ma in Toberl lass'n . . . an' Gusto hat er mit seine Roß g'habt.«

»Nur . . . 's Reamzeug . . .,« warf einer voll Mitleid ein. »Waß der Teufel, auf das hat der Toberl nia net viel g'halten. Net grad, daß sein Reamzeug nix wert war' g'west. Verstehst mi? Aber a jeder Mensch hat halt an' andern Gusto. Der arme Toberl hat halt amal aufs Reamzeug net so viel g'halten, als was die Rösser verdient hätten. Er hat g'mant, Roß bleibt Roß, aa ohne Reamzeug. Und i man' halt, a urndlich's Roß soll aa sei urndlich's Reamzeug hab'n. Sunst manert i, es is ka urndlich's Roß net, 358 weil a Reamzeug aa aus an' halberten Krampen no a halbwegs anständiges Roß macht. Obst es glaubst oder net . . ., aber dafür laß i mi aufhängen, wann's gilt.«

Diese tiefgründige Erörterung über das Reamzeug der beiden nun verwaisten Rappen fand eine Unterbrechung. Es machte sich eine Bewegung kund, die auf ein erwartetes Ereignis hindeutete.

Die »Standratschen« war erschienen mit einem Kranze, fast so groß wie sie und von einer Schönheit, die ihrer persönlichen die Wage hielt.

Alle, die Gustl kannten, bangten vor diesem Moment des Abschiedes. Denn der Sedlmaier war eine jener im tiefsten Innern feigen und zurückbebenden Naturen, die, vor jedem Schicksalsschlag zitternd, sich mit einer Dosis von Heiterkeit oder Mut zu versehen streben. Diese Dosis lieferte außer dem Standgasthause jedes andere, in das Gustl sein Weg führte.

Die »Standratschen« hatte sich tagsüber »gestärkt«, was die Röte ihrer Lider sowie der Pockennarben und der mehr als sonst stiere Blick der Augen bewies. In Begleitung seiner Alten, seines »Madls« und seines Schwiegersohnes war Gustl angefahren gekommen. Nun erschauerte er im Innersten vor dem letzten Abschied von dem heimgegangenen Freunde.

»Paßts a bißl auf'n Gustl auf,« sagte ein Fiaker zu einer Schar Kollegen, »daß er ka Theater macht. Er is wia a alt's Weib und a klan's Kind z'samm'. Sollt' er Tanz' machen, zarrt's 'hn aussi und schmeißts 'hn in sein' Wag'n.«

359 Voll scheuer Gefühle war Gustl an den Sarg seines Freundes herangetreten und sah nun zum letztenmal in das ihm so wohlvertraute Antlitz. Alles an diesem war noch wie sonst, die Wülste über den Augen, die Wülste unter der Nase – aber von dem »blaunaserten Rotzbuam« war nichts mehr vorhanden.

Der Kellerlacher lag da in so wächserner Starre wie seinerzeit Herr Trümmler, denen beiden eine Tochter ein unheilvolles Herzeleid zugefügt.

Gustl stierte und stierte lange nach dem Freund. Erst war es Entsetzen über die Veränderung, die der Tod scheinbar an den uns Liebsten anrichtet. Dann sich der Bedeutung eines Abschiedes für ewig bewußt werdend, brach die »Standratschen« in einen Jammer aus, der ihrem Namen alle Rechtfertigung verlieh.

»Toberl! Toberl!« schluchzte Gustl wie eine wehklagende, untröstliche Witwe an dem Sarge des Gatten, »daß d' mir das an'tan hast . . .«

Er wendete sein nun tränenvolles Antlitz im Kreise der angesammelten Kollegen.

»Hörts, d'r Toberl will von uns geh'n . . . Er laßt mi allani . . .«

Alle, die Gustl kannten, nahmen diese komische Schmerzensäußerung mit ernsten, unbewegten Gesichtern auf. Es waren ja die meisten gründliche Kenner des so sonderbaren Freundschaftsverhältnisses dieser beiden im Leben so unähnlichen und doch einander ergänzenden Naturen.

360 Gustl schien plötzlich eine grauenvolle Erinnerung zu übermannen.

»Toberl!« heulte er, »verzeih' m'r an's: den Taxameter! Du waßt, daß i di nia beleidig'n hab' woll'n. Du hätt'st mi seinerzeit soll'n ausred'n lass'n. Verzeih' m'r, Toberl, pfiat di Gott! Pfiat di Gott! Grüaß m'r dei' Mirzl! . . .«

Ich weiß es nicht und wage kaum eine Äußerung darüber, ob der tote Kellerlacher die Worte seines Freundes verstanden. Aber ich denke, wenn diese Möglichkeit vorhanden, so hat Toberl wohl die Empfehlung an diejenige ausgerichtet, die ihm das Herz gebrochen.

Gustl wurde in dem Moment von Freunden hinausgezogen, als man dranging, den Sarg zu schließen. Die Einsegnung ging so rasch wie jede andere vor sich und dann wurde der »Kellerlacher« wie ein Kollo in dem schwarzen Gefährte verladen, und er, der im Leben so viele Fahrgäste befördert, bildete diesmal und zum allerletzten Male selbst einen solchen.

Nachdem alles die bereitstehenden Wagen bestiegen hatte und Gustl unter Anwendung vieler freundschaftlicher Püffe an seinen Platz befördert worden war, begann die lange Fahrt nach dem großen Totenfelde in Simmering, das der Wiener halb vertraulich, halb schaudernd den »Zentraler« nennt . . .

Ich will von einer weiteren Schilderung der letzten traurigen Ereignisse absehen. Vater und Tochter waren nach kurzer Trennung vereint. Das heißt, das eine hölzerne Gefüge wurde auf das schon früher vorhandene, mit den modernden Resten der einst lustigen 361 Mirzl gestellt und mit Erde bedeckt. Gustls reuevolle Beschwörungen des toten Freundes nahmen einen fast lästigen Charakter an und erforderten seitens der Kollegenschaft ein energisches Einschreiten.

Im Standgasthause fand die trübe Feierlichkeit ein für die andern einigermaßen aufheiterndes Ende. Denn die »Standratschen« trank mehr, als der Gelegenheit angemessen war, und geriet zuerst mit ihrem Schwiegersohn, dann mit dem »Erdzeisl« in Streit. Der Schwiegersohn hatte sich herausgenommen, zu sagen: »Aber Voda, sei do g'scheit« und der »Erdzeisl« brachte durch seine bloße Gegenwart das Blut Gustls in Wallung, der sich nun der zwischenträgerischen Rolle des jungen, spitzbübischen Kameraden bewußt wurde. Ja, nur dieser war die Schuld gewesen, daß er zu Lebzeiten Toberls diesem so manchmal ein »unrechtes Wort« gesagt, zwar ohne jegliche Absicht der Beleidigung, das aber dennoch zeitweise verstimmend auf die Freundschaft gewirkt haben mochte.

An einem Orte, der in Gasthäusern nur von Herren aufgesucht zu werden pflegt, wollten sich einige Fiaker fast krank lachen über den schimpfenden Gustl.

»Meiner Seel' . . . a größere Freud' hätt' die Standratsch'n dem Toberl scho nimmer machen können. I man', der hat si das eigens so ang'schafft, wia zu Lebzeiten. Das hat der dumme Gustl nia g'neist, daß eahm der Toberl eigens hat aufraz'n lass'n, daß er recht schimpft, weil das 'n Kellerlacher sei' anzige Hetz war.«


362 Einige Tage später erschien Gustl mit der Vorladung zu einem Notar auf dem Standplatz. Er war in der größten Bestürzung, denn Notar und Gericht erschienen ihm in sachlichem Zusammenhang bezüglich der Ahndung gewisser Vergehen. So sehr Gustl stets beteuerte, daß er niemanden beleidigen wollte, stiegen ihm doch düstere Bedenken auf, ob sich nicht am Ende doch jemand beleidigt gefühlt und die Sache einem Advokaten behufs gerichtlicher Austragung übergeben hatte.

Die Kollegenschar deutete die Zuschrift wohl anders. Für sie war es abgemacht, daß Gustl von seinem Freunde in einem Testament bedacht worden war. Nichtsdestoweniger konnten alle es in einer Anwandlung freundschaftlicher Gefühle nicht unterlassen, die Bedenken und Befürchtungen der »Standratschen« zu verstärken.

»Wia heut' die G'setzer san,« sagte einer mit wichtig-ernster Miene, »steht auf a Ehrenbeleidigung 's Landesgericht. Brauchst nur an' an' blöden Hund haßen und der nimmt si an' Doktor – liegst schon drin. Zwa Monat Schmalz nimmt d'r kaner abi. Und wer waß, was d'r Gustl am End' daherg'red't hat . . .«

Der erinnerte sich wohl keiner direkten Ehrenbeleidigung seit den letzten Zeiten, da er noch Toberl gekränkt haben mochte. Aber, wie das Volkswort sagt: an' schuldigen Mann geht 's Grausen an. Und das Volkswort gleicht, nebenbei erwähnt, den süßen Kindergoscherln, die eine Erfahrung mit unbarmherziger 363 Schärfe zu prägen lieben, ungestört von Reue über verletzte Gefühle oder Empfindlichkeiten.

»Auf das, was i d'r g'sagt hab', kannst Gift nehmen,« hatte der trostspendende Kollege noch hinzugefügt. Gustl aber nahm daraufhin trotzdem kein Gift, sondern drei »Viertel Gespritzte« und fuhr dann zum Notar.

Obwohl die beiden Zeugeln Herrn Brückls von Gerichts wegen mit Beschlag belegt worden waren, hatte man Gustl bis auf weiteres das von ihm gelenkte in einstweiligem Besitz belassen. Zu der Trauer über den Tod seines Freundes und Brotherrn hatte sich Sorge und Niedergeschlagenheit wegen seiner Zukunft gesellt. Wem sollte er sich nun verdingen? Ein alter Fiaker ohne eigenen Besitz ist ein alter, ausgemusterter Arbeiter, der suchen kann, wo seines Bleibens länger ist. Wie alte, weißhaarige Kellner, die, auf müden, gichtischen Beinen einherhumpelnd, sich bemühen, so viel Energie früherer Tage als möglich aufzubringen.

»Wann eahm net vielleicht der Toberl das Zeugl vermacht hat,« riet ein Fiaker. »War' d'r Gustl für sein Lebtag aus 'n Wasser.«

Indessen war dieser beim Notar angelangt, dem er nach Vorweisung seines Aufforderungsschreibens zugeführt wurde. Der Mann des Rechtes konnte nicht umhin, vorerst die komischen Züge Gustls einer interessierten Prüfung zu unterwerfen, dann drückte er ihm die Hand und wünschte ihm herzlich Glück zu der ihm zugefallenen Erbschaft.

364 War Gustl schon mit gewissen Hoffnungsgefühlen erschienen, die die anfänglichen Gefühle der Furcht fast zum Schwinden gebracht hatten – nun stand er und vergaß, die Augäpfel zu rollen. Sie standen so starr wie die eines Frosches, der eine an der Glaswand spazierende Fliege belauert. Er war geistesabwesend, verstand nicht recht den Zusammenhang zwischen dem Vernommenen und seiner Person, sondern stierte nur. Erst als das beginnende Rollen seiner Augen, das zuckende Mienenspiel seines Gesichtes, das Strecken seines Halses die Wiederkehr der gelähmten Geisteskräfte anzeigten, war der Sedlmaier imstande, alles in sich aufzunehmen.

Er war der glückliche Erbe von Toberls zwei Zeugeln und einer Summe von zehntausend Gulden, die ich statt der unvolkstümlichen zwanzigtausend Kronen anführe. Auch die Wohnungseinrichtung, die Schmucksachen der armen Mirzl – alles hatte Gustl mit einem Vorbehalt zugunsten eines andern geerbt.

Nun überreichte der Notar dem mit so unverhofftem Glücke bedachten Erben einen verschlossenen Brief des Erblassers.

Gustl erbrach mit zitternden Händen das Schreiben und begann zu lesen. Da er des Lesens von Manuskripten und Herr Brückl der Kunst des Schönschreibens ungewohnt war, dauerte es eine Weile, ehe der Wortlaut in seiner Gänze halbwegs flüssig geworden. Der Brief begann mit der gleichen Anfangsfloskel wie einst der Reserls und lautete: 365

»Lieber Gustl!

Wann Du das lest bin ich tod. Seit meine Mirzl weggangen is, freut mich nix mehr. So was sollt a Kind an Vodern net anthuen. Wanns no am Leben geblieben wär, i hätt i ihr alls verziehn. Jede Dummheit laßt sich ausbessern, nur's Sterb'n net. Und wann i stirb, is niemand da, der meine Sach'n erbn kunnt. Die Verwandschaft, die i irgendwo hab, geht mi nix an. Mir habn uns unser Lebtag nia umanand kümmert. Alsdann nimm das was i dir vermachen thue von dein alten Spezi. Das Zeug, was du bis jetzt gführt hast, soll der Erdzeisl führn und du gibst ihms auf Abzahln. Er is a braver Mensch und möcht auch gern heiraten. Mein Einrichtung in der Wohnung ghört ihm. Grad gnug für a jungs Paar. Das bisl Schmuck von meiner Mirzl ghört deiner Annerl.

Und mach Dir kane Vorwürfe wegen Dein schimpfen. Wann ich auch der Kellerlacher heißen thue so lach ich einwendig und der Erdzeisl hat Dich immer müssen razen das Du einen Viehszorn krigst, und ich hab mein grösste damische Hetz g'habt. Wann Du das lest bin ich bei meiner Mirzl und meiner Alten. Gott hab s' selig. Bet für uns manchesmal und hab a rechte Freud an Dein Annerl. Ja alle Töchter sind net gleich. Serwuss.

Dein alter Spezi und Bleaml

Toberl.«        

Eine Nachschrift folgte noch, wie sie des Schreibens ungewohnte Menschen lieben, die ihre Gedanken nur allmählich und schwerfällig einmal zu Papier bringen und sich oft immer erst im letzten Moment 366 einer Herzenssache erinnern. Das für die Kollegen vom Standplatz wichtige Anhängsel lautete:

»Und der ganze Stand soll auf meine, das heißt eigentlich schon auf die Deinigen Kosten leben. Du wirst ka Schmuzian sein wie Dich kennt

Dein Toberl.«        

Gustl hatte, wie bekannt, einen Vorrat an Tränenflüssigkeit, der für ein Klageweib und ein stets plärrendes Kind ausgereicht hätte. Aber in diesem Augenblicke fühlte er wohl das Wasser hervorquellen und er sah wie durch ein Sturzbad – nur erfolgte keine weitere Demonstration der Erschütterung, die den mit dem Standratschentemperament unvertrauten Rechtsfreund hätte veranlassen können, die »Rettung« herbeizurufen.

Die ungelenken, biederen, schlichten Worte hatten auf den Sedlmaier Gustl mehr gewirkt, als es die erhebendsten, beschwingtesten und innigsten eines Literaturerzeugnisses vermocht hätten. Diese rauhe Äußerung einer Freundschaft über das Grab hinaus ließ ihn keinen Laut hervorbringen. Vergessen war zur Stunde die ganze Erbschaft. Gustl horchte nur auf die Stimme seines toten Spezi . . .

Er würgte endlich mühselig die Frage hervor, ob der Brief ihm allein gehöre. Auf die bejahende Antwort steckte er das Schreiben mit vieler Umständlichkeit und liebevoller Sorgfalt in seine Brusttasche, zog sein bekannt großes Taschentuch behufs Trocknung der Augen, nahm seinen Hut und wendete sich, zu gehen.

Der Notar wollte noch Formelles erledigen.

367 »Murg'n . . . übermurg'n . . . a ander's Mal,« sagte der sonderbare »lachende Erbe«. »Was i z'wissen brauch', waß i, und das andere versamt's für a paar Täg' net. Adjes! Besten Dank derweil . . .«

Am Stand angelangt, wehrte Gustl vor allem der Neugierde der Kollegen bis zu gelegener Zeit. Dann zog er sich mit dem Wirt zu einer Privatbesprechung zurück. Die ehemalige »Standratschen« schien wie verwandelt. So was Feierliches, männlich Ernstes hatte sie noch nie zur Schau getragen.

Am Abend hob zu Ehren des toten »Kellerlachers« ein Pokulieren an. Bei der Gelegenheit erfuhren Gustls Freunde alles, auch den Inhalt des letzten der so seltenen Briefe, die Toberl in seinem Leben geschrieben haben mochte. Zu den Glückwünschen, die man fast neidlos Gustl darbrachte, gesellten sich Worte der uneingeschränktesten Huldigung und Verehrung für das Andenken an den nun Ruhenden.

Und als Gustl das »Erdzeisl« bei Gelegenheit zur Seite nahm und einige Vorschläge zu machen schien, konnte man wahrnehmen, daß die Augen des Spitzbubengesichtes einen ganz eigenen Schimmer bekamen. Toberl hatte sich bei Abfassung seines letzten Wunsches wohl nicht umsonst auf den verlassen, dessen sonderbare Freundschaft und Treue er allein am besten zu würdigen gewußt hatte.

Frau Sedlmaier und Tochter und Schwiegersohn, die schon gleich nach der Rückkunft vom Notar das große Glück des großen Kindes und Schimpfers geteilt hatten, waren abends auch bei dem von Toberl befohlenen Erinnerungsmahl, das sich gegen 368 vorhergehende Zechabende durch Würde und Ernst der Teilnehmer hervortat, und das bei Gustl weder Geschimpfe noch Tränen und Ausbrüche von Reue hervorrief.

Er hatte die »Standratschen« ein für allemal ausgezogen. Diese ziemte sich nicht mehr für einen Zeugbesitzer und Kapitalisten. Nur eines konnte er sich nicht entledigen: seines braven, teilnehmenden Herzens. 369

 


 

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