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To the Man on Trail

Jack London: To the Man on Trail - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorJack London
translatorPeter Friedrich
titleTo the Man on Trail
copyright2003 Peter Friedrich
senderp.friedrich@peka-film.de
created20030530
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Jack London

Auf der Rast

To the Man on Trail

Aus dem Englischen von Peter Friedrich

 

»Kipp es rein.«

»Aber hör mal, Kid, wird das nicht n bisschen zu stark? Whisky und Alkohol ist schon schlimm genug, aber auch noch Brandy und Pfeffersauce –«

»Kipp es rein. Mach ich den Punsch oder du?« Und Malemute Kid lächelte milde durch die Dampfwolken hindurch. »Wenn du erst mal so lang wie ich im Land bist, mein Sohn, und von Kaninchenspuren und Lachsbauch gelebt hast, wirst du lernen, dass nur einmal im Jahr Weihnachten ist. Und Weihnachten ohne Punsch, das ist wie n tiefer Schacht ohne Goldader.«

»Immer noch eins druff,« stimmte Big Jim Belden zu, der extra von seinem Claim am Mazy May gekommen war, um Weihnachten zu feiern, und der, wie jeder wusste, die letzten zwei Monate von Elchfleisch pur gelebt hatte. »Weißte noch das Gesöff, das wer uns bei de Tananas gepanscht ham, hä?«

»Glaub schon. Jungs, der Anblick war die reine Freude, der ganze Stamm stockbesoffen – und alles bloß wegen so ner herrlich vergorenen Mischung aus Zucker und Sauerteig. Das war vor deiner Zeit,« sagte Malemute Kid zu Stanley Prince gewandt, einem jungen Bergbauexperten, der seit zwei Jahren im Land war. »Gab damals nicht eine einzige weiße Frau hier, und Mason wollte heiraten. Ruths Vater war Häuptling der Tananas und hatte was dagegen, genau wie der ganze Stamm. Haarige Sache. Na ja, hab ich eben mein letztes Pfund Zucker hergenommen, und ein feineres Stöffchen hab ich im Leben nicht gebraut. War das ne wilde Jagd, den Fluss runter und über die Portagestrecke, hättste sehen sollen.«

»Und die Squaw?« fragte Louis Savoy, der hochgewachsene Franko-Kanadier plötzlich interessiert, denn er hatte im vergangenen Winter in Forty Mile von diesem wilden Streich gehört.

Und so berichtete Malemute Kid, ein geborener Erzähler, die ungeschminkte Wahrheit über diese Brautentführung des Hohen Nordens. Mehr als einer der rauhen Abenteurer spürte, wie es ihm eng ums Herz wurde und ihn eine leise Sehnsucht nach sonnigeren, südlichen Gefilden überkam, wo das Leben mehr versprach als den ewigen Kampf gegen Kälte und Tod.

»Wir erreichten den Yukon unmittelbar nach dem ersten Eisgang,« kam er zum Schluss, »und der ganze Stamm nur eine Viertelstunde hinter uns. Aber das war unsere Rettung, denn der zweite Gang hat die Eisbarriere oberhalb mitgerissen und sie saßen am anderen Ufer fest. Als sie dann endlich nach Nuklukyeto kamen, war die gesamte Station zu ihrem Empfang bereit. Was die Zusammenführung des Paares betrifft, fragt Pater Roubeau hier. Er hat die Zeremonie geleitet.«

Der Jesuit nahm die Pfeife aus dem Mund, konnte aber seiner Genugtuung nur mit patriarchalischem Lächeln Ausdruck geben, weil Protestanten und Katholiken gleichermaßen wild applaudierten.

»Himmelarsch!« stieß Louis Savoy hervor, anscheinend völlig überwältigt von der Romantik der Geschichte. »La petite squaw; mon Mason brave. Himmelarsch!« Dann, als die ersten mit Punsch gefüllten Blechtassen kreisten, sprang Bettles der Immerdurstige auf und stimmte sein bevorzugtes Trinklied von den Pfaffen und dem Saft der verbotenen Frucht an und die anderen stimmten im trunkenen Chor mit ein.

Malemute Kids schauerliches Gebräu tat seine Wirkung. Die Männer der Wildnis entspannten sich in seiner wärmenden Glut, und Witze, Lieder und Geschichten vergangener Abenteuer machten die Runde. Männer aus einem Dutzend verschiedener Länder prosteten sich gegenseitig zu und brachten Trinksprüche aus. Es war der Engländer Prince, der auf »Uncle Sam, das frühreife Kind der Neuen Welt« trank. Der Yankee Bettles seinerseits trank auf »die Queen, Gott segne sie«, und gemeinsam stießen Savoy und Meyers, der deutsche Händler, auf Elsaß und Lothringen an.

Dann stand Malemute Kid auf, die Blechtasse erhoben und richtete den Blick auf das Ölpapier vor dem Fenster, das mit einer acht Zentimeter dicken Eisschicht bedeckt war. »Ich trinke auf den Mann, der in einer solchen Nacht draußen unterwegs ist; auf dass ihm das Futter nie ausgehe, seine Hunde nicht tot umfallen und seine Streichhölzer nie nass werden.«

Krack! Krack! – ertönte die vertraute Melodie aus Hundepeitschen-Geknall, dem jaulenden Geheul von Malemute-Schlittenhunden und dem Knirschen eines Schlittens, der vor der Hütte stehenblieb. Die Unterhaltung erstarb, während sie den Fortgang der Ereignisse abwarteten.

»Ein alter Hase. Kümmert sich erst um seine Hunde und dann um sich,« flüsterte Malemute Kid Prince zu, während sie zuschnappende Kiefer und wolfsartiges Knurren und gellendes Gekläff vernahmen, das ihren erfahrenen Ohren sagte, dass der Fremde ihre Hunde weg prügelte, während er seine eigenen fütterte.

Dann kam das erwartete Klopfen, scharf und zuversichtlich, und der Fremde trat ein. Geblendet vom Licht zögerte er einen Moment in der Tür und gab damit allen die Gelegenheit, ihn prüfend zu mustern. Er war eine eindrucksvolle Persönlichkeit und eine sehr malerische dazu, in seiner arktischen Bekleidung aus Wolle und Pelzen. Mit seinen knapp einen Meter neunzig, dazu passender Schulterbreite und mächtigem Brustkorb, seinem glattrasierten, von der Kälte leuchtend rosa gefärbten Gesicht, den langen Wimpern und weiß vereisten Augenbrauen und den lässig hochgeschlagenen Ohren- und Nackenklappen seiner Wolfsfellmütze sah er aus wie der fleischgewordene Eiskönig, gerade der Nacht entsprungen. Über seine Mackinaw Jacke hatte er einen perlenbesetzten Gürtel mit zwei großen Colt-Revolvern und einem Jagdmesser geschnallt, während er zusätzlich zur unvermeidlichen Hundepeitsche noch ein rauchloses Gewehr trug, ein großkalibriges Modell neuester Bauart. Als er eintrat, konnte jeder trotz seines festen und elastischen Schrittes erkennen, dass er zu Tode erschöpft war.

Eine nervöse Stille war eingetreten, aber sein herzliches »Tolle Stimmung, Jungs?« löste die Spannung und im nächsten Moment schüttelten er und Malemute Kid sich die Hand. Obwohl sie sich nie begegnet waren, hatten sie voneinander gehört und wussten, wen sie vor sich hatten. Bevor er auf sein Anliegen zu sprechen kommen konnte, musste der Fremde erst eine allseitige Vorstellung über sich ergehen lassen und eine Tasse Punsch annehmen.

»Wie lange ist es her, dass dieser Korbschlitten mit drei Männern und acht Hunden vorbeigekommen ist?« fragte er.

»Das sind jetzt genau zwei Tage. Sind Sie hinter ihnen her?«

»Ja, ist meine Meute. Haben sie mir direkt unter der Nase weggestohlen, diese Gauner. Hab schon zwei Tage aufgeholt, - nächste Etappe erwisch ich sie.«

»Glaum Se, die machen Trabbes?« fragte Belden, um die Konversation am Laufen zu halten, da Malemute Kid bereits den Kaffeepott aufgesetzt hatte und fleißig Speck und Elchfleisch briet.

Der Fremde klopfte vielsagend auf seine Revolver.

»Wann sin Se denn weg aus Dawson?«

»Um zwölf.«

»Letzte Nacht?« – Klar. Keine Frage.

»Mit-tag.«

Ein erstauntes Raunen ging durch den Raum. Dafür gab es auch allen Grund – denn es war gerade erst Mitternacht und fünfundsiebzig Meilen Marsch über raues Flusseis war wirklich nicht übel für zwölf Stunden.

Aber bald wurde das Gespräch allgemeiner, und Kindheitserinnerungen wurden ausgegraben. Während der junge Fremde sein einfaches Mahl aß, musterte Malemute Kid eindringlich sein Gesicht. Er brauchte nicht lange, um zu dem Schluss zu kommen, dass es anständig, ehrlich und offen war und dass es ihm gefiel. Trotz seiner Jugend hatten sich tiefe Linien der Mühsal und Entbehrungen eingegraben. Die blauen Augen waren im Gespräch zwar liebenswürdig und sanft, enthielten aber eine Andeutung jenes harten, stählernen Glitzerns, das sich im Kampf einzustellen pflegt, vor allem, wenn die Chancen schlecht stehen. Der schwere Unterkiefer und das kantige Kinn signalisierten kraftvolle Beharrlichkeit und Unbezwingbarkeit. Und obwohl die Eigenschaften des männlichen Löwen im Vordergrund standen, fehlte auch nicht jene bestimmte Weichheit, jene Andeutung von Weiblichkeit, die eine gefühlsbetonte Natur verrät.

»Und so ham ich un die alte Dame uns verbunden,« beschloss Belden die atemberaubende Geschichte seiner Brautwerbung. »‘Da sin mer, Paps,‘ sacht se. ‚Un verdammt sollste sein,‘ sacht er zu ihr, und dann zu mir: ‚Jim, hey du – du schaust jetzt, dasste aus die feine Klamotten kommst; ich will, dass n gut Stück von die vierzig Morgen noch vorm Abendessen gepflügt is.‘ Un dann geht er auf sie los un sacht, ‚Un du, Sal, jetzt aber Marsch an die Pötte.‘ Un dann hat er n bisschen geschnieft un sie geküsst. Un ich war sowas von glücklich, - aber dann sieht er mich wieder an un brüllt ‚Hey du, Jim!‘. Un ich sach euch, ich war sowas von schnell in der Scheune.«

»Dann haben Sie Kinder drunten in den Staaten?« fragte der Fremde.

»Nöh. Sal is gestorben, bevor welche kamen. Deshalb bin ich hier.« Belden versuchte zerstreut, seine Pfeife anzustecken, die aber gar nicht ausgegangen war. Dann fragte er, um sich auf andere Gedanken zu bringen: »Un Sie, Fremder – verheiratet?«

Als Antwort klappte der seine Taschenuhr auf, fädelte sie von dem Riemen, der als Kette diente, und reichte sie Belden. Der stellte die Öllampe größer, musterte das Innere des Deckels mit kritischen Augen und gab die Uhr, bewundernd vor sich hin fluchend, an Louis Savoy weiter. Unter zahlreichen »Himmelarsch!« überließ dieser sie schließlich Prince, und sie bemerkten, dass seine Hände bebten und seine Augen einen seltsam weichen Ausdruck annahmen. Und so wurde es von schwieliger Hand zu schwieliger Hand weitergereicht – das eingeklebte Foto einer Frau, von der anschmiegsamen Art, die solche Männer bevorzugen, mit einem Kind an der Brust. Alle, die dieses Wunder noch nicht erblickt hatten, brannten vor Neugier; die es schon gesehen hatten, wurden still und lauschten in sich hinein. Sie konnten unerschrocken Hungerqualen ins Auge sehen, dem Skorbut oder dem schnellen Tod zu Land oder zur See. Aber das Abbild einer fremden Frau mit ihrem Kind verwandelte sie alle in Frauen und Kinder.

»Hab den Kleinen noch nie gesehen – es ist ein Junge, sagt sie, und zwei Jahre alt,« meinte der Fremde, als er seinen Schatz zurückbekam. Lange Sekunden sah er ihn an, dann klappte er das Gehäuse zu und drehte sich weg, aber nicht schnell genug, um die unterdrückten Tränen zu verbergen.

Malemute Kid zeigte ihm eine Pritsche, wo er sich hinlegen konnte.

»Wecken Sie mich um Punkt vier. Lassen Sie mich nicht im Stich,« lauteten seine letzten Worte, und einen Augenblick später ertönte der tiefe Atem des Schlafes der Erschöpfung.

»Herrgott, der hat vielleicht Mumm,« bemerkte Prince. »Drei Stunden Schlaf nach fünfundsiebzig Meilen mit den Hunden und dann wieder auf die Strecke. Wer ist er, Kid?«

»Jack Westondale. Ist seit drei Jahren in der Gegend und hat nichts zu Buche stehen außer dem Ruf, wie ein Pferd zu arbeiten und jede Menge Pech zu haben. Ich hab ihn nie kennengelernt, aber Sitka Charley hat mir von ihm erzählt.«

»Ganz schön hart, dass ein Mann mit einem süßen jungen Frauchen wie der seine Zeit in diesem gottverfluchten Loch vergeudet, wo jedes Jahr für zwei in der übrigen Welt zählt.«

»Sein Problem ist zuviel Mumm und Sturheit. Er ist zweimal groß fündig geworden, hat aber beide Male alles wieder verloren.«

Hier wurde das Gespräch unterbrochen, weil Bettles wieder zu krakeelen begann. Die Wirkung hatte nachgelassen. Und bald waren die trostlosen Jahre einförmigen Essens und abstumpfender Plackerei bei rauer Fröhlichkeit vergessen. Nur Malemute Kid schien nicht richtig in Stimmung zu kommen und warf immer wieder einen besorgten Blick auf die Uhr. Einmal zog er seine Fäustlinge und die Biberfell-Mütze über, ging aus der Hütte und durchstöberte sein verstecktes Fach.

Er konnte auch die ausgemachte Zeit nicht abwarten und weckte seinen Gast eine Viertelstunde zu früh. Die Glieder des jungen Riesen waren steif geworden, und Malemute Kid musste ihn kräftig abreiben, bevor er auf die Beine kam. Er taumelte unter Schmerzen aus der Hütte und fand seine Hunde bereits eingespannt vor, alles startbereit. Die Gruppe wünschte ihm viel Glück und gute Jagd, und Vater Roubeau, nachdem er ihm hastig den Segen erteilt hatte, führte eine hektische Flucht zurück in die Hütte an; kein Wunder, denn es ist kein Spaß, sich mit nackten Händen und Ohren einer Kälte von minus sechzig Grad auszusetzen.

Malemute Kid begleitete ihn noch bis zur Hauptschlittenspur, ergriff herzlich seine Hand und gab ihm letzte Ratschläge.

»Auf Ihrem Schlitten finden Sie hundert Pfund Lachsrogen,« sagte er. »Das reicht für die Hunde so lang wie hundertfünfzig Pfund Fisch, und Sie können in Pelly kein Hundefutter bekommen, wie Sie wahrscheinlich angenommen haben.« Der Fremde zuckte zusammen und seine Augen blitzten auf, aber er redete nicht dazwischen. »Sie kriegen kein Gramm Nahrung für Hund und Mensch bis Sie Five Fingers erreichen, und das sind knochenharte zweihundert Meilen. Passen Sie am Thirty-Mile-Fluss auf offenes Wasser auf und nehmen Sie auf jeden Fall die große Abkürzung oberhalb von Le Barge.«

»Woher wussten Sie? Die Nachricht kann mir doch unmöglich vorausgeeilt sein.«

»Ich weiß gar nichts und will im Übrigen auch nichts wissen. Aber die Hundemeute, hinter der Sie her sind, hat Ihnen nie gehört. Sitka Charley hat sie den Kerlen im letzten Frühjahr verkauft. Aber er hat Sie mir mal als ehrliche Haut beschrieben und ich glaube ihm. Ich habe ihr Gesicht gesehen und es gefällt mir. Und ich habe gesehen – ach, verdammt noch mal, machen Sie Dampf, sehen Sie zu, dass sie Salzwasser erreichen und Ihre Frau wiedersehen, und« – hier streifte Kid seinen Fäustling ab und zerrte seinen Beutel heraus.

»Nein, das brauche ich nicht,« und Tränen gefroren auf dem Gesicht des anderen, während er Malemute Kid krampfhaft die Hand schüttelte.

»Dann schonen Sie die Hunde nicht. Schneiden Sie sie aus dem Geschirr, sobald sie schlappmachen. Kaufen Sie neue, und denken Sie daran, sie sind die zehn Dollar pro Pfund wert. Sie kriegen welche in Five Fingers, Little Salmon und Hootalinqua. Und passen Sie auf nasse Füße auf,« war sein letzter Ratschlag. »Solange es über minus dreißig hat, können Sie weiterfahren, aber drunter müssen Sie Feuer machen und die Socken wechseln.«

Es waren kaum fünfzehn Minuten vergangen, als Schellengeläut Neuankömmlinge ankündigte. Die Tür ging auf und ein Offizier der berittenen Polizei des Northwest Territory trat ein, gefolgt von zwei halbblütigen Hundeschlittenfahrern. Wie Westondale waren sie schwer bewaffnet und zeigten Anzeichen von Erschöpfung. Die Hundetreiber waren für dieses Leben geboren und ertrugen es mühelos, aber der junge Polizist stand am Rande des Zusammenbruchs. Doch die verbissene Hartnäckigkeit seiner Rasse trieb ihn zu dem Tempo an, das er sich vorgenommen hatte und würde ihn weiter dazu treiben, bis er umkippte.

»Wann ist Westondale aufgebrochen?« fragte er. »Er hat hier gehalten, oder?« Die Frage war überflüssig, denn die Spuren sprachen eine deutliche Sprache.

Belden fing Malemute Kids Blick auf, roch den Braten und antwortete ausweichend. »Schon ne ganze Weile her.«

»Kommen Sie schon, guter Mann; reden Sie,« ermahnte ihn der Polizist.

»Sie sin ja richtich wild auf ihn. Hatter was angestellt, drunten in Dawson?«

»Er hat Harry McFarland um vierzigtausend beraubt und das Geld dann im P.C. Laden gegen einen auf Seattle gezogenen Scheck eingetauscht. Und wer sollte ihn daran hindern, ihn einzulösen, wenn wir ihn nicht überholen? Wann ist er aufgebrochen?«

Aller Augen verbargen ihre Erregung, Malemute Kids Beispiel folgend, und der junge Offizier begegnete allerseits nur steinernen Mienen.

Er ging zu Prince hinüber und stellte ihm dieselbe Frage. Obwohl es ihn schmerzte, so in das offene, ernsthafte Gesicht seines Landsmanns zu blicken gab er eine ausweichende Antwort, den Zustand der Schlittenspur betreffend.

Dann entdeckte der Polizist Pater Roubeau, der nicht lügen durfte. »Vor einer Viertelstunde,« erwiderte der Priester, »aber er hatte vier Stunden Erholung für sich und die Hunde.«

»Fünfzehn Minuten Vorsprung und er ist ausgeruht! Mein Gott!« Der arme Kerl taumelte zurück und fiel vor Erschöpfung und Enttäuschung halb in Ohnmacht. Er murmelte etwas über eine zehnstündige Fahrt von Dawson, und dass die Hunde am Ende seien.

Malemute Kid nötigte ihm einen Becher Punsch auf; dann ging er zur Tür und bedeutete den beiden Hundeschlittenfahrern, ihm zu folgen. Aber die Wärme und Aussicht auf eine Pause waren zu verlockend, und sie weigerten sich standhaft. Kid verstand ihr französisches Patois und lauschte angespannt dem Gespräch.

Sie fluchten, dass die Hunde erledigt seien; dass sie Siwash und Babette erschießen müssten, noch bevor sie die erste Meile hinter sich hätten; dass der Rest in beinahe genauso schlechtem Zustand sei und es für die ganze Truppe besser wäre, sich erst mal auszuruhen.

»Leihen Sie mir fünf Hunde?« fragte der Polizist an Malemute Kid gewandt.

Aber Kid schüttelte den Kopf.

»Ich stelle Ihnen einen Scheck auf Captain Constantine über fünftausend aus – hier sind meine Papiere – ich bin berechtigt, nach eigenem Ermessen zu handeln.«

Abermals schweigende Ablehnung.

»Dann beschlagnahme ich sie im Namen der Königin.«

Mit ungläubigem Lächeln senkte Kid den Blick auf sein gut bestücktes Waffenarsenal und als der Engländer erkannte, dass er hier machtlos war, wandte er sich zur Tür. Aber da die Hundeschlittenfahrer weiterhin Widerspruch einlegten, fuhr er aufbrausend zu ihnen herum und nannte sie Weiber und räudige Köter. Das dunkelhäutige Gesicht des älteren Halbbluts wurde rot vor Zorn, während er sich hochzog und in klaren, wohl gesetzten Worten versprach, dass er seinen Anführer begleiten wolle, bis ihm die Beine abfielen, um ihn dann mit Vergnügen im Schnee zu begraben.

Der junge Offizier – und es erforderte seine ganze Willenskraft – ging festen Schritts zur Tür und stellte eine Frische zur Schau, die er nicht besaß. Alle wussten es und bewunderten seine heroische Anstrengung; aber er konnte den Schmerz nicht verleugnen, der sein Gesicht durchzuckte. Die eisverkrusteten Hunde hatten sich im Schnee zusammengerollt und es war fast unmöglich, sie auf die Beine zu bringen. Die armen Tiere jaulten unter der Schlägen der Peitsche, denn die Hundeschlittenfahrer waren wütend und rücksichtslos. Und erst als sie Babette, die Leithündin, aus dem Geschirr geschnitten hatten konnten sie den Schlitten in Bewegung setzen und aufbrechen.

»So ein dreckiger Halunke und Lügner!« »Himmelarsch! Mistkerl!« »Ein Dieb!« »Schlimmer als die Indianer!« Offenkundig waren sie wütend – erstens, weil man sie hinters Licht geführt hatte, und zweitens wegen der Mißachtung der Ethik des Hohen Nordens, wo Ehrlichkeit vor allem anderen als das höchste Gut eines Mannes galt. »Und wir haben dem Kerl auch noch geholfen, nachdem wir wussten, was er gemacht hat.« Alle Blicke richteten sich anklagend auf Malemute Kid, der sich aus der Ecke erhob, wo er es Babette gemütlich gemacht hatte und jetzt stumm die Schüssel zu einer letzten Runde Punsch leerte.

»Es ist eine kalte Nacht, Jungs – eine bitterkalte Nacht,« verteidigte er sich zusammenhanglos. »Ihr seid alle erfahrene Männer und wisst, was das bedeutet. Man tritt keinen Hund, wenn er am Boden liegt. Ihr habt nur die eine Seite gehört. Ein unschuldigerer Mann als Jack Westondale hat nie aus demselben Topf gegessen wie ihr oder ich, oder unser Lager geteilt. Letzten Herbst hat er seine gesamte Ausbeute, vierzigtausend, Joe Castrell mitgegeben, um sich am Dominion Creek einzukaufen. Heute wäre er Millionär. Aber während er in Circle City zurückgeblieben ist, um sich um den zweiten Partner zu kümmern, der Skorbut hatte, was macht da Castrell? Er geht zu McFarland’s, verliert den Kopf und verspielt alles. Am nächsten Tag haben sie ihn tot im Schnee gefunden. Und der arme Jack hatte schon Pläne gemacht, diesen Winter zu seiner Frau heim zu reisen und zu seinem Sohn, den er noch nie gesehen hat. Euch ist sicher nicht entgangen, dass er genau das genommen hat, was sein Partner verloren hat – vierzigtausend. Na schön, er ist auf dem Heimweg, und was wollt ihr jetzt unternehmen?«

Kid ließ seinen Blick durch den Kreis seiner Richter schweifen, bemerkte, dass ihre Mienen weicher wurden und hob seine Tasse in die Höhe. »Also auf das Wohl des Mannes, der in einer solchen Nacht draußen unterwegs ist; auf dass ihm das Futter nie ausgehe, seine Hunde nicht tot umfallen und seine Streichhölzer nie nass werden. Gott sei sein Gedeih und möge das Glück ihn begleiten und –«

»Nieder mit der berittenen Polizei!« brüllte Bettles beim Zusammenscheppern der leeren Becher.

© 2003 Peter Friedrich