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Titus Andronicus

William Shakespeare: Titus Andronicus - Kapitel 16
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorWolf Graf von Baudissin
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleTitus Andronicus
pages211-213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Rom. Vor Titus' Haus

Tamora, Demetrius und Chiron treten verkleidet auf

Tamora.
So nun, in dieser fremden, düstern Tracht
Will ich begegnen dem Andronicus;
Die Rache nenn ich mich, der Höll entsandt,
Mit ihm vereint sein schrecklich Leid zu schlichten.
Klopf an die Zelle, wo er weilen soll,
Entwürfe seltsam wilder Rache brütend;
Sag, Rache sei gekommen, ihm vereint
Zu wirken seiner Feinde Untergang.

Sie klopfen unten; Titus öffnet sein Studierzimmer und spricht von oben.

Titus.
Wer stört mich hier in meinem ernsten Werk?
Ists eure List, daß ich auftu die Tür,
Damit die finstern Pläne weg mir fliegen
Und all mein Sinnen ohne Wirkung sei?
Ihr irrt euch; denn was ich zu tun beschloß,
Seht her, in blutgen Zeilen schrieb ichs hin,
Und was ich aufgezeichnet, soll geschehn.

Tamora.
Titus, mit dir zu reden kam ich her.

Titus.
Nein, nicht ein Wort. Kann ich mit Anmut reden,
Da eine Hand mir zur Gebärdung fehlt?
Du bist zu sehr im Vorteil, drum laß ab.

Tamora.
Wenn du mich kenntest, sprächest du mit mir.

Titus.
Ich bin nicht toll; dich kenn ich nur zu gut;
Bezeugs der arme Stumpf, die Purpurschrift,
Bezeugs dies Antlitz, tief von Gram gefurcht,
Bezeugs der müde Tag, die lange Nacht,
Bezeug es alles Weh, ich kenne dich
Als unsre stolze Kaisrin Tamora.
Nicht wahr, du kommst um meine zweite Hand?

Tamora.
Unselger, wiß, ich bin nicht Tamora,
Sie haßt dich, ich bin freundlich dir gesinnt,
Ich bin die Rach, entsandt dem Höllenreich,
Dein Herz zu heilen von des Geiers Biß,
Durch blutige Vergeltung an dem Feind. –
Komm und begrüß mich auf der Oberwelt,
Zieh mich zu Rat nun über Tod und Mord.
Denn keine Höhle gibt es, kein Versteck,
Kein ödes Dunkel, kein umnebelt Tal,
Wo Raub und Schandtat und verruchter Mord
Sich scheu verbergen, dennoch find ich sie
Und nenne meinen grausen Namen Rache,
Der die verworfnen Sünder zittern macht.

Titus.
So bist du Rache? Bist mir zugesandt,
Um allen meinen Feinden Qual zu sein?

Tamora.
Ich bins; drum komm herab, begrüße mich.

Titus.
Tu einen Dienst mir, eh ich dir vertrau –
Sieh, dir zur Seite seh ich Raub und Mord,
Nun gib Beweis, daß du die Rache bist;
Erstich sie, schleif sie an des Wagens Rädern,
Dann will ich kommen und dein Fuhrmann sein
Und rasch mit dir hinbrausen um die Welt.
Schaff dir zwei wackre Renner, schwarz wie Nacht,
Dein rächend Fuhrwerk fortzuziehn im Sturm;
Such Mörder auf in ihrer schuldgen Schlucht;
Und ist dein Karrn von ihren Häuptern voll,
Dann steig ich ab und trab am Wagenrad
Gleich einem Knecht zu Fuß den ganzen Tag,
Früh von Hyperions Aufgang dort im Ost,
Bis wo er abends spät sich taucht ins Meer.
Und Tag für Tag tu ich dies schwere Werk,
Wenn du mir Raub und Mord allhier vertilgst.

Tamora.
Sie sind mir Diener und begleiten mich.

Titus.
Die beiden dienen dir? Wie nennst du sie?

Tamora.
Sie heißen Raub und Mord, also genannt,
Weil sie heimsuchen solche Missetat.

Titus.
O Gott! wie gleichen sie der Kaisrin Söhnen!
Und du der Kaisrin! – Doch wir irdschen Menschen
Sehn mit armselgen, blöden, falschen Augen.
O süße Rache, nun komm ich zu dir,
Und wenn dir eines Arms Umfah'n genügt,
Schließ ich dich an die Brust im Augenblick.

(Titus kommt von oben herab.)

Tamora.
Ihm so sich fügen, paßt für seine Tollheit!
Was ich ersann, zu nähren diesen Wahn,
Das stärkt und unterstützt durch euer Wort.
Jetzt glaubt er fest, ich sei die Rache selbst,
Und wie er gläubig solchem Traumbild folgt,
Soll er zu Lucius senden, seinem Sohn,
Und während ich beim Schmaus ihn selber halte,
Ersinn ich einen listgen Anschlag wohl,
Die leicht betörten Goten zu zerstreun,
Wo nicht, sie mindstens feindlich ihm zu stimmen.
Sieh da, er kommt; nun spiel ich meine Rolle.

Titus tritt auf.

Titus.
Lang war ich weit, weit weg; und nur nach dir.
Willkommen, Furie, in mein Haus des Wehs!
Ihr, Raub und Mord, seid gleichfalls mir willkommen!
Wie gleicht ihr Tamora und ihren Söhnen!
Ihr wärt vollkommen, fehlt euch nicht ein Mohr;
Gabs nicht im ganzen Abgrund solchen Teufel?
Wahrlich, nie schweift die Kaiserin umher,
Daß nicht ein Mohr in ihrer Nähe sei;
Und wollt ihr recht der Kön'gin Bild uns stellen,
So wär es gut, ihr hättet solchen Teufel. –
Doch, wie ihr seid, willkommen! – Was zu tun?

Tamora.
Was solln wir für dich tun, Andronicus?

Demetrius.
Zeig mir 'nen Mörder, und ich greif ihn an.

Chiron.
Zeig mir 'nen Buben, der ein Weib entehrt,
Ich bin gesandt, um Rach an ihm zu üben.

Tamora.
Zeig tausend mir, durch die dein Recht gekränkt,
An ihnen allen will ich Rache üben.

Titus.
Durchsuch die frevelhaften Straßen Roms,
Und findst du einen Menschen, der dir gleicht,
Den töte, guter Mord, er ist ein Mörder.
Geh du mit ihm, und wenns auch dir gelingt,
'nen andern aufzufinden, der dir gleicht,
Den töte, Raub, er ist ein Weiberschänder.
Geh du mit ihnen; an des Kaisers Hof
Lebt eine Kön'gin, und mit ihr ein Mohr,
Die magst du, als dein Abbild, leicht erkennen,
Denn ganz, von Kopf zu Füßen, gleicht sie dir.
Ich bitt dich, diesen gib grausamen Tod,
Sie waren grausam meinem Stamm und mir.

Tamora.
Du hast uns wohl belehrt, wir wollens tun.
Doch nun ersuch ich dich, Andronicus,
Sende zu Lucius, deinem tapfern Sohn,
Der jetzt auf Rom mit mutgen Goten zieht;
Zu einem Schmause lad ihn in dein Haus,
Und wenn er hier ist, recht zu deinem Fest,
Bring ich die Kaisrin dir und ihre Söhne,
Den Kaiser selbst und alle, die dir feind;
Und dir zu Füßen solln sie kniend flehn,
Und deines Herzens Ingrimm treffe sie.
Was sagt Andronicus zu diesem Plan?

Titus.
Marcus, heraus! der traurige Titus ruft.

Marcus kommt.

Geh, Marcus, geh zu deinem Neffen Lucius,
Im Gotenheere sollst du ihn erfragen;
Sag, daß er zu mir kommt und mit sich bringt
Noch einige der tapfern Gotenfürsten.
Heiß ihn die Krieger lagern, wo sie stehn;
Sag ihm, den Kaiser und die Kaiserin
Erwart ich hier zum Fest, und so auch ihn.
Dies tu zuliebe mir, er tu es auch,
So wert ihm ist des alten Vaters Leben.

Marcus.
Das tu ich gleich, und kehre schnell zurück. (Ab.)

Tamora.
Nun geh ich Augenblicks an mein Geschäft
Und nehme meine Diener mit hinweg.

Titus.
Nein, nein, laß Raub und Mord doch hier bei mir,
Sonst ruf ich meinen Bruder wieder heim
Und halte mich allein an Lucius' Rache.

Tamora (zu ihren Söhnen).
Was sagt ihr, Söhne? Bleibt ihr wohl mit ihm,
Bis ich dem Kaiser, meinem Herrn, erzählt,
Wie uns der wohlerdachte Scherz gelang?
Folgt seiner Laune, sprecht ihm freundlich zu
Und weilt mit ihm, bis ich zurückgekehrt.

Titus (beiseite).
Ich kenn euch all, obschon ihr toll mich wähnt,
Und fang euch in dem selbstgestellten Garn,
Euch junge Höllenbrut samt eurer Mutter.

Demetrius (beiseite).
Geht nach Gefallen, Fürstin, laßt uns hier.

Tamora.
Titus, leb wohl; die Rache geht zu Taten,
Dir alle deine Feinde zu verraten.

Titus.
Das hoff ich, teure Rache; leb denn wohl!

(Tamora geht ab.)

Chiron.
Nun, Alter, sprich, was gibst du uns zu tun?

Titus.
O still! Ich schaff euch Arbeit übergnug,
Auf, Cajus! Publius und Valentin!

Publius und Diener kommen.

Publius.
Was wollt Ihr?

Titus.
Kennst du die zwei?

Publius.
Die Söhne, denk ich, sinds
Der Kaisrin, Chiron und Demetrius.

Titus.
Pfui, Publius, wie gröblich du dich irrst!
Der ein ist Mord, des andern Nam ist Raub.
Drum binde sie mir fest, mein Publius;
Cajus und Valentin, legt Hand an sie.
Oft hab ich diese Stunde mir gewünscht;
Nun fand ich sie: drum bindet sie recht fest,
Stopft ihnen auch den Mund, sobald sie schrein. (Ab.)

Chiron.
Schurken, laßt ab! Wir sind der Kaisrin Söhne!

Publius.
Und deshalb tun wir, was uns auferlegt. –
Stopft ihren Mund, gönnt ihnen nicht ein Wort;
Ward er auch festgebunden? Schließt sie gut.

Titus kommt zurück mit einem Messer, und Lavinia mit einem Becken.

Titus.
Lavinia, komm, die Feinde sind im Netz!
Stopft ihren Mund, kein Wort gestatt ich mehr.
Doch laßt sie hören meinen grimmen Spruch:
O Schurken, Chiron und Demetrius!
Hier ist der Quell, den ihr getrübt mit Schlamm,
Der holde Lenz, durch euern Frost erstarrt.
Ihr schlugt ihr den Gemahl, für diesen Greul
Sind ihrer Brüder zwei zum Tod verdammt.
Mir ward die Hand geraubt zu frechem Spott,
Ihr Händ und Zunge, ja was teurer ist
Als Zung und Hand – die unbefleckte Keuschheit,
Herzlose Buben! raubtet ihr mit Zwang. –
Was sprächt ihr jetzt, wenn ich euch reden ließ'? –
Ihr dürftet nicht aus Scham um Mitleid flehn.
Hört, Buben, welche Qual ich euch ersann:
Die Hand blieb, euch die Gurgel durchzuschneiden,
Indes Lavinia mit den Stümpfen hält
Dies Becken, das eur schuldig Blut empfängt.
Die Kaisrin, wißt ihr, will zum Schmaus mir kommen
Und nennt sich Rache, wähnt, ich sei verrückt. –
Nun hört mich! Eur Gebein reib ich zu Staub
Und knet es ein zu Teig mit euerm Blut;
Und aus dem Teige bild ich eine Rinde,
Drin einzubacken eure Schurkenhäupter;
Dann soll die Metze, eure hündsche Mutter,
Der Erde gleich die eigne Brut verschlingen;
Dies ist das Mahl, zu dem ich sie beschied,
Und dies der Schmaus, an dem sie schwelgen soll.
Denn mehr als Philomel' erlitt mein Kind,
Und mehr als Prokne nehm ich Rach an euch.
Jetzt reicht die Gurgeln her. – Lavinia, komm,
Fang auf den Strahl; und wenn ich sie entseelt,
Zerstampf ich ihr Gebein in feinen Staub
Und feucht es an mit dem verhaßten Blut,
Die Häupter einzubacken in den Teig.
Kommt, seid mir alle jetzt zur Hand, dies Mahl
Zu rüsten, das viel grimmer werden soll
Und blutiger als der Kentauren Schmaus.
So!

(Er durchschneidet ihre Kehlen.)

Nun tragt sie hin, ich mache selbst den Koch,
Sie anzurichten, bis die Mutter kommt. (Alle gehn ab.)

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