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Töchter

Karl Adolph: Töchter - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleTöchter
authorKarl Adolph
year1921
firstpub1914
publisherAnzengruber Verlag
addressWien / Leipzig
titleTöchter
pages419
created20130620
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel

Einige arme Falter fallen ins Licht. Reserl schreibt einen Brief, der zur Herzensberuhigung der Ihrigen dient. Herr Handlgruber ist gezwungen, die Sorgen der Familie Schaumann zu teilen, gleich Herrn Müller, den Gewissensbisse plagen.

Poldi war am Abend doch vom Schlafe bezwungen worden und hatte eine frühe Nachtruhe gesucht. Am nächsten Morgen war sie in aller Frische erwacht wie immer und hatte sich auf den gewohnten Weg gemacht. Es war schon viel Alltagsstimmung über sie gekommen. Die Erinnerung an Festesfreude und Gesang war merklich abgeblaßt, dafür waren der Abscheu und der Widerwille des gestrigen Tages gegen das Betreten ihres Arbeitsortes völlig geschwunden. Es war wieder ein Arbeitstag wie so viele frühere und das Bewußtsein der gewohnten Pflicht machte sich geltend.

Im »Salon« angelangt, fand sie schon Rachel vor, die mit fieberhaften Wangen an ihrer Arbeit stichelte. Aber aus den Augen war das Fieber gewichen. Es 268 blitzte drinnen jetzt etwas wie Freudigkeit. Sie nickte ihrer Freundin dankbar zu und schien allen Eifer entwickeln zu wollen, durch ihre Arbeit den gestrigen Tag um das Zehnfache hereinzubringen.

Bei den anderen hatte die gestrige Hochstimmung auch schon abgeflaut. Vielleicht regte sich manch leises, uneingestandenes Bedauern, die kleine Näherin so wie jeden Tag vor sich zu sehen. Die Katastrophe mit ihren kitzelnden Reizen hatte sich leise, wenn auch für gestern schaurig genug, nur angemeldet, ohne in ihrer erhabenen Größe zu weilen. Verlorener Gesprächsstoff für mindestens acht Tage war zu beklagen. Abgesehen von allem, was drum und dran hängt. Zeitungsberichte, Untersuchung (heute fühlte alles solidarisch, daß ein anderes moralisches Moment herangezogen worden wäre), die »schöne Leich«, die Rolle der Kolleginnen als Begleitung beim Leichenbegängnis, da sie tieferschüttert einer lieben, lieben Freundin folgten, das Sammeln für einen Kranz und nicht zuletzt der freie halbe Tag. Man wende nicht ein, daß solche, selbst ganz unklare Spiegelungen von Ereignissen in der Seele, der Menschheit unwürdig sind. Die Menschheit begeht alltäglich, ob mit grinsender Fratze und lächelndem Gesicht, so viele Schandtaten, daß ihr die verwirrten Gedankengänge einiger armer, harmloser Näherinnen nicht allzuviel an Schande hinzufügen könnten. Dazu kam die gewisse Verlegenheit, die jeden Kulturmenschen nach einem Überwallen seiner edelsten, wirklichen Menschengefühle erfaßt, wenn er die kurze Spanne dieses Überwallens mit der der folgenden Tage und Jahre vergleicht. Der 269 gebildete Mensch findet den Übergang mit Leichtigkeit durch ein gütiges Lächeln, ein Scherz- oder Begrüßungswort, das so natürlich klingt, als wäre es immer so erklungen.

Alles in allem, bei Rachels natürlichem Gefühl für Bescheidenheit und bei ihrer fast hündischen Unterordnung war eine ganz annehmbare Linie für das künftige Verhalten gegeben. Mit ganz besonderen Freundlichkeiten brauchte man die »Jüdin«, die Rachel trotz allem blieb, auch ferner nicht zu bedenken. Man brauchte sie ganz einfach nur in Ruhe zu lassen. Dieser schöne Vorsatz hätte schon gleich im Anfang gefaßt werden können. Der Tag verlief also wie jeder andere und Poldi war ebensosehr bemüht, durch angestrengte Arbeit einen möglicherweise üblen Eindruck ihrer gestrigen Standrede abzuschwächen. Abends ging sie eine kleine Strecke mit Rachel und erzählte ihr, daß sich ein ihr befreundeter Herr erbötig gemacht habe, durch seine Verbindungen das Los der armen Familie etwas zu erleichtern. Die Kleine konnte nur mit vor Verehrung strahlenden Blicken und einem Druck auf Poldis Arm danken . . .

Reserl störte heute die Heimkunft der Schwester nicht durch einen schrillen Gesang. Sie saß beim Fenster und war gänzlich in das Studium ihres Schulatlasses vertieft. Das hatte sie übrigens schon den ganzen Nachmittag, kaum daß sie aus der Schule gekommen, getan. Sie war weder in den Park, noch zu den Sängerinnen gelaufen. Ihre Finger bezeichneten die Routen über ganze Breitegrade. Auf Poldis teilnahmsvolle Frage über solch einen Lerneifer erwiderte Katherl für Reserl, daß der Lehrer 270 einen Preis, bestehend aus einem schönen Buche, für die beste seiner Schülerinnen in Geographie ausgesetzt habe.

Die Sache war zwar im Hinblick auf Reserls frühere Neigungen und Abneigungen, wie zum Beispiel das Lernen aus einem Schulbuche, etwas merkwürdig, doch machte sich die Schwester über eine so ungefährliche Konkurrenz kein Arg. Nur die Blicke des Vaters beobachteten mit sorgenvollem Mißtrauen die Umwandlung seines Kindes. Seine Einsamkeit und erzwungene Muße ließen ihn Dinge ahnen. Aber noch fand er sie nicht so reif, als daß er schon jetzt mit Äußerungen einer bestimmten Besorgnis hervortreten wollte, zumal er sich durch Poldis Auftreten bei den »Fürstinnen« einigermaßen beruhigt fühlte.

Poldi, die geneigt war, die ganze »dumme Singerei« als eine kindische Grille zu betrachten, die vielleicht über Nacht einer anderen viel harmloseren gewichen, suchte durch verdoppelte Freundlichkeit und Güte ihre Strenge von gestern gutzumachen. Daher ermunterte sie die Schwester selbst, ihrer Herzensneigung nachzugehen.

»Was is Reserl, singst heut gar nix?«

Reserl fuhr in ihrem Studium wortlos weiter.

»Geh, dummer Batsch! Von mir aus kannst ja singen wias d' willst. Nur auf die dummen Witz von deine Fürstinnen bin i net g'flog'n. Waßt, Kind, i war gestern bei ihnen unten. Wann's auf's Ausschau'n allan ankummert, kunnt ma s' für Fürstinnen halten. I glaub' ja nix Unrechts von ihnen, aber i 271 denk' ma, daß s' a paar narrische, dumme, guate Frauenzimmer san, trotz eahnern Hochmut.

»Und wär's wia immer – schau, Reserl, so g'scheit muaß ma sein, daß ma einsiecht, wann si was net machen laßt. Denk' dir nur, unsere Leut' brauch'n a Hilf' von ihre Kinder. Hast du denn a Ahnung, was so a Studier'n kost't? Oder zahleten dir die zwa Urschln das, was d' braucherst? Alles . . . verstehst? Alles?«

Diesmal kam Leben in Reserls starrköpfigen Trotz.

»Natürli taten s' es«, platzte sie hervor, um jedoch, als hätte sie schon zuviel gesprochen, sich wieder in das Studium ihres Atlasses zu vertiefen.

»So? Davon hab' i nix bemerkt. Sunst hätten s' wenigstens a Andeutung g'macht. So aber hab'n s' mi und in Müller auf a so a feine Weise aussikomplimentiert, daß i jetzt no net waß, ob ma das net hinauswerfen haßen soll. Natürli auf die noblichste Art, die's gibt.«

Reserl schien nach ihrer rasch entzündbaren Natur auffahren und etwas erwidern zu wollen. Aber gleich darauf biß sie die Zähne aufeinander, jedenfalls in dem Bestreben, ein ihr nicht alleingehöriges Geheimnis hinter sie zurückzudrängen, dann wurde ihr Interesse an dem geographischen Studium noch eifriger.

Poldi, die eine Weile auf Antwort geharrt, wendete sich ungeduldig und mißmutig ab.

»Wann a Fratz boshaft sein will, laßt ma 'hn in Ruah. 's kummt sunst wieder nix als Verdruß heraus. Vielleicht siechst es amal ein, wia guat als wir dir's alle manen. I jedenfalls am besten, denn 272 i will, daß aus meine Schwestern anständige, brave Madln werd'n. Wann das net . . . is für sie im Haus ka Platz. I möcht' aa waß Gott was geben, wann's anders, schöner wär'. Aber leider . . .!«

Und Poldi wendete sich einer häuslichen Verrichtung zu. Man erwartete noch das Eintreffen der Mutter, die nach ihrer Arbeitseinteilung heute um die Abendstunde zu erwarten war, um das Nachtessen einzunehmen. Auch Herr Müller, der wie stets nach einem »schweren Drahrer« sich seiner Liebe zu trautem Familienglück bewußt geworden, hatte sich nach Feierabend eingeladen zu einem Nachtmahl, um dem während des ganzen Tages knurrenden Magen eine Beruhigung zu gewähren.


Reserl, dumme kleine Reserl! Welche Macht diktierte dir den unheilvollen Brief, dessen Orthographie und Stil übrigens dein Eigengewächs sind? Wer veranlaßte dich, mit ruhiger Hand nach dem Herzen derjenigen zu zielen, die mit zitternder, wenn auch rauher, ungelenker Liebe an dir hingen? Wer veranlaßte dich, das so kleine, ärmlich gepolsterte, aber trotzdem wärmende Nest zu verlassen wie ein unflügger Vogel, der seinen erst halbbefiederten Schwingen die Spannkraft zu weiter Lebensreise zutraut, um in nicht allzu fernem Umkreis die Speise eines Räubers zu werden?

Reserl! Die Vögel kennen ihn und zittern vor dem Raubvogel! Er lockt nicht mit süßen Klängen, er stößt rauh und jäh herab. Sie vermögen ihm aber oft zu entfliehen; nur den verschmachteten Nestling 273 frißt jede Katze, jedes kleine, kriechende Tier des Erdbodens. Man hat dich fortgelockt, einfältige, trotzköpfige Reserl, deren kleines, unwissendes Hirn schon über das eigene Schicksal entscheiden wollte. Man hat dein vierzehnjähriges Herz betört mit goldenen Aussichten, die in Wahrheit nur zu einer häßlichen, stinkenden Kloake führen . . .

Als sich Poldi nach einigen Tagen abends ihrer Wohnung näherte, eilte und winkte ihr schon von weitem Katherl entgegen. Die Kleine war zerrauft wie immer, aber verweint, und ein fürchterlicher Ausdruck des Entsetzens lag auf ihrem durch Tränen und Schmutz grausam verschmierten Gesicht. Poldi, die sich im Anfang über das Aussehen des Kindes erzürnen wollte, stand plötzlich still und sie fühlte, wie ihr Herz in jagenden Schlägen zu pochen anfing. Sie mußte einige Sekunden atmen, ehe sie die keuchende Katherl mit einiger Ruhe fragen konnte, was es denn gebe.

»Poldi . . . d' Reserl . . . d' Reserl . . .«

»Um Gottes will'n, Katherl, marter' mi net länger. Was is denn mit ihr? Mach' m'r ka Angst, i bitt' di!«

»D' Reserl is abg'fahren mit die zwa Fürschtinnen«, schluchzte Katherl.

Poldi, die die Unheilsbotschaft bereits erraten hatte, wurde bis in die Lippen weiß und sie zitterte so, daß sie sich an das nächste Haus anlehnen mußte. Also doch! Alle Befürchtungen waren nicht grundlos gewesen, das wirklich Vorauszusehende war eingetroffen. Blind – blind waren sie alle hineingetaumelt 274 wie harmlose Spieler, die einem Falschspieler aufsitzen, vor dessen Finten Erfahrene vielfach warnen. Sie selbst hatte sich hinters Licht führen lassen, sie, die es der jüngeren Schwester so sehr verargt hatte, daß sie den beiden »narrischen Urschln« so viel Glauben schenkte. Sie und der gewitzte Müller, der seine Weltkenntnis so schnöde abgeführt sah. Welche Schlauheit gehörte aber auch dazu, welches Wirken von langer Hand her!

Stand die menschliche Ware denn gar so hoch im Preise, um zu ihrer Erbeutung solche Vorbereitungen zu treffen? Stand es denn wirklich dafür? Ein junges Ding aus dem Volke zu gewinnen, dazu bedurfte es solchen Aufwandes?

Endlich hatte sich Poldi gefaßt.

»Wann war's denn, Katherl?«

»No, waßt, Poldi, heut vormittag is d' Reserl net aus der Schul' z' Haus kumma zum Essen. Mir hab'n g'wart't bis nachmittag, weil ma glaubt hab'n, sie hat vielleicht aus Straf' über Mittag hierbleib'n müassen. Derweil bringt der Briefträger an' Briaf, der gestern in der Fruah aufgeb'n war . . .«

»Und in dem Briaf . . .«

»D'r Vatta hat 'n, Poldi. Er is glei damit zur Polizei g'rennt.«

»Schau'n m'r, daß m'r z' Haus kommen«, sagte Poldi, die sich an Ort und Stelle von der Wahrheit des Vernommenen überzeugen wollte. Das Haus war bald erreicht. Nachbarn standen vor dem Tor und besprachen lebhaft ein Ereignis. Denn Polizei war dagewesen, hatte die Wohnung der Fürstinnen 275 aufsperren lassen und sie so gefunden, wie Poldi und Müller sie gesehen hatten. Sogar die würdevollen Bildnisse des »Elternpaares« hingen noch an den Wänden. Auf dem Klavier lagen Notenblätter, das Pult war aufgeschlagen, wie wenn eine der schönen, distinguierten Spielerinnen eben davon aufgestanden wäre. In einem Aschenbecher lagen einige Zündhölzer und Zigarettenreste. Die Kasten waren versperrt gewesen. Als man sie öffnete, fand man sie vollkommen leer. In einem der schwedischen Öfen, die den Wohnungen des ersten Stockes als hohe Auszeichnung zugedacht waren, fand sich sorgsam zerstörte, zerstäubte Asche von verbrannten Papieren, sonst nichts, soweit der polizeiliche Scharfsinn reichte, rein gar nichts. Ich denke, selbst der fabelhafte »Sherlock Holmes« hätte auch nichts gefunden, was aus den falsch ausgefüllten Meldezetteln und der absoluten gähnenden Leere jedes Behälters auf die Spur des nächsten Aufenthaltes der Bewohnerinnen dieser »vornehmen« Räume geführt hätte. Es wären denn einige unbezahlte Rechnungen, lautend auf Fräulein Wera oder Fräulein Odalska Komizzow, sowie das Zinsbüchel, für den Beitrag zum Staatseinkommen mit einem »Viertel« berechnet, gewesen oder die Aufforderung des Möbelhändlers. die seit zwei Monaten fällige Rate für Abzahlung der gelieferten Wohnungseinrichtung ehestens, bei eventueller Klage und sofortiger Pfändung zu bezahlen. Aus dem schönen Dokument war auch ersichtlich, daß der »Ratenjud« die Klausel offen gelassen, daß bis zur letzten fälligen Rate der Abzahlung das gesamte Mobiliar 276 uneingeschränktes Eigentum des Lieferanten bleibe. Armer Lieferant! Deine Kundinnen magst du dir suchen, wo du willst und extra noch die Transportspesen für Weglieferung deiner Ramschmöbel bezahlen. Das heißt erst über Gerichtsbeschluß.

Poldi eilte, unbekümmert um die teils teilnahmsvollen, teils neugierigen Blicke der Angesammelten, zur elterlichen Wohnung hinauf. In der Mitte des Zimmers fand sie den Vater, aufrecht, wie sie ihn schon lange nicht gesehen. Eine Zuversicht leuchtete Poldi entgegen, die sie in diesen sonst todtraurigen Augen nie erblickt. Er hob gleich an:

»Wirst seg'n, Poldi, mir derwischen s'. Die Spur is g'funden, sagt der Kommissär auf der Polizei. Alle Bahnhöfe, alle Stationen san verständigt. Es san internationale Mädchenjäger, die scho lang g'suacht werd'n. Tröst' di, Poldi, mir werd'n unser Reserl bald wieder hab'n.«

Der Arme, er wollte vor allem seiner Tochter Mut zusprechen.

Poldi nahm sich gar keine Zeit, abzulegen.

»Wo is der Briaf, Vatta?«

»Da is er.«

Poldi nahm das Schreiben mit zitternder Hand entgegen. Es war auf einem abgerissenen Blatt aus einem Schönschreibschulheft und lautete:

Libe Eltern!

Wann ihr das lest bin ich wegen meiner Kunst über alle berg. Ich weis, das ich nicht zu einen Nahtamensch daug wie di Poldi, die mich imer eine faulle Schlampn und haschen und alls mögliche 277 ghaßen hat und nix als die Nahrerei kent. Ich wil mit Gotes Hillfe mein Goldt in der Keln nicht zugrundt gehn laßen. Menschen san mir alle. Libe Eltern trösts euch, ich bin gut aufgehobn ich werdt nomal hamkuma wie die Trimlertini mit Brillanten und Schmuk und einen künstlernahmen und einen feinen Hutt und einen Automobil, das ihr staun werdst Den der genus in meiner brust ißt gotseidank net todt wi di Poldi meindt, weil si so eifersüchti isst auf mir. Libe Eltern ich reiße in ein unbekantes Land wo mir glick winckt. Seit nicht bös ich komm bald wider

Eiere Reserl.    

Sagt der Poldi ich weis was für eine falsche Kretur si is und der Müller ebenfalls.

nochmals eire Reserl    

libe Eltern.

Der Schani sol brav werden. Die Parukentoni is nichs für ihn. Und die Platn is gfärli, weil die Polizei aufpast. Und di Katerl sol net so vil in Park gehn, weit da so manchs gschicht. Dann hat sie doch keinen Genus in der brust wie ich

eire nochmals libende Reserl.    

Reserl hatte es mit zweimaligem Repetieren bis zur ersten Bürgerschulklasse gebracht. Alle Achtung vor ihrem Genius, der sie bis zu dieser schwindelnden Höhe geleitete. Aber der Genius mußte, was Orthographie anlangt, höchst schwindsüchtig gewesen und auf der Höhe mit seinem Schützling angelangt, zusammengebrochen sein.

278 Poldi starrte wie abwesend diese ungelenken Zeilen an, aus deren jeder förmlich eine Reserl schrie. Der Schlag war so betäubend gekommen, so unerwartet, und dennoch – jetzt, mit blitzschneller Erleuchtung erfaßte sie den ganzen unseligen Zusammenhang. Nun ward sich Poldi all der Fehler bewußt, die sie in gutgemeintem Autoritätsgefühl begangen. Sie verstand auch den Schlußsatz, sie und Müller betreffend. Das unselige Kind war tief in seiner Eitelkeit, in seinem eingebildeten Künstlerstolz getroffen worden. Die beiden Mädchenhändlerinnen hatten ihr förmlich die verhängnisvollen Worte in die Seele geschrieben. Sie war in eine Falle geraten. Reserl war verborgen im Nebenzimmer Zeugin der Unterredung gewesen, hatte die vernichtende Kritik des »Goldes ihrer Kehle« und des »Genius in ihrer Brust« seitens der Schwester und Müllers gehört. Was gehörte weiter dazu, ein törichtes Kind zu einem Schritte zu bewegen, der sie ins Unheil führen und den Ihren namenlosen Jammer bringen mußte.

Die Familie Schaumann war arm, bitter arm. Die Verwahrlosung der Kinder in einer dem Vornehmen unerhörten Art konnte beim besten Willen nicht hintangehalten werden. Nichts führt so rasch bergab wie die Armut. Sie bändigt den Stolz des Künstlers, zermürbt die gleichmütige Seelenruhe auch des lachendsten Philosophen, macht aus Weisen grinsende Narren, aus ihres Wertes bewußten Menschen Lakaien. Aber die Armut zieht ihre Grenze. Diese heißt Ehrenhaftigkeit. Mag die sittliche Verwahrlosung (immer vom Standpunkt des Vornehmen) noch 279 so groß sein, die Armut, ja das Elend selbst hält sich respektvoll innerhalb der Marke. Diebstahl und Prostitution liegen jenseits der Grenze und wirken wie ein Brandmal.

Reserl war geraubt worden (ein anderer Ausdruck ist nicht am Platze), um mit ihrem Körper für die Lüste besitzender Herren aufzukommen. Die arme Reserl, die ja gar nicht wußte, was sie tat.

»Vatta,« sagte Poldi endlich, »wir werd'n unser Reserl nimmer seg'n.« Und im Übermaß der Qual, die nur ein Weib für die Geschlechtsgenossin aufzubringen vermag, warf sie sich über das Bett und schluchzte so fassungslos wie niemals noch.

»Polderl, i schwör' d'r's, mir werd'n s' bald wieder hab'n. Es gebert sunst ka Gerechtigkeit im Himmel und auf d'r Erd'n. Polderl – geh, tröst' di a bißl. Schau mi an . . . Denk an d' Mutter!«

»Um Gottes will'n die Mutter . . .!« Poldi fuhr rasch empor. Ja – die Mutter! Die arme, zittrige, für ihre Lieben stets fürchtende, die abgearbeitete, proletarische, häßliche, alte Mutter! Wie ihr es beibringen, wenn sie in der Frühe heimkam und wenn die alte Henne ein unflügges Küchlein vermißte? . . .

Eine Stimme ließ sich in der Küche laut vernehmen. Poldi kannte diese Stimme. Es war die Herrn Handlgrubers. Der kam ohne Anklopfen, ohne Aufforderung hastig hereingestürzt. Poldi begriff.

»Ihner Klane – die aa?«

Der starke, wohlgenährte Mann war blaß und schien wie vom Fieber geschüttelt. Er schluchzte:

280 »Mein Lentscherl . . . mein Lentscherl! Um Gottes willen, mein Lentscherl! Leutln, wann i hamkumm ohne ihr . . . Gott sei mir und meiner Alten gnädig! Mein Kind will i hab'n, mein anzig's Kind!«

Herr Handlgruber war nach dem Heimkommen von seiner Arbeit von größtem Schrecken erfüllt worden, als ihm seine Frau die Mitteilung machte, daß ihr Lentscherl in der Frühe zur Schule gegangen und bis zur Stunde noch nicht heimgekommen sei.

Des Vaters erster Gedanke war der an die zwei Sängerinnen, welche das Kind trotz des Verbotes besucht haben mochte. Nun war er hergeeilt und hatte das Entsetzliche erfahren.

Er sah in keine trostreicheren Gesichter, als seines war. Poldis Augen waren noch rot vor Tränen und der Vater trotz seiner aufrecht erhaltenen Zuversicht brach bei dieser neuen Bestätigung der Katastrophe zusammen. Katherl hing sich, laut jammernd, wie stets, in die Rockfalten der Schwester.

»Mein Lentscherl,« fuhr Herr Handlgruber fort zu schluchzen, »mein Anzigs, was i hab'. Fräul'n, wann i das g'wußt hätt' – dö Händ' hätt'n a Arbeit an dem klan' Halserl g'habt. Wia i schon amal g'sagt hab', liaber unter der Erd', als so was . . . O Gott! O Gott!«

»Warten mir's nur ab, Herr,« unterbrach Vater Schaumann, »warten mir's nur a bißl ab. Die Kinder san uns ja no net verlor'n, i hab' alles mögliche 'tan und die Polizei tuat aa ihr möglichstes. Ma is auf der Spur, Herr, ma is auf der Spur.«

281 Er hüllte sich förmlich in den Trost dieser letzten Worte.

»Leicht g'sagt. Glauben S', dö san im Powidlland aufg'wachsen, daß die a Spur z'rucklassen? Wann ma a G'schicht' so fein einfadelt, so is anz'nehmen, daß die Leut' Helfershelfer hab'n. Und so a arm's Waserl is ja bald zu was ang'lernt. Herrgott im Himmel! Wann a Galing notwendi is . . . so für solchene Leut'. Wann s' m'r mei Wohnung ausbrennt hätten. Wann s' mi umbracht hätten . . . aber . . . mein Lentscherl! . . . Du, liaber Gott! Mein Lentscherl.«

Es gibt Gefühle, mit denen ganz einfach gerechnet werden muß, mögen sie auch solche der Familien Schaumann und Handlgruber sein. Derlei Dinge ereignen sich zwar nicht allzu selten, nur erfährt die Öffentlichkeit (wenn sie überhaupt davon Notiz nimmt) durch sehr gemessene Zeitungsberichte davon, während der Unfall irgendeines Sportgigerls so breit als möglich getreten wird. Also, wie gesagt, es gibt Gefühle, die der Beachtung wert sind. Eine muhende Kuh, ein heulender Hund, eine jammernde Katze, die um ihr Junges klagen, sind unserer Beobachtung und gelegentlichen Teilnahme würdig, wie ich annehme, also darf auch auf den Schmerz der vereinigten Personen hingewiesen werden, der noch eine Ergänzung in dem des eben heimkehrenden Herrn Müller fand.

»Aufstöbern müass'n ma s', die Bagasch. Jessas! Bin i denn gar so vernagelt, daß i den Pflanz net 282 g'rochen hab'? Aber i hab' mi halt aa a bißl auf d' Fräul'n Poldi verlassen. Na – wann die nix g'neißt hat . . .«

Und Herr Müller senkte angesichts der Tatsache, daß selbst Poldi keinerlei Ahnung der kommenden Tatsachen besaß, ergeben sein Haupt.

»Wann i dran denk', wia s' no von dö Feigenkränz' gessen hat, wia ihr die Zuckerln g'schmeckt hab'n, die i ham'bracht hab' und dö i irgend an' Kraner a'gwunna hab' (Müllers Selbsttäuschung im Punkte des Gewinnens war unausrottbar), so möcht' i wanen wia a klan's Kind. Herrgott no mal! Wo werden sie s' denn hinzarrt hab'n? Vielleicht nach Rußland oder in die Türkei . . .«

Zu teilweiser Beruhigung Herrn Müllers und allzu zarter Leser sei berichtet, wo Reserl mit ihrem Genius gelandet. Weder in Rußland noch in der Türkei, sondern ganz einfach in – Budapest. In Budapest, jener sonderbaren östlichen Donaustadt, die ihrer westlichen Schwester ihre Taschendiebe, ihre hazardierende Gentry, ihre erpressenden Politiker, ihre nervenzerreißende Zigeunermusik und ihre abgebrauchten Dirnen schickt.

Arme Reserl! Lebe wohl! Wenn du jemals wieder heimatlichen Boden betrittst, so wird dein Auftauchen ein geschändetes sein. Und auf eingesunkenen Hügeln wirst du um die Erwecker deiner Tage trauern. Und nicht gellend wie einmal wirst du das Wiener Couplet 283 hinausschreien, dessen einige Zeilen so urwüchsig traurig klingen:

Vogerl fliag' zum Friedhof 'naus,
's Muatterl, das find'st nimmer z' Haus.
Schließ' mich ein in dein Gebet!
Die Reue kommt zu spät . . . 284

 


 

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