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Gutenberg > William Shakespeare >

Titus Andronicus

William Shakespeare: Titus Andronicus - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorWolf Graf von Baudissin
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleTitus Andronicus
pages211-213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Daselbst

Ein Hauptmann tritt auf

Hauptmann.
Römer, macht Platz! Andronicus, der Held,
Der Tugend Schützer, stärkster Kämpfer Roms,
Sieger in allen Schlachten, die er focht,
Ist heimgekehrt, an Glück und Ehre reich
Von wo er unterwarf mit seinem Schwert
Die Feinde Roms und unters Joch sie führte.

Trommeln und Trompeten. Dann treten auf Mutius und Marcus; nach ihnen zwei Männer, die einen schwarzverhängten Sarg tragen; hierauf Quintus und Lucius. Dann folgt Titus Andronicus; nach ihm Tamora mit Alarbus, Chiron, Demetrius und andern gotischen Gefangenen, Soldaten und Gefolge. Der Sarg wird niedergesetzt und Titus spricht.

Titus.
Heil dir, o Rom! Siegprang im Trauerkleid!
Sieh, wie das Schiff, das ablud seine Fracht,
Mit teurer Ladung heim zum Hafen kehrt,
Wo es zuerst die Anker lichtete, –
So kommt Andronicus im Lorbeerkranz;
Mit Tränen grüßt er seine Heimat neu,
Mit Tränen wahrer Lust des Wiedersehns. –
Du großer Schirmherr dieses Kapitols,
Sieh gnädig auf des heilgen Opfers Brauch!
Von fünfundzwanzig tapfern Söhnen, Rom,
Hälfte der Zahl von König Priams Stamm,
Schau hier den armen Rest, lebend und tot! –
Mit Lieb empfange Rom euch Lebende;
Euch Toten, die zur letzten Ruhstatt gehn,
Schenk es ein Grab in ihrer Ahnen Gruft;
Hier gönnt der Got' erst Ruhe meinem Schwert.
Titus, unliebend, sorglos für dein Blut,
Was duldst du, daß noch grablos dein Geschlecht
Umschweben muß des Styx graunvollen Strand?
Geh, bette sie bei ihren Brüdern hin! –

(Das Grab wird geöffnet.)

Dort grüßt euch schweigend, wie's der Toten Brauch;
Schlaft friedlich, die ihr starbt fürs Vaterland!
O meiner Kinder heiliges Gewölb,
Geliebtes Wohnhaus echten Edelsinns,
Wie manchen Sohn hast du mir schon entrafft
Und hältst ihn ewig hier in finstrer Haft! –

Lucius.
Gib der gefangnen Goten stolzesten,
Daß wir, die Glieder stümmelnd, seinen Leib
Ad manes fratrum opfern in der Glut,
Vor diesem irdschen Kerker ihres Staubs! –
Auf daß nicht ungesühnt ihr Schatten sei,
Noch uns bedräu auf Erden ihr Gespenst!

Titus.
Ich geb ihn euch, der Feinde trefflichsten:
Den Erstgebornen dieser Königin. –

Tamora.
Halt, römsche Brüder! Gnadenreicher Held,
Siegreicher Titus, sieh die Tränenflut,
Die einer Mutter Gram dem Sohne weint!
Und waren deine Söhn je teuer dir,
Ach denk, nicht minder seis der meine mir! –
Genügt dirs nicht, daß man nach Rom uns führte,
Als deines Einzugs und Triumphes Schmuck,
Gefangne dir und deinem Römerjoch?
Mußt du den Sohn noch schlachten auf dem Markt,
Weil er fürs Vaterland mit Mut gekämpft?
Oh, dünkt der Streit für König und für Volk
Euch fromme Pflicht, so ist er's diesem auch:
Titus, beflecke nicht dein Grab mit Blut;
Und willst du der Natur der Götter nahn,
Nah ihnen denn, indem du Gnade übst,
Denn Gnädigsein gibt echten Adel kund.
O schone, Titus, meinen ältsten Sohn! –

Titus.
Füg ins Geschick dich, Fürstin, und verzeih. –
Hier stehn die Brüder derer, die dein Volk
Lebend und tot sah; den Erschlagnen heischt
Ein Totenopfer frommes Pflichtgefühl;
Dem ist dein Sohn bestimmt; sein Tod versöhnt
Der heimgegangenen Schatten Klageruf.

Lucius.
Hinweg mit ihm! Ein Feuer zündet schnell;
Auf einem Holzstoß laßt uns mit dem Schwert
Die Glieder ihm zerhaun, bis sie verbrannt.

(Mutius, Marcius, Quintus und Lucius gehn mit Alarbus ab.)

Tamora.
O grausam gottverhaßte Frömmigkeit! –

Chiron.
War Szythien halb so blutig je gesinnt?

Demetrius.
Vergleiche Szythien nicht dem stolzen Rom!
Alarbus geht zur Ruh, wir leben noch
Und zittern vor des Titus zorngem Blick.
So faßt Euch, Mutter, aber hofft zugleich,
Derselbe Gott, der Trojas Königin
Gelegenheit zu bittrer Rache gab,
An Thraziens Wütrich in dem eignen Zelt –
Gönnt Tamora, der Gotenkönigin,
(Wenn Goten Goten, Ihr die Königin! –)
Daß sie die Blutschuld tilgt an ihrem Feind.

Lucius, Quintus, Marcius und Mutius kommen zurück.

Lucius.
Seht, Herr und Vater, treu befolgten wir
Den römschen Brauch; Alarbus ward zerstückt,
Sein Eingeweide nährt die Opferglut,
Daß Dampf, dem Weihrauch gleich, die Luft durchwürzt.
Nun fehlt nur noch, die Brüder zu bestatten,
Und hier in Rom der laute Freundesgruß.

Titus.
Also geschah es, und Andronicus
Sagt ihrem Geist sein letztes Lebewohl.

(Trompetenstoß, die Särge werden in die Gruft gestellt.)

Schlaft, meine Söhne, hier in Fried und Ruhm!
Roms mutigste Verteidger, ruht allhier,
Geschirmt vor Leid und Wechsel dieser Welt!
Hier lauert kein Verrat, hier schwillt kein Neid,
Wächst kein verhaßter Zwist, kein Sturm für euch,
Kein Lärm: nur Schweigen und ein ewger Schlaf;
In Fried und Ruhm liegt, meine Söhne, hier! –

Lavinia tritt auf.

Lavinia.
In Fried und Ruhm, Held, Titus, lebt noch lang!
Mein großer Herr und Vater, lebt geehrt!
An diesem Grab bring ich der Tränen Zoll
Den Brüdern dar als letzte Huldigung,
Und weine kniend dir zu Füßen auch
Der Freude Tränen, weil du heimgekehrt.
O segne mich mit deiner Siegerhand,
Die Besten Roms erfreun sich ihrer Tat.

Titus.
O gütges Rom, das liebreich aufbewahrt
Die Stärkung meines Alters, mir zum Trost!
Lavinia, überleb als Preis der Tugend
Den Vater in des Nachruhms ewger Jugend!

Marcus Andronicus, Saturninus, Bassianus und andre treten auf.

Marcus.
Lang lebe Titus, mein geliebter Bruder,
Als hohen Triumphator grüßt ihn Rom.

Titus.
Dank, mein Tribun, mein edler Bruder Marcus.

Marcus.
Willkommen, Neffen, aus glorreicher Schlacht,
Ihr, die noch lebt, und ihr, die schlaft in Ruhm!
Ihr Tapfern, die für eures Landes Wohl
Das Schwert gezückt – eur Los ist völlig gleich!
Doch sichrern Glanz beut dieser Leichenpomp,
Der das erreicht, was Solon Glück genannt,
Und das Geschick im Bett des Ruhms besiegt. –
Titus Andronicus, das römsche Volk
(Des Freund du warst von je nach strengem Recht)
Schickt dir durch mich, als Anwalt und Tribun,
Dies weiße Kleid von unbeflecktem Glanz,
Und nennt für dieses Reiches Kaiserwahl
Dich nebst den Söhnen unsres letzten Herrn.
Sei Candidatus dann, und leg es an,
Und hilf zum Haupte dem hauptlosen Rom.

Titus.
Ein beßres Haupt gebührt so edlem Leib
Als meins, das längst von Schwäch und Alter wankt.
Wie trüg ich dies Gewand euch zur Bescher?
Ihr wähltet heut mit lautem Beifall mich,
Und morgen gäb ich Kron und Leben auf
Und schafft euch allen neue Sorg und Not!
Ich war dein Krieger, Rom, an vierzig Jahr
Und führte meines Volkes Macht mit Glück,
Legt einundzwanzig tapfre Söhn' ins Grab;
Im Kampf erhöht zu Rittern, fielen sie
In tapfrer Feldschlacht für des Landes Wohl.
Gebt einen Ehrenstab mir altem Mann,
Kein Zepter reicht mir, das der Welt gebeut;
Eur letzter Kaiser führt' es grad und fest.

Marcus.
Du wirst die Herrschaft, Titus, haben, fordern! –

Saturninus.
Ehrsüchtiger Tribun, wie weißt du das?

Titus.
Geduld, Prinz Saturnin.

Saturninus.
Rom, schaff mir Recht! –
Patrizier, zieht eur Schwert und steckts nicht ein,
Bis Saturninus Kaiser ward in Rom!
Andronicus, zur Hölle fahre hin,
Eh du des Volkes Herzen mir entziehst!

Lucius.
Du stolzer Saturnin! du störst das Wohl,
Das Titus hochgesinnt dir zugedacht.

Titus.
Sei ruhig, Prinz, dir lenk ich wieder zu
Des Volkes Gunst, daß sie den Willen wandeln.

Bassianus.
Andronicus, nicht schmeichl' ich jemals dir,
Doch ehr ich dich, und will es bis zum Tod.
Stärkst du mit deinen Freunden meine Macht,
Werd ich höchst dankbar sein, und Dank erscheint
Dem edlen Mann als ehrenwerter Lohn.

Titus.
Ihr, Römer, und ihr Volkstribunen hier,
Ich bitt um eure Stimm und gültge Wahl:
Schenkt ihr sie freundlich dem Andronicus?

Marcus.
Dem trefflichen Andronicus zuliebe
Und feiernd seine Heimkehr hier in Rom,
Wird den das Volk annehmen, den er nennt.

Titus.
Habt Dank, Tribunen. So ersuch ich euch,
Daß ihr erwählt des Kaisers ältsten Sohn,
Prinz Saturnin; des Tugend, hoff ich, Rom
Bestrahlen wird, wie Titans Licht die Welt,
Und Recht und Sitte reifen hier im Staat.
Drum, wenn ihr wählen wollt nach meinem Rat,
Krönt ihn und ruft: Lang lebe Saturnin!

Marcus.
Mit Ruf und Beifallszeichen aller Art,
Patrizier und Plebejer, grüßen wir
Prinz Saturnin als Roms erhabnen Herrn
Und jubeln: Heil dem Kaiser Saturnin! –

(Ein langer Trompetenstoß, während die oben Versammelten herabsteigen.)

Saturninus.
Titus Andronicus, für diese Gunst,
Betreffend unsre Wahl am heutgen Tag,
Erteil ich dir den Dank, den du verdient,
Und will durch Taten lohnen deine Huld.
Und jetzt zum Anfang, Titus, zu erhöhn
Dein ehrenwert Geschlecht und eignen Ruhm:
Nenn ich Lavinia meine Kaiserin,
Roms edle Herrin, Herrin meiner Brust,
Mir anvermählt im heilgen Pantheon.
Nun Titus, sag, gefällt dir dieses Wort?

Titus.
Es freut mich, würdger Fürst, und im Gemahl
Bin ich durch Eure Gnade hoch geehrt.
Und hier, im Auge Roms, dem Saturnin,
Dem König und Gebieter unsers Staats,
Der weiten Welt Regenten, weih ich nun
Schwert, Siegeswagen und Gefangene
Wohl würdge Gaben Roms erhabnem Herrn.
So nimm sie denn als schuldigen Tribut,
Die Ruhmstrophä'n, zu Füßen dir gelegt.

Saturninus.
Dank, edler Titus, Vater meines Glücks. –
Wie stolz ich sei auf dich und dein Geschenk,
Erfahre Rom; und wenn ich je vergaß
So unbegrenzter Dienste kleinsten Teil,
Dann, Rom, vergiß die Treue gegen mich.

Titus (zu Tamora).
Dem Kaiser, Fürstin, seid Ihr jetzt Gefangne,
Der, Eures Rangs und Standes eingedenk,
Euch und den Dienern mild begegnen wird.

Saturninus.
Welch reizend Weib! Ihr kann der Preis nicht fehlen;
Hätt ich zu wählen noch, sie würd ich wählen. –
Verscheucht der Stirne Wolken, schöne Frau;
Warf Kriegesglück auch Euer Glück herab,
Doch kommt Ihr nicht nach Rom zu Spott und Schmach,
Und königlich sollt Ihr gehalten sein.
Traut meinem Wort, laßt nicht Melancholie
Den Mut Euch dämpfen; der Euch tröstet, hebt
Wohl höher Euch als auf den Gotenthron. –
Lavinia, Euch mißfällt nicht, was ich sprach?

Lavinia.
O nein, mein Fürst; dein adliges Gemüte
Bürgt mir für deines Herzens wahre Güte.

Saturninus.
Dank, Jungfrau. Römer, laßt uns also gehn;
Frei ohne Lösung geb ich die Gefangnen. –
Trompet und Trommel künden meine Wahl! –

Bassianus (Lavinien fassend).
Titus, vergönnt, die Jungfrau nenn ich mein!

Titus.
Wie, Prinz? Sprecht Ihr im Ernste dieses Wort?

Bassianus.
Ja, edler Titus, und bin fest gewillt,
Auf meinem Recht und Anspruch zu bestehn.

(Man sieht den Kaiser in stummem Spiel freundlich tun mit Tamora.)

Marcus.
Suum cuique, spricht des Römers Recht,
Nach Recht verlangt der Prinz, was ihm gebührt.

Lucius.
Er wirds und solls, solange Lucius lebt!

Titus.
Verräter fort! Wo ist des Kaisers Wacht?
Verrat, mein Fürst; Lavinia wird entführt.

Saturninus.
Entführt? Wer wagt es?

Bassianus.
Der, nach Recht und Fug
Die Braut verteidgend, sie von hinnen trug.

(Marcus und Bassianus mit Lavinien ab.)

Mutius.
Helft ihm, ihr Brüder, ungekränkt entfliehn!
Mit meinem Schwert beschütz ich dieses Tor.

(Lucius, Quintus und Marcius ab.)

Titus.
Folgt nur, mein Fürst, ich führ sie bald zurück.

Mutius.
Halt ein, o Vater!

Titus.
Frecher Knabe, fort!
Sperrst mir in Rom den Weg? (Titus ersticht den Mutius.)

Mutius.
Hilf, Lucius, hilf! –

(Lucius kommt zurück.)

Lucius.
Ihr tut nicht recht, mein Vater; schlimmer noch,
Ihr schlugt den Sohn im ungerechten Streit! –

Titus.
Nein, weder du noch er sind Söhne mir;
Kein Sohn von mir entehrte mich so sehr! –
Verräter, schaff Lavinia deinem Kaiser.

Lucius.
Tot, wenn Ihr wollt, doch nimmer als sein Weib,
Die eines andern längst verlobte Braut! –

Saturninus.
Nein, Titus, nein! der Kaiser braucht sie nicht;
Nicht sie, noch dich, noch einen eures Stamms. –
Dem könnt ich traun, der einmal mich verhöhnt;
Dir nicht, noch deinen falschen, stolzen Söhnen;
Ihr alle seid im Bunde mir zur Schmach.
War keiner sonst in Rom zum Ziel des Spotts,
Als Saturnin? Recht wohl, Andronicus,
Stimmt dieses Tun zu deinem Prahlerwort,
Daß ich von deiner Hand das Reich erfleht! –

Titus.
Entsetzlich! Solchen Vorwurf sprichst du aus?

Saturninus.
Nur zu! Laß dies leichtfertge Weib nur ziehn
Mit jenem, der sein Schwert für sie geschwenkt!
Ein tapfrer Eidam wird dir so zuteil,
Mit deiner Söhne zügellosem Troß
Unfug zu treiben im Gebiet von Rom! –

Titus.
Wie Stacheln trifft dies Wort mein wundes Herz!

Saturninus.
Drum, holde Tamora, der Goten Fürstin,
Die gleich der stolzen Phöbe unter Nymphen
Weit überstrahlt die schönsten Römerfraun: –
Wenn dich so schnell getroffne Wahl vergnügt,
Wähl ich dich, Tamora, als meine Braut
Und grüße dich als Kaiserin von Rom.
Sprich, Gotenfürstin, lobst du meine Wahl?
Dann schwör ich dir, bei allen Göttern Roms,
Weil Priester und geweihtes Wasser nah,
Die Fackel flammt, und jeder heilge Brauch
Für Hymenäus' Feier steht bereit:
Ich will nicht wiedersehn die Straßen Roms
Noch des Palastes Schwelle, führ ich nicht
Als anverlobte Braut dich heim von hier.

Tamora.
Und vor des Himmels Antlitz schwör ich Rom,
Wenn Saturnin die Gotenfürstin krönt,
Dann wird sie seiner Wünsche Sklavin sein
Und seiner Jugend Pflegerin und Mutter.

Saturninus.
Hinauf zum Pantheon, schönes Weib! Ihr Herrn,
Folgt euerm Kaiser und der holden Braut,
Die mir der Himmel selber zugesandt,
Des Ratschluß ihr ein beßres Glück verhängt:
Alldort vollziehn wir der Vermählung Brauch.

(Alle gehn ab, außer Titus.)

Titus (allein).
Mich rief er nicht, zu folgen dieser Braut!
Titus, wann wandeltest du einsam je,
Also entehrt und überhäuft von Schmach? –

Marcus Andronicus, Lucius, Quintus und Marcius treten auf.

Marcus.
O Titus, sieh, o sieh den bösen Lohn!
Um schnöden Zwist schlugst du den edlen Sohn!

Titus.
Nein, törichter Tribun, nicht wars mein Sohn,
Noch du, noch diese Stifter jener Tat,
Die unserm ganzen Stamm zur Schmach gereicht! –
Unwürdger Bruder! Und unwürdge Söhne! –

Lucius.
Doch wolln wir ihn bestatten, wie sichs ziemt;
Laßt Mutius ruhn in seiner Brüder Grab.

Titus.
Verräter, nein! Nicht hier in diesem Grab!
Fünfhundert Jahre stand dies Monument,
Das ich mit reichem Schmuck mir neu erbaut;
Hier ruhn in Ehren tapfre Krieger nur
Und Diener Roms, kein schnöd im Zank Erschlagner.
Begrabt ihn, wo ihr wollt, hier weigr' ichs euch.

Marcus.
Mein Bruder, dies ist gottvergeßner Sinn;
Für meinen Neffen Mutius spricht sein Tun,
Er ruh im Grab mit seinen Brüdern.

Die Söhne des Titus.
Das soll er, oder alle folgen ihm!

Titus.
Er soll? Wer war der Schurke, der so sprach?

Quintus.
Ders allenthalb behauptet, außer hier.

Titus.
Was? willst du ihn bestatten, mir zum Trotz?

Marcus.
Nein, edler Titus, doch von dir erflehn
Verzeihung deinem Mutius und ein Grab! –

Titus.
Marcus, feindselig trafst auch du mein Haupt,
Kränkst meine Ehre gleich den Knaben hier.
Ihr alle habt als Feinde mich verletzt;
Stört mich hinfort nicht mehr, entfernt euch jetzt.

Lucius.
Er ist nicht bei sich selbst, so laßt uns gehn.

Quintus.
Nicht ich, bis Mutius hier bestattet ruht.

(Der Bruder und die Söhne knien.)

Marcus.
Bruder! denn mit dem Namen fleht Natur! –

Quintus.
Vater! auch in dem Namen ruft Natur.

Titus.
Schweig, wenn ich auf die andern hören soll!

Marcus.
Erhabner Held, mehr denn mein halbes Ich...

Lucius.
O Vater! Unser aller Seel und Mark –

Marcus.
Hier in der Tugend Wohnsitz, Bruder, laß
Dem edlen Neffen mich ein Grab erflehn,
Der für die Ehr und für Lavinien starb! –
Du bist ein Römer, sei denn kein Barbar;
Die Griechen, ausgesöhnt, begruben Ajax,
Der sich entleibt; Laertes' kluger Sohn
Sprach mildgesinnt für seine Totenfeier;
Drum weigre Mutius hier den Eintritt nicht
Dem, der dein Liebling war.

Titus.
Marcus, steh auf. –
Das ist der trübste Tag, den ich erlebt,
Entehrt von meinen Söhnen hier in Rom! –
Begrabt ihn denn; der nächste sei ich ihm.

(Sie legen die Leiche in das Grab.)

Lucius.
Hier ruh mit deinen Freunden, süßer Mutius,
Bis wir dein Grab geziert mit Kriegstrophäen!

Alle (kniend). Nicht einer wein um unsern edlen Mutius;
Wer für die Tugend starb, der lebt in Ruhm.

Marcus.
Bruder – so trübe Schwermut zu zerstreun –
Wie hat die schlaue Gotenkönigin
So schleunig sich den Weg gebahnt in Rom?

Titus.
Ich weiß nicht, Marcus, weiß nur, daß es ist;
Ob plangemäß, ob nicht, das frag den Himmel.
Doch ist sie nicht verpflichtet jenem Mann,
Der so weit her zum Glück sie hat geführt?
Ja, und sie gibt ihm einst auch edlen Lohn! –

Trompetenstoß. Von der einen Seite kommen der Kaiser, Tamora, Chiron, Demetrius und Aaron, der Mohr; von der andern Bassianus und Lavinia mit Gefolge.

Saturninus.
Bassianus, Ihr gewannt im Spiel den Preis;
Gott schenk Euch Freud an Eurer schmucken Braut!

Bassianus.
Und Euch an Eurer, Herr; mehr sag ich nicht,
Noch wünsch ich minder; und so lebt nun wohl!

Saturninus.
Verräter! Gilt Gesetz, gilt meine Macht,
Du und dein Anhang büßen diesen Raub.

Bassianus.
Raub nennt Ihr, Herr, nahm ich mein Eigentum,
Die mir verlobte Braut, und jetzt mein Weib? –
Doch laßt entscheiden unser römsches Recht;
Besitz ich doch nun schon, was mir gehört.

Saturninus.
Vortrefflich, Herr! Ihr seid sehr kurz mit uns;
Doch, leb ich, sind wir ganz so scharf mit Euch.

Bassianus.
Herr, was ich tat, muß ich, so gut ichs kann,
Vertreten, kostets auch das Leben mir.
Nur dies noch sag ich deiner Majestät –
Bei allen Pflichten für mein Vaterland,
Den würdgen Mann, den edlen Titus hier,
An Ehr und Namen hast du ihn gekränkt!
Denn nur um dir Lavinien zu befrein,
Erschlug er selber ja den jüngsten Sohn
Aus edlem Eifer und von Zorn erfüllt,
Weil Einspruch hemmte, was er frei geschenkt;
Drum nimm ihn auf zu Gnaden, Saturnin,
Der sich in allem Tun durchaus bewährt
Als Freund und Vater gegen dich und Rom.

Titus.
Prinz Bassianus, sei mein Anwalt nicht;
Du bists und jene dort, die mich entehrt;
Rom und der ewge Himmel richten mich,
Wie treu ich ehrt' und liebte Saturnin!

Tamora.
Mein edler Herr, wenn je dein fürstlich Aug
Mit Wohlgefallen blickt' auf Tamora,
So höre jetzt mein unparteiisch Wort,
Und, Liebster, alles, was geschehn, vergib.

Saturninus.
Was? Offenbar mißhandelt und entehrt,
Soll ich die Kränkung dulden ungerecht?

Tamora.
Nicht also, Herr! Das wolln die Götter nicht,
Daß ich dich zu entehren sollte flehn.
Nein, meine Ehre setz ich dir zum Pfand,
Den wackern Titus find ich ohne Schuld!
Sein unverstellter Zorn spricht seinen Schmerz,
Drum mir zuliebe sieh ihn gnädig an;
Nicht bring ein Wahn dich um den tapfern Freund,
Noch trüb ein finstrer Blick sein edles Herz. –
(Beiseite.) Nimm Rat an, mein Gemahl; gib endlich nach,
Verbirg nur alle Kränkung, allen Gram.
Du bist erst neu gepflanzt auf deinen Thron;
Deshalb, damit nicht Roms Senat und Volk
Nach beßrer Einsicht Titus' Anhang mehrt
Und von dir abfällt deines Undanks halb
(Den Rom als schwere Sünde stets gehaßt),
Gib nach den Bitten, laß die Sorge mir:
Ich will sie all ermorden, find ich Zeit,
Vertilgen ihren Stamm und ganz Geschlecht,
Den wütgen Vater und die falschen Söhne,
Die ich um meines Kindes Leben bat;
Dann sehn sie, was es sei, wenn Königinnen
Im Staube knien und Gnade nicht gewinnen. –
(Laut.) Komm, teurer Kaiser, komm, Andronicus –
Heb auf den guten Greis, tröst ihm sein Herz,
Das hinwelkt in dem Sturme deines Zorns.

Saturninus.
Auf, Titus! Meine Kaisrin hat gesiegt.

Titus.
Dank deiner Hoheit, gnädger Fürst, und ihr.
Dein Wort, dein Blick beleben mich aufs neu.

Tamora.
Titus, ich bin jetzt einverleibt in Rom,
Als Römerin nun glücklich anerkannt,
Und muß dem Kaiser raten für sein Wohl.
Heut sterbe jeder Groll, Andronicus; –
Und sei's mein schönster Ruhm, du tapfrer Held,
Daß ich mit dir die Freunde heut versöhnt. –
Was Euch betrifft, Prinz Bassian, so bürgt
Mein Wort und Pfand dem Kaiser, unserm Herrn,
Daß Ihr, nachgiebig, milder Euch betragt. –
Getrost, ihr Herrn! – Auch Ihr, Lavinia –
Folgt meinem Rat, und reuig auf den Knien
Erfleht Verzeihn von Seiner Majestät.

Lucius.
Wir tuns und schwören hier vor Seiner Hoheit,
Daß wir in guter Absicht nur gestrebt,
Für unsrer Schwester Ehr und unsre Pflicht.

Marcus.
Das gleiche hier verbürg ich auf mein Wort.

Saturninus.
Hinweg und schweigt; belästigt uns nicht mehr.

Tamora.
Nein, gütger Fürst, wir müssen Freunde sein;
Marcus und seine Neffen knien vor dir,
Schlags mir nicht ab; Geliebter, schau dich um.

Saturninus.
Marcus, für deinen Bruder und dich selbst
Und meiner holden Tamora zu Gunst
Verzeih ich dieser jungen Männer Schuld.
Steht auf!
Lavinia, flohst du gleich mich als 'nen Knecht,
Fand ich doch Gunst und schwur den höchsten Eid,
Ich schied als Junggesell nicht vom Altar.
Kommt, hat der Palast für zwei Bräute Raum,
Lavinia, mit den Deinen sei mein Gast. –
Heut sei ein Tag der Liebe, Tamora.

Titus.
Und morgen, wenn es meinem Herrn gefällt,
Mit mir zu jagen Panthertier und Hirsch,
Mit Horn und Hund bring ich den Morgengruß.

Saturninus.
Titus, so sei es, und wir danken dir. (Alle ab.)

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