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Gutenberg > William Shakespeare >

Titus Andronicus

William Shakespeare: Titus Andronicus - Kapitel 14
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorWolf Graf von Baudissin
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleTitus Andronicus
pages211-213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierte Szene

Im Palast

Es treten auf der Kaiser, die Kaiserin und ihre Söhne; der Kaiser hält die von Titus abgeschossenen Pfeile in seiner Hand

Saturninus.
Wie dünkt euch solche Kränkung? Bot man je
Roms kaiserlichem Herrscher solchen Trotz,
Belästigt' und erzürnt' ihn, höhnt' ihn so,
Weil er das Recht erfüllt', den Spruch vollzog?
Ihr wißt es, Herrn, gleich den allsehnden Göttern
(Was auch die Störer unsrer Ruh dem Volk
Ins Ohr geraunt –), daß nichts entschieden ward
Wider des alten Titus frechen Stamm
Als nach Gesetz und Recht. Und ob nun auch
Der Kummer seine Sinne so zerstört,
Darf seine Rachgier, Fieberhitz und Zorn
Und seine Bitterkeit uns so bedrohn?
Nun schreibt er an die Götter um Ersatz;
Seht, hier an Jupiter, dies dem Merkur,
Dies an Apollo, dies dem Gott des Kriegs: –
Recht saubre Zettel für den römschen Markt!
Heißt das nicht Lästrung wider den Senat?
Verdammung unsres ungerechten Sinns?
Ein angenehmer Scherz, nicht wahr, ihr Herrn?
Als wollt er sagen, Rom kennt kein Gesetz!
Doch, wenn ich lebe, soll verstellter Wahnsinn
Ihm keinen Schutz für diesen Hohn verleihn;
Er soll erfahren, daß Gerechtigkeit
Noch lebt in Saturnin, die, schläft sie gleich,
Jetzt so erwachen wird, daß ihre Wut
Vernichten soll den stolzesten Verschwörer.

Tamora.
Mein gnädger Fürst, geliebter Saturnin,
Herr meines Lebens, Herrscher meines Sinns,
Sei mild, vergib dem altersschwachen Greis.
Ihn tört der Gram um seine tapfern Söhne,
Der ihm ins Mark dringt und die Brust durchbohrt.
Erleichtre lieber sein unselig Los,
Als daß du strafst den Niedern oder Höchsten
Für solche Kränkung. (Beiseite.) Also, schlau gewandt,
Muß Tamora mit jedem freundlich tun;
Doch Titus, dir verwundet ich das Herz
Und traf dein Leben; ist nur Aaron klug,
Geht alles wohl, im Hafen ankern wir.

Der Bauer kommt.

Was gibts, mein Freund, bringst du uns ein Gesuch?

Bauer. Ja freilich, wenn Euer Wohlgeboren kaiserlich sind.

Tamora.
Ich bin die Kaiserin; dort sitzt der Kaiser.

Bauer. Das ist er? Gott und Sankt Stephan geben Euch einen guten Abend; ich habe Euch einen Brief gebracht und ein paar Tauben.

(Der Kaiser liest den Brief.)

Saturninus.
Führt ihn hinweg und hängt ihn alsogleich.

Bauer. Wieviel Geld krieg ich?

Tamora.
Geh, Freund, du wirst gehängt.

Bauer. Gehängt! Meiner Seel, so nimmt mein Hals ein saubres Ende! (Ab.)

Saturninus.
Schmachvoll und unerträglich! Welcher Hohn!
Schweig ich zu solchem unerhörten Greuel?
Ich weiß, von wem der ganze Einfall stammt;
Ich trag es nicht! Als ob die Frevlerbrut,
Gefällt nach Recht für unsres Bruders Mord,
Von mir geschlachtet wäre wider Recht!
Geht, schleppt den Schurken bei den Haaren her;
Nicht Alter, Würde sei ein Vorrecht ihm.
Für diesen Spott will ich sein Schlächter sein;
Verstellt wahnwitzger Hund! Zur Krone halfst du,
In Hoffnung, über Rom und mich zu herrschen. –

Ämilius tritt auf.

Was gibts, Ämilius?

Ämilius.
Zu den Waffen, Herr! Rom hatte nie mehr Grund:
Die Goten stehen auf; mit einer Macht
Entschloßner Krieger, die nach Beut entflammt,
Ziehn sie heran in schnellem Marsch, geführt
Von Lucius, dem Sohn Andronicus',
Der droht, in seiner Rache zu erfüllen,
Soviel als jemals Coriolan vollbracht.

Saturninus.
Der tapfre Lucius führt das Gotenheer?
Die Nachricht tötet; wie die Blum im Frost,
Wie Gras gepeitscht vom Sturm, häng ich das Haupt.
Ja, nun beginnt die Sorge mir zu nahn;
Er ist es, den der Pöbel stets geliebt;
Ich selber hörte klagen unterm Volk
(Wenn ich umherging wie ein Bürgersmann),
Daß Lucius widerrechtlich sei verbannt,
Und wie sie Lucius sich zum Kaiser wünschten.

Tamora.
Was fürchtet Ihr? Ist unsre Stadt nicht fest?

Saturninus.
Ja, doch die Bürger sind dem Lucius hold
Und fallen ab von uns, ihm beizustehn.

Tamora.
Sei wie dein Name kaiserlich gesinnt!
Verfinstert denn die Sonn ein Mückenschwarm?
Der Adler duldet kleiner Vögel Sang,
Ganz unbekümmert, was ihr Zwitschern meint;
Er weiß, wie mit dem Schatten seiner Flügel
Er nach Gefallen sie zum Schweigen bringt;
So kannst auch du die Schwindelköpfe Roms.
Drum Mut gefaßt! Denn wisse, mein Gemahl,
Ich will bezaubern den Andronicus
Mit Worten, süßer und gefährlicher,
Als Wurm dem Fisch und Honigklee dem Schaf,
Da jenem mit dem Wurm der Hamen droht
Und diesem Krankheit bringt die süße Kost.

Saturninus.
Doch nimmer bittet er für uns den Sohn!

Tamora.
Wenn Tamora ihn bittet, wird ers tun;
Denn schmeicheln kann ich und sein Ohr erfüllen
Mit goldner Hoffnung, daß, wär auch sein Herz
Fast unangreifbar, taub sein altes Ohr,
Doch meine Zung ihm Herz und Ohr besiegt.
(Zu Ämilius.) Geh du voran, sei Abgesandter uns,
Sag, daß der Kaiser ein Gespräch begehrt
Vom tapfern Lucius, und als Ort bestimme
Das Haus des Titus, seines alten Vaters.

Saturninus.
Ämilius, führ die Botschaft würdig aus,
Und wünscht er Geiseln ihm zur Sicherheit,
So nenn er selbst, welch Unterpfand er heischt.

Ämilius.
Den Auftrag werd ich alsobald vollziehn. (Ab.)

Tamora.
Jetzt eil ich zu dem Greis Andronicus,
Mit allen meinen Künsten lenk ich ihn,
Daß er den Lucius abruft von dem Heer.
Nun, teurer Kaiser, sei vergnügten Muts
Und alle Furcht begrab in meiner List.

Saturninus.
So gehe denn mit Glück und wirb um ihn.

(Sie gehn ab.)

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