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Gutenberg > William Shakespeare >

Titus Andronicus

William Shakespeare: Titus Andronicus - Kapitel 7
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorWolf Graf von Baudissin
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleTitus Andronicus
pages211-213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierte Szene

Daselbst

Es treten auf Aaron, Quintus und Marcius

Aaron.
Kommt, wackre Herrn, folgt mir in schnellster Eil,
Ich bring euch zu der finstern Grube gleich,
Wo ich den Panther fest im Schlafe sah.

Quintus.
Was es auch deute, trübe ward mein Blick.

Marcius.
Und meiner wahrlich auch: schämt ich mich nicht,
Ich ließe gern die Jagd und schliefe hier.

(Marcius fällt in die Grube.)

Quintus.
Was, fielst du? Welche tücksche Gruft ist dies,
Der wild Gesträuch die Mündung ganz bedeckt,
Auf dessen Blättern jüngst vergoßnes Blut
So frisch, wie Morgentau im Blütenkelch?
Mir scheint, voll böser Ahnung ist der Ort! –
Sag, Bruder, fühlst du Schmerz nach deinem Fall?

Marcius.
O Bruder, durch das schrecklichste Gesicht,
Des Anblick je ein Herz zum Jammer zwang.

Aaron (beiseite). Den Kaiser hol ich jetzt, sie hier zu finden,
Daß er nach äußerm Schein vermuten muß,
Sie seiens, die den Bruder ihm erschlagen. (Ab.)

Marcius.
Was tröstest du mich nicht und hilfst mir fort
Aus dieser schnöden, blutbefleckten Gruft?

Quintus.
Ohnmächtig bin ich durch seltsame Furcht,
Die Glieder zittern kalt im Todesschweiß,
Mein Herz argwohnt mehr, als mein Aug erspäht.

Marcius.
Damit du siehst, du habst ein ahnend Herz,
Aaron und du, seht in die Höhl herab
Und schaut ein gräßlich Bild von Blut und Tod.

Quintus.
Aaron ist fort, und mein beängstigt Herz
Gestattet meinem Auge nicht, zu sehn,
Was in der Ahnung ihm entsetzlich dünkt.
O sag mir, was es sei, denn nie zuvor
War ich ein Kind, zu scheun, ich weiß nicht was.

Marcius.
Prinz Bassianus liegt in Blut getaucht
Am Boden da, wie ein geschlachtet Lamm,
In der verfluchten dunkeln Gruft des Mords!

Quintus.
Wenns drin so dunkel, wie erkennst du ihn?

Marcius.
Am blutgen Finger trägt er einen Ring
Von seltnem Preis, der rings die Höhl erhellt,
Wie eine Kerz in dunkler Totengruft
Auf seiner Leiche fahles Antlitz scheint,
Und zeigt der Grube scheußlich Eingeweide.
So bleich auch schien der Mond auf Pyramus,
Als er gebadet lag in Mädchenblut!
O Bruder, hilf mir mit kraftloser Hand
(Wenn Furcht dich kraftlos machte, so wie mich)
Der bösen Mörderhöhle zu entfliehn,
So gräßlich, wie Cocytus' trüber Schlund.

Quintus.
Gib mir die Hand, daß ich dir helf empor;
Und reicht die Kraft nicht aus, dir beizustehn,
Fall ich wohl selbst in dieses tiefen Pfuhls
Verhaßten Schoß, der Bassian verschlang. –
– Ich bin zu schwach, zum Rand dich aufzuziehn!

Marcius.
Und ich erklimm ihn ohne Beistand nie!

Quintus.
Nochmals die Hand: ich laß dich nicht mehr los,
Bis du hinaufsteigst, oder ich hinab:
Du kommst zu mir nicht, so komm ich zu dir!

(Er fällt in die Grube.)
Saturninus und Aaron kommen.

Saturninus.
Heran, mir nach: ich will die Höhle sehn
Und wer es war, der eben sprang hinab. –
Sag an, wer bist du, der sich hier verbarg
In diesen gähnend offnen Rachen: spricht –

Marcius.
Des alten Titus jammervoller Sohn,
Zu höchst unselger Stund hieher geführt,
Bassianus, deinen Bruder, tot zu sehn.

Saturninus.
Mein Bruder tot? Ich weiß, es ist nur Scherz:
Er und Lavinia sind im Jagdgezelt,
Im Norden dieses heitern Waldreviers;
Noch keine Stund ists, seit ich dort sie ließ.

Marcius.
Wir wissen nicht, wo Ihr ihn lebend saht,
Doch weh! wir fanden ihn ermordet hier! –

Tamora mit Gefolge, Andronicus und Lucius treten auf.

Tamora.
Wo ist mein Herr, der Kaiser?

Saturninus.
Hier, Tamora, von Todesgram betrübt.

Tamora.
Wo ist dein Bruder Bassian?

Saturninus.
Nun trafst du meiner Wunde tiefsten Grund:
Der arme Bassian liegt hier ermordet.

Tamora.
Dann allzu spät erhältst du dieses Blatt,
Den Plan des übereilten Trauerspiels.
Ich staune, wie ein menschlich Antlitz barg
In sanftem Lächeln solche Gier nach Mord.

(Sie gibt dem Saturninus einen Brief.)

Saturninus (liest).
«Verfehlten wir, nach Wunsch ihm zu begegnen
(Bassianus meinen wir), dann säume nicht,
Sein Grab zu graben, wackrer Jägersmann;
Du weißt, wie wirs gemeint. – Du findst den Sold
Unter den Nesseln am Holunderbaum,
Der jener Grube Mündung überwölbt,
Wo ich Bassianus dich begraben hieß.
Dies tu, und kauf dir unsern ewgen Dank.»
O Tamora! Vernahmst du Gleiches je?
Dies ist die Gruft, dies der Holunderbaum,
Seht, Herrn, ob ihr den Jäger finden mögt,
Der hier Bassianus frech ermordete!

Aaron (bringt den Beutel).
Mein gnädger Fürst, hier ist der Beutel Gold!

Saturninus (zu Titus).
Zwei Hunde deines tückschen, blutgen Stamms,
Sie gaben meinem Bruder hier den Tod.
Fort, zieht sie aus der Gruft mir in den Kerker
Und laßt sie schmachten, bis ich Strafen fand
Von unerhörter, neuer Folterqual.

Tamora.
Was? Sind sie in der Gruft? O wundervoll!
Wie leicht wird jeder Mord doch offenbar!

Titus.
Erhabner Fürst, auf meinem schwachen Knie
Mit Tränen schwer vergossen, fleh ich dich,
Daß meiner frevelhaften Söhne Tat –
Frevelnd – wenn diese Tat erwiesen ward –

Saturninus.
Erwiesen ward? Ihr seht, sie ist gewißt
Wer fand den Brief? Warst du es, Tamora?

Tamora.
Andronicus hob selbst den Zettel auf.

Titus.
Das tat ich, Herr; doch laßt mich Bürge sein;
Ich schwörs bei meiner Väter heilgem Grab,
Auf deiner Hoheit Wink sind sie bereit,
Mit ihrem Blut zu zahlen den Verdacht.

Saturninus.
Du sollst nicht Bürge sein, gleich folge nur.
Ihr nehmt den Toten, ihr die Mörder mit:
Laßt sie nicht reden, ihre Schuld ist klar;
Denn wahrlich, gäb es härtre Straf als Tod,
Die Strafe ließ ich alsobald vollziehn.

Tamora.
Andronicus, ich will um Gnade flehn;
Nicht fürcht um deine Söhn, es wird noch gut.

Titus.
Komm, Lucius, weile nicht, sie anzusprechen! –

(Sie gehn von verschiedenen Seiten ab.)

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