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Töchter

Karl Adolph: Töchter - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleTöchter
authorKarl Adolph
year1921
firstpub1914
publisherAnzengruber Verlag
addressWien / Leipzig
titleTöchter
pages419
created20130620
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel

Zwei Fürstinnen erscheinen in bedenklicher Beleuchtung. Wie man die »Plebs« zum besten halten kann. Ein dummer Falter kreist um das Licht.

Katherl war eine keineswegs scharfsinnige Botschafterin gewesen, sonst wäre ihr nach ihrem Anklopfen aufgefallen, daß sich schleichende Schritte der Tür näherten, daß sich der Schieber eines »Guckerls« verschob und ein spähendes Auge sich an den Spalt drängte . . .

Aber drinnen im Zimmer saß Reserl und vergoß Tränen der Wut, indessen eine der »Fürstinnen« bemüht war, sie zu trösten. Die andere »Fürstin«, die nach dem Anläuten Katherls hinausgehuscht war, kehrte bald zurück mit der Botschaft, daß nun die Luft rein sei.

»Sie dürfen hier nicht bleiben, liebes Kind,« sagte die eine Schwester. »Man würde glauben, wir wollten weiß Gott was von Ihnen. Mon Dieu – ein gutes Werk, das wir der Kunst zuliebe an Ihnen zu tun beabsichtigen . . . Aber Sie mit Ihrer Familie entfremden . . . Um keinen Preis! Wie schade! Das 242 Gold in Ihrer Kehle . . . Nun, Wera, ich denke, wir taten doch nichts Unrechtes?«

Die Frage galt der Schwester, die lebhaft antwortete. »Nein, Odalska, wir können uns jederzeit rechtfertigen. Sagen Sie, liebste kleine Resi, haben wir je was anderes gewollt als Ihre künstlerische Ausbildung und Zukunft?«

»O na,« heulte Reserl, »aber der Trampel ob'n (damit war Poldi gemeint) will nix wissen von aner Kunst. Weil s' selber nix versteht von an' G'sang, will ma dös Luada mei Existenz verruinieren. I sollt aa a so a Nahterin werd'n wia sie. Jessas, bin i denn ganz verdammt auf der Welt, daß's grad mir so schlecht gehn muaß? Dös Gold in meiner Kehln,« wiederholte Reserl die so oft gehörte Phrase, »soll hin werd'n und i soll a g'wöhnliche Nahterin abgeb'n? In ganzen Tag die Nahmaschin' treten, daß an' die Haxen o'falln und daß ma brustkrank wird? Und der Genius in meiner Brust . . . das Schenie! O Gott! o Gott!«

Man sieht, daß Reserl schon gehörig präpariert war für den Aufstieg zu etwas Höherem. Sie hatte sich schon einem Genius in ihrer Brust angefreundet, dessen voraussichtlichem Verlust sie zur Stunde ohne Würde und Fassung gegenüberstand.

»Beruhigen Sie sich, ma chérise! . . . O Wera! Lassen wir doch die Kleine um Gotteswillen fort. Sie ist zu erregt . . . man könnte ihretwegen in mal crédit kommen. Gehen Sie fort, Süße,« wendete sich Odalska an Reserl, »wenigstens für eine Weile, und 243 wir sagen nicht, daß Sie hier waren. Ja . . . wir sind überhaupt nicht zu Hause gewesen.«

»Mir is all's recht. Auffi geh i so bald net. Was sie nur dös Mistluada einbild't? Mei Kunst haßt s' a Plärrerei.«

»Ah! Wiederholen Sie ein solches Wort nicht! Wir nehmen uns nur solcher lieber, süßer Mädchen an, die ein Kapital in der Stimme tragen. Weinen Sie nicht so! Denken Sie, daß dies Ihrem Gesang schadet! Jetzt aber huschen Sie heimlich hinaus und sagen Sie nicht, daß Sie bei uns waren. Wie kommt es überhaupt, daß das Fräulein Schwester um die Zeit zu Hause ist?«

»Weil s' an' Sporn hat und a narrische Jüdin z'ruckg'halten hat, dö beim Fenster aussispringen hat woll'n.«

Reserl erzählte nun auf ihre Art von den heutigen Ereignissen.

»A so a Judenmensch is ihr mehr als i und mei Kunst!« schloß sie voll gerechtem Jammer.

Aber dann gehorchte sie dem Rate der beiden Pseudo-Russinnen, deren Wiege, wenn sie je eine solche besessen, weiß Gott wo gestanden, schlich sich über die Stiege, dann zum Tor hinaus und im Park fand sie Katherl, die, atemlos nach dem Verbleib der Schwester forschend umhergerannt war.

»Resi, d' Poldi fragt scho um di. Wo warst denn die ganze Zeit? I hab' di scho bei die zwa Fräul'n g'suacht, hat aber niemand aufg'macht.«

»Weil s' net daham san, du Mistmensch, du neugierig's. Wast hast du bei dö z'suachen?«

244 »No, d' Poldi hat mi g'schickt. Sie hat g'sagt, sie will si die zwa Fürstinnen amal anschau'n.«

»Nix wird s' tuan!« schrie Reserl aufgeregt und stampfte mit dem Fuße. »Die is ja gar net wert, daß s' nur bei der Tür einitritt. Die Fürstinnen schmeißen s' höchstens aussi, daß sa si d' Hax'n bricht. G'schechert ihr ganz recht!«

Katherl fühlte sich durch die Wut der Schwester eingeschüchtert.

»Waßt,« sagte sie nach einer Weile, »der Vatta und d' Poldi hab'n miteinand' so was g'red't, was i net verstand'n hab'.«

»Was hab'n s' g'red't?« forschte Reserl, der unheilvolle Gedanken über ihre künstlerische Zukunft aufzusteigen begannen. Poldi durfte um keinen Preis mit den Sängerinnen zusammenkommen, denn eine dunkle Idee, daß es mit der fürstlichen Herrlichkeit doch ein Häkchen haben könne, beherrschte sie schon längere Zeit. »Also, was hab'n s' g'red't?« wiederholte sie die Frage, da Katherl anscheinend gegen ein schlechtes Gedächtnis ankämpfte.

»Ja waßt, die Poldi hat die zwa Fräul'n frag'n woll'n ob's wirkli wahr is, daß du a so a Talent hast. Und du sollst nur hamkumma, sie will d'r nix in Weg leg'n, wann's a so is.«

Katherl hatte sich im letzten Moment nur des Auftrages an Reserl erinnert.

»Is das wahr?« fragte die arme, törichte Reserl mit vor Freude glühenden Wangen. »Is das wirkli wahr? Dann is die Poldi ja a Engel.«

245 Hätte sie eine Ahnung davon gehabt, in welcher Weise Poldi zurzeit ihre Engelrolle spielte! Gleich nachdem Katherl in den Park geeilt war, klopfte es an die Tür der Schaumann-Wohnung.

Ein offenbar der Arbeiterklasse angehöriger Mann bat um Entschuldigung über die Störung und rückte dann mit seinem Anliegen heraus. Er sei der Vater eines dreizehnjährigen, äußerst hübschen Mädchens, das, obwohl sich bisher keinerlei bedrohliche Zeichen irgendeiner Genialität gezeigt hatten, plötzlich daran sei, sich für eine künftige berühmte Sängerin zu halten. Kurz, die Diagnose der von plötzlichem Genialitätswahnsinn befallenen Tochter lautete so gleichartig mit der Reserls, daß Poldi nun wußte, woran sie war. Der Mann erzählte weiter, seine Tochter habe ihm gesagt, die Schaumann Resi, die im Hause der beiden Sängerinnen (angeblich von Rußland geflüchtete Fürstinnen) wohne, sei selbst Schülerin und daher komme er, der Vater, zu seiner Beruhigung mit der Bitte um nähere Aufklärung.

Poldi und der Vater sahen sich eine Zeitlang an. Die Sache hatte eine fürchterlich anschauliche Bedeutung erhalten. Poldi hatte doch schon einen zu tiefen Einblick in die Welt, um nicht die Gefahr zu erkennen.

Sie bot dem Besucher einen Platz an und dann teilte sie ihm ihre Besorgnisse mit.

»Wissen S', ans, was mir auffallt,« sagte sie nach einer eingehenden Besprechung, »is das, daß es lauter so Backfischerln und lauter saubere sein soll'n. D' Reserl hat in ihrer Dummheit oft was derzählt auf das i net so auf'paßt hab'. Aber jetzt kummt mir 246 alles in an' andern Liacht vor. Sie erzählt, daß die zwa allweil davon red'n, daß in Rußland und in der Türkei Künstlerinnen mit Brillanten förmlich überschütt' werd'n, und solche Pflänz' no mehr. Wissen S', da kummt ma auf manche Gedanken.«

»Z'erscht wer i mit eahna red'n. Was s' so dummen Kindern weißmachen können, ziagt net bei mir,« erklärte mit ernster Stimme der Besucher. »I dank' Ihner schönstens, Fräul'n. Umasunst hab' i mir also die Zeit net freig'nommen, denn am Abend will i mi net eindrängen und aa dö zwa auspeitschten Fürstinnen dürften um dö Zeit – ka Zeit hab'n. G'spannt hab' i so was scho lang. Unserans lest aa seine Zeitungen und waß, wia die Madlfanger bei der Arbeit san. Jetzt schau i abi in 'n ersten Stock und weh' eahna, wann's a Hakerl hat.«

Poldi erklärte, daß ein Besuch zur Stunde keinen Erfolg hätte, da die beiden Damen nicht zu Hause seien. Ein bedauerndes Achselzucken seitens des Arbeitsmannes, das zum Teil Poldis Geistesschwäche gelten konnte, ergänzte die Antwort:

»Und wann i die Tür eintritt . . .«

»Dann begleit' i Ihna hinunter. I bitt' Ihna, nur ka Aufseg'n! Wann i mi net täusch', is d' Hausmasterin von dö zwa g'schmiert, daß s' ja ka unrechte, will sag'n rechte Auskunft gibt.«

»Mir liegt an mein Kind mehr als an an' Aufseg'n,« lautete die wenig verbindliche Antwort.

»Und mir grad soviel an meiner Schwester,« sagte Poldi mit einiger Schärfe. »Sie seg'n, daß i grad so dran bin, um der Wahrheit auf d' Spur z'kumma, wia Sie.«

247 »Entschuldigen S' vielmals, Fräul'n, wann i so ung'schliff'n daherred'! I waß ja, Sö san Partei da im Haus, und ma muaß Rücksicht nehma. Übrigens muaß so a Sach' in Ruah untersucht wer'n, sunst kunnt ma si blamier'n aa no.«

»No eb'n. Grad so was möcht' i net. Und zum Schluß, wir red'n grad so, als ob die ganze G'schicht'' scho erwiesen wär'. I möcht' do immer liaber glaub'n, die zwa san verruckte Theatergredln, die, weil s' selber schon nimmer recht ziag'n, gern Genies entdecken möchten. Aber ans versprich i Ihna, daß i der Sach' auf die Spur kommen werd'. Nur möcht' i do net gern vielleicht zwa ganz unschuldige Fräul'n mit an klan' Spleen im Kopf beleidigen, ohne daß i waß, ob i aa das Recht dazu hab'.«

Herr Handlgruber schien all das einzusehen, doch meinte er:

»Is 's wia immer . . . Wann mir aber a G'schicht' anmal in d' Nasen g'stieg'n is, so bin i vorsichti. 's Madl laß i vorderhand nimmer hergehn. Sicher is amal sicher. Ehnder soll ma das Kind no liaber sterb'n, so waß i do, wo's is, und i denk ma: is um a Engerl mehr. Wann's mi aa niederschmeißen möcht', denn i und mei Alte hängen an der Klan' wia nur was – so liaber unserm Herrgott als . . . Mir wird kalt, wann i nur dran denk'. Und wann s' aa blazt und vielleicht rebellisch wird – a paar g'sunde Pracker hab'n scho oft Wunder g'wirkt. Also besten Dank, Fräul'n, und nix für unguat, daß i Ihna belästigt hab'. Liegt ma nix dran, daß i, wia 248 schon g'sagt, heut mi a bißl von der Arbeit freig'macht hab'. Jedenfalls bin i g'witzigt.«

Nach einem nochmaligen herzlichen Abschied von Poldi und Schaumann entfernte sich der Besuch. Am Gange des ersten Stockwerkes blieb er eine Weile zögernd, überlegend stehen, denn er wußte, daß die beiden Sängerinnen hier wohnten; aber da er jedenfalls mit sich über die ganze Angelegenheit ins reine gekommen war, unterließ er den erst gefaßten Vorsatz, sein Glück an der Türe zu probieren, und schritt weiter hinunter.

Im Hausflur hätten ihn bald zwei Mädchen überrannt, wenn das in Anbetracht seiner kräftigen Gestalt möglich gewesen wäre, besonders von zwei Mädchen wie Reserl und Katherl, denn diese waren die Heranstürmenden.

Es gibt Momente, in denen man an seinem Schicksal vorbeischreitet, ohne es zu erkennen. Spätere fruchtlose Reue deckt dann seine verborgensten Wege auf. Hätte Herr Handlgruber Reserl gekannt, mit ihr gesprochen. wäre er nochmals zurückgekehrt in ihrer Begleitung zu Poldi – lauter ganz unnützige Dinge für das, was wir als logische Handlung betrachten –, so wäre gar manches nicht geschehen. Das Schicksal liebt es bekanntlich, mit einem undurchdringlichen Schleier versehen, uns seine Besuche abzustatten, gleich einer Dame, die sich nicht kompromittieren will. So jedoch wich Herr Handlgruber gerade noch rechtzeitig aus, im stillen eine Verwünschung über »ungezogene Bankerten« murmelnd.

Reserl und Katherl kamen ganz erhitzt in der elterlichen Wohnung an.

249 »Is 's wahr, Poldi,« keuchte Reserl kaum nach dem Eintritt, »daß i singen lernen därf?«

Poldi sah mit tiefem Unmut auf zwei erhitzte Gesichter und zwei Köpfe voll zerraufter Haare.

»I bitt' di, was is das für a Manier, daß d' so in die Wohnung einistürzt?« zürnte sie. »Wo warst denn überhaupt die ganze Zeit?«

»Im Park,« log Resi, der daranlag, die Schwester zu versöhnen, »da hab' i d' Katherl 'troffen und die hat ma g'sagt, du willst mit die Fräul'n red'n, ob i a Talent hab'.«

»Das wir i mir erst überleg'n, ob i mit dö Fräul'n überhaupt no a Wort red'«, entgegnete Poldi, die Reserl gegenüber von allen guten Geistern der Einsicht verlassen zu sein schien. Ein wenig liebevolleres Eingehen auf die fixe Idee der Schwester hätte gewiß auf diese mehr Einfluß gehabt als die unvermittelte Strenge, die zu den erweckten Hoffnungen Reserls in grellstem Gegensatz stand. Alles Unglück des Mißverstehens rührt in erster Linie daher, daß bestimmte Meinungen zu erstarren, sich zu Stein zu bilden beginnen. Es gibt kein Hin- und Herfluten, kein Verschmelzen. Poldis Befürchtungen waren ihre Meinung und Reserls Hoffnungen deren Meinung, die vielleicht im Austausch mit der anderen Fluß und Bewegung bekommen hätte, nun aber zum Trotze erstarrte. Ach, beide waren eigentlich so schuldlos, die törichte verführte Reserl und die durch Liebe zu einer falschen Energie gezwungene Poldi.

Reserl, also von allen erträumten Himmeln gerissen, fand vorerst nicht anders Worte, als daß sie auf Katherl losfuhr:

250 »Was lüagst m'r denn solche Sach'n vur, du Mistfetz'n, du krauperta? Gelt ja, da im Park hast m'r d'rzählt, daß mi d' Poldi will singa lerna lassen, du o'draht's Mensch, du lugert's. Am liabsten gabert i dir a paar Watschen, du Bankert, du dreckiger . . .«

Katherl fing zu weinen an.

»Gelt ja, Poldi, du hast mi abig'schickt zu die Fürstinnen, i soll die Resi hol'n. Und das hast m'r auftrag'n, daß i 's sag'n soll. Gelt ja, Poldi, das is wahr?«

»Natürli is's wahr und i hab's nur sag'n lassen, daß i di herob'n hab'«, wendete sich Poldi vor Zürnen zu Reserl. »Und laß mi nimmer so a ordinäre Schimpferei hör'n. An für allemal – jetzt wird anders ang'fangt mit euch. Mit deine zwa Fräul'n, wia g'sagt, will i erst amal a anständig's Wort red'n. Entweder san s' narrische Fuchteln oder was Schlechter's. I trau' der ganzen G'schicht, mit an' Wort g'sagt, net. Bevor i net ganz überzeugt bin, daß hinter der ganzen Talentg'schicht ka Schwindel is, gehst m'r mit kan' Schritt mehr hinunter. Von heut ab wirst am Vattern aufpass'n. Der wird auf di schau'n, daß d' net ganz verwahrlost. I bitt' di – schau di nur in 'n Spiag'l. Mit so aner Frisur willst vielleicht a Sängerin werd'n? Na, das Publikum möcht si schön bedanken.«

Reserl, aus allen himmlischen Regionen einer kindischen, für sie aber ernstgenommenen Herrlichkeit gerissen, fand ihr dumpfes, unwissendes, mit falschen Vorstellungen vollgepfropftes Gehirn wie von einem übermächtigen Schlage betäubt. Sie brauchte eine 251 geraume Zeit, um sich von diesem Schlage zu erholen. Bei der impulsiven, ein wenig natururwüchsigen Art solcher Erholung kam es zu einer höchst leidenschaftlichen Szene, die in ihrer Vollständigkeit zu beschreiben mir erlassen bleiben möge. Reserl heulte laut auf wie ein getretener, geschlagener, überfahrener oder sonstwie mißhandelter Hund. Um Poldis Schönheits- und Schicklichkeitsgefühl noch mehr zu verletzen, fuhr sie sich mit den Fingern beider Hände in das ohnehin nicht zu lieblich frisierte Haupt, riß sich die Schürze vom Leibe und begann einen Rundtanz der Verzweiflung, wie ihn eine moderne Tänzerin, die vielleicht »Elektra« tanzt, nicht charakteristischer aufführen könnte. Dann gellte sie in der ihr sowohl sprachlich als gesanglich eigentümlichen Art:

»O . . . O . . . O! Gelt ja, du willst net, daß i was Besseres wir. Du neid'st ma's eini, weilst du nix anders hast werd'n könna als a Maschintramp'l. Du . . . du Lausmensch, du niederträchtiges . . . Ja, du Fetzen du hatscherter. Du Krokodül . . . du . . . du Abfam . . . du . . . Feine (womit eigentlich nicht der wirkliche Begriff des Feinen, Zarten gemeint war), du . . . du . . . O weh! O weh! O weh! A so a Luader von aner Schwester muaß i hab'n? Und dir soll i eppa folg'n? Na . . . na . . . und nomal na, just – just – justamend net. Du Besen, du niederträchtiger . . .«

Und Reserl im Überschwange ihres Schmerzes fing noch einmal zu heulen an, diesmal wie ein Hund, der, an seine Kette angefestigt, einen Landstreicher ein Huhn vom Hofe forttragen sieht.

252 Vater Schaumann, Poldi und Katherl standen diesem Ausbruch wie einem schauerlichen Naturereignis gegenüber. Poldi vergaß über diese Flut von Schimpfwörtern, über diesen Ausbruch einer kindischen Wut ganz ihre gewohnte Autorität.

In ihrem Hirn tobten heute so viele Eindrücke, daß sie, kaum von einem losgelöst, einem andern zum Opfer fiel. Sie wollte sich ermannen, dem wütenden Gebaren der Schwester Einhalt zu tun. Mit ihrer sonst gewohnten, bei niemandem ihr Ziel verfehlenden Sanftmut wollte Poldi auf Reserl einwirken. Vergeblich. Der kleine Wildfang tobte um so ärger. Mit dem Sedlmaier Gustl im Verein hätte Reserl, was Schimpferei anlangt, weit mehr als ein Jahrhundert in die Schranken gefordert.

Da jedoch jede, selbst die höchste Aufregung nach Ausspannung drängt, so versiegte allmählich auch Reserls Heul-, Schrei- und Schimpfbedürfnis und glitt in ein Gewimmer hinüber, das sich anhörte, als jammerte irgendeine Kreatur in höchster Todesnot. Weiter, mit einem nochmaligen Hinweis auf den in schnöder Gefangenschaft gehaltenen Genius in ihrer Brust, keuchte Reserl noch:

»Und do wir i a Sängerin. Wia derwöll . . . Dös Gold in meiner Kehl'n schmeiß i net am Mist. Daß d' es waßt!« Und dann war sie zur Tür hinaus.

Die Zurückbleibenden standen eine Weile wie in einem fürchterlichen Banne. Der Schrecken über die stattgehabte Szene stak allen förmlich in den Gliedern. Katherl, die ein weiches, leicht erschrecktes Gemüt besaß, fing an heftig zu weinen und heftete sich an die 253 Kleiderfalten Poldis. Der Vater war noch um einiges fahler geworden, als dies bei seiner ausgesprochenen Bleifarbe überhaupt möglich war, und ließ sich an seinen gewohnten Platz, die Sofaecke, fallen.

Und Poldi selbst stand mit bleichem Gesicht, fast blutleeren, bebenden Lippen und weit geöffneten Augen da. Endlich fand sie Worte.

»Da wird ma wohl anders kumma müass'n, Vatta. Das kann do net so fortgehn. Mein Gott und Herr! . . . Das Madl g'hört ja in Narrenturm. Na . . . so was . . .«

»Gelt, Poldi,« schluchzte Katherl, »d' Resi is net g'scheit. Im Park' sag'n alle, daß s' net recht bei'nander is.«

»Das is s' aa net, Herzerl,« sagte Poldi, »aber ma muaß schau'n, daß s' auf gleich kummt. Jetzt . . . sei net grad so narrisch und wan' net länger.«

»Waßt, Poldi . . . weil mi d' Resi so derbarmt . . .«

»Patscherl! Warum denn?«

»Na . . . weil s', weil s' halt narrisch is.«


Heute gab es ein Mittagessen, das Poldi selbst gekocht hatte, nicht Reserl unter Assistenz Katherls und des Vaters. Wahrhaftig, es war sonst immer äußerst schmal. Unausgequollene Hülsenfrüchte mit irgendeiner delikaten Beilage, wie einige Paar Würste vom Pferdefleischhauer, oder etwas, das Kaffee genannt wurde und seine Erquicklichkeit erst durch viel eingebrocktes Brot erhielt, manchmal ein anderes Etwas, das Suppe genannt wurde vermöge einiger Ringe auf der Wasseroberfläche, Fettaugen darstellend; dazu 254 ein Stück zähes Fleisch, wie es nur unser treuester und leider nur zu geduldiger Freund abgibt. Manchmal eine Suppe von heißem Wasser, einigem Fett und zerriebenem Knoblauch; wienerisch gesagt, eine »Knofelsuppe« mit abermals viel Brot, und vielerlei andere Gerichte, die in erfreulichster Weise von unserem Volkswohlstand reden und für die spartanischen Tugenden unserer großen Massen ein höchst günstiges, für spätere Lesebücher vorbildliches Zeugnis abzulegen imstande sind. Und heute hatte sich das Mittagessen sehr – sehr lange verzögert.

Aber heute hatte Poldi gekocht. Sie war an den Schubladekasten getreten, hatte aus einem Winkel, der Herrn Julius des Ersten moralisches Gebein barg, eine Schachtel hervorgezogen in der eine Art von Wehrschatz lag. Es waren kreuzerhafte Ersparnisse, die sich zu dem horrenden Betrag von vielleicht fünf Gulden angewachsen hatten.

Und Poldi hatte Katherl zum Fleischhauer um »fünfunddreißig Deka Hinteres« geschickt, dann um Grünzeug, um Spinat, um – doch wozu die vielen Aufzählungen von Dingen, die Katherls Augen vor Erstaunen fast hervortreten ließen.

Als das Essen bereitet war und man nur Reserl erwartete, blieb diese aus. Poldi sah dem Trotze vieles nach, aber weniger dem Hunger, der, ihrer Meinung nach, die Schwester zum häuslichen Tisch zurücktreiben mußte.

Das köstliche Mittagsmahl verlief in gedrückter Stimmung. Keines der drei Anwesenden spürte rechten Appetit. Eine Art von Erleichterung brachte 255 das Auftauchen Herrn Müllers, der mit verwirrtem Haar, glanzlosen Augen und einer beinahe unmöglichen Toilette auf der Bildfläche erschien. Der reuige Jammer stand so sehr auf seinen jungen, aber stark verfallenen Zügen, daß Poldi, die, dem Lumpenwesen im allgemeinen abhold, diese Abneigung gegen das spezielle Lumpenwesen Herrn Müllers stets sehr nachdrücklich hervorhob, sich eines gelinden Mitleides nicht erwehren konnte, zumal da sie einen hungrigen Blick auf die Suppenteller auffing. Gleich allen warmherzigen Menschen, die nur für einen Fehler eine Verdammung haben, jedoch die mit ihm behaftete Person großmütig pardonieren, war Poldi bereit, dem jammervollen Etwas, durch Herrn Müller dargestellt, mit ihrer Güte zu Hilfe zu kommen. Zu dem Zwecke bot sie dem erschienenen Gaste einen Teller Suppe an, bat ihn aber, vorerst Weste und Rock anzulegen.

Müller, der sich bisher Poldis Anwesenheit nicht bewußt gewesen war und deren Stimme in seine Betäubung geradeso geklungen hatte, als wäre es im Traume geschehen, folgte mit einer gewissen Beschämtheit dem Rate und fiel dann mit einem wahren Heißhunger über die dargebotene Suppe.

»Seg'n S', Sie Lump!« sagte Poldi nach einer Weile, »so muaß i scho wirkli sag'n, jetzt schmeckt Ihner das G'schlader; aber sunst is 's Bier und der Wein besser, gelten S? Net, das i Ihners einineid' . . . aber so kunnten S' jeden Tag anständig leb'n. Net die ganze Woch'n mit a paar Butterlaberln auskommen müass'n und dann wieder in zwa Täg' all's anbringen, was in aner Woch'n verdient is.«

256 Herr Müller, zu seiner Ehre sei es gesagt, gab den moralischen Defekt höchst bereitwillig zu. Dann aber vermißte er seinen Liebling Reserl.

»Wo is denn nur das Madl?« fragte er.

Müller war, abgesehen von seiner tadelswürdigen Aufführung an zwei oder drei Tagen der Woche, sonst ein sehr achtenswerter Mensch, der des Vorzugs teilhaftig werden durfte, in Familienverhältnissen mitzusprechen. Daher gab man ihm ungescheut Aufklärung über die heutige Szene.

Müller, dem Poldi einen Teller mit Zuspeise und einem Stückchen Fleisch und ein Brot angeboten hatte, war bei der Erzählung der ganzen Genialitätsgeschichte mitten unter dem Essen sehr nachdenklich geworden. Er stürzte vorerst ein Glas frisches Hochquellwasser hinunter (zur Dämpfung eines schier unstillbaren Durstes), dann sprang er erregt auf.

»Fräul'n Poldi . . . Vatta . . . Da muaß ma ja do was mach'n. Die zwa ›Fürschtinnen‹ oder Hochstaplerinnen oder no was Schlechteres g'hör'n bei der Polizei an'zagt. I wett' mit Ihner, um was S' woll'n, d' Reserl is bei denen unten und sie woll'n nur net daham sein.«

Poldi erklärte ihre Bereitschaft, nochmals, und zwar selbst ihr Glück zu versuchen und nach dem ersten Stock hinabzusteigen. Und Herr Müller erklärte, nach einer kleinen Restaurierung an Haupt und Gliedern, sich diesem Besuch anzuschließen.

»I bin a großer Fallot,« sagte er mit einer Art düsteren Freimuts. »A zweiter wird net so bald in Wean sein. Wissen S', Fräul'n Poldi, wissen S', 257 Vatta (wie der Mutter äußerte er auch Vater Schaumann gegenüber rührende Gefühle von Kindlichkeit, die jedoch stets im Nachtreffen gegen die Hochachtung für Poldi standen), i kann mi auf vieles beruaf'n. Aber . . . daß i jemals an so an' armen Ding a Verbrechen begehn kunnt . . . Herrgott nomal, i will net drandenken, aber die zwa leichert i m'r so damisch aus, daß dö falschen Zott'n nur so in d'r Luft umanandfliagerten. Jetzt . . . i bin bald am Glanz herg'richt't, daß i a Audienz bei dö Fuchteln nimm . . . Dann gengan ma abi zu dö Fürschtinnen.«

In einer halben Stunde präsentierte sich Herr Müller wirklich als Mann, der Anspruch auf Respekt erheben konnte. Katherl hatte einige Krüge Wasser herangeschleppt, die seiner leiblichen Auffrischung zu Dienst gestellt wurden. Pusten, Plätschern, Röcheln, Gurgeln bezeichneten die Etappen, die Herrn Müllers Regenerationsprozeß nahm.

Dann stiegen die beiden nach dem ersten Stock hinunter zu der Wohnung der beiden Sängerinnen und Fürstinnen. Es war anzunehmen, daß sie schon zu Hause sein mußten. Poldi und ihr Begleiter hatten sich nicht getäuscht. Auf ihr Läuten wurde alsbald geöffnet. Fräulein Odalska stand in der Tür und blickte mit dem Ausdruck frostiger Verwunderung, die wir Zivilisationsmenschen allen uns Fremden entgegenbringen, die uns zu einem oft unerbetenen Empfang nötigen, auf die Besucher.

Poldi war verlegen und fand keine passenden Worte der Vorstellung. Anders Herr Müller, der kurz entschlossen, Poldi vorschiebend, mit dieser in das 258 Vorzimmer trat. Denn Wera und Odalska besaßen eine für das Haus wahrhaft fürstliche Wohnung: zwei Zimmer, ein Vorzimmer und eine zu einem Dienstbotenzimmer umgewandelte Küche. Der Dienstbote, den eigentlich noch niemals jemand im Hause zu Gesicht bekommen hatte, war momentan abwesend. Daher hatte Fräulein Odalska selbst sich bequemen müssen, den dienstbaren Hausgeist zu spielen. Sie sah mit halb furchtsamem, halb hochmütigem Erstaunen die beiden Eingedrungenen an.

Poldi hatte sich genugsam gefaßt, um die Vorstellung in aller Form zu machen. Fräulein Odalska geruhte mit Freundlichkeit die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, Reserls Schwester, von der sie schon gehört, vor sich zu sehen. Desto indignierter richtete sie die Blicke auf Herrn Müller.

»'tschuldigen schon, wann i so frei war. Mein Nam' is Müller und i wohn' bei die Herrschaften Schaumann am Kaminet. I hab' d' Fräul'n Poldi nur abibegleit't, daß s' a bißl a Kourasche hat weg'n dem, was mir z' reden hab'n.«

»Bitte, in den Salon einzutreten«, sagte Fräulein Odalska mit der Würde, die ihrem mutmaßlichen Stand als künftige Fürstin so wohl anstand.

Der Salon war ein billig tapeziertes rotes Zimmer, mit einer Einrichtung, die die Naivität des Volkes so gern besticht. Ein den ganzen Boden bedeckender »türkischer« Teppich, eine sogenannte »altdeutsche« Einrichtung, Truhen, ein Diwan mit abermals türkischem Überwurf, Fauteuils, verschiedener anderer Krimskrams und einige Gemälde, deren höchster 259 Vorzug darin bestand, mit »echter« Ölfarbe auf Leinwand gemalt zu sein; ein Umstand, der den Besitzer eines solchen Gegenstandes stets veranlaßt, auf die Provenienz von wirklicher Ölfarbe hinzuweisen.

Mit der Stirnseite gegen ein Fenster stand ein Klavier. Die Türen und Fenster waren schwer mit Vorhängen und Portieren verhängt. Kurz es war der Kitsch der Möblierung, die noch durch eine auf einem Holzpostament befindliche Gipsbüste Richard Wagners und eine auf einem Tischchen befindliche Gruppe, wie ein nackter Jüngling ein gleichfalls nacktes Mädchen küßt, ihre dem Kenner einzig allein auffallende Charakterisierung erhielt. Alles roch nämlich nach Abzahlungsgeschäft, nach einem Vertrag, bei dem der Lieferant bis vor Abzahlung der letzten Rate Eigentümer bleibt.

Aber auf Poldi wie auf Müller wirkte der ganze Pflanz wie gediegene Pracht. Beide hatten noch so wenig Gelegenheit gehabt, eine wahrhaft vornehme Wohnungseinrichtung zu sehen, daß sie vor stiller Bewunderung ganz starr waren.

Fräulein Odalska hatte mit dem Benehmen der feinen Dame ihrem Besuch Plätze angeboten und wartete mit dem stillen zurückgedrängten Erstaunen einer solchen auf die Eröffnung der Ursache eines so unvorhergesehenen Einbruchs.

Poldi, die allmählich ihre Befangenheit bezwungen hatte, begann:

»Es muaß Ihner eigentümli vorkommen, daß i und der Herr uns so eindrängen. Es is schwer zum 260 sag'n, aber kurz und guat, i kumm wegen meiner Schwester, der Reserl.«

Eine Falte des Erstaunens zog sich über der schönen Nasenwurzel Odalskas zusammen.

»Wissen S', Fräul'n . . . i kenn' Ihner nur von jetzt erst und wia mir d' Reserl von Ihner erzählt hat. Jetzt . . . i glaub', Sie manen's ganz guat mit dem Kind, aber . . . es tuat ka guat net. Sie bild't sie auf amal ein, sie hätt' a Genie zum Singen und is' mit an' Wort ganz narrisch g'macht word'n. Sie verzeihn schon, Fräul'n. Aber heut, wo i zufällig untertags a Zeit hab', hab' i mi do erkundigen müassen, was an der ganzen Sach'n Wahres is. Denken S' Ihner, heut hat's zwamal so an' Skandal geb'n, daß das Madl beim zweitenmal auf und davon is und mir bis jetzt net wissen, wo 's nur sein kann. I denk' ma immer, Sie hab'n vielleicht aus Unterhaltung mit dem Fratzen was g'red't weg'n seiner schönen Stimm' und ihr a bißl was beibringen woll'n, daß die Stimm' net gar so grauslich klingt.«

»Jetzt, das muaß i schon selber sag'n,« fiel Herr Müller ein, »die Stimm' von der Reserl is grod ka Nachtigallstimm'. Und derentweg'n wundern wir uns halt damisch. wia S' dem Madl so a Idee in 'n Kopf setz'n könna. I, von mein' Standpunkt aus betracht't, i find', daß das Madl grad so viel Talent zum Singen hat wia a Roß oder a Uhudl. All's, was recht is, mir ham aa no a Gehör und glaub'n, daß a Stimm', die wirkli a Stimm' is, von dö Ohrwasch'ln g'hört wird wia a solche. Dös is mei Manung von der Sach'. Am End',« fügte er nach 261 einer nochmaligen Rundschau über das Interieur und dann mit einem Blick auf die elegante, vornehme, distinguierte Odalska hinzu, »kann i mi ja aa irr'n. Vielleicht hat 's Madl a Stimm' für d' Oper, aber sunst – da tan an' d' Ohr'n manchmal damisch weh.«

Bis jetzt hatte Fräulein Odalska ihre Besucher sprechen lassen. Nun rief sie, die Portiere zum Nebenzimmer öffnend:

»Liebste Wera, hast du Zeit? Es ist Besuch hier.« Gleich darauf erschien Fräulein Wera. In ihrem Antlitz stand etwas wie verhaltene Neugierde. Im Gegensatz zu ihrer Schwester äußerte sie ein fast schüchternes Benehmen, wie es jungen, um ihren Ruf besorgten Damen so geziemt. Fräulein Odalska machte die Vorstellung zwischen der Schwester und den sich von ihren Sitzen erhebenden Gästen.

»Was will ich nur fragen?« hob Odalska an, als hätte sie einen Gedankenfaden verloren. »Ja, nun hab' ich's: Was hat Professor Robinson bei seinem letzten Besuch über die Schwester des Fräuleins gesagt?«

Wera mußte ein ganz erstaunliches Gedächtnis haben, denn sie begann, wie vom Blatte gelesen, etwas monoton:

»Phänomenale, nur gründlich verdorbene, aber durch Zucht und Studium rekonstruierbare Stimmmittel. Scharfes Timbre, zurzeit schrill und gellend (Poldi und Müller blickten sich an wie zwei, die nicht erst des Urteils eines Musikprofessors bedurft hätten), aber seiner vollen Anlage nach durch behutsame Schulung für das Heroische geeignet. Mozart, 262 Schubert, kurz Komponisten für das Innige, Verhaltene, Schmelzende des Vortrages eigneten sich für die musikalische Psyche des Mädchens nicht. Desto mehr Goldmark, Wagner, Strauß (nicht der Wiener Strauß) und andere Vertoner elementarer Gefühle.«

Fräulein Wera hatte abgeschnurrt und blickte nun wieder mit der schüchternen Verwunderung, die ihr so wohl stand, Schwester und Besucher an. Diese saßen da, als hätten sie der Symphonie eines Neutöners gelauscht.

Poldi bemerkte nach einer Pause, daß sie wohl dem Professor nicht nachempfinden könne, wenigstens was ihre Begriffe von Kunst anlange, daß sie aber nicht abgeneigt sei, die musikalische Autorität des Künstlers anzuerkennen. Nur hätte alles gar keinen Sinn und Zweck, denn ihre Familie sei zu arm, ein kostspieliges Studium der Schwester bestreiten zu können, besonders wenn die Stimme Reserls so verdorben wäre, daß eine Reparatur sich eventuell höher stellen würde, als vielleicht doch die ganze Stimme wert sei.

»Vielleicht vom viel'n Zuckerl und Feig'nessen«, glaubte Herr Müller den Verfall von Reserls Stimmmitteln erklären zu können. Er gedachte des erst heutigen Konsums dieser Ware aus dem Korbe des »Kraners«.

»Is 's wia immer«, sagte Poldi resolut. »Die Fräul'n werd'n mir desweg'n net bös sein, wann i überhaupt von so aner Opernspielerei für mei Schwester nix wissen will. An- und für allemal net. Was dem an' gut is, is dem andern schlecht. Wia i unser' Reserl kenn', so liegt ihr weniger der G'sang am Herzen als das, was drum und dran hängt. Es tuat ka guat, wann so a Fratz, der no nix von der Welt versteht, das kennen lernt, was ma zum Schluß oft a glänzend's Elend haßt. Sie red't immer nix anders als von Schmuck, kostbare Klader, Fürsten und Grafen, desweg'n – möcht' i die Fräul'n bitten lassen S' das Madl!«

Die beiden Künstlerinnen hatten mit einem nicht mißzuverstehenden Staunen Poldis Erklärung gelauscht. Wera war auf einen Wink der Schwester nach einer verabschiedenden Verbeugung durch die Portiere in das nächste Zimmer geschwebt.

Fräulein Odalska sann eine Weile stumm vor sich hin.

»Also – Sie gestatten mir die Freiheit des Ausdruckes – Sie wollen sich auf jeden Fall dem künstlerischen Aufstieg Ihrer Schwester entgegenstellen?«

»I siech net ein, wo von an' Aufstieg die Red' sein kunnt, wann arme Leut' das net erschwingen können, was so a Studium kost't. Heut is der Fratz knapp vierzehn Jahr' alt, grad daß s' no die paar Wochen in d' Schul' geht – war' schön, a arme, alte Wäscherin und a Nahrermensch, wia mi mei Schwester g'haßen hat, sollten a Konservatoristin aushalten. Wia g'sagt – vielleicht täten mir das Unmögliche. Aber bei der Stimm' . . . Fräulein, san S' net bös' – aber bei der Stimm' müaßt i beinah' an a Wunder glaub'n, wann was draus werd'n sollt'. Und so an' Luxus können si reiche Leut' erlaub'n, unseran's net. Wann s' was werd'n kunnt . . .?«

264 »Vielleicht a harbe Volkssängerin . . .« schaltete Herr Müller ein.

»Na, am End' amal a Lavendlweib. I hab ka recht's Vertrauen zu der Sach'; net, daß i Ihner nahtreten wollt'«, begütigte Poldi ein erregtes Aufwerfen des Hauptes Fräulein Odalskas.

Aber diese bewahrte geschickt die aristokratische Ruhe. Sie kräuselte nur die Lippen etwas verächtlich, wie ein beliebter Ausdruck lautet, und dann sagte sie mit eisiger Kühle, aber laut vernehmbarer, fast überlauter Stimme:

»Es steht Ihnen, Fräulein, zu, über das Geschick Ihrer Schwester zu entscheiden. Aber hoffentlich werden Sie uns nicht das Recht bestreiten, über die Talente des Mädchens unser Urteil zu bilden. Daß dieses ein festgegründetes und durch eine Autorität gestütztes ist, brauche ich wohl nicht zu wiederholen. Bitte . . . nein, keine weitere Entschuldigung! Lassen wir die Sache auf sich beruhen. Einfach gesagt – Sie wünschen unsere Initiative nicht, wo wir nur rein künstlerische Absichten verfolgen. Gut. Wir werden unsere Finger künftig wohlweislich von Familienverhältnissen zurückziehen. Ich danke bestens, Fräulein, für Ihre Offenherzigkeit. Ich weiß, auch die besten Absichten können manchmal mißdeutet werden.«

»Wann m'r nur wußten, wo das Mistmensch si jetzt aufhalt«, fiel abermals Herr Müller ein. »Meiner Seel', wann's ma heut in 'n Wurf kommt, pack i 's 265 bei dö krauperten Zöpf' und statt dürre Feig'n gibt's bei mir saftige Birn'

Und Müller stand in seiner stattlichen dürren Länge auf, geneigt, bei Reserls Erscheinen zu Hause dieser klarzumachen, daß selbst der dümmste Spaß ein Ende haben müsse. Auch Poldi hatte sich erhoben. Mit ihrem unwiderstehlichen Lächeln und mit dem süßen Blick ihrer braunen Augen bat sie den Schwestern ein förmliches Schuldregister ab. Sie fühlte nur, daß sie etwas Notwendiges getan habe.

»Ja, denken S' Ihner nur, sie is bis jetzt wirkli net hamkumma . . . ganz ohne Essen is s' bis jetzt . . .«

»Wir wollen keinerlei Verantwortung für den Verbleib Ihrer Schwester übernehmen. Unsere Absichten waren die besten. Echtes Gold ist schwer zu erlangen und das Gold der Stimme . . .«

Poldi mußte wider Willen lachen. Sie verbesserte sich:

»Entschuldigen S' vielmals, Fräul'n! Aber das ›Gold in der Stimm‹ oder ›Kehle‹ is so etwas, was mi zum Lachen bringt, weil's d' Reserl immer am Tapet hat, wann i ihr sag', sie soll mit ihr'n G'schra aufhör'n. Jetzt . . . wia g'sagt, i versteh' von solche Sach'n nix, aber mir is das Gold immer mehr wia Blech vorkommen. Jetzt empfehl'n ma uns und no amal: nix für unguat. Aber wann s' aa wirkli Gold in der Kehl'n hätt' – es nutzert ihr nix. Mir san kane Millionär', die si so an' Luxus leisten können! Adje . . .«

266 Im Hinaufsteigen fragte Poldi Herrn Müller, was er nun von der ganzen Sache denke.

»Kunnt wirkli nix Recht's sag'n. Aber a Benehmen hab'n die zwa, wie wann s' echte Fürschtinnen wär'n. Jedenfalls glaub' i, daß dö d' Reserl beim Tempel aussi komplimentier'n wia uns zwa.«


Zur selben Zeit tobte Reserl, die während der Unterredung nur mit Mühe von Wera im Zaume gehalten werden konnte, daß sie ihre Anwesenheit im zweiten Zimmer nicht verrate, wie eine Furie. Sie hatte nun erkannt, wer ihre Feinde waren. Selbst Müller hatte sich unziemliche Äußerungen über ihr Talent gestattet.

Abends jedoch kehrte sie heim mit einem fröhlichen, unbekümmerten Gesicht, ließ den Tadel Poldis ruhig über sich ergehen und erklärte ihr Fernbleiben mit dem Besuch bei einer Freundin, wo sie schon zu essen bekommen habe. Nur Herr Müller, der infolge absoluten Geldmangels die Idylle eines Familienabends verstärken half, wurde von Reserl höchst ungnädig behandelt. Man ging zeitiger als sonst zu Bett. Und Poldi war geneigt, ihr Tagewerk als ein wohlgetanes anzusehn. 267

 


 

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