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Gutenberg > William Shakespeare >

Titus Andronicus

William Shakespeare: Titus Andronicus - Kapitel 8
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorWolf Graf von Baudissin
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleTitus Andronicus
pages211-213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfte Szene

Daselbst

Demetrius und Chiron kommen mit der geschändeten Lavinia; ihr sind die Hände abgehauen und die Zunge ausgeschnitten

Demetrius.
So melde nun, wenns deine Zunge kann,
Wer dir die Zung ausschnitt und dich entehrt'!

Chiron.
Schreib nieder, was du meinst, und hilf dir so;
Vermögens deine Stumpfen, laß sie schreiben!

Demetrius.
Wie gut sie noch mit Wink und Zeichen grollt!

Chiron.
Geh, fordre frisches Wasser, wasch die Hände!

Demetrius.
Fordr' ohne Zunge, wasch dich ohne Hände;
Und somit wandl' in stiller Einsamkeit! –

Chiron.
Wärs mir geschehn, ich ging und hängte mich.

Demetrius.
Ja, hättst du Hände, dir den Strick zu knüpfen!

(Demetrius und Chiron ab.)
Marcus kommt zu Lavinien.

Marcus.
Wer ists? Die Nichte, die so eilend flieht?
Muhme, ein Wort! Wo ist dein Gatte? Träum ich,
O hülfe all mein Gut mir dann zum Wachen:
Und wach ich, schlüg ein Blitzstrahl auf mich ein,
Daß ich fortschlummern mög in ewgem Schlaf! –
Sag, süßes Kind, wes mitleidlose Hand
Trennt ab und hieb so frech von deinem Stamm
Der beiden Zweige süße Zier, die Laube,
In deren Schatten Kön'ge gern geruht,
Und nimmer ein so reizend Glück erstrebt
Als halb nur deine Gunst! Was sprichst du nicht?
Weh mir! ein Purpurstrom von warmem Blut,
Gleich einem Springquell, den der Wind bewegt,
Hebt sich und fällt dir zwischen rosgen Lippen,
Und kommt und geht mit deinem süßen Hauch.
Gewiß, ach! hat ein Tereus dich entehrt,
Und, Strafe fürchtend, raubt' er deine Zunge.
Ach, wendst du jetzt dein Antlitz weg aus Scham?
Und trotz des vielen Bluts, von dir verströmt
Wie aus dem Brunn, dem mancher Strahl entquillt,
Flammen die Wangen dir, wie Titan glüht,
Wenn er errötend mit den Wolken kämpft?
Soll ich statt deiner reden? Ist es so?
Kennt ich dein Herz! O kennt ich den Verruchten,
Daß ich ihm fluchen könnte, mir zum Trost!
Gehemmter Schmerz; wie ein verstopfter Ofen,
Verbrennt zu Asche die verschloßne Brust.
Verlor doch Philomele nur die Zunge
Und wirkt' in trauriges Geweb ihr Leid;
Doch liebstes Kind, dir ward die Hilf entrissen,
Dein Tereus übte listger seinen Raub:
Er hat die zarten Finger abgehaun,
Die schöner wohl gestickt als Philomele.
Oh, sah der Unhold diese Lilienhand
Wie Espenlaub auf einer Laute zittern,
Daß sie mit Lust die Silbersaiten küßten –
Nicht für sein Leben hätt er sie berührt!
Und hört' er je die Himmelsharmonie,
Die jener süßen Zunge sonst entströmt –
Sein Dolch entfiel' ihm, und er sänk in Schlaf,
Wie Cerberus zu Orpheus' Füßen schlief.
Komm, laß uns gehn; und mach den Vater blind;
Der Anblick muß ein Vaterauge blenden.
In einer Stund ersäuft der Sturm die Matten;
Was bringt ein Jahr von Tränen Vateraugen?
O komm! All unser Schmerz ist dir geweiht,
Könnt unser Schmerz doch mildern soviel Leid! –

(Sie gehn ab.)

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