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Töchter

Karl Adolph: Töchter - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleTöchter
authorKarl Adolph
year1921
firstpub1914
publisherAnzengruber Verlag
addressWien / Leipzig
titleTöchter
pages419
created20130620
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel

Herr Trümmler muß sich Ehren erweisen lassen, die er im Leben bescheiden ablehnte. Tini zeigt viel Kindlichkeit und einen entwickelten Sinn für die darstellende Kunst. Noch vielerlei, das zur Erschütterung des Lesers beiträgt.

Der alte Trümmler hatte die »Batschen gestreckt«, wie die Nachbarschaft liebevoll behauptete. Er hatte lange herumgezogen, wie es oft bei sehr kräftigen Menschen der Fall ist, die mit Stolz behaupten konnten, ihr Leben lang nicht krank gewesen zu sein, und die plötzlich ohne äußerlich ersichtlichen Grund zu siechen anfangen.

Niemand wußte recht, woran der alte Trümmler gestorben. Er war einer Krankheit erlegen, wie sie in Balladen und sentimentalen Volksliedern vorkommt. Es war bildlich gesprochen ein gebrochenes Herz gewesen. Der alte, rauhe, ja rohe Hausmeister, der sein Kind ebensoviel geliebt, als er es gezüchtigt, war von dem Tage an, da dieses ihn verlassen, ein anderer. Äußerlich nicht. Herr Trümmler war einer jener Männer vom Grund, die sich durch ein 285 überflüssiges Wort der Mitteilsamkeit etwas zu vergeben meinen.

Er wußte, daß man ihn wegen seiner würdevollen Schweigsamkeit mehr respektiere als irgendeinen noch so geistreichen Windbeutel, dem alle bürgerlichen Qualitäten, deren sich Herr Trümmler rühmen durfte, mangelten.

Er hatte seinen streng reservierten Platz im Gasthause, ein eigenes kunstvolles Deckelglas mit dem Bildnis des von ihm angebeteten Bürgermeisters. Seine Wünsche wurden erraten und nicht erfragt, und wehe dem Kellner oder gar dem Kellnerjungen, der es mit etwas versah!

Das Gasthaus war der Sitz einer Zahlstelle eines Militärveteranenvereins und Herr Trümmler war der Obmann besagter Zahlstelle und Kommandant des Korps.

Es waren seine insgeheim stolzest empfundenen Augenblicke, wo er als Kommandant bei dem Leichenbegängnis eines Kameraden martialisch vor der Front stand und seine knappen Befehle erteilte. Ein Nichtklappen der »Ausrückung« konnte ihn in die maßloseste Wut versetzen.

Also der Kommandant war tot, sein Korps verwaist, und er hatte sich wohl auf diesen letzten Moment am meisten gefreut, wo alle Ehrungen einer Art fortgezeugten Militarismus auf seinen Sarg niederprasseln sollten. Er wußte alles, das kleinste Zeremoniell der Bestattung: den Aufmarsch des Korps, seine Aufstellung, die Kommandorufe, den dumpfen Trommelwirbel, die Schläge auf die große 286 schwarzverhüllte Trommel, die feierlichen Klänge der Musik, dann das Rangieren des Zuges nach der Einsegnung unter dem Hausflur, der Marsch zur Kirche mit Musikbegleitung – ich glaube, Herr Trümmler, mochte er auch gebrochenen Herzens gestorben sein, trug doch ein Lächeln der Befriedigung mit in seinen Himmel hinauf.

Es mußte wundernehmen, wie diesem harten Manne der Streich seines Kindes nach dem Innersten gezielt hatte. Aber die Trümmlers hatten seit Gedenken ein zwar rohes, doch ausgeprägtes Ehrgefühl gehabt. Sie bildeten eine Aristokratie niederer Handwerker, aber – und das war ihr Stolz immer gewesen – ehrlicher, christlicher, patriotischer Handwerker.

Als damals, vor zwei Jahrzehnten, in die entlegensten Gasthäuser der Werberuf des genialen Agitators, nachmaligen Bürgermeisters und Seiner Exzellenz gedrungen, da hatte Trümmler hoch aufgehorcht. Das war ein Klang nach seinem und Tausender anderer Sinn. Das war ein Klang von Rechtlichkeit, Biederkeit und Treue, eine Auferweckung aller Tugenden der Vorfahren.

Ein Lied vom Bürgertum, Handwerk, Österreich, Christentum, Deutschtum, welch letzteres durch viele Navratils, Woperschals, Brezinas zwar damals keineswegs beeinträchtigt wurde.

Man hatte auf die Bürgertugenden so vieler vom Schlage Trümmler spekuliert und mit den Instinkten des verbohrten Pfahlbürgers gerechnet.

287 Das edlere Material, das bloßgelegt hätte werden können, ward aufs neue umhüllt mit den Nebeln eines verlogenen Christen- und Deutschtums und eines Patriotismus nach Art Radetzky-Marsch.

Aber Herr Trümmler ist tot. Lassen wir ihm das Bewußtsein seiner Unfehlbarkeit, das ihm das Leben erträglich machen half, und rechten wir nicht mit seinen Anschauungen, die viele Tausende gleich ihm als Evangelium betrachteten. Auch der große Führer ist tot.

Aber damals lebte er noch und tat seinem Getreuen eine Ehre an, von der ich noch berichten werde im Verlauf dieses seltsamen Kapitels.

Frau Trümmler hatte seit dem letzten Besuch ihrer Tochter samt seinen unangenehmen Folgen mit dieser in Beziehungen zu treten gewußt. Ohne Wissen des Gatten hatte sie der Tini einen Besuch abgestattet, der angesichts der vorhergegangenen Ereignisse ein befriedigender genannt werden mußte. Bei der Mutter spielte neben der Liebe zu ihrem Kinde eine gewisse kupplerische Eitelkeit, bei der Tochter neben einem unleugbar vorhandenen kindlichen Gefühl eine Art Drang mit, sich in Bitterkeiten über ihren Erzeuger zu ergehen, die Gattin gewissermaßen gegen den Gatten aufzuhetzen und so eine Art kleinliche Privatrache auszuüben . . .

Frau Trümmler war ohne alle Bedenken stolz auf ihre Tochter. Das war ein Aufstieg so recht nach ihrem Herzen gewesen. Als sie das erstemal schüchtern die elegante Wohnung Tinis betreten hatte, drohte ihr fast das Herz stillzustehen vor ehrfürchtiger 288 Freude. So weit hatte es ihr Kind gebracht! Das, was man so in Romanen über die Pracht der Ausstattung las, hier war es überboten.

Und Tini, ihr Herzenskind, war nicht einmal stolz geworden, ein Vorzug, den die Mutter später niemals mit Stillschweigen übergehen konnte.

Die niedrigen Instinkte beider Frauen trafen sich hier. »Nur kan' Stolz net!« wie der Wiener sagt, wenn es oft gilt, sich gemein zu machen; diese Sentenz befolgte die Trümmler Tini mit allem Raffinement ihrer natürlichen Mitgabe Weiblichkeit.

Sie war nicht stolz. Im Gegenteil. Es lag ihr daran, mit dem Boden in Fühlung zu bleiben, in dem sie wurzelte. Tini wollte nicht allein die Bewunderung der Ringstraße, der Kärntnerstraße, des Turfs, des Theaters – nein, Tini wollte am meisten die Bewunderung der Kreise, aus denen sie hervorgegangen.

Sie hatte sich ihr erstes Auftreten anders gedacht. Welche Aufregung, welche Wonne im Elternhause mußte ihr Erscheinen erregen. Und vor allem, welche Bewunderung, welchen Neid der anderen . . .

Es war anders gekommen. Der unsentimentale Mann, den eine ganze Gartenflora auf einem breitrandigen Hut nicht zu rühren vermochte, hatte die Illusion Tinis gestört. Es war roh, gemein, ja mehr, es war taktlos gewesen. Aber der alte Trümmler handelte damals aus einem alten Herzensbedürfnis und aus dem tiefsten Gefühl für Ehrbarkeit, als er seinem Besen eine Handlung aufbürdete, für die ihn 289 sein Verfertiger selbst im Traume nicht bestimmt hätte.

Herr Trümmler hatte ein, wenn auch ungehobeltes, so doch ausgebildetes Ehrgefühl. Sein Christentum mochte wohl in manchen Punkten nicht mit dem des Nazarener's übereinstimmen (gegen Leute zum Beispiel, die nicht wußten, wo sie ihr Haupt betten sollten, hatte der alte Hausmeister tiefgegründete Abneigung), aber er dachte doch, ihm gerecht zu sein, wenn er sich nach den Anordnungen hielt, die ihm Kirche, Schule und bürgerliches Gesetzbuch vorschrieben.

Seinen größten Abscheu hegte er jedoch gegen die Hure. Und er war in diesem Abscheu konsequent. Ob sie nun geduldet durch die Straßen strich oder in einer Equipage die Ringstraße verunzierte, er machte keinerlei Unterscheidung zwischen Dirne und Mätresse, wie die feinen Differenzierungen des Gesamtstandes lauten.

Herr Trümmler hatte sich seine Tini einst als rechtschaffene Ehefrau eines Handwerkers gedacht, in Verbindung mit einem einträglichen Hausmeisterposten. Am liebsten wäre ihm als Eidam ein Zimmermaler gewesen, dem die schwiegerväterliche Protektion allein die Arbeiten des ganzen Hauses und noch vieler Häuser der Nachbarschaft zugebracht hätte.

Aber es war anders gekommen. Sein Kind hatte ihm Schande gebracht und deshalb hatte er sich von ihm abgewendet mit dem harten Nieverzeihen, das dem Ehrbegriff des Volkes als die größte Art Heroismus gegen das natürliche Gefühl dünkt.

290 Kaum hatte er die Augen vor einer Welt geschlossen, die ihm keine Freude mehr bereitete, als Frau Trümmler zu ihrer Tochter fuhr (sie gestattete sich einen Komfortabler), um diese mit der Mitteilung zu erschüttern, daß sie nun eine halbe Waise sei.

Tini hatte sich glänzend benommen. Sie war in ein Geheul ausgebrochen, hatte sich die Frisur zerrauft und unaufhörlich nach ihrem »Vatterl« gerufen. Dann aber hatte sie bald die Herrschaft über sich und die Situation gewonnen und bei wohlbesetztem Tische mit der Mutter das Nötige verabredet. Das Leichenbegängnis sollte ein derartiges werden, daß die ganze Straße in Aufruhr kommen mußte. Es wurde schon erwähnt, daß Tinis Pfennigfuchserei zurzeit in laute, kostspielige Protzerei umschlagen konnte.

Dann fuhren die beiden Damen in Tinis Wagen fort, um die nötigen Besorgungen zu machen.

Am nächsten Tage wunderte sich männiglich nicht wenig, das Haustor reich in Trauer drapiert zu sehen. Es war, als ob ein Hausherr gestorben sei, nicht ein simpler Hausmeister, obwohl es den alten Volkswitz stets in Bewegung setzt, wenn ein außergewöhnliches Trauergeläute stattfindet, von der »Leich eines armen Hausmasters« zu sprechen.

Ein schwerbehangener Trauerportier stolzierte mit seinem Stabe vor dem ebenso schwer behangenen Haustor umher und lockte die ganze Kinderschaft und Weiblichkeit an, stehen zu bleiben und ihn anzustarren. Breit schwarzgeränderte, vornehme Parten flogen förmlich nach allen Seiten und wurden in allen Gasthäusern aufgehängt. Sie schilderten das 291 untröstbare Leid einer Witwe und Tochter und die Titel des Verewigten. Herr Trümmler war, wie sich erst nach seinem Tode für alle Welt herausstellte, nicht allein Kommandant des ersten Militärveteranenvereins FZM. X Nr. . . . ., sondern auch Mitglied des Vereins christlicher Hausmeister und Portiere, des Lueger-Bundes, mehrerer humanitärer Spar- und Geselligkeitsvereine und des Pfeifenklubs »Vesuv«. Weiter war er Inhaber einiger mit vieler Umständlichkeit genannter Militärmedaillen und Inhaber eines usw. . . .

»Sollt' ma glaub'n, daß so a Mann weg'n so an' Hatsch'n ins Gras hat beißen müassen?« meinte im Vorbeigehen eine alte Frau, die vielleicht einzig mit dem Instinkt des Alters den wahren Beweggrund kannte, der Herrn Trümmler genötigt hatte, »ins Gras zu beißen«.

»Jetzt'n, daß ma scho sein' Vodan net mit'n Schinder bei der Nacht aussiführ'n laßt, begreif' i. Aber a so an' Pflanz . . . wissen S' weg'n an' Hausmaster . . . no und von wem? . . . In dreckigsten Rockbram laß i net an sie anstraf'n.«

»Ah was! A Geld hat s'! Und damit basta und firti! Die lacht uns alle aus, Frau Nachbarin. Manen S' die kümmert si, was heut der Kilo Erdäpfel kost't? Oder a Stückel Fleisch oder a Zuaspeis?«

»Oder was der Bund Wasch'ln kost't und a Ausreibfetz'n und a Bes'n? . . . Hahaha! Weil mir just der Bes'n einfallt . . . Sie wissen eh, den i man'.«

292 Es war angesichts des schwarzverhängten Tores mit so viel liebenswürdigem Freimut gesprochen worden, daß Herrn Trümmlers Unsterbliches die lebhafte Billigung seiner irdischen Handlungsweise nur mit einem seligen Lächeln von oben quittieren konnte.

Der schweigsame, gelangweilte Portier schritt mit der steifen Geradheit eines auf Posten stehenden Soldaten vor dem Haustor auf und ab und zählte wohl im Geiste die Minuten, die sich nicht zu Stunden reihen wollten und die hier auszudauern ihn sein mit der Leichenbestattungsunternehmung eingegangener Vertrag zwang.

Der Tag der Bestattung war gekommen. Im ausgeräumten und schwarzverhangenen Zimmer lag in Prachtparade aufgebahrt der alte Hausmeister. Die Brust war ihm wirkungsvoll mit allen Medaillen bedeckt, die er in seiner aktiven und nichtaktiven Dienstzeit erhalten.

In seinen gelben Fingern, die wie die weißen Tasten eines jahrelang gespielten Klaviers aussahen, hielt er ein kostbares elfenbeinernes Kruzifix, das in Verkennung seines Kunst- und Verkaufswertes seine Frau ihm mitgegeben.

Rings um den auf ein stufenartig erhöhtes Podium gestellten Sarg brannten in »silbernen« mächtigen Leuchtern Kerzen von der Stärke, wie sie bei feierlichen Gelegenheiten den Hochaltar der Kirchen zieren. Der »silberne« Weihbrunnkessel mit einem ebenso »silbernen« Instrument zu ausgiebigem Besprengen der sterblichen Reste Herrn Trümmlers befand sich über einem mit schwarzem Samt überzogenen 293 Gebetpult. An den Wänden waren Gestelle, die die eingelaufenen Kranzspenden trugen.

Mächtige Schleifen kündeten von letzten Grüßen, ewiger Trostlosigkeit und ewigem Gedenken.

Zu beiden Seiten standen mit der Regungslosigkeit von aufgestellten Puppen je drei Leichenbestattungsbedienstete. Das war besonders wirkungsvoll.

Im komischen Gegensatz zu all der unsinnigen Pracht stand die Küche mit ihrem armseligen Aussehen. Unordentlich, unaufgeräumt und proletarisch. In einer Ecke lehnten Besen, Aufhackeisen, Schaufeln, Weißingstangen usw., kurz all das Zubehör einer Hausmeisterwohnung, deren Inhaber zugleich Maurer ist.

Ein wackeliger, lange nicht blank geriebener Küchentisch zeigte defektes, einige Tage nicht gereinigtes Geschirr, die Tür des stellenweise ganz seines Ölfarbenanstriches entblößten Küchenkastens hing schief in einer Angel – kurz, man konnte sich keinen größeren Gegensatz, als den zwischen der unnötigen Lumpigkeit der Küche und der noch unnötigeren Pracht des Aufbahrungszimmers denken.

Beide Räume waren stets erfüllt von Trauergästen, die persönliche Anteilnahme oder deputative Nötigung hergeführt hatte. Der große Hof war gedrängt voll von Leuten, die die eintreffenden Personen und ihre Kranzspenden kritisierten.

Zwei Diener der Leichenbestattungsunternehmung schleppten einen Kranz von unheimlicher Dimensionen heran. Die seltensten Blumen waren in das dunkle Grün des Lorbeers, des Tannenreisigs und der 294 Palmen verwoben. Er konnte erst in letzter Minute fertiggestellt werden. Auf den breiten, schwarzen Atlasschleifen glänzten in Goldbuchstaben die Worte, die von der Sinnigkeit und Kindlichkeit eines Tochterherzens in beredter Weise sprachen:

Ihrem teuren lieben Vaterl
seine untröstliche Tintscherl.

Die Aufschrift wurde mit gemischten Gefühlen beurteilt.

»Tintscherl! Hab'n S' es g'lesen? Wann unser Herrgott da kan' Blitz abifahr'n laßt, glaub' i an ka Gerechtigkeit mehr von ob'n. Tintscherl! Das aus'peitschte Luader dös! Am End' hat s' die Kuraschi und kummt no zu der Leich'. Aber da sollt' s' g'stampert werd'n, daß s' in dö Gegend a dritt'smal si nimmer einitraut.«

»No ja – wia ma's halt nimmt. Am End' is's do schön, daß s' wenigstens im Tod ihr'n Vottan no die Ehr' gibt. Is allweil besser, als sie bleibert dickschädlert und verzeiht eahm die G'schicht' gar nia net – Sie wissen do . . .! Das war von dem Alten – Gott gib eahm an' ewigen Fried' und laß 'hn seli' ruahn – aa a bißl zu viel. Kind bleibt Kind und Votta bleibt Votta. Ans wia 's andere muaß wissen, was si g'hört.«

»Leicht z' reden. A Kind muaß sie erst benehmen, daß a Votta waß, wia er si benehmen soll. Recht hat er g'habt und die Frau hat aa recht, wann s' mant, ma sollt ihr die Frisur a bißl auf grad richten. Na – meine sollt m'r amol so hamkumma!«

295 »Und schau'n S' Ihna – i bitt' Ihna – schau'n S' Ihna die Alte an! Hab'n S' je schon so was g'seg'n? No, wann da net dö Trauerroß scheuch werd'n und durchgengan mit eahnera Fuhr' . . .«

Die letzte Äußerung galt Frau Trümmler, die wirklich einen sonderbaren Anblick bot. Ihre kleine, rundliche Gestalt war in einen Berg von schwarzem Zeug und Schleiern gehüllt. Sie glich einem etwas hochlehnigen Fauteuil, über den eine ganze Kleiderlast eines Trauermagazins geworfen worden war.

Die untröstliche Witwe hatte eigentlich heute einen ihrer schönsten Augenblicke. Alles betäubte sie förmlich. Die wundervolle Aufbahrung, die vielen Menschen, das Aufsehen in der Straße, das notwendig gewordene Aufgebot Sicherheitswachleute zu Fuß und eines zu Pferde, um den Verkehr aufrecht zu erhalten – das alles wirkte auf die gute Frau Trümmler wie eine persönliche Ehrung.

Sie machte überall die Honneurs – im Leichenzimmer, in der schmutzigen Küche, im Hofe – und entwickelte eine ausgedehnte Zungenfertigkeit bei Schilderung der Krankengeschichte, besonders der letzten irdischen Tage ihres Gatten.

»Ja, um Gottes willen, Frau Trümmler . . . Sagn's S' mir nur, was dem Mann eigentli eing'fall'n is? Wia i gestern dös Partazett'l kriag', hab' i g'mant, das is vielleicht a dummer Witz vom Fasching no her. Aber na, da steht wirkli drauf: Herr Johann von Nepomuk Trümmler. Aber ma soll't auf Ahnungen was geb'n. Umasunst hab'n net vur a paar Täg die Kästen bei mir so 'kracht. Stirbt d'r wer, der d'r 296 nah'steht, denk' i m'r, und hab' allweil a Kreuz g'macht. Aber jetzt sag'n S' mir nur, was dem Mann eigentli g'fehlt hat.«

»Soviel i waß, nix Recht's. Er hat aber scho die längste Zeit so umeranandazog'n. Bitt' Ihner: wann an' Mann amal 's Pfeiferl und der Wein nimmer schmeckt! . . . Schmerzen hat 'r so net recht g'habt, nur g'stochen hat's eahm allweil in der Seiten und manche Nächt' hat er net schlafen können, weil er kan Atem kriagt hat. Aber an so was is bisher no ka Mensch g'sturb'n. Der Doktor hat g'mant, es liegt an der Nier'n und am Herzen, und hat eahm was verschrieb'n. Da hat er aber mein Alten schlecht kennt, wann er g'mant hat, der sauft das G'wascht. Hör'n S' m'r auf mit die Dokters. I hab' gnua von eahna. Helfen kann aner sowiaso nix und mit die Apotheker san s' Bruader im G'spiel. I hab' halt Haarlinsenumschläg' g'macht, recht haß natürli, und an' russischen Tee mit hübsch stark Rum. Das hat eahm, scheint mir, recht guat tan, und es hätt' 'hn aa aussibatzelt. Kummt aber net amal d'r Dokter dazu und macht mir in meiner Wohnung an' Bahöll. Wia si der sein' g'studierten Brotlad'n ausg'laart hat . . . Na pfiat di! I hab' eahm aa mei Manung zum Riach'n geb'n. Da is di Tür, sag' i. Wann S' manen, Sie hab'n 's Patent auf die Dokterei, lassen S' Ihna das Lehrgeld z'ruckgeb'n. Mit die Marschierpulver is no kan' Menschen was g'holf'n wurd'n. A jede Natur hilft si selber, wia s' kann, und ohne Dokter stirbt si's billiger und schöner als mit an' Dokter.

297 »Ang'schaut hat er mi . . . no, i will net sag'n wia! Zum Auffressen, aber net vur Liab'. Das mit die Marschierpulver hat eahm am meisten g'rissen. So was hör'n dö Herrn . . . Herrn . . . i will mi net näher ausdrück'n, die Herrn Doktores net gern. ›Deshalb kaan ich Sie vor Gerücht belangen‹, mant er. Nur zua, sag i, dö große Angst hat neunzig. Beim Gericht kenn' i mi scho aa a bißl aus und waß, wia ma mit an' Richter z' reden hat. Und lesen S' amal den Perspekt von dö Naturheilkündler, dö aa mit 'n Tee kuriert hab'n und scho Halbtote pumperlg'sund g'macht hab'n.

»Auf das hat er weiter nix g'sagt, nimmt sein' Huat und geht. Viel Glück und a schön's Wetter denk' i m'r. Am nächsten Tag schickt er sei g'schmalzene Rechnung, dö i zitta 'zahlt hab. Daß mir je was schuldi blieb'n war'n, ham mir no nia notwendi g'habt.

»Am Ab'nd fangt der arme Mann zum Achaz'n an und mant, eahm is so viel schlecht. I geh und denk' m'r, no, eahm fehlt sein Tee. Wia i damit ins Zimmer kumm', schaut er mi so eigentümli glasi an. Schani, sag' i, da hast . . .

»Aber mit an' Schra laß i den Tee fall'n, war'n guat um zehn Kreuzer Rum drin, und stürz' aufs Bett.

»Er hat mi nimmer g'seg'n. Derweil i in der Kuch'l war, hat er mir das antan.«

Diese Erzählung wirkte bei den Zuhorchenden, meist Damen in schwarzen Toiletten, die oft schon arg vom Zahn der Zeit benagt schienen, wie die Tätigkeit einer Wasserpumpe.

298 Es wurde viel salziges Naß vergossen und viele Sacktücher wurden in Tätigkeit versetzt. Allgemein neigte man der Meinung zu, der Doktor mit seiner aufgeblasenen Unwissenheit wäre die direkte Schuld an Herrn Trümmlers Tode.

»Mir kummert kaner ins Haus,« erklärte eine mit viel Bestimmtheit, »und wann's auf d' Letzt gangt. A alt's Weib kennt sie oft mehr aus als so aner, der die G'scheitheit mit 'n großen Löffel g'fress'n hat. A Sympathie? Da lachen dö Herr'n unserans aus. Wia viel'n als s' aber scho g'holfen hat, das woll'n s' net wissen . . .«

Unter den erschienenen Leidtragenden befand sich auch der Sedlmaier Gustl. Er stak in einem Salonrock, der noch aus seinen Brautzeiten zu stammen, und trug auf dem Kopfe einen Zylinder, der mehr Haare gelassen als behalten zu haben schien.

Gustl war zu der »Leich« seines ehemaligen Hausgenossen und Hausmeisters in frommer Pietät erschienen, obwohl die beiden Väter vor Jahren ein Zwist getrennt, den, wie Herr Sedlmaier behauptete, das »Raubersmensch«, die Tini, und wie Herr Trümmler behauptete, das »g'scheerte Affenmensch«, die Mirzl heraufbeschworen. Herr Trümmler hatte gegen außen stets schon aus Gründen der Rechthaberei die Partei seiner Tochter gehalten, wenn er sie auch nachträglich in der väterlichen Wohnung gehörig zu wichsen pflegte.

Die »Standratschen« hatte immer einen Groll zu hegen, es war ihr ein Herzensbedürfnis. Aber dieser Groll lagerte so dünn auf der Oberfläche des Gemüts, 299 wie eben gefallener Neuschnee auf der Steindecke, den ein laues Lüftchen zum Schmelzen bringt. Anders der Groll des Hausmeisters, der nie etwas vergab, am wenigstens eine Ehrenkränkung. So kam es, daß aus dem Streite wegen der Unart eines oder zweier Fratzen ein Zwist der Männer für immer eintrat, der um so unheilbarer war, da er von Herrn Trümmler mit all den kleinlichen Mitteln geführt wurde, die einem verwundeten Hausmeistergemüt zur Verfügung stehen. Unter ihnen stand, wie schon berichtet, die Kündigung der Wohnung obenan.

Der gutmütige Sedlmaier Gustl hatte diese Jahre zurückliegenden Ereignisse längst vergessen und im Augenblick vollständig verziehen. Aber da er, wie gesagt, ohne irgendeinen nennenswerten Groll nicht bestehen konnte, so hatte er diesen mit voller Wucht auf Fräulein Tini geworfen. Er erzählte eben einem Bekannten weitschweifig, wie sie vor kaum einem Jahre auf den Standplatz gekommen und sich einen Wagen ausgesucht habe.

»Is dös Ihner Zeug?« rezitierte er die damalige nichtssagende Frage in einem bedrohlichen Tone. »Is dös Ihner Zeug?« wiederholte er nochmals, um das bodenlos Verworfene, Boshafte der Frage so recht drastisch zu illustrieren. »Wia s' dös g'sagt hat, dös Luada; dös hätt'st hör'n soll'n! Ob dös mei Zeug war'! Hast d'r a Idee? Dös g'spannt do a Kind. Aber es wird ihr ka Glück bringa, dös waß i,« und er rollte bedrohlich die Augen in ihren Höhlen.

Aus den geheimnisvollen Andeutungen über irgend etwas, was ein Kind ahnen könne, wußte sich 300 der Bekannte offenbar viel zu machen. Er sagte daher mit Beziehung auf Tini:

»A Karnali war s' von jeher, dös steht. Derer trau' i dös scho zu. Wann i ihr scho nix anders zuatrauert.«

Eine Antwort, die ebenso unergründlich wie der Groll Gustls wegen der harmlosen Frage nach dem »Zeug« war.

Dieser hatte schon ein bedenklich rotes Aussehen, das mit dem Abschied vom Standgasthause in einem ursächlichen Zusammenhang stand.

Trotzdem bemerkte Gustl wie beiläufig zu seinem Bekannten:

»Kummst mit umi auf a Viertl? Dös Herumsteh'n unter die alten Weiber wird an' auf die Dauer zu öd.«

»Hab' nix dageg'n. Aber daß m'r d' Einsegnung net versama. Hast eahm übrigens scho ang'schaut?«

Mit »eahm« war der Tote gemeint.

»No freilich. Manst, i gib an' alten Freund net die letzte Ehr'? I hab' eahm ang'spritzt, wia si's g'hört, und aa a Vaterunser bet't.«

Unter»Anspritzen« verstand Gustl das Besprengen mit Weihwasser, das er in ausgiebigstem Maße besorgt hatte, als handelte es sich noch in letzter Stunde um ein förmliches Abspülen des letzten Restes eines Mißverständnisses, das zwischen ihm und Herrn Trümmler bestanden haben könne.

Zwecks eines anderen Abspülens zog sein Bekannter mit nach dem Gasthause, das bis vor nicht zu 301 langer Zeit dem nun Verblichenen als jahrelanges Standquartier gedient.

Hier war der Sitz der Zahlstelle des Militärveteranenvereines Feldzeugmeister Y, Reg.-Nr. . . ., hier der Sitz eines der Spar- und Geselligkeitsvereine. Hier war der Sitz einer periodischen Vogelschau, wo die armen eingekerkerten Sänger in winzig kleinen, dazu verhängten Käfigen ihre Lieder zum besten geben mußten zwecks Erzielung eines Preises für den Besitzer. Herr Trümmler, der einer jener unbewußten Barbaren der Vogelnarrheit war, spielte im Preisrichterkollegium stets eine ausschlaggebende Rolle.

»Dös Ziroll i ferm« oder dergleichen entschied immer zugunsten eines umstrittenen Preisjägers.

Heute war das Gasthaus überfüllt. Neben »Leidtragenden« in Schwarz und kreppumhüllten Zylindern drängten sich die Kutscher und Träger des Kondukts, die alle in Anhoffnung eines guten Trinkgeldes auch sehr aufgeräumt waren. Für sie bedeutete ja der Tod das Leben, denn das Handwerk kennt keine Sentiments.

Die kräftigste Note, wie ein schöner Ausdruck lautet, gaben dem Lokal die Veteranen. Die Musikanten standen plaudernd, unter dem linken Arme das Instrument, mit der Rechten das Bier- oder Weinglas haltend. Der Wirt, selbst der kriegerischen Gilde angehörend, stand schon in vollem Waffenschmuck (wenn bei der trostlosen Waffenlosigkeit der Institution bis auf den heutigen Tag das Wort gestattet ist), den Tschakko auf dem Haupte, hinter der Schank und füllte 302 unablässig Glas um Glas, indessen der Zahlkellner in weiser Voraussicht des unvermittelten Aufbruches durch die Reihen der Gäste strich und nach Bezahlung drängte.

Hauptgegenstand der heutigen Diskussion war selbstverständlich Herr Trümmler.

»Ob mi nit sagt ham, daß mi wähl'n zu Ehrenmitglied.«

»No und wer war in der Ausschußsitzung so dageg'n? Hör m'r auf! Von an' Böhm' hört m'r ka ehrlich's Wurt. Wer hat in d'r Ausschußsitzung dageg'n g'stimmt? Ha? Du!«

»Mi? Geh, sog's no mol! Mi? Wannst mia beleidingens willst . . . Sag'! Wer hat dageg'n 'stimmt? Hundsfutter, dreckige! Ha, sag'!«

»Wer g'stimmt hat? Schauts auch eahm an! Hört's, dös is guat! Weninger, du waßt do, wia die Abstimmung war. Kannst di do no erinnern? Es hat g'haß'n auf der Tagesurdnung: »Ernennung des Kameraden Trümmler zum Ehrenmitglied.« No, jetzt sag' m'r, Wostrzil, wer war eigentli so dageg'n? Du! Nur du!«

Der Kamerad Wostrzil war jedoch solchen Ermahnungen, in seinem Erinnerungsschatz zu stöbern, unzugänglich.

Mit all dem schönen Temperament seiner Nation empörte er sich gegen den Vorwurf einer Vergeßlichkeit. Er hob drohend die geballte Faust.

»Du . . . du! . . . Graninger! Du! . . . Sag' mi nit no mol! Du Lausbu dreckige, verdächtige! Wer hat nit 'stimmt?«

303 Die Kollegen warfen sich zur Vermittlung ein.

»Jetzt'n, Wostrzil . . . an' Wirb'l gibt's net. No, und du, Graninger . . . laß 's sein! D'r Wostrzil hat damals, wia i waß, net mitg'stimmt, aber hat aa net dageg'n g'stimmt. All's was recht is! Werd'ts do net vielleicht vur da Leich' an' G'stank'n anfangen! Schamt's enk!«

»No, mir is 's ja recht,« sagte der gutmütige Graninger. »Wann si d'r Wostrzil aufhalt, is er a Esel. G'mant war do die G'schicht net so. Aber an' Lausbuam hab' i eahm aa no net o'geb'n. Jetzt damit is 's guat, daß dös Gwiaxst a End' hat.«

Herrn Wostrzils Groll war jedoch noch nicht beschwichtigt. Er hatte die nachträgliche Gemütsart seiner Rasse, der eine Versöhnlichkeit wenig gewachsen war.

»Daß d' mi nit no mol sagst,« und er hob bedeutsam drohend den Zeigefinger, »nit no mol. Du, i sag' di's . . . Nit no mol . . . Wer hat nit 'stimmt? I oder du?«

Die zwei uniformierten Kampfhähne wurden in der bei solchen Gelegenheiten üblichen Form getrennt, indem man jedem ein gefülltes Literglas dicht unter den Schnauzbart hielt. Diese Tathandlung verfehlte nicht, den Siedegrad des Grolls auf den Taupunkt der Versöhnlichkeit zu mäßigen.

Herr Wostrzil tat einen Schluck, der seine Nation mit der deutschen mindestens paritätisch machte. Dann schlug er seinem Widerpart derb freundschaftlich auf die Schulter.

304 »Mi Böhm sans mi a bißl hitzige Natur; aber mi sans mi seelensgut. Dreckbu lausige, niederträchtige.«

Alles lachte beifällig. Denn der »lausige, niederträchtige Dreckbu« war diesmal nur humoristisch, also höchst freundschaftlich gemeint. In diesem Sinne nahm es auch Herr Graninger, der, die Hand des wiedergewonnenen Kameraden herzlich schüttelnd, meinte:

»No, laß ma das. Denk'n ma liaba an 'n armen Trümmler. War do a fermer Kerl. No a Weana nach 'n alten Schlag. An' besser'n Vurstand kriag'n ma nimma. Ehrli und rechtschaff'n! Hand aufs Herz: A Mann, wia er nur dasteht!«

Herr Wostrzil, jedenfalls unter dem Einfluß des Stimmungsumschlages stehend, den gehörige Quantitäten Bier und Wein auszuüben pflegen, wurde plötzlich tränenweich.

»War mi alte Spezi,« sagte er mit einer Stimme, die nur mühselig unterdrücktes Schluchzen kennzeichnete. »War mi beste Freund am Welt. Hat mi imme sagt: Wostrzil, biste anzige Freund, wu i mi kanns verlassen drauf, wanne ankummt drauf.«

Es lag in Herrn Wostrzils Worten zwar viel Vergeßlichkeit, die die Erinnerung an alte, durch Vereinsmeierei genährte Mißgunst erwürgte. Auch lag in ihnen viel Eitelkeit und Selbstgefühl und vor allem eine unangebrachte Herabsetzung der Kameraden, die sich mindestens mit demselben Rechte der Freundschaft des Verewigten rühmen durften.

305 In dem Augenblick trat Gustl mit seinem Begleiter ein.

Gustl hätte kein Fiaker sein müssen, um nicht in aller Welt bekannt zu sein. Abgesehen von der alten Bekanntschaft mit dem Lokal, das Gustl seinerzeit mit seinem Fluche bedacht hatte und das er unbilligerweise als Auswürfling verlassen mußte.

Daher erregte sein Eintritt bei vielen großes Hallo. Ein Leichenbegängnis bildet eine Art Zusammenkunft. Man hat sich oft jahrelang aus dem Gesicht verloren, bei dem Anlaß des Ablebens eines gemeinsamen Bekannten trifft man sich. Je nachdem man sich aufgelegt fühlt, über die Nichtigkeit alles Irdischen allgemeine Bemerkungen auszutauschen, gesteht man, daß man mit den Jahren immer älter werde, daß sich die Reihen der Bekannten schon bedenklich zu lichten anfangen, und daß es der Verewigte gut habe, nun er es überstanden.

Da der Zwiespalt der beiden »Veteraner« dank dem ebenso energischen wie aussichtsvollen Einschreiten der Kollegen ein Ende gefunden hatte, konnte sich der Sedlmaier Gustl vielfacher liebevoller Teilnahme erfreuen. In kurzem stand er in einem Kreise von »Bekannten«, die er seit Jahren aus seinen nichts weniger als faszinierenden Augen verloren hatte, in einem ernsten und angeregten Gespräch.

Es war gerade auf die Minute, daß der Veteranenhauptmann (der einstmalige Stellvertreter) hereingestürzt kam und die »Ralliierung seiner Truppe« anordnete (wie viele studentische »Kuhschlucke« da geleistet wurden, will ich nicht nachrechnen), als Gustl 306 gerade in der Erzählung seines Abenteuers auf dem Standplatz mit Fräulein Tini bei der Stelle angelangt war, wo diese eine ebenso unnütze wie aufreizende, ja geradezu verbrecherische Frage getan hatte.

»Wißt's, wia s' dös g'sagt hat: Is dös Ihner Zeug? . . . Versteht's?«

Die ernsten Mienen der Zuhörer bewiesen Gustl aufs neue und aufs schlagendste, daß die Verletzung seiner Gefühle eine unheilbare sei.

Doch der Hauptmann hatte gerufen, alles stürzte hinaus, die Musikanten probten in der Eile ihre Blasinstrumente und bald war die kriegerische Schar wohl eingeteilt und gerichtet, vor Herrn Trümmlers im Hausflur bereits niedergesetztem Sarge aufgestellt.

»Haaabt Aaachchtht! Rrrührt euch! Grrradaus!« Trommelwirbel ertönte, die Krieger blickten geradeaus, wie das Kommando vorschrieb, und die Musik setzte mit dem Kaiserlied ein.

»Habt aaacht!«

Dann kam der Beethovensche Trauermarsch . . . Mittlerweile hatte sich jedoch eine höchst aufregende Szene ereignet gehabt. Eben war der Metallsarg von den noch zögernden Bestattungsbediensteten, die von dem Erscheinen einer Tochter wußten, verschraubt worden, da die Zeit drängte, als sich vom Hofe her hysterisches Weinen und Schreien vernehmen ließ.

Die Trümmler Tini war nämlich im letzten Moment angerast gekommen. War es wirkliche Verspätung, war es Berechnung – kurz, sie konnte keinen letzten Blick mehr auf die Züge ihres toten Erzeugers 307 werfen. Nun erfüllte sie das ganze Haus mit ihrem Geschrei.

Gleich ihrer Mutter starrte Tini nur von »Schwarz«. Aber da sie eine schöne Figur besaß, kleidete es sie vortrefflich, wie ja Frauen, wenn sie schön sind, in der Kleidung der Trauer mehr zu unserem Herzen sprechen, sich fast überirdischer für den Augenblick machen, als in jeder sonstigen Toilette. Tini konnte vor herabwallendem Schleierwerk kaum vorwärtswanken. Die Rechte hielt ein duftiges, gesticktes, mit Aufdringlichkeit zur Schau getragenes Taschentuch.

Im Hofe hatten sich Mutter und Tochter lange Zeit schluchzend umschlungen gehalten. Dann wurden beide voneinander getrennt und viele schwarz gekleidete und verschleierte Damen nahmen sich das Vorrecht, die eine oder die andere zu trösten.

Tini setzte von allem Anfang an solchen Versuchen einen energischen Widerstand entgegen. Sie wand sich mit der Geschmeidigkeit eines Ringkämpfers von einer Umarmung zur andern. Dabei schrie sie unausgesetzt:

»Laßt's ma mei Vatterl anschau'n! I bitt euch, laßt's ma mei Vatterl anschau'n! Nur amal muaß i 'hn seg'n, o Gott! o Gott! Das allerletztemal . . .«

»Johann, Johann!« kreischte Frau Trümmler im Übermaß der erwachten Gattenliebe. »Du kannst 'hn nimmer seg'n,« wendete sie sich zur Tochter, »du bist scho z' spät kumma . . . O Gott! o Gott! Daß i das derleb'n hab' müass'n!«

308 Mittlerweile war man halb schiebend, halb geschoben in einem schwarzen, wirren Knäuel im Aufbahrungszimmer angelangt.

Hier entfaltete Tini die vollste Blütenpracht zärtlicher Kindesliebe. Mochte angesichts des geschlossenen Sarges wirklich etwas an ihr Herz rühren oder war es nur die alte, grelle, laute Tini, die aus ihr herausschrie, kurz sie machte nach späteren Mitteilungen der Leichenbestatter einen »Wirbel«, wie sie ihn im Leben noch nie erlebt, und das will was heißen.

Kaum in das Zimmer getreten, stieß Fräulein Tini einen Schrei aus.

»Vatterl!« jammerte Tini in höchst natürlicher Art und sank in die Knie. »Vatterl! Dei Tinerl is da. I bitt' di, schau mi nur no amal an! Dei Tinerl is da. Hörst mi net, Vatterl?« Und sie schlug mit der Stirn hörbar gegen den Boden.

Man bemühte sich rasch um sie. Aber Tini schaute mit verstörten Blicken in der Runde umher und jammerte weiter:

»Is denn niemand da, der mir mei Vatterl anschau'n laßt? (In Wahrheit hegte sie gar nicht den Wunsch dazu.) Is denn niemand da, der mir hilft? (Man hielt sie aufrecht.) Is denn gar niemand da, der a Herz für a Kind hat? (Das Kind sah ein wenig zu sehr aus den Kinderschuhen gewachsen aus.) Is denn gar niemand da? . . .?« Hier verließen Fräulein Tini alle Anrufungsmöglichkeiten an lebende Personen und sie gellte laut: »Vatterl! Vatterl! Wannst dei' Tinerl seg'n kunnt'st . . . I bitt' euch, Leut'ln, 309 macht's die Truch'n nomal auf! I will mei Vatterl seg'n!«

Vergebens. Dem natürlichsten aller Gefühle konnte nicht Rechnung getragen werden, aus dem einfachsten Grunde, daß nämlich ein Metallsarg nur mehr über Gerichtsbeschluß zu öffnen war. Da aber Gerichte bis nun noch keinem gebrochenen Herzen mit ihrer Neugierde nachgeforscht, so war ein Öffnungsgrund nicht vorhanden.

Die letzte, fürchterlichste aller Zeremonien begann. Der Sarg wurde auf die Schultern von sechs Bediensteten der Leichenbestattung gehoben und der Gast, der durch mehr als fünfzig Jahre in diesen Mauern geweilt, schickte sich an, diese auf ewige Nimmerkehr zu verlassen.

Unter dem Hausflur wurde der Sarg niedergesetzt und unter Assistenz dreier Priester erfolgte die Einsegung. Vom Turme der Kirche erscholl unausgesetztes Geläute. Die kirchliche Zeremonie war beendet, die Musikkapelle des Veteranenvereines stimmte den Trauermarsch von Chopin an, dann wieder Kommandorufe, die eine fast unzählbare herbeigeströmte Menge zu Äußerungen einer linden Heiterkeit nötigten.

Der Trauerzug ordnete sich. Hinter dem Sarge schwankten Mutter und Tochter, von gefälligen Hausparteien unterstützt. Tini markierte mit schauspielerischer Größe die Gebrochenheit des zu spät heimgekehrten Kindes und die »bebenden Schultern«. Die Mutter zog es vor, sich mehr schleifen zu lassen, was sie wohl für die dem feierlichen Anlaß ziemlichste, 310 zweckdienlichste und beobachtenswürdigste Äußerung der Trauer hielt.

Bemerkenswert waren die verschiedenen erschienenen Korporationen, die Herrn Trümmler zu Lebzeiten als eines ihrer verehrungswürdigsten Mitglieder zu betrachten gewohnt waren. Jede mit ihrem Abzeichen und manche mit einem Banner versehen.

Die Weiblichkeit stellte auch eine Art von Korps auf: den christlichen Frauenbund, dessen Mitglieder vermöge ihres unkorpsmäßigen Trippelns und gelegentlichen Innehaltens (da sich einige asthmatische Damen darunter befanden) den vor- und rückeilenden Vorbeter fast selbst außer Atem brachten.

Endlich war die Kirche erreicht. Die Veteranen nahmen in militärischem Spalier Aufstellung, ein Musikstück der Kapelle setzte ein und der mit Kränzen fast zur Unerträglichkeit für die Leichenträger überladene Sarg ward hineingetragen.

Kaum war dies geschehen, mischte sich in das volle Glockengeläute (das nach dem höchsten Tarif alle vorhandenen Glocken in Bewegung setzte) donnerndes Hochrufen von der Straße. Eine gewisse Erregung der Trauergäste, die diese Hochrufe wohl kannten und vielleicht zum Teil erraten wie auch erwartet haben mochten, tat sich in der Kirche kund.

Diese betrat ein hochgewachsener, bald weißbärtiger Mann, geleitet von einer kleinen Eskorte befrackter Herren. Es war ganz einfach der – Lueger. Nicht vielleicht bloß der Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, was schließlich bald einer fertig bringt. Nein, es war der Lueger, der von seinen 311 Anhängern buchstäblich angebetete Bürgermeister, der mit dem kleinen Korsen eines gemeinsam hatte: seine Mitwelt in einen Taumel von Hingebung und Haß, von fanatischer Verehrung wie Abscheu zu versetzen.

Kurz, er war da, der Bürgermeister, um einem seiner hingebendsten Verehrer, der der alte Hausmeister gewesen, die letzte Ehre zu erweisen. Der General einem seiner toten Getreuen. Welche Beweggründe den großen Demagogen veranlaßt haben mochten zu dieser Teilnahme an Herrn Trümmlers Einsegnung, kurz, er war da in seiner stattlichen Männlichkeit, vor der so manche Mannheit kläglich zusammengeschrumpft war. Und ich glaube, Herr Trümmler wäre, wenn er um diese Ehrung hätte wissen können, freiwillig noch zehnmal eines schmerzhaften Todes gestorben.

D'r Lueger!! . . .

Tini vergaß im Erschauern über dieses große Ereignis ganz ihrer vorgenommenen Rolle. Sie fühlte sich im Augenblick nur erschüttert von dem Wunderbaren und in ihr sonst so liebearmes Herz war etwas wie Liebe für den nach seinem Tode so hochgeehrten Vater gezogen, dessen Blick auf ihr niemals wieder ruhen, dessen Hand, ob strafend oder verzeihend, sie in aller Ewigkeit nicht mehr berühren sollte . . .

Auf der Fahrt nach dem Friedhof nur vermochten Tini und ihre Mutter sich einigermaßen zu einer zungenfertigen Würdigung des Ereignisses aufzuraffen.

»D'r Lueger!!! . . .«

Der Leichenzug war durch das Tor in die mächtige Totenstadt eingefahren, minutenlang rollten die Wagen durch die Alleen. Dann ward der Sarg auf die 312 Trage geschnallt, aufgehoben und die Trauergäste ordneten sich so gut als möglich zu einem Zug.

Diesen Augenblick glaubte Tini für gekommen, ein markerschütterndes Geschrei anzustimmen. Darin wurde sie nicht nur durch die Mutter, sondern auch von einem bestimmten Teil der Weiblichkeit unterstützt. Der Gang zur Grube glich einer Art von Prozession, die sich mit einer Rauferei vergnügt. Tini bäumte sich wie schon während des Weges vom Trauerhause mit aller Macht gegen die sie führenden und tröstenden Begleiterinnen. Ihre Mutter glaubte ihr nicht nachstehen zu dürfen und glich im Gegensatz zur Tochter, die einer vom Sturme geschüttelten Tanne gleich sich ausnahm, einer gerollten, schwarzen Kugel.

Die letzte, dem Lebenden so schaurig dünkende Station war erreicht. Ein rechteckig ausgehobenes Stück Lehm – die Mutter Erde, die zeugt, gebärt und verschlingt. Es ging alles zu wie bei allen Leichenbegängnissen, nur daß Tini ihre Theatralik zur Virtuosität steigerte.

Am Rande des Grabes gellte sie unaufhörlich:

»Vatterl – Vatterl! Hörst net dei Tintschi? Geh, i bitt' di, Vatterl, nimm mi mit! O du liaber Heiland, laß mi zu mein' Vatterl! Leutl'n laßt's mi! I will obi, i will neb'n mein' Vatterl lieg'n! . . . O Gott! O Gott! O Gott! Was hab' i d'r denn 'tan, du liaber Himmel? Warum hast mi denn so schwer g'straft? Hab' i denn was ang'stellt? Vatterl, geh, i bitt' di, hör' mi do an!«

313 Frau Trümmler glaubte es ihrer Würde als Gattin schuldig zu sein, nicht hinter der Tochter zurückzustehen.

»Johann,« kreischte sie schrill, »nimm mi mit! Ohne dir leb' i aa nimmer. Johann! Geh, i bitt' di, laß mi net allani!«

Poldi, die sich einen halben Tag freigenommen hatte, um dem Vater ihrer einstigen Freundin bis zur Einsegnung in der Kirche das Geleite zu geben, war infolge vieler bei solchen Gelegenheiten erfolgenden Nötigungen seitens ehemaliger Nachbarinnen und Bekannten zur Mitfahrt nach dem Friedhof bewogen worden. Wider ihren Willen war sie mehr in den Vordergrund getreten, wie dies ja bei dem Stoßen und Drängen an einem Grabe öfter der Fall zu sein pflegt, und wurde in einem unglücklichen Moment von Tini erspäht, als sie für ihren Tränenquell neue Nahrung suchte.

»Polderl!« und Tini hing dieser aufgelöst am Halse, wie zu einer Zeit, da ein Bündel und dessen schnöder Träger sie zu solcher Tätigkeit bewogen. »Polderl, er sieht mi nimmer. Er liegt da unten und will von seiner Tintschi nix mehr wissen. Hörst es, Polderl, Mein Vatterl liegt da unt' und will mi net abilassen.«

Dann aber ließ Tini endlich von ihrer Freundin ab, die, obwohl von keinen Zweifeln mehr angekränkelt, sich wohl oder übel die Komödie gefallen ließ, hielt die Rechte vor die Brust, die Linke an die Stirn und bat alle ringsum inständigst, ihr zu helfen.

314 »Leut'ln, helfts m'r. Sechts denn net? Hat gar kan's a Erbarmnis? O – i kann nimmer. O du mein liaber Heiland! . . .«

Gustl, der mit Stärkungen, Unwillen und alten Erinnerungen vollgesogen war, bei dem Wehmut um den Verstorbenen (den er allen als seinen besten Freund geschildert hatte) mit einem verbissenen Haß gegen Tini in einer Art widerstreitendem Einklang stand, war nach seiner Weise Zeuge der erschütternden Szene.

Er flüsterte, was er so zu nennen liebte, seinem Spezi zu: »Ja . . . Vatterl, Vatterl! Geh, hörst d' es? Vatterl! . . . Geh, i bitt' di, halt' mi z'ruck. Sunst gib i ihr an' Tritt hinten eini, daß s' in d' Gruab'n obisaust. Da unt' tät' ihr d'r Vatta damisch die Frisur richt'n. Waßt, wia das Luader, das damals g'sagt hat: Is das Ihner Zeug? Gar net amal so schlecht. Ob das mein Zeug is . . .«

Gustls Blatternarben glühten vor gerechter Entrüstung, wie auch in Nachwirkung der verschiedenen Stärkungen, feuerrot. Denn der Sedlmaier hatte sich keineswegs des Genusses vom Safte jener Beeren enthalten, die auf Stöcken großgezogen werden, die wieder auf sanften Abhängen stehen und die meist wieder in Grinzings Bereich liegen. Auch dämpfte er seine Stimme nur so weit, was er dämpfen nannte, und erregte das höchste Mißfallen der nächsten Trauergäste. Sein Spezi sprang korrigierend mit einem »Stupfer« in die Rippen und einem ebenfalls nicht gehauchten »Halt d' Goschen!« ein.

315 Aber plötzlich kam eine von niemandem vorausgesehene Wendung: Tini, die schon seit langem alle ihr erreichbaren Umstehenden beschworen hatte, ihr beizustehen, die, hundertmal durch Trost aufgerichtet, hundertmal der Sehnsucht Ausdruck gegeben, in der Grube neben ihrem Vatterl gebettet zu werden, erspähte in ihrem hoffnungslosesten Augenblick das liebliche Gesicht des Sedlmaier Gustls.

Diesen zu sehen und sich den sie umklammernden Armen zu entwinden, war das wunderbare Werk eines Augenblicks. Im nächsten hing sie schon am Halse der »Standratschen«.

»O Herr Sedlmaier,« schluchzte sie neuerlich, »daß i Ihner no hab'. Sie war'n ja der anzige Freund von mein' armen Vatterl. Ihner hat er ja allani gern g'habt. Und i und Ihner Annerl . . . O Gott, o Gott, o Gott! Wissen S' no, Herr Sedlmaier, wia m'r g'spielt hab'n mitanand, wann Sie und mei Vatterl mitanand plaudert hab'n . . . und alle zwa a Freud g'habt hab'n an uns zwa . . . Durt unt' liegt er und niemand laßt mi . . . abi zu eahm . . . Allan muaß er bleib'n . . . und i därf net mit eahm . . . unten lieg'n . . . i muaß dableib'n . . . i wir' aber . . . i wir' bald . . . bei eahm lieg'n . . . i g'spürs . . . den letzten Schlag . . . überwind' i net' . . .«

Ob sich Tini des letzten Schlages mit dem Besen erinnerte oder ob sie den Entschluß beklagte, den ihr »Vatterl« gefaßt, sich endgültig und für alle Ewigkeit von ihr zu trennen – ich vermag mich weder für das eine noch das andere auszusprechen.

316 Gustl, dessen Groll bekanntlich nur wie eine hingehauchte Schneedecke auf hartem Gestein ruhte und jedem hergelaufenen lauen Lüftchen zu weichen stets bereit war, fühlte diesen ein Jahr lang gehegten Groll schwinden, und zwar mit dem bei ihm üblichen Resultat des Extrems.

Im Augenblick zerfloß auch er in Rührung um die vaterlose Waise, die sich in feierlicher Stunde an ihn als alleinigen und berufenen Schützer gewendet. Sein Schluchzen gab dem Tinis nichts nach. Er wurde zwar körperlich um kein geringes schöner. Denn wenn Tränen einer zarten Frauenwange einen erhöhten Reiz verleihen, so bewirkten sie bei Gustl das Gegenteil. Aber – der Himmel erbarme sich der Häßlichkeit seines narbigen Gesichtes – er wird seinem gutmütigen, kindlichen Herzen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Man rüstete zum Abschied vom Grabe, das schon geschäftige Hände auszufüllen begannen. In einer geringen Entfernung harrten spalierbildend, mit ernsten, feierlichen Mienen die Leichenträger. Tinis wirre Blicke hasteten an ihnen wie geistesabwesend. Da gewahrte sie einen der schwarzen Männer, wie er mit seiner weißbehandschuhten Rechten verstohlen eine blinkende Träne abzuwischen bestrebt war.

Diese schlichte Demonstration brachte sie der Wirklichkeit zurück. Sie hielt im Weiterschreiten mit einem Ruck inne und wendete sich an die sie sorgsam umgebende schleierumhüllte Eskorte:

»I bitt' euch, Leut'ln, hebts mir a bißl den Schleier auf, daß i in mein' Sack g'läng (die Bitte war in 317 Anbetracht der förmlichen Einhüllung sehr gerechtfertigt) und mein Geldtaschl aussinimm. Die armen Männer, die mei Vatterl z'letzt trag'n hab'n, verdienen aa a bißl was.«

Man willfahrte voll Ergriffenheit ihrem Wunsche und Tini brachte endlich ihre Geldbörse zum Vorschein.

Zwölf oder mehr Augen schwarzuniformierter Männer hingen in diesem Augenblicke an der Geldbörse. Tini, die sich nicht des Wortes erinnerte, daß die Linke nicht zu wissen brauche, was die Rechte tue, zog mit aller Umständlichkeit aus einem Haufen eingepferchter Banknoten eine größere Note hervor und reichte sie dem Manne mit der blinkenden Träne.

»Da habts, Leut'ln, auf a Glasl Wein. Und denkts heut aa manchmal an mein armes Vatterl. Gelts – das versprechts mir.«

Und ob sie es versprachen! Vater Trümmler! Wenn sich dein Sarg im Augenblick nicht bedenklich dem Umkippen nahe befand, indem du Anstalt trafest, dich darin umzukehren, dann niemals wieder.

Ehe die Trauergäste die harrenden Wagen bestiegen, wendete sich Tini nochmals an die im Friedhof-Rondeau Versammelten:

»I dank' allen vielmals recht herzlich für die Ehr', die die Herrschaften mein' Vatterl erwiesen hab'n. I waß, er bet't jetzt im Himmel für an' jeden. Und i waß, daß er a Freud' hätt, wann er alle beinand sitzen seg'n kunnt, durt, wo er immer war. I lad' die Herrschaften ein, wann s' woll'n, in sein alt's 318 Stammgasthaus z' geh'n auf a klane Stärkung. Der Wirt waß alles.«

Es ist allgemein üblich, bei oder nach Leichenzeremonien keine Hochs auszubringen. Aber es ist nicht verboten, eine Trauermiene in die freudiger Rührung zu verwandeln. Die Trauergäste waren sämtlich solche aus des Entschlafenen Kreisen, die es als schicklich und würdig erachten, das Andenken an den Dahingegangenen ausgiebig zu begießen. Man dankte daher allseits in mehr oder minder gewählten Worten und bestieg die Trauerwagen, Fiaker und »Stellwagen«.

Die Rückfahrt begann. In dem ersten Wagen beratschlagten Mutter und Tochter über das Ende des heutigen Tages. Tini erwartete Gesellschaft. Der »Ihre« hatte sich für heute angesagt und durfte absolut nicht wissen, daß Tini einen Hauch Vergänglichkeit in ihren Kleidern mitbrächte.

»Waßt, der alte Bamschabel möcht gern no zwahundert Jahr zu seine fünfasechz'g leb'n. Von an' Toten därf ma eahm nix red'n. 's Trauerg'wand muaß i glei daham ausziag'n. I schenk's mein Madl. Wann's m'r aa 's Herz o'druckt . . . i muaß heut no dö Fidele spiel'n.«

»Und i,« sagte die Mutter, »hab mi mit a paar Freundinnen z'samm'g'red't auf a Jausen bei der Lesser (einer Hauspartei). An' Oberskaffee und an' Guglhupf. Wirst do einseg'n, so allani in der Wohnung kann i heut net bleib'n.«

Das sah Tini ein und übergab der Mutter einen größeren Betrag für die »nächste Zeit«.

319 Nichtsdestoweniger, da sich die beiden schon über das Abendprogramm geeinigt hatten, gab Tini, beim Trauerhause angelangt, vor den ausgestiegenen Trauergästen und den wartenden Nachbarn des Hauses und der nächsten Umgebung eine neuerliche Probe ihres hochentwickelten Schauspielertalentes ab.

Als es zum Abschiednehmen von der Mutter kam, die mit Festigkeit erklärte, ihr Platz wäre dort, von wo man vor wenigen Stunden ihren Gatten hinweggetragen, schrie Tini wild auf:

»Na, Muatterl, das därfst net. Heut no net. I waß ja, daß dein Platz immer bei unsern armen Vatterl war, aber die erste Nacht . . . na! Du kummst mit mir, Muatterl!«

Aber der siegreiche Wille der im ersten Schmerze erstarkten Gattin drang durch.

»I fürcht' mi net,« erklärte sie. »Mein Schani is ja bei mir.«

Und so fuhr die Tochter nach allgemeinem Verabschieden fort, im Geiste die Kosten des heutigen Debüts überschlagend. Alles in allem gerechnet hatte sie nicht draufgezahlt. Man hat nicht täglich Gelegenheit, einen Vater zu begraben.

Vater Trümmler, »schau obi!«

Es sei nur noch mitgeteilt, daß Frau Trümmler bei einem festlichen Jausenkaffee und nachfolgendem Nachtmahl in einer Nachbarswohnung sich des breiten über die Schönheit der Wohnung und Ausstattung ihrer Tochter erging; daß sie mit vielem Behagen ihren Gästen von den vornehmen Besuchen im Salon der Tini erzählte (Vater Trümmler, wo ist dein 320 Besen?) und daß sie bewies, nur wenige Töchter wären imstande, ihren betagten Eltern solche Freude zu bereiten, wie die ihre.

Weiter sei mitgeteilt, daß es im Stammgasthause des Beerdigten sehr lebhaft herging; daß die Gastzimmer zum Ersticken voll waren und daß Gustl beinahe in eine Rauferei geraten wäre, da manche Gäste eine hämische Hindeutung auf die Person der Bestgeberin nicht unterlassen konnten; daß fleißig musiziert wurde und am nächsten Morgen Bruchteile von Musikinstrumenten, wie Mundstücke usw., unter den Tischen gefunden wurden.

Weiter sei einer fidelen Kneiprunde erwähnt, deren Mitglieder in silberbetreßten Uniformen und mit sehr erhitzten Gesichtern stets einen Toten hochleben ließen, welch besagter Toter niemand anderer war als Herr Trümmler.

Daß man den Mann mit der perlenden Träne im Auge allseits beglückwünschte und ihm empfahl, den gelungenen Trick öfter zu produzieren.

»Nutzt net überall,« entgegnete der wackere Philosoph. »Bei feine Leut' ziagt so a Marker net, bei arme hat er kan' Zweck. Nur bei so an' Ban, dö mit ihr'n Geld aufhauen will. Laßts es aber leb'n! So ane is m'r liaber, als alle anständigen Leut'. Selber wird's unseran eh nix mehr zum verdienen geb'n, denn die kummt amal mit'n Arimathäatrücherl aussi.«

Schlafe wohl, Herr Trümmler! Dein Ende hat ein Stück Komödie bedeutet, für die du zu wenig Sinn besaßest. Man stirbt nicht mehr altmodisch an einem gebrochenen Herzen, eher an einer Entartung der Niere oder des Herzens. 321

 


 

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